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Full text of "Archiv für Anthropologie, Völkerforschung und kolonialen Kulturwandel"

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ARCHIV 



FÜR 

ANTHROPOLOGIE. 



ZEITSCHRIFT 

PCB 

NATURGESCHICHTE UND URGESCHICHTE 



DBB 

MENSCHEN. 



HKRAUSGEOEBEX 

TO* 

0. E. v. Baer in St. Petersburg, E. Desor in Neuenburg, 

A. Ecker in Freiburg, W. His in Basel, L. Lindonsehmit in Mainz, 

G. Lucae in Frankfurt a. M., L. Riitimeyer in Basel, H. Schaaffhausen in Bonn, 
C. Vogt in Genf und H. Welcker in Halle. 

Unter der Redaction 

von 

A. Eoker und L. Lindensehmit. 



Zweiter Band. 



Mit in den Text eingedruckten Holzstichen und litiiographirten Tafeln. 



BRAUNSCHWEIG, 

DRUCK USO VERLAG VON FRIEDRICH VIEWEG UNO SOHN. 



1 8 6 7 . 



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215705 



Wo Heraeugalie «ln»r ret«er*et»n»g In fraorfaiecher nnd entfllMber Spreche, 
aowle In anderen modernen Sprachen Wird Vorbehalten. 







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Welche Art bildlicher Darstellung braucht der 
Naturforscher ? 



Beitrag zur Kenntnis« der verschiedenen Darstellungsweisen vom Standpunkte des 

Naturforschers und Künstlers. 

Von 

Dr. Theodor Landzert, 

Ad;. Proteftor der Anatomie an dar kaberi. mMico-chiruripacben Akademie au St. Fatanborg. 



„Wenn wir mit Hülfe »Im Maajmt«l»o* und Zirkele Abbildungen 
„von verschiedenen Nationen erhielten, so könnte men eine be- 
. „stimmte Einsicht von deren Gestaltung bekommen.' 1 

J. Scbadow, Xational-rhysiognomieu, 1835, pag. 8. 

Es unterliegt keinem Zweifel, dass die naturwissenschaftlichen Beschreibungen durch rich- 
tige, gut ausgeführte Abbildungen an Klarheit gewinnen, und es ist auch dor Werth solcher 
Abbildungen allgemein anerkannt. Von ganz besonderer Wichtigkeit sind Abbildungen unter 
anderm auch für die vergleichende Anthropologie. Die neuesten Werke Uber Ka^enschädel 
von Davis und Thnrnam, von Baer, His und Rütimeyer, Ecker u. A. sind in dieser Be- 
ziehung reich ausgestattet. 

Da aber über die Art und Weise, wie solche Abbildungen zu verfertigen sind, bis jetzt 
verschiedene Meinungen herrschen, so scheint es mir zeitgemäss und von Wichtigkeit zu sein, 
diese Frage gründlich zu erörtern. 

Es giebt zwei Mittel, Formen zur Anschauung darzustellen : das des Mathematikers und 
das des KUnstlera • 

„Wenn der Geometer ein Dreieck und der Maler einen Amor zeichnet“ — sagt 
Scbadow 1 ) — „wollen beide, dass dem Beschauer vernehmlich werde, was sie im 
Sinne hatten; beide verbinden Linien zu einem Ganzen. Der eine nach bestimmten 

’) Polyctet oder von den Mannen de* Menachen. Berlin 1834. 

Archiv fllr Anthropologie Hd. IL Heft L 1 



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2 Welche Art bildlicher Darstellung braucht der Naturforcher? 

Gesetzen, der andere mebrentheils nach Gefühl Der bescheidene Künstler gesteht 
. sich still, dass seine Darstellung dem, was er im Sinne hatte, nicht entspreche. Der 

.'--Deometer ist sicher, verstanden zu werden; er ist der Zuverlässige. Der Bildhauer, 
indem seine Darstellungsart nicht abstract ist, kann sich der Mittel des Geometers 
von allen Seiten und unbeschränkt bedienen; auch ist die Zuverlässigkeit in diesem 
Kunstfache der Grund, dass die Abweichungen und Ausartungen nie so weit gingen, 
als in der Malerei.“ 

Fragen wir nun, welcher Darstellungsweise sollen wir bei naturwissenschaftlichen Abbil- 
dungen den Vorzug geben — der des Geometers oder der malerischen Projection ? 

Es giebt nichts in der Welt, worüber sich nicht Stimmen für oder gegen ausgesprochen 
hätten, und obgleich die geometrische Zeichnung von vielen Naturforschern in Anwendung 
gebracht worden ist, so zeigt doch die neuere Literatur sehr erhebliche und laute Wider- 
sprücho gegen die allgemeine Anwendung derselben bei naturhistorischeu Gegenständen. 
Schon von früher Zeit mit besonderer Liebe mit Zeichnen (in der kaiserl Akademie der 
Künste in St Petersburg) und der Malerei beschäftigt, hatte icli als Assistent unseres be- 
rühmten Anatomen Prof. Wenzel Grnber im Verlaufe von 7 Jahren Massen von Zeichnun- 
gen verschiedener anatomischer Gegenstände selbst verfertigt, tbcils für seine anatomischen 
Schriften, theils für den Unterricht und während derselben Zeit im anatomischen Institute 
dem Zeichnen der bekannten Durchschnitte Pirogoff's von namhaften Künstlern, beige- 
wohnt. 

Anfangs gerieth ich mit meinem Lehrer oft in Stroit wegen der Ausführung der Abbil- 
dungen, weil eben unsere Anforderungen an dieselbe total auseinandergingen ; während er sie, 
in den Maassen, vollkommen dem ihn mtercssironden Gegenstände entsprechend wissen wollte, 
sträubte sich mein künstlerischer Sinn, die Regeln der Perspective und malerischer Auffas- 
sung ganz fallen zu lassen. Später, als ich die Wichtigkeit der Einwürfo und die naturwis- 
senschaftliche Bedeutung solcher Abbildungen einsehen lernte, gebrauchte ich immer Zirkel 
und Maaasstab. Die Abbildungen zu Pirogoff's Atlas der Durchschnitte des gefrorenen 
menschlichen Körpers sind alle durch eine in Quadrate getheilto Glasscheibe gezeichnet und 
entsprechen also vollkommen der Natur; sie können gemessen und mit anderen ähnlichen 
durch Uebereinauderlegen verglichen werden. 

Die Nothwendigkeit solchor naturgetreuen messbaren Abbildungen ist aber schon in frü- 
heren Zeiten erkannt worden. Albin') bat zuerst die Wichtigkeit der geometrischen Zeich- 
nung betont und sie in der Anatomie eingeführt In seinem I’rachtwerko über die Knochen 
und die Muskeln hat er sie in Anwendung gebracht, leider aber nicht in jeder Richtung ge- 
nau durchgeführt, und es sind daher die Einwürfe, die Potor Camper 3 ) gegen dessen Tafeln 
horvorhobt, in mancher Hinsicht vollkommen begründet. 

Th. v. Sömniering 3 ), Alhin’s Schüler, setzte diese Darstellungsüreise in den Tafeln zu 
seinen Siunesorgunen durch und der geniale, in jeder Richtung künstlerischer Darstellung 



*) Albini, Tcbulcc scelcti et musculnrum corporis humuni, 17-17. — *) Camperi, cpistola ud Anatomico- 
rum principem magnum Albinum, 1767. Grüningae. — 3 J Th. Semmering, Abbild, de» menschlichen Auges, 
des Gehörorgans etc. 1800— ISO«. 



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3 



Welche Art bildlicher Darstellung braucht der Naturforscher? 



durclibildeto Carus >) war cs ganz besonders, der in späterer Zeit ihre Vorzüge betonte und 
in seinen Atlanten Uber Cranioscopie zur Anwendung brachte. 

Ja selbst die Künstler hatten seit den ältesten Zeiten in ihren wissenschaftlichen Wer- 
ken stets geometrische Zeichnungen des menschlichen Körpers gebracht. Ich verweise auf 
die Proportionslehren oder Canons von Albrocht Dürer’) und Schadow“), sowie auf die 
Abbildungen antiker Bildsäulen von Clarac und Audran 4 ). Die ersten Abbildungen in 
Albrecht Dürer’s Büchern über Proportionen sind geometrisch, die auderen aber, wie Scha- 
dow richtig bemerkt, scheinen entstanden zu sein, indem aus Quadraten Bectangel gezogen 
wurden, die eine übermässige Schlankheit hervorbrachten. 

Lucae’a 4 ) Urthographen und doppeltem Fadennetz war es allein Vorbehalten, diese 
Zeichnungsart für jeden einzelnen Gegenstand der macroscopischon Anatomie, sowie für Zoo- 
logie und physiologische Fragen nutzbar zu machen. 

Ich halte es für zweckmässig, den von Prof. Lucae zum Anfertigen orthogonaler Projectionen 
von naturwissenschaftlichen Gegenständen vorgeschlagenen Apparat kurz zu beschreiben. 




Kiff- 1. 



Professor Lucac’s Zeichenapparat. 

Er besteht: 

1) aus einem Stativ, welches oben einen höher- und niederzuschiebenden Diopter und ein 
senkrecht unter ihm befestigtes Fadenkreuz hat. Durch Verschieben dieses Orthogra- 

>) Carus, Atlas der Cranioscopie. — ») Ilierin sind begriffen vier Bäcker von menschlicher Proportion 
durch Albrocht Dürer von Kürenberg orfunden und beschrieben, zu Nutz allen denen so zu dieser Kunst 
lieb tragen. MDXXVIII 1003. — a ) Polyctet oder von den Maassen des Menschen. Berlin 183-1. — *) Cla- 
rac, Musda de Sculpture antiquo ct moderne. 18-10-1853. Claude Andren (les proportiona du corps hu- 
main. 1083. Statuts anliques). — s ) Lucae, zur Morphologie der RaqenschädcL 1861. 

1 • 



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4 Welche Art bildlicher Darstellung braucht der Naturforscher? 

phen auf einer Tafel von Spiegelglas kann man durch den Diopter mit dem Auge den 
Formen des hinter oder unter dem Glase liegenden Gegenstandes folgen und jede ein- 
zelne Stelle unter dem Fadenkreuz mit (chinesischer) Tuscho auf dem Glase ab- 
punktiren. So entsteht ein Bild, in welchem alle einzelnen Stellen senkrecht gesehen 
und gezeichnet sind, und welches in allen der Glastafel parallel liegenden Ebenen zu 
messen ist; 

2) aus einem Tische von schwerem Eichenholz (genau im Winkel gearbeitet), in dessen 
Platte ein Spiegelglas (l 1 /, Meter lang und */i breit) eingefügt ist. Dieser Tisch wird 
zum Zeichnen sowohl unter als auch hinter ihm liegender Gegenstände verwendet Iin 
ersten Falle steht er auf seinen Füssen und der Gegenstand wird mit dem aufrecht 
stehenden Orthographen abgezeichnet Im andern liegt er auf seiner langen oder kur- 
zen Seite und der Orthograph wird horizontal auf dem Glase verschoben. (Der Ortho- 
graph steht senkrecht zur Glastafel, wenn derselbe um seine Axe gedreht stets den- 
selben Funkt der Zeichnung unter seinem Fadenkreuze zeigt.) 

Dass man beim Zeichnen eines dunklen Gegenstandes auf das Fadenkreuz etwas 
Kreide schabt oder die vom Lichte abgewendete Seite mit einem weissen oder glän- 
zenden Gegenstände beleuchtet, ist wohl überflüssig zu erwähnen. 

Eine solche Zeichnung ist nun vollkommen in natürlicher Grosse und wird folgen- 
dermaasson verkleinert: 

Die vom Glase abgepauste Zeichnung wird unter den Glastisch gelegt und durch 
den ziemlich in der Mitte auf da« Glas gestellten Diopter (ohne Fadenkreuz) die Con- 
turen dieser Zeichnung auf dem Glase mit Tusche nachgefahren. Der Diopter bleibt 
hierbei natürlich fest stehen. Von der Entfernung des Glases vom Diopter und des 
Glases von der Zeichnung hängt der Grad der Verkleinerung ab. 

Ich finde dieses Verfahren sicherer und weniger zeitraubend, als die übliche Ver- 
kleinerung durch Quadrate, und weniger umständlich und ebenso genau, als durch den 
Storchschnabel. Will man die auf dem Glase stehende Zeichnung vergrössern, so fährt 
man derselben, durch den Diopter sehend, auf einem Papier unter dem Glase nach. 

3) Ein genau im Loth angefertigter Rahmen aus Eichenholz, mit zwei schmalen, Btarken, 
verschiebbaren Leistchen, auf welchen der Gegenstand ruht. An den Seiten des Rah- 
mens sind Ohrschrauben angebracht, und der Schädel, in dessen Scheitel auch eine 
Ohrschraube eingeschraubt wird, mittelst feiner und starker Kordel auf dem Rahmen 
befestigt. Beim Gebrauch des Rahmens wird der Gegenstand mit dem Rahmen in jede 
beliebige Lage gebracht und der Tisch bleibt unbeweglich. 

Es giebt auch viele Naturforscher, die sich dor geometrischen Zeichnenmethode bedienen, 
ohne sie consequent durchzuführen (ja sogar ohno es zu wissen), und unter der Zahl dieser 
finden sich sogar solche, die entschiedene Nachtheile gegen den physiognomischen Werth 
und die genaue Messbarkeit geometrischer Bilder anführen. 

Es wird der geometrischen Zeichnung der Vorwurf gemacht, dass sie keine deutliche An- 
schauung vom Gegenstände gebe und ein unrichtig erscheinendes Bild liefere, indem unser 
gewöhnliches Sehen mehr dem perspectivischen als dem geometrischen Bilde entspreche. Fer- 
ner wird bemerkt, dass wir nur perspectivische und keine geometrische Bilder von den Ge- 



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Welche Art bildlicher Darstellung braucht der Naturforscher? 5 

genständen in unserer Vorstellung festhalten; dass z. B. das Bild des Innern eines Saales 
einer Kirche nicht in Form eines viereckigen Rahmens etc., sondern mit schrägen, coulissen- 
' artig zusammenlaufenden Wänden in unserer Vorstellung stehe '). 

Inwiefern diese Einwiirfe stichhaltig sind, will ich weiter unten erörtern, jetzt aber die 
Abbildungen prüfen, die von Naturforschern stammen, welche die geometrische Zeichnung ver- 
werfen. 

v. Nathusius’) sagt bei der Erklärung seiner Abbildungen von Schweineschädeln: „die 
Schädelbilder sind sämmtlich perspectivisch gezeichnet; wenn auch bei den meisten Di- 
mensionen der Conturen und besonders wichtiger Punkte der Zeichner durch Uebertra- 
gung der Messung unterstützt ist“ etc., und ferner: „ich halte dafür, dass allein auf solche 
Art genommene Portraits eine deutliche Anschauung von dem Gegenstände geben; eine solche 
wird durch die geometrische Aufnahme nicht erreicht, für exacte Messungen sind diese letz- 
teren doch nicht brauchbar und können directe Messungen niemals ersetzen.“ 

Trotz dieser Ansicht lesen wir aber in seinen „Vorstudien zur Geschichte und Zucht der 
Hausthiere“ pag. 24 und 25, dass er orthogonale Projectionen der Schädel auf ein Reissbrett 
macht und nach diesen misst. Ob man an einer mittelst eines Perpendikels und Lothes oder 
durch das Fadenkreuz gemachten geometrischen Zeichnung misst, bleibt sich doch wohl 
gleich. Vielleicht ist letzteres sogar sicherer, jedenfalls aber bequemer und einfacher. 

Prüfen wir die Abbildungen von Schädeln in Davis’ und Thurnam’s Werke genauer 
und legen wir die im Texte angegebenen Maasse an, so werden wir uns überzeugen, dass sie 
auch durch Uebertragung der Maasse entstanden sind, obgleich Davis’) folgenden Ausspruch 
Uber die geometrische Zeichnung macht: „true to measure, and without regard to tho opti- 
cal effects of visual perception“. Wenigstens gesteht er durch das „true to measure" die 
Messbarkeit solcher Abbildungen ein. 

Ebenso sind die Abbildungen des Australnegerschädels vom Stamme Warnambool weder 
perspectivisch wie Keferstein behauptet, noch geometrisch, obgleich sie theilweiso durch 
Uebertragung entstanden sind. Es entsprechen z. B. die Breite des Schädels, dio Länge des- 
selben, der Abstand von der Nasenwurzel zum Nasenstachel und zum Alveolarrande voll- 
kommen den im Texte angegebenen Maassen, während die anderen Maasso nicht auf die 
Zeichnungen passen. 

Solche Abbildungen sind weder perspectivisch, noch stereoskopisch, weder geometrisch 
noch malerisch — sie sind unzuverlässig, und wir haben um so weniger Recht die durch 
Uebertragung der meisten Dimensionen der Conturen und besonders wichtiger Punkto ge- 
wonnenen Abbildungen perspectivisch zu nennen, als die Verschiedenheiten in der geometri- 
schen und perspectivischen Zeichnung ganz besonders an der Peripherie auftreten. 

Und endlich, was sind denn die von Welcker vorgeschlagenen Schädelnetze anderes, 



') Welcker, Cntniolog. Mittheilungen im Archiv für Anthropologie. 1. Heft. 1866. I . Vogt, Vorlesun- 
gen über den Menschen. Keferstein, Bemerkungen über das Skelett eines Ausiralnegers vom Stamme War- 
nambool. Dresden 1865. — a ) II. v. Kathnsins, Abbildungen von SchweineBfhädeln m den Vorstudien für 
Geschichte und Zucht der Hausthiere. 1864. pag. 22. — ’) J. B. Davis, ün synostotic ernnia among aborig. 
Baues of man, pag. 7. 



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Welche Art bildlicher Darstellung braucht der Naturforscher? 

als weniger dctaillirte geometrische Zeichnungen, entstanden durch Projection am Schädel ab- 
gemessener und mit einander verbundener Punkte? 

Will man die geometrische Zeichnung beurtheilen , so ist wohl festzuhalton, dass diese 
Zcichnungsmethode nur für solche naturhistorische Gegenstände, die weder so gross, »lass sie 
unmöglich überblickt, noch so klein, dass sie nicht mit blossen Augen wahrgenommen wer- 
den können, in Anwendung gebracht werden kann. 

Die geometrische Zeichnung eines Thurmes, eines Gebäudes, wird für den Laien weniger 
verständlich sein, als ein photographisches oder nach dem Augenmaass gezeichnetes Bild; 
denn dadurch, dass wir Thiirme und hohe Gebäude nur von unten anzusehen gewohnt sind, 
hat sieh bei uns das Bild einer Verkürzung der oberen Theile so sehr eingeprägt und befe- 
stigt, dass ein geometrisebes Bild dieses Gegenstandes, d. h. ein Bild, welches in allen Einzel- 
heiten die Grössen und Baumverhältnisse unter sich und im wirklichen Verhältniss zum Gan- 
zen nngiebt, einen fremdartigen Eindruck macht. Es wird daher der Künstler, welcher uns 
eine Anschauung von diesen Gegenständen geben will, das perspectivische und nicht das geo- 
metrische Biid wählen; dem Fachmairae aber wird letzteres nur brauchbar sein, denn dieser 
kann, wenn er will, aus diesem ein perspectivisches, nicht aber aus dem perspectivischen ein 
geometrisches Bild construiren. 

Anders verhält es sich mit den naturhistorischen Gegenständen; diese, meist nur von 
massiger Grösse, sind in jeder Richtung und Lage zu übersehen. Sei es, dass wir, wenn der 
Gegenstand kleiner, denselben vor unseren Augen in jede beliebige Lago und Richtung brin- 
gen und wieder und wieder betrachten können, sei es, dass wir um ihn herumgehen und 
endlich die vom Auge empfangenen Eindrücke durch Betasten controlliren, wir werden durch 
die von den verschiedensten Seiten aufgenommenen Bilder nicht blos einen Begriff, sondern 
ein lebendiges, körperliches Bild dieses Gegenstandes in unserer Vorstellung aufgenommen 
haben. 

Wollen wir dieses Bild aber als Naturforscher für Naturforscher wiedergeben, in welcher 
Weise werden wir dieses am besten vollbringen ? 

Eine Kugel (Fig 2 -1), welche 50““* im Durchmesser hat und 50““ vom Auge entfernt 
ist, lässt nur einen Kreisabschnitt (ah) von 47““ sehen. Wird sie auf eine Glasplatte (</), 
welche 10““ von ihrer Oberfläche entfernt ist, gezeichnet, so hat diese Zeichnung 26 'Z,"". 
Entfernt man diese Kugel um 50"“, so sieht man von ihrer Oberfläche (cd) 49“" im Durch- 
messer, das Bild afier auf jener Glasplatte zeigt nur 16"“. Betrachten wir nun aber (Fig. 3) 
einen Körper, der auf seinem Durchschnitt zwölf regelmässige Flächen (jede 19“" gross) 
zeigt, dessen Durchmesser 72"“ gross ist und welcher 100““ vom Auge entfernt ist, so se- 
hen wir von diesem nur die fünf oberen Flächen. Werden diese durch einen feststehenden 
Diopter auf eine unmittelbar über den Körper gelegte horizontale Glasplatte (</) gezeichnet, 
so wird nur die mittelste Fläche etwa 19“", dio nächsten 14“" und die anderen nur 4“" 
gross werden. Hat nun dieso Vorkürzuug auch ihren Grund in der stots schräger werdenden 
Stellung der Flächen zur Ebene der Glastafel, so wird diese doch besonders uoch gesteigert 
durch die stets schräger auf das Glas fallenden Lichtstrahlen; denn würden dieselben senk- 
recht einfallen (geometrische Ansicht), so würden wir statt der Zahlen 19, 14, 4 als die 
Grösse der Flächen 19, 16, 9 erhalten haben. 



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Welche Art bildlicher Darstellung braucht der Naturforscher? 7 

Aus Vorstehendem ergeben sich also für das Bild mit einem feststehenden Augenpunkte 
(das perspectivische Bild) die bekannten Siitze: 

1) je näher der Gegenstand dem Auge, um so grösser, und je ferner, um so kleiner er- 
scheint er; 

2) je näher der Gegenstand, um so weniger sieht man von seiner Oberfläche, je ferner er 
aber ist, um so mehr sieht man von ihm ; 

3) die Verkürzung seiner Flächen steigert sich schrittweise von seiner Hjtte nach seiner 
Peripherie; mit der Entfernung nimmt diese Verkürzung mehr und mehr ab. 

Stereoskopisch zeigt sich jene Kugel auf die Glastafel gezeichnet anders (Fig. 2 ]!). Die 
beiden auseinandergerückten Diopteren umtasten gleichsam den Gegenstand von zwei Seiten 
aus und zeigen zwei (ab, cd) in einem Winkel zu einander stehende Flächen. Hierdurch 
wird nicht allein die ganze sichtbare Kugeloberflüche, sondern auch jede einzelne Stelle der- 
selben zwei Mal, und zwar in verschiedenen Winkeln gesehen, und hierdurch bekommt das 
Bild mehr Bestimmtheit und wird körperlich. 

Jene Kugei in derselben Entfernung vom Glase und vom Auge (nämlich 10 m " und -IO” 1 “) 
durch zwei Dioptere (30"“ von einander entfeint) betrachtet, zeigt eine grössere Fläche (cb) 
als vorher (Fig. 2 A\ Jene hatte 47"“, hier haben wir 49' ',““. Auf der Glastafel erscheinen 
zwei ineinaudergeschobcne Kreise, deren jeder 2G”“ Durchmesser hat. Wird jene Kugel um 
50““ weiter vom Auge entfernt, so ist dio sichtbare Fläche des Kreises 49 3 ;) ““ gross, auf 
der Tafel erscheinen aber zwei getrennte Kreise, von denen jeder 15 Durchmesser hat. 
Betrachten wir aber (Fig. 4) den vorigen zwölfeckigen Durchschnitt in einer Entfernung 
von 100”“ vom Auge, dio Diopteren GO”“ auseinander, so sehen wir gleichfalls nur fünf 
Flächen, und zwar geben die einzelnen 1 grossen Flächen auf einem Glase, welches unmit- 
telbar über dem Körper liegt, mit dem Unken Auge gesehen von links nach rechts fort- 
schreitend 

7>,V m , IG 1 /,“«, 18““, 9i/, M 0, 
und mit dem rechten Auge gesehen: 

0, 9*/»> 18, IG'/j, 7>/ a , 

während die senkrecht auf das Glas fallenden Strahlen (geometrisches Bild) 9™, IG““, 19““, 
IG““, 9”“, also viel grössere Verhältnisse geben. 

Hieraus ergeben sich folgende Sätze : 

1) auf der Glastafel erscheinen zwei verschiedene Bilder, von denen jedes sich ganz wie 
das perspectivische Bild verhält. Es wird grösser oder kleiner je nach der Entfernung 
und erscheint an seiner Peripherie verkürzt. 

2) Durch die Stellung beider Diopter in einiger Entfernung von einander wird aber von 
dom einen dio eine Seite vollkommener, die andere verkürzter gesehen; durch den an- 
dern geschieht dasselbe- von der andern Seite. Indem nun aber jodo einzelne Hälfte 
der Sehfläche vollkommener gesehen wird, zeigt sich das ganze Bild vollkommener und 
daher auch weniger verkürzt. Deshalb wird der Gegenstand in seinem Ganzon und 
in seinen einzelnen Theilen breiter und orsebeint au der Peripherie weniger verkürzt. 



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Welche Art bildlicher Darstellung braucht der Naturforscher? 



3} Da aber die beiden Bilder die Eigenschaft ganz wie die perspektivischen iiaben , also 
mit der Entfernung kleiner oder grösser werden und mehr oder weniger über die 

Korperrtaohe sich ausbreiten, so unterliegt 
auch das zusammengesetzte Bild diesen Ge- 
setzen. 

Bei dem geometrischen Bilde (Fig. 5) sieht 
mau gerade die Hälfte der Kugel, und da 
alle Strahlen hier senkrecht von dem Körper auf 
das Glas fallen , so entstehen durch die Strahlen 
selbst keine Verkürzungen und es ist jeder ein- 
zelne Punkt der Ebene, von der aus der Körper 
gesehen wird, gerade gegenüber. Aus diesem Grunde 
sind demnach allo einzelnen Theile des Gegenstan- 
des in dem richtigen räumlichen Verbältniss und 
man kann die Entfernung der jener Ebene pa- 
rallel liegenden Punkte an dem Bilde messen. 
Ausserdem hat es auch noch den Vorzug, dass 
das Bild durch die Entfernung des Gegenstandes 
vom Auge weder vergrössert noch verkleinert 
wird. Besonders wichtig aber ist, dass aus zwei 
solchen Bildern (dem Grund- und Aufriss) die an- 
deren Ansichten sich construiren lassen, und dass 
nach diesen der Körper in allen seinen Verhältnis- 
sen richtig wieder zu modelliren ist. 

Der als Mathematiker hinreichend bekannte 
Professor Dr. G. Zehfusz äussert sich in einer 
schriftlichen Mittheilung folgendermaassen: 

„Man kann der perspectivischen Zeichnung 
den Vorwurf machen, dass es bei ihr unmöglich 
ist, zuverlässige Aufschlüsse über wirkliche rela- 
tive Lage und wahre Dimensionen einzelner 
Theile des dargestellten Körpers zu erlangen. 
Allerdings würde eine Combination zweier per- 
spektivischer Abbildungen mit genauer Angabe 
des Augenpunktes und seiner Entfernung von 
der Bildtafel diesen Mangel beseitigen, allein 
selbst dann noch wären die geometrischen Con- 
structionen, welche z. B. den wahren Abstand zweier Punkte lieferten, gewiss nicht 
einfach. Beim geometrischen Bilde genügt ein Grundriss AB und Aufriss ab (Fig- 6) 
einer Linie, um ihre wahre Länge zu finden. Man dreht ab in die horizontale Lage ac, 
zieht durch c eine verticale, durch B eine horizontale Gerade, welche sich in ß schneiden. 
Aß ist dann die wahre Länge der Linie. 




Geometrisch. 



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Welche Art bildlicher Darstellung braucht der Naturforscher? 

Ein anderer Vorzug der geometrischen Zeichnung ergiebt sich aus der Wiedergabe der 
richtigen Verhältnisse in den Abständen solcher Punkto, welche auf einer geraden Linie lie- 

Fig. 6. Fig. 7. 





gen. Wenn an einem Gegenstände z. B. drei Punkte A, B, C, (Fig. 7) in gerader Linie 
liegen, und zwar so, dass etwa die Linie AB zwei Fünftel von BC wäre, so würde in der 
Zeichnung abc auch ab zwei Fünftel von bc sein- Dieser Umstand tritt bei der perspecti- 
vischen Zeichnung nie ein, ausser wenn die gerade Linie ABC zur Bildtafel parallel läuft 
in allen übrigen Fällen treten Verzerrungen ein, d. h. Veränderungen der wahren Zablen- 
verhältnisse. Allerdings giebt es gewisse Verhältnisse, die selbst bei der perspectivischen 
Projection unverändert bleiben, nämlich die sog. Doppel Verhältnisse von vier Punkten 

A,B,C,D auf einer Geraden: : jryy- Für die Anwendung muss jedoch, um das Theil- 



verhältniss yttt aus dem Verhältnis» — zu erschliessen , das Theilverhältniss für 

i)(/ bc Oi/ 



einen vierten Punkt D a priori bekannt sein und — ^ abgemessen werden. Endlich findet 

man das Theilverbältniss yyjj aus der Proportion jyy ■ ~ : Wegen der 

vielen Fehler, die sich beim Abmeasen von 6 Linien einschleichcn können, wird jedoch die 
Rechnung kein sonderlich genaues Resultat ergeben.“ 



Bei Beantwortung der Frage, welcher Darstellungsweiso wir bei Abbildungen naturwis- 
senschaftlicher Gegenstände den Vorzug geben sollen, dürften wir wohl von dem rein per- 
spectivischen Bilde ganz nbsehen, da dieses den Gegenstand weder wie er ist, noch wie er 
erscheint correct darstellt. 

Eher dürften wir uns dem rein stereoskopischen Bilde zuwenden, wenn dieses in Wirk- 
lichkeit ohne viele Umstände und Kosten darzustellen wäre. Allein auch hiermit ist nicht 
viel gewonnen, denn wenn es uns auch durch Construction die wirkliche oder die relative 
Lage der einzelnen Theilo aufzufinden in Stand setzt, so zeigt es doch immer den Gegenstand 
nur von einer Entfernung aus und giebt der perspectivischen Verkürzung (namentlich wenn 
sie des Details halber aus grösserer Nähe aufgenommen ist) zu viel Spielraum. 

Als Ersatz für dieselbe wäre vielleicht die Projeotion der Maler zu betrachten. Abge- 

Archiv für Anthropologie. Hd II. Heft I. 2 



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10 Welche Art bildlicher Darstellung braucht der Naturforscher? 

sehen aber davon, dass die Anfertigung dieser Bilder Uebung im Zeichnen voraussetzt, gestat- 
tet sie der subjectiven Auffassung nur allzuviel Spielraum. 

Bei dem einen Mensehen stehen die Pupillen weiter auseinander, als bei dem anderen 
(bei manchen sind sie 72"“, bei anderen wieder 54"" von einander entfernt). Der erstere 
wird von derselben Stelle aus etwas mehr von dem Körper umfassen, der andere etwas we- 
niger, der eine ist kurzsichtig, der andere weitsichtig, der eine versteht den Gegenstand bes- 
ser, der andero, wie es so oft bei Künstlern , die für uns arbeiten, der Fall ist, wenig oder 
gar nicht. Es werden hier immer und immer verschiedene Auffassungen statttinden, von de- 
nen der Autoren, die dieses oder jenes ihrer Theorie entsprechend zu sehen wünschen 
oder zu sehen glauben, gar nicht zu reden. 

Sind denn über die Projectionen der Maler stereoskopisch? 

Betrachten wir die grossen Bilder der berühmten alten Meister, die lebensgrossen Figuren 
eines Raphael, eines Michel Angelo, so werden wir finden , dass diese Körper nicht ohne 
wandelnden Augenpunkt dargestellt, also keineswegs stereoskopisch und noch weniger per- 
spectivisch sind. Wir sehen von aussen horizontal auf dio Stirn, horizontal auf die Hand und 
ebenso auf das Knie etc. 

Ein trefflicher Portraitmaler sagte mir: „da mein Atelier klein ist, so zeichne ich bei 
KniestUcken oder ganzen Körpern so, dass ich mich bei den niedrigoren Partien, z. B. der 
Hand, bücke und bei den Beinen sogar kuiee“. Thäte er dieses nicht, so würde er die obe- 
ren Körpertheile von vom ansehen, die unteren jedoch immor mehr in einer Aufsicht dar- 
stellen. Er würde, wenn er eine sitzende Person darstellte, zwischen die Sessellehne und den 
Körper hinabblicken. Wir sehen daher den Maler sein stereoskopisches Wahmehmen wegen 
der grossen per« pectivi sehen Verkürzungen durch Verändern seiner Augenstellung dem geo- 
metrischen Bilde zuführen. 

In ähnlicher Weise verfährt der Historienmaler. Auch er denkt sich seine Figuren in 
einiger Entfernung gesehen. Er giebt dieselben in den richtigen Grössenverhältnissen der 
einzelnen Theile, und um in diesen Verhältnissen nicht zu fehlen, hat er BOgar Maasse von 
einer Reihe menschlicher Körper oder Antiken genommen und legt diese in zweifelhaften Fäl- 
len an. So muss bei den hier vorgeführten Gestalten die Hand in richtigem Verhältnlss zum 
Fuss, der Rumpf zum Kopf u. s. w. stehen. 

„Das Genie ersetzt freilich die Schulregeln und das Auge eines Raphael ist gleich 
einem mathematischen Instrumente. In seinen Malereien haben die Gestalten Ueberein- 
stimmung von dem Scheitel bis zu den Zehen; die Füsse und Hände sind nie zu klein. 
Diese Mannigfaltigkeit in den Verhältnissen findet sich schon weniger bei dessen Schüler 
Julio Romano“, sagt Schadow '). 

Nehmen wir an, es läge ein Mensch mit dem Kopfe zu dem Beschauer gekehrt und dem 
entgegengesetzten Körperende abgewendet, im Vordergründe eines Bildes, so kommen hier 



*) Pnlyctet. Schon dio altoiiteo Maler (Parrhasins. Zenxi«, Euphranor, Lyssipns) erlaubten «ich 
wesentliche Abweichungen von dem Canon Polyctet’«, indem sie namentlich die Köpfe und Gelenke grösser 
hielten, glaubend , dass dieses zur Grossheit beitrage. I.yssipus machte die Köpfe kleiner, die Körper 
schmächtiger und trockener, in der Meinung, dass „von früheren Künstlern die Menschen dargestellt wurden, 
wie sie waren, von ihm aber, wie sie erschienen“. 



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Welche Art bildlicher Darstellung braucht der Naturforscher? 11 

allerdings schon grössere Entfernungen in Betracht. Hier würde es gewiss verfehlt sein, den 
entfernter liegenden Körpertheil in natürlichen Maassverhältnissen wiederzugeben , sondern 
hier wird der Künstler der Perspective Rechnung tragen müssen. Ebenso würde er aber in 
einen Fehler gerathen, wollte er diese Körperstellung in der Art vorführen, wie sie uns die 
Photographie giebt, denn alsdann würde der uns zugekehrte Theil viel zu gross gegen den 
entfernteren Körper werden. 

Tragen wir denn wirklich perspectivische Bilder von den uns genau bekannten Ge- 
genständen in unserer Vorstellung? 

Lassen wir einmal Einen, der nicht zeichnen gelernt hat, sein Zimmer abzeichnen. Er 
wird dieses sowohl im Grund- als Aufriss ganz befriedigend fertig bringen. In dieser Zeich- 
nung werden die Grössenverhältnisse der Wände zu einander, die Möbels, die Fenster- 
nischen eto. im Grundriss gewiss ganz richtig werden '). Ebenso werden bei dem Aufriss die 
Grössenverhältnisse der Fenster, Thiiren etc. unter einander, sowie zur Wand selbst in ganz 
richtigem Verhältnisse sein. Ich denke mir, dass der, welcher sein Zimmer zeichnet, dasselbe 
nicht mit schiefen Wänden darstellt, denn die Erfahrung hat ihn gelehrt, dass diese Wände 
senkrecht sind. Der Künstler, der ein Zimmer zu zeichnen hat, wird dieses in einiger Entfer- 
nung gesehen auffassen, um den allzugrossen Verkürzungen zu entgehen. 

Der tüchtige Künstler ist durch langjähriges Zeichnen des menschlichen oder thie- 
rischen Körpers in Stand gesetzt, solche Körper in jeder Lage, Stellung und Bewe- 
gung aus dem Kopf, und zwar in richtigen Verhältnissen, ohne Modell zu entwerfen. 
Kann er dieses in Folge eines sehr guten Gedächtnisses, in welchem er schon gesehene 
Stellungen aufbewahrt hat, oder vollbringt er es, indem er den Körper im Grund- und Auf- 
riss nach Lage und Grössonverhaltniss der einzelnen Theile durch und durch kennt und anch 
Stellungen und Ansichten, die er nie gesehen, darstellt? Ich will die Antwort auf diese Fra- 
gen von einem Maler geben lassen. Schadow sagt: „Aus den Schriften der Alten erhellet, 
wie sie die Kunst des Messens für alle bildenden Künstler gleich nötbig erachteten, und 
wenn dargethan wird, dass eine bestimmte Kenntniss von den Grössen des menschlichen Kör- 
pers mit Hülfe des Zirkels zu erlangen ist, so wird diese Kenntuiss dem Maler sowohl wie 
dem Bildhauer nützlich und noth wendig sein; indem das zuverlässige und bestimmte Wissen 
nur Freiheit, mit Sicherheit verbunden, geben kann; die alleinige productive Einbildungskraft 
zwar die guten Anlagen des Künstlers darthut, aber, mit Ungewissheit kämpfend, nur zuwei- 
len was Beachtenswerthes hervorbringt.“ 

Nachdem aus Vorstehendem erhellt, dass die Projoction der Maler dem Einfluss der sub- 
jectiven Auffassung unterliegt, im Allgemeinen aber die stereoskopische Aufnahme zur geo- 
metrischen binübcrleitet, ohne jedoch die präcise Schärfe und Sicherheit jener darzubieten, ich 
ferner anschaulich gemacht zu haben glaube, dass wir geometrisoh oder körperlich die uns 
beschäftigenden naturhistorischen Gegenstände in unserer Vorstellung herumtragen, 
so kann ich nur der geometrischen Darstellungsweiso für naturwissenschaftliche Abbildungen 
und für eine exacte Naturwissenschaft das Wort reden. Ich glaube dieses aber um so mehr zu 

*) Ein jeder Ton nns hat die Erfahrung gemacht, dafla man aich im Dunkeln in seinem Zimmer oder auf 
aeiuem Schreibtisch zurechtfindet, ohne zu irren nach der Zündhölzchen - Dose etc. greift, während wir in 
einem uns weniger bekannten Raume im Dunkeln wider die Stühle und Wände atoasen. 

2 * 



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12 Welche Art bildlicher Darstellung braucht der Naturforscher? 

können, als solche den Gegenstand erschöpfende Auf- und Grundrisse auch für andere Fra- 
gen, als rein craniologischc, oft eine Antwort ertheilen, von jedem ohne Uebung im Zeichnen 
vollkommen dargestellt werden können und endlich unserer Auffassung von einem Gegen- 
stände, wenn sie gut ausgeführt, vollkommen entsprechen. 

Als Beweis der Unzuverlässigkeit der auf anderem Wege gewonnenen Abbildungen erlaube 
ich mir, die bekannten Abbildungen des Neanderthalschädels aus Schaaffhausen's Ab- 
handlung: „Zur Kenntniss der ältesten Rai;enschädel“, Huxley: „Stellung des Menschen in 
der Natur, übersetzt von Carus, 1863", und Ch. Lyell’s „Antiquity of man 1663“ vorzu- 
führen und sie mit der geometrischen Zeichnung ') zu vergleichen. 

In Prof. Schaaffhausen's Abbildungen*), welche nach Photographien ausgefuhrt sind, 
entspricht die Länge des Schädels im Profil durchaus nicht der Länge desselben Schädels 
im Grundriss. 

Derselbe Vorwurf trifft Huxley’s Abbildungen, die nach Camera lucida- Zeichnungen 
von Mr. Busk in halber natürlicher“) Grösse angefertigt sind. 

In Lyell’s Abbildung, welche die unvollkommenste ist und deren Entstehungsweise nicht 
angegeben, sieht man nebenbei noch die Absicht, den Neanderthalschädel durch schräge Stel- 
lung und unmässige Verlängerung des Augenhöhlenthcils dem Atfenschädel noch ähnlicher zu 
machen. 

Vergleichen wir diese Abbildungen eines und desselben Schädels mit einander, so fallen 
uns die Verschiedenheiten in der Wölbung der Stirn und die verschiedene Sichtung der 
Lambdanath, auf die von Huxley so grosser Werth gelegt worden, auf. Am meisten 
entspricht der geometrischen die von Huxley gegebene Abbildung. — Ebenso wenig ent- 
sprechen einander die Abbildungen des Engisschädels. 

Als einen Beweis, welchen Werth wir auf die sich widersprechenden Deutungen der 
Autoren in Betreff des Engisschädels legen dürfen, füge ich noch die geometrische Zeichnung 
des Engis- und des berühmten Akropolisschädels von Blunienbach, übereinander gelegt, 
hier bei Fig. 11 und 12. Würde man den Engisschädel je mit dem Neanderthaler in Verbin- 
dung gebracht haben, wenn man solchen Auf- und Grundrissen von Anfang au mehr Werth 
beigelegt hätte? 



*) Die geometrische Zeichnung ist nach einem Gypaabguea den Professor Lucue der Güte des Herrn Prof. 
Schaaffhausen verdankt, von mir verfertigt. — *) Vergleiche Müller’s Archiv 1856, S. 453, Kig. 2 und 3. 
— “) Bei perspectivischen Zeichnungen (also auch bei Camera lucida) ist dio Vergrösserungssahl oder derVer- 
kleinerungsmoassstah kein völlig bestimmter Begriff, indem in verschiedenen Partien des abzubihleuden Gegen- 
standes die Vergrösserungsverhaltnisse verschieden ausfnilcu. 



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Welche Art bildlicher Darstellung braucht der Naturforscher? 

Für- 8. 



13 




Neanderthalsehädel nach S chaaffhuuaen (Photographisch). 
Fig/9. 




Derselbe nach Ch. Lyell, pag. 82. 
Fig. 10. 




Bchwarz: llnxley (Camera lacida Basic). 
Derselbe ro ti, ; geometrische Zeiobnung (Landzort. 



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Engis- irothl and Akropotisschädel (schwarz} geometrische Zeichnung (Landzert), 

Was endlich den Verlust des Physiognomischen, des Charakteristischen eines Kopfes in 
der geometrischen Zeichnung anbelangt, so glaube ich, nach dem was ich erfahren, behaupten 
zu können, dass es keineswegs der Fall ist, denn auf der Senkenberger sehen Anatomie in Frank- 
furt befindet sieh ein geometrisch gezeichnetes Portrait, welches anerkannte Künstler für 
vollständig gelungen erklärten '). Ich darf wohl noch hinzufdgen, dass in Schadow’s Werke 
über nationale Physiognomien sich z. B. auf Plate I. Portraits von zwei „nach dem Leben mit 
Hülfe des Zirkels“ gezeichneten Chinesen, Haho und Assing befinden. 

Zum Schluss führe ich das Urtheil Schadow’s über Blumonbach’s Decas craniorum 
an’): „Als ich im Jahre 1827 des berühmten Blumenbach reiche Sammlung von Schädeln 
sah, war ich besorgt, wegen der Entfernung solche nicht benutzen zu können ; denn soino De- 
cas craniorum war deshalb wenig brauchbar für meinen Zweck, weil diese Abbildungen ma- 
lerisch, in dreiviertel Ansicht gegeben und wie gewöhnlich unzuverlässig sind.“ 

Nach allem diesem darf ich mich wohl mit vollkommenem Rechte dem Ausspruche 
Lucae's: „wir verlangen die geometrische Zeichnung für naturhistorische Ge- 
genstände“, anschliessen. 

’) I)m Portrait wurde wahrend meiner Anwesenheit in Frankfurt u. M. auzgefubrt, und atz ich dazselbe 
dem rühmlichzt bekannten Maler Jacob Becker zeigte, um seine Meinung über dasselbe zu hören, sagte er 
mir: „Verflucht ähnlich, aber die Auffassung ist so garstig, dass, wenn es mein Schüler gemacht hatte, ich ihn 
durchgeprügelt haben würde“. — r ) !. e. pag. 6. 



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Welche Art bildlicher Darstellung braucht der Naturforscher? 



15 



N ac hschrift. 

Mit Freude benutze ich die Gelegenheit hier noch einen Brief beizufügen, den ich kürz- 
lich von meinem Freunde Prof. Lucae erhalten: 

Mein lieber Landzert! 

Herr Hofrath Ecker überschickte mir beifolgende Abzüge Ihres Aufsatzes „Welche Art 
bildlicher Darstellung braucht der Naturforscher“. Dass ich einstweilen die Revision übernahm 
und mit Aufmerksamkeit behandelte, werden Sie mir nicht übel nehmen. 

Ich linde es sehr gerechtfertigt dass Sie die Grundverhältnisse des pcrspectivischcn, 
stereoskopischen und geometrischen Bildes entwickeln, denn dass hierüber noch hei vielen 
tüchtigen Männern unseres Faches eine Belehrung noththut, zeigen die Einwürfe gegen die 
geometrische Zcichnungsmethode. • — Ganz besonders aber verdienstlich scheint es mir, dass 
Sie die Stellung des malerischen Bildes zu den anderen ausführlicher hervorheben, da gerade 
hierüber bei den meisten unserer Fachgenossen falsche oder vielleicht gar keine Ansichten 
bestehen, trotzdem sie so gerne an die Künstler als Gewährsmänner appelliren. 

Sie haben zu beweisen versucht, dass wir das Bild eines Würfels nicht in perspekti- 
vischer Verkürzung in unserer Vorstellung haben, und könnten beifügen, dass ein Blind- 
geborener eine bessere, der Wirklichkeit entsprechende Vorstellung von der Körperlichkeit 
der ihn umgebenden greifbaren Gegenständen hat, als ein Caspar Hauser der ohne Arme 
und Beine geboren, seine Lebenstage in einem Gefängnisse mit einer Aussicht in eine weite 
unbewohnte Gegend ganz allein zubringt. l>enn gleichwie trotz der zwei verkehrten Bilder 
auf unserer Retina wir doch und einen aufrechtstehenden Gegenstand vor uns sehen, und wie 
trotzdem die Sonne vom Morgen zum Abend Uber unseren Himmel wegschreitet, dabei doch 
nicht an eine Bewegung derselben um uns denken, so erhalten wir neben dem stereosko- 
pischen Eindruck noch durch unsere Bewegung»- und Tastorgane und durch unsere geistige 
Thätigkeit Vorstellungen, die einer Combination verschiedener Wirkungen ihren Ursprung 
verdanken und daher nicht blos auf unseren optischen Organen allein beruhen. 

Leid thut mir es, dass sie den neulichen Vortrag des Herrn Professor Helmholtz „über 
Gesichtabilder“ in dem hiesigen Museum nicht beigewohnt haben. Die Ansichten, die er dort 
entwickelte, entsprechen ganz und gar den obigen Anschauungen. 

Dass die trefflichen Abbildungen Owens von Thierschädeln in den Transactions of the zoo- 
logical society of London, sowie die pnlaeontologischen Tafeln meines Mitbürgers Herr von 
Mayer auch geometrische mit dem Zirkel angefertigte Zeichnungen sind, möchte ich Dinen noch 
mittheilen. 



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16 Welche Art bildlicher Darstellung braucht der Naturforscher? 

Auch hätte ich gewünscht, dass Sie es als eine Notli Wendigkeit erwähnt hätten, dass 
bei geometrischen Abbildungen im Falle sie nur Eine Ansicht darstellen, als solche, als „geo- 
metrische Zeichnung“ (da wo mehrere Ansichten, ist dieses weniger nothig, indem hier die 
Uebereinstimmung einer Ansicht mit der anderen den Ursprung beider documentirt) bezeich- 
net werden. Da ich die Wahrnehmung gemacht, dass berühmte Portraitmaler und Bildhauer 
meine geometrischen Zeichnungen als durch freies H&ndzeichnen entstanden auffassten, trau 
ich dom Blicke der Naturforscher zur Beurtheilung derartiger Abbildungen noch weniger zu, 
und es wird deshalb die Bezeichnung „geometrische Zeichnung“ zur besseren Verwerthung 
derselben von Nöthen sein. — Will die Wissenschaft eine exaetc sein , so ist es auch nöthig, 
dass sie sich exacter Mittel zu ihrem Zwecke bediene, und zieht man Messungen in den Kreis 
der Untersuchung, so ist es auch sachgemäss, dass man die Darstellungen der zu untersuchen- 
den Gegenstände messbar mache und nicht durch den sogenannten geübten Blick der Schein- 
maler Thor und ThUre öffnet, 

Frankfurt a. M., den 15. März 18t>7. 



Ihr 



Lucae. 



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n. 



Ueber makrokephale Schädel und über die weibliche 

Schädelform. 

Briefliche Mittheilung an A. Ecker 
von 

J. Bamard Davis. 

(Au» dem EuglUehen übertrugen.) 



Verehrtester Herr’. 

Es hat mir eine grosse Freude gewährt, das erste Heft des Archivs für Anthropologie 
zu erhalten und ich bitte Sie, meine aufrichtigen Glückwünsche zu der Ausführung des Ge- 
dankens des verstorbenen ausgezeichneten Professors Rudolf Wagner anzunchmnn, wobei 
ich mir auch erlaube, meinerseits die besten Wünsche zum Erfolge des sehr wichtigen Werks 
beizuftigen. 

Zwei Beiträge in dem ersten Hefte des Archivs, welche von Ihnen herrühren , sind für 
mich von besonderem Interesse; ich meine nämlich erstens die Mittheilung Nr. 5: Ueber das 
Skelet eines Makrokephalus, und zweitens die Nr. 0: Ueber eine charakteristische 
Eigenthumlichkeit in der Gestaltung des weiblichen Schädels. Es möge mir ge- 
stattet sein, einige wenige Bemerkungen Uber diese Mittheilungen eines so geschickten Ana- 
tomen machen zu dürfen. 

I. In der ersten Decade der „Urania Britannica“ (veröffentlicht Anfangs 1856) Cap. 
I\ : „Uistortions of the skull“, zeichnete und beschrieb ich einen von diesen „makroke- 
phalen“ Schädeln, welche im Jahre 1853 von Horrn J. Y. Akerman gelegentlich seiner Atis- 
grabung des angelsächsischen Kirchhofs von Harnhnm bei Salisbury, Wiltshire, aufgefunden 
wurden. Damals gebrauchte ich nicht die Bezeichnung „makrokephal“ für den fraglichen 
•Schädel und wahrscheinlich ist es diesem Umstande einigermassen zuzuschreiben, dass die Ent- 
deckung von einem so interessanten Schädel in einem angelsächsischen Kirchhofe nicht die 

Arehlr für Anthropologie. M. II. Heft L 3 



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18 Ueber makrokephale Schädel und über die weibliche Schädelform. 

Aufmerksamkeit des Prof. K. E. von Baer und anderer Schriftsteller, welche über diese 
verschobenen, von dem Petersburger Professor 1 ) als makrokephale bezeielineten Schädel 
geschrieben haben, auf sich gezogen hat. Nichtsdestoweniger ist dieser angelsächsische 
Schädel ein achtes Exemplar von einem Schädel eines Makrokcphalus im Sinne von 
v. Baer. 

Ich hcahsichtige, Ihnen mit diesem die Holzplatte zu übersenden, damit Sie Gelegenheit 
finden, den Holzschnitt in dem Archiv abdrucken zu lassen, wenn Sie dieses für geeignet er- 
achten *). — Wie ich soeben bemerkt, wurde der Schädel in einem der Gräber de« Kirchhofs 
von Harnham aufgefunden, welcher unzweifelhaft Begräbnissplatz der West-Sachsen war. 
Fibulae und Schnallen von Bronze etc. und andere Gegenstände von diesem Metalle und von 
Eisen fanden sich in diesen Gräbern vor. Alles dieses spricht für die Thatsaehe, dass der 
Kirchhof ein angelsächsischer war. Der gelehrte Alterthnmsforscher, der die Ausgrabung 
machte, erstattete einen vollständigen Bericht seiner Arbeiten und Entdeckungen in der „Ar- 
chaeologia“ *). Er verlegt den Kirchhof in die Zeit zwischen dem Anfänge des sechsten und 
siebenten Jahrhunderts, oder zwischen 500 bis 650 n. Chr. 

Herrn Akerman's Bericht über das merkwürdige Grab, aus welchem dieser eigentüm- 
lich verschobene Schädel entnommen wurde, lautet wie folgt: „Nr. 54, Skelet von einem Er- 
wachsenen, ungefähr 5 Fuss 7 Zoll lang. Schädel von sehr eigentümlicher Form. Stücke 
von Bronze auf der linken Seite de« Becken« und auf der rechten eine Glasperle. Glasperlen 
und ein Bronzering in der Gegend des Gürtels. Eine sehr breite eiserne Schnalle; eine bron- 
zene, platte, kreisförmige Fibula an beiden Schlüsselbeinen.“ pag. 204. Die einzige weitere 
Bemerkung, welche er zu dem Schädel macht, ist folgende: „Ein anderer Schädel, und zwar 
der von dem Skelet Nr. 54, ist dargestellt in der vorliegenden Zeichnung, jedoch nicht als 
Typus der überhaupt in dem Kirchhofe gefundenen, sondern wegen seiner eigentümlichen 
Bildung, welche vollständig von allen denjenigen abweicht, die ich je an den Begräbniss- 
plätzen aus dieser Periode beobachtet halte. Wie schon bemerkt, hatte dieses Skelet in der 
Gegend des Gürtels eine breite Schnalle von monströser Grosse und für einen sehr breiten 
Gürtel passend; allem äusseren Anscheine nach musste dieselbe einst sehr verziert gewesen 
sein. Die Länge des Skelets (5 Fuss 7 Zoll), das nach dem Zustande der Zähne zweifelsohne 
einem Individuum von mittlerem Alter angehörte, in Verbindung mit den Glasperlen, spricht 
für die Annahme, dass dasselbe ein weibliches ist“. 

Der Schädel selbst trägt alle Anzeichen, dass er einem Weibe angehört habe, und von 



*} Der bippoeratischc Ausdruck WoxnoWiroio, oder Isingköpfe war die Rezeichnung eines Volksstammes, 
der sich dadurch auszeichnetc, dass seine Angehörigen den Kopf künstlich verlängerten. Eine solche alte Au- 
torität mag dio allgemeine Rezeichnung derjenigen, welche diese eigentümliche Schädclmissstaltung übten, 
mit diesem Namen rechtfertigen. Unter Doliehocephali pflegt man bekanntlich dio von Natur langen Schädel oder 
die Yolksstämme mit solchen zu verstehen. — *) Ich hedanre sagen zu müssen, dass diese Abbildung (Fig. 18), 
welche halbe natürliche Grösse hat, obgleich sie sorgfältig gemacht ist, die Merkmale der künstlichen Miss- 
staltung bei weitem nicht so klar zu Tag treten lässt , als sie bei dem Schädel selbst zu sehen sind. An letz- 
terem kann man sie so klar und deutlich wahrnehnien, dass da» Faktum einer künstlichen Missstaltuug dessel- 
ben über allen Zweifel erbeben ist. — 3 J Archaeologia, or Miscellaneoua tracts relating to Antnpiity, publishcd 
bj the Society of Antiqnaries cf London, Vol. XXXV, pag. 259 ff. 



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lieber makrokephale SchiUlel und über die weibliche Sehädclform. 19 

dem Zustande der Zälme zu schliessen, von denen einige cariös sind, ist es wahrscheinlich, 
dass dieses das Alter von 35 Jahren erreicht hatte. Er ist sehr prognath, das Stirnbein ist nioder- 
ged rückt, abgeplattet und rückwärts verschoben; die Seiten wandboine haben das Ansehen, als 
ob sie in dem Läugsdurchinesser des Kopfes dadurch verkürzt wären, dass sie in der ganzen 
mittleren Gegend des Scheitels aufwärts gebogen sind, wodurch ein kurzer Bogen gebildet 
wird, dessen höchster Punkt eine Art von Kamm bildet, welcher ein wenig Uber der Mitte 
der Schuppennaht auf der einen Seite beginnt und schräg nach rückwärts und quer durch 
die Mitte der Pfeilnaht bis zu dem nämlichen Punkte der entgegengesetzten Seite verläuft. 
Die Hinterhauptsschuppe ist ebenfalls verflacht und mehr als gewöhnlich horizontal gelagert. 
— An den Knochen sind flache Stellen und leichte Eindrücke deutlich erkennbar, welche die 



Fig. 13. 




Mikrokephaler .Schädel aus einem angcliftchsMchen Grabe in Hainham. 



Lage und Richtung von Druekbinden anzeigen. Die am meisten in die Augen fallenden der- 
artigen Male verlaufen, das eine quer Uber das Stirnbein gerade über den Tuberositäton dieses 
Knochens, und ein anderes quer über dem Verlaufe der Kronennaht; das erstoro steigt schief 
herab längs den unteren seitlichen Theilen der Seitenwandbeine, zeigt einen deutlichen Ein- 
druck an der in Ihrer Figur 23 (S. 77) mit * bezeichneten Stelle, nämlich in der Nähe des 
unteren hinteren Winkels der Seitenwandbeine und geht beiderseits herab zur Lambda- 
naht. 

Ich halle die nämlichen Maasse, welche Sie an dem fränkischen Schädel in dem „Archiv“ 
angegeben haben, auch an diesem Schädel genommen und Folgendes sind die Resultate bei 
dem west-sächsischen: 

8» 



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20 Ueber makrokephale Schädel und über die weibliche Scliädelform. 



1. Grössester Durchmesser 241 Milliin. 

2. Länge de« Schädels in aufrechter Stellung 164 , 

3. Länge de» Schädelgewölbes 354 „ 

a. Stirnbogen 128 , 

b. Scheitelbogen 120 „ 

c. Hinterhauptbogen 10t! „ 

d. Sehne des Bogen» 120 „ 

4. Grösste Breite 139 „ 

5. Stirnbreite 

a. grösste 113 „ 

b. kleinste 110 , 

6. Scheitelbreite 128 „ 

7. Hinterhauptbreite 110 „ 

8. Breite de» Hinterhauptbeins 

a. am unteren Winkel der Seiten wandbeine 107 „ 

b. in der Mitte der Lambdanaht 94 , 

9. Entfernung der Zitzenfortsätze 122 , 

10. Höhe 

a. über der Ebene des Foramen magnum 134 „ 

b. aufrechte Höhe 149 , 

11. Höhe der Seitenwandbeine an der Stelle der höchsten Wölbung ... 134 , 

12. Horizontaler Umfang 484 , 



Diese Moasse zeigt® eine grosse Uebereinstimmung mit denen, welche Sie von dem 
weiblichen Schädel von Niederolm bekommen haben. 

Bei der Auffindung dieses missstaltetcn Schädels einer west-sächsischen Frau wurde von 
meinem Mitarbeiter der „Crania Britannica“, l>r. Thurnam, behauptet, dass die Deformität 
von der Art war, welche ich „posthumous distortion“ nannte, d. h. eine solche, welche von 
einem Drucke nach dem Tode entsteht *)• In dem Katalog meiner kraniologisehen Sammlung, 
der jetzt unter der Presse ist, habe ich gezeigt, dass die Deformität de» angelsächsischen 
Schädels nicht zu denen gehört, welche nach dem Tode hervorgebracht worden, sondern dass 
sie nur durch einen leichten und fortgesetzten Druck in der Kindheit entstanden ist 5 ). Diese 
Beweise brauche ich hier nicht zu wiederholen , da wir jetzt wissen , dass andere Beispiele 
von derselben Art künstlicher Missstaltung sich auch auf Kirchhöfen alter teutonischer Volks- 
stämme vorfinden. Ausser demjenigen, welchen Sio von dem fränkischen Todtenfeld bei 
Niederolm aufgeführt haben, wurden auch früher schon solche in einem alten Grabe in Che- 
saux hei Lausanne von M. Troyon und auf einem alten Kirchhofe bei Rifjuier in Savoyen 
von I)r. Gosse jun. anfgefunden. Und ich selbst habe immer die sogenannten „Avaren- 
schädol“, welche in Oesterreich zu Grafenegg und Atzgersdorf gefunden wurden, als zu der 

’) 1. c. Descript of the Anglo-Saxon Skull from the c'i'met'TY at Wcst-Bamham. vol, 1, pag. 37. — *) The- 
saurus Craniorum, Catalogue of Skulls of the rarious races of Man in the Collection of Joseph Barnard 
I»aviB M. D. pag. 32. 



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Heber makrokephale Schädel und über die weibliche Sckädelform. 21 

nämlichen Kategorie gehörig betrachtet Sie mögen zwar keine Schädel von einem eigent- 
lich teutonischen Volksstamme sein, allein ich war immer der Ansicht, dass sie den eingebo- 
renen Ra^en der Gegend, in welcher sie gefunden wurden und keinem dieser fremden Volke 
angehören. Ich will nicht behaupten, dass es unmöglich ist , dass sie Avaren augehörten , die 
200 Jahre dort lebten, sondern nur dass nie höchst wahrscheinlich acht europäische sind. 
Diese Ansicht ist schon an dem angeführten Orte in den „Crania Britannica“ ') ausgedrückh 
Die Aulfindung des künstlich missstalteten Schädels in dem fränkischen Kirchhofe von Nieder- 
olm unterstützt bedeutend meine früher schon im Jahre 1855 ausgesprochene Ansicht, ja sie 
bestätigt meine Vermuthung, die sich auf Untersuchung des west-sächsischen Exemplars stützte, 
und kann ohne Anstand als entscheidend zu Gunsten der Anschauung betrachtet werden, die 
ich schon zu der oben angegebenen Zeit hegte. 

Die Hypothese, dass der Schädel einem Avaren angohöre, rührt von dem ersten missstal- 
teten Schädel her, welcher in Fouersbrunn bei Grafenegg im Jahre 1820 gefunden wurde. Graf 
von Breuner, welcher den Schädel besass, glaubte ihn nothwendig einem Volke fremden 
Ursprungs zusclireiben zu müssen und so kam er auf die Avaren, welche in längst vergan- 
gener Zeit in diesem Theile von Oesterreich (von der Mitte des sechsten Jahrhunderts an) über 
200 Jahre lang sich niedergelassen hatten, bis sie von Carl dein Grossen am Ende des achten 
Jahrhunderts wieder vertrieben wurden. Die Thatsache, dass der Grafenegger Schädel inner- 
halb des einen der zwei Wälle oder befestigten Dämme, welche bekanntlich von den Avaren 
als Venschanzungen errichtet wurden, aufgefunden wurde, gab der Vermuthung des Grafen 
von Breuner Spielraum genug. Hiermit war die Idee verknüpft, dass es der Annahme, die 
Avaren hätten ihre Köpfe künstlich missstaltet, auch an geschichtlicher Autorität nicht fehle. 
Ich will zwar nicht bestimmt behaupten, dass der Schädel von Grafenegg nicht der Schädel 
eines Avaren sein könno, doch scheint dieses sehr fraglich zu sein. Allein wir werden bald 
sehen, dass die unterstellten historischen Beweise, welche für die avarisehe Herkunft sprechen, 
ganz unzuverlässig sind, während wir andererseits immer mehr Beweise dafür bekommen, 
dass diese spocifische Missstaltung des Kopfes von vielen europäischen Nationen geübt wurde 
Diese Hypothese, dass dor Schädel ein Avarenschädel sei, war zweifelsohne eine geistreiche 
Annahmo angesichts der Thatsache, dass die missstalteten Schädel aufs Genaueste denen der 
alten Peruaner gleichen (so sehr, dass eine grosse Autorität in diesen Dingen, Dr. Tschudi, 
geradezu versicherte, es seien in der Thal. Exemplare peruanischer Schädel, welche früher in 
Museen aulbewahrt gewesen und dann verloren gegangen seien) und heim Mangel jeder 
Kenntnis» dos Vorkommens solcher Schädel in mehr nördlichen Gegenden Europas, bis zu 
welchen die Avaren nicht vorgedrungen waren. Allein jetzt können wir nicht mehr eine Reihe 



’) „Soweit ans bekannt, wurde nie die Behauptung aufgestellt, dass irgend einer von den deutschen Yolks- 
stnmmcn oder von ihren Nachbarn , die Gewohnheit hatten , den Schädel zu verschieben. Es fragt sich daher 
jetzt, ob wir nicht vorliegenden Kall tur ein Beispiel dieser Gewohnheit betrachten sollen. Sollte inan dieses 
zugeben, was sich jedenfalls durch fortgesetzte Beobachtungen in Deutschland. England und Frankreich hentns- 
stellen wird, sobald man die gehörige Aufmerksamkeit den alten Schädeln schenkt, so mag die Frage am 
Platze sein, ob die vermeintlichen Avarenschüdet, die man in so vielen Orten in Oesterreich und der Schweiz 
aufgclunden hat, nicht wirkliche Ueberreste von Urstämmen waren, welche in ihren Stammsitzen verstarben. 
Die Thateachen, dio dafür sprechen, sind allerdings nur wenige, allein der Schreiber ist der Ansicht, das» der 
eben erwähnte Schluss sich am Ende als der richtige ergeben wird.“ 



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22 Ueber makrokephale Schädel und über die weibliche Schüdelform. 

von miasstalteten Schädeln, welche alle in der ähnlichen Weise verbildet sind und welche in 
Oesterreich und in der Schweiz, in einem angelsächsischen Kirchhofe in England, sowie in 
einem fränkischen Begräbnissplatze in der Rheinprovinz gefunden sind, den Avaren zu- 
schreiben, selbst wenn die Avaren diese Sitte, die Köpfe ihrer Kinder zu missstalten, in Wirk- 
lichkeit ausgeübt hätten, wofür wir jedoch keinen sicheren Beweis haben. Nachdem man so 
viele „makrokephale“ Schädel in so entfernten Gegenden aufgefunden hat, so muss man an- 
nehmen, dass viele von den alten europäischen Ra^en gleichzeitig, »ei es häufig, oder nur 
manchmal, die Sitte, die Köpfe ihrer Kinder zu verunstalten, befolgten und zwar in derselben 
„makrokephalou“ oder Cylinderform, wie dieses bei so vielen Volksstämmen in Amerika ge- 
übt wurde. Ich sage „gleichzeitig“ in dem Sinne, dass die Sitte gleichzeitig unter verschiede- 
nen europäischen Volksstämmen herrschte und ebenso gleichzeitig unter solchen von Amerika; 
ich würde es nämlich Air eine thörichte Anschauungsweise erachten, wenn man annehmen 
wollte, dass sie sich dieselbe gegenseitig mitgetheilt haben. Ich Labe keinen Zweifel, dass sie 
sich unter vielen Volksstämmen beider Continente spontan ausgebildet hat. Das Zusammen- 
treffen ist eigenthiiinlich und auf den ersten Blick schien die Thntsache unglaublich, allein ich 
setze keinen Zweifel in ihre vollständige Wahrheit. 

Retzius, welcher die Hypothese, dass der Schädel ein Avarenschädel sei, vollständig au- 
nahin, scheint anfänglich, wenigstens zur Zeit seiner ersten Mittheilungen im Jahre 1844 an 
die königlich schwedische Akademie der Wissenschaften über diesen Gegenstand, ganz unsicher 
gewesen zu sein, ob die sogenannten „Avarenschädel“ nicht eine natürliche Form seien. Seine 
Worte lauten wie folgt: „Man möchte auch rücksicbtlich der Avaren dio Frage aufwerfen, 
ob nicht die Schädel durch Hilfe künstlicher Mittel ihre wunderliehe Form angenommen 
haben; wenn dieses aber der Fall gewesen, so würde cs gewiss von slavischen Annalisten 
nicht unerwähnt gehlieben sein“ ’). — Darnach ist es ziemlich klar, dass er damals die Schä- 
del für ganz natürliche hielt. In der Folge Ul>erzeugte er sich, dass sie künstlich missstaltet 
worden waren. 

Fitzinger sagt, indem er sich auf das Zeugnis» der alten Schriftsteller zum Beweise der 
künstlichen und eigentümlichen Bildung der sogenannten Avarenschädel beruft, dass nach 
demselben: „die Schädelform der Makrukephalen, die, obgleich es bis jetzt noch nicht erwiesen 
ist, dass sie die Stammväter der Avaren gewesen, doeli mindestens ein mit diesen höchst ver- 
wandtes Volk waren, durch Anwendung künstlicher Mittel hervorgebracht wurde*)“. 

Der angebliche Beweis für die Annahme, dass die alten Avaren wirklich diese Missstal- 
tung der Köpfe ihrer Kinder übten, ist höchst unbefriedigend; er könnte höchstens die An- 
nahme unterstützen, «lass die Hunnen vielleicht eine solche Sitte angenommen haben, allein 
selbst hinsichtlich dieses letzteren Volkes fehlen uns genügende Beweise. Irn Gegentheil die 
aus alten Schriftstellern angeführten Stellen sprechen keineswegs zu Gunsten derer, welche 
das Bestehen einer solchen Sitte bei den Hunnen behauptet haben. — Sidonius Apollinaris, 
der gallische Dichter, sagt )>ei ihrer Beschreibung nur; Consurgit in arctum massa rotunda 
caput“ 



’) Ethnolog. Schriften 1864 , 8. 26. — *) lieber die Schädel der Avaren, imbeaondere über die seither in 
Oesterreich aufgefondenen. Wien 1853, S. 8. 



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lieber makrokephale Schädel und über die weibliche Schädelform. 23 

UndPriseus, der byzantinische Geschichtschreiber, welcher Gesandter bei Attila selbst war, 
sagt da, wo er ein Bild von dem König der Hunnen entwirft, nicht mehr, als dass er klein von 
Statur, dass sein Kopf ungeheuer gross war. Die Worte des Professors von Baer: „Dass es 
deshalb auch gegen alle Wahrscheinlichkeit ist, die Gewohnheit der künstlichen Kopfbildung 
bei den Hunnen anzunehmen“ sind deutlich genng in diesem Punkte. 1 ) Der von Fitzinger 
angeführte, von Retzius besonders horvorgehobene Beweis dafür, dass Attila einen makrnke- 
phalen Kopf hatte, der sich auf Münzen stützt, die eine Beziehung haben zur Zerstörung der Stadt 
Aquileja durch Attila im Jahre 452, Lst buchstäblich von gar keinem Gewicht Diese Münzen 
stammen aus einer späteren Zeit Ich habe eine von denen, welche Retzius selbst Vorlagen, 
in dem königlichen Museum für Alterthümer in Stockholm untersucht Diese unterstützt aller 
in keiner Weise die Ansicht, dass Attilas Kopf künstlich verunstaltet war; sie ist, wie schon 
erwähnt, ein Werk von verhältnissmäasig neuerem Datum und wurde ausdrücklich als Er- 
innerungszeichen an die Verheerungen Attilas von denen bestimmt, welche ihn verabscheu- 
ten; seine Züge sind absichtlich verzerrt, was in Uebereinstimmung steht mit dem Abscheu, 
den er und seine Kriegsschaar auf »eine Gegner machte. Er ist dargestellt als „Diabolos“, 
mit Hörnern auf dem Kopfe, und die Münze ist in der That gar keiner wissenschaftlichen 
Untersuchung werth. 

Die Entdeckung eines neuen Exemplars eines Makrokephalus in einem fränkischen Kirch- 
hof zu Niederolm, welches so gut und genau in Ihrem ersten Hefte beschrieben wurde, ist 
nach meiner Ansicht vollständig beweisend, nicht allein gegen die Avarenliypothese, sondern 
auch gegen jedwede Ansicht , welche diesen verschobenen Schädeln etwa einen anderen Ur- 
sprung als durch absichtliche und künstliche Miasstaltung zuschreiben wollte. 

Bemerkenswerth ist, dass die besondere Art der Schädelverunstaltung bei allen diesen 
europäischen Völkerstämmen wahrscheinlich die nämliche war. Sie alle wurden ganz in der 
nämlichen Weise und durch Anwendung derselben Hilfsmittel missstaltot. Man hat nllen 
Grund zu der Ansicht, dass die Verunstaltung so hervorgebracht wurde, wie es zuerst Mor- 
ton bezüglich der Schädel alter Peruaner beschrieben hat. Er war nämlich der Ansicht, 
dass zuerst eine feste Compresse, manchmal auch zwei, jederzeit« eine, auf das Stirnbein gelegt 
und dann eine schmale Binde darüber befestigt wurde, welche quer über die ersten, dann über 
das Hinterhauptbein verlief, um dann in einer zweiten Tour an einer etwas höheren Stelle aber- 
mals über das Stirnbein und bisweilen hinter der Kranznaht und um das Hinterhaupt ein 
Drittesmal um den Schädel zu verlaufen s ). Die Umgänge dieser Binden wurden in 8 Touren 
mehrmals wiederholt, mit einem hinlänglichen Grade von Druck angelegt und dann ununter- 
brochen am Kopfe liegen gelassen, bis der gewünschte Grad der Verbildung erreicht war. In 
den frühesten Schriften von Morton glaubte er den Gebrauch dieser eigentümlichen und ziem- 
lich coraplieirten Art , den Kopf einzubinden, den „alten Peruanern“ oder den „alten Aymara- 
Stämmen“ zusekreiben zu müssen, welche die Ufer und Inseln des Titicaea-Sees bewohnten, zum 
Unterschiede von den Inca- Peruanern. Allein in seiner „Ethnogrnphy and Archaeology of 

*) Mnkrocephalen im Boden der Krym and Oesterreich», Petersburg I8G0, S. 4 t. — *) Diese Ausführung 
ist »in besten wiedergegeben in »einem Memoir on tho physical type of the North American Indian» in 
Schoolcraft*» Indian tribe» of the U. State», Tbl. II, S. 326, dabei findet »ich eine Zeichnung von einem Indio* 
neruchädel mit den Itruckhinden, welche man in anderen Schriften von Morton wiederholt findet. 



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24 Ueber mukrokephale Schädel und über die weibliche Schädelform. 

the American Aborigines“, .sagt er, „ich war einmal zu dem Glauben verleitet, dass diese Kopf- 
form eigenthümlicb und charakteristisch für die genannten Völker war“, allein Herrn F oster'« 
ausgedehnte Beobachtungen beweisen vollständig, dass sie sowohl unter einigen Volksstämmen 
■ler Sceküste, als auch unter den Gebirgsstämmen von Bolivia gewöhnlich war, und dass sie nicht 
einer besonderen Nation oder einem besonderen Yolksstamme angehörte; sowie dass sie immer 
das Resultat mechanischen Drucks war“, pag. 18. Ich habe nun aber neulich dio Entdeckung 
gemacht, dass selbst in der genannten Ausdehnung, welche auch Volksstamm o aller zu Peru 
gehörenden läinder umfasst, wir weit davon entfernt sind, damit alle die Völker zu umfassen, 
welche von dieser „makrokcphalischen oder cylindrischen Form für die Missstaltung der Köpfe 
ihrer Kinder Gebrauch machten.“ Es ist diese Form die „teste symmdtrique allongde“ des be- 
rühmten Dr. I* A. Gosse von Genf, welcher sagt: „Cette forme remarquable ne s'est rencon- 
trde qu’en Bolivie, sur le plateau des Andes, dann las tombeaox que Monsieur d’Orbigny a 
attribues ä l’nncienne population des Aymaras et situds, les uns prfcs du lac de Titicaca, les 
autres dans la province de Munacas, dans les parties les plus sauvages de la province de Car- 
ragas, ainsi que dans les valides de Tacua, cequi annonce suivant cet auteur, que le meme 
fait s'est reproduit sur tonte la surfaee habitde par cette nation 

Obgleich Morton und Gosse die Gewohnheit dieser eigenthiimlichen Verunstaltung auf 
die alten Volksstämme von Peru beschränkten, so habe ich jetzt hinreichende Beweise, das» 
sie bei vielen europäischen Völkern, wie auch bei einigen an Asien grenzenden gebräuch- 
lich war, wie dieses durch die Ausgrabung alter Kirchhöfe der Krytn bewiesen ist’), und 
dass sie eine viel ausgedehntere Anwendung in Amerika hatte. Im Jahre 1864 erhielt ich 
zwei schöne Schädel von den Vancouvera- Inseln, die einem Indianerstamme angehörten, 
welcher den Quatsima- Sund bewohnt und Quatsimos genannt wurde. Diese Schädel waren 
ganz so missstaltet, wie die der Aymaras von Peru, nämlich in cylindrischer Form, so dass es 
den Anschein hat, als erstrecke sich die Gewohnheit, die Köpfe der Kinder in dieser eigen- 
thümlichcn Art zusammenzudrücken, beinahe von dem einen Ende zu dem anderen von Ame- 
rika. Nicht als ob dies allgemein bei allen Völkerstämmen der Fall gewesen wäre, sondern 
es ist dios eine Eigenthümlichkeit bei bestimmten Volksstämmen. Bei den Quatsima» ist es 
sehr eigentümlich, dass nur die Schädel von Frauen in genannter Weise verlängert sind. 
Iter Schädel von einem Manne in meiner Sammlung hat eine natürliche Form. Bei den Clien- 
ooks und anderen plattköpfigen Volksstämmen sind es nur die Köpfe von männlichen Kin- 
dern, bei welchen die Missstaltung ausgefilhrt wurde, und so verhielt sich die Sache bei den 
alten Peruanern nach d’Orbigny's Zeugnis». Seine Worte lauten wie folgt: „Cette pre- 
tniere observation, que la coutume n’dtait pas gdndrale pour tous les individua, nous a fait re- 
connaitre, que les tetes ohez lesqu'elles 1'aplatisseuient etait le plus oxtraordinaire, apparte- 
unient toutes a des hommes, tandis que les eorps, dont l’dtat de Conservation permettait de 
reconnaltre des eorps de femmes avaient la töte dans l'dtat normal“. Hiernach dürfte cs 
durchaus nicht unwahrscheinlich »ein, dass diese eigentümliche Manier, den Kopf zu ver- 
schieben, d. h. die bippocratische „makrokephalische“ oder cylindrische mehr als alle anderen 
über die Erde verbreitet ist. Wenigstens haben wir bestimmten und genügenden Beweis, 



') Esaai sur l*‘- (tcfoMniitions artifieiellcfl du ctäne, 1855, S 30. — *► Von Baer: Die Makroccphalen. Tat. 1. 



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Ueber makrokephale Schädel und über die weibliche Schädelforin. 25 

das» diese Sitte in beiden Amerika, in Europa, und in ebenso alter Zeit in Asien geübt 
wurde. 

II, Eh freut mich, die Ansicht von einem ho guten anatomischen Beobachter Uber eine 
charakteristische Eigentümlichkeit des weiblichen Schädels zu erfahren und durch so genaue 
Illustrationen unterstützt zu sehen. Die Unterscheidung zwischen weiblichen und männ- 
lichen Schädeln ist mir oft sehr schwer gefallen und ich bestrebte mich , die Eigentümlich- 
keiten beider festznstellen ; demungeachtet bin ich nicht sicher, dass man dieses in allen 
Fällen tliun kann; denn ilieselben zeigen oft so gemischte Merkmale, dass ich manchmal 
voller Zweifel war in Betreff des Geschlechts, dem sie angehörten. Ein Beispiel insbeson- 
dere liegt mir vor, nämlich der Schädel von „Amn“, einem Munipuree, einem Volksstamm, 
welcher einen unabhängigen Landstrich von Bengalen bewohnt — Mein lieber Freund, 
Dr. Thomas Alex. Wise, der mir diesen schönen Schädel schenkte, lebte lange Jahre in 
Dacca und kannte genau die Frau, der er angehört hatte und von der er mir ebenfalls eine 
Abbildung gab. Trotzdom sprechen die Grösse und alle Verhältnisse des Schädels nach mei- 
nem besten Dafürhalten dafür, dass er einem Manne angehörtc. Oh der Umstand, welchen 
Dr. Wise bezeugen kann, dass diese Frau sehr mänulich gebaut und stets mit solcher Feldarbeit 
beschäftigt war, welche, in der Regel nur von Männern besorgt wird, das äussere Ansehen des 
Schädels zu erklären im Stande ist, kann ich nicht bestimmt behaupten. Dr. Joseph IIoo- 
kers Zeugnis* ist ebenfalls heaehten.swerth. Er sagt, „viele Frauen seien sehr gn>ss und 
grosse Staturen seien bei den Munipurees gewöhnlich“ '). 

Gegenwärtig bin ich ausser Stand zu sagen, welches Gewicht man auf die Hauptmerk- 
male, welche Sie von dem weiblichen Schädel angegeben haben, legen soll, nämlich die Nie- 
drigkeit und die Abplattung der Scheitelregion. Sie sind nicht ohne Ausnahme und ich zweifle, 
ob sie so allgemein sind, als Sio meinten. Sollten spätere Beobachtungen dieses als rich- 
tig erweisen, so soll es mich freuen, diese weiteren Merkmale des weiblichen Schädels ver- 
nommen zu haben. Viele von den anderen von Ihnen aufgeführten Eigenthümliehkeiten und 
viele, welche Sie nicht erwähnten, kannte ich seit lange; so die gerade Stirn, die kleinen 
Zitzen fortsätzo , die geringere Hervorragnng der Tuberoaita» occipitnlis und insbesondere eine 
stärkere Ausbildung der ganzen Hinterhauptsgegend, worauf mein Freund Professor Weleker 
in »einen „Mittheilungen“ aufmerksam gemacht hat*). Ich brauche nicht andere Eigenthüm- 
liehkeiteu hier anzuführen, rla sie von Ihnen schon so gut besehrielten sind, doch erlaube ich 
mir zu der Behauptung S. 84, Anmerkung 3, „eine Anzahl der von Davis und Thurnam 
(Uran. Brit.) als platyoephalen bezeichnoten Schädel sind offenbar weibliche“, eine Bemerkung 
zu machen. Diese; Behauptung findet Seite 80 ihre Bestätigung, wo auf Tafel 30 (römischer 
Schädel, von einen; Orahe zu Kingsholm, Olouecster) hingewiesen ist, von welchem Sie sagen, 
„den auf Tafel 30 abgcbildeten Römerscbädel möchte ich für einen weiblichen halten“. Ausser 
diesem angeblichen Irrthuine hinsichtlich des Geschlechts ist von Ihnen kein weiterer auf- 
geführt, was etwas auffallend ist nach der früheren allgemeinen Behauptung; „Eine Anzahl 



*) liimalnynn Journal« nr Note« of » Naturalist, 1854, Vol. H, pag. 331. — *) Archiv für Anthropologie, 

8 . 12 «. 



Archiv für Anthropologi«. Md. II. lieft I. 



I 



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26 Ueber makrokephule Schädel und über die weibliche Schüdelform. 

sind offenbar weibliche“. Sie haben nur einen (Tafel 36) angegeben und von diesem keine 
positive Behauptung aufstellen können, Sie sprechen sieh vielmehr etwas zweifelhaft aus. 
Wenn derartige Irrtlnimer in dem Werke sich vorfinden, bo würde ich Ihnen mehr zum Danke 
verpflichtet sein, wenn Sie mir dieselben speciell an geben würden, als wenn Sie nur ganz 
allgemein sprechen, um so mehr als Niemand mehr die Schwierigkeit, dos Geschlecht eines 
Schädels zu bestimmen, gefühlt hat, als ich. 

Bezüglich des alten Römerschädcls von Kingsholm, welcher gerade vor mir liegt, erlaube 
ich mir zu bemerken, dass derselbe nur eines der von Ihnen angegebenen Merkmale trägt, 
wie dieses auf der Abbildung zu ersehen ist, nämlich die grossen Zitzenfortsätze. Das Vor- 
handensein der Stimnaht mag die Breite der Stirne erklären, ebenso einigermaasen auch 
die Niedrigkeit der Scheitelgegend. Allein ich möchte ganz besonders Sio auf eine von mir 
an alten Römerschädeln gemachte Beobachtung aufmerksam machen, nämlich dass die Ab- 
flachung der Scheitelgegend und der deutlichere Winkel, den das Profil, da wo Stirn und 
Scheitel zusammentrifft, zeigt, ein Ra^eneharaktor, nicht eine blosse GeschlechtseigenthUmlich- 
keit dieser Schädel ist. Dieselben zeigen eine bemerkenswertlie eckige Beschaffenheit sowohl 
des Gesichts als des Schädeldachs, und es ist dies eine sehr charakteristische Eigenthümlieh- 
koit für den römischen SchädeL Dieses habe ich auch in den „C'rania Britamiiea“ ■) ausführ- 
lich auscinandergesetzt und vorher schon in dem „Report of the British association for 1855“. 
Die viereckige Form dieser Schädel zog auch die Aufmerksamkeit eines ausgezeichneten Beob- 
achters des Professors Maggiorani auf sich, welcher ganz unabhängig von mir ist 8 ). Profes- 
sor Carl Vogt sagt, ohne dass er eine von diesen Mittheilungen benutzte, dass „le type ro- 
main devrait etre trfes dolichocifpkale, allongöe et ötroite (type de Hohberg, de MM. His 
et Itütimeycr — Crania Helvetica)*). Trotzdom ist der typische römische Schädel deutlich 
viereckig und seine Scheitelgegend abgeplattet, welche letztere steil abfüllt in die Stirn- 
gegend. Alles das sind nach meinen Beobachtungen keine Geschlechts-, sondern geradezu 
Raijoeigcnthümlichkeiten, welche sowohl hei männlichen, als weiblichen Schädeln deutlich aus- 
geprägt sind. Dieses kann man an den Abbildungen in den „Crania Britannien“ deutlich 
sehen. Wenn ich auch nicht behaupten will , dass dieses Werk frei von Irrthümem ist, so 
kann ich Sie doch wenigstens versichern, dass bei der Gescbleclitsuntersclieidung der abge- 
bildeten Schädel die grösste Vorsicht gebraucht wurde; dennoch veranlassto uns die Art und 
’ Weise unserer Nachforschung, nicht weniger genau und fleissig bei der Untersuchung der Cha- 
raktere zu sein, welche man notlnvendig für IUujeueigenthümlichkeiten ansehen muss. 

Trotz allem dem, fürchte ich, giebt es keine feste Regeln, auf welche der Geschlochts- 
unterschiod der Schädel sich stützt, und keine Regeln, welche uns nicht aueh einmal im Stiche 
lassen. 

Das von Ihnen angegebene Merkmal, das für einen männlichen Schädel spricht , nämlich 
grosso und starke Zitzenfortsätze, ist zweifelsohne sehr schätzenswerth und unuinstösslich 
richtig, aber selbst auch dieses ist nicht allgemein. Ich habe erst kürzlich einen schönen 



l ) Dcswription of the skull „of L. Yolusius Secunduß“, Tafel 4!>, p. 3. — *) Saggio di Studii cra- 
niologiei full 1 antica Stirpe Roinana e Milla Etrusca, 1858. — *) Sü alcuni antichi cranii umani rinvenuti in 
Italia. Letter» del Professor C. Vogt al Sig. B. Gastaldi, pag, i. 



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lieber makrokephale Schädel und über die weibliche Sclmdclfonn. 27 

afrikanischen Schädel von einem Akassn, Nr. 1469, welcher an der Nunmündung des Niger, 
an der Westküste, erhalten. Dieser Schädel ist unläughar der von einem 30 bis 35 Jahre alten 
Manne. Seine oberen vorderen Zähno waren auf ihren beiden Seiten abgebrochen, was Sitte 
bei diesem Volksstamme ist und trotzdem sind die Zitzenfortsätze ganz klein und nicht her- 
vorragend. Bei einer grossen Anzahl von Schädeln kann man leicht Ausnahmen von ande- 
ren wichtigen Unterscheidungsmerkmalen finden und diese mögen uns lehren, dass wir an 
unseren zuversichtlichen Schlüssen nur in vorsichtiger Mässigung festhaiton. 

Ich bitte etc. etc. 

Ihr ergebenster 

J. Barnard Davis. 



Shelton. Hanley. 



Staffordshire, 15. Aug. 186G. 



4 « 



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IIL 

Beiträge zur Culturgeschichte des Menschen während der 

Eiszeit. 



Kadi den Funden an der Sehussenquelle 

zuB&tnmengectelU von 

Dr. Oscar Fraas in Stuttgart. 



Unter sämmtlicben bekannten Stationen Central- Europa«, wo sich Spuren menschlicher 
Cultur vermengt mit den Ueberresten ausgestorbener oder wenigstens in andere Breiten ver- 
drängter Thiergeschlechter finden, nimmt — was die Klarheit der geognostischen Lagerungs- 
verhältnisse betrifft — der alte Schussenweiher unstreitig die erste Stelle ein. 

Beim Anblick des im Sommer 1866 aufgeschlossenen 25 Meter langen und 6 Meter hohen 
Profils musste jeder Zweifel schwinden , als ob etwa die Uulturreste einer anderen Zeit ent- 
stammten, als jener der Ablagerung, und ob doch nicht etwa die Zeit der Menschen und 
die Zeit der Schichtenbildung auseinanderfallcn könnten. Die Schichte mit den Cultur- 
resten stellte sich unwiderleglich dar als ungestörte uranfangliche, und ihre paläontologischen 
Einschlüsse kennzeichneten ein hohes Alter nicht minder bestimmt, so dass alle die beweisen- 
den Momente glücklich vereinigt waren, welche die Wissenschaft für nöthig hält, wenn sich 
ein sicheres Urtheil über den Werth eines Fundes bilden soll. 

Die Geschichte des Fundes ist in gedrängter Kürze folgende. Im Jahre 1856 beschloss 
die Königlich WUrteinbergische Finanzverwaltung, die Locomotiven der Siidbahn mit Torf 
zu feuern und zu dem Zweck das grosso, im Besitze des Staates befindliche Steinhäuser Ried 
zu entwässern. Dieses Torfmoor stösst hart an die europäische Wasserscheide, welche ober- 
flächlich die Zuflüsse der Donau und des Rheins von einander trennt, beziehungsweise die 
beiden Flüsschen Feder und Schüssen. Ersteres läuft zusammen aus dem Moor, das sich vom 
Steinhäuser Ried über eine deutsche Meile gegen Norden erstreckt und den Feder-See zum 



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30 Beiträge zur Culturgeschichte des Menschen während der Eiszeit. 

Mittelpunkt hat; letzteres fliasst aus eiqem kleinen Weiher, der zu den Zeiten der Prämonstra- 
tenser Mönche von Sehusscnried zum Behuf der Forellenzucht künstlich angelegt worden war. 
Das Niveau der Wasser im Schussenweiher und im Steinhäuser Ried war bis in das genannte 
Jahr ein und dasselbe: 574,3 Meter (2010 Fuss) Uber dem Meere. Die in jenem Jahr begon- 
nene Entwässerung dos Riedes machte sich aber bald nicht blos im Norden, sondern auch 
im Süden der Wasserscheide bemerkbar, indem die Werke an der Schüssen von Jahr zu 
Jahr an Wassentienge verloren. Der Müller war im Begriff seine Mühle zu scldiessen, 
und das Hüttenwerk musste sich der Dampfkraft bedienen, um den Ofen nicht kalt wer- 
den zu lassen — denn es lag klar zu Tage, dass eine unterirdische Bifluenz zwischen 
den Quellgebieteu von Feder und Schüssen bestand. Der Kiesrücken, der in einer 
Mächtigkeit von 12 Meter und einer Breite von ungefähr 1000 Meter zwischen beiden 
Gebieten hinzieht, charakterisirt sieb als einer der zahlreichen Schuttwälle, welche die 
Schweizer Geologen seit längerer Zeit mit Gletschern in Verbindung zu bringen gewohnt 
sind, ln der That kann auch zwischen einer Moräne, wie sie heute auf dem Rücken 
eines Gletschers liegend langsam vorwärts geschoben wird und jenem oberschwäbischen Kies 
rücken in keinerlei Hinsicht ein Unterschied gemacht werden. Erratische Blöcke, die „Find- 
linge“ der Oberschwaben, Geschiebe von der Grösse einer Haselnuss bis zum Volumen eines 
Cubik-Meters, dazwischen grober Sand, feiner und feinster Sand machen die Bestandtheile des 
Berges aus, uud sind so in einander gewürgt und strichweise neben einander gelegt, dass man 
an eine Actiou des Wassers kaum denken darf. Wasser sclilemmt und sortirt das Gröbere 
und Feinere und legt Gleich und Gleich zusammen, während die Schuttwälle der Gletscher 
ein buntes Durcheinander des Bergdetritus aufweisen. 

Durch diesen Schuttwall eines früheren Gletschers sickerten also die Schlissen wasser zur 
Feder hinüber, deren Quellen durch den vier Meter tiefen Entwässerungsgraben tiefer 
gelegt waren. Da entschloss sich im Jahre 1865, nachdem alle Klagen und Beschwerden 
bei der königlichen Finanzverwaltung vergeblich gewesen, der ebenso kenntnissreiche 
als unternehmende Industrielle, Herr Käss von Schussenried , durch Selbsthülfe wieder zu 
seinem Wasser zu kommen, und auf der Rheinseite einen noch tieferen Graben zu ziehen, 
als jener auf der Douauseite war. Im Sommer 1865 ging er an die Arbeit, legte zunächst 
seinen Mühlengraben tiefer und rückte, das mögliche Gefall der Schüssen benutzend, der 
Quelle immer näher, die denn auch im Lauf des Frühjahrs 1866 glücklich unterfangen und einen 
halben Meter tiefer gelegt werden konnte als der Entwässerungsgraben im Steinhäuser Ried. 
Der Erfolg war glänzend; nicht nur kehrten die abtrünnigen Wasser wieder zu ihrer 
Pflicht zurück: sie zeigten auch einem Theil der Riedwasser den neuen Weg, so dass 
jetzt die Schüssen mehr als jo Wasser führt und der Entwässerungsgraben zur Feder nahezu 
trocken gelegt ist. 

Doch nicht blos materielle Triumphe sollten das kühne Unternehmen begleiten, es 
war auch ein Fund für die Wissenschaft, wie in SUddeutschland noch keiner gemacht 
worden, das weitere allgemeines Interesse erregende Resultat. Wie es wohl sonst nuch 
geschieht, dass die Praxis und der Zufall der Wissenschaft in die Hand arbeiten müssen, 
so ging es an der Schüsse ivpielle: die Industrie deckte den Fund auf und der Zufall 
wollte, dass gleich von Anfang an ein Forscher, der um die Kenntniss oberschwäblscher 



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31 



Beitrüge zur Culturgeschichtc des Menschen während der Eiszeit. 

Verhältnisse hochverdiente Herr Valet von Schussenried dazu kam, als nämlich im Verlauf 
der Grabarbeiten eine 4 bis 5 Fuss mächtige Schlamm-Schichte angefahreu wurde, aus welcher 
die Arbeiter neben zahlreichen Knochen eine Menge Geweihe und Geweihstücke von ganz 
ausgezeichneter Erhaltung herauszogen. Mit gewohnter Energie nahm sich Herr Valet der 
Ertündo an, duldete nicht, dass auch das Geringste verschleudert würde, und veranlasste die 
weiteren Ausgrabungen, die im Monat September von den beiden Landesconservatoren für 
Paläontologie und Archäologie, den Professoren Fr aas undHassler, persönlich geleitet wurden. 
Letzteres geschah in einer Weise, dass von Anfang bis zum Ende eine genaue Ueberwachung 
der umfassenden Erdarbeiten und eine sorgfältige Durchsuchung der sogenannten Cultur- 
schichte Statt faud. 

Fig. 14. 




Largenprofil des Wassergrabens und der 'ungusebniitenen Culturechichte. 



Das Profil unserer Figur zeigt den Grabensehlitz gerade unter dem jetzt trocken gelegten 
Schussenweiher, der nunmehr mit dem gemeinen Schilfrohr (Phragmites communis Trin.) dicht 
überdeckt ist Auf der Sohle des Grabenschlitzes, wie an den Wänden, brechen starke Quel- 
len allenthalben aus dem Kies. Zu oberst liegt der Torf, derselbe, der in der ganzen Gegend 
auf Meilenentfernung die Niederungen deckt und die weiten Moorgründe bildet, aus denen 
keine anderen Formationen als die Schuttwälle von Gletschern hervorragen. Das Anleh- 
nen des Torfes an den Kiesrücken ist auf der rechten, östlichen Seite des Profils deutlich 
zu sehen. 

Unter dem Torf, den man verallgemeinert den oberschwäbischen Torf nennen mag, liegt 
ein 4 bis 5 Fuss mächtiges Lager von Kalktuff, das unverkennbare Produkt derselben 
Wasserrpjellen, die, dem Kiesrücken entspringend, jetzt zur Schussenquelle sich einigen, 
das sich in keiner Weise von anderweitigen Tuflbildungen unterscheidet, die heute überall 
an Berggehängen sich niederschlagen, wo kalkhaltige Wasser rieseln. 

Da sich derartiger Tuft' nur an der Oberfläche bildet, in Folge der Verdünstung des 
Wassers au der Luft, so haben wir in unsere Profilen, wenn’ wir den Torf uns weg- 



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32 Beiträge zur Culturgeschichte des Menschen während der Eiszeit 

genommen denken, ein Bild der alten Oberfläche. Dafür zeugen auch Tausende kleiner 
und zarter Landschnecken im Kalksand. Es sind die gleichen Arten, die man auch sonst im 

Lehm und Tuff findet, die theil weise noch in der 
Oegeml leben. Ausgestorbene Schneckenarten ken- 
nen wir aus dieser Zeit nicht, wohl aber Ausge- 
wanderte Formen. 

Schon im Liegcmden des Kalktuffs fand sich 
manches Stück Geweih und Knochen, das die Thä- 
tigkeit von Menschen ankündigte, al«'r an Erhal- 
tung dieser Reste war nicht zu denken. Der Knochen 

Querprofil de, Wassergraben». Pie Zeichen »iod zerfio | bgj ,j,, r leisesten Berührujig, er zerbröckelte 
dieselben wie in Hg. 14, . 

förmlich zwischen den fingern. Erst unter dem 

Tuffe gestaltete sich die Sache glücklicher Weise anders. Unter dem Tuffe liegt eine dunkel- 
braune Moosscliichtc, mit einem Stich ins Grüne, die durch die vortreffliche Erhaltung des Mooses 
überrascht, das so gut wie ein lebendes noch eingelegt, getrocknet und bestimmt werden kann. 

Erst was hier unten zwischen Tuff und Gletschersehutt lag, eingehüllt vom feinsten Sand 
und von dem Moos, das zum Triefen mit Wasser gefüllt war, das erst konnte als „Fund" 1 an- 
gesehen weiden, denn alles lag frisch und fest, als oh man die Sachen erst kürzlich hier 
zusammengetragen hätte, in Haufen bei einander. Ein zäher, schwarzblauer Schlamm füllte 
Moos und Sand und den kleinsten Hohlraum der Geweihe und Knochen, und verbreitete einen 
mnderartigen Geruch. Wir befanden uns, wie der Verlauf der Grabarbeiten es lehrte, in 
einer zu Abfallen benutzten Grube, in der neben den Knochen und Knochensplittern abge- 
geschlacbteter und von Menschen verspeister Thiere, neben Kohlenresten und Aschen, neben 
rauchgeschwärzten Heerdsteinen und Brandspuren , zahlreiche Messer , Pfeil - und Lanzen- 
spitzen von Feuerstein und die verschiedenartigsten Handarbeiten aus Rennthiergoweih Ulan- 
einander lagen. Das Alles lag in einer Hachen bei einer Ausdehnung von 4« Quadratmtheii 
nur \ bis ß Kuss tiefen Grobe im reinsten Gletschersehutt, wolad klar in die Augen sprang; 
dass die vortreffliche Erhaltung der Beingeräthe und Knochen, lediglich uur dem Wasser zu 
danken war, das im Moos und im Sand sich halten konnte. Die Moosbank glich einem wasser- 
getränkten Schwamme, sie schloss ihren Inhalt hermetisch von aller Luft ab und conservirte 
in ihrem ewig feuchten Schoosse, was vor Jahrtausenden ihr anvertraut worden war. An der 
Grenze der Moosbank zum Tuff sab man deutlich die Geweihstangen, so weit sie in Moos und 
Sand steckten, vortrefflich erhalten, fest und hart, als wären sie vor Jahrzehnten erst hinein- 
gelegt, während die Enden, die in den Tuff ragten, so mürbe und bröckelig waren, dass sie in 
der llaud zerfielen. 

Zur Feststellung der geologischen Periode, der die Funde in der Culturschichte angehö- 
ren, diente vor Allem die Untersuchung des Mooses selbst, die wir Herrn Professor Schim- 
per in Strassburg, dem ersten Mooskenner unserer Zeit, verdanken. Er fand in den Moosen 
an der Schussempiclle durchweg nordische oder hochalpine Formen, die mit den Resten der 
der Thierwelt aufs erfreulichste stimmen. Es wird wohl kein Zweifel darüber sein, dass nie- 
dere Organismen, wie Moose, schliesslich weit sicherere Zeugen für ein Klima sind, aLs die be- 
weglichere, nicht an den Boden gefesselte Thierwelt. Ein Moos ist viel empfindlicher für 



Fie. 15. 




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Beiträge zur Cuiturgeschichtc des Menschen während der Eiszeit 83 
Aenderungen in der Temperatur, für Feuchtigkeit und andere Einflüsse der Atmosphäre, als 
ein Vierfiissler, und es darf demnach der Werth dieser Pflanzenreste für die paläontologische 
Bestimmung nicht unterschätzt werden. Bis zu 2 Meter mächtige Moosbänke von Hypnum 
sarmentosum Wnhlenberg. liegen im tiefsten Grund des Grabens, im östlichen Hang des 
Profils unmittelbar über den üppigen Quellen, und ziehen sich dann gegen Westen magerer 
werdend und mit Sand und mit Culturresten wccliselnd zum Schuttwall hinan. Dieses Moos 
ward zum ersten Mal von Wahlenberg aus Lappland mitgebracht; Schimper fand es in 
Norwegen bei dem Sneeliättan auf der Alp Povrefield an der Grenze des ewigen Schnees. 
Auch auf den höchsten Gipfeln der Sudeten und der Tyroler Alpen findet es siel), desgleichen 
wächst es in Grönland, Labrador und Cauada. Von Spitzbergen, Labrador und Grönland her 
weiss Schimper, dass es dort in die tieferen Regionen herabsteigt, sonst aber sind die 
Hochalpen sein Standort und die Schneegrenze seine gedeihliche Gegend. Besonders liebt 
es die Tümpel, in denen das Schnee- und Gletscherwasser mit seinem feinen Sande verläuft, 
die es auf weite Strecken hin mit seinen Rasen überzieht, und es beweist wohl an sich schon 
die niedere Temperatur und dio Nähe von Eis und Schnee an dem Orte, wo es gewachsen. 
Ausser dieser Art haben wir Hypnum aduncum var. grönlandicum Hedw., heutzu- 
tage in Grönland zu Hause. Andere verwandte Formen besitzen die Hoehalpeu der Schweiz 
und die sumpfigen Ebenen im Norden Deutschlands. Die dritte Art ist Hypnum fluitans 
var. tenuissimum, auf sumpfigen Wiesen innerhalb der Alpen und im arktischen Amerika 
zu Hause. Keines dieser Moose aber wächst mehr bei uns, alle sind jetzt in kältere Zonen 
ausgewandert. 

Mit diesem botanischen Resultat stimmt vollständig auch das zoologische. Obenan steht 
das Renntliier, Corvus tarandus. Die Reste von mehreren hundert Individuen jeglichen 
Alters und beiderlei Geschlechtes kamen zu Tage, und zwar bunt durcheinander geworfen, 
zwischen Steinen und Artcfacten herumliegend und zwischen «len Resten nordischer Raub- 
thiere. Nur wenige zusammengehörige Knochen lagen noch beieinander, etwa vom Hals oder 
vom Ziemer, oder einige Fusswurzeln. Sonst lag alles zerstreut; doch hielt es natürlich nicht 
schwer, bei «lieser groaseu Auswahl ein vollständiges Rennthierskelet zu restituiren , vollstän- 
dig wenn nicht dio regelmässig abgeschlagenen Geweihsprossen und «lie fehlenden, gleich- 
falls abgetrennten Gesiehtsknochon den Schädel entstellten. Die Vergleichung mit den Ske- 
letten lebender Thiere zeigte eine vollkommene Uebereinstimmung mit dem grönländischen 1 ) 
Renn, von welchem unsere zoologische Sammlung Skelet und Balg besitzt — Das Erste, was, 
das Zahlenverhältuiss der Skelcttheile des Renns betreffend, auffiel, war «las Ueberwicgen von 
Schädelresten und Geweihstilcken gegenüber den anderen Knoclmnrcsten. An einem der 
Arlieitstage ergah sich bei der Zählung als Resultat der Fund von 

66 SchäilelhruclistUckcii mit abgeschlagenen Geweihstummeln, 

50 Stangen und Stangenstücken, 

16 Stück Atlas, 

102 Halswirbeln, 



') Da» Exemplar J stammt von der Mieaionastation Kain, Labrador, und kam 1S45 durch Herrn Dr. 
v, Barth au dio Konigl. Naturalienaammlung zu .Stuttgart. 

Archiv für Anthropologie, itd. II. Heft I. r. 



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34 Beiträge zur Culturgeachichte des Menschen während der Eiszeit. 

150 Brustwirbeln, 

64 Lendenwirbeln und Kreuzbeinen, 

120 Rippen, 

15 Becken, 

28 Schulterblättern, 

125 grönstentlieils zerschlagenen Arm- und Fussknochen, 

45 Hand - und Fusswurzelknochen und Phalangen. 

Abgesehen von den Knochenbriichen, von deutlichen Spuren der geführten Schläge und 
Hiebe und den oft bewundernswürdigen Sägeschnitten an den Geweihen , zeigte das Missver- 
hältnis* in der Zahl der einzelnen Skelettheile deutlich, dass wir es hier nicht mit einer na- 
türlichen Ablagerung zu thun hatten, sondern mit einer willkürlichen, von Menschenhand 
veranstalteten, wie sie die Natur nie kennt. Ich habe schon wochenlang au anderen Orten 
Ausgrabungen veranstaltet, auf den natürlichen Lagerplätzen z. B. vop Maimnuth, Höhlenbär, 
Rhinoceros, Palaeotherium etc. Immer haben sich nach einiger Zeit die Funde verschiedener 
Skeletreste der Zahl nach ausgeglichen; an der Schussenquelle blieb Tag für Tag das Missver- 
hältnis«, dass auf 1 Schädelstück oder Geweihstück nur 3 bis 4 Wirbel um! eben so viele Ex- 
tremitäten - Fragmente kamen. 

Hie Frage lag natürlich nahe, ob das au der Schüssen begrabene Renn Hausthier war, 
oder wihl lebte. Am Skelet giebt es meines Wissens keinerlei Merkmal, um das gezähmte 
Thier vom wilden zu unterscheiden und es konnte bei Beantwortung dieser Frage nur die Auf- 
findung des Hundes entscheiden, der nach den übereinstimmenden Berichten aus den Polnr- 
ländem ebenso zum Einfangen der Thiere als zum Hüten der Heerden ganz unentlwhrlich ist. 
Vom Haushund fand sich nun aber keine Spur. Wir würden uns wohl hüten, aus dem 
Fehlen seiner Knochen an der Schussenquelle den Schluss zu ziehen, als ob der Hund überhaupt 
noch nicht in der Umgebung des Menschen gewesen wäre. Bedenkt man jedoch, dass man 
auch in Frankreich noch nie die Spur eines Haushundes beim Renn gefunden, und dass sicher- 
lich der Hund vom damaligen Menschen so wenig verschmäht worden wäre, als vom Pfahl- 
lmuern oder vom Eskimo, so wird man doch einigermassen berechtigt, das S'ehlen des Hundes 
als höchst wahrscheinlich und eben damit das Rennthier als im freien Zustande lebend an- 
zusehen und die Knochenreste an der Schassen gejagten Thieren zuzuschreiben. 

Hie Reste eines kleinen Ochsen und einer grossköpfigen Pferderace kommen bei der 
Altersbestimmung der Ablagerung weniger in Betracht, dagegen legen wir wieder grossen 
Werth auf den Fund einiger nordischen Raubthiere, die wenigstens für Schwallen ganz neu sind. 
Diese Räuber sind : Gulo, der Fiälfrass, und Goldfuchs nebst Eisfuchs, Cnnis fulvusund 
lagopus, von denen heutzutage keiner mehr die Polarzonc vorlässt. Das abgehackte Hinter- 
stück an einem Guloschädel und die vom Schädel abgetrennten Gesichtsknochen der beiden 
Füchse zeigen, dass auch sie zur Mahlzeit gedient hatten. 

Den Bären, Wolf und Hasen sehen wir nicht gerade als leitend für die klinintologische 
Bestimmung der Gegend an, doch ist es immerhin erfreulich wie der Unterkiefer eines gewal- 
tigen Ursus arctos mit Lttckenzähnen und eines alten Cania lupus gerade mit grönländischen 
Typen stimmen. Schliesslich dürfte noch der Singschwan beachtenswertli sein, der gegen- 
wärtig seinen Winteraufenthalt an den Seen Griechenlands und in Nordafrika hat und im Friih- 



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Beiträge zur Culturgeschichte des Menschen während der Eiszeit. 35 

ling nordwärts zieht, um auf Spitzbergen oder in Lappland zu brüten. Welchen Werth der 
Isländer auf die Schwanenjagd legt wissen wir: erjagt ebenso des kostbaren Schwaneni>elzes 
halbier, als wegen der Schmackhaftigkeit des Fleisches der jungen Thiere. 

Aullallend bleibt bei den genannten Funden immerhin das Fehlen aller derjenigen Thier- 
arten, die heutzutage in Obersehwaben leben und die namentlich zur Zeit der ältesten Pfahl- 
bauten schon am nahen Cfer des Bodensees vom Menschen geschlachtet und gespeist wurden. Mit 
Sorgfalt ward z. B. nach den Knochen des Edelhirsches und Rehe« oder nach Gemse und Stein- 
boek gesucht, aber umsonst ! Ebenso vergeblich suchte mau nach den Resten der Hausthiere : 
ausser dem Pferde keine Spur; insonderheit fehlte das Schwein und das Rind. Auf diese nega- 
tiven Resultate darf freilich nicht zu viel Gewicht gelegt werden: man kann es Niemand ver- 
argen, wenn er den möglichen Einwand macht, dass es zu allen Zeiten rein zufällig sei, 
was Alles auf den Kehrichthaufen oder in die Abfallgrube geworfen werde. Allein Jedermann 
wird zugeben, dass es dann doch ein höchst merkwürdiger Zufall wäre, wenn nur die Reste hoch- 
nordischer Thiere zur Küche und von der Küche in die Grube gekommen wären, die Reste 
der übrigen Thiere aber, namentlich der gewöhnlichen Hausthiere, anderswie ihren Untergang 
gefunden hätten. Es bleibt unter allen Umständen beachtens werth, dass unter dem Tuff und 
Torf der Schussenquelle der Typus eines rein nordischen Klimas mit blos nordischer Flora 
und blos nordischer Fauna begraben liegt, und wir möchten es keineswegs blos dem Zufalle 
zuschreiben , dass nicht auch die Reste anderer gleichaiteriger Thiere mit jenen in die Grube 
gekommen. Es ist immer natürlicher, eine Thatsache ungekünstelt aus sieh selbst zu erklären, 
als nach möglichen Eventualitäten zu greifen, und wir nehmen nach den positiven Funden 
ein nordisches Klima an der Schüssen au, wie es etwa heutzutage an der Grenze des ewigen 
Schnees und Eises herrscht, oder in der Horizontale unter dem 70. Grad nördlicher Breite 
beginnt. Mit anderen Worten, wir befinden uns in der sogenannten Eiszeit: denn halten 
wir zu der paläontologischen Bestimmung durch nordische Vierfüssler noch die geognostische 
Thatsache der alten oberschwäblschen Gletscher mit ihren Schuttwällen und ihren Moränen, 
so stimmen wahrlich die einzelnen Momente in einer Weise zusammen, dass die vor Jahren 
schon von den Schweizer Geologen aufgestellte Gletacbertheorie aus der oberschwäbisehen 
Hochfläche einen fast directen Beweis der Wahrheit erliilirt. Wir haben Oberschwaben von 
Moränen durchzogen und von abschmelzenden Gletschern, deren Wasser den Gletschersand in 
moosbewachsene Tümpel waschen; wir haben ein grönländisches Moos, das in mächtigen 
Bänken die feuchten Sande überzieht; wir haben wohl selbstverständlich zwischen den Schutt- 
wällen der Gletscher weite grüne Triften, auf denen sich in Rudeln das Remithier umhertroibt 
wie heutzutage au der Waldgrenze Sibiriens oder in Norwegen und Grönland; wir haben zu- 
gleich hier die Lebensbezirke der dom Renn getährlichen Fleischfresser, des Fiälfrnss und dos 
Wolfs, in zweiter Linie des Bären und der Polarfüchse. 

Auf diesem Schauplätze nun haben wir den Menschen, wenn man so will, den Menschen 
der Eiszeit, wohl den ältesten ersten Kolonisten Oberschwabens, Allein nach, einen Jäger, 
welchen die Jagd auf Rennthiere einlud, einige Zeit und wahrscheinlich um- diu bessere Jahres- 
zeit an der Grenze des Eises und Schnees zuzubringen. Ob auch vom Skelette des Menschen 
nichts in der Grube lag, so ward doch von den Werken seiner Hände Allerlei aufbe- 
walirt, was auf das Leben und Treiben der ältesten Bewohner Schwabens einiges Licht 

fi* 



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36 Beiträge zur Culturgesclnehte des Menschen während der Eiszeit. 

wirft: freilich höchst dürftige Spuren nur sind es, wie man sie eben in einer Abfallgrube 
erwarten darf. Wir lassen dahingestellt, ob die Grube eine natürliche war, eine Art Trichter 
hn Gletscberseliutt, wie Freund Dosor meint, oder ein von Menschenhand gegrabenes Loch, 
und erwähnen nur des Fundes einer starken, theil weise angearbeiteten Rennthierstange, die 
zerbrochen unter einem Gneisblock von ungefähr 5 bis 6 Centner lag. Auf diesen Block 
stiessen wir bei der Ausgrabung bereits am Ausgehenden der Culturschichte , in der Nähe 
der Kieswand; er ragte über den eigentlichen Grund und Boden der Grube etwas hervor und 
musste der Ordnung halber weichen , weil eine Ebene als Abbaufläche not big war. Er wich 
endlich dem Pickel und dem Hebeeisen, und siehe da — jene angearbeitete Rennthierstange lag 
zerbrochen darunter. Diese legte den Gedanken an menschliche Grabarbeit an diesem Ort 
sehr nabe. Offenbar war der Gneisblock, zu schwer, um ohne ordentliches Handwerkszeug 
aus der Grube geschafft zu werden, in seinem Lager nur verrückt worden, wohl auch um- 
gekippt, und hatte eines der primitiven Werkzeuge aus Renngeweih, das bei dem Versuch, 
den Stein herauszusehaffen , möglicherweise als Hebel gedient haben mochte und dabei ent- 
zweigebrochen war, t «graben. Sei dem nun aber wie ihm wolle, mag die Grube eine künst- 
liche sein oder eine natürliche, wir hatten darin nicht nur alle Abfalle der Küche liegen, 
sondern überhaupt alles Mögliche, was, wie man sich heute aasdrückt, in den Kehrichthaufen 
kommt. Daher fand sich auch an Artefacten eigentlich nichts Gutes vor, es war lauter zerbro- 
chene Waare, es waren Ablalle ebenso der Industrie, wie der Küche. 

Letztere sind l>egreiflich der Zahl nach überwiegend, sind aber von der einfachsten, rohe- 
sten Art: geöffnete Markröhren und zerklopfte Schädel des Wildes. Sie unterscheiden sich 
in keiner Weise von den KüchenabfKllen, wie sie überall und zu allen Zeiten gefunden werden. 
Was darüber bemerkt wen len mag, ist einzig nur, dass keiner der geöffneten Knochen die 
Spur eines anileren Instrumentes zeigt als die eines Steines. Auf einen Stein als Unterlage 
wurde der Knochen gelegt, mit einem Stein wurde der Streich geführt. Solche Steine kamen 
während der Ausgrabung täglich dutzendweis aus der Culturschichte zum Vorschein. Es waren 
lauter an Ort und Stelle aufgelesene Feldsteine, unter denen namentlich den hübschgerollten 
Quarzgeschieben ungefähr von der Grösse einer Mannesfaust der Vorzug gegeben wurde. 
Andere waren etwas roh zugerichtet, keulenförmig mit einer Art Handgriff, wie es sich beim 
Zersplittern grösserer Stücke halb zufällig, halb absichtlich ergiebt. Ebenso fanden sich grös- 
sere Steine, Gneisplatten von 1 bis 2 Qnadratfuss, schieferig« Alpenkalke, rohe Blöcke von 
diesem und jenem Gestein, die wohl die Schlachtblöcke vertreten oder als Heerdsteine fimgirt 
hatten, da Brandspuren an denselben alsbald in die Augen fallen. Tbeilweise sind die Steine, 
wo sie am Feuer stunden, abgeschicfert, alle aber mehr oder minder geschwärzt, was Niemand 
überraschen wird, der die Unlöslichkeit des Kohlenstoffes kennt. 

Höchst auffälliger Weise lag boi den geschwärzten Steinen, bei den vielerlei Kohlen- und 
Aschenplatten, die Arischen hinein in die Culturschichte gemengt waren, auch nicht Ein Scherben 
eines Geschirrs, keine Spur von jenen rohen, nur aus der Hand geformten und an der Sonne 
getrockneten Schüsseln, die in den ältesten Niederlassungen bis jetzt gefunden worden sind. 
Dass der Schussenrieder keine irdenen Geschirre hatte, wird man als sicher annehmen dür- 
fen. An Material von Thon und Quarzsaml hätte es wahrlich nicht gefehlt, liegen doch in 
nächster Nähe die grössten Lehmlager, die später die Abteigebände erstehen Hessen imd 



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Beiträge zur Culturgeachichte des Menschen während der Eiszeit 37 

heute noch den Ziegler und Töpfer zur Genüge versorgen. Den Ein wand, dass nun eben zu- 
fällig kein Scherben in die Grube geworfen worden sei, kann man offenbar nicht gelten las- 
sen; denn wenn irgend ein Gegenstand Abfälle liefert, so sind es irdene Geschirre: wo nun 
dem Hundert nach andere deutliche Abfälle der Küche liegen , wo sich insonderheit Schiefer- 
stücke und .Sandsteintafeln finden (die vom Feuer geschwärzt die Stelle der irdenen Geschirre 
vertraten); da wären sicherlich auch Scherben von Geschirren, wenn solche vorhanden gewesen, 
mit in die Grube gefallen. 

In dieser Hinsicht Ist der Fund eines fossilen Becherschwanmis, Tragos patella, auf den 
Herr Valet nachträglich noch aufmerksam wurde, wohl auch zu erwähnen. Der Schwamm, 
den alle Jurapaläontologen wohl kennen, entstammt dem mittleren weissen Jura und findet 
sich in zahllosen Exemplaren ebenso an der schwäbischen Alp als im Aargauer Jura, um 
andere, entferntere Plätze nicht zu erwähnen. Anfangs dachte ich an Geschiebe: da aber 
Wciss- Jurageschiebe in Obernehwaben überhaupt zu den grössten Seltenheiten gehören; da 
nach den Anschauungen der Schweizer Geologen (vgl. Heers geol. Uebersichtskarte) nicht recht 
denkbar ist, wie sie etwa vom Reussgletscher hin zum Rheingletscher hätten geschoben wer- 
den können, so muss man einen Transport durch Menschenhand vermuthen. Die Steinschüssel, 
die am Boden lag, war wohl einem der Alton aufgefallen, er hatte sie aufgehoben, um sie 
irgend im Haushalt oder in der Küche zu verwenden, wie heute noch Bauern ihre Krant- 
stauden gern mit Ammoniten beschweren, oder wie einst der Pfnhlbauer Cidariten >) auflas und 
durchbohrte, um sie als Wirtel an der Spindel zu benutzen. Wer weiss, oh nicht einst- 
mals ein derartiges Fossil wie jene Naturschüssel, das Motiv war, aus Lehm ähnliche For- 
men zu schaffen und ob nicht die ersten Anfänge der Töpferei in der Nachbildung eines 
von der Natur gebildeten Geschirres bestanden? 

Von grösstem Werth zur Beurtheilung des Schu&sen- Menschen sind die Arbeiten in Hirsch- 
horn. Die Geweihe des Rennthiers waren da» Rohmaterial, aus dem die Beinworkzeuge fast 
ausschliesslich gefertigt wurden, und wir sind im Stande, an der Hand der zahlreichen Stücke 
die Entstehung der Artefaete zu verfolgen, und so zu sagen eine Genesis der einzelnen Stücke 
zu geben. Das erste Geschäft war immer, vom getödteten Renutbier das Geweih abzu- 
schlagen: kein geringes Geschäft, wenn hiezu die Metalle fehlten. In Fig. 16 (a. f. S.) ist 
Ein Stuck für viele gezeichnet, um daran die gewöhnliche Art dieser Manipulation zu zeigen. 
Der Schädel ist zerschmettert, in einzelnen Stücken findet man die Trümmer des Schädeldachs, 
ein grösseres oder kleineres Stück hangt immer noch am Geweih. Das zweite Geschäft war 
nun die Augensprosse bis auf einen Stummel abzuschlagen : die breite Schaufel , welche das 
Thier an der rechten Seite des Geweihs trägt, war absolut unbrauchbar, sie wurde daher zuerst 
entfernt und auf den Haufen geworfen. Desgleichen wurde die Gabel, ml er bei älteren Thie- 
ren die mehrfachen Zinken der Seitensprosse abgenomnien und nunmehr an das schwere 
Geschäft gegangen, die Hauptstange hart über der Abzweigung des Seitensprossen wegzu- 
nehmen. Zu dem Ende wurden mit einem Steine, der bald schärfer bald stumpfer war, Schläge 
in einem schiefen Winkel an die Stange geführt, ganz in derselben Weise wie ein Holzhacker 

1 , Die Sammlung? des Conservatoriums für Alterthümer in Stuttgart, die sich durch ihren Reichthum an 
Pfahlhauresten auszeichnet, bewahrt einen »ehr schonen Cidaris suevica Des., der durchbohrt ale irtcl gedient. 
Kr stammt aus der Station Sipplingen am Bodensee. 



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38 Beitrüge zur Culturgcschichte <les Menschen während der Eiszeit 

einen Baumast vom Baume haut War die Stange gegen die Hälfte durchhauen, so wurde sie vol- 
lends abgebrochen (Fig. Iß). Mit grosser Aufmerksamkeit haben wir alle die Hiehfläehen an den 

Stangen betrachtet ; nur eine 
einzige konnte etwa Zweifel 
erregen, ob sie nicht vielleicht 
mit einem schneidenden In- 
strumente wäre ausgeführt 
worden. An der fraglichen 
33 Mijlim. starken Stange sind - 
auf 14 Millint. Tiefe gegen 20 
Schrammen, die so aussehen, 
als wären sie mit einem schar- 
tigen Beile gemacht worden. 
Um hierüber ins Klare zu 
kommen , ward unser erster 
Beindreher in Stuttgart zu 
Rathe gezogen, der sein Ur- 
tlieil mit grosser Bestimmtheit 
dahin abgab, dass diese Hiebe 
weder mit einem Beil noch mit 
einem Hackmesser gemacht 
seien. Vielmehr meinte dieser 
wohlunterrichtete Sachverständige, er kenne nur Ein Instrument, das eine derartige Spur mache, 
und zeigte ein Steinmesser vor, das er vor Jahren aus Mexiko von einem früheren Arbeiter zuge- 
sandt erhalten hatte. Mit diesem Messer führte er nun Streiche gegen eine frische Hirsehstange 
von gleicher Stärke und überzeugte uns durch die That, dass auch an dem einzigen zwei- 
felhaften Stücke entschieden kein Metall zu Hülfe genommen war. Von so grossen, schweren 
Steinbeilen fand sich nun allerdings nichts in der Grube vor, wir setzen sie nur voraus, da 
die schartigen Hiebe, die theilweise einen Strich von 3 Mül im. hintcrlasscn haben, mit keinem 
der aufgcfumlcucn leichten Feuersteine hätten ausgeführt werden können. — I)io Seitensprosse 
zweigt von dor Stange des Gew'eihs unter einem rechten Winkel ah und bildet so ein Knie, 
das gut zu verwenden war, indem es einen natürlichen Haken abgiebt. So finden wir denn 
Fig. 17 auch den Stummel der Stange benutzt, indem er von der Basis an bis zur Abzweigung 
der Seitunstange durchbohrt wurde. Das gebohrte Ixich ist ungefähr so weit, dass man mit 
dem Finger hineinfahren kann und könnte entweder zur Aufnahme eines HnlzsticU dienen, in 
diesem Fall wäre die zugeschliffene Seitensprosse als eine Art Waffe lienutzt worden. Da 
wo der Augensprosse abzweigte, ist das Geweih zur Hälfte durchschnitten , um hier den 
Stiel festzubinden. Leider ist an unserm Stück die Spitze abgebrochen , was wohl auch der 
Grund war, das Instrument als unbrauchbar über Bold zu werfen. Im andern Fall ist auch 
möglich , die Seitensprosse als Handgriff eines einfachen Heftes anzusehen und sicli einen 
entsprechenden angeschlagenen spitzen Feuerstein in die Uctfhung eingefügt zu denken; dieser 
wäre dann au der Kerl* mittelst Band und Schnur festgen lacht worden. 



Fi(f. 10. 




geeiltes Geweihstück vom Iteunthier. Schädel, Staupe und Sprossen 
sind ahpeschlapen. Vr natürlicher Grösse. 



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Beitrüge zur Culturgeschichte des Menschen während der Eiszeit. 39 



Zu Heften für die Feuersteinmesser haben die Nebcnsprossen und Zinken der Stange ge- 
dient. Ohne solche Hefte wäre es ebenso wenig möglich gewesen, die Stücke als Messer und 
Sägen zu benutzen, als wir eine stählerne Messerklinge ohne Heft oder Handgriff richtig 
handhaben könnten. Hier ist daher wohl der geeignetste Ort, Uber die zugeschlagenen Feuer- 
steine selbst eine Uebersicht zu geben. Sie ordnen sich in zwei grosse Gruppen: in znge- 
spitzte, lanzettförmige und in abgespitzte, sägeblattforuiige Steine. Erstere mögen vorzugsweise 
zur Jagd gedient haben, als Pfeil- und Lanzenspitzen; letztere stellten die Handwerkszeuge 
vor, die zum Bearl>eiten des Hirschhorns nöthig waren. Die Sägeblätter sind oben und unten 
abgestumpft, alier an beiden Kanten zu geschärft. Die eine Seite ist flach und durch einen 
Fig. 17. Fig. 18. 




Ilorcbbohrtcs üntercnde einer linken Stange des Rechte Kmnonsdmufel eines alten Renn» mit 

Renne. % natürlicher Grösse. abgesagter Xebensprusse. Vs natürlicher Grösse. 

Schlag gewonnen; die andere hat 3, 4 und 5 Flächen, die sich von einem Rücken gegen die 
Kanten abdachen. Im Wesentlichen haben letztere die Form der späteren Flintensteine, von 
denen ein Arbeiter einst 500 im Tage schlug, ehe Streichholz und Zundhut den Feuerstein 
überwand. Ihre Grösse ist sehr verschieden und wechselt zwischen einer Länge von 3Centim. 
und 6 Millim. Breite bis zu 8 und fl Centim. Länge und 4 Centim. Breite : durchgängig herrschen 
Stücke von 4 Centim. Länge bei 1 Centim. Breite vor. Mit diesen zweischneidigen Feuer- 
steinklingen ohne Heft zu arbeiten ist mehr als schwierig, von der nöthigen Geduld gar nicht 
zu reden, bis eine Sprosse abgesagt oder ein fusslanges Stück der Länge nach aus einer Stange 
herausgeschnitten war. Wie Fig. 18 zeigt, wurde daher eine handhäbige Sprosse von der 



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40 



Beitrage zur Cullurgeschichte des .Menschen während der Eiszeit. 



Schaufel abgesiigt, auf der linken Seite etwas ausgefeilt, und hierauf der Sägeblattstein in den 
Griff gespannt. Einzelne Kerhen an den Enden des Blattes lassen verinuthen. dass die Steine 
mittelst Darmsaiten oder Riemen festgehunden wurden. Wo die Kerlien fehlen, mag die Be- 
festigung mittelst eines Kittes geschehen sein, wie wir das aus den Pfahlbaustationen von 
Fi*. 10. Kig. 20. 




Nussdorf, Mauvach und Wangen kennen, woher unsere Alterthumssammlung mehrere derart ige 
Exemplare besitzt. Die beiden Figuren 19 und 20 zeigen die Art und Weise, die Nehcn- 
sprossen zu entfernen, womit ein doppelter Zweck erreicht war: erstlich diese selbst zu geeig- 
neten Heften und Grillen zu verwenden und zweitens die Stange zu isoliren und frei von ihren 
Ae-sten zu erhalten. Solcher isolirter Stangen liegen mehrere vor: sie sind mit grosser Sorg- 
falt glatt geschaht; wenn nicht an denselben die poröse Structur das Geweihes den Ort an- 
zeigte, wo eine Sprosse gesessen, man würde gar nichts bemerken: so eben ist die Flüche 
gefeilt. Das obere Ende einer solchen Stange ist etwas zugespitzt, zeigt aber keine Schärfe 
mehr, dagegen Spuren eines starken Gebrauchs, als oh es vielmals an härteren Körpern Wider- 
stand gefunden hätte. Die doppelte Curve, welche die Stange beschreibt, erinnert unwillkür- 
lich au eine Pflugschar. Es kommt uns jedoch nicht in den Sinn, deshalb an eine Be- 
schäftigung mit Ackerbau zu denken; allein es können diese Instrumente kaum einen 
anderen Zweck gehabt haben, als etwa Gr&barboitcn damit auszuführe». Die Schar- 
ten, Risse und Striche, welche die Stangen an ihrem Ende sehen lassen, können fast auf keine 
andere Weise erklärt werden, als durch den Gebrauch der Stange in steinigem Grund. Dabei 
denken wir am liebsten an das Ausgraben von Gruben für Jagdzwecke, wobei eine geknitmute, 



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Beitrüge zur Cukurgcschichte des Menschen während der Eiszeit. 41 

vorn zugespitzte Rcnnthicrstange die Stelle von Hebel und Pickel in Ermangelung metalle- 
ner Instrumente ganz gut vertreten konnte. Ein Abbrechen dieses Hebels war bei der un- 
gemeinen Festigkeit und Zähigkeit des Hirschhorns nicht leicht zu befurchten. Waren es 
keine Grubenfallen, die mit unserer vereinigten Schaufel und Hacke angelegt wurden, so 
leistete das Instrument seinen Dienst, wenn es galt, den Dachs oder Fuchs in seinem Rubi zu 
verfolgen und durch Grabarbeit die Beute zu erjagen. 

Gehen wir in der Bearbeitung des Renngeweihs einen Schritt weiter, so kommen wir an 

Figur 21. Sie stellt uns eine Stange vor 
Augen, die der Länge nach aufgeschnitten 
ist, und der nun die Innenseite fehlt Die 
Schnittfläche ist wie immer ganz glatt, 
scharf durch Ausfeilen mit Feuerstein zu 
Stande gebracht. Anfangs der Meinung, 
ein solches Stück stelle an und für sich 
ein Instrument vor, das zu irgend einem 
Zwecke gedient halte, begriffen wir doch 
bei der Menge, in der solche Stücke sich 
fanden (gegen 30), dass wir kein wirkliches 
Instrument vor uns hatten, sondern nur 
AbfallstUcke. Eine Reihenfolge augefan- 
gener, halb fertiger und fertiger Stücke 
belehrte unzweideutig hierüber. Die Stange 
des Rennthiers, wie sic von Fig. IC al 'fiel, 
kam in der Weise in Arbeit, dass sie vom 
Arbeiter gegen den Boden gestemmt wurde. 
Bald geschah dieses Stemmen mit der lin- 
ken Hand, bald mit den Beinen oder dem 
Oberkörper, während mit der Rechten der 
Feuerstein gefasst und zuerst ein Längen- 
schnitt auf der einen Seite von 5 bis 8 De- 
cim. ausgefUhrt wurde. Dieser Schnitt prüfte 

zugleich die Festigkeit des Horns, die bo- 
Linke Stange eine« UennhirnchCT im dritten Hob, (Irren . 

Innenseite ausgevägt. % natürlicher Grösse. kanntlich je nach dem Alter des Holzes 

und der ganzen Körperbeschaffenheit des 
Thieres verschieden ist. Ward das Horn unbrauchbar gefunden, so warf man es weg (zwei 
solche Stücke liegen vor); war es brauchbar, so wurde eine Art Zeichnung, ein Umriss ein- 
gekratzt, der die Länge und Breite des herauszuschneidenden Beinstückes angab: die Betinnadeln, 
Pfeil-, Speerspitzen, Angeln und dergleichen erhielten somit am Geweih schon ihre Bestim- 
mung, und wurden nach vorgezeichneter Form und Länge sofort herausgefeilt. Man schnitt 
bis zum porösen Innern des Geweihes ein, worauf das Stück vollends ausgebrochen werden 
konnte. Nach diesem Geschäft blieben Stücke wie Fig. 21 übrig: sie fanden keine Verwen- 
dung mehr und wunderten in die Grube. 

Archiv fUr Anthropologie. Hd. II. Hell I. (J 




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42 Beitrüge zur Culturgeschichte des Menschen wiihrend der Eiszeit. 

Eine Zeit lang, ehe wir uns in die folgerichtige Art eines Arbeiten* mit Feuersteinen 
hineindachten, waren wir der Ansicht, die innere, eoneave Seite des Renngeweihs werde här- 
ter sein als die äussere, convexe Seite und sei dämm immer zur Ausführung der Beinwaaren 
gewählt worden. l>en> ist jedoch nicht so, die Innenseite wurde ganz einfach darum gewählt, 
weil die Manipulation des Aussägens auf dieser Seite allein möglich ist, wenn Schraubstock 
und Zwinge fehlen. Da hier von Handarbeit in des Wortes verwegenster Bedeutung die Rede 
ist, und der Feuerstein in Wahrheit das einzige Hiilfsmittel war, musste «las Geweih, wenn 
man es festhalten wollte, mit der BogenBeite gegen den Boden gestemmt werden: umgekehrt, 
d. Ii. wenn man es nach der Sehnenseite gestemmt hätte, wäre eine Sicherheit in der Führung 
iles Steins gar nicht möglich gewesen. Dies der einzige, aller auch hinreichende Grund, dass 
sümmtliche Stangen auf der Innenseite ungesagt und sämmtliche Artefacten aus dieser Innen- 
wand des Geweihes gefertigt sind. Sollte man vielleicht anderswo Renngeweihe anders ange- 
schnitten linden, so wird man mit Sicherheit auf irgend einen Vortheil sch Hessen dürfen, der 



Fig. 22. Fig. 23. Fig. 2t. Fig. 25. 




Dolche und Bolzen uns Renngeweih geichnitzt. Sämmtliche in */j natürlicher GröKO. 



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Beitrüge zur Culturgeschichte des Menschen während der Eiszeit. 43 

bei Bearbeitung der Geweihe angewandt worden. An der Schüssen kannte man ihn nicht, 
daher auch die colossale Vergeudung von Material, das Allem nach auf den gesegneten Jagd- 
gründen Oberschwabens billig zu haben war. 

Die Figuren 22 bis 25 zeigen einige der Fabrikate, die auf die beschriebene Weise ans 
den Renngewcihen herausgeschnitten sind; mit Ausnahme des Bolzens sind es unbrauch- 
bar gewordene Stücke, die durch Abbrechen der Spitze und durch Stumpfwerden ihren Werth 
verloren hatten. Fig. 22 stellt ein ausserordentlich glatt geschabtes, vollständig abgerun- 
detes Stück dar, dessen Spitze abgebrochen: an dem untern Ende sind Kerben eingefeilt, augen- 
scheinlich zum Festschniireu in ein Heft mittelst eines Riemens oder eines gedrehten Darms. 
Eine abgebrochene Spitze stellt Fig. 25 dar; denken wir sie auf Fig. 22 aufgesetzt, in einen 
Griff fest eingefügt, so Italien wir einen 4 Decim. langen Dolch, den man mit Leichtigkeit 
dem Feinde, heisse er Petz oder Mensch, zwischen die Rippen stossen konnte. Fig. 24 ist 
wohl ein ähnliches kürzeres Instrument, mit einem Oehr, wahrscheinlich um, au einem Riemen 
getragen, stets bei der Hand zu sein. Heft nnd Klinge ist hier von einem Stück, die Spitze 
durch vielen Gebrauch schon stumpf. Fig. 23 ist offenbar ein Bolzen: die Spitze ist abge- 
rundet, das Unterende Hach , um die Feder des Pfeils auizunchinen. Höchst wahrschein- 
lich gab die Schwungfeder des Schwans, von dem so mancher abgenagte Knochen in der 
Grube liegt, zur letztem das Material. Herr Valet in Schussenried fand nachträglich 
einen ähnlichen Bolzen, der dadurch sich auszeichnct, dass dessen Spitze nicht rund zu- 
läuft, sondern rautenförmig zugoschliffen ist, ganz in der Art der mittelalterlichen eisernen 
Bolzen. Derselbe ist 14 Centim. lang, in der Mitte 7 Milliin. breit und an der Basis 8. 
Ausserdem zeigt da« Stück keine vollkommene Rundung, vielmehr ist es in einer Richtung 
schmäler als in der andern, um auf dieser breiteren Seite zwei Rinnen zu führen, die 
den ganzen Bolzen entlang gehen. Waren das Giftrinnen, wie Vogt bei ähnlichen Pfeil- 
spitzen ndt Widerhaken vermuthet( Kaum wird man bei diesen zugespitzten Instrumenten 
an eine andere, etwa friedliche Bestimmung denken dürfen, wie an Stricknadeln für die 
Fischernetze oder Nadeln zum Heften der Häute u. dergl. Zum Netzstricken brauchte 
man damals schon wie heute hölzerne Nadeln. Eine solche Holznadel (die Holzart erkennt 
man nicht mehr leicht), hübsch rund und glatt geschabt, sieht wenigstens den Filetnadeln 
unserer Hausfrauen vollkommen gleich. 

Im Zweifel, welchen Zwecken dieses oder jenes Instrument gedient halie, ist cs wohl 
gerathener, an die Zwecke der Sclbstcrhaltung durch Jagd und Erringung von Nahrung zu 
denken, als an Anderes, was nicht unmittelbar darauf Bezug bat. Fig. 26 (a. f. S.) ist eine deut- 
liche Fischangel, aus Renngeweih geschnitzt, mit abgebrochenem Widerhaken. Zahlreiche 
Wirbelkörper von stattlichen Fischen bezeugen, dass, so roh auch die Instrumente waren, mit 
denen der Fischfang betrieben wurde, doch wahrscheinlich durch Geschicklichkeit und Ge- 
wandtheit der Mangel ersetzt und ebenso gut die Zwecke erreicht wurden, als das heute 
der Fall ist- Auch mag wohl der Fischreichthum der Schüssen noch ein ganz anderer gewesen 
sein und gewiss im richtigen Verhältnis« zum Jagdreichthum der Gegend gestanden haben. 
Wenigstens weist die Grösse der Angel darauf hin, auf welche stattliche Exemplare von 
Fischen es bei den Jagden abgesehen war. 

Der Fund von Instrumenten wie Fig. 27 (a. f. S.) war gar nicht selten. Es sind ausge- 

ß* 



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44 Beitrüge zur ( ’ulturgeschichte des Mensclicn wiihrend der Kiszeit. 

höhlte Bogenstiieke des Geweihes; die minder harte, poröse Gegend desselben wurde aus- 



Fia. 2(1. Fijj. 27. 




geschabt, so dass rinnenförmige Stücke von 3 bis 4 Decim. Längt; entstanden. Wäh- 
rend der Grabarbeiteu nannten wir derartige Stücke halb scherzweise tlie Lötfel; 
was man sich eigentlich darunter vorstellen soll, wird wohl nimmer leicht zu 
sagen sein. Am ehesten scheinen sie beim Auswaiden der Thiere ihre Bienst« ge- 
than zu haben. Ben breiteren Tlieil in der Hand fuhr man mit dem Stücke 
zwischen Haut und Fleisch, schabte wohl auch mit den immerhin etwas scharfen 
Kanten das Fett vom Balg, hauptsächlich aber schöpfte man das Hirn aus dem 
Schädel oder fing damit das Blut der frisch getödteten Thiere auf. Lst es 
tloeh, wie wir lesen, heute noch die höchste lfelicatCK.se des Samojeden, Ostiaken 
und Korüken, das noch warme Hirn des getödteten Reims roh zu verspeisen, 
chene Fisch- Ebenso trinkt man in Grönland allgemein das warme Blut oder verspeist es mit 
“"‘-'f 1, ^ at ' Beeren. Solche culinarischo Genüsse mag Fig. 27 begünstigt haben, dagegen wird 
die Deutung weiterer Stücke immer schwieriger. 

So haben wir z. B. zwei Geweihstücke vor uns, die an ihrer Basis doppelt durchbohrt 
sind. Einfach durchbohrte, oder angebohrte fehlen nicht; die Durchbohrung sollte das Tra- 
gen <les Stückes an euiem Riemen ermöglichen. Zu was aber die doppelt durchbohrten 
Stücke dienen sollten, ist weniger klar. Vogt 1 ) nennt ähnliche in Frankreich aufgefundene 
Stücke Commnndostäbe unter Bezugnahme auf ähnliche Würdenzeichen, welche die Wakasch- 
Indianer von der westamerikanischen Wahl- und Gebirgsinsel Vancouver tragen. Ich erlaube mir 
einem so gründlichen, Kenner gegenüber keinen Einw&nd, wenn mir auch die Sache etwas 
zweifelhaft erscheint. Jedenfalls dürften Stücke, wie Fig 28, die gleiche Bedeutung haben als 
die von Vogt beschriebenen. Ich hatte, ehe ich Vogt’s Urtheil darüber kannte, daran 
gedacht, es möchte das doppelt angebohrte Horn zur Maschinerie eines Vogelheerds gehören. 
Durch die beiden glatt geschabten Üeffnungen liefen die Leinen, um aus der Entfernung die 
Garne zu ziehen; Aehnlichcs lässt sich brauchen beim Fischen mit Netzen. Dazu passt 
dann freilich die Schnitzarbeit nicht, welche auf den französischen Funden angebracht ist. 
Unsere Stücke tragen keine Spur künstlerischer Bearbeitung an sich. 

Im Klima Oberschwabens konnte, wie cs scheint, der Geist unserer Jägerhorden einen 
künstlerischen Aufschwung noeli nicht nehmen. Der Trieb der Selbstcrhaltung und das Rin- 
gen ums tägliche Brot nahm so alle Zeit und Kraft in Anspruch, dass hier eine geistige Knt- 

') Siehe Weaterinann’s illustr. deutsche Monatshefte. Octoberhoft 1Ö6U. 




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Beiträge zur Cuiturgescliichte des Menschen während der Eiszeit. 45 

faltung, wie in dem zu tr üblicheren Klima Südfrankreiclis, nicht aufkam. Dort machte man 
mit dem Feuerstein wirklich kunstvolle Griffe an die Dolche von Rcnnthiorhom : auf durch- 
bohrten, zum Tragen eingerichteten Geweihstücken erblickt man Rennthiere auf der Flucht, 
Fig. 38. Fig. 29. 




Doppel» durchbohrtes Oeweihstfick eines jungen Renn«. Obere« Ende einer linken Stange vom Renn mit 
y s natürlicher OroBsc. eingekritzelten Figuren. Vs natürlicher Grotte. 

Auerochsen, Fische, Bären, ja seihst eine menschliche Figur liehen einem Pferd. 7 . u solcher 
Kunst brachte es der Sehus-senrieder nicht. Er blieb in dieser Hinsicht auf der untersten Stute 
der Idos kindischen Versuche stehen, wenn wir nicht zu seinen Gunsten annehnien wollen, 
dass seine gelungeneren Kunstwerke einfach darum uns nicht überkommen sind, weil sie 
nicht auf den ]>iingorhaufen geworfen wurden. Fig. 29 ist ein solches Stück , das einzige an 
der Schüssen aufgefnndene, an dem man eingekritzelte Figuren wnhmiinmt. Sie zu ent- 
ziffern ist aber bis jetzt nicht gelungen. Die Figuren sind mit Feuerstein gegen 1 Millim. 
tief eingeritzt um! haben die grösste Aehnlichkeit mit einem Gekritzel aus Langerweilc. Die 




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4 « 



Beitrüge zur ('ulturgcseliidite des Menschen während der Eiszeit. 

Stau;'«' an und für sieb ist. noeli hart und gesund, und am unteren Ende ringsum angepiekt und 
dann wie sonst auch über «lern Soitenspro.ssen abgewürgt Das obere Ende wurde leider beim 
Ausgraben zertrümmert und die abgeschlagenen Stücke nicht beachtet, da die Zeichnung, die 
erst später an dem gewaschenen Stücke zum Vorschein kam, unter dem deckenden Schlamm 
und Schmutz nicht sichtbar war. Dass «las Gekritzel irgend etwas vorzustellen habe, wild 
man schon annehmen dürfen. In diesem Fall sehen die voiiistelten Striche pflanzlichen 
Kör|>em ähnlich; entweder versuchte der primitive Zeichner ein Landsehaftsbild zu skizziri'U 
mit Buschwerk und Niederholz, oder es leitete ihn das Motiv einer Zwiebel oder einer Rübe, 
und so entstand das Bild «1er Landschaft am unteren Ende, die Zwiebel oben an der Stange. 
Unter allen Umständen ist es ein erfreulicher Beweis der Uebereinstiinnmng von Sitten und 
Bräuchen beim Oberschwaben und beim Siidfranzosen, die Stangen des geschätzten Jagdthiers 
mit Ornamenten zu versehen oder sonst als Material eines gewissen geistigen Aufschwungs zu 
liemitzen. Zum «Schluss sehen wir Fig. 80 an. Es ist ein «Stück von der rechten «Stange eines 

Fig. SO. 




ausgewachsenen Thieres, an welcher tiele Kerben oingefcilt sind. Die Kerben sind tlicils «•in- 
fache Striche, die bis zu 2 Millim. Tiefe eingeritzt sind , theils «lureh feinere Striche verbun- 
dene Hauptstriebe. Der Gedanke an ein Kerbholz liegt zu nabe und «lie Striche sind offen- 
bar Zahlenzeiehen, eine Art Notizbuch etwa über erlegte Rennthiere und Bären oder sonst 
ein Memento. An blosse Langeweile zu «lenken, ist toi der Regelmässigkeit der immerhin 
einige Muhe erfordernden Kerben doch nicht wohl rathsam. 

Dreht sieh bis jetzt der ganze Fund von Artefaeten, mit Ausnahme etwa der beiden letzt- 
erwähnten Stücke, einfach tun Waffen und Jagdgerüthe und olles Gefundene überhaupt um die 
Befriedigung des Himgers mit Fleischspeise, so fehlt es andrerseits auch nicht an Zeichen, «lass 



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Beiträge zur Culturgeschichte des Menschen während der Kiszeit. 47 

der Sinn für Verschönerung dem Schussenrieder nicht abging. In dieser Hinsicht machten 
wir Funde, die unseres Wissens noch nirgends gemacht worden sind, und eben darum einen 
nicht unwesentlichen Beitrag zur Culturgeschichte jenes Menschenstammes liefern. Diese Funde 
bestehen in rothen Farben, deutlichen Fabrikaten, die in einzelne kleine Stücke zerbröckelt 
in der Culturschichtc lagen; ein Stück bestand in einer missgrossen gekneteten Paste. Die 
Farbe zerrieb sich wie Butter zwischen den Fingern, fühlte sich fett an, und färbte die 
Haut intensiv roth. Die Farben sind Eisenoxyd und Oxydul, und entstammen ohne allen 
Zweifel der nahen Alp, wo das Rohmaterial eben sowohl im Gebiet der tertiären ßohnerze, 
als der jurassischen Braun- Juraerze reichlich gefunden wird. Einfaches Zerstossen und Schlem- 
men der dortigen ThoneLsensteine lieferte das Eisenroth, das vielleicht noch mit Rennthier- 
fett angemacht wurde, ehe es zur Benutzung kam. In erster Linie wurde wohl der Körper 
•selbst damit bemalt, wie es Indianer und Kaffer noch liebt, um sich für Tanz und Krieg zu 
schmucken. 

Dies ist im Wesentlichen der Fund an der Schussenquello. Bis jetzt war aus Deutschland 
noch nichts Aehnliches l>ekannt, und man war schon im Begriffe den Schluss zu ziehen, jenes 
Volk, das mit dem Rennthier zusammen gelebt, stehe in Frankreich und Belgien vereinzelt 
da. Jetzt muss der Kreis erweitert werden, und nur wenige Jahre wird es anstehen, so 
werden unsere Anschauungen von der Bevölkerung Centraleuropas zur sogenannten Eiszeit 
uoch richtiger gestellt sein. Dass wir es mit Einem Volk zu thun haben, dessen Spuren 
die Höhlen und Grotten der Dordogne ‘) bewahren , und das zugleich an den Quellen der 
Schüssen jagte, kann Niemand mehr zweifelhaft scheinen, der die beiderseitigen Reste lieben ein- 
ander hält In Folge der liebenswürdigen Liberalität, mit der Herr Lartct von seinen Funden 
an befreundete Museen mittbeilte, habe ich aus den Höhlen La Madolaine, Les Eyzies, Lau- 
gerie und Le Moustier, aus dem Arrondissement Sarlat in der Dordogne, eine Reihe von 
Feuersteinmessern, geöffneten Rennthierknoehen, angesägten Renngeweihen, Zähnen und Resten 
von Pferd und Ochs vor mir liegen, und halte sie gegen die Funde an der Schüssen. Da sind 
in erster Linie die Feuersteine beider Urte wie nach Einem Model geschlagen, fast möchte ich 
sagen, es liegen sogar südfranzösischc Kreidefeuersteine an der Schüssen, so ähnlich sieht sich 
der Stein. Letztere Möglichkeit ist gar nicht ausgeschlossen, denn ächte, entschiedene Kreide- 
feuersteine wurden neben anderen alpinen, jurassischen und zweifelhaften Feuersteinen an der 
Schüssen benutzt. Auf 100 Stunden im Umkreis giebt es aber keine Kreide und keine 
Kreidefeuersteine , und sie müssen ganz notliwendig aus ferner Gegend mitgebracht oder 
eingehandelt worden sein. In zweiter Linie sind accurat dieselben Feilsehnitte an den Ge- 
weihen von Perigord und Schwallen zu sehen, Schnitte, die mit keinem andern Instrument 
zu Stande gekommen, als mit dem Feuerstein. Drittens bestehen an beiden Orten die Küchen- 
abiälle meistens aus Rennthierknochen, dann kommt Pferd und Ochse, auch Vögelknocheir 
und grössere Fiscliwirbel haben beide Stationen gemeinschaftlich. Dass der Zustand, in 
welchem die Knochen gefunden werden, der nämliche ist, dass in Frankreich und Schwaben auf 
dieselbe Weise die Markknochen aufgeklopft, die Kiefer geöffnet, Löcher in Fingerglieder und 
Fersenbeine geschlagen wurden und dergl. — das könnte man allerdings auf Rechnung des 



*) Cavernes da Perigord (ar L. Lartct et II. thrilfy, Paris 1864. 



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48 Beiträge zur Cult Urgeschichte des Menschen wahrend der Eiszeit. 

instinktiven Handelns aller wilden Volker schreiben; was aber Manipulationen anbelaugt in 
Bearbeitung des Hirschhorns, in der Zurichtung der Hand werkszeuge, der Pfeile, der Lanzen- 
spitzen u. s. w., das weist nothwendig auf gegenseitige Bekanntschaft und Stammver- 
wandtschaft hin. Wenn auch die belgischen Höhlen (Furfooz Irei Dinant) hiebet noch beizu- 
zählen sind, in denen man Rennthierknochen , theilweise verarbeitet, Bär, Ochs, Pferd, BiWr, 
Fiälfraws, Ziege, Vögel und Fische neben Menschenschädeln und Knochen und groben Topt- 
soherben und Kehlen gefunden, so kamen unsere kiilinen Jägerhorden schon in einem hübschen 
Stück von Centraleuropa herum. Wunderbar, dass in Einem der Schädel von Furfooz (Blick 
auf die Urzeit pag. 33, Fig. 1 — 3) Vogt schon im Jahr 1865 einen „dummen Schwaben“ er- 
kannt, zu einer Zeit, da er noch gar nicht wissen konnte, dass auch die Schwaben sich einst 
mit Kennthier- und Bärenmark genährt hatten. 

Vieles, freilich, bleibt noch dunkel und wird es noch lange bleiben, bis wir einmal so glück- 
lich sind, nicht blos die Reste von zufällig verunglückten, sondern von ordentlich bestatteten 
Rennthieijägern aas ihrem Grabe zu ziehen. Bis dahin, ob auch der schwäbische Jäger den 
französischen an Kunstfertigkeit nicht erreicht, vielmehr von diesem schon damals wie heute 
noch an Geschmack und einem gewissen Sinn für Eleganz übertroffen wird, begehen wir 
gewiss keinen grossen Fehler, wenn wir die drei Stationen Uordogne, Naniur und O bersch wa- 
lien als contemporär ansehen, d. h. wenigstens in Ein Jahrhundert verlegen. 

Hie Zeit anders zu bestimmen als durch Vergleichung mit älteren und jüngeren Daten 
aus der Vorgeschichte, ist noch nicht möglich. Es wird sich dabei wesentlich um die Alters- 
bestimmung des Rennthiers handeln, das um jene Zeit das grösste (Kontingent zur Lebens- 
erhaltung des Menschen geliefert hat. Das wilde jagdbare Renn, das heute nur noch dem 
hohen Norden eigen ist, ging in früherer Zeit viel weiter gegen Süden. Sein sanftes, 
scheues Wesen verträgt sich aber mit dem Menschen nicht, es weicht vor der (Kultur in 
die unwirthlichen Gegenden am Eismeer zurück , mit der kümmerlichsten Nahrung zufrie- 
den, wenn nur seine Freiheit gewahrt ist In Grönland war es einst in den Thälorn des ganzen 
Festlandes häufig zu treffen; ,jam autem“, schrieb der Missionär und Pfarrer O. Fabricius in 
seiner Fauna giönl. 1780, „rarior evadens, in montibus remotioribus fere tautum quaeren- 
dus.“ Jetzt ist es in den bekannteren Niederungen Grönlands nur noch als Hausthier zu tref- 
fen. Im Norden Europas und Asiens ist seine Hcimath das nördliche Norwegen, Lappland. 
Finland, Nowaja Sendja und der ungeheure Strich zwischen der Obmiindung und Kamtschatka, 
wo es die Gegenden bevölkert, da der Wald aufhört. Pallas 1 ) fand das wilde Renn noch am 
Ob in der Gegend von Beresow; Georgi im Gebirge nördlich vom Baikalsee; Soknlof am 
Fluss des Kumirsehon Gebirges unter dem 49° nördlicher Breite. Letzterer führt noch das 
wichtige Zeugnis« au, dass am Bache Olenja, der unter 46" 38' nördlicher Breite iu die Wolga 
mündet, nicht selten Benngeweihe aus dem sandigen Ufer gespült werden, woher denn der 
Bach seinen Namen hat (ölen russisch für Renn); diese weite Verbreitung des Renas im öst- 
lichen Theile der alten Welt wird bei der dünnen Bevölkerung jener Gegenden Niemand 
Wunder nehmen, zählte doch der Gouverneur von Jakutsk in seinem 70,000 (Juadratmeileu 
grossen Bezirk nicht mehr als 300,000 Einwohner. Aber auch im westlichen Europa war das 



•) Sehre t> er, pag. 1U39. 



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Beiträge zur Culturgesehichte des Menschen während der Eiszeit. 41» 

Renn zu den historischen Zeiten weit im Süden verbreitet. Die Stelle im Julius Casar (de 
hello gallico *), Lib. VI, 26), kann trotz einiger Unklarheit in Betreff „Eines Horns“ nicht miss- 
verstanden werden , und kann sich nur auf das Renn beziehen. Kein anderer Hirech hat die 
Rindsgestalt und die schaufelförmigen ästigen Hörner, welche dieses Thier mit dem Hirsch 
gemein hat Cäsar verlegt das Renn in den Hercynischen Wald, den er im vorausgehenden 
Satze an den Grenzen der Helvetier und Raurjiker beginnen lässt, wobei er ausdrücklich der 
Donau Erwähnung tliut. Hiernach wäre zu Cäsar’s Zeiten das Renn noch in den deutschen 
Wäldern zu treffen gewesen. Von späteren Notizen kennt man nur noch die widerlegte An- 
gabe des Grafen Gaston von Foix, nach welcher das Renn im 14ten Jahrhundert noch in 
den Pyrenäen zu treffen war. 

Die Thatsaclie seiner früheren Verbreitung in Centraleuropa entnehmen wir sonst nur 
noch der Auffindung Beiner Knochen, die kein Datum des Alters an sich tragen, Eine 
Reihe der verschiedenartigsten Fundorte lässt sich anführen aus dem Rheinthal, aus Frank- 
reich, Belgien etc. Speciell im Schwabenland finden wir es, wenn auch selten, im Lehm und 
Tuff mit Mammuth *) und Rhinoceros'; zahlreicher fanden wir es mit Ursus spelaeus auf der Alb 
im Hohlenstein *) , der schönsten bi« jetzt bekannten Bärenhöhle, die, abgesehen von Bären- 
knoclien und einzelnen Mammuthresten, voll Geweihe und Knochen vom Rennthier steckt. 
Ganz die gleiche Erfahrung machte man in Frankreich, wo überdies noch das Beisammenleben 
des Menschen auch mit Mammuth und Rhinoceros fast unwiderleglich bewiesen ist. 

Mit dieser paläontologischen Bestimmung aber haben wir die Eiszeit. Denn das Con- 
temporäre der Mammuthc und Rhinocerosse in den Niederungen und der Gletscher auf den 
Höhen wird immer mehr und mehr zu einer vollendeten Thatsache. Zur Erklärung derselben 
hat man aber offenbar nicht nöthig, sich nach ausserordentlichen Naturereignissen umzusehen. 
Dass wir uns die Eiszeit recht gut begreiflich machen können, sobald wir ein feuchteres, ocea- 
nisches Klima annehmen, in dessen Folge sich die Sonnnertemperatur erniedrigte, dafür haben 
wir neuerdings aus dem neuseeländischen Gletschergebiet *) überzeugende Beweise erhalten ; 
damit stimmt auch die reiche Flora der Mammuthzeit, da Quorcus Mammuthi H., Populus 
Fraasii H. und andere üppige Bäume neben dem Maximum der späteren Baumffora die 
Oberfläche deckte. Obgleich die Schweiz und Obersehwaben von Gletschern durchzogen war 
und die Alpen ihre Eisströme nach allen Richtungen entsendeten, scheint die Hora minde- 
stens ebenso reich gewesen zu sein, als sic heute Ist, ja noch reicher durch die Reihe von 
Pflanzen, die sich mit dem Verschwinden der Gletscher nach Norden oder in die Hochalpen 
zurückgezogen halten. 

Von allen Seiten her drängen die Thatsaehen zu der Ansicht, dass die Mittelmeergegen- 
den und ein grosser Theil von Europa früher, sowohl in der historischen als in der geologischen 
Zeit, eine gleichmiissigere Temperatur gehabt, weil das Klima ein feuchteres war. Zu 

*) Die Stelle lautet : Eat boa cervi figura, enjua II media fronte inter aurea uimin (muaa entweder ein Schreib- 
fehler aein, at&tt geminum, oder eich anf ila« Eine beziehen, daa Ciaar vor Augen hatte, und dna ihm ers- 
ter erachten, al« alle ihm höher bekannten Geweihe) eomn exsistit exeeteiua magisque directum hia, quae nnhia 
nota aunt, eomihu«. Ah eju« anmrao, aicut palinae, raraique lat« diffunduntur. Kadern est feminae mariaque natura, 
eadem forma magnitudnque rornuum. — fl Quenstedt, Pctrefactenkunde «weite Aufl. S. 78. — *) Der Holde- - 
ateinund der Höhlenbär. Wurth. Jahresb. XVIII, 156, wo übrigens durch einen unerklärlichen Schreibfehler Elen 
atatt Renn gesetzt wurde. — •) Siohc llochitetter in „Reite der Fregatte Xovarn“, Wien 1804, N. 202. 

Archiv fttr Anthropologie. IW- II. lieft L 7 



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50 Beiträge zur Culturgeschichte des Menschen während der Eiszeit. 

derselben Zeit, da in Centraleuropa in Folge dessen Erscheinungen sich beobachten lies- 
sen, die jetzt nur noch dem hohen Norden eigen sind, zu derselben Zeit, da die Gletscher der 
Alpen zur Donau sich erstreckten, da Donau und Rhein aus gemeinsamer Eisquello sich speisten, 
zu derselben Zeit waren auch noch Wälder am Parnass und Helikon, „darin die Unsterblichen 
wohnten“, und fette Weideplätze an den Ufern des Euphrat zu sehen. Einer Grundursache ist 
es zuzuschreiben, dass sich im Laufe der Zeit das Qleichmaass der Temperatur auf unserer He- 
misphäre änderte. Mag sie nun heissen, wie sie wolle, in Folge dieser Ursache schmolzen 
allmälig die Gletscher in Frankreich und Schwaben ab; es machte aber auch in Griechenland 
die Pinie der Strandlohre und der Knoppereiche Platz und eben darum weht jetzt über die 
Trümmer Babylons der heisse Wüstenwind. Das Alter der schwäbischen Eiszeit und der An- 
siedlung des Menschen an dem Ufer der Schüssen weiter zurück zu verlegen, als in die Blüthe- 
zeit des babylonischen Reiches oder in die Zeit von Memphis und seiner Pyramiden, dafür 
liegt auch nicht Ein gültiger Grund vor. 



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IV. 



Beiträge zur Ethnographie von Würtemberg '). 

Von 

Hermann Holder, 

kitujgl wOrtomb. Ober • Medicioal - Hatli. 



I. Ethnographie der gegenwärtigen Bevölkerung. 

Die folgende Darstellung der Ethnographie der gegenwärtigen Bevölkorung Württem- 
bergs ist das Ergebnis» eigener Untersuchungen, welche ich als Stadtdirectionswundarzt au 
zahlreichen Lebenden und mehreren hundert Leichen aus den verschiedenen Bezirken des 
Landes gemacht habe. Ausserdem habe ich noch einige hundert Schädel der jüngst verstor- 
benen Bevölkerung genau untersucht und für die Körpergrösse das Material, welches die Re- 
crutirungslisten lieferten, zu Grunde gelegt. 

Würtemberg besteht bekanntlich aus einem kleineren fränkischen und einem grösseren 
schwäbischen (alemannischen) Theile. Abgesehen von den Juden, der kleinen Zahl Franzosen 
und Pieinontescn (Waldenser), welche am Ende des 17. und Anfang des vorigen Jahrhunderts in 
die Oberämter Maulbronn und Calw einwanderten, und den im Mittelalter als Leibeigene her- 
eingebrachten, jetzt nicht mehr nachzuweisenden Slaven (Wenden), kommen hauptsächlich 
zwei, in ihren reinen Formen ethnographisch scharf von einander geschiedene Typen vor. 

1. Der eine derselben hat eine grosse Statur, breite Schultern, stark entwickelte Mus- 
keln, weisse, auf der Brust und an den Gliedern wenig behaarte Haut, blonde oder hellbraune, 
in der Kindheit blass gelbe Haare, blaue oder graue Augen, ZU gespitzte Hände und Füsse und 
ein, namentlich auch bei den Frauen, wenig geneigtes Becken. 

') I>ie nachfolgende Abhandlung «t zuerst in den Schriften dea wurtembergiseben Allerthumsvereins pu- 
Micirt worden. Eb schien uns der Aufgabe dea Archivs entsprechend, diese Arbeit, die hier unr einem kleinen 
Kreis von Archäologen bekannt geworden wäre, einem grösseren Publiknm zugänglich an machen und der 
Herr Verfasser war gern bereit, unserem Ansuchen, sie im Archiv erscheinen zu lassen, zu entsprechen und 
hat dieselbe zu diesem Behufc, den Zwecken des Archivs entsprechend, mehrfach nmgearbeitet nnd durch 
einige Illustrationen vermehrt. Red. 

7 * 



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52 Beiträge zur Ethnographie von Wiirtemberg. 

Das Gesicht ist ortiioguftth oder massig prognath, bildet ein längliches Oval und ist von 
beiden Seiten gegen die senkrechte Mittellinie bin abgesclirägt ; die Nase ist von etwas Uber 
mittlerer Grösse, hat häufig einen leicht gebogenen Rucken. Die Querachsen der Augen- 
höhlen bilden einen nur wenig stumpfen Winkel mit einander, sind tief, weit, oval oder 
einem länglichen Viereck mit abgestumpften Ecken ähnlich; ihr oberer Rand läuft nahezu 
horizontal, der untere schief von aussen nach innen und oben, so das« die äussere Hälfte der 
orbita geräumiger ist als die innere. Die äusseren Flächen der Jochbeine sind nach den 
Seiten gewendet, stehen nahezu senkrecht, haben in der Mitte der Waugenplatte eine flache 
wulstartige Erhalsenheit, welche den am weitesten nach aussen hervorragenden Punkt der 
Wange bildet und nehmen selten an der fissura orbitalis inferior Antheil. Der aufsteigende 
Ast ist nach aussen leicht concav und einige Millimeter unter den proccssus zygomatiens des 
Stirnbeins hinunter gerückt; der hintere Rand dieses Astes beschreibt eine flache nur wenig 
ausgezackte Krümmung, deren höchster Punkt ziemlich in der Mitte zwischen seinem oberen 
und unteren Ende liegt. Der Zahnrand des Oberkiefers ist oval, .die Eckzähne bilden eine 
mehr oder weniger scharfe Ecke an demselben, die fossa cauina ist flach und steht fast, senk- 
recht. Der das Kinn bildende Theil des Unterkiefers ist eckig und hervorragend. 

Die Stirn ist hoch und in ihrem unteren Theile, im Verhältniss zum vollgewölbteu 
oberen schmal, die Stirnhöhlenwülste sind, zumal bei den Männern, stark entwickelt; 
die deutlich markirten Stirnhöcker liegen ziemlich in einer Ebene. Die beiden seitlichen 
Flächen des Stirnbeins, also namentlich die linea tcmporalis (semicircularis) bilden einen sehr 
spitzen Winkel mit einer senkrechten durch die Längeachse des Schädels gelegten Ebene. 
Die Kranznabt macht eine nicht unerheblich nach rückwärts ausgebogene Krümmung. Die 
Seiten wandbeine sind langgezogen, dachförmig gewölbt, die Höcker liegen in ihrer 
Mitte, oder vor derselben; nahe dem hinteren Drittheil der Pfeilnaht, etwa einen Centi- 
meter von ihr entfernt, liegen mit wenig Ausnahmen, auf jeder Seite ein Emissarinm auf 
gleicher Höhe. Das in Form eines Kugelabschnittes oder einer abgestumpften, vierseitigen 
Pyramide aufgesetzte Hinterhaupt, steht in einer den germanischen Typus eharakterisi- 
renden Weise hervor, oft so, dass es von der Seite gesehen, an dem oberen Ende der Larnbda- 
naht die Flüche der Seitenwandbeine mehrere Millimeter überragt. Der Hinterhaupts- 
höcker liegt tief unter dem hintersten Endpunkt des Schädels, das Hinterhauptsloch ist von 
mittlerer Weite und oval. Von oben gesehen, hat der Schädel eine nach hinten zugespitzte, 
langgezogeue , abgestumpft-sechseckige Form, welche an den Seiten der Stirn und der Sei- 
teuwaudbeinhöcker ausgebogen ist. Sein Längedurchmesser verhält sich zu seinem brei- 
testen auf der Fläche der Seitenwandbeine (der sogenannte Schüdelmdex), wie 100 zu 70 
bis 78, der Typus gehört also zu den Üolichocepbalen. ln seltenen Fällen steigt der Index, 
besonders bei Frauen noch unter 70 herab, im Mittel beträgt er etwa 73, über 78 steigt er 
selten hinauf’); in der Jugend, die ersten Lebensmonate ausgenommen, stellt er bei beiden 
Geschlechtern der oberen Grcnzo näher. — (Fig. 36 a, b, c.) 



’) Iliese, wie die bei dem zweiten Typus angegebenen Maassc, beruhen nicht allein auf der Untersuchung 
der in dem zweiten Abschnitt dieser Arbeit beschriebenen Schadet, sondern auch auf einer nicht unbedeuten- 
den Anzahl solcher, welche dcui gegenwärtigen und den beiden letztverüosvnen Jahrhunderten angeliürcn. 



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53 



Beiträge zur Ethnographie von Würtemberg. 



li . 





Fi*. 36. 
b. 



c. 




Stuttgart, Weingartner. 



I Ke Vorderlappen des Gehirns sind hoch und von mittlerer Breite, ihre Oberfläche bildet 
eine volle Wölbung; die mittleren Lappen sind gerade gestreckt, fast horizontal, am vorderen 
Ende nur wenig nach einwärts gebogen; die hinteren überragen das kleine Gehirn weit, bis 
zu 3 Centimeter, sind langgestreckt und nach hinten zugespitzt. Die Gehirnwindungen sind 
zahlreich und mehr oder weniger schmal. Der Cubikinhalt des Schädels beträgt beiläufig 
1400 bis 1800 Oubikcentimeter. 

Dass dieser Typus der germanische ist, darf wohl fiir diejenigen, welche die Geschichte 
und Ethnographie der germanwehen Völker unbefangen zu Rathe ziehen, nicht erst bewiesen 
werden. Der Hauptbeweis dafür liegt in seiner Ucbercinstimmung mit den schwedischen, 
dänischen, angelsächsischen und denjenigen Schädolformen , welche aus Gegenden Deutsch- 
lands stammen, in denen sich das germanische Element fast durchaus rein erhalten hat, wie 
in einem Theile Frankens, in Westphalen, Friesland u. s. f., sowie in seinem Gebundensoin an 
diejenigen äusseren Kennzeichen, wie blonde Haare, blaue Augen, grosse Statur u. s. f., welche 
dem germanischen Stamm von jeher eigen sind. 

Einen wesentlichen immer wieder kehrenden Unterschied zwischen reinen fränkischen 
und alemannischen (schwäbischen) Schädeln aufzufinden, war mir bisher nicht möglich, beide 
sind dolichocephal oder orthocephal und stimmen aueb sonst überein. Fis ist mir zwar wahr- 
scheinlich, dass die alemannischen Schädel ursprünglich länger und schmäler waren, wegen 
ihrer weniger entwickelten Seitenwandbeinhöcker und ihrem stark hervorragenden Hinter- 
haupt; eine Entscheidung hierüber ist mir alter bis jetzt nicht möglich gewesen, entweder 
weil es überhaupt nicht möglich, oder weil die Zahl der mir zu Gelmte stehenden fränkischen 
Schädel nicht gross genug ist. 

Die Herren Professoren His und Rütimeyer in Basel 1 ) schreiben diesen Typus den Rö- 
mern, den Althelvetiern und Burgundern zu und theilen ihn demgemäss in Hohberg-, Sion- 
und Beiair- Typus ein. Richtig mag wohl sein, dass die unter dem zuletzt genannten Namen 
zusammengefassten Schädel Burgundern angehörten, doch wird cs wohl weiterer Unter- 
suchungen bedürfen, um testzustellen, ob diesen ursprünglich eine besondere, von den übrigen 



‘) 8. enteis Helvetica. Üaael 1364. 



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54 ' Beitrüge zur Ethnograpliie' von Würtemberg. 

Germanen durch feste Merkmale verschiedene , Schädelform zukomme, oder ob die, übrigens 
nicht sehr wesentlichen, Abweichungen jener Schädel von dem normalen Typus, nicht eher 
einer Vermischung der Burgunder mit einem anderen Typus, vor oder nach ihrer Besitznahme 
eines Theiles der Schweiz, zuzuschrciben sind. Einige von den Schädeln meiner Sammlung, 
welche dem Beiairtypus nahe kommen, scheinen, wenn sie überhaupt zu den Mischformen ge- 
hören, nicht durch Vermischung mit dem ligurischen, sondern mit irgend einem anderen brachv- 
eephalen Typus ihre Form zu verdanken. Andere allerdings haben einzelne ligurische Eigen- 
schaften, indess haben gerade diese nicht alle die Charaktere, welche Herr His und Riiti- 
meyer dem Belairtypug zuschreiben. 

2. Der zweite bei der jetzigen Bevölkerung Würtembergs vorkoiumende Typus, ist von 
mittlerer oder kleiner Statur, hat Schultern von mittlerer Breite, kurzen Hals, feinen Gliederhau 
und weniger entwickelte Muskeln, als der germanische, die Haut hat einen Stich ins Gelbliche, 
die Brust und ein grosser Theil der Glieder sind bei Männern mit starkem Haarwuchs bedeckt. 
Die Hände und Füssc sind breit und abgestumpft, die Zelten bilden mit ihrer Endoontour einen 
stumpfen Winkel, die Zehen sind kurz. Die Ballen, namentlich an den Füssen, sind stark ent- 
wickelt durch Verbreiterung der Mittelfussknochen. Die Röhre des Oberschenkelknochen ist in 
ihrem oberen Drittheil von vorn nach hinten abgeplattet, daher weniger «lick, alter breitev als 
bei den G«'rmanen. Das Becken ist mehr geneigt. Die Kopfhaare sind dicht, schon in der 
Kindheit braun, später dunkelbraun, selten ganz schwarz, die Augen hraun. 

Das Gesicht ist breit, mehr kreisrund, platt, nicht von den Seiten gegen die senkrechte 
Mittellinie hinabgeschrägt; sehr häufig, jedoch nicht immer, orthognath, Bei einzelnen, gerade 
am stärksten br.\ckycephalen, sonst ganz normalen, also wohl reinsten Formen, ist das Gesicht 
prognath, und zwar nicht allein hei Männern, sondern auch, wiewohl in geringerem Grade, bei 
Frauen. Die Nase ist klein, gerade oder stumpf; die Augenhöhlen sind weit, nähern sich der 
Kreisfortn, ihr oberer Rand stellt nicht gerade, sondern läuft schief von unten und aussen nach 
innen, ihre Querachsen bilden einen stumpfen- Winkel. Die Oberkiefer sind auch beim 
männlichen Geschlecht klein, die sehr tiefe Fossa cunina bildet eine schief nach hinten ver- 
laufende, dreiseitige, concave Grulie. das Foramen infraorbitale stellt tief unter dem Rande 
der Augenhöhlen, welcher weit über die Fossa canina hervorragt. Der Mund ist meist grös- 
ser als bei den Germanen, die Lipi*en breit, der Alveolarrand nähert sich der Kreisfortn. Die 
Jochbeine treten üls-i- den prncessus zygomaticus des Stirnbeins hervor oder stehen ihm 
wenigstens gleich, sie sind schief nach unten und ausseti gerichtet, so dass di«- breite und starke 
tnberoeitas mnlaris, welche zuweilen auch noch nach aussen umgebogen ist, den hervorragend- 
sten Punkt bildet. Die Wongenplatte ist beinahe oben, ihre Flächen sind schief nach vom 
und aussen gewendet Der hintere freie Rand «los aufsteigendeu Astes des Jochbeins bildet in 
seinem oberen Drittheil, oft sehr nahe an der Naht, einen treppenförmigen abgerundeten Vor- 
sprung. eine Art stumpfen Zacken, unter welchem d«»r seitliche Rand <lcs aufsteigendeu Astes 
rasch breiter wird. Das Jochbein nimmt immer an der fissma orbital» inferior Theil. sein 
proeessus maxillaris anterior ist langgezogen. .Das Kinn ist klein und flach. 

Die Stirn ist gerade, nii'der, breit, auf den Seitenflächen eigenthümlicli kugelig nach 
aussen gewölbt, rückwärts abgerundet , in die Breite gezog«-n. Zwischen .len flachen mehr 
nach aussen also weit auseinander liegenden Stimhöckorn einestheils und den seitlichen oberen 



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Beitrage zur Ethnographie von Würtemberg. 

Thailen des Augcnhöhlenrandes anderntheils, also gegen die Linea teinpor&lis hin, int eine Ab- 
flachung bemerkbar- Diese Linie grenzt daher die Stirn nicht scharf ab , um so weniger als 
hinter ihr eine flache Rundung hervortritt; sie steigt, von vorn gesellen, nicht beinahe senk- 
recht in die Höhe, wie bei den Germanen, sondern geht schief nach aussen und oben; der Schlä- 
fenmuskel wölbt sich deshalb stark hinter der Stirn hervor. Die Stirnhöhlenwiilste sind massig 
entwickelt, bei den Frauen häutig ganz flach, bei einzelnen Männern treten sie mehr hervor. 
Die Stirnnaht bleibt zuweilen bis ins höhere Alter hinein offen. Die äussere Fläche des 
Keilbeins tritt stark zurück, der hintere Theil der Schläfenbeinnaht geht steil in die 
Höhe, ihr vorderer Rand liegt- sehr schief; bei den Germanen steht letzterer mehr senkrecht. 
l>er hintere Theil des Stirnbeins und die Seiten wandbeine wölben sich kugelförmig nach 
oben, die Häcker der letzteren liegen hinter ihrer Mitte, etwa im hinteren Drittheil des 
Längeudurchmesscrs des Schädels, welcher sich hinter ihnen rasch abstumpft; nicht selten 
liegt die breiteste Stelle des Schädels vor diesen Höckern. Die bei den Germanen häufigen 
Emissarien neben der Pfeilnaht fehlen gewöhnlich, oder es findet sich nur ein sehr kleines. 
Die hintere Fläche der Seitenwandbeine fällt nach hinten steil ab und bildet mit dom nicht 
hervorragenden abgeplatteten Hinterhauptsbein eine ununterbrochene flache Krümmung. 
Das Hinterhauptsloch liegt der Spina occipitalis externa viel näher als bei den Germanen, 
ist breit, geräumig und sein vorderer Rand steht den Gaumenbeinen nahe. Der der Grund- 
fläche des Schädels entsprechende Theil des Hinterhauptbeins ist breit, kurz und geht mit 
kurzer Krümmung in die fast senkrecht stehende Schuppe über (s. Fig. 37 a. b. c.). 

Fig. 37. 



a. b. c. 




Weiblicher Schäüel aus Altensteig (Schwamsald). 



Der Schädel im Ganzen ist nieder, breit und nähert sich von der Seite gesehen der 
Kugelform. Bei den Germanen sind die weiblichen Schädel meist verhältnissmässig schmä- 
ler als die männlichen ; soweit meine Untersuchungen reichen, ist dies bei der in Rede stehen- 
den Schädelform nicht in der ausgesprochenen Weise der Fall; dagegen findet Bich bei den 
weiblichen brachycephalen Schädeln fast ebenso häufig als bei den germanischen und jeden- 
falls viel häufiger als bei den männlichen , eine flache Furche über dem hinteren Theile der 
Pfeilnaht. Die Schädelknochen sind im Allgemeinen schwerer als bei den Germanen. Der 
Cubikinhalt des Schädels beträgt beiläufig 1300— IliOO Cubikcentimeter, sein Index liegt etwa 
zwischen 84 und !)0, er gehört also zu den Brachycephalen. 



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Beiträge zur Ethnographie von Würteinberg. 

Die Vorderlappen des Gehirns sind breit, nieder, nach vorn stark abgerundet, die mitt- 
leren Lappen stehen schief nach unten gerichtet und ihre vorderen Enden krümmen sich sehr 
der Mittellinie zu. Die Hinterlappen sind breit, hoch, stumpf und überragen das kleine Ge- 
hirn wenig. Die Windungen sind besonders an den Vorderlappen breit und weniger zahl- 
reich als bei den Germanen. 

Ein Umstand, welcher die typische Verschiedenheit der germanischen und der eben be- 
schriebenen brachycephalen Schädelform auf das Schlagendste beweist, ist der, das» die vor- 
zeitige Synostose der Nähte der Schädelknochen bei den Germanen andere Formen her- 
vorbringt als bei den Brachycephalen. Bei Letztere!) wird z. B. der Schädel durch juvenile 
Verwachsung der Pfeilnaht kein scaphocephalus , wie bei den Germanen, sondern er dehnt 
sich hauptsächlich in die Höhe aus, vorausgesetzt dass die Schläfen und Hinterhauptsnähte 
noch offen sind. Ein Schädel aus den Hügelgräbern von Darmsheim ist z. B. in dieser Weise 
verändert, bei einer Länge von 18,4 und einer Breite von 14,4 beträgt seine Höhe 15,1 
Centim.; letztere verhält sich also zu ersterer wie 104,8 : 100; während die mittlere Höhe der 
in Rede stehenden brachycephalen Schädel sich zu ihrer mittleren Breite wie 93 : 100 verhält. 

Dieser brachvcephale Typus ist derselbe, welcher sich in Ligurien am reinsten erhalten 
hat 1 ), unter dessen Bevölkerung er weitaus vorherrscht, und der gegenwärtig noch in wenig 
unterbrochener Folge von dort aus durch die ganze Schweiz *), vorzugsweise alter in Gr&u- 
bünden, in den angrenzenden österreichischen Landestheilen, im südlichen Bayern, in Baden 3 ), 
und in dem Theile von Würtemberg verbreitet ist, der innerhalb des römischen Grenz- 
walles (Limes) liegt. In den deutschen Ländern ist er mehr oder weniger mit germa- 
nischen Elementen vermischt. Er scheint im ganzen früheren römischen Gebiete Deutsch- 
lands vorzukommen, wenn auch in einzelnen Gegenden nur in untergeordneter Weise. 
Dr. Lubach*), welcher ihn ganz treffend schildert, giebt an, dass er auch im südlichen 
Theile Hollands häufig mit germanischen Formen vermischt sei, im nördlichen dagegen fast 
ganz fehle. 

Die reinen Formen stimmen mit dem in Ligurien vorherrschenden Typus so sehr über- 
ein, dass kein Zweifel über ihre Deutung obwalten kann, und ich habe es daher vorgezogen, 
ihn ligurisch zu nennen, statt romanisch, obgleich dieser Name in gewisser Beziehung viel- 
leicht passender gewesen wäre, denn man kann daran zweifeln, ob diese Bevölkerung in der 
Zeit, in welcher sie in Würtemberg einwanderte, noch ligurisch im linguistischen oder philo- 
logischen Sinn gewesen sei. Mit der Bezeichnung ligurisch, welche in der Ethnographie Eu- 
ropas schon lange für jenen Theil der oberitalienischen Bevölkerung angenommen ist, will ich 
daher nur sagen, dass die brachycephale Bevölkerung Würtemliergs in ihren körperlichen 
Eigenschaften mit den Ligurern übereinstimme. Da dies aber auch mit dem brachycepha- 
len Theile der Bevölkerung des heutigen Rätiens der Fall ist, so darf man wohl annehmen, 
dass auch die alten Rätier und Vindelicier, und wohl auch die um den Bodensee in jener 
Zeit wohnenden Veneter in ethnographischer Beziehung zu dieser Gruppe gehört haben, sowie 
dass, wenn diese drei Völkerschaften zu den Kelten gehörten, diese brachycephal und nicht 

*) S. Nicolueci le atirpe lifpire in italia. Napoli 1864. — *) S. das oben schon citirte Werk Crania hei- 
vetica etc. — 3 ) S. Ecker crania Germaniae meridionalis occidentalis. Freiburjr 1865. — <) S. L. De Bewo- 
ners van Nederland, Grondtrekken eener vaderlandsehe Ethnologie. Haarlem 1864. 



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Beitrüge zur Ethnographie von Wiirtomberg. 

dolichocephal waren. Durch die Wahl jene« Namen« will ich aber selbstverständlich nicht 
zugleich alle an ihn sich knüpfenden Fragen entscheiden, namentlich nicht, ob der ligurische 
Typus etwa zu dem in «einer Kopfform sehr ähnlichen slavischen (wendischen) Stamme, 
oder ob er zu den Brachycephalen Irlands, der Bretagne und Spaniens zu rechnen sei. 

Die Herren His und Rütimeyer *) nennen diesen Typus Dissenti»-Ty pus , und glauben 
in ihm die den Alemannen zugehörige Schädelform zu finden. Nachdem sie den germani- 
schen Typus unter die Althcl votier, Römer und Burgunder vertheilt hatten, blieb ihnen 
allerdings nicht« anderes übrig; da aber der ligurische in bestimmtester Weise von dem der 
Germanen abweicht, ko wären die Alemannen keine Germanen gewesen, was im Wider- 
spruch mit den Zeugnissen aller Schriftsteller des Alterthums steht, welche von ihnen reden, 
und die sie ausserdem noch als sehr gross und blond schildern. Ferner steht fest , dass die 
Burgunder ebenfalls Germanen waren, wie auch der Beiairtypus sich von dem von mir als 
germanisch in Anspruch genommenen Sion- und Hohberg - Typus nur wenig entfernt; wie 
kommt es nun, dass letztere dennoch den, nach der Ansicht der schweizer Gelehrten, den 
Germanen entfernt stehenden Althelvetiern und vollends gar den Römern zugetheilt werden! 

Weiter fällt bei dieser Deutung der für die Schweiz aufgestellten Schädeltypen auf, dass, 
obgleich der Hohberg- und Siontypus den Beschreibungen und Zeichnungen zu Folge, sich 
nur sehr wenig von einander unterscheiden, doch zwei so verschiedenen Völkern wie den 
Römern und Althelvetiern zugetheilt werden. Letztere halten die Schweizer Gelehrten für, 
ihrer Ansicht nach von den Germanen wesentlich verschiedene, Kelten, von den ersteren 
ist es mir aber nicht bekannt, dass sie von irgend Jemand zu den unter diesem Namen zu- 
sammengefassten Völkerschaften gezählt worden wären, ln ganz Würtemberg, auch in dessen 
fränkischen Theilon, kommen der Hohberg- und Siontypus in den Reihengräbern der sogenann- 
ten Merovinger Zeit, ebenso wie in den Gräbern des späteren Mittelalters, neben und mit 
einander vor, und hier kann wenigstens weder von Römern noch von Althelvetiern oder 
deren Nachkommen die Rede sein, dieselben gehören vielmehr ganz bestimmt den Aleman- 
nen und Franken an. Die in den Reihengräbern gefundenen Münzen sowie dio übrigen 
Grabfunde beweisen unwiderleglich, dass sie nicht älter sein können, als das 4. oder 5. Jahr- 
hundert und die Friedhöfe reichen von da an, oder auch erst vom 5. und 6. Jahrhunderl an. 
bis ins 7., 8. oder noch weiter herauf. — Die am schärfsten entwickelten weiblichen, sowie 
einzelne männliche Formen aus den Reihengräbern Wiirteinbergs, stimmen mit dem Hohberg- 
typus in ihren meisten Eigenschaften überein, sind aber, wie sich von vorn herein annehmen 
lässt, nichtsehr häutig und immer liegen rings um sie Formen, welche dem Sion-, zuweilen auch 
dem Beiairtypus angehören. — Wollte man in dieser Weise alle, jedenfalls nach einer gewissen 
Folge immer wiederkehrenden individuellen oder geschlechtlichen Verschiedenheiten , jede für 
sich in eine Kategorie bringen, so könnte man, ausser den obengenannten drei Formen leicht 
noch weitere herausfinden. Die Frage, ob derartige Verschiedenheiten dazu berechtigen, 
besondere Typen aufzustellen , hängt indes« mit der Streitfrage über die zur Feststellung 
der Arten, Unterarten und Spielarten nöthigen Charaktere zusammen, und liegt daher aus- 
serhalb der dieser Arbeit gezogenen Grenzen. 



*) S. t rania helvctica und Bulletin de lu soeiäte snthropulogiqne de Paris, tom. V. p. SOS. 

Are In» tLr Anthropologt«. Btl. II. ii«ft L g 



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Beitrüge zur Ethnographie von Wiirtemberg. 

Von römischen Schädeln als einem besonderen ethnographischen Typus kann für Wör- 
tern berg, Baden, die Schweiz u. s. f. kaum gesprochen werden , denn in der Zeit, in welcher 
die Römer diese Länder besetzt hielten, stammten die Angehörigen de« römischen Reiches 
von den verschiedensten ethnographischen Gruppen ab. Die daselbst stationirten Legionen 
bestanden aus dem buntesten Völkergemische, unter dem fast alle europäischen Nationen 
und auch Asiaten vertreten waren. Für die agri decumates , also ftir einen grossen Theil 
von Würternberg, bezeugt Tacitus, dass die Kolonisten, soweit sie nicht Legionssoldaten waren, 
aus zusammengelaufenen Galliern bestanden, ob aus oberitalienischen oder Uberrheinischen, 
oder aus beiden, giebt er allerdings in der angeführten Stelle nicht an; ob er die Ligurer 
zu den Galliern rechnete, weiss ich nicht, jedenfalls würde aber, wenn letzteres nicht der Fall 
wäre, damit noch nicht bewiesen sein, dass die eingewanderten Gallier nicht dieselbe Schädel- 
form hatten wie die Ligurer. Dazu kommt noch, dass in der ersten Zeit der römischen 
Occupation, namentlich unter den aus Mittelitalien stammenden Römern, die Sitte ihre Lei- 
chen zu verbrennen, noch nicht aufgegeben war. Dass aber auch unter einem Theile der 
Kolonisten lange genug die Sitte der Leichenverbrennung herrschte, beweist die Untersuchung 
eines Theiles des Begräbnissplatzes, welcher zu der grossen römischen, nordwestlich von Can- 
statt auf dem Altenburger Felde gelegenen, Niederlassung gehörte und in dessen von Mem- 
minger untersuchten Theile nur verbrannte, in Urnen beigesetzte Knochenreste gefunden wur- 
don '). Ich will damit natürlich nicht behaupten, dass es unmöglich sei, in alten Gräbern Wür- 
tombergs sowohl, als namentlich der Schweiz neben den Schädeln der Urbevölkerung und 
der römischen Kolonisten wirkliche Römorschädel aufzufinden ; denn auch in Würternberg 
wurden an verschiedenen Stellen römische Begräl nissplätze mit bestatteten und verbrann- 
ten Leichen aufgefunden. Die ächten Römerschädel mögen aber auch hier sehr selten sein, 
und werden jedenfalls eine andere Form haben, als der Hohbergtypus,, welcher gewiss nicht 
römisch ist. Ich muss mich für diese Behauptung hier, um nicht von meinem Thema zu weit 
abzuschweifen, auf das von Herrn Professor Ecker in der oben erwähnten Schrift und im 
ersten Bande dieses Archivs Gesagte, sowie auf die Verhandlungen der anthropologischen Ge- 
sellschaft in Paris und die Bpäter zu beschreibenden Funde aus Würternberg berufen. Mir 
scheint es, dass die Mehrzahl der wirklich römischen Schädel des Alterthums den Mischformen 
zwischen den europäischen brachycephaleu und dolichocephalen Typen angehöre, und man 
wird daher überall da, wo diese Typen sich mischten, Schädel finden, die den nachgewie- 
sen römischen sehr ähnlich sind, ohne gerade zu dem Schlüsse berechtigt zu sein, dass auch 
diese römische seien. 

Dass die Schweizer Gelehrten nach althelvetischen Schädeln suchen , ist sehr erklärlich, 
um aber an die Existenz einer besonderen, in ethnographischer Beziehung scharf charakte- 
risirten althelvetischen Schädelform glauben zu können, dazu gehört sicherlich vor Allem der 
Nachweis, dass die Römer mit dem Namen Helvetier einen ethnographischen und nicht blos 
politischen Begriff verbunden haben. So lange dies nicht geschehen ist. wird man wohl an- 
nehmen dürfen, dass die Althelvetier, wenn auch vielleicht in anderer Mischung als die jetzi- 
gen Schweizer, doch gleichfalls aus liguriseben und germanischen Stämmen zusammengesetzt 



’j S. würtemb. Jahrbücher. 1. Baud. ISIS. S. 115. 



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Beitruge zur Ethnographie von Würtemberg. 

gewesen seien. Denn gerade die Schweiz und die zunächst gelegenen Gegenden bildeten soweit 
die Geschichte reicht, die Beruhrungslinie zwischen den Germanen und den nicht germanischen 
Völkern. Ueberdies stimmt der als altheivetisch angenommene Siontypus in auffallender Weise 
mit eiuer sehr grossen Zahl von den in den Reihengräbern Würtembergs gefundenen Schädelu 
überein, welche wie schon erwähnt, sicher den Alemannen und Kranken angehören, so dass 
am Ende unseren Vorfahren die unerwartete Ehre zu Theil würde, von den schweizerischen 
Gelehrten für stammverwandt mit den, für ihre Verhältnisse geistig so hoch stehenden, altbel- 
vetischen Kelten oder gar für deren directe Nachkommen erklärt zu werden. 

Zum Schlüsse muss icb noch bemerken, dass ich mich nicht für berechtigt hielt, die in 
der Schweiz und Süddeutscbland vorkommenden dolichocephalcn Schädclforinen nach diesem 
Vorgänge in drei Abtheilungen zu bringen, und zwar nicht allein aus den bisher angegebe- 
nen Gründen, sondern auch weil ich glaube, mit anthropologischen Eintheilungen sehr vor- 
sichtig sein zu müssen, die sich fast ausschliesslich auf den jeweiligen Standpunkt der Archäo- 
logie stützen. Wenn ich mich also im Verlaufe dieser Arbeit auf die drei dolichocephalen 
Typen der Crania helvetiea beziehe, so geschieht dies nur um eine Vergleichung mit diesem 
Werke möglich zu macken, dessen Beschreibungen und Zeichnungen icb Air eine wertkvolle 
Bereicherung der Ethnographie von Mitteleuropa, sowie für eine Grundlage weiterer For- 
schungen über diesen Gegenstand ansebe. Den brachycepbalen Dissentistypus halte ich 
dagegen für sehr wohlbegründet, nur weiche ich, wie schon bemerkt, in Beziehung auf seine 
historisch - ethnographische Bestimmung von den beiden Gelehrten ab, und glaube weiter 
noch, dass es vielleicht zweckmässig wäre, für seine reine typische Form die Grenze etwas 
enger zu ziehen, als von ihnen geschehen ist. 

Die Deutung ihrer vier Schädeltypen wird übrigens von ihnen, so viel mir scheint, nicht 
als miumstösslich, sondern als eine discutirbare ilypothese angesehen und ich bin daher über- 
zeugt, dass sie für Einwürfe, welche namentlich ihrer Deutung des Hohberg- und Dissentis- 
Typus entgegen zu halteu sind, wohl zugänglich sein worden. Es war für sie um so schwe- 
rer das Richtige zu treffen, als bei der Herausgabe der Cr&nia helvetiea die ethnographischen 
Verhältnisse Badens, Würtembergs und Liguriens nur wenig aufgeklärt waren. Ein richti- 
ges Verständnis« dieser Verhältnisse wird aber, bei ihrer grosseu Uebereinstimmung nament- 
lich in den deutsch redenden Ländern, durch Vergleichung der Elemente ihrer Bevölkerungen 
und deren relativer Verbreitung, sehr erleichtert. 

Der germanische und ligurische Typus sind in Würtemberg innerhalb des römischen 
Orenzwalles vielfach und in der Art gemischt, dass der ligurische nur selten mehr rein zu finden 
Ist; aber auch der rein germanische ist nicht so häufig als man erwarten sollte. Das erste 
Zeichen der Mischung des ligurischen mit germanischem Blute ist ein mehr oder weniger 
ausgesprochenes oft absatzförmiges Hervortveten des Hinterhauptes, Höherwerden der Stirn, 
Abdachung des hinteren Randes des Jochbeins und Zurücktreteu seiner Wangeuplatte. 
Ausserdem findet inan hei diesen Mischformen wormische Knochen häufiger als bei den reinen 
Formen, ihre .Nähte sind meist gröber gezeichnet, oft sehr breit und tief gewunden. 

Der Schädel der Germanen wird durch die Vermischung mit dem ligurischen Typus kür- 
zer und breiter, die Stirnhöhlenwülste flacher, da» Gesicht breiter, mehr keilförmig, mit der 
Basis nach oben, orthognath, die vorderen Gehirnlappen breiter u. s. f. In der ersten Gene- 

8 * 



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Beitrage zur Ethnographie von Wiirtemberg. 

ration der Vermischung rein germanischer Formen mit Mischformen von vorherrschend ger- 
manischem Typus, entstehen gewöhnlich auffallend grosse und geräumige Schädel. 

N ach dem Vorgänge der Crania helvetica unterscheide auch ich Mischfonneu ndt vor- 
herrschendem gennanischem (also mit vorherrschendem Sion- und Hohberg-) Typus und 
solche mit vorherrschendem ligurischem (Dissentis-) Typus. Dass diese Annahme von Misch- 
formen berechtigt ist, lässt sich leicht erweisen durch Untersuchung der Schädelformen ver- 
schiedener (iliedcr einer Familie, in welcher beide Typen vertreten sind. Der Index dieser 
beiden Gruppen liegt, soweit meine Beobachtungen bis jetzt reichen, bei ersterer etwa 
zwischen 75 und 60, bei letzterer zwischen 76 und 65. Hier ist eine Eintheiluug der Schädel- 
formen allein nach dem Index unmöglich, so grossen Werth dieser sonst hat. Es wird wohl 
kaum nötbig sein zu erwähnen, dass Heirathen zwischen den reinen sowohl, als zwischen 
den Mischformen, auch wenn die beiden Geschlechter sich in Betreff ihres Typus weit von 
einander entfernen, keine sehr erhebliche Unterschiede in Beziehung auf ihre Fruchtbarkeit 
zeigen, als die einander näher stehenden; wenn sich auch nicht läugnen lässt, dass die ger- 
manischen Formen mehr mit Kindern gesegnet zu sein scheinen ab die ligurischen Die 
Statistik der Geburten für die Oberämter Würtembergs kann leider nur wenig Aufschluss 
geben, da sie auf die bisher gänzlich unbekannten ethnographischen Verhältnisse keine Rück- 
sicht nehmen konnte, um so weniger als in keinem Oberumt Würtembergs eine ganz gleich- 
förmige Bevölkerung in grösserer Masse beisammen vorkommt Eher würde man ein Ergeb- 
niss erhalten, wenn man die einzelnen Ortschaften mit einander vergleichen könnte, hiezu 
fehlt aber das Material. 

Im Allgemeinen gilt für die Mischformeu der Grundsatz, dass ein Hervortreten der ger- 
manischen Eigenschaften in geradem Verhältniss zu der Kürpergrösse des aasgewachsenen 
Individuums steht- Charakteristisch für alle Mischformen ist, dass auch die normal ent- 
wickelten Schädel bei vollkommener Symmetrie beider Seiten, doch immer etwas mehr oder 
weniger unharmonisches iiaben und in ihren Formen ausserordentlich wechselnd sind, wäh- 
rend die individuellen Schwankungen der reinen typischen Formen natürlich viel engere 
Grenzen haben. Wem es Vergnügen machen würde, der könnte daher mit einiger Phanta- 
sie unter den Mischformen Analogien der Scbädolformen der verschiedensten Völker Europas, 
Asiens und Nordafrikas heraustinden. Nähme er dann noch die pathologischen Schädel 
dazu, und wäre er nicht sehr wählerisch im Parallelisiren, so wäre er im Stande, sehr tief 
auf der Stufenleiter der menschlichen Schädelbildung herabzusteigen, freilich ohne der Wis- 
senschaft damit zu nützen. 

In Betreff der Verbreitung der beiden Typen, sowie der germanischen und ligurischen 
Mischformen , verhält sich vor Allem der fränkische Antheil Würtembergs verschieden von 
dem schwäbischen. In Franken herrscht nämlich das germanische Element viel mehr vor; 
die Vermischung desselben mit dein ligurischen findet sich in einiger Bedeutung hauptsächlich 
nur in dem innerhalb des römischen Grenzwalls liegenden Theile , namentlich also in den 
Oberämtern Marbach, Weiusberg und Besigheim, sowie in einem Theil der Oberämter Back- 
nang, und Oehringen. Aber auch hier erlangt diese Vermischung nicht die Intensität wie in 
einzelnen Bezirken des schwäbischen Theiles. Je weiter mau sich in Franken vom Grenz- 
wall nach Osten und Norden entfernt, desto unvermischter treten, so weit meine Kenntniss 



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Beiträge zur Ethnographie von Würteniberg. 

reicht, die germanischen Formen auf-, denn eine scharfe ethnographische Grenze kann der 
Grenzwall natürlich jetzt nicht mehr abgeben, weil in den 1500 Jahren, seit welchen er die 
römische Grenze zu bilden aufgehört hat, auch jenseits desselben Vermischungen durch Ein- 
wanderung und Kriego stattfinden mussten. 

In Schwaben finden sich in den Gegenden , in welchen die römischen Ansiedelungen am 
zahlreichsten waren, beinahe nur Mischformen, rein germanische oder ligurische Typen sind 
daselbst verhältnissmässig sehr selten. Hierher gehören also die Gegenden am mittleren 
Neckar, am unteren Laufe der Rems, der grössere Tlieil des würtembergiscben Donauthals 
und die nächste Umgebung des Bodensees. Indess ist auch hier die Vertheilung nicht gleich- 
förmig, wie z. B. auf dem Filderplateau westlich von Stuttgart der germanische Typus, wenn- 
gleich vielfach in nicht ganz reinen Formen, vorherrscht. Der Grund dieses Verhaltens mag 
zum Theil wenigstens darin liegen, dass in vielen Gemeinden dieses Districts Heiratheu mit 
Angehörigen anderer Bezirke selten sind. Bezeichnend ist es auch, dass in dem schmalen 
Streifen Schwabens, der ausserhalb des römischen Greuzwalls liegt, die germanischen Formen 
überwiegen. Vorherrschend ligurisch ist dagegen die Bevölkerung des an Baiern grenzenden 
Theiles des Donauthaies, des Schwarzwaldes und der zunächst an letzteren grenzenden Ober- 
ämter, also Nagold, Freudenstadt, Sulz, Oberndorf, Neuenbürg, Calw und Herrenberg. Es 
scheint, dass die Alemannon nach der Eroberung dos römischen Gebietes einen grossen Theil 
der vorhandenen Bevölkerung dorthin, wie in der Schweiz nach Graubünden, gedrängt habe, 
d. h. ihr jene weniger fruchtbaren Gegenden, als den nach germanischer Sitte den Besiegten zu 
überlassenden Ländertlieil zur Niederlassung eingeräumt habe. Hiermit stimmt anch die Beob- 
achtung des Herrn Professor Ecker überein, dass in der Umgebung von Freiburg, wie über- 
haupt im badischun Antheile des Schwarzwaldes vorwiegend brachycephale Schädelformen 
gefunden wurden. 

Die Verbreitung der beiden Typen ist aber in Würtomberg nicht blos örtlich verschie- 
den, sondern es lässt sich auch eine verschiedene Häufigkeit derselben unter den verschiede- 
nen Ständen an einem Orte, namentlich in den Städten, deutlich erkennen. Unter dem 
Adel und den besitzenden bürgerlichen Classen, finden sich mehr germanische Formen, als un- 
ter den Handwerkern und Taglöhnern. Die gleich zu besprechende Untersuchung der Schädel 
von Esslingen zeigt dies deutlich. Interessant ist auch, dass unter den Weingartnern in Stutt- 
gart und Heilbroun germanische Formen viel häufiger sind als unter den' Handwerkern, 
während in anderen weinbauenden Districten de« Landes das Vorherrschen des ligurischen 
Elementes unverkennbar ist. 

Fragt man nun, auf welche Weise der ligurische Typus in solcher Zahl nach Süddeutsch- 
land gekommen sei, so weist die Geschichte, wenigstens für Würtemberg, kein anderes, eine 
solche massenhafte Einwanderung ermöglichendes Ereigniss nach, als die Colonisation des 
Landes durch die Römer nach der Auswanderung der Markomannen nach Böhmen. Denn 
es ist erwiesen, dass dieser germanische Stamm vor der römischen Besitzergreifung den gröss- 
ten Theil des Landes in alleinigem Besitz hatte, so dass letzteres durch die Auswanderung 
fast menschenleer wurde. Nur so lässt sich auch die bemerkenswerthe Thatsacbe erklären, 
dass der ligurische Typus nur innerhalb des römischen Grenzwalls in grösserem Umfang ver- 
treten ist. Es ist überdies nirgends bezeugt, dass die Alemannen die vorhandenen römischen 

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Beiträge zur Ethnographie von Würtemberg. 

Colonisten if.it Stumpf und Stiel ausrotteten, und überdies gar nicht wahrscheinlich, da diese 
ihren Siegern als Sklaven ein durch ihre Arbeitskraft erwünschtes Capital von innerem und 
äusserem Wertho abgaben. Dass auch in den Gegenden Siiddeutschlands , und insbesondere 
Würtembergs, in denen das ligurische Element jetzt noch vorherrscht, schon sehr frühe 
nur deutsch gesprochen wurde, kann natürlich keinen Einwurf gegen obige Erklärung der 
Bevölkerungsverhältnisse abgeben, wenn man die zwingenden Einflüsse bedenkt, denen die 
unterworfenen römischen Colonisten von Seite der Alemannen in jeder Beziehung ausgesetzt 
waren. Uebrigens scheint der ligurische Volksstamm keine grosse Zähigkeit im Festhalten 
seiner Sprache zu besitzen, denn die romanischen Sprachen, die er in ßätien and in Ober- 
italion spricht, sind ihm bekanntlich gleichfalls aufgodrängt worden. Mit Obigem soll natür- 
lich nicht behauptet werden, dass nicht in vorrömischer Zeit schon einzelne Einwohner des 
jetzigen Würtembergs dem ligurischen Stamm angehört haben könnten. Denn die Ursitze 
der Ligurer sind ja nicht weit entfernt und mögen sich in allerfrühester Zeit vielleicht auch 
weiter nach Norden erstreckt haben, so dass es sehr wohl denkbar ist, dass ihre germanischen 
Nachbarn, die Sueveu, sich mit ihnen vermischten, oder sich wenigstens von Zeit zu Zeit 
Sklaven bei ihnen geholt haben, wie das auch von den Römern vielfach geschah. 



IL Beschreibung der in alten Gräbern gefundenen Schädel. 

1. Neuntes bis fünfzehntes Jahrhundert. 

Die Schädel aus der Krypta der St Vitalis- (später Allerheiligen) Kapelle in 
Esslingen. — Diese Kapelle wurde im 12. Jahrhundert geschlossen und im Anfang des 16. 
zu anderen Zwecken umgebaut. Die Krypta wurde im Jahre 1836 wieder aufgefunden; sie 
war mit Schädeln und anderen Menschenknochen ganz angefüllt Nach der Ansicht des 
Herrn Prolessor Pfaff in Esslingen ist anzunehmen, dass die Gebeine aus dem 12. bis 15. 
Jahrhundert, vielleicht sogar noch aus früherer Zeit stammen, und zwar aus dem Kirchhofe, 
der zwischen der Kapelle und der in ihrer Nähe stehenden St Dyonysius-Kirche liegt. In ihm 
wurden nur Patricier und angesehene Bürger der ehemaligen Reichsstadt Esslingen begraben. 

Von den vielen Hunderten von Schädeln konnte ich noch 32 erlangen. Von ihnen gehö- 
ren nur zwei dem rein ligurischen Typus an, ihr Index beträgt 8!),5 und 85,4 ‘), beide sind 
von ausgeprägter reiner Form; sie sind harmonisch entwickelt und haben offene Nähte. Ein 
weiterer Schädel, dessen Iudex 90 beträgt und der einem jugendlichen Individuum angehört, 
ist nicht ganz rein, sein Hinterhaupt ist stärker gewölbt, zugespitzt und ragt hervor, die 
Stirn ist schmal, von mittlerer Höhe, bedeutend nach vorn gewölbt, die Stirnhöcker sehr ent- 

*) Der Längend urchmcBaer du Schädels ist hei allen nachfolgenden Messungen von einem Punkte übur 
dem Zusammentreffen der Stirnhöhlen wülato (arcus superciliarcs), also nicht ganz von der Mitte «1er Giftbella 
aus gemessen. Iter Broitendurvhniesser bezeichnet die breiteste Stelle de* Schädels, jedenfalls auf der Fläche 
der Seitenwnndbeiuc. Ich habe dieser Stelle den Vorzug gegeben und nicht der breitesten Stelle des Schädels 
überhaupt, weil letztere häutig nahe über dem Processus niastoideus, also schon im Schläfenbeine liegt, der 
Knochen daselbst sehr verschieden dick und »eine Oberfläche uneben ist, also kein richtiges Urtheil über den 
Durchmesser des Gehirns an dieser Stelle zulusst. Die M nasse sind alle in Zentimetern angegeben. 



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63 



Beiträge zur Ethnographie von Wiirtemberg. 

wickelt, noch mehr aber die Seiten wandhöcker, durch deren bedeutendes Hervorspringen der 
Schädel von oben gesehen die Gestalt eines stumpfen Keils, also einige entfernte Aehnlich- 
keit mit einem trigonocephalns (Welcker 1 ) erhält. Seine Nähte sind offen, in der L&mbda- 
nalit sind zwei symmetrische wonniache Knochen. Sieben weitere Schädel gehören den Misch- 
formen mit vorherrschendem ligurischen Typus an, ihr Index liegt zwischen 80 und 84,4. 

Zu den Mischformen mii vorherrschend germanischem Typus gehören acht Schädel, zwei 
davon nähern sich, übrigens nur entfernt, dem Beiairtypus der Herren Professoren II is und 
Kiitimeyer; ihr Index beträgt 76,1 bis zu 78,0. — Dem reinen germanischen Typus (s. Fig. 



Fig. 38. 

a. 




38 a, b, c) gehören 14 Schädel an; bei 9 davon liegt der Index zwischen 70,4 und 72,6, fast 
alle gehören dem Sion-, nur wenige dem Hohbergtypus an. 

Einer von ihnen, dessen Gesicht und Basis fehlen, hat vollkommene Aehnlichkeit mit den- 
jenigen normal entwickelten Schädeln der innersten Schichte des Steinhaufens der Erpfinger 
Höhle, welche sehr entwickelte Stirnhöhlen wiilste haben, und die später beschrieben werden 
sollen. Er ist klein, 17,5 Centimeter lang, 12,5 Centimeter breit und vollkommen symme- 
trisch. Seiner ganzen Beschaffenheit nach gehört eT einem weiblichen Individuum an. 
Die Knochen sind dünn, die Stirnhöhlenwiilste so stark entwickelt, dass sie über der Nasen- 
wurzel eine 1,3 Centimeter hohe Hervorragung bilden, welche sich bis weit in die Olabella 
hinein erstreckt. Die Nähte, namentlich die Kranznaht, sind sehr breit und fein gezähnt. 
Die Stirnnaht ist vollkommen verschwunden; die Kranznaht auf der äusseren Fläche nur in 
ihrer Mitte, auf der inneren Fläche zu zwei Drittheilen, und die Pfeilnaht in ihrem vorderen 
Drittheil innen und aussen verwachsen. Die Stirn liegt sehr znriiek und ist nieder, die Stirn- 
höcker sind flach und liegen nahe bei einander, der kleinste Durchmesser der Stirn beträgt 
8,6 Centim. Die Processus zygomatici des Stirnbeins sind ungewöhnlich stark und greifen weit 
aus. Die vorderen Gehimlappen waren offenbar sehr wenig entwickelt, die Seiten wandbein- 
hücker sind flach und liegen in der Mitte des Seitenwandbeins. Das Hinterhaupt ist in 
Form einer abgestumpften vierseitigen Pyramide aufgesetzt und ragt massig hervor. Die 
Hinterhauptsnaht ist sehr breit gezahnt, das Hinterhaupt durch einen 6,3 Centimeter 



S. Interim drangen über den Rau und da» Wae hat hu tu <les menschlichen Schädels. Leipzig 18(12. I. S. 120. 



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64 Beiträge zur Ethnographie von Würtemberg. 

langen und 3,2 Centmieter breiten, auf seiner rechten Seite liegenden wormischen Knochen, 
von rhombischer Gestalt in zwei Theile getheilt (s. Fig. 39). Dem hinteren Drittheil der Pfeil- 
naht entspricht eine über die Spitze der Lamhdanaht herab sich erstreckende flache Vertie- 
fung. An der Seite der Pfeilnaht liegen zwei Emissarieu. Der Schädel im Ganzen ist gut 
gewölbt, seine höchste Stelle liegt hinter der Kranznaht 

Zwei weitere von den rein germanischen Schädeln haben 
verwachsene Nähte, ihr Index beträgt 117,8 und 08,3. Beide 
sind zwar symmetrisch gebaut aber durch frühzeitige Syno- 
stose in ihrer Form verändert; bei dem einen sind, ausser 
den Nähten beider Schläfenbeine, einem kleinen Theil der an 
diese grenzenden Lambdanaht und den Nähten auf der 
Schädelbasis, alle Nähte verwachsen. Bei dem Zweiten ist 
die hintere Hälfte der Pfeilnaht allein vollständig verwach- 
sen, und die hintere Schädelpartliie durch Einschiebung zweier 
symmetrisch geformter dreieckiger 4 Centimeter hoher und an der Basis 2,5 Centimeter 
breiter wormischer Knochen (ossa interparietalia) verlängert. 

Die Knochen der Extremitäten zeigten dieselbe Grösse wie die der Jetztzeit, alle Grössen 
waren vertreten. Nur ein Femur war sehr gross, 51 Centimeter lang, dies entspricht einer 
Körporgrösso von etwa 193 Centimetern (= 6' 7" 5"' würtemb.). Die Grosse des ganzen 
Körpers ist hier, wie später, nach den Angaben von Orfila 1 ) («rechnet. 

Von den 32 Schädeln gohüren also 10 dem ligurisehen und 22 dem germanischen Typus 
an. Unter der gegenwärtigen Gesammtbevölkerung Esslingens sind die Verhältnisse andere, 
die Hauptmasse gehört den Mischformen an, unter denen die mit vorherrschend germanischem 
Typus die Mehrzahl bilden; nur wenige gehören dem rein germanischen Typus an, rein ligu- 
rische Formen habe ich bis jetzt nicht auffinden können. 

Die Schädel aus den Gräbern am Lupfen bei Oberflacht*). Die Gräber stammen 
etwa ans dem 11. Jahrhundert, wie Münzfunde in den Todenbäumen beweisen. Dieselben 
hatten ein ähnliches Schicksal wie die Pfahlbautenfunde gegenwärtig zu erleiden haben. Viele 
tausend Jahre vor Christi Gebart reichten anfangs kaum aus, um das BedUrfniss zu befrie- 
digen, möglichst alte Culturrestc von jenen, wie man anzunehmen beliebte, jetzt grösstentheils 
ausgestorbenen Bevölkerungen Europas zu finden, die nun einmal Uber die Scene dieses 
Wolttheils gewandert sein müssen. — Die Todenbäume des Lupfens sind allmälig immer 
jünger geworden, bis ein in ihnen gefundener Bracteat sie endlich an ihrer richtigen Stelle 
zur Ruhe kommen liess. 

Im Ganzen werden 4 Schädel aus denselben in der Sammlung des wiirteinbergisehen 
Alterthumsvereins aufbewahrt. Alle gehören dem germanischen Typus an, sie sind jedoch 
kümmerlich entwickelt Die Capacität von Nr. 1, 2 und 3 beträgt 1490, 1430 und 1484 Cubik- 
centim. Zwei von ihnen, Nr. 1 und 2, hat Herr Professor Ecker beschrieben :l ). Beide sind 



9 S. Tratte de medecine legale 4 edit Paris 1848. tom. I. pag. 105 ff. — *) Cebcr die Grabfunde s, das 
3. Jahreeheft des würtemb. Alterthumsvereine; sowie: Die Heideugräber vom Lupfen, beschrieben von 

llanptmann v. Dürrioh und Dr. W. Menzel. Stuttgart 1847. — *) S. Crania Germaniae merid. occid. Frei- 
burg 1805. S. 30 u. ff. 



Fig. 39. 




Esslingen. Vitaliekapelle. 



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«5 



Beiträge zur Ethnographie von Wiirteinberg. 

nicht ganz symmetrisch , bei Nr. 2 ist das linke Seiteuwandbein ein wenig flacher als das 
rechte. Ihr Index beträgt 71,2 und 70,4. Herr Ecker fand 75,5 und 74,7, die Differenz 
kommt daher, dass die breiteste Stelle des Schädels ganz nahe Über dem Processus mastoideus 
liegt, während ich den Ansatzpunkt fiir diese Durchmesser höher oben genommen habe. 

Der Index der beiden von Herrn Ecker nicht beschriebenen Schädel, von denen der eine 
(Nr. 3) einem grossen kräftigen Manne, der andere (Nr. 4} einem Weibe angehört, beträgt 
71,4 und 76,1. Letzterer hat ein nur wenig hervorragendes Hinterhaupt und nähert sich 
iilierhaupt den Mischformeu. An allon vier Schädeln fallt eine Ueberhöhung des Stirnbeins 
über die Seiten wand beiue auf, welche bei Nr. I am stärksten ausgesprochen ist, in Folge 
einer Knochenwucherung an dieser Stellte 

Grünenberg bei Nürtingen. — Im Jahre 1857 wurden heim Eisenbahnbau au dieser 
Stelle, in einer mächtigen Auflagerung von Diluviallehm mehrere Skelette in einer Tiefe von 
8 bis 10 Fuss, zugleich mit drei Aexten von Eisen, gefunden, welche ihrer Form nach dem 
9. oder 10. Jahrhundert angehören. Die zwei im Stuttgarter Naturalieucabinet aufbe- 
wahrten männlichen Schädel gehören beide dem reinen germanischen Typus an, die Stirn 
ist hoch und von mittlerer Breite, die Stirnhöhlen haben massige Dimensionen, das Gesicht 
des einen ist schmal, lang und durch starke Hervorragung des Alveolarrauds ziemlich prog- 
nath, bei den anderen fehlt es. Das Hinterhaupt ragt bei beiden sehr hervor, Ist kuge- 
lig aufgesetzt, beide gehören dem Siontypus an, ihr Index beträgt 73,1 und 72,5. 

Hofäcker bei Göppingen. — In einem gemauerten Grabe in der Nähe der Stelle, wo 
früher die Schulenburg lag, wurde im Jahre 1864 ein aus roh behauenen Feldsteinen und ein- 
zelnen Backsteinen mit Mörtel aufgemauertes Grab entdeckt. Ein in demselben gefundener 
massiver breiter silberner Sporn weist auf das 10. oder 11, Jahrhundert hin. Man fand zwei 
Schädel in demselben, der eine zerfiel gänzlich, der andere liess sich wieder hereteilen, er 
gehört dem germanischen (Sion-) Typus an, sein Index beträgt 75,3. 

Die Maasse der einzelnen dem Mittelalter allgehörigen Schädel sind in folgender 
Tabelle (a. f. S.) zusammengestellt, die in der Tabelle b gegebenen Mittelzahlen haben natür- 
lich nur relativen Werth, wegen der kleinen Beobachtungsreihe. 



Archiv fiir AntlmipnliHCfc 1 . Kd. II. Heft 1. 



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66 



Beiträge zur Ethnographie von Würtemberg. 



Tabelle 1. 



Uebersicht der Sohädel aus Gräbern des Mittelalters. 

• a. Die einzelnen M nasse. 



Nr. 


Fundort. 


4 

ä 

j 


Weiblich. 


f ^ 
a J 
sl 

i O s 

3 


Besondere 

Eigenschaft. 


« a 
£ ** 
1 4 

e 


1 * 
| E 
5 ra 

| 


Hohe. 


1 u 
13 zc 

!i 

i = 

= 


h 

O 

S ti 

S O 
c ns 

•g£ 

O 


Typus. 


1 


Esslingen. 


ra 




- 


Stimnaht 


17,3 


15,5 


13,4 


53 


89,5 


Ligurisch. 


2 


p 


— 


w 


— 


— 


17,2 


14,7 


! 13,5 


51,9 


85,4 


„ 
























Ligarische 




n 






— 


— 


18,6 


15,6 


13,7 


51,4 


83,8 


Mischfonnen. 


4 


n 


m 


— 


— 


- 


19 


15,4 




54,3 


81 fi 




6 


n 


— 


w 


— 


Stimnaht. 


ia,5 


14,8 


13 


54,3 


80 




0 


ft 


m 


— 


— • 


- 


18 


14,4 


— 


52.4 


81,1 




7 


» 


— 


vr 


— 


— 


17,6 


14,3 


12,8 


5242 


81,7 














Sehr starke 
















‘ 








Entwicklung 














8 


9 






u 


d. Seiten wanrl- 


17 


15,3 


12,0 


51,7 


90 


9 












beinhncker. 














9 


9 


m 




- 


- 


17.4 


14,7 


12,9 


51,6 


84,4 


9 


10 


• 


— 


w 


— 


- 


17 


13,9 


11,0 


51 


81,7 


9 














H 










Germanische 


11 


9 


m 


— 


“ 


— 


19 


16 


14 


54,5 


78,8 


Mischformen. 


12 


9 


m 


— 


— 


- 


18d> 


14,6 


134! 


54,2 


78£ 


«i 


13 


9 


m 


— 


— 


- 


16,5 


14,5 


13 


53,2 


78,3 


n 


14 


9 


— 


W 


— 


— 


17,6 


13,0 


12,8 


51,8 


77,1 


9 


15 


9 


— 


w 


— 


- 


17,6 


13,4 


12,6 


61,5 


76,1 


!> 


IG 




— 


W 


— 


— 


17,4 


13,7 


IV 


51 


78,3 


9 


17 


9 


— 


w 


— 


— 


17,5 


13,7 


11,4 


50,9 


78,2 




18 


9 


— 


w 


— 


Stimnaht. 


17,5 


18,6 


12,4 


50,7 


77,2 




19 


Oberflacht. 


— 


w 


— 


- 


16,8 


13,8 




47,6 


76,1 


9 


20 


Esslingen. 


m 


— 


— 


- 


19,5 


14,7 


13,3 


55 


75,3 


Germanisch. 


21 


9 


in 


— 


— 


— 


19,4 


13,7 


— 


54,6 


70,6 






(Göppingen- 1 






















22 


{ Holacker, j 








— 


19,5 


14,7 


13 


54,5 


75,3 


9 












Ossa intcr- 
























pariet. Hin- 




- 










23 


Esslingen. 


m 








tcrer Theil 


19,6 


13,3 


13,0 


54 


(Ö.5 














der Pfeil- 
























naht ver- 


















I 






wachsen. 












1 



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Beiträge zur Ethnographie von Würtemberg. 



67 



Nr. 


Fundort. 


Männlich. 1 


Q 

a 

3 

£ 


s i 
® i 

11 
11 
° 1 




Besondere 

Eigenschaft. 


jf 


|| 


Höhe. 


u 

Qi 

1 § 
S *g 

X £ 

»2 

c 


b 

1 

1 * 
s « 

c rs 

•g »5 

c 


Typn». 


24 


Nürtingen- 

Grünen- 


m 










19.3 


14 


12 


53,9 


72,5 


Germanisch. 


26 


borg. 

OWflacht. 


m 








Pfeilnaht 
und ein 
Theil der 


18,8 


13,4 


13,3 


52,9 


71,6 




26 


[ Nürtingen- 1 
| Grünen- / 


m 








Kranznaht 

verwachsen. 


19 


13,9 


13,7 


62,8 


73,1 




27 


\ berg. 
Eselingen. 


m 











19/2 


13,7 


13,1 


52,3 


71,3 




28 


Oberflacht. 


m 


— 


— 




— 


18,6 


13,1 


13,2 


51,8 


70,4 


n 


29 


Esslingen. 


in 








- 


17,9 


13,6 


13,6 


51,7 


75,1 


n 


30 


Oberflacht. 


m 








- 


18.4 


13 


13,5 


51,5 


71,4 




81 


Esslingen. 


- 


* 


- 




- 


18,7 


13,4 


— 


51,5 


71,6 


« 


32 


* 


m 


- 


- 




— 


18 


12,8 


13,9 


51,5 


71,3 




33 


• 


m 


— 


— 




- 


18,4 


13/2 


12,8 


51,3 


71,7 




34 


0 


in 


k — 


— 




— 


17,8 


12,7 


12,7 


51/2 


71,3 


* 


36 


• 


m 


- 


- 




Alle Nähte | 
verwachsen. J 


19 


12,9 


13,6 


51,2 


67,8 




36 


• 9 


- 


— 


u 




— 


18,3 


12,9 


12/1 


51 


70,4 




37 


9 


— 


w 


— 




— 


17,9 


13 


12,7 


51 


72,6 


„ 


38 


m 


— 


w 


— 




— 


18 


13 


— 


50,1 


-ifi 




39 


» 


— 


w 


— 




— 


17,6 


1 2,5 


— 


49,3 


71,4 


■ 



h. Zusammenstellung der in vorstehender Tabelle enthaltenen Maasse der 
normalen Schädel Erwachsener. 



Liguriacher 

Typus. 

2 



Ligurische 

Mischform. 



Germanische 

Mischforni. 

0 



Germanischer 

Typus. 

17 





Grösste Länge . . . 
Grösste Breite ... 

Höhe 

Horizontaler Uiniang . 
Horizontaler Index 



17,8 

15/» 

14,5 

53 

89,3 



17/2 

14,7 

14.4 
51,9 

85.4 



19 

15.6 

13.7 

54.4 

84.4 



17 

13,9 

11,6 

51 

80 



18 
14,7 
1?,8 
5?, 8 

80,5 



19 

15 

14 

54,5 

78,9 



16/) 

12,8 

11,4 

47,6 

76,1 



17/) 

13,8 

12,7 



19,5 

14,7 

13,9 

55 

75,4 



17.5 18,5 

12.6 ; IS, 4 

12 ' IS, 8 

49,3 52 

“ 0,4 72,6 



9 * 



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68 



Beiträge zur Ethnographie von Wiirtemberg. 



2. Die Reihengräber. 

Vierte« hi» achte« Jahrhundert nach Christi. 

A. Franken. 



Gundelshcim, OA. Neckarsuhn. Von ftinf Schädeln ans diesen Gräbern sind nur drei 
so erhalten, dass ein bestimmtes Urtheil Uber ihre ethnographische Stellung möglich ist. Die 
Beschreibung der Grabstätte findet sieb in der Zeitschrift des historischen Vereins für wür- 
temb. Franken Bd. VI, S. 479 und Bd. VII, 8. 118. — Vor Allem muss ich hier ein Miss- 
verständnis® berichtigen. Es wird in jenem Aufsatz angegeben, einer der Schädel »ei ein 
Langschädel und gehöre dem wendischen Typus an und auch die später ausgegrabenen Schä- 
del zeigen diesen Typus. Die Angabe, dass die Schädel dem wendischen Typus auguhören, 
ist ein Irrthum, denn die Wenden oder Slaven sind brachycephal. Die drei eben erwähnten 




Fitf. 40. 
b. 




GiindeUlicim. 




Schädel zeigen alle ausgeprägten unvermischten germanischen Typus. Zwei davon gehören 
Männern an, ihr Index I «trägt. 74,2 (s. Fig. 40 a, b, c) und 74,3, der des dritten weiblichen 74,4. 
Alle sind harmonisch gebildet und verglichen mit. anderen Schädeln sehr geräumig. Die 
Stirn ist hoch, gerade, die Stirnhöhlenwülste bei den Männern stark entwickelt. Die Nähte 
sind bei einem der Männer und dem Weibe offen, bei dem zweiten Mann auf der Innenfläche 
des Schädels Altershalber grösstentheils verwachsen. Die Seitenwandbeinhöcker sind voll 
entwickelt, das Hinterhaupt kugelig aufgesetzt, an der Spitze der Lambdanaht mit einem 
leichten Absatz. Die Zähne der beiden Männer sind tief abgeschliffen, lau dem altern mehr 
als bei dem jungem '). 

Jagstfeld. Beim Eisenbahnbau daselbst wurden im Mai und Juni 18Ö(i vier Gräber 
eröflnet, dieselben lagen von Ost nach West, Kopf nach West, und waren mit roh bear- 
beiteten Steinen umgeben. Es fand sich in demselben ein 43 Centim. langer Sachs und drei 

1 1 Da« Abgcschliflentein der Zähne findet «ich, je nach dem Lebensalter mehr oder weniger ansge- 
pr.igt, hei einem grossen Theilc der in ßeiheneräbern und Grabhügeln vorkommenden Schädel, ist «her 
nichts charakteristisches. Es weist zwar allerdings auf härtere Nahrungsmittel hin, hat aber nicht die Beden- 
hing, die man ihm zuschreiben wollte, denn an einzelnen Schädeln der Jetztzeit findet es sicli gleichfalls. 



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Beiträge zur Ethnographie von Wiirtemberg. 69 

in ihrer Gestalt «lein Sachs ganz ähnliche Messer mit 12,5 Centim. langer Klinge. Drei Schä- 
del waren so erhalten, dass sie näher untersucht werden konnten. Dieselben haben ganz 
die Gestalt der Gundelsheimer, ihr Index beträgt 72,9, 73,9 und 75,6. Sie gehören, wie die 
Gundelsheimer, dem Siontypus an, mit Ausnahme des einen, dessen Seitenwandbeinhöcker 
dach und dessen Hinterhaupt von einer Seite zur andren schmal ist, und der sich daher dem 
Hohbergtypus nähert. 



i B. Schwaben. 

a. Das Unterland. 

Zwischen Feuerbach und Zuffenhausen wurde beim ELsenbahnbau im Jahre 1847 eine 
Anzahl von Gräbern aufgedeckt, welche alle Eigenschaften der Reihengräber zeigten. Sie 
lagen, wie fast alle, in einem gegen Osten sich sanft abdachonden Terrain, waren 2 bis 3 Fusr 
im Boden versenkt und liefen in der Richtung von Ost nach West Man fand ausser Lanzen- 
spitzen, Messern und Sachsen von Eisen , ein Hufeisen von der in diesen Gräbern vorkom- 
menden Form, Scherben von gut gebrannten Thongelassen, eine wohl erhaltene kleine Urne 
aus hellbraunem Thon von hübscher Form mit eingedrückten einfachen Verzierungen am 
Bauch, und endlich eine aus vergoldetem Silber bestehende Gewandnadel 1 ). 

Von den Schädeln werden fiinf in der Sammlung des würteinbergischen Alterthums- 
vereins aufbewahrt: vier davon hat Herr Professor Ecker a. a. O. S. 47 ff. beschrieben. Drei 
gehören Frauen an (Nr. 200, 201 und 198, bei Ecker Nr. 2, 3 und 4), ihr Index ist 7 0 , 2 , 73,9 
und 73,6. Der Index der zwei männlichen Schädel beträgt 67,7 (Nr. 97, Nr. 1 bei Ecker’) 
und 71,8 (Nr. 199 von Ecker nicht beschriebet!). Nr. 199 und 200 nähern sich dem Hoh- 
berg-, Nr. 198 und 201 gehören dem Siontypus an. Alle tragen die Eigenschaften des germa- 
nischen Typus an sich, das Hinterhaupt ist abgesetzt, ragt kugelig oder in Form einer abge- 
stumpften Pyramide hervor, der Schädel im Ganzen ist lang gestreckt, bei den Frauen sind 
die Stirnhöhlen schwach entwickelt, stark dagegen bei den Männern, die Stirn ist schmal und 
mehr oder weniger hoch. Nr. 197 ist von ganz aussorgewöhnlichcr Grösse, sein Cubikinhalt 
beträgt 1935 Cubikcentim. , die Stirn ist sehr breit, das Gesicht im Verhältniss zum Schädel 
klein, die Augenhöhlen weit, die Fossa canina tief und schief gestellt, die Wangenplatten nach 
vorn gerichtet u. s. f. Wenngleich dieser Schädel die Zeichen von vorwiegend germanischer 
Abstammung an sich trägt, so finden sich doch mehrere Eigenschaften, welche auf eine 
Mischung mit fremdem Blut hinweiseii. 

(-'anstatt. Die Reihengräber liegen bei der Uffkirehe, östlich von Canstatt (ganz in ent- 
gegengesetzter Richtung von der römischen Grabstätte auf dem Altenburger Felde). Sie 
wurden in den würtemb. Jahrbüchern 1834 S. 377 und 1835 S. 370 von Herrn Hofrath 
Ihr. v. Veiel beschrieben, welcher drei von den daselbst gefundenen Schädeln besitzt und die 
Gute hatte, mir dieselben zur Untersuchung zu iilterlassen. Zwei (Nr. I und 2) wurden schon von 
Herrn Professor Schaafhausen kurz beschrieben (s. Kölner Leitung 25. Ang. 1855). Derselbe 

] ) Letztere iat beschrieben uml ahgebildet von Lindenschmit „Die Alterthümer unserer heidnischen 
Vorreit“. Heft P. Tat. 8. Fig. 3. — *) In Betreff der Berechnung de* Index m ölten S. 14 und 10. 



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70 Beiträge zur Ethnographie von Würtemberg. 

erklärte sie, der damals noch über die Reihengräber herrschenden Ansicht zu Folge, für 
KeltenschädeL Ob er unter Kelten Germanen oder Galen, oder die Mischformen von beiden 
versteht, ist mir nicht bekannt, doch scheint ersteres der Fall zu sein, die Schädel stammen 
übrigens sicher aus Reihengräbern der nachrömischen Zeit um! tragen alle Charaktere des 
germanischen Typus an sich. 

Nr. 1 gehört einem Manne an in vorgerücktem Alter und ist wie mir scheint ein guter 
Repräsentant de» Hohbergtypus. Uns Gesicht und die Schädelbasis fehlen, die Nähte sind auf 
der Innenseite alle bis auf die Schläfennaht Altershalber verwachsen, die Stirn ist gerade, schön 
gewölbt, hoch (4,3 Centim.), die Stirnhölileuwülste stark entwickelt, die Nasenwurzel tief ein- 
geschnitten, die Seitenwandbeinhöeker massig entwickelt, das Hinterhaupt gewölbt, kugelig 
aufgesetzt, über die Seiteuwandbeine mit einem Absatz hervorragend. Iudex 69,07. 

Der Schädel Nr. 2 stammt von einem weiblichen Individuum, ist in allen Theilen har- 
monisch entwickelt, seine Nähte sind ollen, die Zähne wenig abgeschlitfen, die Stirn ist gerade, 
hoch und hat in der Mitte eine Hache Leiste von der sonst vollkommen verschwundenen 
Stirnnaht, das Gesicht klein, Nasenwurzel nicht tief eingeschnitten, Augenhöhlen weit, Seiten- 
wandbeinhöcker massig entwickelt. Das Hinterhaupt ragt in Form einer abgestumpften vier- 
seitigen Pyramide stark nach hinten hervor, der der Schädelbasis ungehörige Theil ist unter 
dem kaum angedeuteten Hinterhauptshöcker flach eoncav. Von der Mitte der Pfeilnaht bis zur 
Spitze der Lambdanaht läuft eine flache Furche. Index 72,2. Annäherung an den Hohbergtypns. 

Nr. 3 gehört einem alten Manne an, der Alveolarrand Ist in Folge von Altersatrophie 
fast ganz geschwunden, Zahnhöhlen fehlen iilierall, Nähte innen alle verwachsen, die Knochen 
des Schädeldaches sind sehr dick (6 bis 8 Millim. auf der Höhe des linken Seitenwand- 
beins), Gesicht ziemlich kurz, Jochbeine senkrecht stehend, in der Mitte der Wangenplatte 
ein starker Wulst, Stirnhöhlen sehr entwickelt, Stirn hock, ein wenig zurückweichend, Seiten- 
wandbciuhöeker Hach. Von der Mitte der Stirn bis zum hinteren Ende der vorderen Hälfte 
der Pfeilnaht läuft eine flache Leiste in der Mittellinie des Schädel». Das Hinterhaupt ist 
kugelig aufgesetzt und ragt mit einem sehr starken Absatz über die Seitenwandbeine vor; 
Index 71,06. Der Schädel ist langgezogen, und würde von Herrn Professor His wohl dem 
Hohhergtvpus beigezählt werden. 

Bopfingen. Im Jahre 1863 wunle beim Eisenbalmbau in der Nähe dieses Ortes eine 
grosse Zahl von Reihengräbern aufgedeckt. Sie enthielten eiserne Schwerter, Sachse in 
grosser Menge, Messer, Lanzenspitzcn, Schildbuckel, eiserne mit Silbereinlage verzierte Gürtel- 
schnallen und eine Lanzeuspitze aus Bronze. Die Funde sind hier in der königl. Sammlung 
für vaterländische Kirnst- und Alterthumsdenkmale. Nur ein Schädel wurde im königlichen 
Naturaliencabinet aufbewahrt. Derselbe ist sehr gross, langgestreckt, hat eine hoho Stirn, 
massig entwickelte Seitenwandbeinhöcker und ein kugelig aufgesetztes hervorragendes Hinter- 
haupt. Er ist dem best erhaltenen Schädel au» Gundelsheim sehr ähnlich , trägt alle Zeichen 
de« germanischen Typus an sich, sein Index beträgt. 7 1 ,8. Da« rechte Soitenwandhein ist zer- 
sprungen und unter dem Höcker fehlt ein Stück. 

Göppingen. Der Begrähnissplatz liegt auf dem linken Ufer der Fils, etwa eine Viertel- 
stunde nordwestlich von der Stadt, au der Seite eines sich nach Nordost ahflachenden 
Höhenzuges. Derselbe wurde vor mehreren Jahren hei der Anlage eines Liaskalksteinbruehs 



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Beiträge zur Ethnographie von Würtemberg. 7 1 

entdeckt Die Kalkhänke stehen 2'/j bis 4 Fuss tief unter der Oberfläche des Bodens an. 
Die Leichen liegen in geraden Reihen, da wo die Erde nicht über 4 Fugs mächtig ist, auf 
den Felsen oder in einer seichten, in denselben gehauenen Vertiefung; alle halten im all- 
gemeinen eine Richtung von Ost nach West mit dem Gesichte nach Osten sehend; doch lässt 
»ich bei ihnen eine verschiedene Ablenkung nach Nordost oder Siidost nach weisen, wohl je 
nach der Jahreszeit in der begraben wurde. — Dreierlei Begräbnissweisen lassen sich nach- 
weisen; alle Erwachsenen liegen gerade gestreckt auf dem Rüeken, im unteren Theile des 
Leichenfeldes in der blossen Erde, im oberen Theile, der wohl einer etwas späteren Zeit ange- 
hört, waren sie mit einem eichenen, zum Theil gut erhaltenen Brette bedeckt. Kinder und 
junge Leute wurden in sitzender oder hockender Stellung begraben. — Alle Gräber sind 
an ihrem Ost- und Westende, bei den liegenden Leichen mit, in einem Winkel gestellten, 
grossen Liaskalksteinen umgeben; auch bei den sitzenden fanden sieb diese Steinsetzungen, 
nur näher bei einander und weniger regelmässig im Winkel gestellt. In allen Gräben» ist 
die aufgeschüttete Erde theiLs roth (vom Eisenoxyd), theils grauweiss gebrannt, mit Kohlen, 
Asche und Umenscherbcn vermischt, lockerer und etwas dunkler als der gewachsene Boden. 
Iin unteren, wahrscheinlich älteren Theile des Leichenfeldes lagen die Gräber 3 bis 4 Fuss 
weit auseinander, hier fanden sich bei allen Männern zum Theil sehr lange Sachse, seltener 
Schwerter und verhältnissmässig wenige Gegenstände von Silber. Im oberen, jüngeren Theile 
fand sich mehr Silber, bei den Männern häufiger Schwerter und besser gearbeitete mit mehr 
Blutrinnen versehene und kürzere Sachse, sowie kleine Messer in Sachsfonn; die Gräber 
dieses Theils lagen 8 bis 10 Fuss auseinander. Von Schmuckgegenständen fanden sich in den 
Frauengräbem sehr schön gearbeitete Glas- und Thonperlen, lange Haarnadeln, eine mit einem 
Knopfe aus Glas, Riemenenden von Bronze und mit Silber eingelegt, von den Sandalen oder 
Schuhen, meist nur wenig unter dem Knie oder nahe dem Fussgelenke liegend, Riemen- 
beschläge, Gewandnadeln von Bronze, Finger- und Ohrringe von Bronze, sowie Urnen. 

— Bei den Männern fanden sich ausser Schwertern, Sachsen und Messern, Lanzen- und Pfeil- 

. % 

spitzen, grosse Gürtelschnallen von Eisen mit Silber eingelegt, Riemenenden, und in einem 
Grabe Sporen von Bronze, mit Silber eingelegte pyramidenförmige eiserne Knöpfe, ferner 
Pferdeschmuck von Eisen mit Silber eingelegt und eine Trense; selten .waren den Männern 
Urnen beigegeben. 

Von etwa 14 Gräbern erhielt ich die Knochenreste; dieselben waren aber so zerstört, dass 
es mir mir gelang, vier Schädel in mehr oder weniger defectcm Zustand wieder zusammen- 
zusetzen. Elin fünfter Schädel kam nach Sigmaringen in die fürstliche Sammlung, eine genaue 
Untersuchung desselben konnte ich zwar bisher nicht ausführen ; aber bei einer kurzen Anwesen- 
heit in Sigmaringen war es mir möglich, wenigstens so viel zu eonstatiren, dass er alle Eigen- 
schaften lies germanischen Typus besitzt Von obigen vier Schädeln gehören zwei Frauen 
an, ihr Index beträgt 67,3, 72,7 nnd zwei Männern, von denen der eine seinen Zähnen nach 
im höheren Alter, der andere, dem Weisheitszahne nach, unter 20 Jahren starb. Der Index 
der beiden letztem beträgt 73,6 und 77,2. Alle haben eine hohe gerade Stirn, ziemlich ent- 
wickelte Seitenwandbeinhöcker, ein stark hervoftretendes, kugelig oder in Form einer abge- 
stumpften Pyramide aufgesetztes Hinterhaupt, überhaupt die Eigenschaften des germanischen 
(Sion- und Hohberg-) Typus. Ein weiblicher und ein männlicher Schädel zeichnen sich durch 



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72 Beiträge zur Ethnographie von Wiirtetnberg. 

ihre langgestreckte Form aus, und nähern sich in ihrer Gestalt «len später zu beschreibenden 
Schädeln von Messstetten. Der zweite männliche Schädel hat sehr jugendliche Können und 
daher wohl einen höheren Index. 

Kirchheim unter Teck. — Im Jahre 1864 wurden auf der linken Seite der Lauter unmit- 
telbar vor der Stadt in einem Garten, im sogenannten Paradies, etwa 16 ReihengTäber l<eim 
Kiesgraben aufgefunden. Die Gräber lagen in regelmässigen, in Furchen gelegten Reihen, 
jedes von Ost nach West. Die Leichen hatten den Kopf im Westen, das Gesicht also nach 
Osten gerichtet. In allen Gräbern waren zahlreiche Kohlen und Aschenreste und nur wenige 
Urnenscherben. In den Gräbern der Männer wurden gefunden: Schwerter, zum Theil mit 
wohl erhaltenem Griff, zwei davon von Bein , kurze und breite Sachse mit Bronzebeschlägen 
und Reste von der mit Bronze beschlagenen Lederscheide, kleine Messer, eine Francisco. 
Schildbuckel, breite Gürtelschnallen mit Silber eingelegt, Gewandspangen von Bronze, eine 
davon von Gold, Bronzeschnallen und Ringe vom Wehrgehänge, ein durchbohrter Bckzalin 
eines Bären und kleine Urnen. — In den Gräliern der Frauen fanden sich Perlen von Glas 
und Thon in der Gegend des Halses, lange Haarnadeln von Bronze. Ohrringe, rings um den 
Schädel einer Leiche herum zahlreiche Nadeln von Bronze mit kugeligen knopfartigen Enden, 
Gewandnadeln, ein verzierter Kamm von Bein und eine sehr schöne Zierplatte mit Tliier- 
gestalten, eng umgeben von einem Ring aus Elfenliein, und endlich kleine Urnen. 

Von den Schädeln konnten filnf erhalten werden, drei weibliche und zwei männliche. 
Von den weiblichen wurden zwei von verschiedenem Lebensalter in einem Grabe gefunden. 
Der ältere hat Altershalber verwachsene Nähte, tief abgesehlittene übrigens wohl erhaltene 
Zähne, seine Stirn ist hoch und gerade, sein Hinterhaupt ragt kugelig hervor, der hinteren 
Hälfte «ler Pfeilnaht entspricht eine seichte Furche, die Seitenwandbeine sind Hach, der 
Schädel im Ganzen Ist klein und seine Gestalt nähert sich von oben gesehen einem regel- 
mässigen Oval (Sion-Typus), sein Index heträgt 76,7. Der zweite jüngere unterhalb des er- 
steren gefundene Schädel hat Caries am linken Felsenbein mit theilweiser cariöser Zerstörung 
der Schläfenschuppe , des seitlichen Theiles des Stirnbeins und Seiten wandheins. Die Zäline 
sind gut erhalten, kaum ungeschliffen , die Stirn ist nieder und liegt zurück, die Stirnhöhlen 
sind wenig entwickelt, die Seitenwandbeinhöcker hervorragend, das Hinterhaupt kugelig 
aufgesetzt, weit, hervorragend. Die Nähte sind alle offen, bis auf das hintere Viertheil der 
Pfeilnaht, welches zu verwachsen beginnt Sein Index beträgt 78,6. 

Der dritte weibliche Schädel hat abgeschliffene Zähne, ist prognath , die Stirnhöhlen sind 
wenig entwickelt, Stirn nieder, zurückliegend, Seitenwandbeinhöcker Hach, Hinterhaupt kuge- 
lig aufgesetzt, hervorragend, Nähte bis auf die Schläfennath und einen Theil der Hinterliaupts- 
naht Altershalber verwachsen, Index 73,1. Annäherung an den Hobhergtypus, 

Der eine der männlichen Schädel, bei welchem sehr reicher Schmuck und Waffen gcftinden 
wurden und der sehr gut erhalten ist, hat massig abgeschliffene Zäline, die Pfeilnaht und der 
grössere Theil der Kranznaht sind Altershalber verwachsen, die Stirnhöhlen sehr entwickelt, 
Stirn hoch, gerade, die Seitenwandbeinhöcker massig entwickelt, der Pfoilnaht entsprechend 
findet sich eine flache Furche , das Hinterhaupt ist kugelig aufgesetzt und ragt wenig hervor, 
Index 76,9 (Siontypua). 

Der zweite männliche Schädel, bei dem noch die vollständige Waffenrüstnng, 



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Beiträge zur Ethnographie von Wiirtemberg. 73 

sowie ein durchbohrter Bärenzahn gefunden wurdo, hat sehr kräftige, gedrungene Formen, 
die Zähne sind tief abgeschliffen, der Alveolarrand ist Altershalber dünn und nieder , die 
hintern Backenzähne fehlen. Die Stirnhöhlen sind sehr entwickelt, die Nasenwurzel unge- 
wöhnlich tief eingeschnitten, die Nähte alle verwachsen, Von der Mitte der Stirn bis ans 
hintere Dritthoil der Pfeilnaht läuft eine erhabene, flache Leiste; die höchste Stelle des 
Schädels fällt in die Mitte der letzteren, die Seitenwandbeinhöcker sind sehr entwickelt, 
das Hinterhaupt ist kugelig aufgesetzt, massig hervorragend, Index 76,4. 

Vier von diesen Schädeln zeichnen sich durch ihre kürzere Form, überhaupt dadurch aus, 
dass der germanische Typus zwar deutlich zu erkennen, aber doch in Etwas abgeschwächt 
ist. Ob dies nur durch individuelle Schwankungen oder durch Vermischungen mit einem 
fremden Typus bedingt wird, wage ich nicht zu entscheiden, da weder das Gesicht, noch die 
Stirn oder das Hinterhaupt bestimmte Anhaltspunkte geben. Von ethnographischer Seite 
lässt sich also nicht feststellen, ob diese Gräber schon einer etwas späteren Periode der 
Reihengräbor angehören, die vollendete Technik der beigegebenen Waffen und des Schmuckes 
spricht übrigens entschieden dafür. 

Pfullingen. Das reiche Leichenfeld von Pfullingen gehört den mir zu Gesicht gekom- 
menen Grabfunden, sowie der Bestattungsweise nach, jedenfalls zu den Reihengräborn. Von 
den vielen Schädeln kamen leider nur drei in meinen Besitz, ein männlicher und zwei 
weibliche. Ereterer hat sehr starke Kauwerkzeuge und ist daher ziemlich prognath. Die 
Zähne sind vollständig erhalten, nicht abgescliliffen, der Eckzahn stellt hervor, die Nähte 
sind offen, die Stirnhöhlen stark entwickelt, die Stirn ziemlich hoch, aber zurückliegend, 
die Seitenwandbeinhöcker entwickelt , das Hinterhaupt kugelig aufgesetzt und weit hervor- 
ragend; der Index beträgt 74,4 (Sion-Typus). 

In demselben Grabe fand sich ausserdem ein weiblicher Schädel, mit sehr gut erhaltenen, 
kaum abgeschliffenen Zähnen, der Weisheitszahn ist in die Reihe der anderen getreten, das 
Gesicht schmal, die Nase ziemlich hervortretend, Stirn gerade und hoch, Stirn- und Sciten- 
wandbeinhocker voll entwickelt, Nähte alle offen, das kugelig aufgesetzte Hinterhaupt tritt 
massig hervor. Der Schädel im Ganzen ist langgestreckt, geräumig und denen aus den 
Reihengräbern von Gundelsheim sehr ähnlich; sein Index beträgt 75,6 (Sion-Tvpus). 

Bei dem zweiten weiblichen, im Ganzen dem vorigen ähnlichen Schädel sind die Stirn- 
und Seitenwandbeinhöcker weniger entwickelt und das Stirnbein über die Seitenwandbeine 
überhöht, so dass der höchste Punkt des Schädels gerade in die Kranznaht fällt. Von oben 
gesehen, hat der Schädel eine regelmässig ovalo Form wie überhaupt sehr schöne, harmo- 
nische Verhältnisse. Sein Index beträgt 75. — Dass alle diese drei Schädel den germa- 
nischen Typus an sich tragen, braucht kaum erwähnt zu werden. 

Oferdingen, OA. Tübingen. — Im Jahre 1863 wurde auf der sogenannten Betmauer 
ein Skelet ohne Beigaben, aber unter Umständen aufgefunden, welche nach der Ansicht des 
Herrn Finanzrath Paulus keinen Zweifel lassen, dass es der Zeit der Reiliengräber angehört. 
Der Schädel hat alle Eigenschaften des reinen germanischen (Hohberg-) Typus; sein Index 
beträgt "2,5. Auf dem linken Seitenwandbein sind zwei runde Oeffnungen von 1 und 2 
Centim. Durchmesser, welche im Leben durch Verletzungen entstanden waren und deren 
Ränder deutliche Zeichen des Hoilungsprozesses zeigen. 

Arel.lv rut AuUirupolotpe. Bd. II. Heft I. 10 



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74 



Beitrüge zur Ethnographie von Würtemberg. 



b. Die Reihengriber auf der Hochfläche der Alb. 

Messstetten, OA, Balingen. Ganz in der Nähe des Ortes wurden im Jahre 1865 
mehrere Reihengräber geöffnet, aus welchen ich sechs Schädel, drei männliche und drei weib- 
liche, erhielt; ein männlicher und ein weiblicher Schädel waren in einem Grabe. Die Funde 
sind die gewöhnlichen der Reihengräber. Die Schädel sind alle langgestreckt, die der Män- 
ner gross, geräumig, mit starken Müskelvorsprüngen und dicker, schwerer Knochensubatanz. 
Das Jochbein tritt weit unter das Stirnbein zurtick, das Gesicht ist länglich, orthognath, 
die Stirnhöhlen stark entwickelt, die Stirn hoch, schön gewölbt, die Seiten wandbeinböcker 
vor der Mitte der lang gezogenen Seitenwandbeine, das Hinterhaupt ragt in Form eines Ku- 
gelabschnitts weit hervor. Die weiblichen Schädel zeigen ähnliche, dem reinen germanischen 
(Hohberg-) Typus zukommende Eigenschaften, nur sind sie zarter gebaut, kleiner, die Muskel- 
vorsprünge schwächer, die Stirnhöhlen flacher, das Gesicht schmälor u. s. f. Der Index der 
Männer beträgt 70; 71,7 und 74,07, der der Frauen 71,05; 72,2 und 72,3. 

Langenenslingen '). Nur einen, jedoch sehr gut erhaltenen Schädel konnte ich von 
dieser Stelle erhalten. Soine Nähte sind alle verwachsen bis auf einen Theil der Kranznaht 
und die hintere Hälfte der Schuppennaht. Das Gesicht ist schmal, wenig prognatb, die 
Zähne sehr tief abgeschliffen , die Stirn ziemlich nieder , zurückliegend , Höcker flach, ebenso 
die Höcker der langgezogenen Seiten wandbeine , Hinterhaupt kugelig, hervorragend, leicht 
zugespitzt; ausgesprochener germanischer (Hohberg-) Typus, Index 69,5. 

Hedingen bei Sigmaringen. Die drei Schädel von diesem Fundort, deren Zähne, so- 
weit sie vorhanden, tief abgeschliffen sind, haben alle Eigenschaften des germanischen 
Typus deutlich ausgesprochen. Die Stirnhöhlen sind sehr entwickelt, das Hinterhaupt ragt 
mit einem Absatz weit hervor und ist kugelig aufgesetzt (theils Sion-, theihs Hohberg- 
typus). Index 68; 70,2 und 75. 

Von Frohnstetten erhielt ich zwei Schädel, bei beiden sind die Zähne sehr gut erhal- 
ten und wenig abgeschliffen, die Nähte offen; sie sind harmonisch entwickelt und rein ger- 
manisch, das Hinterhaupt tritt weit hervor, ist bei dem einen kugelig, bei dem anderen in 
Form einer abgestumpften Pyramide aufgesetzt. Ihr Index beträgt 68 und 70,1 (Hohberg- 
typus). 



c. Oberschwaben. 

Ulm. Der Begräbnissplatz wurde im Jahre 1857 entdeckt 5 ). Siebenzehn Schädel, welche 
in der Sammlung des Alterthumsvereins in Ulm auf bewahrt werden, habe ich untersucht. 
Einen davon hat Herr Professor Ecker in dem früher angeführten Werke beschrieben. In 
ethnographisch - historischer Beziehung hat derselbe aber nur untergeordneten Werth , weil 



i) Uebeb ilic Grabfunde siehe Lindenschmit: „Die vaterländischen Altcrthümer der fürstlich hohen- 

rnUeruchen Sammlung in Sigmaringen“, S. 199 u. ff. 

S) Die Beschreibung desselben von Oheretndionrath Dr. v. Hassler findet «ich in den Verhandlungen de» 
Aiterthu ins Vereins für Ulm und Oberschwaben XII. Ulm 1860. 



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75 



Beiträge zur Ethnographie von Wiirtemberg. 

seine Form durch frühzeitige Verwachsung eines Theils der Nähte anormal ist (Scaphocephalus, 
s. Welcker a a. O. I, S. 11T). Der zweite, von Herrn Ecker beschriebene Schädel (gleich- 
falls ein Scaphocephalus) stammt, nach den Angaben des Herrn Oberstudienrath v. Hassler, 
aus einem Hügelgrabe bei Münsingen (Alb) , und wird später aufgefuhrt werden '). 

Zu den 17 Schädeln der Ulmer Sammlung kommt noch einer im NaturaUengabinet in 
Stuttgart und einer in meiner Sammlung, zusammen also 19. Von diesen zeigen 18 den 
germanischen Typus mehr oder weniger vollkommen ausgeprägt. Zwei davon tragen zwar, 
wenn auch schwache. Spuren einer Vermischung mit fremdem Typus an sich, der germanische 
Charakter herrscht aber auch bei ihnen vor, die übrigen haben meistens den Sion-, selten 
den Hohberg-Typus. Nur bei 13 liess sich der Index bestimmen, der des Scaphocephalus 
beträgt 66,6; bei 11 von den übrigen liegt der Index zwischen 70 und 76,3. 

Der interessanteste in historischer Beziehung ist aber der letzte, welcher einen Index 
von 83,1 und überhaupt die wesentlichsten Eigenschaften des ligurischen Typus hat Ganz 
frei von germanischen Beimischungen ist er zwar nicht, er ist sehr geräumig und hat ein 
ziemlich weit hervorragendes , gewölbtes Hinterhaupt , Stirne , Seiten wandbeine und Gesicht 
sind aber vorherrschend ligurisch. Bis jetzt wurde in keinem der zahlreichen Beihengräber 
WUrtembergs dieser Typus vorgefunden. Steht es fest, dass der Ulmer Begräbnissplatz dem 
vierten bis sechsten Jahrhundert angehört , so müsste hier in jenen frühen Zeiten schon eine, 
wenn auch nur auf vereinzelte Fälle beschränkte, Mischung zwischen den Siegern und den 
besiegten römischen Colonisten stattgefunden haben. Da es aber nicht bewiesen werden kann, 
dass das sechste Jahrhundert als obere Grenze für jenen Friedhof angenommen werden muss, 
so wird es meiner Ansicht nach für jetzt unentschieden bleiben müssen, ob derselbe nicht bis 
in die christliche Zeit hinein reichte, um so mehr, als mir aus den jenseits der Donau gele- 
genen Reihengräbern keine Schädel weiter zu Gebote stehen. 

Denzingen bei Günsburg in Bayern. Im Jahre 1864 wurden etwa 20 Beihengräber in 
der Nähe des eben genannten Dorfes geöffnet. Die in ihnen enthaltenen Funde sind wesent- 
lich dieselben, wie die der Beihengräber von Ulm, Nordendorf etc., mit dem einzigen Unter- 
schiede, dass man ziemlich viele Schmuckgegenstände von Silber fand. In meinen Besitz 
kamen 10 Schädel, deren Beschreibung ich hier anfügen will, weil Denzingen in der Nähe von 
Ulm liegt, die Funde also die letzteren ergänzen, und weil, wie ich höre, keine weiteren Schä- 
del erhalten werden konnten, eine Veröffentlichung also zur Vervollständigung der Kenntniss 
des Fundes wünschenswert!) erscheint; denn nur durch vergleichende Uebersichten Uber mög- 
lichst viele solche Funde, wird endlich Klarheit in die vielfach verworrene Beurtheilung der- 
selben kommen können. 

Von den 10 Schädeln stammen vier von Männern, fünf von Frauen und einer von einem 
etwa dreijährigen Kinde. Von letzterem waren die einzelnen Knochen noch so gut erhalten, 
dass sie sich wieder zusammensetzen Hessen. Das Gesicht desselben ist schmal, die Stirne 
hoch und schmal, die Stirn- und Seiten wandheinhöcker sehr entwickelt, die letzteren liegen 
vor der Mitte der Seitenwandbeine, das Hinterhaupt ist kugelig aufgesetzt und ragt weit 



•) l>a*e diese zwei Schädel aynoatotiache sind, ist in dem Werke „Crania Gcrmaniae“ S. 47 angegeben. 

Red. 

10 * 



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76 Beiträge zur Ethnographie von Würtemberg. 

hervor; der Scliädel ist nach hinten zugespitzt wie bei den Germanen, sein Index 
beträgt 76,6. 

Die Schädel der Männer und Frauen sind im Ganzen weniger geräumig als die bisher 
beschriebenen, sonst stehen sie einzelnen Schädeln von Ulm und Kirchheim am nächsten. 
Sie haben alle die Eigenschaften des germanischen Typus, obgleich nicht so ausgeprägt wie 
die von Göppingen, Messstetten , Hedingen u. s. f. , einige davon sind mehr oder weniger ver- 
kümmert Der Index der Frauen beträgt 69,05, 70,3, 73,8, 76 und 76,5; der der Männer 73,6, 
75,6 77,2 und 77,6. Zwei von den Männern zeigen in Stirn und Hinterhaupt deutliche Spu- 
ren von Mischung mit ligurischem Typus, jedoch herrscht auch bei ihnen der germanische 
Typus vor, bei den übrigen ist er rein ausgeprägt — Das häufige Vorkommen des Silbers bei 
den Schmuckgegenständen und der Beginn einer Mischung der beiden Typen weist auf eino 
spätere Zeit, auf das 7. oder 8. Jahrhundert hin. 

C. Rückblick auf die Roihengräber. 

Bei einem' Rückblick auf die eben beschriebenen Schädel aus den Reihengräbem stellt 
sich heraus, dass von den untersuchten 63 Schädeln zwei durch Krankheit (Karies des Felsen- 
beins und frühzeitige Verwachsung eines Theils der Nähte) wesentlich in ihren Formen ver- 
ändert und für die ethnographische Untersuchung zunächst unbrauchbar sind. Von den 
übrigen 61 gehören 55 dem rein germanischen, 5 den Mischformen mit vorherrschendem ger- 
manischem, und 1 den Mischformen mit vorherrschendem ligurischem Typus an. Von den 
vorherrschend germanischen Mischfonnen stammt 1 aus Feuerbach, 2 aus Denzingen und 2 
aus Ulm. Nur in Ulm wurde eine Misch form mit vorherrschendem ligurischem Typus ge- 
funden. 

Die einzelnen Maasse der Schädel aus den Reihengräbern sind in folgender Tabelle 
zusammengestellt : 



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77 



Beiträge zur Ethnographie von Wiirtemberg. 
Tabelle 2. 

Schädel aus den Reihengräbern. 



a. Einzelne Ma&sse. 



Nr. 


Fundort. 


S 

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Weiblich, j 


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Eigenschaf- 

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Horizontaler 

Umfang. 


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« 


Typ®«. 


40 


Hm. 


m. 


— 


_ 


Stirnnaht. 


17,8 


18,4 




62 


' 88,1 


Ligurische 

Mischform. 


41 


Feuerbach. 


BK. 










20,2 


15,5 


15,2 


56,5 


76,7 


Germanische 

Mischform. 


42 


Denzingen. 


m. 


- 


- 


- 


18,8 


14,6 


— 


52,5 


77,6 




4 3 


a 


m. 


— 


— 


— 


17,6 


13,6 


13,3 


52 


77ß 




44 


Ulm. 


— 


— 


u. 


- 


17,5 


12,8 


— 


51 


73,6 


n 


iö 


W 


— 


— 


o. 


— 


17,2 


12,9 


— 


49 


75 


m 


46 


Bopfingen. 


m. 


— 


— 


— 


20,3 


14,6 


14 


56,7 


71,8 


Germanisch. 


47 


Gundelsheim. 


m. 


- 


— 


_ 


20,2 


15 


14,1 


66.3 


74,2 




4 8 


Messstetten. 


m. 


— 


— 


— 


20 


H 


13,9 


56 


70 




49 


Ulm. 


m. 


— 


— 


— 


19,4 


13,8 





56 


71,5 




50 


Denzingen. 


m. 


— 


— 


— 


19,3 


14,6 


18,4 


56 


75,6 




51 


Mewstetten. 


m. 


— 


— 


— 


19,8 


14,2 


14,3 


55,5 


71,7 




52 


[ Canstatt- | 
l Uffkirehc. / 


m. 


- 


- 


- 


19,7 


14 


14,6 


55,3 


70,06 




53 


liedingen . 
(Sigmarin- 


m. 








20,2 


14,2 


14^2 


54,3 


70,2 




5-1 


gen). 1 
1» 


m. 








20 


13,6 


15 


54,2 


68 




65 


Gundelsheim. 


m. 


_ 


— 


— 


19,1 


14,2 





54 


74,3 




56 


Göppingen. 


m. 


— 


— 





19 


14 





54 


73,6 




57 


Denzingen. 


m. 


— 


— 





19 


14 


13,6 


53,9 


73,6 




58 


Messstetten. 


zn. 


— 


— 


Stirnnaht. 


18,9 


14 


13 


63,8 


74,07 




59 


j Can statt- | 
l üfflrirche. j 


ra. 


- 


- 


- 


19,4 


13,4 


— 


63,5 


69,07 


a 


60 


Oferdingen. 


m. 








(Narben ini 
| linken 


19^2 


14 




53,5 


72,6 




61 


Ulm. 


m. 





_ 


l Stirnbein. 
Stiranaht. 


18,8 


13,6 




53,5 


71,7 




62 


Göppingen. 


in. 


— 


— 


— 


18,5 


14,3 


14 


53,4 


77,2 




63 


Kirchheim 
u. T. 


m. 


- 


- 


- 


18,7 


14,3 


14 


53,3 


76,4 




64 


Jaxtfeld. 


in. 1 


— 


— 


— 


19 


14 


14,6 


53,1 


73,6 


• 


65 


Pfullingen. 


_ 


w. 


— 


— 


18,9 


14,3 


18,7 


53,1 


75.G 




66 


Froh n Stetten. 


m. 


— 


- 


— 


19,4 


13,6 


13 


53 


70,1 




67 


B 


— 1 


— 


n. 


— 


19 


13 


— 





08 




«6 


Ulm. 


m. 


— 


— 


— 


19,3 


13,7 


— 


53 


71 


a 



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78 



Beiträge zur Ethnographie von Würtemberg. 



Nr. 


Fundort. 


Männlich. 


Weiblich. 


Geschlecht 
unbestimmt. J 


Besondere 

Eigenschaf- 

ten, 


® 9 
2 bc 

4 | 

& j 


3 « 
11 


» . 
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« . 
5 | 
1-2 
.3 C 

s 


k 

3 K 

B Qi 

0 -c 

•M 

O 

a 


Typus. 


69 


1 Kirchheim 1 

l O. T. J 


- 


w. 


- 


Cariee des 
linken Fel- 
senbeins etc.) 


17,8 


14 


13,9 


63 


78 fi 


Germanisch. 


70 


Hetlingen. 


— 


w. 


— 




18 


13,5 


14,1 


52,8 


75 


• 


7t 


J LangcncnB- 1 
l lingen. / 


m. 




- 


— 


18,7 


13 


13,6 


52,7 


69,5 


* 


72 


Jaxtfeld. 


m. 


— 


— 


— 


18,5 


13,5 


13,3 


62,7 


72,9 


1 « 


73 


» 


m. 


- 


— 


— 


18,5 


14 


13,1 


52,4 


75,6 


n 


74 


Göppingen. 


- 


w. 


— 


— 


18,7 


13,6 


- 


62,3 


72,7 


» 


76 


n 


— 


w. 


— 


— 


19,3 


13 


- 


52,2 


67,3 


» 


7Ö 


| (.'anstatt- \ 
( UflVirche. J 


- 


w. 


- 


- 


18,6 


13,5 


14,5 


62,2 


72,2 


m 


77 


Ulm. 


— 


w. 


— 


— 


18,3 


13,9 


13,1 


62,2 


75,9 


» 


78 




— 


w. 


— 


— 


18,7 


13,6 


- 


62 


72,6 


p 


79 


f Kirchheim. j 
l n- T. } 


m. 


- 


- 


- 


18,4 


13,7 


13,3 


52 


74,4 


p 


80 


P 


m. 


— 


— 


— 


18,2 


14 


13,6 


52 


76,9 


p 


81 


Gundelsheim, 


— 


w. 


— 


— 


18,4 


13,7 


13,1 


51,6 


74,4 


n 


82 


Ulm. 


m. 


— 


— 


— 


18,1 


12,7 


% — 


5141 


70,1 


p 


83 


«» 


— 


w. 


— 


— 


18,6 


13 


14,7 


51,5 


70 


p 


84 


i» 


— 


— 


u. 


— 


17,8 


13 


— 


51,4 


76,3 


p 


85 


Feuerbach. 


m. 


— 


— 


— 


18,1 


13 


134 


51,3 


71,8 




86 


p 


— 


w. 


— 


— 


18,1 


13,6 


12,8 


51,3 


73,9 




87 


Ulm. 


m. 




- 


f Scaphoce- \ 
\ phalos. J 


19,2 


10,2 


- 


5142 


66,6 


p 

n 


88 


Feuerbach. 


— 


w. 


— 


Stirnnaht. 


18,3 


13,4 


13,6 


51,2 


78,2 


» 


89 


Pfullingen. 


— 


w. 


— 


— 


18 


13,6 


13,8 


51,2 


75 


p 


90 


Ulm. 


m. 


— 


— 


— 


17,9 


13,4 




51 


74,8 


p 


91 


Denzingen. 


— 


w. 


— 


Stirnnaht. 


18,2 


12,8 


13 


51 


70,3 


p 


92 


f* 


— 


w. 


— 


— 


17,5 


13,4 


13,1 


51 


76,6 


p 


93 


Measstetten. 


— 


w. 


— 


— 


18 


12,8 


12,8 


50,9 


71,05 


p 


94 


9 


— 


w. 


— 


— 


18 


13 


12,6 


50,7 


72,2 


9 


95 


Denzingen. 


— 


w. 


— 


— 


18,1 


12,8 


13 


50,5 


70,6 


p 


96 


n 


• — 


w. 


— 


— 


18 


13,3 


13 


50,5 


78,8 


p 


97 


t» 


— 


w. 


— 


k 


17,5 


13,3 


13,4 


60,2 


76 


p 


98 


[ Kirchheim. 1 
i u. T. ] 


- 


w. 


- 


- 


17,2 


13,2 


12,8 


50,2 


76,7 


p 


99 




— 


w. 


— 


— 


1741 


13,1 


1241 


50,1 


73,1 


„ 


100 


Feuerbach. 


— 


w. 


— 


— 


17,7 


18,5 


13,6 


50,1 


76,2 


p 


101 


Mesastetten. 


— 


w. 


- 


- 


17,7 


12,8 


13,3 


49,8 


72,3 


.. 


102 


Denzingen. 


- 


- 


1*1 


- 


15 


11,5 


113 


43,3 


76,6 


?f 



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Beiträge zur Ethnographie von Würtemberg. 



79 



b. Ueberiicht über die vorstehenden Maasse der normalen Schädel Erwachsener. 





Ligurische 

Mischformen. 

1 


Germanische 

Mischformen. 

5 


Germfinischer • 

Typus. 

54 




Max. 


Min. 


Mittel. 


Max. 


Min. 


Mittel. 


Grösste Länge ........ 


17,8 


20,2 


17,2 


18,2 


20,3 


17,2 


18,6 


Grösste breite 


14,8 


15,5 


12,8 


13,4 


15,5 


12,7 


13,4 


Grünte Höhe ........ 


— 


15,2 


13,3 


- 


15 


12,5 


13,2 


Horizontaler Umfang .... 


52 


56,5 


49 


62,2 


66,7 


49.8 


52,5 


Horizontaler Index 


83,1 


77,6 


73,5 


76 


77,2 


67,3 


72,9 



Vergleicht man die eben geschilderten Verhältnisse mit denen, welche die Schädel aus 
der Krypta der Vitaliskapelle von Esslingen so ziemlich aas donselben Bevölkcnmgskroisen, 
wie die der Reihengräber, darbieten, so ergiebtsich, wenn man alle normalen Schädel der 
letzteren zusammen nimmt, dass 



in den Reihengribem in Eailmgen 

dem rein germanischen Typus 90,2 Proc. 43,7 Proc. 

den Mischformen mit vorherrschend germanischem Typus 8,2 „ 25,0 „ 

den Mischformen mit vorherrschend ligurischem Typas 1,6 „ 25,0 „ 

dem rein ligurischen Typas — 6,2 „ 

angehören. Das ligurische Element hatte also im 12. bis IC. Jahrhundert in den mittleren 
und höheren Ständen in Esslingen um etwa 30 Proc. zu genommen. 

Aus Brenz, einem' würtembergiachen Dorfe, das in der Nähe von Ulm und Günsburg, im 
Gebiete des Donauthaies liegt, besitze ich 21 Schädel. Dieselben wurden in einem Gewölbe 
gefunden, welches sich etwa 15 Kuss unter dem Boden, in den Grundmauern der dortigen 
sehr alten (im frühromanischen Style erbauten) Kirche befindet. Sie mögen etwa aus dem 
15. bis 17. Jahrhundert stammen; kcinenfolls sind dieselben jünger. Vergleicht man nun 
diese Schädel mit den mir zu Gebote stehenden 22 Schädeln au» den Reihengräbern des 
Donauthaies (Ulm und Denzingen), so ergiebt sich, dass nngehören: 





in Ulm und Denzingen 


in Brenz 




dem germanischen Typus . . . . 


.... 77,2 Proc. 


9,5 Proc. 


(2) 


den germanischen Mischformen . . 


.... 18,1 „ 


23,8 „ 


(5) 


den ligurischen Mischformen . . . 


.... 4,6 „ 


52,3 „ 


(11) 


dem ligurischen Typus 


.... ~ 


14,2 „ 


(3) 



Ich bin natürlich weit entfernt, diesen Zahlen einen grossen Werth beizulegon, weil sie 
auf zu kleinen Beobachtungsreihen beruhen, allein einigen Einblick gewähren sie doch. Die 
Vergleichung zwischen Ulm — Denzingen und Brenz leidet übrigens noch hauptsächlich an 
dem Fehler, dass beide Parthien nicht dieselben Bevölkerungskreise umfassen. In den Reihen- 



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80 



Beiträge zur Ethnographie von Wiirtemberg. 

gräbern liegt, wie ich glaube, nicht die ganze Bevölkerung jener Orte, sondern nur die höhe- 
ren und mittleren, d. h. gei-manischen, in Brenz liegen dagegen alle Klassen, daher das bedeu- 
tende Vorwiegen des ligurischen Elements in einer Weise, welche den gegenwärtigen Bevöl- 
kerungsverhältnissen dieses Theils des Donauthaies, in dem das ligurische Element vorherrscht, 
so ziemlich entspricht. 

Es hat sich aus dem Bisherigen mit Bestimmtheit ergeben, dass in den Reihengräbern 
Würtembergs, mit einer einzigen Ausnahme nur Germanen, in dem schwäbischen Theile des- 
selben also Alemannen begraben sind. Die nächste Frage ist nun, wo liegen ihre Sklaven, 
deren, wenn gleich vielfach mit germanischem Blute vermischte Nachkommen unter der 
gegenwärtigen Bevölkerung in grosser Zahl angetroffen werden. Die Beantwortung wäre, 
so scheint es mir, ein, der Nachforschungen der Herren Archäologen, würdiger Gegenstand. 
Bei dieser Untersuchung müssten dieselben aber vorzugsweise nach den, bisher theils aus 
Abscheu, theils aus Mangel an Interesse so sehr vernachlässigten Knochen, namentlich den 
Schädeln, suchen; denn viele Grabbeigaben werden wohl nicht dabei zu erlangen sein, wenn 
nicht etwa Knochen von Rind, Schaf und anderen Hausthieren. Die sociale Stellung, die in 
jenen Zeiten diesem Theile der Bevölkerung angowieaen wurde, war eine sehr gedrückte, eine 
schwangere Magd hatte ja keinen höheren Preis als eine trächtige Stute. Es lässt sich 
daher mit hoher Wahrscheinlichkeit vermuthen, dass die Sklaven abgesonderte Begräbniss- 
plätze batten, vielleicht nicht weit vom Schindanger. Nach der Angabe des Herrn Fiiianz- 
ratb Paulus finden sich in unserem Lande eine überaus grosse Zahl von Plätzen, welche 
Schelmenäcker, -Wasen, -Grund u. s. f. genannt werden; ich glaube nun, dass an diesen Stellen 
am ehesten die Reste jener Bevölkerung angetroffen werden könnten, wenn mit dem gehö- 
rigen Eifer darnach geforscht würde; denn die Sklaven hiesson in jener Zeit Schelme oder 
Schalke. Aber auch von Seite der Geschichtsforschung könnte die Lösung dieser Frage 
wesentlich gefördert werden, wenn die in den gleichzeitigen und späteren Schriftstellern und 
Urkunden enthaltenen Stellen über die Begräbnissweise der Sklaven aufgesucht und bei 
etwaigem glücklichem Ergebniss veröffenlicht wurden. 

Auffallend bleibt es immerhin, dass bis jetzt in keiner der mir zugänglichen Samm- 
lungen Würtembergs derartige Funde aufbewahrt wurden. Ich finde den Grund davon darin, 
dass die Schädel früher die Aufmerksamkeit der Geschieht»- und Alterthumsforscher sehr 
wenig erregt haben, und dass erst in letzter Zeit und nur dann an eine systematische Aus- 
beutung, welche allein Ergebnisse liefern kann, gedacht werden konnte, wenn Geräthe und 
Waffen mit ihnen gefunden wurden. Dass solche aber diesen armen Lonten mit ins Grab 
gegeben worden wären, ist sehr unwahrscheinlich. Sicherlich wurden daher allo mensch- 
lichen Knochen, bei denen man nichts weiter fand, einfach woggeworfen. 

Nur ein Fund ist in diesem Jahre in der Nähe von Caustatt, an der sogenannten 
Katzoustoigo, gemacht worden, der vielleicht hierher zu beziehen ist. Bei der Erweiterung 
einer, noch nicht lange eröffneten Sandgrube, etwa 1000 Schritte nördlich von den oben 
erwähnten Reihengräbern bei der Uffkirche, wurden diesen Sommer zwei Skelette etwa drei 
Fuss unter der Oberfläche des Bodens gefunden. Die Skelette lagen an der Grenze des 
Humus und des Diluvialsands, gerade gestreckt neben einander von Nord und Süd , das Ge- 
sicht gegen Süden gekehrt (Kopf also ira Norden}. Man fand, so viel ich erfahren konnte, 



l 



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81 



Beiträge zur Ethnographie von Würteinberg. 

keine Beigaben bei ihnen, wohl aber Knochen von Schafen and Rindern. Die Knochen kleben 
an der Zunge und beide Schädel, die sich ziemlich ordentlich wieder zusammensetzen liessen, 
sind an ihrer Oberfläche durch zahlreiche kleine, von Pflanzen- namentlich Getreidewurzeln, 
herriihrende Furchen rauh. Diese Beschaffenheit, welche an solchen Schädeln der Reihen- 
und, jedoch viel seltener, auch der Hügelgräber gefunden wird, welche unter Getreidefeldern 
oder Wiesen liegen, deutet jedenfalls auf ein hohes Alter. 

Das eine Skelet, das den Muskelvorsprüngen der Knochen und der Form des Schädels 
nach einem Manne angehört, hatte Oberschenkelknochen von 44,4 Ceutimeter Länge, seine 
ganze Länge betrug also etwa 1 Meter und 6« Centimeter (= 5' 8"’ 7"' würtemb. Decimal- 
Maass), hatte also so ziemlich mittlere Grösse. Das zweite Skelet, das ebenso bestimmt weib- 
lich war, hatte 42,8 Centimeter lange Oberschenkelknochen, mass also 1 Meter 58 Centim. 
(= 5' 5“ 4'" würtemb.|. Die übrigen Knochen beider Skelette waren in demselben Verhält- 
niss. Die Oberschenkelknochen beider Skelette zeichneten sich dadurch aus, dass die Köhren 
in ihrem oberen Drittheil keinen kreisrunden, sondern einen platten elliptischen Querschnitt 
hatten, und sehr breit waren, wie bei den Ligurern überhaupt. Auf der vorderen Fläche des 
Schenkelhalses ging bei beiden eine wulstartige Hervorragung vom Trochanter maj. zum 
Gelenkkopf herüber. Die Cavitas glenoidalis des linken Humerus des männlichen Skelettes 
war durchbohrt. — Beide Schädel tragen, in sehr ausgeprägter Weise, die Eigenschaften des 
reinen ligurischen Typus an sich, gehören also keinenfalls Germanen an. Das Hinterhaupt ist 
platt, die Seiten wandbeinhöcker sind entwickelt, und liegen im hinteren Viertheil des Schädels, 
welcher kugelig gewölbt erscheint, der Boden der Nasenhöhle dacht sich gegen die Spina nasalls 
hin schief nach vorn und unten ab u. s. f. Der Index beträgt 85,2 (Mann) und 84,4 (Weib). 

Eine annähernde Bestimmung der Zeit, aus welcher die beiden Skelette stammen, ist dem 
oben Vorgetragenen zu Folge nicht möglich; dass dieselben sehr alt sind, geht jedenfalls aus 
der Beschaffenheit der Knochen hervor. Ob sie aber der römischen Zeit angehören, oder der- 
jenigen nach der Besitzergreifung des Landes durch die Alemannen, muss unentschieden 
bleiben. Wahrscheinlich ist aber, dass sie zu der niedersten Klasse der Bevölkerung gehörten, 
wegen des Mangels an Beigaben und dem gleichzeitigen Vorkommen mit Tbierknochen. 

3. Schädel aus römischen Niederlassungen. 

Von Ende April bis Ende Oktober des Jahres 1700 wurden, nach Sattler s Topographia 
Wirtemb. S. !)!), etwa 1000 Schritte südöstlich von Canstatt, auf dem bekannten Mammuth- 
felde, zahlreiche Thierknochen ausgegrabeu, nachdem von dieser Stelle ein 5 Fuss dickes und 
80 Fuss langes, in Form eines Sechseckes aufgoführtes, Gemäuer, wahrscheinlich die Grund- 
mauern eines römischen Bauwerkes, weggeräumt war. In dem mehrere Fuss unterhalb dieser 
Mauer liegenden ausserordentlich reichen Knochenlager fanden sich nur Tbierknochen, und 
wie der, diesen Fund beschreibende Leibarzt Dr. Reisei ausdrücklich bemerkt, keine Menschen- 
knochen. Im Naturaliencabinet in Stuttgart befindet sich nun ein sehr defecter Schädel, bei 
welchem bemerkt ist, dass er am 6. October 1700 bei Canstatt ausgegraben worden sei, und 
der mit den Bruchstücken von Gefässen von ausgesprochen römischer Technik aufbewahrt 
wird. Da das Datum mit dem jener Ausgrabung auf dem Mammuthfelde übereinstimmt, so 
kann mit Wahrscheinlichkeit angenommen werden, dass dieser Schädel mit den Gefässen in 

Archiv für Antliroftolotrtc. IhL II. Heft I. 11 



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I 



82 Beiträge zur Ethnographie von Wiirtemberg. 

jenem Mauerwerk gefunden wurde, also der römischen Periode angehört. Vorhanden ist an 
demselben der grössere Theil des rechten Seitenwandbeins bis zu seiner Krümmung gegen 
das Hinterhaupt hin, und das Stirnbein bis zur Nasenwurzel, mit Ausnahme der beiden 
unteren seitlichen Theile desselben, also nur etwa zwei Drittheile des oberen Augenhöhlen- 
randes auf beiden Seiten. Eine genaue Bestimmung seines Typus ist daher nicht mehr mög- 
lich, indess trägt er deutliche Zeichen des brachycephalen an sich. Die Stirnhöhlen haben 
eine mittlere Entwicklung, die Stirnhöcker sind weit auf die Seite gerückt, die Stirn ist 
von mittlerer Höhe, ins Breite gezogen, die Kranznaht beschreibt einen flachen Itogen und 
ist namentlich in ihrer oberen Hälfte nicht nach hinten ausgeschweift, der Höcker der 
Seitenwandbeine befindet sich ganz nahe an seiner, gegen das Hinterhaupt zu, abfallenden 
Krümmung. AuHser diesen dem Typus ungehörigen Zeichen, finden sich noch individuelle 
Eigentümlichkeiten an ihm. Die Knochen sind schwer und dick, durch Verdickung der 
äusseren Tafel, die Oberfläche an einzelnen Stellen, namentlich am oberen Rande des Stirn- 
beins uneben , mit kleinen wellenförmigen Erhabenheiten , übrigens glatt und sklerotisch; 
an der dicksten Stelle der Kranznaht beträgt der senkrechte Durchmesser des Knochens 

1 Centimeter. Die Kranznaht bildet an ihrer oberen Hälfte eine nur wenig gewundene 
Linie mit weiten Krümmungen. Zu beiden Seiten, besonders des oberen Verlaufes dieser 
Naht im Stirnbein und Seitenwandbein schwillt der Knochen zu einem wallartigen 6 bis 
8 Millimeter breiten, flachen, grösstentheils aus sklerotischem Knochengewebe bestehenden 
Wulst an; alles ohne Zweifel Folgen von überstandener Rachitis. Auch die Glastafel ist ver- 
dickt und zeigt unebene Stellen, welche keine Aehnlichkeit mit den Impressiones digi- 
tatae haben. Der noch vorhandene kleine Theil der rechten Schuppennaht ist sehr breit, 

2 Centimeter von oben nach unten, uud tief gefurcht. 

Im Frühjahr 1805 stiess man auf dem sogenannten Kalchweiler Felde, westlich von 
Rottenburg a.N., drei Fuss unter der Oberfläche des Bodens auf einen Sarkophag aus sorgfältig 
behauenem Keupersandstein, welcher mit dem Deckel aus sechs Platten von 7 bis 0 Zoll 
Dicke bestand, deren Ecken von eisernen Klammern zusammengehalten wurden. In dem 
Kopfstücke war auf der Innenseite eine kleine viereckige Nische eingehauen. Auf dem aus 
einem sechs Fuss langen Sandsteinstücke bestehenden Deckel lag am Kopfende ein vier- 
eckig behauener Stein, mit einer Oeffhung in der Mitte. Der ganze Sarkophag lag genau 
von Ost nach West, mit dem Kopfende im Westen; neben ihm wurde ein römischer Ziegej 
gefunden. Nicht weit von der Fundstelle wurden früher schon Gebäudereste, Ziegel, Gefass- 
scherben mit römischen Inschriften und römischen Münzen aufgegraben (s. Jaumann Colonia 
Sunilocenne S. 19 n. ff.). — Das in dem Sarge enthaltene Skelet hatte keine Beigaben, indess 
kann nicht bezweifelt werden, dass dasselbe aus der Zeit der römischen Herrschaft stammt. 

Der Schädel ist fast vollständig erhalten. Seine grösste Länge beträgt 17 Centim. , seine 
Breite 13,9 Centim., »eine Höhe 12,8, sein Umfang 49,5, sein Index 81,7, der obere Gesichts- 
winkel 65°, der untere 60°. Die Muskelansätze sind flach, der Alveolarrand rund und breit, 
die Eckzähne stehen nicht hervor, die Weislieitszähne sind am Durchbrechen, die Fossa ea- 
nina ist breit, flach, schief nach hinten und unten gerichtet, die Nase klein, die Nasenwurzel 
nicht eingeschnitten, die Stimhöhlenwülsto ganz Hach, der obere Rand der Orbita läuft, schief 
nach unten und aussen. Die Stirn liegt zurück, ist breit, die weit auseinander stehenden 



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83 



Beiträge zur Ethnographie von Würtemberg. 

Höcker sind auf die Seite gewendet, die Stirnnaht, wie alle übrigen Nähte, offen. Dem hin- 
teren Drittheil der Pfeilnaht entspricht eine flache Furche, die Seitenwandbeinhöcker sind 
massig entwickelt, die höchste Stelle des Schädels fallt in die Kranznaht, die breiteste an 
den hinteren Rand der Schuppennaht Hinter den Höckern fallen die Seitenwandbeine ziem- 
lich steil ab, ihre Wölbung ist sehr flach, nicht dachförmig. Das Hinterhaupt ist abgerundet 
und wenig hervorgezogen, und zu beiden Seiten der Mittellinie der Schuppe sind flache, 
kugelige Hervorwölbungen. 

Der Schädel gehört unzweifelhaft einem weiblichen wenig über 20 Jahre alten Indivi- 
duum und den ligurischen Mischformen an. 

4. Die Hügelgräber. 

Diese Gräber reichen in Würtemberg von der vorrömischen bis in die Zeit der Eroberung 
des Landes durch die Alemannen. 

Aus der allerfriiliesten Zeit, aus der sogenannten älteren Steinperiode, in welcher die 
Leichen bestattet wurden , fanden sich bis jetzt keine in Würtemberg. Im Walde Überholz 
bei Göppingen liegen zwar etwa 30 Hügelgräber, in welchen nur Watten ans Stein (Pfeil- 
spitzen von Feuerstein, Meissei und Aexte aus Orünstein), grosse Perlen aus Bernstein und 
Lignit), sowie roh gearbeitete Urnen vorkamen ; aber sie gehören einer jüngeren Zeit an, denn 
die Leichen sind verbrannt, wenigstens war dies in den zehn geöffneten Hügeln so. 

Die übrigen Grabhügel lassen sich, den von Professor Lindenschmit gegebenen Anhalts- 
punkten zu Folge, nach der Zeit, aus welcher sie stammen, in folgende Gruppen eintheilen: 

a. germanische Grabhügel aus derZeit der Völkerwanderung* Die meisten derselben ent- 
halten bestattete Leichen, eiserne Waffen und reichen Schmuck, meist von Bronze; 

b. Grabhügel, welche aus der Zeit der römischen Oecupation stammen, und theils bestat- 
tete, theils verbrannte Leichen mit nur wenigen und leichten, meist eisernen, Watten bergen, 
und die man, da sie alle innerhalb des Orenzwalls liegen, römisch-gallische nennen könnte; 

c. altgermanische Hügel, in denen sich mit wenigen Ausnahmen verbrannte Leichen fin- 
den und die verhältnissmässig weniger und rohen Schmuck, Waffen aus Bronze und sehr viel 
Gelasse enthalten. 

Aus den Gräbern der ersten Art stehen mir keine Schädel zu Gebot. Ein im Jahre 1865 
geöffneter Grabhügel im Streitwald bei Kirchherg an der Jaxt, mehrere Stunden ausserhalb 
des Orenzwalls, enthielt zwar neben reichem weiblichen Bronzeschmuck (Hals- und Beinringen 
u. ». f.), sowie schwarz gebrannten Urnen, einen Schädel; derselbe war aber so zerfallen, dass 
es nicht möglich war, ihn zusammen zu setzen. Dieser Hügel liegt unter den im Jahre 1837 
von Herrn von Hammer aufgegrabenen >) und war der einzige noch erhaltene. In einer 
grossen Zahl der, von letzterem an dieser Stelle untersuchten, Hügel waren, wie Augenzeugen 
versicherten , die Schädel noch erhalten, alle aufgefundenen Knochen wurden aber jedesmal 
sorgfältig wieder auf den ausgegnvbenen Grund des Hügels gelegt und mit Erde zugeworfen; 
sie sind also verloren, was bei der Seltenheit solcher Funde höchlich zu bedauern ist. 



') S. würtemb. Jahrbücher 1837 . S. 421 ff. and 1838, S, 221 ff. 



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84 - 



Beiträge zur Ethnographie von Wiirtemberg. 

Alle Grabhügel mit erhaltenen Skeletten , sie mögen einer Zeit angehören , welcher sie 
wollen, sind aus Feldsteinen erbaut und zeigen immer auch reichliche Spuren davon, dass vor 
der Bestattung auf dem Boden des Hügels Feuer angezündet wurde. Es finden »ich nämlich 
eine oder mehrere Brandplatten, Asche, zahlreiche Kohlen und durch da» Feuer halb zerstörte 
Urnenreste. Die Knochen sind, ihres höheren Alters wegen viel mürber, als die der Reihen- 
gräber. und oft zu einem braunen Staub zerfallen. Die noch erhaltenen sind meistens in eigen- 
thümlicher Weise, durch dunkelgraue oder braune Flecken, wie mannorirt, selten von Wur- 
zeln auf der Oberfläche durchfurcht. Wenn nicht grosse Aufmerksamkeit bei der Ausgrabung 
angewendet wird , so ist es kaum möglich irgend einen zur ethnographischen Untersuchung 
tauglichen Schädel zu erhalten. Hieraus erklärt sich, neben der früheren Geringschätzung 
der Alterthumsforscher für Schädel überhaupt, der leidige Mangel an Material genügend. 



Hügelgräber aus der Zeit der römischen Occupation. 



Darmsheim, O A. Böblingen. Im Sommer 18<J6 wurden auf dem eine Viertelstunde west- 
lich vom Dorfe gelegenen Aichelberg, drei Hügelgräber aufgegraben. Zwei waren etwa 25 
Fuss lang und 3 hoch, das andere 40 Fuss lang und VI, hoch; sie erhoben sich in Form eines 
Kugelabschnitte« und waren auf ihrer ganzen Oberfläche mit einer grossen Masse von Feld- 
steinen (Muschelkalk) regelmässig zugedeckt. Die Sohle bildete der gewachsene Boden, über 
welchem mehr oder weniger regelmässige Steiusetzungen die Leichen umgaben. 

In der Mitte des grösseren Hügels war eine regelmässig vierseitige, 3 1 Fuss lange und 
2 Fuss breite Grabkamnier von viereckigen roh bearbeiteten Kalkplatten aufgefuhrt und mit 
einer ähnlichen Platte zugedeckt. In dieser Kammer fanden sich mit Erde vermischte Koh- 
len und Asche, und, umgehen von schwarzbraunen dicken roh gearbeiteten, den in den alt- 
germanischen Gräbern sich findenden ähnlichen Umenscherljen , zahlreiche Reste von weias 
oder graublau gebrannten menschlichen Knochen, unter denen sich Stücke vom Schädel und 
von der Röhre der Tibia leicht erkennen liessen. 

Um diese Grabkammer herum fanden sich in dem grossen Hügel bis jetzt 15 Skelette, davon 
zwei in sitzender Stellung, ein Kind und eine Frau, die übrigen gerade gestreckt, theils auf 
dem gewachsenen Boden , theils 1 bis 2 Fuss über demselben. Neun lagen von Südost nach 
Nordwest (Kopf im Südosten), drei von Ost nach West (Kopf im Osten); bei den übrigen lies.« 
sich die Richtung nicht genau bestimmen. Auf dem Boden neben den Skeletten oder auch an 
Stellen, wo keine Knochen gefunden wurden, waren deutliche Brandplatten von 3 bis 4 Fuss 
Durchmesser; und, in dem Boden zerstreut, Bruchstücke von schwarzgranen roh gearbeiteten 
Urnen, sowie Theile verbrannter Knochen. Einzelne derselben könnten von Säugethieren 
stammen, nur ein Stück eines menschlichen Stirnbeins (Processus zygomatieus und oberer Or- 
bitalrand) lies« sieb deutlich erkennen. Diese verbrannten Knochen lagen so, dass man den 
Eindruck erhielt, als wären sie schon einmal ausgegrabon gewesen und ohne weitere Rück- 
sicht wieder hincingeworfen worden. 

Bei mehreren der weiblichen Skelette lagen Hals- und Armringe von lederndem Bronze- 



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85 



Beiträge zur Ethnographie von Würtemberg. 

draht, einzelne mit Querstrichen, Gowandnadtiln von verschiedener Grösse und Gestalt 1 ), eine 
lange Haarnadel je drei in der Gegend der Kniee liegende, nur 1,5 Cubikin. im Durchmesser 
haltende, starke Bronzeringe, sowie Bruchstücke anderen Bronzeschnmeks. Bei den Männern 
fanden sich nur Armringe und grosse Gewandnadeln, keine Waffen. Ausserdem fanden sich l)ei 
allen Skeletten dicke unvollständig gebrannte Umenscherben, Feuersteine und zahlreiche Kohlen. 

In dem einen der kleinen Hügel wurden zwei nebeneinander ausgestreckt liegende, und in 
dem anderen nur ein Skelet mit ähnlichen Beigaben wie in dem ersten gefunden. 

Nur 12 Schädel waren so erhalten, dass sie grüsstentheils wieder zusammengesetzt und 
ihre verschiedenen Durchmesser bestimmt werden konnten , bei zwei weiteren war nur der 
Typus im Allgemeinen zu bestimmen, die übrigen waren unbrauchbar. Von diesen 14 Schä- 
deln gehörten 6 dem ligurischen Typus, 3 den ligurischen, 2 den germanischen Misehformen 
und 3 dem rein germanischen Typus an. Das ligurische Element betrug also etwa 64 •/» und 
davon waren mehr als die Hälfte unvermischte Formen, ein Verhältnis« wie es gegenwärtig, 
so weit meine Kenntnis.« reicht, nirgends mehr in WUrternberg anzutreffen ist. 

Von den fünf rein ligurischen Schädeln waren zwei besonders dadurch merkwürdig, dass 
die ziemlich schmale Stirn stark zurückwich, die Stirnhöhlen wülste sehr bedeutend ent- 
wickelt waren und die starken Processus zygomatici weit aus lagen, ganz in derselben Weise 
wie man es bei einzelnen germanischen und finnischen Schädeln antrifft. Zeichen von 
Mischung mit germanischem Blute fanden sich aber keüie an denselben, dagegen patholo- 
gische Veränderungen, welche diese Gestaltung der Stirn sehr häufig begleiten, mögen die 
Schädel brachyceph&l oder dolichocephal sein. 

Bei dem einen dieser Schädel fehlte das Hinterhaupt, so dass sich sein Index nicht mehr 
bestimmen lieas; sonst ist das Schädeldach gut erhalten und trägt die Eigenschaften des ligu- 
rischen Typus deutlich au sich. Die Seitenwandbeinhöcker sind nicht sehr ausgeprägt, liegen 
im hinteren Drittheil des Schädels und hinter ihm fallen die Flächen steil gegen das Hinter- 
haupt zu ab. Individuelle Eigenschaften des Schädels sind: der Schätzung nach geringe 
Schädelcapacität, starke Muskolansiitzo, namentlich sehr dicke und breite Proc. mastoidei, 
tiefe Gefasseindriicke und zahlreiche tiefe Gruben für pacchionische Granulationen auf der 
sonst ziemlich platten und wenige Impressionen digitatae zeigenden Innenfläche, sowie ein 
bis zu 1 Centim. dickes Schädeldach. Die äussere Tafel, die Diploe und die Eamina vitrea 
sind in gleichom Maasse dicker als normal. Die Nähte haben oine sehr einfache Zeichnung, 
der mittlere Theil der Kranznaht und die vordere Hälfte der Pfeilnabt sind auf der Innen- 
fläche verwachsen, aussen sehr einfach gewunden, nicht tief gezahnt in Folge einer Ucber- 
wucherung der äusseren Tafel, welche zu beiden Seiten der Nähte flache wulstartige Erhalien- 
heiten bildet Eine ganz ähnliche wulstartige Auftreibung zeigen auch die Ränder der 
Sehuppennaht Die zu dem Schädel gehörigen Scbenkelknochcn sind stark gekrümmt, so 
dass sieb mit hoher Wahrscheinlichkeit annchtnen lässt, dass das Individuum in der Jugend 
rhachitlsch gewesen sei. 



b Dieselben sind in der Form den bei Lindenecbmit „I>ie vaterländischen Alterthiimer der fürstlich 
hohen Folie rischen Sammlung“ etc. Taf. 13. Fig. 10 und 11. Taf. !H. Fig. 0 und Tat 19. Fig. 4, 5 n. 6 abge- 
bildeten ganz ähnlich. Diese Gegenstände stammen aus den Hügeln von Jungenuu und Inneringen, deren 
Ban mit den vorliegenden fast ganz übereinnlimmt. — s ) S. Eindenschmit a. a. O. Taf. 15. Fig. 3. 



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86 



Beitrüge zur Ethnographie von Wiirtemberg. 



Der zweite dem vorigen »ehr ähnliche Schädel ist fast vollständig erhalten. Die Stirn 
hat dieselbe Beschaffenheit, nur sind die Stimhöhlenwiilste etwas mehr entwickelt. Die Augen 
sind klein, die Jochbeine mit ihrem unteren Ende nach aussen gewendet, stehen weit hervor, 
die Fossa canina ist von mittlerer Tiefe und läuft schief nach aussen, der unten? Rand der 
Augenhöhlen ragt weit über sie hervor. Der Alveolarfortsatz ist breit, sein Rand zum Theil 
geschwunden, die Zähne, soweit sie noch vorhanden, tief abgeschliffen, die Eckzähne des 
Oberkiefers stehen hervor; der Unterkiefer ist sehr hoch, dick und schwer. Das pmgnathe 
Gesicht hat etwas affenartiges, die Pfeilnaht ist spurlos verschwunden, das Hinterhaupt abge- 
plattet, der Schädel fallt hinter den Seitenwandbeinhöckem steil ab. 

Diese beiden Schädel haben mit zwei später zu beschreibenden, übrigens dolichocephalen 
pathologischen Schädeln , aus der Erptinger Höhle in Betreff der Bildung des Gesichts und 
der Stirn grosse Aehnlichkeit. Ich halte alle Schädel dieser Bildung, wenigstens die in 
meinem Besitze befindlichen für pathologische und glanhe, dass sie ebensowenig als der Schä- 
del aus dem Neanderthal einer primitiven Menschenriioe angehören. Dies geht, abgesehen 
von den deutlichen Spuren pathologischer Procease, wie schon erwähnt, daraus hervor, dass 
dieselbe Beschaffenheit des Gesichts und der Stirn bei dolichocephalen und brachycephalen 
Schädeln vorkommt (s. Fig. 41 a, b, und c), 

Fig. 41. 




Ihtnn-heim. 




Erpfingen. 




Fig. 42. 




Die drei weiteren ligurischen Schädel 
bieten keine erheblichen Abweichungen von 
dem reinen Typus dar. Sie sind alle ein 
wenig prognath, der eine gehört einem 
Manne von etwa 25, der zweite einer Frau 
von etwa 20 Jahren (s. Fig. 42), und 
der dritte einem etwa achtjährigen Kinde 
an, ihr Index beträgt 85,5, 87,9 und 88,7. 
Der Schädel des Kindes lag zwischen zwei 
dünnen Steinplatten, und war soweit erhal- 
ten, dass or fast vollständig zusammen- 
gefiigt werden konnte. 



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87 



Beiträge zur Ethnographie von Würtemberg. 

Von den drei den Iigurischen Mischfonnen angehörigen Schädeln waren zwei weiblich 
und einer männlich, ihr Index beträgt 80,4, 79,3 und 78,2. Die Seitenwandbeinhöcker sind 
bei allen weit nach hinten gerückt, das Hinterhaupt ragt ganz wenig hervor und ist 
Hach, der Schädel fallt ziemlich steil nach hinten ab, das Schädeldach ist platt, die Fossa 
canina ist sehr tief, die Jochbeine stehen weit ab und das Gesicht ist wenig prognath. Die 
Knochen der Skelette waren von mittlerer Grösse. 

Die drei dein germanischen Typus angehörigen Schädel sind dem in den Reihengräbem 
sich findenden Typus ganz ähnlich. Zwei weitere gehören den germanischen Mischformen an, ihr 
Index beträgt 77,5 und 75,5 (Mann). Der Index der drei anderen beträgt 75,5 (Weib), 73,5 
(Mann) und 68,3 (Mann); der letzte hat durchaus verwachsene Nähte (Seapboceplialns). — Der 
rechte Femur des normalen männlichen Schädels ist 52 Cubikm. lang, der Mann mass also 
etwa 192 Cubikm. = 6 Fuss 8 Zoll und 7 Linien würtemb. Maass. 

Die einzelnen Maasse der oben beschriebenen Schädel sind in folgender Tabelle zusainmen- 
gestellt: 



Tabelle 3. 



l eberficht über die Maasse der Schädel von der Katienfteige bei Canstatt and den 
römisch-gallischen Hügelgräbern bei Darmaheim. 







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4 


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Typus. 






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Nähte ollen, 














las 


Darmaheim. 


m 


— 


— 


Schädel un- 
symmetrisch. 


17 


14,6 


16,2 


52,8 


85,8 


Liguri&ch. 


104 




m 


— 


— 


— 


17,5 


14,8 


14,1 


51,9 


85.5 


n 


103 


('anstatt. 


m 


1 — 


— 


— 


17 


14,5 


— 


50,8 , 


85,2 


!9 


106 


Darnisheim. 


— 


w 


— 


— 


16,6 


14,6 


13,7 


> 49,6 


«7,9 


» 


107 


(anstatt. 


- 


w 




- 


16,1 


13,7 


13,6 


49,2 


81,5 


• 


108 


Dannshcim. 


- 


- 


8 Jahre 


- 


16 


14,8 


14,1 


18,2 


88,7 




109 




in 


- 




Pfeilnaht ver- 
wachsen. 


18,4 


14,4 1 


15,1 


53,8 


78,2 


» 
























Liguriache 


110 




— 


w 


— 


— 


17,9 


14,2 


14,1 


51,9 


79,3 


Mischform. 


111 


i* 


- 


w 


- 


- 


16,4 


13,2 j 


18,4 


48,3 


80,4 


» 
























Germanische 


112 




m ! 


— 





— 


19,2 


14 fi 


13,1 


54,6 


75,5 


Mischform. 


113 


n 


m j 


“ 1 


- 


— 


18,7 | 


14,5 


14,7 


633 


T7# 












. 


Stirnnaht und 














114 


n 


m 




1 - 


Pfeilriaht ver- 
wachsen. 


19,0 


13,4 


12,8 


53,6 




Germanisch.^ 


115 


* 


in 


_ 1 


I _ 


— 


18,9 1 


13,9 


— 


54 


7»J5 


n 


116 




m 


« 


— 


— 


18 


13,6 


— 


51,2 


75,5 


n 



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88 



Beiträge zur Ethnographie von Würtemberg. 

Au» der Krypta von Esslingen , von der Katzensteige bei (.'anstatt und aus den gallisch- 
römischen Grabhügeln von Darmshoira erhielt ich im Ganzen 9 Schädel von reinem ligurischem 
Typus. Zwei davon waren duroh krankhafte Vorgänge in ihrer Form verändert und einer 
gehörte dem Kindesalter an; alle drei sind daher zur ethnographischen Charakterisirung des 
Typus unbrauchbar. Der besseren Uebcrsieht wegen gebe ich in Folgendem eine Zusammen- 
stellung der Maasse der sechs übrigen normalen Schädel: 





UrfMMte Länge. 


Grösste Breite. 


Grösste Höhe. 


lforixontaler Umfang. 


Horizontaler Index. 


Maximum >. 


. 17,5 


15,5 


13,7 


53 


89,5 


Minimum . 


16,1 


13,7 


13,4 


49,2 


84,5 


Mittel . . . 


16,95 


14,6 


13,6 


51,0« 


86,3. 



Das Ergebnis» der Untersuchung der Grabhügel von Darmsheim stimmt in überraschen- 
der Weise mit der von Lindenschniit ') aufgestellten Zeitbestimmung dieser Art von Grä- 
ber in Süddeutschland überein. Er setzt dieselben bekanntlich, nur gestützt auf archäolo- 
gische Untersuchungen, in die Zeit der römischen Occupation des Lande». Einen neuen Be- 
weis für diese seine Ansicht liefert nun die Thatsacho, dass in diesem Grabhügel das ligu- 
rische Element mit (il Proc. und da» germanische mit 36 Proc. vertreten ist. 

Wenn es erlaubt wäre aus diesen Thatsachen allgemeine Schlüsse zu ziehen, so wären die 
nach Tacitus in die Agri decumates eingewanderten Gallier, wie wahrscheinlich alle Gallier, 
ein mit Germanen, je nach ihren Wohnplätzen, mehr oder weniger stark gemischtes brachy- 
cephales in Würtemberg wohl hauptsächlich ligurisches Volk gewesen. 

Da aber diese Hügel die unverkennbaren Zeichen au sich tragen, dass sie mehreren Gene- 
rationen zum Begräbnlssplatze gedient haben, und dass die ältere Begräbnissweise, die 
Leichenverbrennung, thcils gleichzeitig mit der Bestattung, geübt wurde, theils letzterer hat 
weichen müssen, so wäre cs vielleicht gerechtfertigt anzuuehmen, dass auch nach der Erobe- 
rung des Landes durch «lie Alemannen, wenigstens in der ersten Zeit noch, deren Sklaven 
dorthin begraben wurden; hierfür spricht auch da» Fehlen der, ftir i die römischen Gräber, 
im engeren Sinne, charakteristischen Grabbeigaben, der Oefusse, Grablampen u. s. f. Dadurch 
würde übrigens die von Lindenschinit ausgesprochene Ausieht über diese Hügel in keiner 
Weise verändert werden können, denn diese Sklaven waren eben die von den Römern zurück- 
gelassenen Colonisten, vielleicht vermischt mit einzelnen an anderen Orten gemachten Kriegs- 
gefangenen. Der Mangel an genügendem Material macht indessen eine befriedigend e Begründung 
dieser Hypothese, wie überhaupt eine sichere chronologische Stellung dieser Hügel unmöglich. 

B. Vorrömische Hügelgräber. 

Münsingen. In der Sammlung des Alterthumsvereins in Ulm befindet sich ein Schädel- 
dach, weicht« nach der Angabe des Herrn Oberstudienrath Hasslor auf der Hochfläche der 
Alb, in der Nähe von Münsingen, in einem grossen Grabhügel zugleich mit Schmuck und Waf- 
fen von Bronze gefunden wurde. Herrn Professor Ecker, welcher den Schädel gleichfalls be- 
schrieben und abgebildet hat*), wurde der Fundort nicht angegeben; er glaubte daher, er 

1 ) 3. die vaterländischen Alterthümer der fürstlich hohenzollerischen .Sammlung etc. — 3 ) S. Crania Ge» 
maniae merid. nccid. S. 47. Tafel 37. Kig. 13. 



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89 



Beiträge zur Ethnographie von YVlirtemberg. 

stamme, wie der ihm zugleich Uberschickte, aus den Beihengräbern von Ulm. Sein Index be- 
trägt 66,6, er weicht durch frühzeitige Vcrschlicssung der Nähte ') von der normalen Form ab, 
ist ein ausgesprochener Scaphocephalus, und zeigt auch das dieser Form chararakteristische 
winkelförmige Vordrängen der Kranznaht an der Stelle, an welcher sich die Pfeilnaht mit ihr 
verbindet Durch eine vernarbte Knochenwunde am Stirnbein ist das ganze Schädeldach in 
grosser Ausdehnung sklerotisch, schwer und verdickt J)as Stirnbein ist im Verhältnis« zu 
seiner Länge schmal, die Kranznaht bildet.,' mit Ausnnme der eben angegebenen Hervor- 
treibung, eine stark nach hinten sich aosbuchtendo krumme Linie, zu beiden Seiten des hin- 
teren Dritihoils der Pteilnaht sind Emissarien, das Hinterhaupt tritt weit hervor und spitzt 
sich zu. Im Ganzen lässt dieser Schädel, trotz seiner krankhaften Veränderungen, die Cha- 
raktere des germanischen Typus erkennen. 

Ensingen, OA. Vaihingen. In der Nähe dieses Ortes wurde vom Herrn Forstmeister 
Grafen von Uexkül ein Hügelgrab aufgegraben, und die Funde dem würtemb. Alterthuins- 
verein übergeben. Sie bestehen aus zwei Lanzenspitzen, Besten eines Schaftloches, Pfeil- 
spitzen, Messerklingen, alle von Bronze, fünf eisernen Nägeln, einem Griff von Hirschhorn und 
Schalen. Der dabei gefundene weibliche Schädel ist defect, der grösste Theil des rechten 
Seitenwandbeins, ein kleiner Theil der rechten Seite des Stirnbeins und des Hinterhauptbeins 
fehlen, der linke Oberkiefer und fast der ganze Unterkiefer sind vorhanden. Die Zälino sind 
gut erhalten, wenig abgeschliffen, der Wcisheitszahn vorhanden. Der Typus der Stirn, des 
Seitenwand- und des hervorragenden aufgesetzten Hinterhauptbeins ist germanisch in Form 
einer abgestumpften Pyramide. Der Index beträgt annähernd 74,4. 

Mahlstetten, O A. Spaichingen (Heuberg, Alb.) — Zugleich mit einem Halsring, Klapper- 
schuiuck und Ohrringen von Bronze, sowie mit Gelässschcrben wurde in einem Hügelgrabe in 
der Nähe dieses Ort« ein Skelet gefunden, von welchem leider nur das Stirnbein erhalten ist. 
— Dieses ist auf seiner Oberfläche mit zahlreichen dendritischen wohl von Getreidewurzeln 
herruhrenden Furchen durchzogen. An der Stelle der vollkommen verschwundenen Stirnnaht 
findet sich eine leistenartige flache Erhabenheit, die Jochfortsätze greifen weit aus, die Contur 
der Kranznaht bildet eine Ellipse, die Zähne der Naht sind fein, die Stirnhöcker stehen sieh 
nahe. Die Entfernung der Nasenwurzel von der Kranznaht beträgt in gerader Linie 
10,9 Cubikm. Der kleinste Durchmesser des Stirnbeins 10,1 Cubikm. Die Stirn ist hoch und 
schön gewölbt. Der Schädel war also wohl jedenfalls ein dolichocephaler. 

In der Sammlung des würtembergischen Alterthumsvereins hier in Stuttgart befinden 
sich seit längerer Zeit Theilc eines Skelets, von dessen Schädel sieh die obere Hälfte aus den 
vorhandenen zahlreichen Bruchstücken wieder zusammensetzen Hess. Ein zugleich mit ihm 
aufgefundener Unterkiefer eines Hirsches und die Beschaffenheit der zugleich mit ihm gefun- 
denen Urnen, machen es im Verein mit der grossen Brüchigkeit der Knochen wenigstens 
wahrscheinlich, dass er aus einem altgermanischen Hügelgrabe stamme. Dass die Beste in 
WUrtemberg gefunden wurden, ist gewiss, der Fundort selbst aber war trotz aller Bemühungen 
nicht mehr zu ermitteln. Das Schädeldach zeigt germanische Eigenschaften (Sion-Typus) , hat 
übrigens eine ziemlich flache Wölbung, breite, in der Mitte der Seitenwandlieine stehende 



') Sielic die Aumerkune aaf Seite 75. Red. 

Archiv für Anthropologie. IM. II. Heft I. Jd 



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90 



Beiträge zur Ethnographie von Wurtemberg. 

Höcker, ein hervorstehendes kugelig gewölbtes Hinterhaupt und eine breite und zugleich voll 
nach oben gewölbte Stirn; sein Index beträgt 78,6. 

Kin im Herbst 1864 geöflheter Grabhügel auf dem Hasenberg bei Stuttgart enthielt die 
Knochen von zwei Skeletten; das eine, ein männliches, hatte Knochen von etwas Uber mitt- 
lerer Grösse. Von dem jm Ganzen dünnen Schädel war der grössere Theil des rechten Seiten- 
wandbeins, die rechtp Hälfte des Stirnbeins, ein an die linke Seite der Lambdanaht und das 
hintere Ende der Pfeilnaht grenzendes Stück des linken Seiten wandbeins, sowie die linke 
Hälfte und das Mittelstück des Unterkiefers erhalten. Ein sicherer Schluss auf die Form des 
Schädels lässt sich aus diesen Resten nicht machen, indess spricht das steile Abfallen des hin- 
teren Drittheils des Seiten wandbeins, der weit nach hinten gerückte Seitenwandbeinhöcker 
und der Winkel des aufsteigenden Astes des Unterkiefers, sowie die Abrundung des Kinns 
für eine brachycephale Form. Die Zähne sind massig abgeschlitfen und wohl erhalten. Der 
Unterkiefer im Ganzen stark und hoch. — Von dem zweiten Schädel sind nur einzelne nicht 
mehr zusammensetzbare Bruchstücke, sowie das Mittelstück und der rechte horizontale Ast 
des Unterkiefers erhalten. Letzterer ist bedeutend kleiner und schmäler als der vorige und 
die Zähne weniger abgeschliHen. Da die Muskelansätze , wenn gleich schwach , doch wohl- 
ausgebildet sind und der untere Theil des Kiefers die Charaktere der vollendeten Entwick- 
lung au sich trägt, so ist es wahrscheinlich, dass er einem weiblichen Individuum angehörte. — 
üb diese Hügelgräber alle der vorrömischen Zeit angehören, ist den übrigen Erfunden 
nach nicht ganz gewiss, ebenso wenig lässt sich aus dem Umstand, dass in keinem derselben 
der ligurische Typus in bestimmter Weise gefunden wurde , ein sicherer Schluss in dieser Be- 
ziehung ziehen, weil die Zahl der Schädel eine zu geringe ist und weil ja auch in den Gräbern 
der römischen Zeit einzelne germanische Formen, wenn auch in beschränkter Zahl, gefunden 
werden. 



C. Schädel aus den Höhlen der Alb. 

Wenn auch die geringe Zahl der Schädel aus altgermaniRchen Hügelgräbern Wiirtembergs 
für diese Zeit keine irgend- Vertrauen verdienenden Schlüsse aus den Schädelfunden ziehen 
liess, so ersetzt glücklicher Weise eine Höhle der Alb den Mangel wenigstens einigermassen, 
nämlich: die erst im Jahr 1834 entdeckte Erpfinger Höhle. 

Dieselbe liegt etwa eine halbe Stunde nördlich von dem sein; alten (schon in Urkunden 
vom Jahr 772 vorkommenden l ) Dorfe, am Abhang des sogenannten Höllenbergs. Der einzige 
Zugang zur Höhle bestand bei ihrer Entdeckung in einer im Dache der vordersten Kammer 
befindlichen Uetfmmg, welche bis dahin mit drei keilförmig in einander gefügten grossen 
Steinen verschlossen war 1 ). Neun Fuss unter dieser Ueffnnng lag die Spitze eines etwa 40 
Fuss breiten und 15 bis 20 Fuss hohen Steinhügcls, welcher aus Jurakalk -Geröll, schwarzer 
klebriger Erde und einer grossen Menge von Menschen- und Tliierknochen bestand. Die 
Höhle boRteht aus sieben Kammern, von denen aber nur die erste, den Steinhügel enthal- 
tende, menschliche Knochen lieferte; in den anderen lagen nur Knochen von Höhlenbären 

’) 8. Meiumingcr, Beschreibung de» Oheramt« Reutlingen. Stuttitart lfcfcä-l. — ”1 S. Rath. Benchreibnng 
der bei Erpfmgcn neu entdeckten Höhle. Reutlingen 18M. 



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91 



Beiträge zur Ethnographie von Würtemberg. 

(Ursus spelaeus) meist im Kalksintcr eingebacken. Die Hölile ist jetzt vollständig ausgebeutet, 
die Bärenknochen kamen theils nach Stuttgart, theils nach Tübingen, die Menschenknochen 
grösstentheils nach Stuttgart. An der Grenze der ersten und zweiten Kammer fanden sich 
in einer Vertiefung die Reste einer Feuerstelle, Kohlen, halbverbrannte Knochen von Huschen 
und Schweinen, Gefässe von römischer Technik und ein eiserner Bogen zum Aufhängen der 
Kochgeschirre. Die Vertiefung war mit vier aufrecht im Boden befestigten Steinplatten um- 
geben, welche eine Art Herd bildeten. 

Auf dem Steinhügel und in »einer nächsten Umgebung lagen etwa 50 menschliche Ske- 
lette, Knochen vom Pferd, Rind, Hirsch, Schwein, Hund, Schaf, Haasen, Ratten, Iltis etc. Alle 
diese Knochen wurdon aber bald nach dfcr Entdeckung von den herbeigeströmten Neugierigen 
theils verschleppt, theils zerstört, so dass es nicht möglich war, irgend etwas Zuverlässiges 
über die Beschaffenheit der menschlichen Schädel festzustellen, als das, dass sie fest und weiss 
gewesen und ihren Leimgehalt noch nicht verloren hatten. Es scheint, dass die Leichen, von 
welchen diese Knochen stammten, bei einer Seuche im Mittelalter oder noch später dahin 
gebracht wurden. Von der ähnlich beschaffenen Schertelshöhle ist es wenigstens bekannt, 
dass die Umwohner ihr durch Seuchen abgegangenes Vieh in die Oeffnung warfen; auch 
in ihr waren, aber besonders in den tiefen Schichten, Menschen- und Thierknochen ver- 
mischt. 

Unter dieser Schichte, zum Theil gleichfalls mit menschlichen Knochen (etwa 20 Schädeln) 
vermischt, fanden sich Umenreste, eiserne Waffen, Ringe von Gold und Bronze, Elfeubein- 
kämme u. s» f., zum grossen Theil in der Art, wie sie in den Reihengräbern gefunden werden. 
Ausserdem fanden sich aber auch noch in dieser Schichte Bruchstücke von Gefassen, zum 
Theil mit Inschriften oder Stempeln, welche ihren römischen Ursprung ganz unzweifelhaft an 
sich tragen 1 ). Von allen diesen Gegenständen und Knochen, welche sich unterhalb der etwa 
1 bis l'/j Fusss tiefen obersten Schichte des Stcinhaufons fanden, war bei der letzten Unter- 
suchung und Ausbeutung nichts mehr vorhanden. Die Knochen sind zerstört oder zerstreut, 
die Gefässe etc. nach Tübingen gebracht worden. Da die Beschaffenheit des Hügels ganz 
deutlich zeigt, dass er nicht weiter unter einander gewühlt war, so lässt sich von vorn herein 
mit Sicherheit annehmen, dass die unter dieser Schichte gefundenen Knochen und Gegen- 
stände der vorrömischen Zeit angehören. 

In diesen tieferen Lagen lassen sich nun mit einiger Sicherheit zwoi Schichten unter- 
scheiden. Die Knochen der oberflächlicheren, welche ich die mittlere Schichte nennen will 
(die römische und nachrömischc Schichte als oberste angenommen) und die etwa 5 Fuss mäch- 
tig war, zeichnen sich durch ihre hellgelbe, gleichmässige Farbe und ihre compactere, glattere 
Beschaffenheit vor denen der innersten Schichte aus, welche dunkelgelb gefleckt sind und 
deren äussere Fläche mehr angegriffen wie porös erscheint. In jener mittleren Schichte wur- 
den zugleich Urnenschcrben und Schmuckgegenstände von Bronze gefunden, ganz in der Art, 
wie sie in den vorrömischen Grabhügeln Vorkommen. Die Urnenscherbeu sind von sehr pri- 
mitiver Technik, nur bei schwachem Feuer gebrannt, Rchwarz, einzelne in ihrer äussersten 
Schichte röthlichbraun oder mit einem Graphitüberzug versehen , 0,5 bis 1 Centim. dick, ihre 



') 8. ßath a a 0. S. 17. Tat 1 

12 * 



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92 



Beiträge zur Ethnographie von Würtemberg. 

Oberfläche ziemlich uneben; an einem glätteren Stücke finden sich Qnerstreifen eingeschürft. 
Ihre Form entspricht, so weit sie sich erkennen lässt, den Urnen jener Grabhügel. 

Von Schmuck wurden gefunden: ein Finger- und zwei offene Armringe von ziemlich dün- 

f 

neni Bronzedraht und ein massiver 1 Centim. breiter verzierter offener Armring, ganz von 
der Form der Ringe, welcher nach Lindenschmit im Bärenthal und bei Lnitz in Sigina- 
ringen gefunden wurde 1 ). Weiter fanden sich zwei von dünnem Bronzebloch getriebene, 
hohle, an der dicksten Stelle etwa 1 Centim. breite, nach oben sich zuspitzende offene 
Ringe, an den» einen dünnen £nde ist ein Bronzedraht eingelöthet, welcher sich in eine Oett- 
nung des anderen Endes lose einschiobt und federt. Beide Ringe haben im Ganzen einen 
Durchmesser von 5 Centim. und sind nahezu kreisrund. Endlich fand sich noch ein ganz 
ähnlich beschaffener, jedoch nur 3 Centim. im Durchmesser haltender Ring. Diese drei Ringe 
waren vermuthlich Ohrringe und gehören nach dem Urtheile des Herrn Professor Linden- 
schmit der vorromischen Zeit an. 

Da fast alle die mit diesen Gegenständen getändenen Skelette in gestreckter Lage und 
immer mit zahlreichen Kohlen umgeben gefunden wurden, so lässt sich wohl annehmen, dass 
ilie mittlere und innerste Schichte des Steinhügels eine altgermanische Grabstätte gewesen 
sei. Auch bei den in der innersten Schichte gefundenen menschlichen Ueberresten fanden 
sich Kohlen, aber ausser sehr rohen und verwitterten Umcnbruchstüeken keine Culturreste. 

Von den in der »mittleren Schichte gefundenen Hessen sich 13 Schädel wieder so 
zusammensetzen, dass ihr Typus mit Sicherheit bestimmt werden konnte. Dazu kommen noch 
zwei Schädel, welohe sieh im Stuttgarter Naturaliencabinet befinden. Bei ihnen war zwar die 
Schichte, in der sie gefunden wurden, nicht zu bestimmen, ihrem Aeussoren nach lassen sie sich 
aber wohl ohne grossen Irrthum mit obigen zusammenstellen, um so mehr als die innerste Schichte 
früher ganz gewiss nicht zu Tage lag, was nach Obigem bei der mittleren zum Theile wenigstens 

Fi*. 43. 




der Fall war. Von diesen 15 Schädeln nun zeigen 14 den reinen, normal entwickelten, germa- 
nischen Typus in ausgesprochener Weise. Einer ist zwar germanisch, jedoch durch Krankheit 



') S. L. Die vaterllndiarhen Alterthfimcr der fürstlich holicraolleischen Sammlung. Main* 18B0. Tai. 34. 
Fig. 4 and 5. 



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Beiträge zur Ethnographie von Wiirtemberg. 93 

unsymmetrisch und mehrfach verbildet. Der grosseren Mehrzahl nach gehören sie dem Hob- 
bergtypus an, und unterscheiden sich von der rein germanischen Form der Reihengräber und 
den aus der Krypta der Vitaliskapelle gefundenen durch keine ihrer wesentlichen Eigenschaften. 

Die Bildung des Gesichts, der Stirn, der Stirnhöhlenwülste des Hinterhaupts u. s. f., stimmen 
vollkommen mit jenen überein. Die Zähne sind, wie bei jenen Schädeln, je nach dem Alter, , 
mehr oder weniger tief, bei jüngeren Individuen wenig oder gar nicht abgeschliffen. 

Zwei Schädel gehören jüngeren Individuen an, von etwa 10 und 18 Jahren, ihr Index 
beträgt 78,3 und 73,4. — Bei 4 von den 6 weiblichen Schädeln beträgt das Maximum der 
Länge 18,5 Centim., das Minimum 18 Centim. Das Maximum der Breite 13,6, das Minimum 
12,6. Ihr Index liegt zwischen 70 und 72,2, bei den zwei übrigen beträgt er 76,1 und 78,4. 
Letzterer bat offene Nähte, sehr stark entwickelte Seiten wandbeinhöcker, welche ein wenig 
hinter der Mitte der Seitenwandbeine liegen, eine namentlich in ihren seitlichen Tbeilen stark 
gewölbte Stirn, sehr wenig entwickelte Stimhöcker und ein kugelig aufgesetztes hervorgewölb- 
tes Hinterhaupt (Siontypus). Seine Länge beträgt 18,1, seine Breite 14,2; sein Typus liegt an 
der Grenze de« germanischen; bestimmte Zeichen einer Vermischung mit einem anderen Typus 
konnte ich an den vorhandenem Theilen nicht auffinden, das Gesicht fehlt. 

Von den 7 männlichen Schädeln sind 6 normal, ihr Index liegt zwischen 70,3 und 74,4. 

Der längste von ihnen hatte einen Durchmesser von 19,7 Centim. und eine Breite von 14,5, 
also einen Index von 73,6. Ein anderer, mit dem Index 70,3 hat eine sehr breite Hache Stirn, 
ein gar nicht oder nur sehr wenig gewölbtes Dach, längs der offenen Pfeilnaht eine ziemlich 
tiefe und breite Furche und ein sehr weit hervorragendes fast pyramidales Hinterhaupt. Er 
nähert sich, dem Hohbergtypus, Ein anderer hat auf der linken Seite des Stirnbeins vier 
sternförmig zusammenlaufende Fissuren, die deutlichen Folgen eines Schlages oder Stosses 
von einem stumpfen Gegenstand, die Diploe liegt in der Grösse eines Drelssigkrcuzerstückes 
blos, in weiterer Umgebung ist die äussere Tafel zum Theil durch oberflächliche Nekrose 
exfoliirt, auf der Innenfläche Anden sich fast in der ganzen vorderen Schädelgrube theil« 
Osteophyten in dünner Schichte aufgelagert, tbeils oberflächliche Nekrose der Glastafel. 

Ein weiterer Schädel ist anomal entwickelt, seine Länge beträgt 19,2, seine Breite 13,5, 
sein Index also 70,3. Seine Nähte sind sehr grob gezeichnet, tief und sehr breit gezahnt, die 
einzelnen Zacken wulstig und dick; offen sind die rechte Hälfte der Lambdanaht, die Schläfen- 
naht und ein Theil der rechten Seite der Kranznaht, die linke Hälfte der Kranznaht fehlt, 
nur auf der Innenfläche verwachsen ist der grösste Theil der Pfoilnaht und die linke Seite 
der Lambdanaht, aussen sind aber diese Nähte nicht verschwunden. Zwischen Hinterhaupts- 
bein und Schläfenbein finden sich auf jeder Soite wonnisehe Knochen. Die Knochen sind 
dick, die Muskelansätzo sehr stark und rauh. Die Protuberantia occipitaiis externa ist gross, 
die Linea nuchae sup. ausserordentlich stark und rauh. Der Schädel ist ganz unsymmetrisch, 
nach der Längsachse verschoben, die rechte Hälfte nach hinten, die linke nach vorn, so 
das« seine Längenaxe eine doppelt gekrümmte fast S-förmig gebogene Linie darstellt. Der 
rechte Seitenwandbeinhöcker steht 5,4 Centim. hinter dem linken, das linke Seitenwandhein 
und die linke hintere Hälfte des Hinterhauptbeins sind stark abgeplattet; das Hinterhaupt 
ragt hervor, liegt aber nicht in der Mittellinie des Schädels, sondern ist nach links verschoben, 
so dass die rechte Seite desselben die hervorragendste Wölbung bildet. Als Compcnsation 



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94 



Beiträge zur Ethnographie von Würteinberg. 

ragt die linke Seite der Stirn weit hervor, die rechte liegt zurück. Die Stirn ist ziemlich 
gerade, von mittlerer Hoho, die Stimhöhlenwülste stark entwickelt, an der Stelle der voll- 
kommen verschwundenen Stirnnaht ist ein flacher Wulst; die Proc. zygomatici greifen weit 
aus und sind sehr breit und stark. Auf der Innenfläche des Schädels sind flache Impressiones 
digitatae und tiefe Gefiissfurchen, die vorderen Gehirnlappen scheinen wenig entwickelt 
gewesen zu sein, der Sulcus sagittalis und die Crista occipitalis interna sind der Verschiebung 
des Schädels entsprechend gekrümmt. Sein Cubikinhalt lies« sich nicht messen, da die 
Schädelbasis und das Gesicht fehlen, sehr gering ist er aber der Schätzung nach nicht, nichts- 
destoweniger glaube ich, dass er zu den cretinischen Bildungen zu rechnen sei 

In der innersten Schichte dos Steinhaufens fanden sich 9 Schädel, 3 weibliche und 6 
männliche, die ersteren unterscheiden sich in nichts von don in der mittleren Schichte gefuu- 
denen; ihr Index beträgt 72,7, 73,9 und 74,4. Von den männlichen, welche gleichfalls alle 



Fig. 44. 

L. 




dem germanischen Typus angehöron, sind nur vier normal. Von diesen zeichnen sich drei 
durch ihre langgestreckte Form, ihr weit hervorragendes pyramidal aufgesetztes Hinterhaupt, 
die bedeutende Entwicklung ihrer Stirnliöhlenwülste (s. Fig. 44 a, b) und die Stärke ihrer 
Knochen aus. Der längste ist 19,9 Centim. lang und 14 Centiro. breit, sein horizontaler Um- 
fang beträgt 54,8 Centim. 

Zwei sind anomal entwickelt. Der eine ist ein Scaphocephalus , Beine Länge beträgt 
19,6 Centim., »eine Breite 13,5, sein Index also 68,8; sein horizontaler Umfang 55,2 Cen- 
tim., seine Höhe 13,2 Centim., sein Inhalt 1570 Cubikcentim. Die Stirnliöhlenwülste sind 
mässig entwickelt, die Stirn hoch und oben hervorgowölbt, ebenso wölbt sieh der Schä- 
del in der hinteren Hälfte der Seitenwandbeine stark kugelig hervor, so dass dort seine 
höchste Stelle ist, das Hinterhaupt ist leicht zugespitzt, ragt links mehr hervor als rechts, die 
Wölbung des linken Seitenwandbeins ist ein wenig grösser als die des rechten. Die Linea 
temporalis ist sehr weit geschweift, an ihrer hinteren Hälfte ragt der Knochen über den 
Ansatz des Schläfenmuskels in Form eines schmalen 2 Millim. hohen scharfkantigen Walls her- 
vor. Die Lambdanaht ist offen, nur an der Spitze beginnt sie sich zu verschliessen, die Pfeil- 
naht ist innen und aussen vollkommen verschwunden, die Schläfen- und Keilbeinnähte sind 
verwachsen, jedoch noch sichtbar, ebenso die Kranznaht zu beiden Beiten abwärts von der 



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95 



Beitrage zur Ethnographie von Württemberg. 

Linea temporalis; im übrigen Theil ist sie offen und zeigt in ihrer Mitte eine übrigens .schwache 
winkelige Krümmung nach vom. Jochbein, Oberkiefer und ein Theil der rechten Schläfen- 
schuppe, sowie der linke grosse Keilbeinflügel fehlen. 

Der zweite der anomalen Schädel hat die grösste Aebnlichkeit mit dem in einem Grab- 
hügel der Steinperiode bei Boreby in Dänemark gefundenen, von Herrn Busk beschriebenen 
und entfernt einige mit dem aus der Hohle des Neanderthales, Sein Cübikinhalt beträgt etwa 
1400 Centimeter, sein Horizontalumfang 53,2 Cubikm., seine Höhe 13,3, seine Länge 18,5, seine 
Breite 13, C, sein Index also 73,4. Es fehlen die rechte Hälfte des Keilbein», das rechte Joch- 
bein, der rechte Oberkiefer und ein Theil dos Hinterhauptbeins. Die Knochen sind sehr dick, 
der ganze Schädel, insbesondere seine Muskelansätze sind massig, plump, das Gesicht stark 
prognath, der untere Gesichtswinkel misst 58°. Der Unterkiefer ist schwer, dick und breit, 
von der Spitze des Kinns bis zuin Alveolarrand 4 Cubikm. hoch. Das Kinn eckig und hervor- 
stehend, die Zähne sind tief abgoschliffon , an den Schneide- und Eckzähnen ist SpeicheLstein 
abgelagert Der Winkel des Unterkiefers höckerig, nach aussen umgebogen. Der Alveolar- 
rand des Oberkiefers ist lang, dick, wulstig und ragt weit hervor. Der Eckzahn bildet mit 
seiner Alveole eine Ecke wie bei einem Affen, die Augenhöhlen sind verhältnissmässig klein 
und schief gestellt, diu Nasenwurzel tief eingeschnitten, die ganz ausserordentlich entwickel- 
ten Stirnhöhlen bilden einen die ganze untere Stirn einnehmenden weit hervorragenden 
Wulst. Die Stirn ist nieder und zurückliegend, die Stirnhöcker flach, an der Stelle der ver- 
schwundenen Stimnaht ein flacher Wulst, welcher sich längs der Pfeilnaht fortsetzt, die Linea 
temporalis weit nach hinten geschwungen, so dass sie die Lambdanaht berührt, die von ihr 
umschriebene Flüche ist besonders nach hinten zu vertieft Die Seitenwandbeine sind kurz, 
Höcker sind keine vorhanden, der Schädel fallt dachförmig zu beiden Seiten ab. Auf der 
inneren Fläche ist die Pfeilnaht und Kranznaht ganz, auf der äusseren nur ihr hinterer Theil, 
sowie der seitliche Theil der Kranznaht verschlossen, die übrigen Nähte sind offen, die Lamb- 
danaht, so weit sie vorhanden, doppelt, indem eine fortgesetzte Reihe aneinander liegender 
wormischer Knochen zwischen das Hinterhauptsbein und die Seitenwandbeine eingeschaltet 
sind. Die vorhandenen Nähte im Gesicht und anf der Basis sind offen. Das Schädeldach ist 
ganz unbetleutend unsymmetrisch, da» rechte Seitenwandbein und die linke Hälfte tler Stirn 
sind flacher als die der anderen Seiten. 

Die Fomi dieses Schädels halte ich, trotz seines Oubikinhalts, wie den erwähnten aus 
der mittleren Schichte, für eine pathologische mit Oretinismus verwandte Bildung. Denn 
nicht blos die Beschaffenheit der Knochen, der Nähte u. s. f., sowie der Umstand, dass die 
anderen, zugleich mit ihm gefundenen Schädel eine normale harmonische Entwicklung des- 
selten Typus zeigen, sprechen für eine pathologische Bildung, sondern auch das oben er- 
wähnte Vorkommen ähnlicher Gesichtsbildung bei brachycephalen Schädeln. Einer primi- 
tiven Menschenraije kann daher, meiner Ansicht nach, dieser Schädel nicht zugeschrieben 
werden, weil ich nicht glaube, da»» der Uetergang vom Affen zum Menschen durch patholo- 
gische Formen vermittelt worden sei. Ob er endlich den sogenannten Kelten zuzurechnen 
sei, wie von einigen Seiten, wenigsten» hei den weniger ausgesprochenen pathologischen For- 
men dieser Kategorie, geschehen zu sein scheint, bei denen sich vielleicht nur Reste von über- 
standener Rachitis Anden, dies zu entscheiden, muss ich den Anhängern der Keltentheorie 



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96 



Beiträge zur Ethnographie von Würtemberg. 



Uberlassen. Ich halte es indes» nicht für consequent, diejenigen germanischen Sehädelformen, 
bei denen die vorderen Gehirulappen weniger entwickelt sind und die Stimhöhlenwülste stark 
hervortreten, fiir keltisch zu erklären, zugleich aber zu beliaupten, die Intelligenz der Kelten 
sei eine viel grossere gewesen als die der Germanen. Diese starke Entwicklung der Stim- 
hölilenwUlste kommt übrigens auch bei brachyeephalen Schädeln vor, ist also nichts typisches. 
Die Figur 41 c stellt einen solchen brachyeephalen Schädel (ligurische Misch form) mit unge- 
wöhnlich starken Stirnhöhlenwülsten dar. Er stammt aus Täfenroth GA. Gmünd, der Mann 
dem er gehörte starb im Jahre 1850. 

Die Knochen der Extremitäten waren zum Theil sehr gut erhalten, sie hatten alle eine 
dem Alter und Geschlecht entsprechende mittlere Grösse. Unter 6 Oborarmknochen hatten 
3 eine Oeffnung in der Cnvitas glenoidea Ausserdem kamen ohne bedeutende Verunstaltungen 
geheilte Knocbenbriicke an Humerus (2), Tibia und Femur vor. 

Hoklenstein bei Heidenheim. Bei der Ausbeutung dieser Höhle fand Herr Professor 
Fraas') in der obersten Schichte ihres Bodens zahlreiche Kohlenreste, Geiassscherben, Steiu. 
heile aus Serpentin, durchlöcherte Pferdezähne, zu Handgriffen roh verarbeitete Geweihstücke 
vom Hirsche und ein unvollständige» Schädeldach. Bruchstücke von römischen Gefässen fan- 
den sich nur in dom humusreichen Boden der Vorhalle. Die zuerst genannten Oefässscherben 
wurden von Herrn Professor Linden'schmit in Mainz untersucht, für altgermanisch und dem 
1. bis 4. Jahrhundert vor Christus angehörig erklärt. 

Der Schädel, von welchem das ganze rechte und der grösste Theil des linken Seiten- 
wandbeins, das rechte Schläfen- und Stirnbein erhalten sind, bat in seiner Form Achnlieh- 
keit mit einigen Schädeln aus der Erpfinger Höhle. Das Stirnbein ist ziemlich breit und 
flach gewölbt, die Stirnhöhlenwülste sind ziemlich entwickelt, wahrscheinlich weil der Schä- 
del einem Manne angehörte. Das Sehädolgewölbe ist nieder, die Höcker der Seitenwand- 
beine sind zwar nach hinten gerückt, aber die hintere Fläche der letzteren fällt nicht 
steil ab. Das Hinterhauptbein fehlt ganz, die Lambdanaht des Scitenwandbcins ist alter 
fast vollständig erhalten; aus ihrem Verlaufe, sowie namentlich an der Auswärts -Krümmung 
des ihr zunächst liegenden Randes geht mit Sicherheit hervor, dass das Hinterhaupt hervor- 
gewölbt gewesen sei. An der Seite der Pfeilnaht finden sich zwei Etuissarien. Die grösste 
Länge des Schädels liess sich auf etwa 18,2 Gentim. schätzen, seine grösste Breite beträgt 
14 Centim., sein Index wäre also etwa 76,3, man darf denselben daher immer noch zu dem 
germanischen (Sion-) Typus rechnen, da auch seine sonstige Gestaltung nur wenig von diesem 
abweicht. 

Die Maasse der einzelnen in den altgermanischen Hügelgräbern und den Höhlen der 
schwäbischen Alb gefundenen Schädel sind in folgender Tabelle zusainmengcstcllt: 



*) S. Jahreshefte des Verein» für Naturkunde in Würtemberg. iS. .lahrg. I8S2. S. 150 u. fl'. 



V 



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97 



Beiträge zur Ethnographie von Wiirtemberg. 



Tabelle 4. 

Vorrömische Hügelgräber und Höhlen der Alb. 

o. Einzelne Maaaae. 



Nr. 


Fundort. 


Männlich. 1 


Weiblich, j 


Geschlecht , 
unbestimmt. 


Besondere 

Eigenschaft. 


* * 
|| 


i| 

■P u 

a » 


3 » 

11 
o — 


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a 5 

0 <2 
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1 ° 


b 

JJ 

~ « 

S 4) 

.3 = 

1" 


Typus. 


117 


Unbestimmt. 


m. 


« 


- 


- 


13,7 


14,7 


— 


— 


78,6 


| Germanische 
\ Mischform. 


118 


| Erptinger | 
{ Hoble. J 


- 


w. 


- 


- 


18,1 


14,2 


14,3 


52,5 


78,4 


9 


119 


9 


m. 


— 


— 


— 


19,7 


14,5 


— 


55,5 


73,6 


GerraaniBch. 


120 


9 


9 


— 


— 


— 


‘‘•V» 


Id 


__ 


55 


70,3 


9 


121 


9 


9 


— 


— 


— 


19,3 


14,3 


14,5 


55 V 


74,09 


» 


J22 


Miintiiogen. 


- 


- 


«L 


f Scaphoce- 1 
1 phulus. 1 


20,1 


13,4 


- 


- 


66,6 


9 


□ 


1 Erpfinger | 
{ Höhle. } 


in. 


- 


- 


Ebenso. 


19,6 


13, ß 


14 


54,8 


68,8 


9 






9 


— 


— 


— 


19 


14 


— 


54,5 


73,6 


9 


m 




9 


— 


— 


— 


19/) 


14,3 




54 


73,3 


9 


m 


» 


9 




- 


[ Kopfvcr- | 
( lettung. ) 


19,2 


14 


- 


53,8 


72$ 


9 












. Cretinenar- . 














127 


9 


» 


— 


— 


j tige j. 

I Bildung, j 


19,2 


| 18,8 




53,8 


70$ 


9 


12b 


9 


9 


— 


— 


— 


19,2 


13,5 


13,5 


53,7 


70,3 


9 


129 


» 


9 


- 


- 


| Cretin. 1 
1 Bildung. | 


18,5 1 


13,6 


15 


53 


73,4 


9 


130 


9 


» 


— 


— 


— 


18.7 


13,7 


14,1 


52,8 


73,7 


n 


131 


» 


— ( 


w. J 


— 


— 


18,4 ! 


13,7 


— 


52,8 


74,4 




132 


9 


- 


9 


— 


— 


18,7 


13,6 


13,6 


52,7 


72,7 


9 


133 


9 


— 


9 


— 


— 


18,3 j 


18,0 


14,3 1 


52,2 


72,2 


9 


134 


9 


m. 


- 


— 


.St im naht. 


18,3 


13,2 


- 


52 ,2 


72,1 


9 


135 


Ensingen. 


- 


V. 


- 


- 


18 


13,4 


' — 


52 


74,4 


9 


136 


1 Erpfinger 1 
{ Höhle. ) 


m. 


- 


- 


- 


17^8 


18,7 




52 


76,9 


9 












Oberer 
























Theil .kr 














137 




— 


w. 


— 


, Stirn »ehr 


18 


12,6 


1 12,5 1 


52 


70 


* 












hervorge* 
























wölbt. 














138 


9 


— 


9 


— 


— 


17,6 1 


u 


13,4 


— 


79 $ 


fl 


139 




— 


n 


_ 


— 


18, a 


13,1 


12,7 


51,5 


71,5 


fl 


140 


9 


— 


9 


— 


— 


18,2 


12,8 


15,3 


51,2 


70,3 


9 


141 


9 


— 


9 i 


- 


— 


18 


18,7 


— 


50,5 1 


76,1 


« 


112 


9 


- 


• 


etwa IS 
Jahr alt. 


- 


17,7 


13 


' 13,1 


49,5 


73,4 


fl 


143 


9 


- 


- 


etwa 10 
Jahr alt. 


- 


16,6 


13 


| 13,5 


4G 


78,3 


9 



Archiv ftlr Anthropologie. Bd. II, Heft I. 13 



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98 



Beitrüge zur Ethnographie von Wiirteinberg. 



b. Ueber.icht über die in obiger Tabelle enthaltenen Masse« der lfl normalen 
germanischen Schädel Erwachsener. 





Maximum. 


Minimum. 


Mittel. 


Grösste I*änffe 


.... 19,9 


17,6 


18.6 


Grösste Breite 


14.5 


12,6 


18,6 


Grösste Höhe 


, . . . . 15,3 


12,5 


13,7 


Horizontaler Umfang . . . 


, . . . . 55,5 


50,5 


62,9 


Horizontaler Index . . . . 


.... 76,9 


70 


72,9 



D. Rückblick auf die altgermanischen Hügelgräber. 

Hie Funde au« dieser Zeit bieten bei der Mangelhaftigkeit des Materials in historisch- 
ethnographischer Beziehung viel weniger Sicherheit als die der Reihengrnber dar. Alle 2h 
Schädel gehören dem germanischen Typus an. 2t waren normal entwickelt und von diesen 
schienen nur 2 nicht ganz frei von Vermischung mit einem fremden nicht näher zu bestim- 
menden Typus zu sein. Von den 22 normalen, rein germanischen Schädeln, konnte der In- 
dex bei 21 bestimmt werden, er liegt bei 17 zwischen 70 und 74, das Maximum beträgt bei 
den übrigen 76,9. Zwölf gehören Männern, zehp Weibern und zwei jugendlichen Individuen 
an, bei denen das Geschlecht nicht näher bestimmt werden konnte. Nur bei vier Weibern 
war das Hinterhaupt kürzer und abgestumpfter als bei den anderen, die Seitenwandbeine 
aber langgestreckt und ihre Höcker sehr deutlich ausgeprägt; die Ansicht der Schädel von 
otsjn nähert »ich daher mehr dem regelmässigen Oval als bei den übrigen, bei welchen sie 
mehr ein langgezogones Sechseck bildet Vier Schädel von der üesammtzahl waren krank, 
zwei haben eine scaphocephale Form und zwei nähern sich den eretiuisclieu Bildungen. Eine 
Vergleichung mit den Reihengräbem giebt folgendes Ergebnis«: 

Rheihengräber altgcrm&nieclie Grabhügel 

gesunde kranke gesunde kranke 

Germanischer Typus .... 87 Proc. 3,2 Proc. 78,9 Proc. 14,2 Proc. 

Germanische Mischformen . . 8,2 „ — 7,1 „ — 

Ligurische Mischforinen . . . 1,6 „ — — — 

Hie Schädelform im Allgemeinen war also bei dem untersuchten Material der vorromischen 
Zeit ziemlich die gleiche wie in der naehiriinischen Zeit der Reihengräber, während der ligu- 
rische Typus ganz fehlt. Sehr auffallend ist die grosse Zahl der anomalen Schädel, bedenkt 
man aber, dass in dieser Zeit die Wälder weniger gelichtet waren und die Zahl der Sümpfe 
jedenfalls eine sehr bedeutende war, was auch die alten Schrittsteller bestätigen, so ist 
sicher anzunehmen, dass unter der altgermauiseheu Bevölkerung das Wechselfieber sehr ver- 
breitet gewesen sein müsse. Hiese Krankheit geht aber bekanntlich mit angeborenen oder 
in der Kindheit sich entwickelnden Schiidolmissbildungon, also namentlich Cretinismus, Hand 
in Hund, wenn sie auch nicht immer und überall neben einander Vorkommen. Zieht man / 
ausserdem die ungünstigen Verhältnisse in Beziehung auf Nahrung und Kleidung in Betracht, 
so ist obige Thataache leicht zu verstehen. 



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99 



Beiträge zur Ethnographie von Wiirtemberg. 

Herr Professor'Ecker hat in seinem mehrfach angeführten Werke unter den von ihm 
unteraueilten 25 Schädeln aus Hügelgräbern, welche im Rbeinthale (Allensbach, Wiesenthal), 
oder ganz nahe an demselben (Sinsheim) liegen, zwei Formen gefunden. Die eine, langgezo- 
gene, stimmt in fast allen ihren Theilen mit der in den Reihengräbern gefundenen Form 
Uberein, gehört also dem germanischen Typus an. Die zweite ist kürzer; der Beschreibung 
und Abbildung nach gehören einzelne Schädel dieser Form noch zum germanischen Typus, 
andere dagegen theils zu den Mischfonnen, theils zu dem ligurischen Typus; sie haben grosse 
Aelinliehkeit mit den Schädeln aus dem Grabhügel von DarniBheim , es ist also wahrschein- 
lich, dass auch sie aus der Zeit der römischen Occupation des Landes stammen. 



Das Ergebnis# der ganzen vorstehenden Untersuchung ist in Kurzem Folgendes: 

1) Die gegenwärtige Bevölkerung Würtembergs besteht innerhalb des römischen Grenz- 
walles aus einer Mischung des germanischen mit dem ligurischen Typus; in mehreren Bezir- 
ken herrscht der letztere vor. 

2) Der ligurisehe Typus stammt von der während der römischen Occupation eingewan- 
derten Bevölkerung, der germanische von den Alemannen und Franken. 

3) Im Mittelalter hatte die Beimischung des ligurischen Elementes zu den höheren und 
mittleren Ständen noch keine so grossen Fortschritte gemacht als jetzt. 

4) In den Reihengräbern liegen nur Alemannen und Franken, die Mischung mit dem 
ligurischen Elemente bildet eine seltene Ausnahme. — Der Tfieil der Bevölkerung, welche 
letzterem angehört, also die Leibeigenen oder Sklaven, wurden in jener Zeit abgesondert von 
ihren Herren begraben, wahrscheinlich auf den sogenannten Schelmenwasen , in den ersten 
Jahrhunderten nach der Eroberung des Landes vielleicht noch in den Hügelgräbern. 

5) Ein Theil der Hügelgräber Würtembergs mit bestatteten Leichen stammt aus der Zeit 
der römischen Occupation des Landes. Die in dem liierher gehörigen Grabhügel bei Darms- 
Leim gefundenen Schädel gehören vorwiegend dem ligurischen Typus an. Die von den Rö- 
mern mit dem Namen Gallier bezeichnoten römischen Einwohner der Agri decumates waren 
also wahrscheinlich eine Mischung aus brachycephalon (ligurischen) Elementen mit germa- 
nischen. 

6) Die aus der vorrömischen Zeit stammenden Schädel , mit Einschluss der in der Höhle 
von Erpfingen gefundenen, gehören alle dem germanischen Typus au. Beimischungen von 
fremden Typen sind hier so selten als in den Reihengräbern. 



IS* 



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Erklärung der Abbildungen. 



I. Normale Schädel. 

1. Germanischer Typus. Männliche SchädeL 

Fig, 36. a. b. c. Weingartner von Stuttgart, 48 Jahre alt. Selbstmörder, gestorben am 9. November 1863. 
6 Fusb gross, Augen grau, Haare dunkelblond. Grösste Lange des Schädels 18,8, Breite 14, Umfang 
52,4 Ccntimcter, Index 74,4. 

Fig. 38. a. b. c. 12. bis 16. Jahrhundert. Krypta der Vitalis -Kapelle in Esslingen. lÄnge 19,2, Breite 13,4, 
Umfang 52,3 Centimefer, Iudex 71,3. 

Fig. 40. a. b. c. Reihengröber von Gundelshcim (Franken). Zwischen 50 und 60 Jahren. Lauge 20,2, 
Breite 15, Umfang 56,3 Centimeter, Index 74,2. 

Fig. 43. Vorrömische Zeit. Eq>fingrr Höhle, mittlere Schichte. Zwischen 40 und 60 Jahren. Länge 19,2, 
Breite 14, Umfang 53,8, Index 72,9. 



2. Ligurischer Typus. Weibliche Schädel. *) 

Fig. 37. a. b. c. Altonsteig, O.-A. Nagold (Schwarzwald), gestorben im Jahr 1830, etwa 25 Jahre alt Lange 16,8, 
Breite 14,4, Umfang 49,7, Index 86,7. 

Fig. 42. Gallisch-römischer Grabhügel von Darmsheim. Etwa 20 Jahre ölt. Länge 16,6, Breite 14,6, Umfang 
49,6, Index 87,9. 



n. Anomale Schädel. 



1. Germanischer Typus. 

Fig. 44. a. b. Männlicher Schädel. Erpfinger Höhle innerste Schichte. Vorromisehe Zeit I«änge 18,7, 
Breite 13,7, Umfang 52,8, Index 73,7. 

Fig. 39. Weiblicher Schädel. Esslingen. Yitaliscapelle. 12. bis 16. Jahrhundert. Länge 17,5, Breite 12,5, 
Umfang 19,3, Index 71,4. » 



2. Ligurischer Typus. 

Fig. 41 h. Mannlicher SchädeL Gallisch • römischer Grabhügel von Dannsheim. Ligurischer Typus. Ueber 
50 Jahre alt. Vorzeitige Verwachsung der Pfeilnaht. Länge 18,4, Breite 14,4, Umfang 63,8, Index 78,2. 
Fig. 41 c. Männlicher Schädel von Tiifenroth 0. A- Gmünd, gestorben im Jahre 1850. Ligurischc Mischform. 
Länge 77,6, Breite 15,1, Umfang 51, Index 86,2. 



■) Bei der Seltenheit rein ligurischer Formen in Würtemborg war es mir leider unmöglich einen ent- 
sprechenden männlichen Schädel abbilden zu lassen, was zur besseren Vergleichung mit den germanischen 
wünschenswert!) gewesen wäre. 



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V. 



Zur wissenschaftlichen Kraniometrie. 

'Von 

Dr. A. S a s 8 e 

io /fuodam tllollanJf 



Fast in jedem kraniologischen Aufsatze findet sich gegenwärtig die Klage wiederholt, dass 
wir bei unseren Schädelvergleicliungeu noch kaum über die einfache Betzius'sche Formel der 
Dolicho- und Brachycephalie hinausgekommen sind, und diese Klage ist zum Theil gewiss 
nicht ohne Grand. Zwar lässt sich nicht verkennen, dass wir etwas gewonnen haben durch 
Gaussin’s und Welcker’s Mittheilungen, die den Werth des Höhendurchmessers näher be- 
leuchtet haben (Bulletins de la Socidtd d’Anthropol. de Paris 18ö5, T. VI., p. 141. — Archiv für 
Anthropologie, 1. Heft). Doch hat jener Höhendurchuiesser keinenfalls denselben Werth bei 
der Schadelvorgleichung, wie die bangen- und Breitendurchmesser. 

Das schwebte mir vor, als ich vor einiger Zeit den Ausspruch wagte: „Wir suchen noch 
immer nach der besten Messmethode.“ Prof. Welcker hat jenen Ausspruch gerügt, in dem 
■Sinne, dass es keine beste Messmethode gebe und wohl auch niemals gehen werde. Dies zu- 
gestanden, so ist doch nicht zu läugnen, dass es wünschenswerth wäre, noch ein Paar so ein- 
fache, schlagende Vergleichungspunkte aufzufinden, wie Retzius besonders deren einen angab 
in Kürze und Länge der Schädel. 

Bei solcher Sachlage darf man sich wundern, dass man noch nicht versucht hat, jenen 
andern Vergleichungspunkt, der auch von Retzius angegeben wurde, ich meine den Grad des 
Prognathismus, genauer für ganze Reihen von Schädeln zu bestimmen. Ich zweifle nicht daran, 
dass eiuo derartige Untersuchung die Mühe sehr lehnen würde. Nur sollte man damit begin- 
nen, nicht bestimmen zu wollen, ob ein Schädel ortho- oder prognath sei, sondern den Lueae- 
sclienSatz (zur Morphologie der Ha<;eri -Schädel) anerkennend: „jeder Schädel ist prognath“, den 
Grad des Prognathismus zu suchen. Gar zu lange hat man alle, die eine germanische Sprache 
reden, zu den Dolichocephali orthognathi gerechnet. Welcker zuerst hat diesen Glauben, was 
Dolicliocephalie betrifft, mächtig erschüttert. In Betreff der Orthognathie behaupte ich, dass gar 
Manche, die ich täglich um mich herum sehe, wie auch ziemlich viele Schädel aus meiner Samin- 



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102 



Zur wissenschaftlichen Kraniometrie. 



lung, durchaus nicht ««rthognath zu nennen sind. Und manche illustrirte Skizze aus dem 
Volksleben in Deutschland und Frankreich, wie sie z. B. die „Fliegenden Blätter“ oder das 
„Journal ponf.rjVe“ uns bringen, überzeugt zur Genüge, dass auch in diesen beiden Ländern 
der Prognath Linus bisweilen ziemlich stark ausgeprägt ist. Sagt ja auch Quatrefages (Bulle- 
tins de'-hvSocidtd d'Anthrop. de Paris, II“ Sdr. T. I. p. 287): „Quicouque observc avec quelque 
soin lä population parisienne — ne jieut qn'ötre frappe d'un fait qui jusqu’ä ce moment 
tffavait fort intrigue. Le prognathisme est loin 'detre rare chez nost compatriotes.“ — Ich 
werde mir angelegen sein lassen, diesen Punkt für die holländischen Schädel in meinem Be- 
sitze näher zu untersuchen. Zu einer solchen Untersuchung genügtes freilich nicht, den Ge- 
sichts-, Nasen- oder Sattelwinkel zu bestimmen. Ich glaube, dass nur die von Lucae (1. c. 
I. p. 42) angegebene Methode erlauben wird, den Grad der Prognathie genau zu bestimmen, 
wenn man nur anstatt der von v. Baer auf der Göttinger Versammluug empfohlenen horizon- 
talen Linie — de» obern Randes des Jochbeinbogens — die Broca’scho naturgemäßere 
(Bulletins de la Soeietd d’Anthrop. de Paris, T. III, p. 519) annimmt. 

Diesen Punkt gedenke ich nächstens ausführlicher zu behandeln. Für jetzt beabsichtige 
ich den Werth der Messungsmethode zu prüfen, die Prof. W. Krause im Archiv für Anthro- 
pologie, 2. Heft: „Ueber dte Aufgaben der wissenschaftlichen Kraniometrie“ mitgetheilt hat. 

Zuvörderst sei es aber erlaubt, auf einige zum näheren Beweis aufgestellte Sätze des 
Prof. Krause hinzuweisen: „Denn worauf es ankmmnt, ist offenbar die Wachsthumsgrosse der 
einzelnen Schädelknochen in bestimmten Richtungen ; denn dieselbe Form kann bei verschie- 
denen Schädeln ohne Zweifel durch verschiedenes Wachsthum verschiedener Knochen factiseh 
hervor gebracht werden.“ Es wäre sehr zu wünschen, dass der letztere Satz näher bewiesen 
und beleuchtet wäre. Fände sich ein solcher Fall vor, so wäre cs interessant zu wissen, ob 
die zwei gleichförmigen, nur nicht gleich-gewachsenen Schädel demselben oder verschiedenen 
Volksatämmen angehörten. Uebrigens ist das, worauf es ankommt, wohl nicht die Wachs- 
thumsgrosse der einzelnen Schädelknocben in bestimmten Richtungen, sondern die Waebs- 
thumsgrösse des Gehirns in verschiedenen Richtungen. Und insofern als Stirnbein, Scheitel- 
bein und Hinterhauptsbein den drei Urwirbeln des Schädels entsprechen, fragt es sich, ob ihr 
Wachsthum der Entwicklung dieser Urwirbel entspricht , oder ob es dem Wachsthum des Ge- 
hirns folgt Es könnte auch sein, dass beide Momente bestimmend wirkten, und dann könnt«,* 
man fragen, welcher Antheii jedem für sich zukäme. 

So lange dieser Punkt nicht gehörig erledigt ist, halte ich mich an die einfache Erfahrung 
und suche nach der besten Methode, solche Differenzen, «iie das Auge auffasst, in Zahlen so 
«leutlich wie möglich auszudrückeu. 

Um zu sehen, was Prof. Krause's Messungsmethode in dieser Beziehung zu leisten ver- 
mag, Wichte ich unter den holländischen Schä«leln aus meiner Sammlung dreierlei aus von 
ziemlich verschiedener Form, Es wurden verglichen zehn Schädel aus der Provinz Zecland, 
ausgegraben auf der Begräbnissstätte eines Dorfes auf dem östlichen Theile der Insel Zuid- 
Beveland. Seit einem Paar Jahrhunderte ist «iie Stätte vom Meer verschlungen worden und 
halien die Schädel also wenigstens das besagte Alter. Sie sind alle brachycephal; einige so- 
gar exquisit Ich bezeichne sie in nachfolgender Tabelle als Z 1, Z 2 etc. Damit vergleiche 
ich einerseits zwei Schädel aus Laugeraar, einem Dörfchen in der Provinz Zuid-Holland, etwas 



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Zur wissenschaftlichen Kraniometrie. 



103 



nordöstlich von Leyden, Schädel von ziemlich abweichender Bildung, die ich nächstens zu be- 
schreiben gedenke. Sie sind »ehr niedrig, doliehocephal. Aus einer Serie von 28 Schädeln, 
die ich suis Geertruidenberg, einem Städtchen im westlichen Theilc der Provinz Nord-Brabant 
erhielt, konnte ich drei heraussuchen, die mehr oder weniger den Langeraar-Typus wiederholten. 
Ich bezeichne die Langeraarer mit L 1 und L 2, die Geertruidenberger mit G 4, G 11 und 
G 24. Endlich nahm ich zum Vergleich einen Schädel, der dem Langeraar-Typns auch nahe 
kommt, aus Kolhoru, einem Dorf im nördlichen Theil der Provinz Nord-Holland, eine Gegend, 
die jetzt noch West-Friesland heisst. Die Gegend wird hewohnt von den mehr oder weniger 
vermischten Abkömmlingen der westlichen Friesen, die fast bis zum Finde des 13. Jahrhun- 
derts in feindlichem Verhältnisse mit ihren südlichen Nachbarn, den eigentlichen Holländern, 
lebten. Der Schädel ist lang , etwas niedrig. Ein zweiter männlicher Friesenschädel , lang, 
ziemlich hoch, stammt aus einem sogenannten Terp in der Provinz Friesland. Der Schädel 
wurde 8 Fass unter dem Boden ausgegraben. Er gehört zu einer Serie von 19 Schädeln, Uber 
die ich näher zu berichten gedenke. Er i*t bezeichnet als F. XVI. 

Zur näheren Erläuterung der Tabelle diene Folgendes, ltar grösste Längendurchmesser 
und der Inialdurchmesser ') wurden so genommen, dass als vorderer Endpunkt der point susorbi- 
taire Broca's diente. Die „ganze Höhe“ und „aufrechte Höhe“ wurden bestimmt wie bei Ecker 
in Urania Germaniao meridionalis occidentalis. Für die Breiten- und Höhen indioes wurde der 



grosse Längendurchmesser = 1000 genommen. Die Maasse 1 bis 22 sind die von Prof. W. 
Krause empfohlenen, um deren Prüfung es sieh handelt. Die übrigen habe ich hinzufügt, 
weil sie mir einiges Interesse zu haben schienen. Und zwar ist 23, den man als Steigungs- 
winkel der Stirn bezeichnen könnte («' in Figur 45), der Gegenwinkel des vorderen Höhen- 
durchmcssers, berechnet aus fl, 2, 1. Der Winkel 24 («") ist der Gegenwinkel der Grundlinie 
(aus 1, 2, fl). Der Winkel 25 (y') giebt an, unter welchem Winkel von der Spitze der 
Sut. lambdoid, aus die Endpunkte des Foramen inagnum gesehen werden (aus 8, 4, 10). Der 
Winkel 2G (y") (aus 10, 4, 8) Ist der Winkel, den die Ebene des Foramen magnunt mit der 
Linie macht, die vom Hinterrande dieses Lochs bis zur Spitze derSutura lainbdoidea gezogen 
wird. Endlich könnte der Wiukel 27, der als Streichungswinkel der Scheitelbeine zu bezeich- 
nen wäre, vielleicht Werth halten bei der Messung von Schädeln, deren Scheitelbeine von der 
Sutura sagittalis ab dachförmig abfallen. 

Bei G Nr. 11 war die Stirnnalit und der grösste Theil der Pfeilnaht, namentlich der vor- 
Fig- 45. dere Theil, ganz verwachsen, so dass die Länge der Stirn- 




sehne und des Stirnbogens nur vermuthet werden konnte, 
wobei das Bestehen einer postcoronalen Quersenkung half. 
Z 1,2 und 3 sind Stirnnahtschädel. 

Beistehende Fig. 45 liefert eine graphische Darstellung der 
Schädelwinkel von Z 1 (schwarze Linien) und L 1 (blaue Li- 
nien). Die gezeichneten Linien betragen ’/, der gefundenen 



Länge. 



*t Inialdurchmeaser 1 1! r oce) . von Mot [Nucken), geht von einem Punkt über der Nasenwurzel (point- 
auo-orbitaire) zur protuberantia occipitalia externa, woselbat der Nacken beginnt. Siehe Bulletin» de la So- 
ciete d'Anthropologie de Paria. Tome IV, 1S03, 8. 5.) und 55. Red. 



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10 + 



Ueber wissenschaftliche Kraniometrie. 





Z Nr. 1. 


Z Nr. 2. 


Z Nr. 3. 


7. Nr. 4. 


Z Nr. 8 . 


Z Nr. 6 . 


Z Nr. 7. 


Z Nr. 8 . 


Gröester Langendureh- 


































messe 


171 




170 


171 




174 




100 


171 




176 


179 


Inialdurchmeaser .... 


169 


170 


170 


168 


159 


170 


175 




179 


Grcwtte Itreit« 


144 t 


141 1 


147 t 


140 t 


142 t 


152 t 


148 t 


152 t 


Ganze Höhe 


133 


125 


129 


135 


128 


128 


132 


136 


Aufrechte Höhe ..... 


138 


143 


135 


143 


134 


139 


138 


148 


1. Grundlinie 


96 


96 


95 


94 


96 


97 


112 


104 


2. Stirnsehne 


106 


101 


103 


110 


103 


109 


103 


113 


8 . Scheitelsehne 


100 


111 


108 


101 


90 


104 


105 


108 


4. Hinterhauptasohn© . . 


91 


90 


87 


95 


98 


91 


95 


97 




5. Stimbogen 


122 


115 


121 




J 2 fi 


118 


123 


122 


132 


6 . Seheitelbogen .... 


114 


126 


118 


111 


99 


117 


119 


120 


7. Hinterhauptsbogen . . 


112 


111 


107 


120 


119 


114 


117 


120 


& Limgendurchmeeserdes 


































Forumen magnuin, . 


44 


39 


36 


88 


36 


36 


39 


86 


;i. .Vorderer Hühendurch- 


































rnesser 


130 


127 


128 


137 


129 


126 


135 


137 


10. Hinterer Höhendurch- 


































measer 


109 


100 


107 


1.4 


108 


107 


115 


113 




R. 


L. 


«. 


L. 


R. 


L. 


R. 


L. 


R. 


L. 


R. 


L. 


R. 


L. 


R. 


L. 


11. Vorderer Seitendurch- 


































meuer 


99 


100 


90 


91 


91 


90 


95 


93 


94 


93 


91 


90 


99 


100 


98 


94 


12. Hintorer Seitendurch- 


































meeser 


79 


80 


69 


70 


83 


80 


82 


82 


75 


77 


72 


70 


84 


79 


80 


79 


18. Vordere Seitensehne . 


87 


88 


97 


97 


91 


93 


f M» 


95 


89 


88 


96 


94 


98 


98 


99 


101 


14. Hintere Seitensehnc . 


Hl 


80 


91 


90 


74 


84 


88 


83 


84 


78 


87 


87 


86 


83 


89 


87 


15. Vorderer Seitenbogen 


99 


100 


110 


110 


114 


115 


110 


113 


103 


101 


114 


113 


116 


116 


118 


118 


16. Hinterer Seitenbogen 


89 


85 


102 


102 




94 


100 


95 


91 


80 


99 


95 


91 


91 


97 


96 


17. Stirn winkel («) ... 


63° 


62« 


62‘/,» 


53« 


52" 


57« 


51« 


54° 


18. Scheitelwinkel (ß) . . 


48 </,° 


57« 


54« 


51» 


48'/,« 


52» 


49« 


50" 


19. Hinterhauptswinkel (y) 


59“ 


65« 


48« 


51» 


04° 


55« 


50« 


65® 


AK Vorderer Seiteuwinkel 


42° 


4#V 


46« 


44° 


43« 


49° 


46« 


47 1 


21. Hinterer Seitenwiukel 


47« 


61° 


47« 


48° 


48'/,» 


54* 


55* 


47° 


22 . . + (1 + y 


159%« 


173« 


154« 


155« 


160° 


164» 


150« 


159« 


23. Steigungswinkel der 






















! 












Stirn (af) 


80* 


80 ü 


« 1 ® 


84« 


81« 


75» 


76« 


78« 


24. <a") 


47 « 


48« 


47« 


43" 


47« 


•18« 


53*/,« 


48° 


26. (/) 


28« 


23“ 


18» 


1 b« 


19« 


19* 


18« 


18* 


26. </') 


98° 


92° 


114» 


110*4* 


!Hi» 


107« 


111 « 


107' 


27. Streichungawinkel der 


































Scheitelbeine .... 


50* 


45» 


45 w 


43« 


IC« 


46* 


47« 


44® 


Dreitenindex 


842 


829 


860 


805 


888 


839 


841 


849 


Höhenindex 


807 


811 


790 


822 


838 


813 


784 


827 



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lieber wissenschaftliche Kraniometrie. 



105 



Z Nr. 9. 


Z Nr. 10. 


Mittlere 

au* 

Z 1 - 10. 


I. 


1. 


L 2. 


G Nr. 4. 


1 

G Nr. 11. ; 


G Nr. 24. 


Kolhorn. 


FNr.XVI. 


175 


169 ‘ 


171.6 


198 


195 


184 


188 


187 


186 


196 


171 


168 


169.9 ! 


184 


175 


170 


169 


165 


176 


194 


149 t 


146 t 


1461 


147 


143 4 


140 4 


138 4 


129 4 


140' 


148 4 


134 


141 


132.1 


127 


127 


120 


123 


126 


117 


136 


142 


149 


140.9 


128 


130 


122 


129 


134 


125 


141 


103 


97 


98 


95 


% 


102 


99 


99 


94 


108 


107 


113 


107.2 


114 


116 


104 


104 (?) 


110 


109 


117 


112 


103 


104.2 | 


117 


115 - 


107 


106 (?) 


112 


112 


112 


93 


104 


94.4 


100 


98 


90 


97 


96 


85 


105 


117 


129 


122.8 


128 


136 


121 


114(9) 


130 


129 


137 


125 


117 


116.6 


134 


127 


120 


122 (?; 


124 


124 


124 


110 


122 


115.2 


123 


125 


111 


139 


117 


108 


187 


41 


36 


38.1 


42 


36 


88 


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34 


88 


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133 


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113 


133 


114 


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858 


661 


743 


734 


761 




734 




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753 


755 


811 


882 


811 


647 




666 


663 


68« 


717 




672 


719 



Archiv f6r Anthro;«olotite B«I. II. lieft I. 



14 



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106 



Zur wissenschaftlichen Kraniometrie. 

Suchen wir jetzt den Werth der Krause'schen Messungsmethodo zu bestimmen und prü- 
fen wir dazu die Hesultate, die er erhielt bei der Vergleichung zweier malayischen Schädel 
mit zweien, die aus einem alten Grabe bei Kloster Ebrach in Bayern stammten und als frän- 
kische Schädel bezeichnet werden. 

Es haben sich in den Krause'schen Zahlen einige Fehler eingeschlichen, die aber auf 
seine Hauptresultate ohne Einfluss sind, von denen wir also weiter Umgang nehmen können. 

Krause fand, „dass das Stirnbein bei den fränkischen Schädeln stärker in der Höho, das 
Scheitelbein stärker in die Länge und Breite, das Hinterhaupt -stärker in die Breite gewach- 
sen ist, als bei den malayischen Schädeln. Auch ist bei den erstgenannten deijenige Winkel 
stumpfer, welchen die Grundlinie mit der Ebene des Fornmen magnum macht. Dies sind die 
einzigen Dillerenzen von Erheblichkeit.“ 

Haben sie aber auch grösseren Werth als die einfachen, schon längst bekannten Verhält- 
nisszahlcn der Länge zur Breite und Höhe f Ich glaube es kaum. Die brachycephalen Ma- 
layenschädel Krause’s ditteriren von den dolichocephaien fränkischen Schädeln (cf. Fig. (iS, 
70, 72, 74, pag. 256 u. 257 L c.) ganz in demselben Sinne, wie meine zeeländischen von den 
übrigen in der Tabelle mitgetheilteu. 

Meiner Tabelle zufolge scheint bei Brachycephalen der Winkel , welchen die Grundlinie 
s mit der Ebene des Foramen magnum macht (a -j- ji -|- y), kleiner zu sein, als bei Duliehoce- 

phalen (= 158“ bei 10 Zeeländischen mit dem mittleren Index ccphalieus 851 und 165“ bei 
den 7 dolichocephaien mit 730). Doch findet sich hier kein einfaches constantes Verhältniss. 
Soz. B. findet man bei G Nr. 4 mit 701 als Index den Winkel 150“, also noch unter dem Mitt- 
leren bei meinen Brachycephalen, das übrigens mit dem der Krause’schen Malayunschädel 
ziemlich genau übereinstimmt. 

Dass das Stirnbein bei den fränkischen Schädeln stärker in die Höhe gewachsen sei als 
hei den malayischen, lässt sich nicht daraus folgern, dass der Winkel k bei den ersteren grösser 
als l>ei den letztcrisi. Die beiden Langeraarer sind sonderlich niedrig und namentlich die Stirn 
ist nichts weuiger als hoch zu nennen. Doch ist « bei L 1 = 04'/ s “, bei L 2 = 63® (höher 
als bei den l'räukischen Schädeln) , während hingegen bei den zeeländischen Schädeln mit im 
Ganzen hoher Stirn o = 53“ ziemlich gleich 52° bei den Malayenschädeln. Besser lässt sich 
die Höhe der Stirn bestimmen aus dem vordem Höheudurchmosser (9). Auf den Winkel « 
haben ja auch Einfluss die Länge der Grundlinie und die Länge der Stimsehne. Die Kürze 
der letztem Linie macht es z. B,, dass die niedrigen G 4 und G 1 1 ziemlich denselben Winkel 
« haben , als der eher höbe F. XVI. Zur Bestimmung der Stirnhöhe scheint mir der Win- 
kel a’’ (23), cf. Figur 45, grossem Werth zu haben. Er erreicht im Mittel bei den Zeeländern 
SO“, bei den übrigen im Mittel 09“. Bei Krause’s Malayenschädeln ist dieser Winkel, wenn 
wir seine Angaben der Liliienmaassc als richtig arischen, = 85“ und 82°, bei den beiden frän- 
kischen Schädeln = 75“. 

Die iin Ganzen geringen Schwankungen der Grundlinie machen, dass auch der Winkel «" 
(24) ziemlich coustant ist. In Z Nr. 7 und F. XVI wurde die besondere Grösse des Winkels 
bedingt durch die Grösse der Grandlinie. 

Der Scheitelwinkel ist l>ci meinen Brachycephalen kleiner als bei deu Dolichocephaien, 
ganz so wie bei deu Malayen gegenüber deu fränkischen Schädeln. Die grössere Länge 



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Zur wissenschaftlichen Kraniometrie. 107 

der Scheitclsehne bei den Dnlichocephalcn wird wohl die Hauptursache dieses Unterschie- 
des sein. 

Der vordere und der hintere Seitenwinkel scheint mir kaum etwas Charakteristisches 
darznbieten. 

Der Hinterhauptswinkel ist bei den Brachycephalen ziemlich viel grösser als bei den Do- 
lichocephalen , ganz wie Krause dies auch für seine Malayen- und fränkischen Schädel an- 
giebt. Weil nun « -(- ß 4- y bei den Dnlichocephalen grösser als bei den Brachycephalen, 
der Winkel y aber bei letzteren grosser ist als bei ersteren, so folgt daraus, dass « -j- ß um 
einen ziemlichen Werth grösser ist bei Dolichocephalen als bei Brachycephalen (11 7 — 103=14). 
Dies hängt wohl damit zusammen , «lass in der Regel die Spitze der Sutura lambdoidea bei 
letzteren höher am Hinterhaupt aufsteigt als bei ersteren. 

Auch der Winkel 2(i (y") = Winkel, den die Hinterhauptssehno mit der Ebene des Fora- 
men magnum bildet, scheint beachtenswerth. Bei den Zoeländern ist er im Mittel = 105*, 
bei Laugeraar 1 und L 2 = 123° und 122°. Hier gilt freilieh auch die eben bei der Betrach- 
tung der Winkel « + ß gemachte Bemerkung, so dass man wohl etwa dasselbe erreichen 
könnte, wenn man nur die relative Höhe angäbe, bis zu der die Spitze des Hinterhaupts 
ansteigt. 

Der Winkel ■/ scheint wenig zu lehren. Den Werth des Winkels 27 = Streichungswin- 
kel der Scheitelbeine, dem ein hinterer Streichungswinkel an die Seite zu setzen wäre ("als 
Gegenwinkel des hintern Höhendurchmessers) , vermag ich nicht zu prüfen, weil ich keine 
dachförmig abfallenden Schädel in meinem Besitze habe. 

Was mich bei den nach Krause gemachten Messungen am meisten frappirte war der 
Umstand, dass bei den Brachycephalen der vordere Höheudurehmesser um etwa 22 Milliin. 
grösser war als der hintere. Bei L 1 war umgekehrt der hintere Höhendurehmesser um 12 
Millim. grösser, bei L 2 nur 1 Millim. kleiner und bei den anderen im Mittel nur ß Millim. 
kleiner. 

Diese Lincarmaasse verdienen also, wie es mir scheint, neben den Angaben der „ganzen 
Höhe“ und „aufrechten Höhe“ Beachtung. 

Uebrigens scheint mir Krause's Messungsmethode, die jedenfalls mehr Zeitaufwand er- 
fordert, als die gewöhnlichen Messungen, nicht mehr zu lehren, als was wir schon wussten 
durch die Messung der Läng^, Breite und Höhe ( und durch das gegenseitige Verhältnis» die- 
ser Zahlen. 

Eines erlaube ich mir noch mit Hinweisung auf die Tabelle zu bemerken, dass der Inial- 
durehmesser ein sehr zu beachtendes Maass ist. Bei niedrigen Schädeln (L 1, L 2, G 4, G 11, 
G 24) scheint er viel mehr vom grössten Längendurchmesser zu ditTeriren (11 — 24 Millim.), 
als bei höher gewachsenen Schädeln (den hraehycephulen Zeeländem und dem dolichocepha- 
len F. XVI). 



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VI. 



Kleinere Mittheilungen. 



1. G. Duncan Gibb. Die Verschiedenheiten des 
Kehlkopfs beim Neger und beim Weisfee n. (Es- 
sential points of Differenz betwecn tbo Laryux 
of the Negro and tliat of the White man.) Me- 
moire read betöre the Ajathropological society 
of London. Vol. 11. 1865 '66. London lHßli. 

Es ist insbesondere der Kehlkopfspiegel, der 
zu- genauerer Untersuchung eines jeden Theils des 
Kehlkopfs und dadurch auch zur Wahrnehmung der 
in Hede stehenden Verschiedenheiten geführt hat. 

Zunächst ist es nach dem V erf. das constaute 



Vorhandensein und die Grösse der Wrisberg*- 
schon Knorpel, was dem Kehlkopfspiegel bilde 
des Negers gegenüber dem dee Woisscu etwas 
Eigenthümliches verleiht Diese sogeuannteu Wris- 
berg’schen Knorpel sind bekanutlich in der Mitte 
der plica ary-epiglottiea gelegene Drüsen) läufdben, 
die einen nicht coustant vorhandenen Knorpelstrei- 
feil (cartilago cuneiformis Heule) ein&chliessen und 
die Schleimhaut hügelfönnig erheben. Der Verf. 
giebt an, dass er unter circa B00 Personen weiseer 
Raee, die er laryngoskopifech untersuchte, diese 




Laryngoskop) sehe Ansicht- des Kehlkopfeingangs. 



Fig. 46. A. Vom Weisaen. Fig. 4t*. H. Vom Neger, 
a Stirn ml »ander; b (»iet-sbeckenknorpp]; c Wrisbergiscber 
Knorpel: d Kehldeckel: e Eingang in die Morgaghi*ohon 
Taschen. 



hügelförmigen Erhebungen mir ein paarmal (4 
bis 5 Mal) gesehen und auch bei anatomischen 
Untersuchungen die sogenannte« Wrifeborg scheu 
Knorpel häufig ganz vorm isst habe. Reim Neger 
zeige dagegen der Kehlkopfsspiegel die besproche- 
nen Schleimhauthügel ausnahmslos und zwar sol- 
len sie kleinen Fettmassen von der Grösse einer 
kleinen Erbse, oder noch besser kleinen, reifen, 
dem Aufbrach nahen Abceasen gleichen, die in der 
plica ary-epiglottica, ziemlich in der Mitte zwi- 
schen Kehldeckel- und Giosabeckenknorpel, gela- 
gert sind. Fig. 46. der beigefügteu Abbildungen 
zeigt dag Spiegelbild des Keblkopfeingang«, A. 
vom Weisscn, B. vom Neger. Ein weiterer Unter- 
echied ist in der Richtung der oberen Fläche der 
Stimmbänder und in der Lage der Morgagni’fechon 
Ventrikel begründet. Bei demWeUse« liegt der 
Boden dieser in einer Ebene mit der oberen 



i 



Frontaler Durchschnitt des Kehlkopfes. 




Fig. 47. A. Vom Weissen. Fig. 47. B. Vom Neger, 
a Stimmbänder; b Morgagnische Taschen. 



horizontalen Fläche der Stimmbänder. Die 
Ventrikel selbst liegen daher ganz über dieser 
Ebene und nach aussen von den Stimmbändern, 
so da** es nicht möglich ist, mit dem Kehlkopfs- 
spiegel in sie hineinzusehen. Bei dem Neger 
bildet die obere Fläche der Stimmbänder eine 
lateral warte »chrag abfallende Fläche, d. h. der 
freie mediale Rand derselben liegt beträchtlich 
höher als der befestigte laterale und die Ta- 
ndbci) sind lateral- und ab wärt« gerichtet. Man 
kann daher durch die lange und schmale Oeff* 
nung der Ventrikel ganz iu diese hineinsehen. 

(Fig. 46 B. e.) 

In Fig. 47. ist ein frontaler Durchschnitt * 

des Kehlkopfs, A. vom W ei säen, B. vom Neger 
gezeichnet, der die Verhältnisse besser als jede 
Beschreibung erläutert. 

Verf. erinnert ferner daran, dass die WriB- 
berg’Bthen Knorpel (cartil. euneiformeg Heule) 
bei den Affen stet* ziemlich beträchtlich ent- 
wickelt sind. 

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110 Kleinere Mittheilungen. 

£. Erwiderung 

auf das oben (Seite 17) mitgetkeilte Schreiben von J. B. Davis. 
Von A. Ecker. 



Verebrtestcr Herr! 

Es war mir von grossem Interesse, aus Ihrem 
Schreiben zu erfahren, dass ein dem fränkischen 
von Niederolm ganz ähnlicher Schädel auch in 
einem angelsächsischen Kirchhof gefunden wurde 
oder vielmehr, dass der in den Cran. Britannica, 
als durch „posthum ous distortion“ raissstaltet, be- 
schriebene und ahgehildete Schädel von Ilurnbam 
ein makrocephaler ist und ich bin mit Ihnen der 
Ansicht, dass fürderhin von der Verknüpfung die- 
ser Schädel form ausschliesslich mit einer bestimm- 
ten Nationalität keine Hede mehr sein kann. In 
Betreff des zweiten Theila Ihres Schreibens, welcher 
meine Anschauungen über die weibliche Schädel- 
form einer Kritik unterzieht, gestatten Sie mir wohl 
eine kleine Rechtfertigung. Sie führen in Ihrem 
Briefe zwei Stellen aus meinem Aufsatze wörtlich 
an. Die erstere (Archiv I. S. 84, Anm. 3) lautet: 
„Eine Anzahl der von Davis und Thurnain 
als platycephale bezeichnten Schädel sind 
offenbar weibliche/ 4 die zweite (ibid. S. 86 
oben): „den anf Tafel 36 abgebildeten Rö- 
merschädel möchte ich für einen weibli- 
chen halten. 44 Sie finden, dass zwischen dem er- 
steren mehr allgemein gehaltenen Satz, der" von 
mehreren Schädeln spricht, die jene Form darbie- 
ten, welche ich für die weibliche halte, und dem 
letzteren, der dann doch nur einen Schädel epeciell 
namhaft mache, ein etwas auffallender Widerspruch 
bestehe. Zu meiner Rechtfertigung erlaube ich 
mir die zweite Stelle (S. 86) hier vollständig anzu- 
führen. Sie lautet: „Ferner findet sich ein 
Schudel dieser Form abgebildet bei Davis 
und Thurnain cran. britann. Taf. 30 (alte 
Römerin); auch den auf Tafel 36 ahgabil- 
deten Römerschädel mochte ich für einen 
weiblichen halten; weniger deutlich ist der 
weibliche Charakter an dem weiblichen 
Schädel aus einem angelsächsischen Grabe 
von Long Witten ham (Taf. 47).“ Wie hieraus 
erhellt, ist also in dem zweiten Satze nicht nur von 
einem, sondern von drei Schädeln die Rede, und 
ferner heisst es im ersten Satze nicht: „Eine An- 
zahl der etc. als platycephale bezcichueten männ- 
lichen Schädel sind weibliche/ 4 sondern nur: 
„Eine Anzahl der als platycephale bezeichneten 
Schädel.“ Ich war also weit davon entfernt zu 
behaupten, dass Sie irrthümlicher Weise lauter 



weibliche Schädel als männliche Platycephalen be- 
zeichnet hätten, wie Sie zu meinem grossen Be- 
dauern nuzuuehmcu scheinen, sondern ich hatte 
nur den Charakter der Platycephalie statt für einen 
nationalen für einen Geschlechtscharakter angespro- 
chen und als Beweis für mich drei Ihrer Schädel 
angeführt, worunter zwei von Ihnen selbst als 
weiblich erklärte. Ich stimme übrigens vollkom- 
men mit Ihnen überein, dass es in vielen Fällen 
sehr schwer, in manchen unmöglich ist, das Ge- 
schlecht zu bestimmen, welchem ein Schädel ange- 
hört, und es ist mir auch nicht entfernt in den 
Sinn gekommen , behaupten zu wollen , dass die 
von mir namhaft gemachten Charaktere ein un- 
trügliches Kennzeichen des weiblichen Geschlechts 
seien , ich habe in dem oben citirteu Aufsatze 
vielmehr ausdrücklich beigefügt: „Dass wir die- 
sen weiblichen Typus nicht an jedwedem 
Kopfe gle ich in ässi gausgebildet finden, darf 
uns ebensowenig wundern, als dass wir z. B. 
nicht an jeder männlichen Figur den ex- 
quisit männlichen Habitus wahrnehmen“ 
Sie lassen schliesslich eine wohlmeinende Mahnung 
zur Vorsicht bei Diagnose des Geschlechts von 
Schädeln an mich ergehen , eine Mahnung, der ich 
um so lieber vollkommen beipflichte, als ich mir sie 
stets selbst zugerufun , die ich aber, nach einer 
andern Seite hin, auch .zu erwidern mir erlauben 
möchte. Der „römische“ Schädel scheint mir 
nachgerade fast ebenso vielgestaltig und fabelhaft 
geworden zu sein als der „celtische“, und ich 
bin der Meinung, dass eine nicht mindere Vorsicht 
als bei der Diagnose des Geschlecht» auch bei der 
Diagnose der Nationalität, insbesondere der rö- 
mischen, anzu wenden sei, denn was mit den römi- 
schen Heerschaaren zog, war von sehr mannigfalti- 
ger Abkunft. Dass die Schädel, die ich in dem 
in Rede stehenden Aufsatz als weibliche abgebildet 
habe, in der That Weibern angehört haben, ist 
sicher; dass aber z. B die Schwarzwälderin , deren 
»ehr charakteristischer Schädel in Fig. 27 daselbst 
dargestellt ist, römischen Ursprung« sei, möchte 
doch wohl nicht leicht zu beweisen sein. 

Genehmigen Sie etc. 

Freiburg, 1. März 1867. 

Ihr gauz ergebenster 
A. Ecker* 



3. Internationaler Congress für Anthropologie und vorhistorische Archäologie. 



Dieser Congrcss, der im Jahre 1865 in Spez- 
zia, im Jahre 1866 in Neuehätel zusammen trat, 
wird, wie wir schon früher (Bd. I, S. 399) ange- 
kündigt, in diesem Jahre vom 17. bis 30. August 
sich in Paris versammeln. 

Aus dem Programme heben wir nunmehr 
Folgendes hervor: Jedermann, der sich für den 
Fortschritt der Wissenschaften interessirt, kann bei- 



treton, wenn er den Gesellscliaftsbeitrag von 10 
Francs entrichtet. Die Quittung des Caseirera giebt 
das Anrecht auf die Karte eine» Congressmitglieds 
und auf alle Puhlicationen. Die zur Theilnnhme 
Lufttragenden sind ersucht, sich so bald als mög- 
lich unter Beischluss obengenanntem Betrags beim 
Cassirer Herrn M. E, Collomb (rue de Madame 26) 
zu melden. Karten und Programme werden vom 




Kleinere Mitthfcilungen. 



10. bi» 16. August beim Secretair Herrn M. G. de 

Mortillet rue de Vaugirard 35) abgegeben. 

Die zur Diacussion auf die Tagesordnung ge- 
setzten Fragen sind die folgenden: 

1) Für Sonntag den 18. August. 

Unter welchen geologischen Verhältnissen und 
inmitten welcher Flora und Fauna hat mau in 
den verschiedenen Gegenden unserer Erde die 
ältesten Spuren de« Menschen aufgefunden? 

Welches sind die Veränderungen, die seitdem 
in der Vertheilung von Land und Wasser statt- 
gefunden haben können? 

2) Für Dienstag den 20. August 

War das Bewohnen der Höhlen allgemein? 
Gehören die Höhlenbewohner einer und der- 
selben Raye und einer und derselben Epoche 
an? "Wenn nicht , welche Abtheilungen lassen 
«ich machen und welche« sind deren wesentlich« 
Charaktere ? 

3) Für Donnerstag den 22. August. 

Sind die megalitliischeu Monumente einer Be- 
völkerung zuzuschreiben, welche Bocoessive ver- 
schiedene Gegenden bewohnt hat? Wenn dem eo 
ist, welches war der W eg, den dieselbe genommen? 

Welches waren ihre allmäligen Fortschritte 
in Kunst und Industrie? Endlich welche Be- 
ziehungen lassen «ich denken zwischen dieser 
und der Bevölkerung der Pfahlbauten, deren 
Industrie eine analoge ist? 

4) Für Sonnabend den 24. August. 

Ist die Erscheinung der Bronze im Abend- 
land zu betrachten als das Product einer ein- 
heimischen Industrie, oder als die Folge einer 
gewaltsamen Eroberung, oder aber ab da« Re- 
sultat neuer Handelsverbindungen? 



111 

ö) Für Montag den 26. August. 

Welche« sind die hauptsächlichsten Charak- 
tere der frühesten Eisenzeit in den verschie- 
denen Gegenden Europas ? Fällt diese Epoche 
in die vorhistorische Zeit? 

6) Für Mittwoch den 28. August. 

Was woiss man über die anatomischen Cha- 
raktero des Menschen in der vorhistorischen 
Periode von den ältesten Zeiten bis zum Auf- 
treten des Eisens? Lässt sich, insbesondere im 
westlichen Europa , die Aufeinanderfolge meh- 
rerer Rayen nach weisen und sind diese zu cha- 
rakterisiren ? 

Die übrigen Sitzungen sind für die Discussion 
von Fragen, die Mitglieder selbst aufstellen wollen, 
freigelassen : von solchen ist dem Secretär vor dem 
10. August Mittheilung zu machen. Die Mitglie- 
der, welche im Besitz von Gegenständen sind, 
welche zur Aufklärung einer Frage dienen können, 
sind dringend ersucht , wenn auch nicht die Origi- 
nale, so doch wenigstens Abgüsse und Zeichnungen 
mitzutheilen. Diese« Ersuchen wird ganz insbeson- 
dere in Betreff menschlicher Ueberrwte gestellt. 

Zu gleicher Zeit , wie dieser anthropologische, 
wird »ich, wie wir hören, auch ein internationaler 
medicinischor Congres« in Pari» versammeln, 
in welchem ebenfalls einige Fragen auf der Tagesord- 
nung stehen, die theilweise in das Gebiet der Anthro- 
pologie gehören. Die eine derselben ist die nach dem 
Einfluss von Klima, Ray« und den verschie- 
denen Lebensverhältnissen auf die Men- 
struation in verschiedenen Gegenden, wah- 
rem! die andere die Acclimatisation der euro- 
päischen Rayen (nicht Individuen) in heUsen 
Ländern zum Gegenstände hat. 



4. Bernsteinfund bei Namslau in Schlesien. 



In der Schlesischen Gesellschaft für vaterlän- 
disch« Cultur (botanische Section, Sitzung vom 7. 
December 1866) hielt Herr Geh. Medici nalralh 
Göppert folgenden Vortrag über einen eigen- 
tümlichen Bernfeteinfund bei Namslau in 
Schlesien : 

Bernstein wird in Schlesien, wie schon oft er- 
wähnt, seit Jahrhunderten häufig, aber meistens nur 
vereinzelt, gefunden. An 120 Fundorte habe ich 
notirt, 5 gehören dem Areal von Breslau selbst an, 
mehr als ein Dritthsil den auf dem rechten Oder- 
ufer gelegenen Kreisen von Namslau, Gels und 
Trebnitz. Pfundscbwere Stücke sind nicht «eiten; 
da« größte, ein fipfündiges Stück mit einem tiefen, 
einen Wurzelabdiuek zeigenden Einschnitt, kam 
vor 12 Jahren in der Oder bei Roscnthal. unfern 
Breslau, vor, ein andere« von 21 Loth in der Stadt- 
ziegelei bei Schweidnitz, von Va Pfund Gewicht 
2 Fass tief in lehmigem Boden bei Sprottuu u. m. n. 

Vor einigen Wochen enthielten unsere Tage- 
blätter eine Notiz über Vorkommen von Bernstein 
bei Namslau. l>a es von grossem Interesse ist, die 
Lagerung» Verhältnisse desselben genau zu kennen, 
ob eie der Geschieh«- oder der tieferen blauen Let- 
ten- oder Braunkohlenformation angehören , so bat 
ich einen sachkundigen Freund und Collegen, Herrn 



Kreis- Physikus Dr. Lariech in XamsDu, um nä- 
here Auskunft und erstaunte nicht wenig, darüber 
Folgende» zu vernehmen: 

* Die Fundstätte liege etwa 300 Schritte west- 
lich von Hennersdorf, zwei Meilen nordöstlich von 
Namslau, Hennersdorf seihet auf einer massigen 
Erhebung, die von Schalegur bis Wellendorf in 
der Richtung von Norden nach Süden ein Plateau 
bilde, welche« östlich vielfach von Waldungen mit 
einzelnen kleinen Höhenzügen begrenzt werde. Der 
Oberboden sei durchweg sandig, der Unterboden 
lehmig mit vielen Rollsteinen. An einer kleinen 
Lehne, die «ich nach Westen zu einer Wasserfurche 
herabsenke, habe ein Arbeiter, Namens Kühnei 
ans Polkowitz, beim Steinesuchen zunächst Heiden- 
gräber von 4 bi« 8 Fu»s Durchmesser entdeckt, 5 bis 
15 Fns« von einander entfernt, 1 Fuss tief in san- 
digem Boden. Die Asche, Knochen und einzelne 
bronzene Gerüthschaftcn enthaltenden Urnen hätten 
unter einer 5 Fus* hohen R<d]«teimchtcht gelegen, 
eine in den kleineren Gräbern, zwei in den grös- 
seren. Von den kleinen seien 10, von den grösse- 
ren 3 vorhanden. In einem solchen grösseren Grabe, 
zwischen den beiden, 3 Fuss von einander entfern- 
ten Urnen, von mauerartig gesetzten Steinen ge- 
deckt — also hingelegt — habe man Bern- 



112 Kleinere Mittheilungeo. 



stein iu der ungefähren Menge von mindestens 
8 Mutzen gefunden. Den hei weitem grössten Theil 
desselben habe der Bernsteinwaarunfabrikant Herr 
Winterfeld in Breslau gekauft. Bernstein sei 
übrigens schon oft, zuweilen in Stücken von hohem 
Werth, in der Umgegend von Xamslau, wie bei 
Ximmersdorf, Kaukau u. s. w. vorgekommen, aber 
stets im Sande, unter welchem übrigens, namentlich 
an genannten Orten, auch bläulicher Letten und 
Mergel lagere.“ 

Herr Winterfeld, in weiten Kreisen als 
Bernstein wiiArenfabrikant bekannt, hatte in der 
That von daher nicht weniger als 120 l'fund ge- 
kauft. Der grösste Theil bestaud aus kleineren 
Stücken, nur ein paar 8- bis lOlöthige befanden 
sich darunter und alle waren, wohl in Folge der 
oberflächlichen l*agp, mit einer oft tief bis ins 
Innere gehenden Verwitterung* kruste bedeckt, oder 
zeigten den Charakter des Erdbernateins , der »ich 
eben durch diese Kruste von dem mit glatter Ober- 
fläche versehenen frischen Seebernstein unterschei- 
det. An den umfangreicheren bemerkte man die 
Eindrücke von Wurzeln, Steinen; die zahlreichen 
platten förmigen stammen aus dem Innern der Bäume, 
die meisten von ihrer Kinde, insbesondere die con- 
centrisch schaligen , welche den zu verschiedenen 
Zeiten erfolgten Ausfluss des Harzes bezeugen. 
Spuren von Bearbeitung Hessen sich an 
keinem einzigen Stücke wahrnehmen. 

Eine Quantität Rollsteine, Gneis, Syenit, Gra- 
nit mit prächtigem, rothem Feldspath, also nor- 
dische Geschiebe, sah ich auch noch unter dem 
Bernstein als Zeugen der oberflächlichen Lage. Die 
ganze Quantität des vorhanden gewesenen Bern- 
steins vermag man mit Genauigkeit nicht mehr zu 
ermitteln. Notorisch war schon viel verschleppt 
worden, ehe Herr Winterfeld seine Ankäufe 
machte, und bei dem Herausuehmen selbst war man 
auch überhaupt nur mit geringer Sorgfalt zu Werke 
gegangen, da Herr Dr. Larisch, der auf mein 
Ersuchen sich abermals an Ort und Stelle begab, 
beim Oeffueu der inzwischen zugeschütteten Grab- 
stätte noch 1 l /j Massel Bernstein zu sammeln Ge- 
legenheit hatte. 

Dies« jedenfalls höchst bedeutende Quan- 
tität und die ganze Beschaffenheit der Fuudstätte 
spricht nun, wie sich von selbst versteht, nicht für 
eine ursprüngliche oder natürliche, sondern 
nur für eine künstliche oder eine absichtlich 
veranlasst# Ablagerung, deren Ursprung zu erfor- 
schen nicht mehr in das Gebiet der Paläontologie, 
sondern in daa der Urgeschichte gehört, der wir 
es hiermit zur weiteren Beachtung übergeben. Sie 
möge ermitteln, ob man damit eine Huldigung des 
Verstorbenen bezweckte, wiewohl man hierzu, so 
viel ich wenigstens weis«, nur Kunstproducte aus 
Bernstein, nicht Rohbernstein verwendete, oder 
feststellen, ob wir nicht vielleicht das in Verges- 
senheit gerathena Lager eines Händlers der Vorzeit 
vor uus sehen. Jedenfalls spricht dieser ungewöhn- 
liche, vielleicht bisher noch nirgends gemachte Fund 
für die ungemeine Ausdehnung dp» damaligen Ver- 



kehr« mit diesem interessanten Fossil, und vielleicht 
auch für die Wahrscheinlichkeit eines Landweges 
oder Karavanenzugee, der «ich einst von der Donau 
aus durch dos Waagthal oder Oberungarn nach 
Männert 1 s, Kruse’s u. A. Angaben durch diese 
Gegenden bis zur Weichsel und Ostsee bewegt«. 
Dass die Römer sehr viel Bernstein auf dem Land- 
wege bezogen, geht unter Anderem auch aus Pli- 
ni us hervor, der sich überhaupt auch über den 
Ursprung des Bernsteins ebenso verständig wie 
über viele andere naturhistorische Gegenstände aus- 
spricht. Plinius erzählt von einem von Nero 
nach der Bern steiuküste geschickten römischen Rit- 
ter, der eine sehr bedeutende Menge Bernstein 
mitgebracht habe. Die Reise sei von der Donau 
und Pannonien Ausgegangon, wo schon lange Han- 
del und Zwischenhandel mit Bernstein getrieben 
worden sei. Ob das angeblich häufige Vorkommen 
von Münzen von Nero in Prcussen mit jenen Rei- 
geu in Verbindung stehe, wie Einige meinen, las^e 
ich, wie billig, dahin gestellt Rein. Uebrigena 
schenkte das ganze Atterthum dem Bernstein von 
seiner Entdeckung durch die Phönizier au fort- 
dauernd das regste Interesse. Thaies von Milet 
kennt ihn und mehrere seiner merkwürdigen Eigen- 
schaften , desgleichen Plato, Hcrodot, Aristo- 
teles, Theophrast, Dioscoridos, Diodor von 
Sicilien, Tacitus, Virgil, Ovid; Martial 
feierte ihn durch Epigramme u. s. w. 

Somit schiene dem Bernsteinhaudul ein fast 
zweitausendjähriges Alter vor Christi Geburt ge- 
sichert. Könnte man nun nicht hieraus, da unsere 
sämmtiiehen schlesischen bis jetzt bekannten Hei- 
dengräber vorzugsweise nur Brouzewuaren enthal- 
ten, und unser Hernsteinfund doch jedenfalls mit 
ihnen in innigster Beziehung Bteht, nicht auch einen 
Schluss auf die Zeit der freilich überhaupt schwer 
zu begrenzenden Bronzeperiode ziehen, «welche dann 
in jenen Zeitraum fallen und nicht so alt' sein 
dürfte, als man gewöhnlich annimmt V Das überall 
erwacht« Interesse für Untersuchungen dieser Art 
wird auch wohl hier einst zu sicheren Resultaten 
führen , welche wir auch von unseren historischen 
Vereinen erwarten dürfen, die sich bereits eifrig 
mit dem schlesischen Heidenthum beschäftigen. 

Nachdem das Vorstehende bereits gesetzt war. 
finde ich noch in einer im Jahre 1748 erschiene- 
nen merkwürdigen Abhandlung „über den Bern- 
steinhandul in Preussttn vor der Kreuz- 
herren Ankunft“ einen Brief des berühmten ita- 
lienischen Botanikers Paul Boccone, vom Jahre 
1667 ohne weitere Nachweisung citirt, in welchem 
er uralte Begräbnisse in Steinsiirgen um 
Ancona, einer alten siciliatiischen Colonie be- 
schreibt. In einem Bolcheu habe man in der 
Gegend des Halses und der Brust der ver- 
weseten Leichen angereihete Corallen 
von Bernstein gefunden, so gross als ein 
Ei, und in solcher Menge, dass mau da- 
mit wohl hätte einen Scheffel an füllen 
können. Ich werde mich bemühen, das Original 
dieser literarischen Angabe aulzn*uchon. 



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VIL 

Verzeichntes der anthropologischen Literatur*). 



L 

Urgeschichte. 

(Von C. Vogt.) 



Amerika. 



O. C. Marsh. Deecription of an ancient Bcpul- 
chral inound near No war k (Uhio). — American 
Journal of Science and arts, VoL 42, July 1866. 
Separatabdruck, 11S. 

Indianischer alter Grabhügel, mit mehreren, übereinan- 



der gelagerten äkeletschichten in der Aufschüttung und 
einem in der Erde ausgehöhlten Grabe. Bei den obersten: 
KiuderktMK-ben, ein Halsband von Kupferperlen, darunter 
nur Stein * und Horwnat rum eilte nebst Knochen von noch 
in Ohio lebendeu Thiereu . munentlich Hirschen , vom 
schwarzen Dir, Präriewolf u. a. vr. 



Belgien. 



H. de Hon. L/homme fossile cu Europe, son in- 
duptrie, see moeurs, ses q^uvrea d’art Bruxelles 
et Paris, 360 S. mit 80 Holzschnitten. 

Brauchbare Zusammenstellung. Der Verfasser behandelt 
die jüngst« Tertiärzeit (8t. Brest), die Eisperivde , di« 
Epoche des Mammuth, de» Krnnthiem, der geschliffenen 
Sternwarten, die Bronze- und Eisenzeit. Wie eigentlich 
zu dieser Uebendeht , die indeuen tust zu viel Hypotheti- 
sche* enthält, zwei Abhandlungen über die periodischen 
Veränderungen der Meere und eine l’ebcrsetzung de» Ar- 
tikels von Omboni in Mailand über die Darwinsche 
Theorie kommen, ist nicht ganz klar zu ersehen. 

G. Lisch. Sur la periode postdiluviale et sur lo 
Renne dana le Mecklembourg. — Bullet. Acad. 
Belgique, Seance du 3 Fevr. 1866, 2 d# surie, 
Vol. 21, pag. 136—139. 



Hennthierknochen in den Torfmooren. — Dieselben kom- 
men weder in den mecklenburgischen Pfahlbauten noch in 
den Gräbern vor, sind also älter, aber jünger al* die 
Schichten mit Mammuthknochen. 

Malaise. Sur les silex ouvres k Spieunes. — Bul- 
let. Acad. Belgique, ser. 2, vol. 21, pag. 154 — 
164, 3 planches. — de Köninck, van Beneden, 
Dewalque Bericht darüber. Ibid., vol. 22, pag. 4 
— 11 . 

Verschiedene Meinungen über das Alter der Mergel- 
•chicht, worin die rohen Steinäxte gefunden wurden und 
welche die Einen dem Mammuth paralleliairen, die Anderen 
für später erklären. 



*) Alle Schriften, bei dctieu keine Jahreszahl angegeben Ist, sind au» dem laufenden Jahre 1867. 

Archiv für Anthropologin. BU. II, Heft 1. 15 



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114 



Verzeichnis der anthropologischen Literatur. 



Deutschland. 



Alter, Das Stein-, das Bronze- und das Eisen- der 
Archäologie. (Carinthia 1866, $. 330 — 342.) 

Fraas, Dr. O. Die Ausgrabungen zu Schuasen- 
ried. (Staatsanzeiger für Würtemberg. 1866, 
Nr. 249. 250.) 

Fraaa, Dr. O. Die Schussenquelle und ihre älte- 
sten Anwohner. (Augsb. Allg. Zeitung 1366, 
Beilage, Nr. 341, 342. 343.) 

Fraas, Dr. O. Die neuesten Erlunde an der 
Schussenquclle bei Schussenried im September 
1866. (Würtembergifche naturwissenschaftlicho 
Jahreshefte 1867, 1 Heft mit 1 Talcl, Separat- 
abdruck.) 

Heer, Oswald. Die Pflanzen der Pfahlbauten. 
Zürich 1866, 4°. 54 S. 

Siebe hierüber eine kurze Anzeige in Biblioth^que uni- 
verselle 1866, T. XXV, |M|. 633. 

Koner, Wilhelm. Cromlechs in der Präsident- 
schaft Madras (9 Zeilen). (Zeitschr. der Gesell- 
schaft für Erdkunde, Berlin 1866, Bd. I, S. 356 
—357.) 

Messikommor. Die Form und Grösse der Pfahl- 
bauten. — Ausland, Nr. 9, 1867. 

Vortreffliche , mit Holzschnitten versehene Auseinander- 
setzung der Art und Weise, wie die Hütten auf den Pfahl- 
bauten construirt waren. 

Pfahlbauten. Die altschweizerischen. (Gaea 1866, 
S. 124.) 

H. SchaaflfhauHon. Geber die Rennthierzeit, über 
makrokephnle Schädel und eine alte Grabstätte 
bei Uelde. (Verhandlungen dos naturhistorischen 
Vereine der preuss. Rheinlande und Weetphalens, 
1866.) 

Io Bezug auf die von Kartet aufgestelltcn Thieralter 
der quaternären Zeit wird bemerkt , dass man sich hüten 
müsse, nun den in gewinsen Gegenden gemachten Beob- 
achtungen allgemeine Schlüsse zu ziehen. Wie heute wer- 
deu in der Vorwelt in verschiedenen Gegenden zu gleicher 
Zeit verschiedene Tliiere gelebt haben. Auch verlangte 
die Ordnung io der Natur, dnss neben den grossen Pflan- 
zenfressern gewaltige Kaubthiere lebten. Die durch die 
Knude in Südfrankreich viel besprochene Rennthienelt 
mag in eine ferne Periode zurückreichen, wiewohl die der- 
selben Zeit Angehörigen Schädel von Frontal keine we- 
sentlichen Kennzeichen primitiver Bildung haben; histo- 
rische Zeugnisse sprechen aber dafür, «ln*» das Rennthier, 
als die Römer nach Deutschland kamen, hier noch gelebt 
hat. Wichtiger als die Angabe Cäsar’ s, das* das Rennthier 
sich im hercynischen Walde linde , ist die Stelle de bello Gal- 
lico VI, 21 , dass die deutschen Jünglinge und Mädchen nur mit 



Thierfellen und kleinen Rennthier häuten bekleidet seien. Auch 
hei Sallust. Hist. Fragm. III, 57 heisst es : Germani intectum 
renonibus corpus tegunt. Die von Kartet bekannt ge- 
machte auf Elfenbein geritzte Figur eines Mammuth be- 
weist das Zusammenleben de* Menschen mit diesem Thiere, 
die zahlreichen Scbnitxwerke auf Rennthierhorn und Kno- 
chen aber, die Kartet und Christ v im Departement 
der Dordogne gesammelt, geben wegen der mit so grosser 
Naturwahrheit und zuweilen mit Kunstgeechmack aasge- 
führten Darstellungen der Vermuthung Raum , oh nicht 
phünizische oder griechische Colonieen an der Kürte des 
Mittelmeer* auf die Arbeiten dieser Wilden einen Einfluss 
gehabt haben können , mit welcher Annahme das bisher 
so hoch geschätzte Alter dieser Gegenstände und der Kenn* 
thienreit überhaupt uns viel näher gebracht wird. 

Seit dem Jahre 1859 ist bei Uelde, unfern Lippstadt in 
Wcstphalen, ein alte* Todtenfeld aufgrfunden worden , das 
der Steinzeit angebört. (Verband), des natu rh ist oristben 
Vereins 1859, S. 103.) Neuerdings sind wieder zahlreiche 
Bruchstücke menschlicher Gebeine nebst Feuersteinmessern 
und durchbohrten Thierzähnen daselbst ausgegraben wor- 
den. Die Schädel sind klein, brachycepbal, prognath, viele 
haben offene Stirnnaht. 8. 

H. Schaaffhauson. Ueber Säugethierreato we§t- 
pha lisch er Höhlen und über den Menschen der 
Vorzeit. (Verhandlungen des naturhist. Vereins 
der preuss. Rheinlande und Westphalens.) 

Es wird hervorgehoben , auf wie verschiedene Weise 
Thier- und Menachenkuochen in deu Schutt der Höhlen 
gelangen können, und auf die wichtigen Ergebnisse einer 
vorsichtigen Abtragung der übereinander liegenden Boden- 
schichten, wie sie Dupont in den Höhlen de* Maas- und 
Kesaetlule« vorgenommen hat, aufmerksam gemacht. Die- 
ser unterscheidet in den belgischen Höhlen die jüngst ver- 
gangene Zeit des Kennthiers, die des Hohlenbäreu und al* 
älteste die des Mammuth, ihnen entsprechen die Ablage- 
rung eines gelben Thones mit Trümmergestein, die eines 
geschichteten sandigen Thones oder Rehmes und die de* 
Kieselgerölles. Die zahlreichen in den letzten Jahren in 
einer Höhle oberhalb Balve «usgegrabenm fossilen Knochen, 
welche der Sammlung des naturhistorischen Verein» in 
Bonn einverleibt sind, gehören dem elepbas primig. , rhi- 
noc. tieburh., ursus spei., hyaena *pch, canis spth, cervu» 
megacer., cernu elaph., dtrrus tarand., l»o* primig. rrjttus, 
aus und meles an und verrnthen ein mannigfaltiges und 
kräftiges Thierleben der Vorzeit in dieser Gegend. Alle 
diese Knochen zeigen keine Spur der Menschenhand. E* 
wird erwähnt, diu, wie man di« Rollung oder die Zahn- 
spur der Raubthiere an der Oberfläche der Knochen beob- 
achten kann, auch die von Pflanzcnwurzcln oder Iiuckten- 
kiefern gemachten Furchen Aufschluss über deren frühere 
Kagerung geben können. Die Beobachtung Rütimeyer’s, 
dass die Knochen einzelner Thirre schon an der Farbe und 
dem äusseren Ansehen, an der Schwere und Härte unter- 
schieden werden können, wurde bestätigt. Nach Erörte- 
rung der Fragen , ob der Riesenhirsch mit dem Menschen 
gelebt, ob felis »pelaea ein Löwe oder ein Tiger gewesen, 
ist von den blosen Einschnitten auf Knochen, die »las Da- 
sein des Menschen verrathen , auch wo er keine andere 
Spur hinterlassen, sowie von den verschiedenen Formen 
der rohesten .Steinwaffen die Rede. 

Es wird ferner über eine neue Auffindung zahlreicher 



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115 



Verzeichniss der anthropologischen Literatur. 



menschlicher Knochen und Schädelbruchstücke aul' der 
Grabstätte ton Uelde berichtet, und der starke Progna- 
thismus einiger, zumal kindlicher Kiefer, sowie die Durch- 
bohrung der Ellenbogengrube an mehreren Oberarmbeinen 
als Zeichen des niederen Typus angeführt. Es wird sodann 
des durch Dupont gemachten wichtigen Fundes eines 
nach Form und Gebt*» der Affenbildung nahestehenden 
menschlichen Unterkiefers in drr Höhle von Naulette ge- 
dacht und schliesslich bemerkt, dass die Merkmale eines 
niederen anatomischen Baue« an menschlichen Ueberresten 
der ältesten Vorzeit die wichtigste Stütze der Lehre von 
dem natürlichen Ursprünge unsere« Geschlechtes seien, 
dass aber der Mensch , welchen wir als Zeitgenossen der 
Höhlenthiere schon kennen, der niedersten Mensehcnbildung. 
die wir in einer früheren Periode zu rindeu noch erwarten 
können, nicht augehure, das« aber leider für die Erhaltung 
älterer Knocheureste keine so günstigen Umstünde wie für 
die in den Höhlen gefundenen vorhanden sind. 8. 

Schosserer, Friedrich. Keltische Druiden. (Abend- 
stunden, 1 866, II, S. 63 — 71.) 

Wagner, Moritz. Ueber die örtliche Verbreitung, 
den Zweck und das Alter der Pfahlbauten. 
(Ausland, 1867, Nr. 17. S. 393— 396; Nr. 18, 
S. 418—423.) 

Wagner, Moritz. Das Vorkommen von Pfahlbau- 
ten in Bayern mit einigen Bemerkungen Ober 
die bisherigen Hypothesen hinsichtlich des 
Zweckes und Alters der vorhis torischen Seean- 



siedlungen. Sitzungsberichte der königl. hayr. 
Akademie der Wissenschaften in München 1866, 
II. Heft, 4°. Sitzung vom 15. December 1866, 
S. 430—478. 

Gut beobachtete Thatsachen und logisch begründete 
Schlussfolgerungen. Methodische Untersuchung der Pfahl- 
bauten im Wünuaee (Starnberger See) an der Insel Worth 
(Kimcninsel) mit genauer Unterscheidung der verschiedenen 
Schichten, iu welchen die Re«te verschiedener Perioden 
liegen. Nachweis, dass dieselben der Bronzezeit angeboren, 
nicht durch Feuer zerstört, sondern verlassen wurden, 
weshalb auch nur wenig Instrumente gefunden werden. 
Bodenlos nennt M. Wagner mit vollem Rechte die Hy- 
pothese, welche in den Pfahlbauten HandeUstationen der 
Phönizier, Gebäude zu Cultuszwecken nnnimmt. Der 
Zweck derselben sei nicht Schutz gegen wilde Thiere, 
sondern gegen feindliche UeberfKIle von Menschen; da* 
Land müsse gleichzeitig bewohnt gewesen sein ; einige 
Pfahlbauten möchten zugleich Zeug- und Yorratbshäuaer, 
die meisten grosse Zucbtanstalten für die Fischerei gewe- 
sen sein, da sie an den noch jetzt fischreichsten Stellen 
der Seen gebaut seien. 

Ve rfiie r erklärt sich noch gegen die von Morlot, 
Tropen und Gillieron versuchten und gänzlich miss- 
lungenen chronologischen Bestimmungen des Alters der 
urgeschkhtlirhen Perioden und für die von C. Vogt be- 
tonte geologische Methode der Untersuchung. Das Vor- 
kommen von römischen Alterthümern auf der Insel Wörth 
und da* gänzliche Fehlen derselben in den Pfahlbauten 
daneben beweise, dass letztere nicht in die Zeit der römi- 
schen Periode hineingeragt haben. 



England. 



Carter Blake. Report on the recent inveitigations 
of Dr. Ed. Dupont on the bone cavee on the 
banke of the Leese river, Belgium. Journal of 
the Anthropological Society, Nr. 16, January 
1867. S. 10. 

Bericht über die Ausgrabungen in Belgien npbst Die- 
cu*«ion Uber die bekannte Kinnlade vom Trou de ia Kau* 
leite. 

Robert H. Collyer. The fossil human jaw from 
Suffolk. Anthropological Review, Nr. 17, April 
1867, S. 221. 

Abhandlung und biitcusftUin über eine iu einem Kopro- 
lithcnlager bei Ipswich gefundene, wahrscheinlich aber 
nicht sehr alte Kinnlade, die gänzlich mit Ei»en im präg - 
nirt ist. 

J. B. D. (John Barnard Davis 1*), Italian An- 
thropology, Anthropological Review, Nr. 17, 
April 1867, S. 142-150. 

Bericht über Kirolucci’s Arbeit: „Le stirpe ügure 

in Itaiia.“ Der Verfasser erklärt »ich für die Ansicht, 
da** der römische Schädel von Göttingen wirklich achter 
Römerschädel sei (also der Hohhrrg-Typu* auch) und dass 
der Ktruskerschäde) ein Langschädel sei (meinen Messun- 
gen nach ist er sub-brachycephal). 

John Evans. On some flint-conea from the Indus 
(Upper Scinde). Geological Magazine, vol. 3, Oct. 
1866, 1 TafuL 

Steinkerne bei Shikarpoor. 

John Evans. On some diecoveries of worked 



flints near Jubulpore in Central - Indio. — Pro- 
ceedinge of the Society of Antiquaries. 

Zum'Tkeil geschliffene Steinwaffen von verschiedenen 
Orten. 

J. W. Flower. On some flint implemente lately 
found in the valley of the little Ouse river, near 
Thetford. — Mackie - Repertory 1867, Nr. 20, 
pag. 26Ö. 

Foote, Bruoe. On the occurence of Stone Imple- 
ments in lateritic formations in varioas j>art? of 
the Madras and North Arcot District. (Madras 
Journal of Literatur« and Science, October 1866, 
Third Series, Part 2 d *) 

Augustus Lu ne Fox. A description of certain 
piles found near London Wall and Southwark, 
poseibly the remaine of pile huildings. — Jour- 
nal of the Anthropolog. Soc., Nr. 17, April 1867, 
S. 71. 1 Tafel. 

Pfähle und Küchenabfälle in unterirdischem Torf- 
schlauim. Die grftindenen Knochen gehören einer kleinen 
Pferderave, dem Hirsch. Elter, Hund, Rehbock, der wildeu 
Ziege um! zwei Uchsrnartcn no, Bo* lougifron» und iro- 
choceroe. 

Alfred Higgins. Note on certain Scandinavian 
Museums. — Journal of the Anthropol. Society, 
January 1867, S. 14. 

Bericht über das Carolina-Institut, das Kational-Mn*rum 
in Stockholm und das Universitäts-Museum in Christiuui*. 

15* 



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Verzeichnis» der anthropologischen Literatur. 



116 

Livermore, L. J. The Origin of Man. (Christian 
Examinor. Boston, Janoary 1866.) 

Romarka on the Stone Age. (Historical Maguzine. 
New* York, April 1866.) 

Thompson, J. P. How old is Man? (Hours at 
Home. New-York, May 1866.) 

Tuttle, Hudeom Origin and antiquity of physi- 
cal man to havo heeu Contemporary with the 
Mastodon. Boston 1866, 12°. 288 pag. 

C. Vogt. The primitive period of the htiuan 
species. Anthropological Review, Nr. 17, April 
1867, S. 204. 

Uebereetzung de« im ersten Heft dieses Archiv* erschie- 
nenen Artikel* Uber die Urzeiten des Menschengeschlecht*. 



Char. Warne. The celtic tumuli of Dorset 1866. 
Analyse in Anthropological Review, Nr. 16, Ja- 
nuarv 1867, S. 85. 

Untersuchung von 1 90 Grabhügeln aus der Tonrömischen 
Zeit. Die Leichen sind meist verbrannt; in der Hüfte 
der Fülle landen sich Aschenurnen, zuweilen ganze Ske- 
lete daneben; in 5 Proc. der Hügel fanden sich Stein- 
Waffen, in lö Proc. Bronxetachen ; zuweilen beide zusam- 
neu. 

Weissr, R. Preadamite Man. (Evangelical Quar- 
terly Review. Gettysburgh, April 1866.) 

J. J. Wilson. On sorae evidence of the antiquity 
of man in Ecuador. — Mackie-Repertory 1867, 
Nr. 20, pag. 268 ; Nr. 22, pag. 345. 



Frankreich. 



Charles Aubertin. Fosso fun^raire sur )a mon- 
tagne de Beauue et grotte du Trou-Leger. Mor- 
tillet-Materiaux, 3 mo Annee, pag. 54. 

ln Folge eine« Regengusses wurde eine Art Knehenab- 
fall abgedeckt. 

Ch. Aubertin. Säpulture celtique de la montagne 
de Beaune (Cdte d’Or). Revue Archeologique, 
Mai 1866, pag. 371 — 373. — Mortillet - Mate- 
riaux, Yol. II, pag. 382. 

Kumtes Grab mit Knochen voll gestampft , da* die Einen 
der Steinzeit, Andere der Eisenzeit zuschreiben. 

Angelo Angelucci. Haches en pierre et on bronze 
de Voghera. Mortillet-Mutöriaux , 3 me Annee, 
pag. 55. 

P. B. Societe des Antiquaires de TOuest, seanc« 
du 17 Jan vier 1867, Glaneur Poiterin 1 F6vr. 

Bericht von Herrn de Longuemas über unterirdische 
Zufluchtsstätten, Gräber und Dolmen. 

Emile Bönoit. Note a propos de la grotte de 
Baume (Jura). Bull. Soc. geol«, 2 d0 serie, Vol. 
23, pag. 581 — 587. Nebst Tafel. 

Nachweis von mehreren Schichten, von welchen die un- 
terste nichts, die mittlere Säugethierknochen der Mammath- 
zeit, die oberen Scherben und Instrumente aus der Zeit 
der Pfahlbauten enthält. 

Bertrand, A., und Pruner-Bey. Io den Dolmen 
von AubusBargues bei Uzfa (Depart. du Gard) 
gefundener, sehr dolichocephaler, junger Sch&del 
mit Steinwaffen und Thongerathen aus der Stein- 
zeit. — Bullet. Soc. anthrop. de Paris, 2 d “ Serie, 
Yol. 1, pag. 200—206. 

Bleicher. Sur la geologio dcB environa de Rome. 
Bull. Soc. geol., 2 d * Serie, Vol. 23, pag. 645 — 654. 

Beschreibnng der DiluviaDchichten , die besonder* Ele- 
pha* nntiqun» und meridionalis enthalten. 

Bourgeois. Decouverte d’instruments en silex 



dans le depot & Elephas meridionalis a St. Preat. 
Comptes rendus 1867, Yol. 64, pag. 47. 

Dt wohl noch mit Vorsicht anfzuuehmen und Bestäti- 
gung abzuwarten. St. Pre*t wird bekanntlich den jüng- 
sten Tertiärbildungen zugewiesen, da cs andere Etephan- 
ten- und Nashorn -Arten enthält, als da« gewöhnliche Di- 
luvium. 

Giovanni Cane&trini. Tcrramares du Modenais. 
Mortillet-Mat^riaux, 3 m " Anne«, pag. 57. 

Nachweis de» Damhirsches, der Olivenkerne, de* brau- 
nen Büren. Vorläufige Umschreibung eine* Langknpfes 
(Hohberg-Typus) von Snn*Palo. 

Giovanni Canegtrini. Atelier de silex txilli» 
dans le Modenais. Mortillet - Materiaax, 3 m ® 
Annee, pag. 62. 

Bei la Secchia. 

Cartailhao. Dolmens de PAveyron. Mortillet- 
Materiaux, 3 m * Annee, pag. 65. 

Bronze mit Steinwaffen. Durchbohrte Men»chenzähne 
zu Schmuck. 

Cartailhao. Tumulus de Yillemur (Hauto-Garonne). 
Mortillet-Mati'riaux, 3 mÄ Annee, pag. 66. 

Herd*t«ne; Kohlen; Suinwaffm, polirt; zerbrochene 
Men»chenknochen. 

Chantre. Stations lacustres du lac de Paladru 
(Isere). Mortillet-Materiaux, 3®* Annee, pag. 61. 

Pfahlbauten aus der Eisenzeit? 

ChevreuL Note historique sur l’äge de pierre a 
la Chine. Comptes rendus, Vol. 63, pag. 281 — 
285. 

Von Stanislaus Julien gelieferte Nachweise der 
Steinzeit in China au* chinesischen Autoren. 

de Cigalla. Nouveaux details sur les monuments 
ancieüB decouverte dans les iles de la baio de 
Santorin. Comptes rendus, Nov. 1866, Vol. 63, 
pag. 831. 

Alto Maaerre»u>, tief unter der Schicht mit griechischen 
Altert hümern und unter vulkanischem Tuff; keine Spur 



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117 



Verzeichnis» der anthropologischen Literatur. 



von Metall, einige Kiewlinst rammte, Thongefä*«e and Ku- 
geln und Mahlsteine nus Lava. 

de Cloam&deuc. Les Dolmens de Keryadal en 
Camac. — Mortillet-Materiaux, 3“* Anne©, pag. 
91. 

Ordnung von vier Dolmen, die Scherben and Steingerkthe 
enthielten. 

L. Combes. Pierre et fer associe dans une Be- 
pulture h Monsempron (Lot-et-Garoune). Mor- 
tillet-Muteriaux, 3“* Annee, pag. 63. 

Ge« hliffene Steinaxt mit KUrnin«tmmrnten unter einer 
ScbüwL 

G. Cotteau. Rapport sur les progrea de la geo- 
logie et de la paleontologie en France pendaut 
Tannee 1865. Caen 1867, 46 pagea. 

Enthält einen gut gehaltenen Bericht über die Arbeiten 
in der Urgeschichte. 

G. Cotteau. Rapport Bur des nou veiles fouilles 
executees danB la grotte des Fees \ Arcy-sur- 
Cure (Yonne). Mortillet - Materiaux, 3 m0 Annue, 
pag. 81. 

Zwei Schichten: die untere mit Steinäxten, Hyänen-, 
Bären*. Pferde- und Oihsenknochen; db* obere mit Töpfer* 
«herben, Stemuaffeu und Knochen jetzt lebender Arten. 

Domour. Note sur un allinge de Cuivre, d argen t 
et d’or, fabrique par lea anciene peuples de 
l’Amerique du Sud. 

Gefunden in den Ruinen um Magdalenrnflus*. (Comptes 
rtaftu 1»Ö7, Nr. *j, Tome Ö4, png. 100.) 

E. Dangluro. Sur un ginement de silex travaille 
existant dans la commune de Vaudricourt pres 
de Bethune (Paa - de - Calais). Bull. Soc. geolog., 
2 da B^rie, Yol. 23, pag. 244. 

Kieseläite in einer tiefem» Schicht, während eine hö- 
here rümiKhe Alterthumer enthält. 

Dolanoue. Anciennes mines de la Haute-Vienne. 
Bullet. Soc. g^olog., 2 da Serie, Vol. 23, pag. 373. 

Nachweis »ehr alter Grabenbaue. 

Dosor, £. Lee phases de l’epoque antehistorique. 
(Bibliotheque universelle, 1866, Vol. 111, pag. 
297—308.) 

Despine. Sur les fossiles docouvertes dans la 
grotte des Fees, pres d’Aix- los- Bains (Savoie). 
Comptes rendus 1867, Nr. 7, Tome 64, pag. 307. 

G. Dujardin et F. Gravet. Cimetiores gallo -ger- 
mains de Louette — St Pierre et de Gedinne. 
Annalen Soc. archeol., Namur 1865. — Mortil- 
let-Mutcriaux, 2 da Annee, pag. 383—385. 

Bronze- und Eiwnwaifrn, denen von HntUudt ähnlich. 

Ed. Dupont. Le terrain quaternaire danB la pro- 
vince de Namur. Bullet. Soc. geolog., Novembre 
1860, pag. 76—99. 

Beschreibung der verschiedenen von Dupont Angenom- 
menen Schichten. Siehe diese« Archiv Bd. 1, 8. 376. 

de Ferry. Age de la pierre dans le MAconnais. 
— Mortillet-Materiaux, 3“* Annee, pag. 114. 

Sucht drei verschiedene Ablagerungen aus der Urzeit 
muhzuweben : Lehm mit rohen Kiese Hüten; eisenhaltiger 



G-bni mit KieseUplitlem und Hvinenktiochen ; endlich 
Ablagerungen nus der Kennthicrzeit. 

Fr aas. Di© Ausgrabungen von Schussenried. Er- 
wähnt in Mortillet-Materiaux, 2 da Annee, pag. 
555. 

Paul Gervais. Sur la c&verne de ßize (Aude). 
Bullet Soc. g£olog., 2 da serie, Vol. 23. pag. 716. 

Höhlenbär und Höhlcnhrine xasnmmcn mit Kcunthier* 
knochen und ^arbeiteten Geweihen und Steinäxten. 

Oswald Heer. Die Pflanzen der Pfahlbauten. 
UeberBetzung der Schlussfolgerungen der be- 
kannten Abhandlung in Mortillet- Materiaux, 
V®L 2, pag. 369—371. 

Huäsoei. Analyse des divers oesements des terrains 
quaternaire« des environs de Toul. — Comptes 
rendus, Fevr. 1867, Vol. 64, pag. 288 — 292. 

Analvse verschiedener Knochen , von welchen die älte- 
sten kein Osteln mehr enthalten, die jüngeren verhält ns 
mä»»ig mehr. Die ältesten Schichten (alpinische» Dilu- 
vium mit Mnmmuthzähnen) enthalten keine Mendchenmte. 
die in allen anderen Schichten gefunden werden. 

Hussein. Nouvollea rechcrchea dans loa caverne* 
ä ossement« de» environs de Toul. Comptes 
rendus 1866, Vol. 63, pag. 891 — 894. 

Husson. Ossement« humains(?) trouves dans le 
diluvium alpin de Villoy- Saint -Etienne, pres de 
Toul, et nouvelle Station bumaine. Comptes 
rendus, Tome 64, Nr. 13, pag. 694, Avril 1867. 

G. Italia - Nicaßtro. Sur les Ph£niciens d’Acre. 
— Bulletin Soc. Anthrop. de Paris, 2 da Serie, 
Vol. 1, pag. 341 — 3GO. Zusatz ibid. pag. 537 
—543. 

Phonizi« he Gräber hei I’alaxxolo-Acreide in Sicilien. In 
den Stein gehauene Grnbhöhleu. hei den männlichen Ske- 
leten findet »ich eine Taue«, bei den weiblichen Nadeln 
und Armbänder ; außerdem fand mun Kugeln von Stein, 
Blei und Bronze, Nägel von Eisen und Bronze, Götzen- 
bilder, Schellen und Geta»»e von Bronze, aber nicnnU* Ge- 
geitKtände von Gold oder Silber, auch keine Münzen. Fer- 
ner eine Inschrift, die ßirger Tliorl&cius, ein Däue, 
gelesen haben »oll. 

Ph. Lalando. Nouvell© grotte do l’epoque du 
Renne dans le Perigord. Mortillet -Materiaux, 
3 ma Anne©, pag. 63, pag. 126. 

Grotte von l’ouzet, etwa drei Kilometer von Tcmuiion 
(Dordognc). Henlsteine mit Kohlen, zerbrochenen Knochen 
and Stein Waffen. 

L. Lartet. Von l)r. Garrigou in der unteren 
Grotte von Massat (Ariege) gefundenes Scbiefer- 
stück, auf welchem die Figur eines Bären ein- 
geätzt ist. Bullet Soc. anthrop., Paris, 2 do Serie, 
Vol. 1, pag. 439. 

Uh die im Holzschnitt wiedergegebene Figur wirklich 
den Höhlenbären darstellt, ist mir »ehr zweifelhaft. 

Franzi« Lonormant. Lage de la pierre en 
Grece. Revue archeologique , Janv. 1867, pag. 
16—19. 

Nachweis vieler Fundstätten iu Griechenland. 



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118 Verzeichniss der anthropologischen Literatur. 



Francis Lonormant. Les armes de pierre de 
Marathon. Revue archeologique , Fdvr. 1867, 
pag. 145 — 148. 

Im Grabhügel von Marathon finden sich sehr viele 
Pfeilspitzen aus Bronze, andere uus schwarzem Kiesel. 
Die Aethiopier im Heere von Xerxcs bedienten sich 
solcher Pfeile. 

Franqois Lönorraant. Deeou verte de construc- 
tions antehistoriques dang l'ile de Ther&sia. Re- 
vue archuol., Dec. 1866, pag. 423 — 432. 3 Fi- 
guren. Siehe oben Cigalla. 

Log and. Antchistorique de Bourgognc et du Mont 
d’Or lyonnais. Bullet. Soc. geol., 2 do Serie, Vol. 
23, pag. 356. 

Nachweis von Kieselinst rutnenten auf den Hügeln. 

de Longuemar. Les Dolmens du Haut - Poitou. 
Analyse der im vorigen Verzeichn iss angeführten 
Schrift, in Mortillet-Materiaux, Vol. 2, pag. 378 
—382. 

de Longuemar. Observations Bur le memoire de 
Mr. de Rochebrune concemant les Dolmens 
de la Charente. — Mortillet-Materiaux, 3 me An- 
nee, 1867, pag. 31. 

Bekämpft mehrere Behauptungen des Verfasser», wor- 
unter namentlich die, das* die Blocke, die zu den Dolmen 
gedient, au» ziemlicher Entfernung gebracht und dos» Kie- 
sel Instrumente selten seien. 

A. F. Marion. Station de Saint -Marc pres Aix 
en Provence. Mortillet - Materiaux , 3 m * Annee, 
pag. 103 — 106. 

Grotten mit Menf-chenknochen, rohen Stciniostruinenten, 
Herdplatten und Topfscherben. 

Mippolyto Marlot. Station de la pierre des eu- 
vironB de Cernoia (Cöte d'OrJ. — Mortillet-Ma- 
teriaux, 3“ r Anne«, pag. 112. 

Geschliffene Steinwaffm nn mehreren Orten. 

Alfred Maury. L’hoinme fossile. Revue des deux 
Mondes, 1 er Avril 1867, pag. 637 — 663. 

Trefflicher re»umircnder Artikel über den jetzigen Stand 
der Frage. 

G. do Mortillet. Origine de la navigation et de 
la p£cho. Paris 1867, 48 S., 38 Holzschnitte. 

Enthält die Geschichte der Schifffahrt und Fischerei in 
den ältesten Zeiten , Abbildungen der l*irogueu au* den 
Pfahlbauten etc. 

G. do Mortillet, Les habitations lacustres du lac 
du Bourget a propoB de la Croix. Extrait de 
la Revue Savoisietme. Annecy, Janvier 1867, 
5 S. 

Zugeständnis* , du* die dortigen Pfahlbauten der Eisen- 
zeit angehöreu. 

Ficeadeau de Viele. Not« sur les fouillcs faites 
dans un gisement ossifure de l’&go du Renne a 
Bruniquel (rarn-et-Garoune). CompteB rendus 
1867, Nr. 11, pag. 628. 

Luigl Figorini. Sepultures d’Albano et details 



divers sur ITtalie. Mortillet-Materiaux, 3“* An- 
nee, pag. 53. 

Verschiedene neue urgwchichtliche Funde in der Umge- 
bung Roms. 

F. et B. PommeroL Stations de Füge de pierre 
aux Martrea-de- Veyre (Auvergne). Mortiliet- 
Materiaux, 3 mo Annee, pag. 106 — 110. 

Mehrere Henlplätze mit Feuerspuren , Knochensplittern, 
Topfscherben und zum Theil geschliffenen Kie*eliastrumen- 
ten. Bei einem Herdplatze eine bedeutende Menge verkohl- 
ter Gersten- und Roggen(V)köruer. 

Quicherat. Rapport sur un manuscrit de Mr. 
Aubertin. Revue des Soci4t&» savantee des 
Departements. Juin 1866, 4 mo s6rie, Vol. 3, 
pag. 692 — 697. 

Bespricht verschiedene, aus Serpentin gearbeitete Ringe 
und erhebt sich gegen die Abmarkung von Epochen. Die 
Gallier hatten noch während eie lim uze und Eisen kann- 
ten, auch den Stein bearbeitet. 

Laurent Rabut. Ilabitatioos lacustres du lac du 
Bourget. Courrier des Alpes, 12. Januar 1867. 

Pfahlbauten au« der Bronzezeit. 

A. T. do Rochebruno. Nouvelles decouvertes 
dans la Churente. Mortillet-Materiaux, 3“* An- 
nee, pag. 07. 

Grotten und Hohlen au» der ltennthierzcit und der Eisen- 
zeit. 

A. T. d© Rochebrune. Sur les restes d’indu- 
strie appartenant aux tempe priraordiaux de la 
raca humaine recueillis dans le Dopart. de la 
Charente. Poitiers 1866, 126 S., 14 Tafeln in 4 ,} . 

Sehr ausführliche Beschreibung der Schwetnmgebilde, 
Grotten, Werkstätten von Kiebelinstrumenteu , Torfmoore 
und Dolmen. 

Roujou, A. Präsentation eines alten Sehadels, 
wahrscheinlich aus der jüngsten Steinzeit, hei 
Choisy-le-Roi. — Bullet. Soc. anthrop. de Paris, 
2 ,l4 > Serie, VoL 1, jKag. 239. 

Gaston de Saporta. Discours de receptiou a 
PAcadomie d’Aix en Provence. Aix 1866. In 
Mortillet-Materiaux, 2 d * Annee, pag. 559 — 561. 

Giebt ein« Uebersicht der Dilu via) -Epoche in der Um- 
gegend von Aix , der damaligen Fauna und Flora und der 
gefundenen Menschenreste. 

F. de Sauley. Fouilles operees dans le® bois 
communaux de Sauville (Vosges). Revue archeo- 
logique, Octob. 1866, pag. 243 — 246. 

Tumulu», vier Skelette mit Brünzcgegenständen ent- 
haltend. 

Emile Sauvage. Etüde sur le terrain quaternaire 
de Blandecques (Pas de Calais). Boulogne sur 
Mer 1865. — Mortillet-Materiaux, 2 de Annee, 
pag. 533. 

Lehmschichten mit Rollsteinen, darunter Sand mit Kie- 
seläxtvn. 

SchaafThauacn. Sur un eräne trouve a Olmiltz 
(Moravie). Mortillet-Materiaux, 2 4# Annee, pag. 
386 und 387. 



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. 1 . 



Verzeichniss der anthropologischen Literatur. 119 



Sub-brachycephaler Schade) von Jrittelr* in Ablagerun- 
gen gefunden, die den Pfahlbauten parallelisirt «mim- 

Tournouer. Sur les terrains quaternaires de la 
vallce gnperieure de la Saone. Bullet. Soc. g6o- 
log., 2** Serie, VoL 23. pag. 769 — 804. 

l*nter den Mjunmutbichichten, die hier keine Mentchen- 
recte teigen, liegen noch SÜMwassermergel mit Arten, die 
in wärmeren Kliraatcn Vorkommen. 

Eugeno Tratst. Monuments de l’£poque ant6- 
historique de la Station de Brnniquel (Tarn et 
Garonne). — Mortillet - Materiaux , 2 d# Annee, 
pag. 545. 

Gehört ausschliesslich der Rennthierzeit an. 



C. X. V aussen at. Les poteries d*Orbizan. Tarbee 
1865. — Mortillet • Materiaux , 3”* Annee, pag. 
121 . 

Weint niu-h, da*» noch jetzt in den lYrenien roh* Töpfe 
gemacht and unvolltitändig gebrannt werden, wie in der 
Steinzeit. 

Watölet. Lettre sur Coeuvres. — Ballet. Soc. 
gäolog., 2 d * Serie, Yol. 23, pag. 379. 

Steinäxte mit Elcphunten - und HMblenbirrnknocbrn in 
derselben Schicht. 



Italien. 



Carlo Benucci. Monumenti antistorici scoperti 
dal 1863 at 1866 nelle provincie napolit&ne. 
Napoli 1860, 9 Seiten. 

Aufzählung neuer Fundstätten ton Stein und Bronze. 

Giovanni Canestrini. L’antichitä dol uomo. Mo- 
dena 1866. 

Giovanni Canestrini. Sopra due cranii antichi 
trovati noll’ Emilia. — Annuario della SocietA 
dei naturabsti di Modena 1867, 6 Seiten mit 2 
Tafeln. 

Be«chrribung eine* Hohberg-Schädel* ton San Palo und 
eine* Kurzkopfe* von Gorzano. 



Luigi Ceaelli. Stromenti in silice della prima 
epoca della pietra della Campagna di Roma. 
Rom 1866, 17 S., 1 Tafel in 4®. 

Nachweis von Kiesehnxtruraenteti mit Elephnntcn- , Nas- 
horn- und F1u*»pferdknochen hei Rom. 

Rafiaollo Foreai. Collezione di oggetti antisto- 
rici delle isole d'Elba, di Pianosa et del Giglio. — 
Besonderer Abdruck aus der Xazione von Flo- 
renz, Nr. 85, 1867. 

Bespricht die von dem Verfasser zur Pariser Weltaus- 
stellung geschickten Sammlungen aus der Stein* und 
Bronzezeit. 



Russland. 

Trautschold. Von Djawotschkin gemachte (Russland). Bullet, de la Soc. des naturalistes 

Entdeckung von Pfeilspitzen aus Kieselstein und de Moscou 1865, pag. 86. Erwähnt in: Mortil- 

Küchenabfölleu im Gouvernement Kostroma let-Matcriaux, 2 d0 Annee, pag. 556. 

Schweiz. 

A. Qui queres. Monuments celtique« et sßpultu- nation. Genevois, Nr. 29, 1866, pag. 231 — 239. 
res antiquea de Beurneraissin. Bullet. Institut. Grotten und Gräber, letztere wahrscheinlich aus galli- 

scher Zeit. 



n. 

Anatomie. 



Brooa. Ueber einen Schädel der Steinzeit aus 
einem Dolmen bei St. Gennain. (Bulletins de 
la soci6te d’ Anthropologie de Paris. 2 d * Serie, 
Tome I, fascic. 4, Juin et Juillet 1866, S. 469.) 

Dolichocephal , Hinterhaupt sehr entwickelt, ausgespro- 
chen prognitlh. Schädellndei 71,6. 



Broca. Geher 19 von H. Velasco gesendete bas- 
kische Schädel (ibitL, S. 470). 

Dolu'hwephul ; mittlerer Schädelindex 77,5. 

Collyer. The fossil human jaw from Suffolk, siebe 
oben S. 115. 



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120 



Verzeichnis» der anthropologischen Literatur. 



J. B. Davis. ()n the peculiar crania of tlie luhu- 
bitants of certain Groups of Islands in the We- 
stern Pacific. Published by the Dutch society 
of sciencee of Haarlem. (Natuurkuudige Ver- 
handelingen, Deel XXIV.) Haarlem 1867, 4°. 
Met 3 Platen in Steendruk. 

Schädel der Neu-Caledonier und der Bewohner der Neu- 
Hebriden. Sie sind alle in hohem Grade dolichocephal, 
zugleich »ehr schmal und ungewöhnlich hoch, einen Typus 
darstellend, welchen Davis als den hyp*d-»ten«c«phalen 
bezeichnet hat (Archiv IM. I, S. 388 und 389). Sie 
zeigen diesen Charakter in einem noch höheren Grade als 
die Schädel der Carolinen -Insulaner , auf deren besondere 
Form bekanntlich v. d. Hoevca (I. c.) zuerst aufmerk- 
sam gemacht hat. 

Heschl. Untersuchung der 18 aus dem 14ton und 
löten Jahrhundert stammenden Schädel der Gra- 
fen von Cilli. (Separatabdruck aus den Mitthei- 
lungen des naturwissenschaftlichen Vereins von 
Steiermark, Heft IV, 1866.) 

Diese Schädel, nchst einigen anderen Skelcttheileo, lagen 
bis 1811 in den Särgen der Gruft in der deutschen Kirche 
zu Cilli und sind seitdem in einem Schrein besagter 
Kirche auf bewahrt. Leider ist diese, fünf Generationen eiuer 
Familie umfassende Schädeluimmlung, einen ausgenommen, 
ohne Bezeichnung der Individuen. Von den Schädeln , die 
einander «ehr ähnlich «ind, gehörten drei Kindern an, von 
den übrigen 15 halt Verfasser 11 für männlich, 4 für 
weiblich. Der mittlere Breitenindex der 1 1 männlichen 
Schädel i«t 84,8, der Höhrnindrx 70. Die Schädel ge- 
hören sonach zu den entschiedenen Brachycephalen und 
haben Aebnlichkcit mit den Bündner Schädeln, nicht jedoch 
mit slaviwhen. Die Länge der Obemchenkel - und Über- 
armknochen der männlichen Individuen erpicht eine Ske- 
lotböhc von 5* 8 — 9”. 

Hoeven, J. van der. Een Ncger-schedel «fit een 
oud Klooster in Zuid- Holland afkomstig. s. 1. 

Der Schädel wurde in den 1839 aufgedeckten Funda- 
menten des Klosters Fernstem Aufgefunden, stammt wahr- 
scheinlich aus dem Kode de* lftten Jahrhundert« uud zeigt 
exquisit den Charakter de* Negern hädel» , so da»» Hoe- 
ven nicht den mindesten Zweifel hat, das* derselbe einem 
Neger nngebört hab«, vrenn er auch nicht erklären kann, 
wie dieser schwarz* Mitbnider unter die Mönche des StifU 
kam. Der Schädel ist »ehr dolichocepha) (Länge 183, 
Breite 128, Index 70) und prognath; Milt« de* Stirnbein* 
kantig, Nasenbein platt; Umfang 504. 

Kattnor, £. Die anatomische Classification des 
Menschengeschlechts von Andreas Retzius. 
(Ausland 1866, Nr. 29) und: 

Kattner, E. Andreas Retzius’ Eintheilung der 
Völker nach der Sch&delform. (Internationale 
Revue. Wien 1866, Bd. 1, Nr. 4, S. 525 — 536.) 

Gegen Retzius. 

Landzort. Beiträge zur Kraniologiu. I. Der Sat- 
telwinkel und sein Verhältnis zur Pro- und 
Orthognathie, mit 3 Tafeln. Frankfurt a. Main. 
(Abdruck aus den Abhandlungen der Sencken- 
bergischeu Gesellschaft, Bd. VI.) 

Laudzert erinnert zunächst daran, da»» die drei Forscher, 
die sich insbesondere mit der Untersuchung de* genannte« 
Verhältnisse* abgegeben haben, Virchow, Lucae und 
W e 1 c k e r , alle drei verschiedene Messuiigsmethoden I -{.'folg- 
ten. Virchow construirte seinen Winkel auf dem Durch- 



schnitt de* Keilbeine, indem er di« Mitte de* vorderen 
Rande* des vorderen Keilbein* mit der Mitte der Spheuo- 
Occipitatfuge verband und diese mit dem vorderen Rand 
de* Foramen magnum. Lucae wählte die Ebene de* 
Clivtu selbst und die de» Planum »phruoidale. Welcher 
zog «eine Linien zwischen Nasenwurzel, Tuberculum ephip- 
pii und vorderem Rand de* Foramen magnum. Eine Di- 
vergenz der Ansichten »ei hiernach nicht zu verwundern. 
Lnndzert hält die Legung der Linien nach den Flächen 
(Planum sphcnoidale und cliru») für di« einzig richtige, 
den dadurch gebildeten Winkel für d«n nllrin richtigen 
Ausdruck der Knickung der Schädelbasis. Indem er di« 
Linien bi* zum Schadeigewölbe verlängert, erhält er einen 
zweiten Winkel (Spheno - Frontalwinkel). Ein weiterer 
Winkel (Spbeno - Orbitalwinkel) *clilie*»t dns Gesicht ein. 
Von d«n Resultaten »einer Untersuchung erwähnen wir 
di« folgenden: 1. Der Sattelwinkel steht in einem um- 

gekehrten Vrrhähni» zum Nnaenwlnkel. 2. Der Nasen- 
winket kann als Maas* der Prognathie nicht dienen. 3. 
Die Prognathie, welche nicht nur durch da* Warhrthum 
der Kiefer, sondern — und hauptsächlich ■ — durch die 
Stellung derselben zur Hirnknpsel bedingt ist, kann nur 
nach Lucae 1 * Vorschlag durch Ordinate und Absei«*« 
gemessen werden. 

Landzort. Beiträge zur Krauiologie. II. Beitrag 
zur Kenntnis« de« Grossrussenschidoh , mit 8 
Tafeln. Frankfurt a. Main. (Abdruck aus den 
Abhandlungen der Senckenbergischen Ge- 
sellschaft, Bd. VI.) 

Verfasser hatte 40 männliche Schädel zur Disposition. 
Ausgeschlossen waren Stirnnahtschälei , frühzeitig *vno- 
»totUche und Schädel sehr alter Individuen. Simmtliche 
Schädel .stammen au» den Gouvernement* Pskow , Nowgo- 
rod, Twer, Jarostaw, Moskau. Au* den erhaltenen Mit- 
tetzahien der Messungen ergiebt »ich, da** die Nrh&delionn 
der Uros»ru*»en als eine exquisit brachycephalc zu be- 
zeichnen ist. Die 40 Schädel bilden eine Reihe, welche 
mit 73 Breitenindex beginnt, bl* H9 steigt, ihren Culmi- 
nation. punkt aber iu den Zahlen 79 Ins 83 hat. Land- 
zert ist der Ansicht, dass die Grussrussrnsi'-bädel deu rein 
»Umsehen Typus darotellen und macht insbesondere darauf 
aufmerksam , das» der Orofeiruswnschädrl diesen Typu» 
nicht eiogebÜsst habe, trotzdem «in.** ein gm**er Theil der 
au» Asien eingewanderten Völker über Russland sich ver- 
breitet und Spuren »eine* Aufenthalt* zurückgelo*.«en habe. 
Mit anderen brachycepholen Schädelfonnrn verglicHen , *o 
«erden sie vom Disentis- Schädel (HU) an Hrarinoephalie 
ühertroileu und weichen auch in anderen Beziehungen da- 
von ab, auch die Schädel der Siiddeutaclieu (Schwarzwähler, 
Ecker) weichen in ihren Mittelzahlen davon ah: weniger 
ist die* mit den Mitteldeutschen (Welcher) der Fall. 

Pruner-Boy. Etüde et description de plusieure, 
cratics ligurea. (Bulletins de la societe d’ Anthro- 
pologie de Poris, Juin et Juillet 1866, 8. 442.) 

Die Schädel »lammen theil» au» der Nähr von Ilvire*, 
theils aus St. C£zaire hei Gr»**«* (Alpe*- Maritime*). Pru- 
ner-Bey erkennt darunter 3 ligurUche, 1 celtischcn. In 
ddr an die«* Mittheilung geknüpften Di»cu**ion »prach skh 
Broca insbesondere gegen die Methode »ua, alle Schädel 
»«fort und ohne alle Berücksichtigung der archäologischen 
Beigaben als einem tastim tuten Volk angehörig, als ligu- 
riach, celtisch etc. bestimmen zu wollen. 

H. SchaafThauson. lieber die Rennthierzcit, über 
tuakrokephale Schädel etc, (Verhandlungen 
de« naturhist. Vereins der preuas. Rheinlande 
und We&tphalens, 1866.) 

Al* Ergänzung der von C. E. v. Baer und A. Ecker 
gegebenen Nachrichten über Makrokephalen wird mitge- 



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121 



Verzeichniss der anthropologischen Literatur. 



«heilt, dm« ein in ähnlicher Weite künstlich entstellter 
Schädel in der St, l'nalt Kirche alt> der de» heiligen 
Etherius, eine* Begleiters der heiligen Ursula, aufbewahrt 
werde, wobei dnrnn erinnert wird, dass in dieser Sage toq 
einem Ucberfall der Hunnen die Rede ist. Auch hat man 
biaher nicht Wachtet, da« Raphael, auf dem Fretcobilde, 
welch«* die Hannen vor Rom darstellt, dem Attila die 
auffallende Schädelbildung mit zurückliegender Stirn ge- 
geben bat. 

Virchow. Pathologische Knochen aus einem Hü- 



nengrab. (Abdruck aus den Verhandlungen der 
Berliner mediciniachen Gesellschaft, Bd. I.) 

In der Nähe von Slargard in Pommern, bei dem Dorfe 
Storkow, befindet sich eine groue Anzahl von Gräbern 
mit Steinkränzen umgeben, darin eiserne Werkzeug«, rohe, 
jedoch auf der Drehscheibe gearbeitete Töpfe. An einem 
der darin befindlichen Skelete fand Virchow eine voll- 
ständige Synostose zwischen Tibia, Fibula und Axtre- 
galu». 



m. 

Ethnographie und Reisen. 

(Von Friadr. von Hellwald.) 

Allgemeines. 

Ule, Otto. Der menschliche Körperechmuck. (Na- Ule, Otto. GeBchichte der Töpferkunst (Natur 
tur 1866, S. 3, 19, 36, 44, 59, 67, 124, 133, 1866, 8. 292, 300, 316, 321, 345, 356.) 

148, 161.) 



Europa. 



Andrec, Richard. Vom Tweed zur Pentlandföhre. 
Reisen in Schottland. Jena 1866, 8°. 

Boren borg, C. Die Nordsee- Insel Borkum. Em- 
den 1866, 12°. 

Bogiiic, Balthasar. Pravni obicaji u Slovena. 
(Gewohnheitsrecht bei den Slaven.) Agram 1867, 
8* 196 S. 

Wenn heut« in der Jurisprudenz da* Princip lebt, das* 
ein Gexetzcodez »ich desto mehr der Vollkommenheit nä- 
liert alt er sich dem socialen Leben de» Volkes anschliesst, 
für welche» er gemarht wurde, so folgt hieraus, dass eine 
Gesetzgebung, bei deren Verfassung von diesem Grundsätze 
ausgegangen wurde, wenigstens indirect in der Lage ist, 
der F.thnographie werthvolle Daten utar diese Verhältnisse 
de* Volkslebens zu geben. Ist demnach schon eine Samm- 
lung geschriebener, folglich gemachter Gesetze von 
Wichtigkeit für die Ethnographie, wie viel mehr gilt dies 
nicht von einem Barbe, welche* die ungeschriebenen, also 
gegebenen, au* dem Volke selbst entsprungenen Ge- 
setze de* Gewohnheitsrechte* behandelt. 

Von diesem Gesichtspunkte aus ist uqs das vorliegende 
Buch wichtig, welches obwohl in serbischer Sprache ver- 
lässt und daher der deutschen Gelchrtcnwelt nur in ge- 
ringem Maasse zugänglich, dennoch des Reichhaltigen und 
Wertbvollen so viel enthält , dass cs mindestens jenen, 
welche der Sprache mächtig sind, angelegentlichst empfoh- 
len werden tmu»; die slavischen Zeitschriften aller Farben 
haben dem Werke ohnehin schon die wärmste Anerken- 
nung gespendet. Dr. Bogisic’s Buch befasst sich aus- 
schliesslich mit dem 1‘rivatrcchte; doch ersieht man aus 
der Vorrede, das* der Autor auch alles auf das öffentliche 
Archiv für Anthropologie. Bd. IL Heft I. 



Recht Bezug Nehmende gesammelt habe, wenngleich kein 
Zeitpunkt der Veröffentlichung für dioses bestimmt ist. 

Obwohl der Verfasser bescheiden erklärt durch seine 
Arbeit nur die Wichtigkeit eine» derartigen Materiales 
darthun und mit einigen Beispielen hervorheben zu wollen, 
können wir uns doch nicht verhehlen, dass wir es hier 
mit einem vollkommen neuen, nach den strengsten Anfor- 
derungen der modernen Wissenschaft geordneten Werke zu 
thun haben. Einige hundert juridischer Sprichwörter, 
welche in allen slavischen Sprachen sich auf Recht, Gesetz 
und Gewohnheit beziehen, sind am Schlüsse der gelehrteu 
Einleitung angeführt. Auf die einzelnen Theile des Pri- 
vatrechtes übergehend, behandelt sodann der Autor das 
Familienrecht in eingehender und kritischer Weis«; er hat 
hiermit uuf dem Gebiete der slavischen Literatur ein noch 
fast jungfräuliches Feld betreten. In richtiger Auffassung 
des sluvischen Nationalcbarakters hebt er hervor, da«B die 
Kenntnis-» der slavischen RechUgtwohnheHtn einen um so 
höheren Werth besitze, als die Nation mit einer seltenen 
Vorliebe an altem Herkommen und an Gewohnheiten 
hänge; mit einem Scharfblicke, der tiefe« .Studium bekun- 
det, sieht «ich der Verfasser auf dem betretenen Feld« um, 
trägt aus den oben erwähnten Kecht«sprichwörtern das 
Material zum Bau« seines Werkes zusammen, steigt in di« 
Wiege «Des Rechte», in die Familie, hinab, und schildert 
mit lebhaften, treuen Farben deren Sitten, Gebräuche und 
Rechtsgcwohnbetten. Auch da* Volkslied findet s«ine ge- 
hörige Berücksichtigung und bezüglich de» bulgarischen 
Rechtsleben* ist Dr. Bogisie der Erste, der uns hiermit 
bekannt macht. 

Bogiiic, Balthasar» Die Wichtigkeit der Auf- 
aammlung nationelier Rechtsgebrftuche bei den 
Slaven. (Kngzetmik. Agram 1 867, Heft 3 und 4 .) 

16 



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122 Verzeichniss der anthropologischen Literatur. 



Bouillon, S. La legende des Vilas, traditions de 
la Serbie. (Revue contemporaine 1866, Vol, 
LXXXVm, pag. 637—646.) 

Buddoua» Aurelio. Die baltischen Urvölker im 
Verhiltniss zu den Deutschen und Russen. (In- 
ternationale Revue. Wien 1866, Xr. 2, S. 232 
—243.) 

Casaell. Topographic&l guides. The county of 
Sussex, ita history, antiquitiea and topography. 
London 1866, 8°. 220 S. 

Chydenlua, K. Svenska expeditionen til Spitz- 
bergen kr 1861 utförd under ledning af Otto 
Torrei. Stockholm 1866, 8®. 

Denton, H. (Einige Tage in Montenegro). (Biijh 
[V ila] redig. von Stojan Xovakovic, Belgrad 
1867, Nr. 11 — 14.) 

Ducic, N. (Der Christabend in Montenegro). (Du- 
brovnik. Zabovnik narudne. Raguga 1867, 8°.) 

Bisensohn, Joseph, Sagen und Volksglauben im 
innem Bregenzerwalde. (Programm des k. k. 
katholischen Gymnasiums zu T eschen, 1866.) 

Erben, Jozef. Vojvodsto Korosko. (Das Herzog- 
tbum Kärnten.) Laibach 1866, 8°. 69 S. 

Erben, Josef. Vojvodsto Kranjsko. (Das Herzog- 
thum Krain.) Laibach 1866, 8°. 86 S. 

Fr&ncisci, Fr. Märchen aus Kärnten. (Carinthia 
1867, IV, S. 159 ff.) 

Guthe, H. Die Lande Braunschweig und Hanno- 
ver. Hannover 1866, 8°. 

Erscheint liefern ngs weite. 

Hennanit«, Thomas. Volksgebräucho, Sitten und 
Aberglaube in Kärnten. (Carinthia 1866, Au- 
gust, $. 350—358, September, S. 394 — 398.) 

Huillard-Breholle. Leg origiues du Christianisme 
en Gaule. (Revue contemporaine 1866, Vol. 
LXXXVIII, pag. 99—125.) 

Immisch, R. Die slavischen Ortsnamen ira Erz- 
gebirge. Bautzen 1866, 4°. 

Kuleman, Rudolf. Ueber die Zigeuner nament- 
lich in der Moldau. (Abendstunden, 1866, IV, 
S. 71—93, V, S. 35—44.) 

Kuyper, J. Nederland, zijne provincien en ko- 
lonien. Land en volk beschreven. Leenwarden 
1866, 8°. 256 & 

Lonormant, F. Turca et Muntenegrins. Paris 
1866, 8°. LXXXVII et 423 pag. 

Malongreau, M. Voyage en Espagne et coup d’oeil 
sur l’etat social, politique et material de co pays. 
Bruxelles 1866, 8°. 260 pag. 

Martin, H. La Kussie d'Europe. Paris 1866, 8°. 
441 pag. 



Meijboom, L. 8. P. De godsdienst der oude Noor- 
mannen. Haarlem 1867, 8°. 

Em-hcint lkf«rang»wei«e in 8 Heften. 

Muston. Recherche* anthropologiques sur le pays 
de Montbüliard. Montbeliard 1866, 8®. !*• par- 
tie, 457 pag. 

Obermüller, W. Deutsch - keltisches , geschicht- 
lich - geographisches Wörterbuch zur Erklärung 
der Fluss-, Berg-, Orte-, Völker- und Personen- 
namen Europas, West- Asiens und Nord- Afrikas 
im Allgemeinen wie Deutschlands insbesondere. 
Nebst den sich daraus ergebenden Folgerungen 
für die Urgeschichte der Menschheit. Leipzig 
1866, 8°. 

Er»ch«inl lieferungsweise. 

Paykull, G. W. En sommar p& Island. Rese- 
skildringar. Stockholm 1866, 8°. 

Pogatschnigg, V. Beiträge* zur deutschen Mytho- 
logie aus Kärnten. (Carinthia 1866, September, 
S. 389—393, 1867, IV, S. 162—168.) 

Primaudaie, Elie de la. Les Arabes en Sicile 
et en Italic. Etüde historique et geographique 
d'apres des documens nouveaux ou inedita. (Nou- 
velles annales des Voyages, 1866, Aoüt, pag. 129 
— 189, Septembre, pag. 271 — 368.) 

Schneller, Christian. Südtirol nach seinen geo- 
graphischen, ethnographischen und geschichtlich- 
politischen Verhältnissen. (Oesterrcichieche Re- 
vue, 1867, S. 101 — 116; erster Artikel.) 

Schubring, Dr. J. Sicilische Studien. (Zeitschrift 
der Gesellschaft für Erdkunde. Berlin 1866, 
Xr. 2, S. 133—158.) 

Simonin, L. L’Etrurie et les Etrusques. Paris 
1866, 8®. 40 pag. 

S«|>araUlnlnick au* den Octoberkefte «ler Revue na- 
tionale. 

Sleeper, M. G. Fonthill Recreations. The Me- 
diterraneau Islands ; Sketches and stories of their 
scenery, cuatoms, history, Paintcrs. Boston 1866, 
16°. 278 pag. 

Stäche, Guido. Die Bewohner deß istrischen Kü- 
stenlandes. (Oeeterreichische Revue, 1867, S. 
124 — 133, erster Artikel.) 

Thoemmel, Gustav. Geschichtliche, politische 
nnd topographisch -statistische Beschreibung des 
Vilajet Bosnien. Wien 1867, 8°. 210 S. 

Thomee, G, Sverige. Illustrerad Handbok for 
Resandc. Stockholm 1866, 8®. 388 S. 

Vrcevic, V. (Sagen aus der Herzegowina.) (Du- 
brovnik , Zabavnik narodne. Rngusa 1867, 
8 ») 



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Verzeichniss der anthropologischen Literatur. 



123 



Afrika. 



Baker, Samuel White. Der Albert-Nyanza, das 
grosse Becken des Nil and die Erforschung der 
Nilquellen. Aus dem Englischen von Martin, 
mit Holzschnitten und Karten. I. Band. Jena, 
M. Costenoble, 1867, 8°. 

Cohen, A. Lettre sur lea jaifs de l’Algerie et 
de Tuggurt. (Recueil de notices et de meraoi- 
reB de la aocietä archeologique de la province 
de Constantine. VoL X, 1866, pag. 1 — 16.) 

Klunzinger, Carl Benjamin. Statistisch-topogra- 
phiscb-ethnographische Schilderung von Koeaeir. 
(Zeitschrift der Gesellschaft für Erdkunde. Ber- 
lin 1866, S. 238—272, 292—319.) 

Mitterrutzner, J. C. Die Dinka-Sprache in Cen- 
tral -Afrika. Gnadau 1866, 8°. 



Pollen, Francois P. L. Eonblik in Madagascar 
Lejden 1867, 8°. 49 S. 

Portal, Fxdddric. A compariaon of egyptian Sym- 
bols with those of the Hebrewg. Tranalated 
from the French by J. Simonda New-York 
1866, 12®. 85 pag. 

Rowley. Erlebnisse unter den Mangandscha-Ne- 
gern in Südafrika. (The univeraitiea misaion to 
Central-Afrika. London 186b. Aualand 1867, 
Nr. 11 und 12.) 

Schlegel, J. B. Schlüssel zur Ewe- Sprache mit 
Wörtersaramlung. Bremen 1866, 8°. 

Thiora, Henri. Les mythes religieux de l'Egypte 
d'apres les anoiens roonuments recemment decou- 

\ verts. (Revue contemporaine , Vol. LXXXYIII, 
1866, pag. 41 — 70.) 



Amerika. 



Ahrena, J. B. A. Mexico und mexicanische Zu- 
stände in den Jahren 1820 — 1866 Göttingen 
1866, 8°. 123 S. 

Almagro, Dr. M. de. Breve descripcion de loa 
viajea hechos cn America por la Comiaion eien- 
tifica enviada por el Gobierno deS. M. C. durante 
los anoe de 1862 — 1863. Madrid 1866, 4°. 174 
pag- 

Angclo, C. Aubrey. Sketches of travel in Ore- 
gon and Idaho. New-York 1866, 8®. 181 pag. 

Annuaire du Comit4 d’archuologie americaine. 
Paria 1866, 8°. 232 pag. 

Enthält , nebst manchem l’eberttüasijje» . einige »ehr 
lesenswerthe Aufsätze, worunter besonder» jene «les Dr. 
de Moussy: Coup d’oeil »ur l'tiUtolre du bassin de la 

Plata avant la decouverte und : de Piudustne indienne 
dans le bassln de la Plata k Ffyoqu« de la dlrourrrt« et 
de l’etat social de ln population k «ette e|>o.|ur hcrvnrzu- 
heben sind. Die Eintheilung ist »ehr zweckwidrig und 
unbequem; da» Aussehen uud die Ausstattung ohne irgend 
einen Anspruch auf Gefälligkeit. Amerikanisten «lürten 
aber dies« Sammlung keinesfalls übersehen. 

Annas y Cespedes, Fr. de. De la esclavidud en 
Cuba. Madrid 1866, 4®. 482 pag. 

Bowles, Samuel. Acrogs the Coutinent; a sum- 
mer’s Journey to the Rocky Mountains, the Mor- 
mon and the Pacific States. Springfield. Hass 
1866, 8°. 452 pag. 

Brinton, D. G. The Sbawneee and their rnigra- 
tions. (Historical Magazine. New-York, Januarv 
1866.) 



Bullock, W. H. Acroas Mexico in 1864 — 1865 
London 1866, 8°. 396 pag. mit Karte. 

Iler Verfasser war Corrcspondcnt der Daily News wäh- 
rend de» frnozösischm Feldzuges in Mexico; das Werk 
besteht meist au* Skizzen über Land und Leute; B ullock 
durrhHltc da* Land in verschiedenen Richtungen und gifht 
bei seiner ziemlich unpertheiUcben Anschauung manche 
Anhaltspunkte, auf deren Grundlage »ich der Leser ein 
Unheil zu bilden vermag, welche» jedoch nicht sehr tröst- 
lich ausfillt; eine vollständige Indifferenz und ein schlaffe» 
GehcnlaMcn, dabei die Leidenschaften de«. Spiele«, die* 
»in«l die llauptxüge im Charakter de* Volke», dessen beste 
Eigenschaft noch seine HötiUhkcit ist. 

Cuba, its Resources andDostiny. (National Quar- 
terly Review. New-York, December 1866.) 

Domenech, EmanuoL Le Mexique toi qu’il est. 
La verite sur sou climat , hob habitunts et son 
gouveruemeut. Paria ». a. 8®. 

Fletcher, James and Kidder, D. P. Brazil and 
Braziliang; portraved in hiatorical and descrip- 
tive sketches. Boston 1866. 8°. 640 pag. 

Fuentes, M. A. Lima, apuntefl historious, do- 
Bcriptivos, estadisticos y de coatumhres. Paris 
1866, 8®. 237 pag. 

Hunter, D. J. A sketch of Chili. New-York 1866, 
8°. 181 pag. 

Indian Superstitions. (North American Review. 
Boston, July 1866.) 

King, Thomas Starr. The white Hüls: their le- 
gends, landscapo and poetrv. Boston 1866, 8°. 
408 pag. 

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124 



Verzeichniss der anthropologischen Literatur. 



Kollonits, Paula Gräfin. Eine Reise nach Mexico 
im Jahre 1864. Wien 1867, 8°. 244 S. 

Die Verfasserin begleitete als Hofdame die Kaiserin nach 
Mexico und benutzte ihren etwa »rvhsmonatlichen Aufent- 
halt in diesem Tropenlande, umflicht allein von «len über- 
wältigenden Bildern einer innjr*täti<chen Nntnr «ich ent- 
zücken zu lauen — wo» jede Zeile des Buche* verrät h — 
sondern auch um *ich unter dem Volke tüchtig utnzu*e- 
heu. Wenn auch vielleicht ursprünglich nicht zur Ver- 
öffentlichung bestimmt, bietet «Io* Buch doch tiefe Hinblicke 
Ln da* Leben de* mexicani neben Volke* und in die Schwie- 
rigkeiten, die »ich gleich von allem Anfänge her dem Un- 
ternehmen de* Kaiser» Max entgegen! hiirmten. Mu lernt 
daraus einsehen , diu» Mexico keine Ausnahme von den 
übrigen spanisch - amerikanischen Ländern bilde und dort 
da» ganze Staatsleben sich um die Rayenfrage drehe, Nicht 
die Freiheit ist da» Ideal der liberalen, die meist aus 
Mischlingen bestehen ; die Unordnung und Anarchie, also der 
Kampf gegen jede geordnete, welch’ immer Namen habend« 
Regierung , Ist daa Lebeuselement jener nassen , welche 
allein Energie besitzen, während die an Zahl weitaus über* 
legeneu indianischen Einwohner ein ruhiges , friedfertige» 
Volk sind (mit Ausnahme der nördlichen Stämme) , wie 
geschaffen um von den Mestizen geknechtet zu werden. 
Pie Darstellung ist glänzend, die Ausstattung de* Werke* 
Seitens der Gerold’acheu Verlagsbandlung elegant und 
geschmackvoll. 

Larsen, J. M. America antecolombiana 6 sea no- 
tici&B »obre algunaa interesantes ruina« y «obre 
los viageB en America anteriores k Colon. Bue- 
nos Ayres 1866, 8®. 270 pag. 

Magnin, Francois. Trois mois de captivite chez 
len Indiens de l'Amerique du Sud. (Revue con- 
temporaine 1866, VoL 88, pag. 647 —668.) 

Milton and Cheadle, W. B. Yoyage de l’Atlan- 
tique au Pacifique a travers le Canada, les rnon- 
tagnes Rocheuses et la Colombie. Traduit de 
runglais par J. Belin de Launay. Paris 186C, 
8°. 393 pag. 

Neue« über dio Guarani und Botocudoa. (Un- 
sere Zeit, 1866, Bd. IX, S. 232—241.) 

OnffYoy de Thoron, Don E. vicomto. Aine- 
rique äquatoriale, son histoire pittoresque et po- 
litique, sa geographie et ses richesses naturelles, 
son etat preBent et son avenir. Paris 1866, 8°. 
688 pag. 



Pe&le, P. On some Bpecimens of Indian pottery. 
(ProceedingK of the American Philosophical So- 
ciety of Philadelphia. Vol. X, 1866, Nr. 75.) 

Pointei, P. Los RioB de la Plata. Saint Malo 
1866. 

Scully, W, Brazil, ita provinces and chief cities, 
the manners and customs of the people. London 
1866, 8°. 398 pag. 

Smith, Buckingham. Comparative Vocabularies 
of the Seminole and Mikasuke Tongues. (Histo- 
rical Magazine. New- York, August 1866.) 

Tschudi, Joh* Jac. v. Reisen durch Südamerika. 
Leipzig 1866, 8°. 

Bis jetzt *i»d zwei Iläude roo diesem Werke erschieue», 
in welchem nebst dem geographischen auch ein reiche* 
ethnographische* Material nufgostapflt ist. Herr von 
Tsvhudi wendet den Spuren der Geschichte bei den von 
ihm angetroßenen Völkern ein Hauptaugenmerk zu ; alte 
Bauwerke und Steinmonumente fesseln seine Aufmerksam- 
keit und sind durch die Zeichnung auch dem Leser ver- 
anschaulicht. Wer je sich mit dem mühsameu Forschen 
über c|ie Urgeschichte der amerikanischen Autochthonen 
beschäftigt hat, wird es Herrn v. Tschudi zu besonderem 
I Linke wissen, da** er in »eine anziehenden Reiseerlebnisse 
und Schilderungen auch seine Beobachtungen über das, wa6 
man noch kaum Gesdiichte jener Völker zu nennen wagt, 
mit eingeflochten hat. Langjährige Erfahrungen durch 
wiederholten Aufenthalt in .Südamerika, die gründliche 
Kenntnis* mehrerer indianischen Sprachen und Dialekte, 
ein tiefe* Wissen und ein ausgedehntes Quellenstudium, 
stehen ihm hei »einen Forschungen unterstützend zur Seite. 
I>a» Werk dürfte etwa in fünf Bänden (nach de* Verfas- 
sers Angabe) vollständig werden. Die Brockh u u a’sclie 
Verlagshandlung hat alle ihre Kräfte aufgeboteu, um das- 
selbe würdig auszustatten, und iüiertreffen besonder* die in 
den Text eingedruckten Holzsrhnitte Alle», was wir bisher 
in diesem Fache gesehen. 

Vetromile, Eugene. The Abnakia and their Hi- 
story: or Iiiatorical Notices of the Aborigineü of 
Acadia. New- York 1866, 12°. 171 pag. 

Wyoming. The Valley of — , the romance of ita 
hiatory and ita Poetry. New-York 1866, 8°. 153 
pag- 



Asien, Australien und Oeeanien. 



Abbadic, A. d\ L'Arabie, ses habitants, leur etat 
social et rcligieux, a propos de la relation du 
voyago de M. Palgrave. Paris 1866, 8°. 75 

Pag- 

Androe, Richard. Das Amur -Gebiet und Beino 
Bedeutung. Leipzig 1867, 8®. 

Populäre Darstellung. 

Bastian, A. A vieit to the ruinod cities and buil- 
dings of C&mbodgia. (Journal of the Royal geo- 



graphical Society. London, Vol. XXXV, 1865 
pag. 74—87.) 

Bastian, A. Beiträge zur Kenntniaa der Gebirga- 
atämine in Kambodgia. (Zeitschrift der Geaell- 
achaft für Erdkunde. Berlin 1866, Nr. 1.) 

Bastian, A. Die Karen im Yemzalendiatrict. 
(Zeitschrift der Gesellschaft für Erdkunde. Ber- 
lin 1866, Nr. 2, S. 128—132.) 

Ethnographisch interessant. 



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125 



Verzeichniss der anthropologischen Literatur. 



BaBtian, A. Die Völker des östlichen Asien. Stu- 
dien und Reisen. Leipzig 1666, 8°. 

Bisher *ind iw«i Bände diese» Werke* erschienen; der 
ente behnndelt auMchliesalkh die bk» jetzt beinahe so viel 
als gänzlich unbekannte Geschichte von Bimia, l*egu, Siam 
und Kambodgia und führt auch den Separat titc) : Geschichte 
der Indorhincüen. I)n Dr. Bastian hiezu bisher noch 
tinrr*ch)osftcne Quellen benutzte, so darf man dieses Buch 
wohl ab das Vollständigste betrachten, was über diesen 
Gegenstand veröffentlicht wurde. I>cr zweite Band um- 
fasst Bastian’« Reisen in Birma in den Jahren 1 HAI — 
1862 und bietet eine reiche Fülle höchst interessanter 
Details über die Kinwohnrr jenes Landes. 

Beauvais, E. Etudes nur Ja race nordaltaique. 
(Revue orientale ot amüricaine, T. IX, Nr. 52.) 

Bush, Charles B. Five yeare in China. Phila- 
delphia 1866, 16°. 264 \ ’>ag. 

Da# Buch hebandeit das Mb*i«nsleben des verstorbenen 
Re'. William Aitchison in China in den Jahren 1864 
— 1859, ist sehr interessant geschrieben und enthält zahl- 
reiche Bemerkungen über sociale und religiöse Zustände 
der Chinesen. 

D&mas, B. P. do. Yoyagee en Orient ; Sinai et 
Juduo. Arnis 1866, 8'\ 510 pag. 

Doolittlo, JustUB. Social lifo of the Chinese. 
New-York 1866, 8«. 2 Bde. 

Foer, L. Le Birma et les Birmans; ecjour d’un 
medecin europeen h la cour de Mandalay. (Re- 
vue des deux Mondes, l w Novembre 1866.) 

Gorstonborg, K. v. Skizzen aus dem Kaukasus. 
(Ausland 1866, Nr. 33, 34, 35.) 

Gobine&u, Comte de. Les religions et les phi- 
loeophies dans l'Asie Centrale, 2”“ c-dition. Paris 
1866, 8» 543 pag. 

Hardy, R. Spence. The legends and theories of 
the Buddhists, compared with historv and scionce. 
London 1866, 8*. 244 pag. 

Hort, Mrs. A. Heuce or life in Tahiti. London 
1866, 8°. 2 Bde. 

Humbert, Airne. Le Japon. (Tour du monde, 
1866, 2°* semestre, pag. 1 — 80.) 

Der Verfasser war früher Schweizer Gesandter in Jnpiut. 
Zahlreiche Illustrationen begleiten diesen Iwnswcrthcii 
Aufsatz und sind t hei in nach l’hotographieen , thrils nach 
jspanesischen Zeichnungen nngefertigt. 

Humphrey, Mrs. E. J. Six years in India or 
sketcheg of India and ite peopla as seen bv a 
Lady Missionary. Given in a series of letten to 
her mother. New-York 1866, 16°. 286 pag. 

Jagor, P. Singaporo, Malacca, Java. Reiseskizzen. 
Berlin 1866, 8*. 252 S. 

Höch»t anziehende Schilderungen von Land und Leateu. 

Je&n, P. A. L’Asie septentrionale. Nouvelleß de- 
couvertes geographiques et ethnologiques. (Etu- 
des religieuses, bistoriquea et litterairee, Avril 
1866.) 



Indien. Die Urbevölkerung Indiens. (Ausland 
1866, Nr. 52, S. 1239—1242.) 

G, Campbell’* Abhandlung in den 1‘roceoding* i>f the 
A»intic Society of Bengal 166«, mit einigen Zusäuen. 

Juelg, Bernhard. Die M&hrchen des Siddhi-Kür. 
Leipzig 1866. 

Junghuhn, F. W. Licht- en sch&duwbeelden uit 
de binnenlanden van Java. Amsterdam 1866, 8°. 

Noch detu Tode des Verfassen» heraungegebeu. 

Khanikoff, N. de. Memoire sur l’ethnographie 
de la Pom. Paris 1866, 4°. 146 pag. 

Sapumtabzug aus den Mdmoire* der I’ari«cr geographi- 
schen Gesellschaft. Eine Besprechung dieser Arbeit durch 
H. Zotenberg sieh«: Revue critit|u« d’hUtoire et de 
litt&rnture, 186«. II, p»g. 873 — 375. 

Kromor, Alfred von. Ueber die südarabische 

Sage. J^eipzig 1866, 8°. 150 S. 

Lange rahauaen. Waffen und Geriithschaften der 
Duvaken auf Borneo. (Ausland 1867, Nr. 13, 
S. 305.) 

Le Mösle, G. I.es Cambogiens. (Bulletin de la 
Societe de geographie de Paris. Aoüt 1866, 
pag. 113 — 139.) 

Beschreibende Notiz über Land und Leute. 

Mason, P. Phyeical character of the Karens. 
(Journal of the Ariatic Society of Bengal, 1866, 
Part II, Nr. 1, pag. 1 — 30.) 

Ethnographisch wichtig. 

Padt-Bruggo, R. ßeschrijving der zeden en ge- 
woonteti van de bewoners der Minahassa. (Bij- 
dragen tot d© taal-, land- en volkenkunde van 
Nederlandsch Indiü, 1866, pag. 304.) 

Pictet, A. Les origines iudo - europeennee ou les 
Aryas primitifs; essai de paleontologic Unguis- 
tique. Paris 1866, 8*. 547 pag. 1** partie. 

Pompe van Moordervoort , J. L. C. Vijf jaren 
in Japan (1857 — 1863). Bijdiagen tot de Ken- 
nis van het jipuuche Keizerryk en zijne bevol- 
king, 1867, 8°. 

W. J. Pritchard. Polynesien Retniniscences or 
Life in the South Pacific Islands. London 1866 
(im Auszug im Ausland. 1867, Nr. 13, S. 289 
und Nr. 14, S. 316). 

RadlofT, W. Die Sprachen der türkischen Stämme 
Südsibiriens und der dsungari schon Steppe. St. 
Petersburg 1866, 8°. 434 S. 

Spiegel. Semiten und Indogcrm&nen. Ausland 
1>67, Nr. 14, S. 314, Nr. 15, S. 344. 

Darlegung und Kritik der Itenan’achen Anschauungen 
über diese beiden grossen Menscbenntämtne. 

Webb, Edward. Hindoo Life, with Picturos of 
the Men, Women and Children of India. Phila- 
delphia 1866, 8°. 63 pag. 



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126 



Verzeichnis« der anthropologischen Literatur. 



IV. 

Zoologie 

in Beziehung zur Anthropologie. 



Dareste. Sur le mode de production de certainee 
ra$es danimaux domeetiques. (Comptes reudus 
1867, Nr. 9, Mars, Tome 64, pag. 423.) 

Bei Haust hieren gebe ?s Anomalieen , die genau die 
anatomischen Charaktere einer anderen R»c« darstellrn ; 
Entstehung von Kay'* 0 auf diesem Wege (gewöhnliches 
Huhn mit dem Charakter der Hollenhühner, Kopf eine» 
Kalb« Hämischer Rap« mit dem Charakter de« Südamerika- 
nischen Xinta-Ocbsen), 

Dagegen: Sanson (ibid. Xr. 12, Tome 64, S. 669). 
Krvriderung wo Darectv (ibid. Nr. 14, Tome 64, 8.7441) 
and Geg«nerwiderung von Sanson (ibid. Nr. 16, Tome 64, 

8. 822). 

Th. I». Biachoff. Uebcr die Verschiedenheit in der 
Sch&delbildung des Gorilla, Chimpanse und Orang- 
Outang, vorzüglich nach Geschlecht und Alter, 
nebst einer Bemerkung über die Darwinsche 
Theorie, 4°. 94 S. t mit 22 Taf. in Fol. München 
1867. Verlag der Akademie. 

Verfasser hat Gelegenheit gebäht, 8 Schädel vom Go- 
rilla (2 <f, 8 9, 3 junge), 13vora Chimpans4 (2 cP, 

7 9 und 4 junge) und 84 vom Orang-Üutang (7 cf, 
12 ? , 15 junge) zu untersuchen. Auf 18 Tafeln sind 
die Schädel de» erwachsenen männlichen Gorilla, Chim- 
pnns£ und Orang • Outang und eben«» die der weiblichen 
Thiere in je drei Ansichten in natürlicher Grösse darge- 
stellt. Vier weitere Tafeln sind den Schädeln der jugend- 
lichen Thiere gewidmet. Sämmtlühe Figuren sind nach , 
photographischen Aufnahmen aus dem Atelier des Hofphnto- 
graphen Alhcrt nuf Stein gezeichnet. 

Biachoff. Ueber zwei weitere, ihm von Pari» 
zugeaendete männliche Chimpanse - Schädel. 
(Sitzungsberichte der königlich bayerischen Aka- 
demie der Wissenschaften 1867, S. 283 und ff.) 

Bischoff. Ueber einen im Besitze des Dr. Au- 
zoux, Verfertiger plastisch - anatomischer Prä- 
parate in Paris, befindlichen männlichen Gorilla- 
und einen im oatnrhUtcrischen Museum zu Brüs- 
sel befindlichen weiblichen Chi mpansti -Schädel 
mit sechs Backenzähnen (ebendaselbst S. 445 
und ff.). 

J. Fr. Brandt. Zoographiscbe und palftontolo- 
gische Beiträge. (Verband! der Kaiser!, russisch, 
minernlog. Gesellschaft zu St. Petersburg, 1867, 
2. Serie, II. Band.) 

Der Verfasser hat mit grösster Vollständigkeit alle Nach- 
richten Über die frühere Verbreitung de» Kennthier» , de» 
(Trochäen und des Bison zusmaracngesteilt und diese für 
die Urgeschichte de# Menschen wie für die Kenntnis» der 
damaligen klimatischen Verhältnisse Europas so überaus 
wichtigen Thiere auch in Bezug auf ihre jetzigen Wohn- 



orte, ihre letzten noch lebenden Reste oder ihr Verschwin- 
den betrachtet. Auch dieser Forscher zweifelt nicht, das« 
da« Kennthier, von den Griechen mit dem Kien aU 
tarando« zu*amroengc*telit, noch zu Cäsar’» Zeit Deutsch- 
land bewohnt hat und zeigt, dass auch die Stelle de bello 
Gail. VI. 26 : „Est ho» cervi figur» etc.“ nur auf da« 

Kcnnthier bezogen werden kann. Sein Vorkommen in 
Mitteleuropa »etit MaHWIgi ein arktische» oder subark- 
tische* Klima voraus, wie Morlot und Lartct geglaubt 
habet). Die frühere grössere Kälte in Gallien und Germa- 
nien, die uns von römischen und griechischen Schriftstel- 
lern berichtet wird, war dem Aufenthalt des Kenntliiers 
günstig und lässt »ich schon aus der stärkeren Bewaldung 
dieser Länder in jener Zeit erklären. Auch jetzt kommt 
das Rennthier in Sibirien bi# 49°, in CMasicn bi* 46° 
nördlicher Breite vor, und im europäischen Russland, in 
den Gouvernements Nowgorod und Twer in Breiten, die 
dem mittleren Theile von England entsprechen. Man darf 
annehmen, das# es mit den grossen Paebydertnen aus Asien 
kam. In England und Schottland fehlen «eine Reste nicht 
im Torf; wenn sie in celtischeu Grabhügeln nicht Vor- 
kommen, so mag es in Frankreich schon ausgerottet ge- 
wesen sein, als es in Deutschland noch lebte, auch war 
nicht ganz Frankreich von Gelten bewohnt. Zu Aristo- 
teles’ und zu Theophrast’s Zeit lebte es noch im Lande 
der Budinen und Scythen; ilaaa es nach der unsicheren 
Angabe des Gasten Phöbu* vor 500 Jahren noch in 
den Pyrenäen gelebt haben w>H , ist höchst unwahrschein- 
lich, aber im 12. Jahrhundert wurde es noch in Schott- 
land gejagt. 

Der Bison, Wisent, Zubr, fälschlich Auerochse ge- 
nannt, hos bonasus I«, bison europ., ist mit Iw* antiquus, 
bos latitron», bos priaena und hi«on amerie. dasselbe Thier; 
alle diese Namen bezeichnen nur linken einer und dersel- 
ben Urform. Im Bialowiezaer Walde in Polen wurden 
1863 noch 874 Bisontcn gehegt, aber da# Thier lebt auch 
noch wild in den Gebirgen des Kaukasus nach einer An- 
gabe von 1865. In Siebenbürgen wurde der letzte Bison 
1814, in Preu##«n 1755, nicht 1809, wie Eichwald au- 
girbt, geschossen. In der Moldau kam er noch im vori- 
gen Jahrhundert vor. Da er in Ekkehart’s lienedictio- 
ne# angeführt wird, *o nimmt der Verfasser gegen Rtiti- 
meyer an, da»» er bis ins 11. Jnhrhnndert in der Schweiz 
gelebt habe. In den Gesetzen der Alemannen nus dem 6. 
oder 7. Jahrhundert werden Bison und Rubeln* ul* zur 
Brunstzeit zu -i honende Thiere bezeichnet. Nach Taci- 
tus, German. V 11, 72, lieferten die Germanen den Römern 
die Häute wilder Ochsen als Tribut. 

Der 1’ roch * , bos primigenlu», ist das Stammthier de» 
bo» tnnrus, während der Bison nie gezähmt wurde. Bo# 
trochocenv-, bos fron tos us, bos longitrons sind Varietäten 
derselben Art. Im 1 6. Jahrhundert knm ei noch in Polen 
vor, aber wie es scheint nur noch als gehegte# Thier; im 
14. Jahrhundert noch in Böhme». Da er :rüher ver- 
schwand als der Bison, so ging »ein Name auf diesen über. 
Herberstain tadelt es schon 1551, dass man den Bison 
Auer nenne; selbst l’linius klagte bereits, dass da* un- 
erfahrene Volk die uro* bubalos nenne. Nach Pauaa- 
nia*, Phocic. X, 13, worden die wilden Ochsen in Grie- 
chenland in Gräben gefangen, um sie zu zähmen. Eh gel- 



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127 



Verzeichniss der anthropologischen Literatur. 



tvu die weissen wilden Ochsen Je* l’ark* von t'billingbam 
in Schottland al# die reinsten Nachkommen des bos pri- 
migenius, von dem Rütinieyer uucb da» Vieh in Hol- 
land, Norddeutschland und Ungarn herleilel. 

Die fossilen Reste des Ur und Bison kommen meist mit 
denen des Kenntliiers, des Mammuth und Rhinozeros vor 
nnd viele Umstünde sprechen dafür, da»» diese Fauna der 
quaternären Zeit ln Folge der in Nordasien eingetretenen 
hohen Kälte aus Asien in Europa eingewandert ist; viel- 
leicht folgte diesen Thieren auf ihrem Zuge der Mensch, 
der von ihrer Jagd lebte. Man konnte fragen, ob nicht 
die kräuterfressenden Gattungen cervus und bos früher 
zur Auswanderung genöthigt gewesen seien als das von 
Zweigen und Zapfen der Nadelhölzer lebende Mammuth 
und Khinoccro». Die von Lartet aufgestellten und be- 
reit» von Garrigou in anderer Weise geordneten Thier- 
alter der quaternären Zeit haben keiuen Anspruch aul all- 
gemeine Gültigkeit. Die Aufeinanderfolge der Thier- 
geschleckter war nicht Überall dieselbe. Will man mit 
Lartet in Europa die Periode des Reuntbiers der des 
Auerochseu vorausgehen lassen, so gilt tur Sibirien dos 
Gcgentheü. Da» älteste Thier der quaternären Zeit scheint 
das Mammuth xu sein, nicht der Höhlenbär, den Lartet 
vor dein Mamiuath und Nashorn schon ausgestorbrn »ei» 
lässt. Dagegen spricht auch die jetzt fmtgestellte Ueber- 
elustimmuug in Allen wesentlichen Theilcn von ursus spe- 
laeus und ursu» arctos. Merkwürdig ist, dass Nordaalen 
und der Norden von Osteuropa, wiewohl sie in der ter- 
tiären Zeit wahrscheinlich durch einen da» Caspische Meer 
und den Aralsee mit dem Eismeer verbindenden Meeres- 
arm ein viel mildere» Klima hatten und Wälder bis zur 
Nordküste wuchsen, doch keine subtropische Fauna auf- 
weisen, wie sie für England, Frankreich, Deutschland und 



Italien durch Affen und tapirähnliche Säugctbiere bezeich- 
net ist. Die klimatischen Verhältnisse dieser Periode aber 
erscheinen für das Dasein de« Menschengeschlechtes io je 
nen Ländern viel zusagender als da» später so viel kälter 
gewordene Klima derselben. Schaoffhauaen. 

G. Jäger. Thiergeographische 8tudien. 4) Sperling, 
Schwalbe, Storch. ( Ausland 1867, Nr. 11, S. 
248.) 

Nach Jäger ist der Hnussperling — den man in 
jenen Gegenden Asiens wild findet, in welchen man auch 
den Weizen und die Gerste wild antrifll, nämlich in den 
Gegenden zwischen dem schwarzen und kaspisrhen Meer 
und Mesopotamien (also den ursprünglichen Wohnsitzen 
der ari scheu Völkerfamilie) — ein Einwanderer aus Vor- 
derarien, der in Begleitung ackerbauender Völkemtimroe 
in unsere Gegenden kam, wie c r auch in neuerer Zeit 
diesen nach Amerika und Australien folgte. Der Mensch 
ist also das veranlassende Moment der Einwanderung die- 
ser Vögel in Europa, fu ähnlicher Beziehung, wie der 
Sperling zum Ackerbau, steht die Schwalbe zur Vieh- 
zucht. Ihre Einwanderung fiel also wohl zusammen mit 
dem Einzuge viehzuchttreibender Völkerstämme. Der 
Storch, der ebenfalls in Vordcnuien wild angetroffeu 
wird, int wohl unter dem Schutz de* Storchencultus ost- 
wärts gewandert. 

Redfleld, James W, Comparative Physiology, 
or Resomblances between Men and Animal?. 
New- York 1866, 8°. 334 pag. 



V. 

Allgemeine Anthropologie. 



Abbey, B. Diuturnity or the comparative Age 
of tke world, showing that the human race is 
in the infancy of its being, and demonstrating 
a reasonable and rational world, and its immense 
future duration. Cincinnati 1866, 8*. 360 pag. 

Broca. Artikel „Anthropologie“ in Nouveau Die- 
tionnairo encyclopedique des Science« medical es. 

Dubois, Henry. Analysis of Darwiu, Hux- 
ley and Lyell; being a critical Examination 
of the views of theee Authors in regard to the 
Origin and Antiquity of Man. Ncw-York 1866, 
8°. 94 pag. 

Separatubdruck aus der American (Junrterljr Church 
Review. 

Hunt. On the Doctrine of continuity applied to 



anthropology. Anthrop. review. Januar 1867. 
S. 110. 

Peschei, Oscar. Nene Probleme der vergleichen- 
den Erdkunde (7), Prädestination der Inseln 
und ihrer Bewohner (Ausland 1867, Nr. 8, S. 
169). 

Verfasser bespricht unter Anderem den conservircndeu 
Einfluss, welchen da» insulare Leben auf die Bewohner 
hat, der »ich in Erhaltung alterthlimlicher Sprachen, Sit- 
teu und Gebräuche kund glebt; dann den Kinfinss der 
europäischen Einwanderung auf die Bewohner abgelegener 
Inseln oder Wcllinseln. Es sterben diese, ebenso wie die 
einheimischen Gewächse den europäischen CulLur- und 
Schmnrotzerpflnnzm, die einheimische Thierwelt den Zucht-, 
und SchroaniUerthicrcn erliegen , unter dem genannten 
Einfluss rn*ch aus, während die Bewohner grosser Conti- 
nente (Neger) demselben siegreich Stund halten. 



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vul 

Ueber die Mikrocephalen oder Affen -Menschen. 

Von 

Carl Vogt. 

(Hierzu Tafel 1 bi* 26.) 



Einleitung. 

Ich beabsichtige in dieser Arbeit gewisse, glücklicherweise seltene Fälle von Idiotismus zu 
behandeln, welche durch angeborene Unzulänglichkeit des Hirnsystems bedingt sind 
und die man von den anderen Formen des Blödsinns, welche meistens nach der Gehurt durch 
verschiedene Krankheitsursachen bedingt werden, wohl unterscheiden muss. 

Die geistige Tbätigkeit des Gehirns kann durch eine Menge verschiedener Ursachen mehr 
oder minder tief beeinträchtigt, auf kürzere oder längere Zeit und selbst für das ganze Loben 
des Individuums aufgehoben, ja fast gänzlich vernichtet werden durch acute oder chronische 
Krankheiten mannichfaltiger Art, welche wieder in ihrem Wesen sehr verschiedene, aber in ihren 
Wirkungen ähnliche pathologische Veränderungen hinterlassen. 

Wir wissen heute, dass die ersten Ursachen jener halb verthierten Zustände, die wir unter 
dem Kamen des Cretinismus begreifen, sehr verschieden, dass sie mit einander sehr unähnlichen 
Verbildungen des knöchernen Schädels, der Umhüllungen und der Substanz des Gehirnes selbst 
verbunden Bein können, dass Ausschwitzungen, Schlagllüsse, Entzündungen, allgemeine oder 
theilweisc Wassersüchten im Inneren des Schädels ganz die gleichen Folgen für die intellectuelleu 
Thätigkeiten des Gehirnes haben können, während die anatomischen Veränderungen, die von 
diesen Krankheitsursachen erzeugt sind, oft einander gerade entgegengesetzt sein können. 

Ich gehe auf die Analyse dieser Fälle, die man als Krankheitszustände des ursprüng- 
lich normal gebildeten Gehirnorganes bezeichnen kann, in keiner Weise ein; ich behandle 
hier nur die eigentliche Mikrocephalie, in welcher durch eine Bildungshemmung, 
die während des Lebens des Fötus im Mutterleibe eingetreten ist und zwar aus 
noch unbekannten Ursachen, das Gehirn des Embryosauf einer niederen Stufe der 

ArchiT für Anthropologin. Bd. II. lieft IL 17 



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130 



Ueber die Mikrokephalen oder Affen -Menschen. 

Ausbildung stehen bleibt und wo demnach das Kind mit einem wesentlich verringerten und 
in seinen Formen bedeutend veränderten Gehirne geboren wird. 

Ich schliesse ebenfalls die nicht lebensfähigen Missgeburten aus, welche mit theil- 
weisem oder gänzlichem Hirnmangel zur Welt kommen, die Acephalen und Anencephalen u.s.w. 
Ich beschränke mich einzig auf diejenigen von Menschen erzeugten Wesen, die lebens- 
fähig geboren wurden, wirklich gelebt haben und bei «eichen man bei der Geburt ein 
verhältnissmässig zu kleines Gehirn und einen Uber dieses reducirte Gehirn geformten winzigen 
Schädel findet. 

Das menschliche Gehirn muss, wie wir wissen und abgesehen nou jeder anderen Eigentüm- 
lichkeit der Gestalt und inneren Structur, ein gewisses Minimum an Volumen und Gewicht 
besitzen, unter welches es nicht hiuabsinken darf, ohne dass seine Functionen und namentlich 
die Geistesthätigkeiteu eine empfindliche Störung erleiden. Die Mikrocephalie bildet, wie 
aucli ihr griechischer Name andeutet, gerade jenen Zustand, wo die Schädelkapsel und 
das dariu eingeschlogsene Gehirn die niederste dem Menschengeschlechte zuge- 
sprochene Grenze nicht erreicht haben und wo schon vor der Geburt in Folge der er- 
wähnten Bildnngshemmimg die Hiruthätigkeiteu gestört sind. 

Die Fälle von Mikrocephalie sind, ich wiederhole es, ziemlich selten; Schädel und Gehirne 
von Mikrocephalcn gehören zu den wertvollsten Stücken pathologischer Sammlungen ; trotz viel- 
facher angestrengter Bemühungen habe ich in der ganzen mir zu Gebote stehenden Literatur 
nur etwa 40 Fälle auffinden können, von weichen mehrore sogar wahrscheinlich entweder dop- 
pelt aufgezälilt sind, oder aber den durch spätere Krankheit erzeugten Idioten zugezählt werden 
müssen. Ich werde diejenigen Fälle, welche ich nicht selbst habe beobachten können, nur mit 
Angabe der Quellen citiren, dagegen im Einzelnen die Schädel und Lirnausgüsse behandeln, 
welche ich der ausgezeichneten Gefälligkeit der Directoren derjenigen Museen verdanke, wo die 
Gegenstände aufbewahrt sind. Dank der Zuvorkommenheit der Herren Medicinalratb Graoser 
auf dem Eichbcrg bei Eltville in Nassau, Henle in Göttingen, Kölliker und Reckling- 
hausen in Wiirzburg, Kraus» in Stuttgart, Luschka in Tübingen, Reichert und Virchow 
in Berlin, Welcker und Munter in Halle konnte ich in der Sitzung des Genfer Instituts 
vom 15. Mai 1860 10 Schädel charakteristischer Mikrocephalen demoustriren, welche wohl 
das Gesammtinventarium Deutschlands in dieser Hinsicht ausmachen. Ich verdanke noch sehr 
interessante Vergleichungsschädel den Herren Ecker in Freiburg i/B. und Frei in Zürich und 
zahlreiche Notizen den Herren Broca in Paris, Canestrini in Modena, Capellini in Bologna, 
de lu Harpe in Lausanne, Klebs in Bern, Quatrefages in Poris, R. Schaererin der Waldau 
bei Bern und T heile in Weimar. Ich bin Allen zu wesentlichem Danke verpflichtet. 

Ick bespreche in dieser Abhandlung im Einzelnen nur die deutschen Mikrocephalen, hin- 
sichtlich deren ich wohl sämmtlicbe vorhandene Materialien, mit Ausnahme der in Weingeist 
aufbewahrten Gehirne, zusammenbringen konnte, und behalte mir vor, später vielleicht in einem 
Nachtrage die Mikrocephalen derjenigen Länder zu behandeln, über welche ich nur unvollstäu- 
dige Materialien besitze. Ein böser Steru scheint namentlich über den einst in Paris vorhan- 
denen Präparaten gewaltet zu haben. Trotz vielfacher Bemühungen meines Freundes und 
Collegen Broca konnte kein einziges derjenigen Präparate wieder aufgefunden werden, über 
welche Ilaillarger, Cruveilhier und Gratiolet geschrieben haben, was um so mehr zu 



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131 



lieber die Mikroceplmlen oder Affen - Menschen. 

bedauern ist, als sich unter diesen Stücken der einzige bis jetzt bekannte Schädel einer tnikro- 
cephalen Negerin befand. 

Da ich keine Gehirne zu meiner Disposition hatte, so musste ich meine Studien auf die 
Schädel und die Gypsabgüsse des inneren Schädelraumes beschränken. Die Figuron, welche 
ich gebe, sind alle geometrische Projectionen in natürlicher Grösse, einige dieser Figuren wur- 
den mit dem bekannten Apparat von Lucae, die meisten aber mit dem Diagraph von Ga- 
vard in Paris gezeichnet, einem freilich in seiner Handhabung delicaten Instrumente, das aber 
nicht minder genau arbeitet als der Lueae’sche Apparat und eine weniger angreifende Stel- 
lung erlaubt 

Alle meine Zeichnungen, mit Ausnahme zweier Gehirnansichten, sind in der Weise aufge- 
nommen, dass der obere Kami oder die Achse des Jochbogens als horizontale Ebene für den 
Schädel angenommen wurde. Dieser Plan ist bekanntlich von den in Göttingen versammelten 
Anthropologen und in den Werken von Ecker, His und ßütimeyer, Lucae und meinem 
eigenen angenommen worden. Ich habe diesen Plan auch für die Abbildung der inneren, die 
Gehirnformen darstellenden Abgüsse angenommen, in der Ueberzougung, dass der Inhalt die- 
selbe Anschauung verlange wie die Kapsel. 

Da die Schädel und Ausgüsse alle in natürlicher Grösse und in derselben Stellung gezeichnet 
sind, so kann man durch l'ebefeinanderlegung von Pausen leicht ihre allgemeinen Umrisse ver- 
gleichen. Aber auch hier muss man sich hinsichtlich der Art und Weise der Uebcreinander- 
leguug verständigen. Ich lege die Pausen der Profilansichten so, dass der Mittelpunkt der 
Naseustirnnaht sich genau deckt und bringe dann den Jochbogen auf die parallele horizontale 
Linie. Die Unterschiede in den Umrissen springen dann sogleich in die Augen und lassen sich 
leichter erfassen, als durch lange Beschreibung. 

Die Eintheilung meiner Arbeit ist durch die Natur dos Gegenstandes selbst gegeben. Ich 
zähle zuerst die Mikroccphalen auf, von denen ich Konntniss erhalten habe, die Quellen, in 
welchen darauf bezügliche Notizen zu finden sind, und die Museen , wo die Präparate aufbe- 
wahrt werden. 

Dann gehe ich zu der Beschreibung im Einzelnen über und citire dabei wörtlich aus den 
mir zugänglichen Schriften das Wesentliche, was die Verfasser über den betreffenden Fall bei- 
gcbracht haben. Ich hätte gern die literarischen Notizen über den Schädel, das Gehirn , die 
geistigen Fähigkeiten und die Lebensgeschichte dieser Wesen getrennt, aber zu meinem Be- 
dauern war dieses nicht möglich. Ich habe deshalb im ersten Kapitel bei den einzelnen Fällen 
alles mir wesentlich Scheinende aus den Schriftstellern beigefiigt, meine Bemerkungen aber auf 
den Schädel allein beschränkt. Ich behandle in dieser Weise zuerst die einzelnen Fälle ge- 
trennt von einander, und zwar erst die Erwachsenen, dann die Kinder, und resumire hierauf 
die gewonnenen Thatsncheu in speciellen Abschnitten, leb beendige dieses Kapitel mit einem 
allgemeinen Resume über die Bildung des Schädels, worin ich spcciell die Verknöcherung der 
Nähte, die Prognathie und die Stellung des Ilinterhauptloches bespreche. 

In einem zweiten Kapitel behandle ich das Gehirn, dessen Structur ich, wie schon erwähnt, 
an den inneren Scbädelausgüssen studire. Ich untersuche hier das Volumen, die Verhältnisse 
der einzelnen Theile und Lappen zu einander, die Wiudungen und die Beziehungen gewisser 
Theile zu localisirten Fähigkeiten. 

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132 



Ueber die Mikrocephalen oder Affen - Menschen. 

Das dritte Kapitel bezieht sich auf die Lebensäusserungen, die geistigen und körperlichen 
Fähigkeiten. Ich gebe dort die Beschreibung eines jetzt im Canton Hern lebenden mikro- 
cephalen Mädchens. 

Ein viertes und letztes Kapitol endlich soll einige allgemeine Betrachtungen über die 
Ursachen der Mikrocephalie, ihre Beziehungen zu den normalen Bildungen uud die Folgerungen 
enthalten, welche man daraus für die Wissenschaff im Allgemeinen und die Darwinsche 
Theorie im Besonderen ableiten kann. 



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Aufzeichnung 

der mir bekannten Mikrocephalen, der darauf bezüglichen Schriften und der Museen, 
in welchen die Präparate aufbewahrt sind. 

A. Deutschland. 

1. Gottfried Maehre von Hatzum, gestorben 44 Jahre alt. Taf. 1 —4. Der vollständige 
Schädel ist aufbewahrt im Museum von Halle. 

J. G. Carus, Atlas der Craniscopie Tab. IV, 1843. 

Hermann Welcker. — Untersuchungen über Wachsthum und Bau des menschlichen 
Schädels. 1862. Einige Maasse von diesem Schädel sowie von Nro. 4. 

2. Michel Sohn von Kiwittsbio tt bei Bromberg, gestorben 20 Jahre alt. Taf. 5 — 7. 

3. Friedrich Sohn, sein Bruder, gestorben 18 Jahre alt? Taf 8 — 10. 

Das vollständige Skelet des ersteren und der Schädel des zweiten sind im Museum von 
Berlin aufbewahrt 

Johann Müller. — Nachrichten über die beiden Mikrocephalen zu Kiwittsblott bei 
Bromberg in: Medizinische Zeitschrift für Heilkunde in Preussen. 1836. Nro. 2 u. 3. 

4. Konrad Schiittelndreyer Ton Bückeburg, gestorben 3 t Jahre alt Taf 11 — 13. 

Der Schädel ist aufhewahrt im Museum von Göttingen. 

Blumonbach. — De anomalis et vitiosis «juibusdam nisus formationis aberratio- 
nibus. 1813. 

Förster. — Atlas der Missbildungen. — Handbuch der speciellen pathologischen 
Anatomie. 1834. Seite 406. Taf 17. 

5. Mikroccphalc von Jena, gestorben 26 Jahre alt Taf 14 — 16. 

Schädel und Gehirn sind im Museum von Göttingen aufbewahrt. 

Theile. — Ueber einen Mikroccphalus in: Zeitschrift für rationelle Medizin von 
Henle und Pfeufer. Dritte Serie. Band XI, Seite 210. 1861. 



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134 Ueber die Mikroceplialen oder Affen - Menschen. 

6. Ludwig Racke von Ilofheim (Kassau), gestorben ‘JO Jahre alt Tat 17 und 18. 

Der Schädel ist aufbewahrt in dem Museum des Hospitals auf dem Eichberg bei Elt- 
ville (Nassau). 

7. Margarethe Maehler von Itieneck, gestorben 33 Jahre alt Taf. 19 — 21. 

Der Schädel ist in dem Museum von Würzburg auf bewahrt 

Yirchow. — Gesammelte Abhandlungen zur wissenschaftlichen Medizin. 1856, 
S. 947. 0. Schröder. — Krankengeschichte und Sectionsbericht im Archiv für 
wissenschaftliche Medizin von Virchow. Band XX, Seite 358. 

Förster. — Siehe Nro. 4. 

8. Johannes Moegle von Plattenhardt bei Stuttgart, gestorben 15 Jahre alt. Tafel 
22 und 23. Der Schädel ist aufhewahrt im Museum von Tübingen. Nro. 14. 

9. Jakob Moegle, Vetter des Vorhergehenden, gestorben 10 Jahre alt Tat 24 und 25. 
Der Schädel ist aufbewahrt im Museum zu Stuttgart. Nro. 13. 

10. Johann Georg Moegle, Bruder des Vorhergehenden, gestorben 5 Jahre alt. Tafel 
25 und 26. Der Schädel ist in dem Museum von Tübingen aufbewahrt. Nro. 12. 

Jäger. — Zur Geschichte hirnarmer Kinder im Medizinischen Correspondenzblatt 
des Würtembergischen ärztlichen Vereins, Band IX. Nro. 28. 1839. 

B. Frankreich. 

11. 12. 13. Drei Fälle erwähnt in: 

Cruveilhier. — Anatomie pathologique, Liv. 30, PI. 4. 

14. Ein Fall beschrieben durch : 

Blanchet in Bulletins de la Societe anatomique de Paris, 2. Serie. Vol. 1. Juillet 1856. 

15. Ein Fall von 4 Jahr. Schädel und Gehirn dem Herrn Gratiolet anvertraut von Herrn 
Giraldös. 

Gratiolet — Observation« sur la microcephalie dans: Bulletin de la Societe d’An- 
thropologie de Paris. Vol. 1, pag. 34. 

Gratiolet — Ibid. Vol. 2, pag. 68. 

Gratiolet et Lenret — Anatomie comparee du System nerveux. Atlas PI. 27. 

16. Ein anderer Fall von 4 Jahren. Schädel und Gehirn ebenfalls Herrn Gratiolet von 
Herrn Giraldfes übergeben. 

Gratiolet et Leuret — Anatomie comparee du System nerveux. Atlas PL 32. 
Gratiolet — Obscrvations sur la microci'phalie, dans Bullet de la Soc. d’Anthrop. 
de Paria Vol. 1, pag. 34. 

17. Ein Fall, vorgezeigt durch Herrn Broca in der Societe Anthropologique in Paris. 

18. Mädchen von 4 Jahren, vorgezeigt durch Herrn Baillargcr in der Akademie der Me- 
dizin. 

Annales inedico • psychologiqucs par Baillargcr, Cerisc et Moreau. Troisieme 
Serie. Tome deuxieme, pag» 473. 1856. 



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Ueber die Mikrocephalen oder Affen -Menschen. 136 

19. Knabe von 2 Jahren, beobachtet durch Herrn Joly, erwähnt durch Herrn ßail- 
larger in derselben Notiz, Seite 471. 

C. England. 

2U. Schädel (Mann), aufbewahrt in dein Museum des College of Surgcons. 

Owen. — Osteology of the Ohiropanse. — Transactions of the zoological Society. 
Vol. 1, pag. 343. 

21. 22. Zwei Schädel und Gehirne, aufbewahrt in dem Museum des Hospitals von St Bar- 
tbelemy. Beschrieben in: Catalogue of the Musoum at St. Bartholomew’s hospita). 

23. Ein Fall, 42 Jahre alt, Frau. 

Gore. — Notice of a case of microcephaly. In: Anthropological Review. Vol. 1, 
pag. 169. 

liefert — Rapport sur In notice de Mr. Gore. Bullet, de la Soc. anthrop. de Paris. 
Vol. 5, pag. 15. 

24. 25. Zwei Fälle, Knabe von 11 Jahren und Mädchen von 5 Jahren. 

Conolly. — Dublin quarterly Journal. Aug. 1855. 

26. Ein Fall. 

Peacock. — Notes on a case of congenital atrophy of the brain and Idioty. In: 
Reports of the pathological Soc. of London. Vol. X, Session 1858/50. 

27. Ein Fall: 

Willis. — Cerebri anatome. Genev. 1680, pag. 20. 

28. Junges Mädchen von Cork. Der Schädel ist auf bewahrt im Museum des College of 
Surgeons. 

Spurzheim. — Anatomy of the brain. London 1826. 

29. Hirn eines Knaben von 12 Jahren, vorgewiesen von Herrn Marshall. 

Marshall. — Anthropological Review. Vol. 1, pag. VIII. 12. Mai 1863. 

Defert. — Rapport sur la Revue anthrop. deLondres, in Bullet de la Soc. d’ Anthrop. 
de Paris. Vol. 5, pag. 560. 

In der Sitzung der anthropologischen Gesellschaft in London vom 1. Mai 1866 
bemerkte der Dr. Down, dass er sehr viele lebende Fälle von Mikrocephalie ge- 
sehen habe, worunter einen von ganz besonders niederer Bildung. I)r. Beigel setzte 
hinzu, dass er selbst auch in Colneg Hatch 15 Fälle gosehen habe. Journal of the 
Anthropological Society Nr. 15. October 1866, pag. 182. 

D. Holland. 

30. Schädel, aufbewahrt in dem Museum von l<eyden. Gostorben 20 Jahre alt. 

Sandifort — Museum anatomicum Academiac I.ugduni — Batavorum. Vol. IV, 
Tab. 190. 191. 



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136 lieber die Mikrocephalen oder Affen- Menschen. 

E. Schweiz. 

31. Eiu Knabe von 9 Jahren, gestorben auf dem Abendberg bei Interlaken. 

Vrolik. — Beschrijving van gcbrekkigcn Hersen en Scbcdel-Vorm. Amsterdam 
1854. 

32 bis 34. Drei Fälle auf 5 Kinder in St. Leonhard bei Sion. 

Baillarger. — Annales medico-psychologiijues. Troisieme Serie. Vol. 2, pag. 470. 

35. A. R. — Mädchen von 5 Jahren, gestorben auf dem Abendberg bei Iuterlakeu. 

Leichenöffnung durch Herrn l’rof. Valentin in Bern. In J. Guggenbühl: Dia Hei- 
lung und Verhütung des Cretinismus und ihre neuesten Fortschritte. Bern und 
St. Gallen, 1853, pag. 5G. 

36. Marie Sophie Wysa, alt 16 Jahre. 

Gegenwärtig lebend in dom Spital für arme Frauen, gegründet von der Regierung des 

Cantons Bern im Schlosse zu Hindelbank bei Bern. 

F. Italien. 

37. 38. Zwei Fälle. Einer der Schädel, 36 Jahre alt, befindet sich in dem Museum des 

Hospitals zu S. Spirito in Sassia. 

Der andere von 19 Jahren im Museum des Manicomio zu Rom. 

Bastonelli. — Sopra duo casi di microcefalia. — Bolletino dello scienze mediche. 
Bologna. Anno 31. Ser. IV, Vol. XI. Febbrajo 1859. 

C. G. Carus. — Zur vergleichenden Symbolik zwischen Menschen- und Affen-Skelet. 
Nov. Act. Acad. Leop. Naturae euriosorum. Vol. XX VIII. 1861. 

G. Asien. 

39- Mädchen, Maharatta, alt 16 Jahre. 

John Shortt. — Description of a living microcephale. — Journal of the Anthro- 
pological Society Nr. 15, October 1866, pag. 181. 

H. Amerika. 

40. 41. Die zwei Azteken, welche in Europa gezeigt wurden. Kuabe Maximo und Mäd- 
chen B&rtola. Der Kopf des einen soll sich im Museum zu Berlin befinden. 

Lehucher. — Uebcr die Azteken in : Notizen aus der Natur- und Heilkunde von 
Froriep. 1856. Vol. 2. Nr. 6 und 7. 

C. G. Carus. — üeber die sogenannten Aztekenkindor, in: Berichte der Akademie 
in Berlin. — Mathematisch-physikalische (.'lasse. 1856, pag. 11. 

J. Afrika. 

42. Negerin von 14 Jahren. 

Gratiolet — Observations sur la microcephalie. — Bulletins de la Soc. d’Aothrop. 
de Paris. Vol. 1, pag. 34. — VoL 5, pag. 8. 



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137 



lieber die Mikrocephalen oder Affen -Menschen. 

R. Wagner gab im Jahre 1862 unter dem Titel: „Vorstudien zu einer wissenschaftlichen 
Morphologie und Physiologie des menschlichen Gehirns als Seelenorgan. — Zweite Abhandlung. 
— Ueber den Hirnbau der M ikrocephalen mit vergleichender Rücksicht auf den Rau des Ge- 
hirns der normalen Menschen und der Quadrumanen ,“ eine allgemeine Abhandlung, in welcher 
folgende Fälle besprochen werden: Jena (Nr. 5), die beiden Sohn (Nr. 2 und 3), Maehre 
(Nr. 1), die von Gratiolet (Nr. 15 und 16), Baillarger (Nr. 18 und 19), Conolly (Nr. 24 
und 25) und Cruveilhier beschriebenen Fälle, die von Plattenhardt (Nr. 8 bis 10), zwei 
Kinder von Roringen bei Güttingen, die nicht untersucht werden konnten, Schüttelndreyer 
(Nr. 4), Leyden (Nr. 30), Maehler (Nr. 7) und endlich der von Yrolik beschriebene vom 
Abondberg (Nr. 31). — Zu derselben Zeit gab R. Wagner ein Resume seiner Ansichten in 
Troschel’s Archiv, 1861, Band I, Seite 63. 

Gratiolet hat seine Studien resumirt in einer Abhandlung: Memoire but la microcephalio 
considcrce dans ses rapports arec la question des caractercs du genre humain. — Memoires de 
la Socicte d’Anthropologie de Paris. VoL 1, pag. 61. 1860 — 63. 



Archiv fft» Anthropologin, ild. II. Heft II. 



18 



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138 



Ueber die Mikrocephalen oder AffeA -Menschen. 



Verzeichniss der Mikrocephalen, deren Alter und ßeschlecht bekannt ist, 
nach dem Alter geordnet. 



Nr. 


Name und Bezeichnung des Falles. 


Nr. der vor- 
hergehenden 
Liste 


Alter. 

Jahre 


Geschlecht 


1 


Gottfried Maehro 


1 


44 


] 

Männlich 


2 


Fall von Herrn Gore 


23 


42 


1 Weiblich 


3 


m * * Sassia (Bastanelli) « 


37 


36 


Männlich 


4 


Margaretha Maehler . 


7 


33 


1 Weiblich 


5 


Sehüttelndrey er 


4 


31 


Männlich 


6 


Fall von Jena 


’ 5 


26 


i* 


7 


Michel Sohn 


2 


20 


i» 


8 


Fall von Leyden * 


30 


20 


* 


9 


Ludwig Racke 


6 


20 


n 


10 


Fall von Rom (Bastanelli). .. ! 


39 


19 


lt 


11 


Friedrich Sohn ' 


3 


16 


n 


12 


Aztek Maximo 


40 


17 




13 


Sophie Wyss 


36 


16 


Weiblich 


14 


Maharatte-Mädchen 


39 


16 


* 


15 


Johann Moeglo 


8 


15 


Männlich 


16 


Negerin (Baillarger) 


42 


14 


Weiblich 


17 


Aztekin Bartola 


41 


14 




18 


Fall von Herrn Marshall 


29 


12 


Männlich 


19 


n „ n Conolly 


24 


11 


n 


20 


Jakob Moegle 


9 


10 


n 


21 


Fall vom Abendberg (Vrolik) 


31 


9 


9 


22 


Fall von Herrn Conolly 


25 


7 


Weiblich 


23 


Job. Georg Moegle 


10 


5 


Männlich 


24 


A. R. vom Abendberg (Valentin) 


35 


5 


Weiblich 


25 


Fall von Herrn GiraldeB 


15 


4 


Männlich 


26 


„ » Giralde. 


16 


4 


i» 


27 


. , , Baillarger 


18 


4 , 


Weiblich 


28 


. . „ Cruveilhier 


12 


3 


Männlich 


29 


. . » Joly 


19 


3 


j» 


30 


„ „ „ Cruveilhier 


11 


8 Monate 


n 


S1 


n „ „ Cruveilhier . j 


13 


Neugehoren 


9 



Unter diesen 31 Fällen finden sich 9 weibliche, und unter 8 anderen von bekanntem Geschlecht aber un- 
bekanntem Alter ist noch ein weiblicher (Cork Nr. 28), also im Ganzen ein Viertel oder genauer 25,6 Proc' 
weibliche Fälle. 



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Erstes Capitel. 

Schädel. 



Vorläufige Bemerkung. 

Ehe ich in die Einzelheiten über die eigentlichen Mikrocephalen eingehe, muss ich einige 
Bemerkungen über verschiedene Schädel vorausschicken, die verschiedene Male znr Vergleichung 
gedient haben. 

Cretin von Zürich. Schädel eines etwa zehnjährigen Cretinen mit sehr dicken Wänden, 
der im Inneren und namentlich auf der Basis die deutlichsten Spuren eines wassersüchtigen 
Zustandes des Hirnes und seiner Häute tragt Ich verdanke die Mittheilung dieses im ana- 
tomischen Museum von Zürich aufbewahrten Schädels der Güte des Herrn Prof. Frei. 

Freiburg. Schädel eines 16- bis 18jährigen Mädchens mit geringem Hiruvolum, im 
Uebrigen aber wohlgestaltet, ohne Spur von Prognathismus, mit sehr dünnen durchscheinenden 
Wänden. Das Mädchen war nicht vollständig idiotisch, konnte sprechen, hatte aber nnr sehr 
geringe Intelligenz. Der Schädel wurde mir von Herrn Prof. Ecker in Freiburg im Hreisgau 
mitgetheilb 

Türke. Kurzschädel aus einem alten Kirchhofe bei Olmütz, den ich der Güte des Prof. 
Jeitteles daselbst verdanke. Ohne die Nationalität dieses Schädels, den Prof. Seligmann 
in Wien aU einen türkischen bezeichnet, garantiren zu wollen, bediene ich mich seiner als 
eines typischen beinahe opisthoguathen Kurzkopfes. 

Tscherkesse. Geschenk des Prinzen Johann von Georgien, einem wirklichen Adighen 
angobörig. Er dient mir als Typus eines weissen, etwas schiefzahnigen Langkopfes. 

Neger. Schöner Schädel unbekannter Herkunft des Genfer Museums. 

Junger Chimpanse. Wohlerhaltcner bei Verreaux gekaufter Schädel mit 2i Zahnen, 
dessen erste deiinitive Backzähne gerade durchgebrochen sind. 

Leyden. Geometrische Profilzeichnung und Notizen über den in Leyden aufbewahrten 
von Sandifort beschriebenen Schädel eines 20jährigen Mikrocephalen, die mir Trof. Welcker 
zur Benutzung iiberliess. Der Schädel gleicht am meisten denjenigen von Jena. 



18 * 



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A. 

Deutsche erwachsene Mikrocephalcn. 



Gottfried Maehre von Ratzum bei Halle. 

Tafel 1 bis 4. 



Der Schädel befindet sich in der anatomischen Sammlung zu Halle. Ich verdanke seine 
Zusendung der freundlichen Zuvorkommenheit von Professor \Ye Icker und Dr. Munter. Uebor 
die Lebensgeschichte ist weiter nichts bekannt, als das« der Mensch idiotisch war und am Ty- 
phus im Alter von 44 Jahren starb. 

An dem Schädel ist die Kronnaht noch vollkommen sichtbar und in ihrem unteren Theile 
beweglich, die Iaimbdanalit dagegen in der Spitze des Dreiecks verwachsen und die Pfeilnaht 
spurlos verschwunden, wozu indessen auch der senkrechte Längsschnitt beitragen mag, durch 
welchen der Schädel in zwei Hälften zerlegt ist. Die seitlichen Nähte am Schädel sind alle wohl 
erhalten, das Grandbein dagegen vollkommen verschmolzen und auch auf dem Durchschnitte 
keine Spur der Verwachsung mehr sichtbar. Die Schädelknochen sind verhältnissmässig dick 
und fest, doch fast überall auf dem senkrechten I hirchschnitte die schwammige Zwischensubstanz 
sichtbar. Auffallend klein erscheint aui dem Durchschnitte trotz der vorragenden Augenbrauen- 
wülste die Stirnhöhle, sehr gross dagegen die Höhle des blasig aufgetriebenen Keilbeinkürpers. 
Der Schädel selbst ist. mit Ausnahme desjenigen von (lacke, Nro. C, grösser als alte übrigen 
mir bis jetzt zu Gesicht gekommenen. 

Das Xahnsy8tem ist im Oberkiefer besonders stark mitgenommen. Hier stehen nur auf 
der rechten Seite in vollständiger (leihe, ohne Spur einer Lücke aneinander gepresst: die beiden 
Schneidezähne, der Eckzahn und der erste Lückeuzuhn in normaler Weise entwickelt; auf der 
linken Seite: der zweite Schneidezahn, der erste Lückenzahn und der letzte Backzahn, deren 
Kronen schon stark angegriffen sind; der Eckzahn der linken und der zweite Lückeuzahn der 
rechten Seite sind durch Caries bis auf die Wurzel zerstört. Indem Unterkiefer stehen Schneide-, 



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lieber die Mikrocephalen oder Affen -Menschen. 

Eck- und Lückenzähne in vollkommen geschlossener Reihe, stark an den Kronen nach aussen 
abgeschliffe» . indem der Oberkiefer bedeutend über den Unterkiefer hinübergriß'; von den 
Backzähnen ist nur der letzte, der Weishoitszahn, erhalten, welcher deutlich vierhöckerig und 
stark nach iunen geneigt ist. Besonders bemerkenswert!) ist die Stellung der Vorderzähne, die 
vollkommen senkrecht ist, bo dass der Prognathismus einzig und allein auf der Verlängerung 
der Kiefer beruht. 

Der Schädel selbst macht hei dem ersten Anblick durchaus den Kindruck, als wenn er 
der in seinen Maassen reducirte Schädel eines Austral-Negers wäre. Er erscheint lang, schmal 
und zugleich höher als ein gewöhnlicher Negerschädel. Die Stirn sehr klein , hinter den 
Augen wie zusammcngcknifl’eu, der Scheitel kielartig erhöht, nach den Seiten hin abgeflacht, 
die Ginterhauptsschuppe stark entwickelt, namentlich die Spina schnabelartig nach hinten vor- 
gezogen und von stark geschwungenen Bogenleisten umgeben, welche auf eine bedeutende 
Entwickelung der Hiuterhauptsinuskeln und Wucherung der Haut in dieser Gegend scliliessen 
lassen. Die Höcker fler Scheitelbeine sind Bebr weit nach vorn gerückt, so dass bei der nor- 
malen Schädelstellung ihr Mittelpunkt noch vor einer senkrechten Linie sich findet, die man 
durch dio Mitte der Ohröffnung legen würde. Der Scheitelbogen, welcher der Anheftung der 
Kaumuskeln entspricht, erscheint so weit nach oben gerückt, dass bei der Profilansicht er bei- 
nahe die Höhe der Scheitellinie erreicht Unter den erwachsenen Mikrocephalen, welche ich 
zu meiner Disposition hatte, gleicht dieser Schädel aiu meisten demjenigen von Friedrich Sohn, 
Nro. 3. Vergleicht man beide durch Uebereiuanderlegung der Pausen, so fällt vor Allem das 
bedeutend grössere Profil Maehres auf, welches so bedeutend ist, dass auf dem ganzen Umkreis 
von der Kronnaht, ja selbst von der Stirn an der Umriss von Maehre um einen Centimeter den- 
jenigen von Friedrich Sohn überragt. Die Augenhrauenbogen sind kaum vorragender, aber die 
Stirnwülbung erhebt sich rascher, die Augenhöhle ist kleiner und ihr Rand weniger vorstehend. 
Kiefer und unterer Nasendorn decken sich beinahe, aber da die Schneidezähne bei Maehre 
senkrecht eingepflanzt sind, so scheint Friedrich wegen der schiefen Stellungseiner Zähne 
prognather. Die Vergleichung der Scheitelansichten zeigt dass die Vcrgrösserung der Schädcl- 
kapsel von Maehre eher den Scheitelbeinen als dem Stirnbeine zuzuschreiben ist. Die Kron- 
nähte decken sich in der Tliat beinahe, während die Lambdanähte und die hinteren Schädel- 
contnren bedeutend abweichen. Ausserdem fällt bei dieser Vergleichung die Breite der Joch- 
bogen und der Wangenknochen auf, hinter welchen bei Maehre die Stirn gewissermaassen 
znsammengekniflen erscheint, indem sie an diesem Orte nicht breiter istalsbei Friedrich Sohn. 

Ich bemerkte schon oben, dasB der Schädel durch einen senkrechten, mit grosser Ge- 
scliicklichkeit durchgeführten Schnitt in zwei Hälften zerlegt ist Auch dieser Durchschnitt 
zeigt eine grosse Aehnlichkeit mit denjenigen, welche Lucae von Austral -Negern gegeben 
hat Von entzündlichen Prozessen, die etwa auf der Schädelgrnndfläcbo abgelaufcn wären, 
zeigt dieselbe keine Spur, auch findet sich durchaus nicht jenes abgerundete Aussehen der 
Kanten und namentlich der Keilbeinfiügel, welches bei Cretinen zu beobachten ist, der 
Hinterrand derselben tritt im Gegontheilc scharf vor und scheidet mittelst einer schneidigen 
Kante die mittlere Schailelgmbe von der vorderen ab. Ebenso ist die Kante des Felsenbeines 
deutlich und scharf angelegt, so dass also auch hier die Ansätze des Klein-Hirnzeltes nicht 
zu verkennen sind. Bringt man den Schädel in die richtige horizontale Lage, welche dem 



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142 



L eber die Jlikrocephalen oder Affe» -Menschen. 

oberen Jochbogenrande entspricht, so lässt sich schon auf dem Verticaldurchschnitte erweisen, 
dass der Hinterraud des grossen Gehirnes das Kleinhirn etwas überragt oder wenigstens ge- 
deckt haben musste. Die Windungen sind übrigens im Allgemeinen auf der inneren Fläche 
des Schädels deutlich ausgeprägt, namentlich in dem initiieren Theile desselben. Auffallend 
erscheint die ausserordentliche Tiefo des (Juersinus, die in keinem Verhältnisse zu den Ein- 
drücken der Arterien zu stehen scheint. Eine geringe Verschiebung lässt sich allenfalls in dem 
vorderen Gesichtstheile nachweisen. Der Unterkiefer ist massiv und kräftig ausgebildet Der 
aufsteigende Ast ist breit mit starken Muskelleisten versehen, der untere Winkel flügelfürmig 
nach aussen gebogen, das Kinn stark entwickelt, der Kiunstacbel zwar abgestumpft, dagegen 
zu beiden Seiten stärker entwickelt, so dass bei der Ansicht von oben das Kinn quer abgestutzt 
erscheint. 



No. 2. Michel Sohn von Kiwitrtsblott bei Bromberg, 20 Jahre alt. 

Tafel 5 bis 7. 

No. 3. Friedrich Sohn, dessen Bruder, 18 Jahre alt 

Tafel 8 bis 10. 

Aus den von Job. Müller gegebenen Nachrichten über diese beiden Mikrocephalen ent- 
nehme ich Nachstehendes. 

Medicinalrath Dr. Olleuroth wurde von der Regierung im Jahre 1833 beauftragt, einen 
Bericht zu erstatten, aus dem Job. Müller Folgendes mitthcilt 

„Eine Meile von Bromberg entlegen in der Colonie Kiwittsblott leben zwei Söhne einer 
armen Wittwe, Namens Sohn, welche in geistiger Hinsicht denCretinen gleichem in somatischer 
sich aber ganz von ihnen entfernen. Sie sind resp. 17 und 10 Jahre alt und verrathen beim 
ersten Anblicko einen hohen Grad körperlicher und geistiger Abnormität Näher betrachtet 
findet man, dass vorzugsweise der Kopf von der normalen Bildung bedeutend abweicht. An ihm 
ist bei beiden Individuen nur das Gesicht normal ausgebildet, das Cranium ganz unentwickelt 
daher denn auch der Kopf im Verhältnis zu den übrigen Theilen des Körpers klein erscheint 
Das Gesicht bietet mit seinen kleinen oder vielmehr tiefliegenden klaren und staunenden Augen, 
mit stark vorgeschobenem Unterkiefer, bei dem dadurch bedingten Offenstehen des aus dicken 
und wulstigen Lippen bestehenden Mundes, und bei der sichtbaren Anstreuguug, wenn der Kopf 
sich von seiner gewöhnlichen Senkung nach vorn erhebt, wobei der Schädel gleichsam in den 
Nacken fällt und dos Kinn vorn und hoch steht, den Ausdruck der höchsten Stupidität dar. 
Der Stirn ermangelt das Gesicht fast ganz, denn von den dicken struppigen Augenbrauen und 
von der wulstigen Nasenwurzel weicht der Schädel besonders bei dem 17jährigen Michel, der 
überhaupt dem 10jährigen Friedrich in körperlicher und geistiger Hinsicht bedeutend nach- 
ateht, gleich in einem höchst flachen Bogen rückwärts, setzt sich in gleich schwacher Wölbung, 
ja hei fast völliger Abdachung nach hinten fort und geht so, der Hinterhauptshervorragung 
ganz entbehrend, in seine Basis über. Diese Schädelhöhle vermag daher nnr eine sehr kleine 



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143 



Ueber die Mikrocephalen oder Afien-Menschen. 

Himmasse zu beherbergen. Das Haupthaar ist struppig und stark: bei Michel blond, bei 
Friedrich wcissgelb von Farbe. Bei der gesenkten Haltung des Kopfes und Halses erscheint 
der obere Theil des Rückens bei beiden Individuen stark gebogen, die Brust sehr dach. Das 
Gesicht ist in der Regel nach unten gewandt; die Extremitäten hängend. Das Eigentümliche 
der so bedingten Haltung des Körpers, neben der bezeichneten Bildung des Kopfes, lässt den 
Charakter der Bestialität noch mehr hervortreten, welcher ins vollste Licht tritt, wenn man 
die Lebengäusserungen dieser im Uebrigen nicht abnorm organisirten Geschöpfe aufmerksam 
beobachtet Mit gesunden fünf Sinnen ausgerüstet, fehlen ihnen jedoch alle höheren Geistes- 
kräfte, ja selbst der Ortssinn; denn sie vermögen oft nicht in der Nähe ihrer Wohnung und in 
dem dieselbe in geringer Entfernung umgebenden Kiefernwalde, den sie doch täglich besuchen, 
sich zu orientiren und nach Hause zurückzutinden, sondern sie müssen in Fällen dieser Art 
erst durch Anrufen auf den richtigen Weg geleitet werden. Stierenden, dummen Blickes, mit 
offenem Munde und verzerrt zum Lachen verzogenen Gesichtsmuskeln, staunend, aber keines- 
wegs schüchtern, betrachten sie jeden Fremden, der ihre Einsamkeit besucht, und stehen so, 
vertieft in dessen Anschauen, lange Perioden hindurch, ohne sich stören zu lassen. Sie sind 
lenksam, fügon sich leicht in den Willen ihrer Angehörigen und verrathen weder Bosheit noch 
Tücke. Es sind vielmehr harmlose Geschöpfe, die in der Sucht, die iu ihre Hände fallenden 
leblosen Gegenstände zu zerpflücken, zu zerreissen oder zu zerbrechen, allein Schädlichkeit 
verrathen. Ihre Kleider sind daher immer zerrissen, und andere Gegenstände, welche conser- 
virt werden sollen, dürfen ihnen nicht in die Hände gegeben werden. Schon aus diesem Grunde 
können sie zu mechanischen häuslichen Diensten, wozu Bie übrigens weder Geschick noch Ver- 
stand haben, nicht gebraucht werden. Mit Gier verzehren sie die ihnen dargebotenen Nah- 
rungsmittel, verrathen bei deren Genuss aber Geschmack, indem sie z. B. aus dem Kuchen die 
Rosinen heraussuchen und zuerst verzehren. Die geringsten Dienste sich selbst zu leisten sind 
sie ausser Stande, weil ihnen Geschick nnd Verstand dazu fehlen. Sie müssen daher aufmerk- 
sam beobachtet werden; die Beinkleider müssen geöffnet werden, wenn sie durch Geberden 
verrathen, dass Ausleerungen der einen oder anderen Art bevorstehen. Verunreinigung der 
Lageratelle ist daher bei dem Aelteren, der der Bestialität überhaupt näher steht, als der Jün- 
gere, nicht selten. Nur mittelst unarticulirter Laute geben beide Geschöpfe ihre Gefühle und 
Begierden zu erkennen, und nur Friedrich ist im Stande, durch gewisse einzelne wortähnliche 
Laute seine dringendsten Bedürfnisse anzudeuten. Ein kreischendes, gellendes Geschrei stossen 
beide oft aus, wenn sie sich unbeachtet wähnen. Aeusserungen des Geschlechtstriebes sind bei 
keinem von beiden wahrgenommen worden. Der Gang dieser der Vernunft nnd des bewussten 
Willens, ja gelbst des rein thierischen Instinktes zum Theil beraubten Geschöpfe ist in der 
Ebene aufrecht; die Treppen steigen sie jedoch bequemer und rascher auf allen Vieren. Geistig 
Cretinen zwar unterscheiden sich diese Geschöpfe doch physisch wesentlich von ihnen, da sie, 
statt des den Cretinen eigentümlichen dicken, unförmlichen Kopfes, einen kleinen Kopf und 
namentlich ein kleines Cranium besitzen, anch nicht wie jene an Kröpfen leiden. Die Glandula 
thyreoidea scheint bei ihnen vielmehr sehr geschwunden, und ist zwischen den Halsmuskeln kaum 
durchzufühlen." 

„Alle Bemühungen des Referenten, die Genesis dieser menschlichen Affen-Organismen auf- 
zuklären, sind leider fruchtlos geblieben. Die beiden Brüder wurden geboren und leben iu einer 



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144 Ueber die Mikrocephalen oder Affen -Menschen. 

Gegend, welche, an und für sich gesund, eben und trocken, ähnliche menschliche Missbildungen 
weiter nicht aufzuweisen hat; die Lehonsvorhältuisse ihrer Eltern waren während und vor ihrer 
Geburt die gewöhnlichen ihrer näheren und entfernteren Nachbarn. Der Vater war ein grosser, 
gesunder, wohlgebildeter und starker Mann, seiner Profession ein Zimmermann, diente 15 Jahre 
in der preussischen Armee als Artillerist, zählte hei der Geburt des Michel 46, bei Friedrich'* 
Geburt 53 Jahre, und starb, 60 Jahre alt, vor 3 Jahren, in Folge einer Pneumonie, an Paralysis 
pulmonum. Die in organischer Integrität und dynamisch geschwächt nocli jetzt lebende 55 Jahre 
alte Mutter ist eine wohlgebildete Frau von mittlerem Körperbau, besitzt ihrem Stande völlig 
entsprechende Geistesfähigkeiten, und hat in ihrer einzigen Ehe und ohne künstliche Hülfe 
sieben völlig ausgetragene Kinder geboren. Von diesen leben ausser den beiden missbildeten 
Geschöpfen, welche in der Reihe der Geburten die No. 4 und 7 einnehmen, noch zwei völlig 
gesunde und wohlgebildete Töchter von resp. 21 und 14 Jahren, welche die 3te und 6te Geburt 
der Mutter waren. Die Erstgoburt, ein Sohn, starb 6 Wochen alt, an allgemeiner Geschwulst, 
welche die Mutter näher zu bezeichnen ausser Stande ist. Dann gebar die Sohn eine Tochter, 
welche, ein Jahr alt, an Zahnkrämpfen starb. Die 5te Geburt, ebenfalls eine Tochter, starb, 5 
Jahr 2 Monat alt, am Ncrventieber und Friesei. Die drei gestorbenen Kinder der Sobn sollen, 
wie die beiden noch lebenden Töchter, gut organisirt zur Welt gekommen sein, auch behaup- 
tete sie, sich bei keiner Schwangerschaft versehen oder auf andero Weise sich Schaden gethan 
zu haben. Bei allen Schwangerschaften seien ihre Arbeiten gleich schwer gewesen und sie wisse 
durchaus nichts anzugeben, was die Missbildung des Michel und Friedrich hätte zur Folge 
haben können.“ 

„Der Bericht des Herrn Medicinalruths Ollenroth — fährt Müller fort — reichte hin, um 
diesseits die grösste Aufmerksamkeit diesen Unglücklichen znzuwenden.“ Man liess durch 
Maler Völker in Thorn sehr gelungene Zeichnungen der Gonfiguration beider Brüder unfertigen 
und veranlasst Herrn Dr. Bchn zu einem unter dem 30. April 1835 erstatteten Berichte. Wir 
theilen einen Auszug dieses Berichtes zunächst mit 

a. Friedrich Sohn, 13 Jahre alt. Die äusseren Genitalien sind regelmässig gebildet, 
der Schamberg ist noch unbehaart, und die l'/r Zoll lange Ruthe hat eine gerunzelte Haut; 
die Eichel ist einen Viertelzoll von der Vorhaut entblösst Die Mutter hat nie beobachtet, dass 
der Knabe diese Theile, ausser beim Uriniron, berühre ; eben so wenig weiss sie anzugehen, 
Erectionon bemerkt zu haben. Mit Mühe gelang es mir, ihm die Beinkleider zu öffnen, und 
als ich die Ruthe mit einem Zollstabe messen wollte, äusserte er Schamgefühl durch plötz- 
liches Rothwerden des Gesichts, das er ganz abwandte, und durch das Bemühen, die Beine 
stets gegeneinander zu drücken. Zwei Zoll hohe, rund um das Brot geschnittene Butterbrote, 
die er, nach Art der Affen in der Hand haltend, mit Heisshunger verzehrte, wovon er selbst der 
Mutter nichts abgeben wollte, Hessen mich jedoch meinen Zweck erreichen. Siümntliche äus- 
seren Sinneswerkzeuge sind normal gebildet. Wenn man den Ton der Affen, wenn sie Freude 
bezeugen, nachahmt, so scheint sich Über sämmtliche Gesichtszüge ein Anfiug fröhlicher Heiter- 
keit zu verbreiten; selbst das Auge erhält eiuen höheren Glanz und sieht sogar etwas listig 
aus; doch ist dies nur für den Augenblick; denn sehr bald nimmt das Gesicht wieder seinen 
nichtssagenden dummen Ausdruck an. Wenn man ihm bUtzeude Gegenstände, Farben u, s. w., 
zeigt, verräth er nicht das geringste Interesse dafür, ausser dass er, wenn man mit den Fingern 



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Ueber die Mikrocephalen oder Alfen -Menschen. 145 

auf dergleichen Gegenstände zeigt, diese Bewegung unter grinsendem Lächeln nachahmt Bei 
den Tönen einer Flöte und Guitarre äusserte er nicht die mindeste Theilnahme; er stand in 
seiner gewohnten Stellung mit gesenktem Kopfe, und lieBs '/i Zoll lang die Zunge aus dem 
offenen, zu einem grinsenden Lächeln verzogenen Munde hängen; sonst ist sein Gehör ziemlich 
gut. Aufträge seiner Mutter, in platter Sprache an ihn gerichtet, führt er aus ; so z. B. brachte 
er die unter einem Bette stehenden Schuhe. Ich stopfte ihm eine Prise ziemlich Balmiakhalti- 
geu Schnupftabacks in die Nase; das Gesicht röthete sich stark, das Auge wurde feucht und 
nun niesete er einige Male, indem er dabei unter verzerrtem Lächeln die Zunge aus dem 
Munde streckte; bald darauf schüttelte er sich, wie Jemand, bei dem eine Dosis Ipecacuanha 
zu wirken anfängt, doch spie er nicht aus. Von einer mit Schinken belegten Semmel ass er 
zuerst den Schinken ab, suchte einige zur Erde gefallene Stückchen Butter begierig auf und 
leckte sich nachher die Finger ab. Schnaps sollen beide Brüder ausnehmend gern, ohne dass 
sie eine Miene verziehen, in ziemlichen Quantitäten zu sich nehmen können. Zutraulich ge- 
macht, schien mir Friedrich durch Pantomime beschreiben zu wollen, dass eine kleine höl- 
zerne dreibeinige Fussbank die seinige sei, namentlich zeigte er auf deren Füsse, hielt sie 
jedoch mit vieler Stärke fest, als ich ihm dieselbe nehmen und mich darauf setzen wollte.“ 

„2. Michel Sohn, 20 Jahre alt, seit dem l. April 1835 krank darnieder liegend, steht 
dem vorigen in geistiger Beziehung bedeutend nach. In unarticulirten Tönen weiss or nur 
Essen und Trinken zu fordern ; eine Schüssel von 2 bis 3 Berliner Quart isst er ganz gemüth- 
lich mit Hülfe eines Löffels aus; zu anderen Speisen bedient er sich der Finger, da er durch- 
aus nicht Messer und Gabel zu benutzen versteht, wodurch er sich von Friedrich unter- 
scheidet; die Mutter ist gezwungen, jeden Bruder besonders essen zu lassen, indem andernfalls 
sogleich Schlägerei entsteht; ein und dasselbe Lager tbeilen beide Brüder jedoch in Eintracht. 
Als Aeusserungen der Fröhlichkeit beider Geschöpfe glaube ich noch anführen zu müssen, dass, 
wenn sie sich ganz unbeachtet glauben, sie sehr geläufig Bäume erklettern und einen Geheul 
zu nennenden Gesang hören lassen. — Da Michel krank angetroft'en wurde, so hat 6ich Herr 
Dr. Behn weniger mit ihm beschäftigen können. Die hierauf folgende Krankheitserzählung 
theile ich mit einem Auszuge des späteren ausführlichen Krankheitsberichtes des Herrn Dr. 
Behn vom 10. Mai 1835, in so weit Bie sich ergänzen, vereinigt mit. Die Krankheit fing mit 
Frost und Hitze, Kopfweh, I)ur6t und Hinfälligkeit an; es stellte sich Pbantasiren ein, in wel- 
chem der Kranke Niemand erkannte, und von seinem Vater, von Essen und Trinken fortwäh- 
rend gesprochen haben soll Seit dem 24. April befand sich der Kranke im Stadtkraukenhausc 
zu Bromberg. Mit Mühe brachte man aus dem gauz Vernunftlosen heraus, dass er, bei übri- 
gens ganz ungetrübtem Appetit, über starken Durst und bedeutende Schmerzen in den Schlä- 
fen und dem Hinterkopfe sich beklage. Ausser einigem zu verschiedenen Tageszeiten sich ein- 
stellenden Frösteln, abwechselnd mit Hitze, trockener Haut, etwas trockenem Husten, einem 
Pulse von 56 Schlagen iu der Minute und etwas warmem Vorderkopfe, ist von dem Kranken 
nichtB weiter zu ermitteln, als die Worte: .Koppe dute weh! Trinkte habe (Trinken haben)! 
Tüsken haben 1 White cten (Brot essen)!" Wenn er trinkt, füllt er den ganzen Mund strotzend 
voll und dann lässt er das ganze Getränk mit einem Mal hinabgleiten. Das Lager ver- 
unreinigte er, wie auch in gesunden Tagen, stets. Auch äusserte der Krnnke Verlangen nach 
„Aeppel und Buttermilch.“ 

Archiv fax Aatbn>polu£i«. Hi- 11. lieft II. 29 



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146 Ueber die Mikrocephalen oder Affen -Menschen. 

„Die treffliclien Zeichnungen des Herrn Volker bestätigten bereits die von Herrn Medici- 
nalrath Dr. Ollenroth gegebene Beschreibung vollkommen. Am stärksten tritt die Deformität 
des Kopfes in den Prolilzeichnungen hervor. Bei einer ziemlich normalen Beschaffenheit der 
allgemeinen Verhältnisse dos Gesichts fällt das thierische Hervortreten des Fresstheils des 
Kopfes mit der grössten Ausdruckslosigkeit aller Züge und den hervorstehenden grossen Lip- 
pen auf, während die liegende Stirn, so weit sie bis zum Kopfhaare sichtbar ist, in den 1‘rotil- 
ansicl.ten der Köpfe beider Brüder noch nicht so viel Baum einnimmt, als das Auge sammt 
den Augenlidern.“ 

Michel starb, seine Leiche wurde nach Berlin gesendet. 

„Bei der Versendung der Leiche des Michel Sohn sind einige Fehler begangen worden. 
Da man nicht selbst das Gehirn herausnehmen wollte, so hätte man wenigstens den Kopf vom 
Kampfe trennen und besonders mit Weingeist versehen, sowie schnell hierher senden müssen, 
statt dass man die ganze Leiche in Weingeist auf den mehrere Wochen langen Transport zu 
Wasser gab. Hierdurch ist der Hauptzweck der Untersuchung vereitelt worden. Die Versen- 
dung geschah im hohen Sommer; es lässt sich denken, dass an den Contentis der Schädelhöhle 
kaum mehr eine Untersuchung angestellt werden konnte.“ 

„Was dasAeussere der Leiche betrifft, so schien sie ziemlich wohl erhalten ; nur der Unter- 
leib war missfarbig und aufgetrieben. Der Körper war, bis auf den schon in dem allgemeinen 
Berichte richtig beschriebenen Kopf, im Ganzen wohlgebildet und einem Alter von 20 Jahren 
ziemlich entsprechend. Die Länge des ganzen Körpers betrug 4 Fussll Zoll. Die Geschlechts- 
theile waren wohlausgebildet, durchaus dem Alter gemäss; die Schamhaare vorhanden ; der 
Bart fehlte. Nach Eröffnung der harten Hirnhaut sah man eine starke blutige, aber nicht ge- 
ronnene Ergiessung über die ganze Oberfläche des Gehirns. Die Conormation der Oberffäcbe 
des Gehirns konnte übrigens noch sehr gut erkannt werden. Die Windungen waren vorhan- 
den, überaus sparsam und wenig verschlungen, im Allgemeinen stark im Durchmesser. Die 
Keduction der Gehirnmasse war also nicht mit einer gleichmässigen Reduction der Hirnwin- 
dungen auf einen kleinen Durchmesser bei gleicher Zahl verbunden gewesen. Vielmehr war 
die Oberfläche des Gehirns auch durch Verminderung der Falten (man erlaube den Ausdruck) 
verkleinert worden. Dass der Balken und das kleine Gehirn mit blättrigem Bau vorhanden 
waren, davon konnte man sich bald überzeugen. An eine Herausnahme des Gehirns konnte 
aber nicht gedacht werden. Die Hirnganglien waren auf beiden Seiten gleichmässig vorhanden 
und beide, die gestreiften Körper wie die Sehhügel, waren mit der ganzen Hirnmasse gleich- 
massig vermindert.“ 

„Bei der Section der übrigen Höhlen zeigten sich keine krankhaften Veränderungen. Alle 
Eingeweide, und namentlich auch die Lungen, welche doch in der letzten Zeit der Krankheit 
zu leiden schienen, waren wohlgebildet und nicht krankhaft verändert, und man überzeugte 
sich, dass der Kranke an einem Hirnleiden mit bedeutenden Blutergiessungen auf der Ober- 
fläche gestorben war.“ 

„Betrachtet mau den Schädel, so weiss man nicht, ob mau mehr die Kleinheit der Hirn- 
kapsel im Verhältuiss des Kopfes, die ausserordentliche Flachheit oder den Mangel der Stirn 
und die gerade Abplattung des Hinterhauptes vom Hinterhauptsloche bis weit über die Gegend 
der Protuberantia occipitalis externa, die seitliche Zusammendrückung der Stirn, oder im Gesichte 



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Ueber die Mikrocephalen oder Affen -Menschen. 147 

die Dünne der Scheidewand der Augenhöhlen und den vorspringenden Winkel, den der schief 
rortretende Oberkiefer mit dem Unterkiefer macht, bewundern soll. Der Hirnschädel hat nur 
13 Zoll Circumferenz, während er beim gesunden Menschen gegen 20 Zoll beträgt. Von der 
Seite angesehen, beginnt das Schädelgewölbe ganz flach, erst hinter der Stirnwurzel oder Gla- 
bella und hinter den Arcus supraorbitales, steigt ganz flach rückwärts bis zum Scheitel auf und 
senkt sich allmälig wieder bis einen halben Zoll hinter die Lambdanaht; hier biegt sich das 
Gewölbe plötzlich wieder stumpf um und steigt nun ganz gerade, nämlich senkrecht gegen die 
Basis cranii, zum Hinterhauptsloche. Das Hinterhaupt ist daher so wenig entwickelt, dass 
wenn man den Schädel auf den Z&hnränderu des Oberkiefers aufsteilt, das Hinterhaupt nicht 
den Boden berührt, so dass die Processus condyloidei, den tiefsten Theil des Schädels bildend, 
noch mehr als einen halben Zoll vom Boden entfernt sind.“ 

„Der Camper’sche Winkel beträgt bei unserem Mikrocephalus nur 64*. Die Nähte bieten 
an dem Schädel unseres Mikrocephalus mehreres Merkwürdige dar. Da das Hinterhaupt ganz 
abgeplattet ist, so dass der Schädel hinter seinem breitesten Theile, der in die Gegend des 
hinteren Theiles der Schläfengrube fällt, fast wie abgeschnitten ist, und da diese Abplattung 
des Hinterhauptes von der Missgestaltung des Schuppentheils des Hinterhauptbeins ahhängt so 
ist auch der Verlauf der Sutura lambdoidea ganz eigentümlich. Diese Naht bildet keinen 
Winkel nach vorn, sondern läuft fast parallel mit der Circumferenz des abgeplatteten Hinter- 
hauptes bogenförmig von einer Seite zur anderen herüber. Die Pfeilnaht ist nicht mehr vor- 
handen durch vollständige Verwachsung der beiden Scheitelbeine. Ebenso fehlt auf einer Seite 
(der linken) die Sutura squamosa ganz. Obgleich die Wände des Schädels nicht verdickt sind, 
so fehlt die Diploe doch an den meisten Stellen. Au der inneren Fläche des Schädelgewölbes 
sieht mau die Impressiones digitatae und Juga cerebralia ganz ausserordentlich stark ausge. 
prägt Die Sulci der Arteria meningea media sind sehr deutlich. Unter den drei Schädelgru- 
ben iBt die vordere am meisten verkleinert durch die Abplattung und seitliche Zusammen- 
drückung der Stirn. Die Oeflnungeu der Basis cranii zum Durchgänge der Nerven und Ge- 
fässe sind alle vorhanden, das Fora men jugulare sinistrum in seinem hinteren Theile verengt. 
Das Fortunen maguurn ist nicht verkleinert.“ 

Wir haben zu dieser meisterhaften Beschreibung von Johannes Müller wenig hiuzuzu- 
fügen. Was in der Thut bei dem Schädel von Michel Sohn am meisten auffallt und ihn von 
allen Mikrocephalen, die wir bis jetzt sahen, durchaus unterscheidet das ist jene Abstutzung 
des Hinterhauptes, welche ihn dem Schädel mancher Fleischfresser ähnlich macht, bei denen 
diese Abstutzung mit der Entwicklung der Leisten verbunden ist au welche sich die Beiss- 
muskeln anheften. So wie sie ist so erinnert diese Abstutzung aber auch au die Hinterhaupts- 
gegend des wachsenden Orangs, bei welchem die Leiste der erwachsenen Thiere sich ausbildet, 
und das starke Vorspringeu der Augenbrauenbogen, die schiefe Stellung der Kiefer und der 
Schneidezähne erhöhen uoch diese Aehnlichkeit '). Was die Zähne selber betrifft so haben 
dieselben durchaus die normale Grösse der Zähne eines erwachsenen Mannes, die Weishcits- 



l ) Pie Schudelkapsel eines jungen örang, dessen Kopf sich im Museum von Wiesbaden befindet, ist nnch 
der Zeichnung, welche Lucae davon gegeben hat (der Pongo- und Orang-Schfidel T&f- VUT. Wiesln .1.) last 
der Abklatsch der SchSdelkapsel vou Michel. 

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Ueber die Mikroeephalen oder Allen -Menschen. 

zähne sind in beiden Kielern durchgebrocheu, und wenn man eine Thierähnlichkeit linden 
wollte, so wäre sie höchstens in einer kleinen Lücke zwischen dem zweiteu Schneidezahne und 
dem Eckzahne der linken Seite zu sehen, in welche der Eckzahn des Unterkiefers eingreifen 
kann. 

Der Schädel im Ganzen zeigt eine geringe Abweichung nach der linken Seite hin, die in- 
dessen hauptsächlich nur in dem Kieferapparate bemerklich ist 



Friedrich Sohn. 

Schädel und Gehirn befinden sich in der Berliner Sammlung unter No. 12,710 und 12,590 
und ersterer ist mir gütigst von Prof. Reichert mitgethcilt worden. Als Joh. Müller seinen 
Aufsatz über den Bruder Michel Sohn schrieb, war dieser jüngere 13 Jahre alt. Ermagindem 
Alter von IS Jahren gestorben sein, da in beiden Kiefern die Weisheitszähne gerade im Durch- 
bruche begriffen sind. Seinem Bruder gegenübergehalteu, ergiebt sich zwar eine Familienähnlich- 
keit, doch auch Unterschiede genug, welche man fast dahin resumiren könnte, dass Friedrich 
bei etwas grösserer Gehimentwicklung mehr abgeschliffene weibliche Formen zeigt, ln der That 
treten die Augenbrauenbogen, die kielförmige Erhebung längs der Mittellinie und die kammartige 
Ausbildung an der Grenze des Hinterhaupts, sowie der Hinterhauptsstachel bei weitem nicht so 
schart hervor, als bei dem Bruder; die Schläfenleisten rücken nicht so hoch nach der Mittellinie 
hervor, die Jochbögen sind schwächer, die Verwachsung der Nähte ißt fast auf denselben Punkt 
gediehen, die Pfeilnaht ist gänzlich verschwunden, die Krouenuabt schon so fest gewordeu, dass 
sie sich an der Schläfe und im Inneren des Schädels nur mit Mühe verfolgen lässt. Der we- 
sentlichste Unterschied ergiebt sich neben der grösseren Ausbildung des Hirnraumes, die aus 
allen Maassen hervorgeht, noch ganz besonders durch die geringere Abplattung des Hinterhaup- 
tes, welche bei dem älteren Bruder weit stärker und gewissermaaasen gewaltsamer hervortritt. 
Im Uebrigen ist das Hinterhauptsloch durchaus so gestellt wie bei dem Aeltern, und die Ver- 
schiebung des Gaumens gegenüber der Längsachse des Schädels kaum angedeutet und zwar 
nach der entgegengesetzten Seite. Die Zähne sind wahrhafte Muster einer ausserordentlich 
kräftigen, wohlausgebildeten menschlichen Bezahnung. Die mittleren Schneidezäbne des Ober- 
kiefers namentlich ausserordentlich stark und schaufelformig, so dass sie an Grösse den grössten 
Negerzähnen entsprechen, die ich gesehen. Es lässt sich kaum die. beginnende Abnutzung 
an denselben darthun. 

Vergleicht man die Schädel beider Brüder durch Ucbereinanderlegung der Pausen, so 
findet man in der Protilansicht eine gewisse Aehulichkeit, wenngleich die Stirnwülbung bei 
Friedrich weit bedeutender ist und der grösseren Wölbung des Hinterhauptes entspricht, 
welche der, abgestuzten Umriss von Michel um 5 Millimeter übertrifft. Dagegen ist der Ober- 
kiefer Friedrich 's niedriger und der Unterkiefer weit schwächer, während die schiefe Stellung 
der Zähne in beiden Schädeln sich beinahe gleich verhält Die Ansicht von vorn zeigt bei 
Friedrich eine weit bedeutendere Entwicklung der Stirngegend, der Höhe wie der Breite 
nach, und die Schcitclansicht lässt die geringere Entwicklung der Kiefer und der Jockbogen 
deutlich hervortreten. Vergleicht man endlich die beiden Schädel von unten, so findet man, 
dass der Gaumen Friedrich’* kürzer und schmäler und das Grundbein weniger lang ist, so 



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Ueber die Mikrocephalen oder Affen- Menschen. 

dass das Hinterhauptsloch dieselbe Stellung hat in Beziehung zur hintereu Wölbung und 
der vordere Zahnraud den vorderen Kaud der Nasenbeine gerade deckt, während jener bei 
Michel im Qegentbeile um einige Millimeter den Nasenrand überragt. 



4. Konrad Sohiittelndreyer von Nienstädt bei Bfiokeburg, 31 Jahre alt. 

R. Wagner sagt in seiner Abhandlung über den Hirn bau der Mikrocophalen Seite 52: 
..Diesen Schädel hat Blumenbacb im Jahre 1813 abgebildet, aber nicht weiter beschrieben, 
nnd es befindet sich derselbe in der Blumenbach'schen Sammlung zugleich mit einem Acten- 
stücke, dem Briefe eines Wundarztes in Bückeburg und mit der Aufschrift von Blunienbach’s 
eigener Hand: Schädel des 31jährigen Thiermenschen von Bückeburg 1812.“ Wagner giebt 
dann mit folgenden Worten einen Auszug aus dem erwähnten Begleitschreiben: „Konrad 
Schüttelndreyer wurde als der eheliche Sohn eines Bergmanns 1780 in Nienstädt geboren. 
Von dem Gesundheitszustand etc. der Eltern ist nichts gesagt. Von der Mutter wird erzählt, 
dass sie sich während der Schwangerschaft an einem Bären- nnd Affentanz versehen habe. 
Konrad war der jüugste von sechs Geschwistern; ein Bruder und drei Schwestern lebten noch 
bei seinem Tode und waren geistig uud körperlich gesund. Er war von mittelinässiger Statur, 
von Knochenbau schwach, Rückgrat nach Aussen convex, doch nicht schief gekrümmt, Arme 
sehr lang; Hautfarbe bräunlich, kleine Augen, blond, auffallend wenig Barthaare, beständig 
ragte die Spitze der Zunge aus dem Munde, wie er denn unaufhörlich geiferte. Gang etwas 
geschwind mit vorhängendem Kopfe und vorwärts gestreckten Händen. Sein ganzes Aeusscre 
glich sehr dem Simia troglodytes in Bertuch’s Bilderbuch. Er hatte einen sehr starken Ap- 
petit und verschlang alleB, was arme Landlente gewöhnlich zu essen pflegen, mit grosser Be- 
gierde. Eine besondere Vorliebe für diese oder jene Speise zeigte er nicht. Er ass sehr ge- 
schwind, und zwar mit einem Löffel, aber so ungeschickt, dass ihm gewöhnlich ein Theil der 
Speisen wieder aus dem Löffel fiel, den er dann mit der anderen Hand selbst von der Erde 
aufrafite und in den Mund steckte. Gewöhnlich wurde er daher von Anderen gefüttert Auch 
beim Essen lief ihm der Speichel beständig aus dem Munde. Er hatte eine sehr heftige Ge- 
miithBart wurde leicht böse, vergass aber auch die Beleidigungen leicht wieder. Wenn er böse 
war, stiess er rauhe, unarticulirte Lante aus, rannte auch wohl mit dem Kopfe gegen die Wand. 
Zorn und Fnrcht vor Strafe und eine Art Menschenscheu gab er auf eine ganz eigene Weise zu 
erkennen. Zuweilen, aber sehr selten, verrieth er Regungen von Geschlechts trieb. Ein ein- 
ziges Mal schien er bei der Ehefrau seines Bruders Gewalt brauchen zu wollen, um seinen Trieb 
zu befriedigen. Er fasste sie hei den Haaren und umarmte sie mit grosser Heftigkeit, wurde 
aber durch das Geschrei der Frau und durch hinzukommende Personen gestört. Er war nicht 
im Geringsten gelehrig. Er konnte sich weder an- noch Ausziehen, die Stubenthür nicht zu- 
machen, doch verstand er sie zu öffnen. Seine Nothdurft verrichtete er, wo er ging, stand oder 
lag, musste deshalb fast jeden Morgen gereinigt werden und trug eben darum gewöhnlich keine 
Beinkleider. Sprechen konnte er gar nicht, sondern gab bloss unverständliche thierisebe Laute 
von sich, die dem grellen Blöken eines Kalbes glichen. Manchmal antwortete er auf Fragen, 



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lf.o l’eber die Mikroceplmleu oder Aden- Menschen. 

z. B. ob er noch etwas essen wolle, mit Kopfnicken oder Schütteln. Seine Angehörigen sagen, 
er habe folgende Wörter, die er wahrscheinlich oft sehr accentuirt gehört hatte, wiewohl sehr 
unverständlich ausgesprochen: Teufel, Donnerwetter, Schwere Notb, Narr. Im Sommer hielt 
er sich auf dem freien Platz vor der Wohnung seines Bruders auf, besah neugierig die Vor- 
übergehenden, versuchte auch wohl mit kleinen Kindern zu spielen und ihnen nachzulaufen, 
tliat ihnen aber nie etwas zu leide. Im Herbste kletterte er wohl auch auf niedrige Obstbäume 
und verzehrte das Obst, auch wenn cs ganz unreif war. Im Winter sass er gewöhnlich hinter 
dem Ofen und zerriss altes Papier oder schlechte Linnenlappen in kleine Stücke, welches seine 
liebste Beschäftigung war. Von Jugend auf ist er sehr gesund gewesen und hat nie eine eigent- 
liche Krankheit gehabt. Wahrscheinlich würde er ein hohes Alter erreicht haben, wenn nicht 
ein Unfall sein Leben verkürzt hätte. Solange seine Mutter lebte, wollte ihn diese nicht von 
sich lassen. Nach dem Tode derselben hielt aber sein Bruder dämm an, dass der Unglückliche 
in Jas Pflegehaug in Bückeburg aufgenommen werden möchte. Dies geschah auch und er lebte 
daselbst nach seiner Art bei sehr ordentlicher Wartung mehrere Wochen ganz vergnügt. Im 
Anfänge des Winters hatte er sich wahrscheinlich zu nahe an der. heissen Ofen gestellt, der 
Rock w ar ihm hinten angebrannt, die Gluth war ihm bis auf die Haut gedi-UDgen und nun hatte 
er sich auf seinen Strohsack geworfen, der ebenfalls ungebrannt war. Der Aufwärter kam zu- 
fällig herauf (denn gegebnen soll der Verbrannte gar nicht haben), löscht das Feuer, und da 
er die grosse Brandwunde sieht, schickt er sogleich znm I-andchirurgus. Dieser fand aut den 
Hinterhacken eine Brandwunde von der Grösse eines Quartblattes, die Muskeln waren entblösst, 
auch das Scrotum war sehr verbranuL Der Kranke liess sich geduldig verbindeu, und gab, 
was sehr merkwürdig ist, während der ganzen Behandlung, die 14 Tage dauerte, kein Zeichen 
des Schmerzes von sich; auf alle Fragen antwortete er mit seinem gewöhnlichen Blöken. In 
den ersten Tagen ass er mit sehr grossem Appetit. Als aber nachher sich ein äusserst heftiges 
Entzündungsfiober einstellte und die Eiterung sehr stark war, wollte er nichts mehr gemessen 
und starb so an Entkräftung den I. December 1811 in einem Alter von 31 Jahren und 7 
Monaten.“ 

Unter allen mikrocephalen Schädeln, welche mir durch die Hände gegangen sind, ist der- 
jenige des Thiermenschen von Bückeburg, wie ihn ßlumeubach so bezeichnend nennt, ohne 
Zweifel der afienähnlichste in jeder Beziehung mit alleiniger Ausnahme des Hirnvolumeus. Wie 
man ihn auch betrachten möge, so kann man nicht umhin, bei dem Gedauken zu schaudern, 
dass wohlgestaltete Menschen einen solchen Sprössling erzeugen konnten; die Augenbrancn- 
wülste sind ungeheuer, in der Profilansicht bilden sie einen abgerundeten Vorsprung von der 
Grösse eiuer Walluuss, der sich mit einer dicken Leiste nach hinten fortzicht und der niederen 
Stirn und der abgeflachten Schädelwölbung so genau folgt, dass er die Mittellinie des Schä- 
dels beinahe verdeckt Betrachtet man den Schädel von oben, so sieht man, dass diese beiden 
Wülste, welche nichts anderes sind, als die erhabenen Schläfenleistep, au welchen sich die Kau- 
muskeln festsetzen, auf der ganzen Länge der verschmolzenen Pfcilnaht nur einen 2 Millimeter 
breiten vertieften Raum zwischen sich lassen und dass auf der abgeplatteten und vertieften Stirn 
eine rautenförmige Grube hergestellt wird, welche vorn von den Augemvülsten und hinten von 
diescu erhabenen Schläfenleisten begrenzt ist. Mit Ausnahme dieses geringen Raumes war also 
die ganze Schädelkapsel oben und von den Seiten her von den Schläfenmuskeln eingchüllt, 



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lieber die Mikrocephalen oder Allen -Menschen. 

welche in der Mittellinie beinahe zusammenstiessen. Diese Bildung ist genau diejenige der 
heranwachsenden Affen in dom Augenblicke, wo die letzten bleibenden Backzähne hervor- 
brecben, und auf dem Schädel sich jene vorspringende Leiste bildet, zu deren beiden Seiten 
die Kaumuskeln des erwachsenen Thieres sich anheften. 

In der Profilansicht scheint dieser Schädel in Folge der Verflachung seiner Wölbung und 
der Abrundung des Hinterhauptes bedeutend lang. Wir sehen in der That nicht jene Abstutzung 
des Hinterhauptes, welche bei den Gebrüdern Sohn bemerklich war. Im Gegentheil findet sich 
längs der Lambdanaht eine leichte Einsenkung, welche die Trennung des Scheitelbeines und 
Hinterhauptbeines andeutet Die Schuppe des letzteren bildet einen rundlichen Anhang, unter 
welchem sich hei der Ansicht von oben der Hinterliauptsdorn versteckt Dio in der Profil- 
ansicht bemerkbare Verlängerung des Schädels wird noch vermehrt durch die vorspringende, 
tief unter dem Augeubrauenwulst eingepflanzte Nase, wolcho die Linie der fliehenden Stirn fast 
fortsetzt, und durch die ebenfalls vorgezogeuen Kiefer, welche diesen Schädel fast als den prog- 
nathesten erscheinen lassen, obgleich die Schueidezähne ein wenig von der Linie des Oberkiefers 
abweichen, indem sie unter einem freilich sehr stumpfen Winkel in denselben eingepflanzt sind. 

Von vorne oder von hinten gesehen bildet dieser Schädel fast ein gleichschenkliges 
Dreieck, dessen Gipfel von der Scheitellinie gebildet wird. Von der Pfeilnaht fallen die Soiten- 
wände wie ein steiles Dach nach beiden Seiten bin ab, die beiden unteren Winkel des Dreiecks 
werden durch die äusseren Bänder der ausserordentlich aufgedunsenen Zitzeufortsätze gebildet. 
Die Stirn gleicht in der Ansicht von vorn etwa dem niederen Giebelfelde eines griechischen 
Tempels, die Nasenwurzel ist tief cingesenkt und sehr breit, die Augenhöhlen durch diese be- 
deutende Entwicklung der Scheidewand auf die Seite gedrängt, trotz seiner schiefen Stellung 
ist dennoch der Oberkiefer sehr niedrig und die noch vorhandenen Zähne normal entwickelt 

Der Eindruck, welchen dieser seltsame Schädel hervorbringt, verändert sich eiuigermaassen, 
wenn man ihn von oben oder unten ansieht Er ist in der That ausserordentlich breit, breiter 
als alle übrigen, der kurzköpfigste von allen. Diese Breite ist einestheils durch die Verdickung 
der Wände bedingt, welche in der Schläfengrube vorspringende Leisten bilden, an welchen sich 
die gewaltigen Kaumuskeln festsetzten, anderntheils aber und namentlich durch die ausser- 
ordentliche Entwicklung der Zitzenfortsätze, welche oben seicht ausgekehlt, fast die Gestalt einer 
Fussbank zeigen, die von den Jochbogen nach dem Hinterhaupte liefe. Bekanntlich ist diese 
Bildung besonders charakteristisch für die meisten Affen. 

In der Profilansicht gleicht der Schädel Schüttelndreyer’s am meisteu demjenigen von 
Jena; — die Höhe und Wölbung derStirn entsprechen sich in der That fast vollständig, aber die 
Vorderstirn ist noch mehr abgeplattet, die Augenbrauenwülste, die Nase und das Hinterhaupt 
vorspringender. Der Grad der Prognathie ist bei beiden etwa gleich. Die Ansichten von vorn, 
von hinten , von oben und unten weisen diesem Schädel eine ganz besondere Stellung an und 
lassen höchstens mit demjenigen von Maehre einige entfernte Aohnlichkeit erblicken. 

Die Zälme sind nicht wohl erhalten, was aber davon bleibt, beweist hinlänglich, dass sie 
dem menschlichen Typus gemäss gebildet und die Weisheitszähne hervorgebroehen waren. 

Alle Nähte sind sichtbar, mit Ausnahme der Pfeilnaht welche gänzlich verschwunden ist 
Die Lambdanaht verschmilzt ebenfalls in ihrem mittleren Theile und die Kronnaht zeichnet 
sich durch die Einfachheit ihrer Zäbnelungen aus. 



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Ueber die Mikrocephalen oder Affen - Menschen. 

Da der Schädel durch einen Längsschnitt gethcilt ist, so kann man constatiren, dass die 
Diploe in dem Stirnbein fast gänzlich verschwunden, sonst aber wohl erhalten ist. Der Augen- 
brauenwulst ist sowohl durch die ausserordentliche Entwickelung der Stirnhöhlen , wie durch 
die Dicke der Wandungen derselben bedingt; er ist so bedeutend, dass die Entfernung von 
seinem äusseren ltande zur Spitze des Gehirnes fast zwei Centimeter beträgt. Das Grundbein 
ist in seiner Mitte sehr dick und fast gänzlich verwachsen, der Türkensattel sehr tief. 



Nr. B. Mikrocophale von Jena. 26 Jahre alt. 

Tab. 14 bis 16. 

Professor Theile, mein früherer Lehrer der Anatomie in Bern, erhielt diesen Schädel mit 
Gehirn vom Medicinalrath Dr. Wedel in Weimar. Aus seinem sehr vollständigen Aufsatze 
(Ueber Mikrocephalie : in Ilenle’s und Pfeufer’s Journal, dritte Reihe, Band XI, Seite 210) 
entnehme ich Folgendes: 

„Herr Medicinalrath Wedel in Jena hatte die Freundlichkeit, den sorgfältig mundirten 
knöchernen Kopf und das unverletzte Gehirn eines 26jährigen, in der Umgegend von Jena ge- 
borenen und gestorbenen männlichen Individuums mir zur Untersuchung zu überlassen, und 
zugleich einige Notizen über dessen Lebensverhältnisse beizufügen.“ 

„Das Individuum maassvom Scheitel bis zur Fusssohle 61 Zoll rheinisch; die Schulterbrcite 
betrug 13 Zoll. Die Gestalt des Gesichts und des ganzen Kopfes erinnerte auffallend an die 
vor einigen Jahren zur Schau umhergeführten sogenannten Aztekenkinder. Das Haupthaar 
war wollig und blond; auch an der Oberlippe zeigte sich wolliges Haar, gleichwie an den 
ziemlich entwickelten Geschlechtsthcilcn. Die vorstehenden Augen waren in den letzton Jahren 
cataractös geworden.“ 

„DaB Individuum entstammte gesunden Eltern, von denen noch mehrere geistig und kör- 
perlich gesunde Kinder gezeugt worden sind. Die Mutter indessen soll zwei blödsinnige Ge- 
schwister gehabt haben, die im Alter von etwa 40 Jahren starben. Erst mit dem fünften Jahre 
lernte der Knabe stehen und gehen; der Gang war ein trippelnder. Er stiess unarticulirte 
Töne aus, wenn er in Erregung kam oder ein Begehren zu erkennen geben wollte; nur das 
Wort „Mutter“ soll er ziemlich deutlich ausgesprochen haben. Löffel, Messer und Gabel lernte 
er nicht handhaben; er nahm die Speisen, nach dem Ausdrucke der Eltern, wie mit einem 
Katzenpfötchen. Deshalb ass er auch nicht am Familientische. Kuchen unterschied er vom 
Brote und er warf letzteres weg, wenn er bei Anderen Kuchen sab.“ 

„Bei bevorstehenden Witterungsveränderungen soll er gewöhnlich eigenthümlich kreischende 
Töne ausgestossen oder sich in einem krankhaften Zustande befunden haben, wobei er nament- 
lich häufig nach dem Kopfe griff. — Geschlechtliche Regungen wurden niemals bemerkt“ 

„Da der Knabe die Stuhl- und Harnentleerung nicht beherrschte, so wurde er stets in 
weibliche Kleider gesteckt die er zwar ausziehen konnte, aber nicht anzuziehen verstand, ln 
dieser Kleidung sah man ihn wohl unter der Dorijugend etwa nach Art eines Ilaustliieres, das 
sich an die Menschen gewöhnt hat; denn an den Spielen der Kinder konnte er nicht theilnehmen. 



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Leber die Mikrocephalen oder Affen -Menschen. 153 

Späterhin wurden übrigens die Eltern gewarnt, das affenartig ausseliendc Individuum nicht im 
Dorfe herumlaufen zu lassen.“ 

„Eine vollständige auf alle drei Körperhühlen ausgedehnte Seetion des an chronischer 
Meningitis verstorbenen Individuums war nicht zulässig. Das auf gewöhnliche Weise (unter 
Zurücklassung der Hypophysis} aas dem Schädel genommene und noch von Arachnoidea und 
Pia mater umhüllte Gehirn wog im frischen Zustande 10*/« Unzen Preuss. Med.-Gewicht“ 

„Der eigentliche Schädel sowohl wie das Gesiebt betheiligen sich an der Grössenver- 
minderung, der Schädel indessen in weit höherem Maasse.“ 

„Der Gesichtstheil ist durch Prognathismus ausgezeichnet, dessen Entstehen sich zum Theil 
wenigstens so auffassen lässt dass die an normaler Stelle mit der Schädelbasis verbundenen 
Gesichtsknochen in einfacher hebelartiger Bewegung nach vorn geschoben wurden, wodurch 
ihre unteren Enden weiter nach vorn zu liegen kommen. In der That lehrt die Profilansicht 
des in normaler Stellung befindlichen Kopfes, dass der untere Augenhöhlenrand den oberen 
vielleicht um 1 Ctm. nach vorn überragt, während am Normalschädel der obere Rand der vor- 
springende ist ; dass die Crista lacrymalis von oben nach unten zugleich aber auch etwas nach 
vorn herabsteigt, statt nach hinten; dass eine von der Spitze des Processus nasalis maxillae 
superioris ausgehende Verticale auf die Conjugate der hinteren Backzähne trifft, statt auf die 
Conjugate der Hundszähne; dass in der Richtung der Nasenbeine und der oberen Scbneide- 
zähne jene Vorschiebung deutlich ausgesprochen ist und nicht minder in der Richtung des 
Processus pterygoideus, womit der Ramus perpecdicularis ossis palatini und des Yomer ihrer- 
seits harmoniren. Selbst am Jochbeine lässt sich das erwähnte Verhalten noch erkennen, 
insofern die Spitze seines Processus frontalis die zumeist nach hinten liegende Partie des äusseren 
Augenhohlenrandcs ist. In der unteren Gesichtshälfte, am Unterkiefer nämlich, betheiligt sich 
die Pars alveolaris am Prognathismus, aber in umgekehrter Richtung wie am Oberkiefer. Die 
unteren Schneidezähne sind von der Wurzel aus nach oben nnd vorn gerichtet, statt nach oben 
und hinten. Es bilden daher die vorderen zuhntragenden Theilc beider Kiefer die am meisten 
nach vorn ragende Partie des Gesichts und das eigentliche Kinn wird vom Oberkiefer nach 
vorn überragL“ 

„Der in gewöhnlicher Weise genommene Gesichtswinkel beträgt nur etwa 53*/«*.“ 

„So sehr nun auch die Profilansicht durch alle diese Momente an die thierische Bildung 
erinnert, so erhalt sich doch der menschliche Typus in dem Kinne. Deun dieses springt immer 
noch als Mentum prominens vor, so dass sich eine Einschnürung zwischen ihm und der nach 
vorn umgeknickten Pars alveolaris bildet.“ 

„Der eigentliche Schädel bekommt dadurch den thicrischcn Typus, dass in der Stirngegend 
die Entwicklung nach vorn und nach oben auf unverkennbare Weise zurückgeblieben ist.“ 

a. Eigentlicher Schädel. 

„An der Aussenfläche des eigentlichen Schädels zeigen sich mehrfach die Spuren eines 
abgclnufencn entzündlichen Prozesses, indem die Oberfläche nicht elfenbeinartig glatt erscheint, 
sondern mehr oder weniger rauh und von zahlreichen grösseren und kleineren Löchern durch- 
bohrt. Diese osteoporotisebe Beschaffenheit findet sich au der verdickten Glabella und an der 

Archiv tUr Anthropologie. Hand H. Heft i. 20 



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lieber die Mikrocephalen oder Affen • Menschen. 

Pars supraorbitalis et zygomatica des Stirnbeines, von wo ans sie beiderseits bis zur Kranznabt 
hinaufreicht, die kammartig vorspringeude verwachsene Stirnnaht frei lussend. Am Temporal- 
rande der Pars zygomatica ist es zur Bildung mehrfacher kleiner Knochenstaehelu gekommen. 
Ebenso zeigt der über der Linea semieirculnris superior gelegene Theil der Hinterhauptschuppe 
ein siebformig durchlöchertes Aussehen. An der Inncniliiche des Schädels finden sich am 
Stirntheile des Stirnbeines, an dessen beiden Partes orbitales und an der oberen Fläche des 
Keilbeinkörpers bis zu den Forainina optica hin, ferner am Boden der mittleren .Schädelgrube, 
beiderseits nach aussen von den Foramina rotunda et ovalia, sodann am seitlichen und hinteren 
Umfange der hinteren Schädelgrube, endlich zu beiden Seiten der Pfeilnaht Spuren von Ent- 
zündung, die theils schon vor längerer Zeit, theils erst in noucrer Zeit abgelaufen zu sein 
scheint“ 

„Der durch den gewöhnlichen Horizontalschnitt geöffnete Schädel zeigt 3 bis 4 Millimeter 
dicke Wandungen. Kur oberhalb und liinter den Processus mastoidei erreichen die Knochen 
eine Dicke von 5 bis 6 Millimeter. Die Tabula interna ist überall blattartig dünn, desgleichen 
auch die Tabula externa, mit Ausnahme des Stirn- und Hinterhauptbeines, wo sie etwas dicker 
ist Die reich entwickelte Diploe ist ziemlich grosszeilig.“ 

„Die Kranz- und Pfeilnaht sind in der ganzen Ausdehnung vollkommen beweglich ; ebenso 
die Lambdanaht mit Ausnahme einer kleinen Strecke am unteren Ende des linken Schenkels. 
An der Aussenfläche des Schädels sind alle diese Nähte zahn- und sägeförmig gestaltet, an der 
Innenfläche dagegen legon sich die Knochen harmonieartig an einander. Die Pfeilnaht hat 
übrigens keinen geradlinigen Verlauf. Die übrigen Nähte zwischen den Schädelkuochen und 
zwischen den Schädel- und Gesichtsknochen sind auch noch unverwachsen, mit alleiniger Aus- 
nahme der Sotura squamosa, die auf beiden Seiten so vollständig verwachsen ist, dass weder 
auf der Aussen- noch auf der Innenfläche eine Spur derselben wahrzunehmen ist. An der 
Schädelbasis ist die Sutura spheno-orbitalis noch durchaus uuverwachscn. Der Keilbeinkörper 
und die Pars basilaris sind in der Schädelhühle vollständig syuostotisch verbunden ; an der 
unteren Fläche zeigt sich aber noch ein deutlicher quorliegendcr Spalt zwischen beiden Knochen, 
der ohne Zweifel im frischen Zustande noch einen Rest des Sphenobasilarknorpels enthielt“ 

„In der Schädclhöhlc werden im Allgemeinen die scharfkantigen Bildungen vermisst welche 
den Schädel des Erwachsenen charakterisiren. Die Impressiones digitatae und die Juga cere- 
bralia treten nirgends scharf hervor, ja au den Partes orbitales, wo man sie au Normal- 
schädeln besonders gut ausgebildet findet, zeigen sich kaum Andeutungen davon. 
Durch alles dieses bekommt die Innenfläche entschiedene Achnlichkeit mit dem kindlichen 
Schädel.” 

Aus den angestellten Messungen entnimmt Prof. Theile folgende Schlüsse über den nähe- 
ren Antbeil der Gehirnkapsel au der Mikrocephalie. 

«) Das Schädeldach ist in stärkerem Maasse an der Mikrocephalie betheiligt als die 
Schädelbasis, 

ß) Der vordere Schädel betheiligt sich in höherem Grade an der Mikrocephalie. 

Y ) Her Körper und der Bogentheil der einzelnen Schädelwirbel betbeiligen sich in gleichem 
Verhältniss au der Mikrocephalie. 



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lieber die Mikrocephalen oder Affen - Menschen. 

i) Am Bogeutheile der Schädelwirbel sind die medianen zur Schliessung des Bogen? bei- 
tragenden Partien stärker an der Mikrocephalie betbeiligt, als die lateralen Partien. 

„Die Gesammtbildung des Hinterhauptbeines erfährt dadurch eine wesentliche Veränderung, 
dass der Knochen von den Gelenktheilen aus gleichsam nach oben umgeknickt ist und eine 
aufsteigende Richtung annimmt, und dass die hinter dem Foramcn maguum gelegene Partie 
statt einer gleichmässigen Wölbung eine starke Abdachung zeigt. Der ganze Knochen bekommt 
dadurch den thierischen Typus. Ueher den Antheil der einzelnen Schädelknochen an der 
Mikrocephalie kann die Messung der Aussenfläche des Schädeldaches Aufschluss geben.“ 

Prof Theilc giebt die Einzelheiten von Messungen nach Iluschke’s Methode angostellt, 
aus denen wir folgende Tabelle zusammenstellcn, welche den proportionalen Antheil darstellt 
welche -die drei Schädelwirbel von Jena, Schüttelndreyer und dem Schädel des weissen 
Mannes (von Huschkc gemessen) an der Gesammtheit der Oberfläche nehmen, die = 100 ge- 
setzt ist 



Stirnwirbel (gewölbter Theil des Stirnbeines 


Jena 


Schüttelndreyer 


Weisser 


soweit es am Schädeldache tbeilnimmt) . . 
Scheitelwirbel (Scheitelbeine, grosse Keil- 


10,4 


10,1 


24,60 


beinflügel, Schläfenbeinschuppe) .... 
Hinterhauptswirbcl (Schuppe des Hinter- 


01,7 


61,8 


5738 


h&uptbeines) 


27,8 


28,1 


17,46. 



„Man ersieht hieraus,“ fahrt Prof. Theile fort, „dass das mikrocephalische Moment von 
hinten nach vorn im Zunehmen ist; auf den hinteren Wirbel trifft eine höchst ansehnliche re- 
lative Zunahme; am mittleren Wirbel besteht auch noch eine 'relative Zunahme, die indessen 
weit unbedeutender ist; am Stirnwirbel besteht absolute und relative bedeutende Verkleinerung.“ 

b. Gesicht. 

„Alle Nähte der Gesichtsknochen sind erhalten, mit Ausnahme der Sutura iutermaxillaris, 
von der sich auch nicht einmal eine Spur mehr erkennen lässt“ 

..Entzündungsspuren wie am Schädel kommen im Gesichte nirgends vor.“ 

„Der Zahnwechsel ist gehörig von Statten gegangen und am Oberkiefer sind die Weisheits- 
zähnc hereits durchgebroeiien. Der linke erste Schneidezahn des Oberkiefers und einige hintere 
Backenzähne des Unterkiefers Bind seit längerer Zeit verloren gegangen, da die Alveolen sich 
hereits ausgefüUt haben. Die noch vorhandenen Zähne befinden sich im Ganzen in einem 
gesunden Zustande . . . 

„ln der Gesammtformation des Gesichtes tritt neben dem bereits erwähnten l’rognathismus 
vor allem eine grosse Verschmälerung des Septum interorbitale entgegen, wodurch der Eindruck 
des Affenartigen entsteht . . . .“ 

Prof. Theile weist ferner sehr ins Einzelne gehend nach, dass der Zahnapparat normal 
gross ist und dass die übricen Theile des Gesichtes, welche am Schädel angeheftet sind, iu dem 
Maasse zunehmeu. als man sich vom Schädel entfernt. 

20 * 



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Ueber die Mikrocephalen oder Affen -Menschen. 



& Gehirn. 



„Das auf gewöhnliche Weise unter Hinterlassung der Hypophysu aus der Schädelhöhle 
genommene Gehirn hatte im frischen Zustande genau 10 l /, Unsen Preuss. Med. -Gewicht ge- 
wogen, oder 17 Loih 3V, Quentchen Zollgewicht. Nachdem ich das während mehrerer Monate 
in starkem Weingeiste aufbewahrtc Gehirn aus dem Glase genommen und fast eine halbe Stunde 
hatte liegen lassen, damit der eingedrungcno Weingeist ablaufe, fand ich sein Gewicht 
— 14 I.oth 3 Quentchen Zollgewicht.“ 

„Die Arachnoidea und Pia mater befanden sich an der Gehirnbasis überall im Zustande 
der Verdickung. Uebrigons liess sich die Pia mater von der Oberfläche des Gehirns mit gleicher 
Leichtigkeit abheben, wie sonst an W'cingcistpräparaten. ISemerkonswerth ist die bedeutende 
absolute Verkleinerung der Brücke; auch steht die Brücke in einem ungünstigen Verhältnisse 
zum kleinen Gehirn.“ 

Prof. Theile giebt Messungen der verschiedenen Gehirntheile verglichen mit Normal- 
messungen, die Valentin am Gehirn eines 28jährigen Mannes angcstellt und fährt dann fort: 

„Wir ersehen daraus, dass sich die Medulla oblongata beim Mikrocephalus noch genau an 
die Medulla spinalis anschliesst und im Ganzen auch noch das Cerebellum, dass dagegen der 
das Rückenmark mit dem Grosshirn in Verbindung setzende Hirnschenkcl eine höchst auffallende 
Verkümmerung erfahren hat, die sich, wenn gleich weniger stark ausgesprochen, auch am ganzen 
Grosshirne kundgiebt.“ 

„Eine Vergleichung der drei Dimensionen des kleinen Gehirns sowohl wie des grossen 
Gehirns, wobei die Werthe des Normalgehirns als Einheiten angenommen werden, ergiebt: 



Kleinhirn 
Breite = 1 : 0,73 
Lange = 1 : 0,78 
höhe = 1 : 0,86 



Grosshirn 
Breite = 1 : 0,54 
Länge = 1 : 0,51 
Höhe = 1 : 0,69 



„Es bestätigt sich hier noch bestimmter der bereits ausgesprochene Satz, dass die Mikro- 
cephalie nicht alle Gehirntheile in relativer Gleichmässigkcit ergriffen hat, indem das Grosshiru 
weit mehr zurückgeblieben ist als das Kleinhirn. — Nebenbei ersieht man noch aus den vor- 
stehenden Zahlen, dass am Kleinhirne wie am Grosshirne die Länge und Breite im nämlichen 
Verhältnisse abgeuommen haben, dass aber der Höhe beider Theile in einem auffallend ge- 
ringerem Grade Abbruch geschehen ist . . . .“ 

„Dagegen lässt sich aus den vorstehenden Messungen klar entnehmen, dass am grossen 
Gehirne die Verkürzung (und ohne Zweifel daher auch die Volumabnahme überhaupt) in einem 
weit höheren Maasse auf Kosten des Vorderlappons zu Stande gekommen ist. — Sehr auffallend 
tritt die Kleinheit des Olfactorius entgegen. — Die Brücke ist nicht nur kürzer und schmaler, 
sondern sie überragt auch verhältnissmiissig nur wenig die Ilirnschenkel und die Medulla 
oblongata.“ 

„An der Medulla oblongata unterscheidet man deutlich die Pyramiden, die Oliven und die 
strickförmigcn Körper . . . .“ 



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Ucber die Mikrocephalen oder Affen -Menschen. 

„Zur Untersuchung der inneren Gehirntheile führte ich tin der einen Grosshirnhemisphäre 
den gewöhnlichen Ilorizontalschnitt, wodurch das Centrum semiovale Vieussenii biosgelegt wird, 
aus. Als dieser Schnitt etwa 1,6 Ctm. unterhalb der stärksten llervorragung der Hemisphäre ge- 
führt wurde, traf er bereits das Dach des Seitenveutrikels, so dass der letztere geöffnet wurde. 
Die Mächtigkeit der Gehirnschicht, welche den Seitenventrikel umschliesst, geht nach hinten 
nirgends über 1,5 Ctm. hinaus und erreicht nach vorn nur 2,5 Ctm. Mit dieser ungleichen 
Entwicklung der Gehirnmasse trifft aber eine entschiedene Erweiterung des Seitenventrikels 
zusammen, die im hinteren und absteigenden Horn am weitesten vorgeschritten ist. wo der 
Hohlraum im senkrechten und im nueren Durchmesser nicht unter 2 Ctm. misst. Das ganze 
Aussehen der Theile kann es aber nicht zweifelhaft lassen, dass diese hydrocephalische Er- 
weiterung des Seitenventrikels, deren gleichzeitige Existenz auf der anderen Seite aus dem 
Verhalten des Foramen Monroi erschlossen werden darf, ein obsoleter Zustand ist. 14 

„Der Streifenhitgel hat nur eine Länge von 2,8 Ctm. statt 6,99 Ctm., die bei Valentin 
aufgezeichnet sind. Die absolute Verkürzung beträgt also weit über 50 Proc., was mit dem 
oben erwähnten Vcrhältniss der Hirnschenkel im Einklänge stellt.“ 

„Die Sehhügel und die Vierhügel stehen in einem weit günstigeren Grössenverhältniss, 
ebenso das Ammonshorn. Die Zirbeldrüse ist reichlich mit Sand erfüllt und nicht kleiner als 
im Normalgehirne, befindet sich also im Zustande relativer Hypertrophie. Die Vogelklaue 
dagegeu ist sehr niedrig . . . .“ 

„Die Fossa Sylvii steigt von der Gehirnbasis aus an der Seitenfläche der Hemisphäre ziem- 
lich senkrecht in die Höhe, endigt aber schon in der halben Höhe der Hemisphäre, ohne sich 
vorher in einen vorderen aufsteigenden und einen hinteren horizontalen Schenkel zu theilen, 
wodurch am Normalgehirn die als Insel bezeichnete Vertiefung an der seitlichen Homisphären- 
ftäche begrenzt wird. Die Insel nebst den fächerförmig auseinander fahrenden Gyri 
breves s. operti, und ebenso dor die Inselvertiefung von oben her bedeckende 
Klappdeckel, d. h. also die das Menschengehirn charakterisirenden Bildungen an 
der Gehirnoberfläche fehlen gänzlich . . . .“ 

„Von den Centralwindungen fuhrt nun lluschke (S. 139) an, dass sie ausserdem Menschen 
nur noch bei den Vierhändern Vorkommen, und sogar bei den niedrigen Affen nur erst ange- 
deutet sind, und dass sie beim Menschen von dem die Insel bedeckenden Klappdeckel ausgehen, 
bei den Affen aber, wo die Insel und der Klappdeckel fehlen, bis zur Gehirnbasis herabreichen. 
Es ist also an dem Mikrocephalus nur der niedrige affenartige Typus der Centralwindungen 
realisirt und die Bildung ist sogar noch unter Simia troglodytes herabgesunken, insofern bei 
letzterem die Fossa Sylvii weiter nach oben reicht und die beiden Centralwindungen nicht nur 
breiter, sondern auch stärker geschlängelt sind . . . .“ 

„Im Allgemeinen habe ich noch zu bemerkon, dass die einzelnen Gyri, wo sie schärfer 
abgegrenzt Vorkommen , nur 1,0 bis 1,3 Ctm. Breite habeu , im Ganzen also schmäler sind als 
am Normalgehirne, dass ferner die Sulri im Allgemeinen nur eine geringe Tiefe haben, die 
auch beim Sulcus centralis, der am tiefsten ist, 1 Ctm. nicht überschreitet, dass endlich die 
graue Itindenscbicht der Windungen stellenweise nur 1 Millim. Dicke hat und wohl nirgends 
2 Millim. überschreitet. Alle diese Momente im Vereine mit den bereits besprochenen ganz 



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158 lieber die Mikrocephalen oder Affen -Menschen. 

unvollkommenen Schlängelungen und Theilungen der Hemisphärenwülste rechtfertigen den 
Ausspruch , dass das Windungssystem des Mikrocephalus sich als ein unvollkommenes, in der 
Entwicklung zurückgebliebenes kundgiebt.“ 

Ich habe dieser lichtvollen Auseinandersetzung nur wenig hinzuzufügen; meine Bemerkungen 
können sich nur auf die Vergleichung des Schädels von Jena mit denjenigen anderer Mikro- 
cephalen beziehen, lici der Vergleichung durch Uebereinanderlagcrung passt Jena, wie schon 
bemerkt, am besten zu Schüttelndreyer, im Uebrigen aber gleicht er mehr den Sohn und 
der Umriss der Stiru und des Scheitels, der Augeubrauenwulst, die Lage der Ohröffnung. die 
Abgrenzung der Scbläfenlinie passen auch ganz gut zu Michel, von dem er sich freilich durch 
die Rundung des Hinterhauptes, die Iteduction des Stirnbeines, dessen Kronnnht um einen 
Centimeter zurücksteht, und durch die geiingere Höhe des noch schieferen Oberkiefers unter- 
scheidet Dieselbe Aehnlichkeit zeigt sich bei den Ansichten von oben und von unten, freilich mit 
dem Unterschiede, dass die geringere Entwicklung der Kiefer bei Jena auch nothwendigerweise 
mit weniger stark ausgeschweiften Jochbogen und seichteren Schläfengruben verbunden ist. 
Die Schläfenmuskeln mussten bei geringer entwickelten Kiefern auch weniger mächtig sein und 
da die Scheitelleistc bei Jena nicht so ausgebildet ist, so wird auch die Uebereinstimmung der 
Ansichten von vorn und von hinten geringer, namentlich diejenige der Gesiehtsansicht, wo die 
kleineren Augen und die engere N'asensckeidewand von den ungeheuren Augenhöhlen und der 
breiten Nase Michel Sobn’s bedeutend abstechen. Trotz dieser Verschiedenheiten kann man 
aber nicht läugnen, dass eine gewisse Familienähnlichkeit zwischen Jena und den beiden Sohn's 
existirt und dass die Verschiedenheit zwischen den beiden Brüdern Sohn vielleicht bedeutender 
ist in manchen Beziehungen als diejenige zwischen Michel und Jena. Dieser Punkt ist sehr 
beachtenswert!) , er beweist, dass ähnliche Ursachen auch in weiten Entfernungen ähnliche 
Wirkungen hervorbriugen und dass der Schädeltypus, der mit einem gewissen Grade von llirn- 
armuth verbunden ist, derselbe bleibt und nur durch unbedeuteude Modificationen abweicht. 



No. 0. Ludwig Racke von Hofheim. 20 Jahre alt. 

Tafel 17 und 18. 

Der Schädel befindet sich iu der Sammlung der Irrenanstalt Eichberg bei Eltville iu Nassau, 
dereu gegeuwärtiger Diroctor, Medicinalrath Dr. Gräser, die Güte hatte, mir ihn nebst den 
Documenteu, die man über den Fall besitzt und die ich hier wörtlich wiedergehe, zur Benutzung 
zu überlassen. 



Bericht 

Uber die Section der Leiche des geisteskranken Ludwig Racke von Hofheim, ausgenommen 
den 15. October 1846, gestorben im Lebensalter von 20 Jahren den 23. April 184'J, Nachmit- 
tags 3*/j Uhr. Die Section wurde 24 Stunden nach dem Tode vorgenommen. 

„Die Leiche ist sehr abgemagert. Die Epidermis ist weiss und glatt. Auf dem Rücken ein- 
zelne Todtenfleckeii. Die Pupillen sehr erweitert, auf beiden Seiten gleich. Am Halse sind 



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Ueber die Mikrocephalen oder Affen -Menschen. 



Narben früherer Driisenabsccsse. Die Füsse sind leicht oedematös geschwollen. Der Schädel ist 
sehr klein nud verkümmert, nach allen Dimersionen gleichmässig verengt, die Schädelknochen 
sind dick und fest. Das Gehirn wiegt nur 1 Pfund 6 Loth. Es ist bei dieser Kleinheit relativ 
regelmässig gebildet. Zwischen beiden Hemisphären ist die Araehnoidea blasenartig durch 
Wasser, welches mit der dritten Hirnhöhle correspundirt, aufgetrieben.“ 

„Die Substanz deB Gehirnes ist oedematös durchfeuchtet, aber übrigens normal. Die Ven- 
trikel sind stark erweitert und mit Serum erfüllt. Das ganze Gehirn summt den Häuten ist 
blutleer. Die Schilddrüse ist etwas hypertrophisch. Die rechte Lunge ist durchweg tuberkulös 
infiltrirt und mit der Rippen-rieura dicht verwachsen. In der Spitze der rechten Lunge ist eine 
Eiterhöhle von der Grösse einer kleinen Raumnuss. Die linke Lunge ist gänzlich frei von Ver- 
wachsung mit der Rippen-Pleura, aber mit Miliar-Tubcrkeln durchsäet und bat in ihrem un- 
teren Lappen eine Tuherkel-Vomica, welche jauchigen Eiter enthält“ 

„Herzbeutel und Herz sind normal.“ 

„Die Leber ist sehr gross. Sie reicht mit ihrem vorderen Lappen weit in das linke Hypo- 
choudrium bis beinahe zur Milz. Die Textur der Leber ist normal. Die Gallenblase enthält 
zähe dunkelbraune Galle und zwei weiche gelbe Gallensteine von der Grösse einer Haselnuss 
und kugelrund. Die Milz ist ebenfalls gross und blutleer. Die Schleimhaut des Magens zeigt 
eine katarrhalische Schwellung der Follikel. In der Schleimhaut des Ileums sind zahlreiche 
tuberkulöse Geschwüre.“ 

„Die Nieren zeigen stellenweise beginnende Brigbt'sche Degeneration.“ 

„Ludwig Racke wurde, nach der Aussage seiner Mutter, zu früh, im Tten oder bten Monat 
der Schwangerschaft geboren. Er soll sehr schwach und elend gewesen sein und schon den 
dritten Tag nach der Geburt von heftigen Krämpfen befallen worden sein, welche später zur 
wirklichen Epilepsie wurden, und sich oft täglich 10 bis 17 Mal wiederholt haben sollen. 
Wahrscheinlich bildete sich der Blödsinn erst durch dieses Gehirnleiden aus, wie man überhaupt 
bei näheren Nachforschungen bei dem sogenannten angeborenen Blödsinn meistens auf Gehirn- 
krankheiten der frühesten Kindheit stösst“ 

„Racke war im Zustande des vollständigen Cretinismus. Er lernte nie sprechen, war nicht 
an Reinlichkeit zu gewöhnen und verschlang die ihm Vorgesetzten Speisen ohne Auswahl. Der 
Kranke war sehr reizbar und zornig und zu Thätlichkeiten geneigt. In der Anstalt war er ge- 
sitteter geworden und hatte sich mehr an Ordnung gewöhnt Seit etwa fünf Wochen war er, 
nachdem er von der epidemischen Grippe ergriffen worden war, leidend. Er magerte ab und 
litt an Husten mit Auswurf und Dyspnoe. Er starb den 23. April.“ 

„Wie aus dem Sectionsbcfund hervorgeht, hatte die Tuberkulose, wie es scheint durch die 
Grippe angeregt, eine massenhafte Ablagerung in die rechte Lunge gemacht, welche tüdtlich 
wurde.“ 

„Die Kleinheit des Gehirns, welches bei sonst ausgebildetem Körper nur ein Gewicht von 
1 Pfund fi Loth hatte, und welchem die geringe geistige Entwicklung vollständig entsprach, 
reiht sich unstreitig den seltensten Fällen dieser Art an. Der Schädel wird des hohen wissen- 
schaftlichen Interesses halber aufbewahrt weiden.“ 

Eberbach, 25. April 1849. 



Dr. Sncll. 



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lieber die Mikroceplialen oder Affen- Menschen. 

Auszug aus einem Briefe von Herrn Medicinalrath Dr. Gräser vom 31. August 1866. 

„Wider sind die Aufzeichnungen über diesen Fall, dessen Beobachtung längst vor meine 
Zeit fallt, sehr unvollständig. Der beiliegende Sectionsbericht vom Collegon Sn eil enthält 
alles, was ich in der drei Jahre lang geführten Krankheitsgeschichte finde, vollständig. Die 
Eltern waren übrigens, wie aus den anderen Acten hervorgeht, geistig gesund. Der Vater litt 
an Drüsengeschwüren, die übrigen Geschwister waren normal entwickelt.“ 

Unter den Schädeln, bei welchen mau noch in Folge der Hirnverarmung eine affenähn- 
liche Bildung gownhren kann, ist derjenige von Racke der grösste, denn er übertrifft den von 
Maehre um 67 Cubikcentimctor und bleibt nur um 188 Cubikcentimeter unter demjenigen von 
Freiburg, bei welchem die Kleinheit des Gehirns keinen wahrnehmbaren Einfluss auf die Form- 
gestaltung geübt hat Man findet noch die vollständige Prognathie mit Verschiebung der 
oberen Kinnlade und schiefer Stellung der Schneidezähne. Aber die Augenbrauenbogen sind 
nicht übermässig entwickelt Die Schläfenlinien bleiben weit von dem Scheitel entfernt. Die 
Stirn ist höher, der Scheitel gewölbter, das Hinterhaupt besser ausgebildet und das grosse 
Hinterhauptsloch findet sich der Mitte der Schädelbasis näher gerückt. Er ist zugleich von 
allen erwachsenen Schädeln der breiteste und höchste, was schon eine bessere Entwicklung 
der Schädelwölbung anzeigt 

Mit Ausnahme einer Verletzung an dem linken Gelenkkopfe des Hinterhauptbeines zeigt 
der Schädel keine pathologische Veränderung. Alle Nähte sind offen und vollkommen beweg- 
lich; das Grundbein ist verwachsen und keine Spur von der Zwischenkiefemaht vorhanden. 
Die Krön- und l.ambdanaht zeigen eine bedeutende Complication ihrer Zähnelungen, die fast 
einen Centimeter Broite einnehracn. Von oben gesehen zeigt die Lambdanaht keinen Winkel, 
sondern setzt sich fast in gerader Linie quer über die Schädelkapscl fort. Der Gipfel der 
Schläfennaht ist auf beiden Seiten durch den Sägenschnitt weggenommen worden; indessen 
sieht man noch auf der Schnittfläche selbst, dass dieselbe vollkommen offen war. Die Zähne 
sind sehr schadhaft, im Oberkiefer steht nur noch auf der rechten Seit« der zweite Backenzahn 
mit seiner wohlerhaltenen ticfgespaltenen Krone, alle anderen sind verloren oder abgebrochen, 
aber die zum Theil ausgefüllten Höhlen beweisen, dass trotz des Alters von 20 Jahren die 
Weisheitszähne vollkommen durchgebrochen waren. Im Unterkiefer stehen noch die beiden 
mittleren Schneidezähne vollkommen senkrecht, und die beiden hintersten Backenzähne, die 
gänzlich nach innen geneigt sind. Ausserdem stehen noch linkerseits der Eckzahn und der 
zweite Lückenzahn, während der rechte Eckzahn abgebrochen ist. Die vorhandenen Zähne siud 
alle normal gebildet 

Der Schädel ist nicht ganz symmetrisch, die Stirn steht auf der rechten Seite etwas hervor. 
Das Hinterhaupt ist linkerseits etwas mehr gewölbt, so dass es aussieht, als hätte man auf den 
halbwcichen Schädel in der Weise einen Druck ausgeübt, dass die eine Hand auf die linke 
Stirnhälfte, die andere zu gleicher Zeit auf die rechte Hinterhauptshälfte gedrückt hätte. Nase 
und Kiefer nehmen an dieser Verschiebung Theil. Die Nasennaht liegt nicht in der Mitte, 
sondern ist linkerseits eingesetzt und der Oberkiefer steht rechterseits etwas mehr vor. 

In der Profilansicht steigt die Stirnwölbung von einer leichten Einsenknng oberhalb der 
Augenbrauenbogen ziemlich regelmässig gegen den Scheitel empor, der eine stumpfe Ecke 
bildet, die etwas vor der Mitte dor Pfeilnabt liegt; von diesem Gipfelpunkte senkt sich die 



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Ueber die Mikrocephalen oder Affen -Menschen. 

Wölbung wieder ziemlich regelmässig bis zum obern Hinterhauptsstachel, der stark Torspringt, 
und biegt plötzlich um, in fast senkrechter Ebene zum Hinterhauptsgelenke abfallend. Die ge- 
bogene Adlernase ist tief unter dem Augenbrauenwulst eingesenkt, der prognathe Oberkiefer 
stark vorgezogen, die Schläfenlinien sind nur sehr schwach angedeutet und namentlich linker- 
seits kaum sichtbar, sie bleiben in bedeutender Entfernung vom Scheitel. 

Von oben betrachtet erscheint der Schädel fast rund, namentlich wenn man von den vor- 
stehenden Augenbrauenbogen absieht. Die Scheitelbeine sind regelmässig gewölbt, die Stirn 
breit, der Hinterhauptsstachel steht vor, die Pfeilnaht ist in Form einer platten Leiste erhoben, 
namentlich in ihrem mittleren und hinteren Theile; die Nasenbeine überragen in der Mitte den 
Oberkiefer, der nur auf beiden Seiten vorsteht. 

Die Ansicht von hinten lässt besonders den stumpfen Kiel des Scheitels, den gleichmässigen 
Querbogen der Lambdanaht ohne Winkel, die zum Hinterhauptsloche sich hinabsenkende ebene 
Fläche und die schiefe Stellung dieser letzteren gewahren, die so bedeutend ist, dass man von 
hinten her in den Hirnraum hineinsieht und der Vorderrand des Hinterhauptloches um einen 
Centimeter hervorragt. Der Gaumen steht ebenfalls sehr schief nach vorn geneigt im Ver- 
hältnis« zur horizontalen Ebene des Schädels. 

Der Unterkiefer fällt besonders durch das quer abgestutzte, vorragende und beiderseits 
scharfe Winkel bildende Kinn auf. 

Die Vergleichung durch Uebereinanderlagerung der Pausen zeigt bedeutende Unterschiede 
von den übrigen Mikrocephalen durch die grössere Ausbilduug der Gehimkapsel, die Ueber- 
wucheruug des Gesichtes durch die Kapsel und den weit geringeren Vorsprung der Kiefer. 
Der Schädel von Maehre, der durch sein Volumen Racke am nächsten kommt, entfernt sich 
am meisten von ihm durch seine langgestreckte Form, und die übrigen Kurzköpfe stehen durch 
die Kleinheit ihrer Gehirnkapsel und die Lagerung derselben hinter und nicht über dem Ge- 
sichte so weit zurück, dass eine Zusammenstellung nicht thunlich erscheint. 



No. 7. Margarethe Maehler von Rieneck bei Wtirzburg. 33 Jahre alt. 

Tab. XVI., Fig. 3 u. 4; Tab. XIX— XXL 

Der Schädel dieser Person, der mir von den Herren Professoren Kölliker und Reck- 
linghausen nebst dem Ausgüsse mitgetheilt wurde, befindet sich in der anatomischen Samm- 
lung von Würzburg. Es ist der einzige weibliche Mikrocephalenschädel, dessen ich habhaft 
werden konnte. 

Virchow hat inscinen „Gesammelten Abhandlungen“ Seite 947 ein Portrait der damals 24 
Jahre alten Tochter gegeben. Er bemerkt dabei, dass Vater und Mutter vollständig gesund 
und ohne Kröpfe seien, und fahrt dann fort: „Die jetzt 24 Jahre alto Tochter, seit einem 
Jahre menstruirt, ist exquisit mikroccphal: ihr Schädel fehlt fast nud war wenig mehr als die 
Gesichtsmaske und eine enorm dichte Haarmasse von ansehnlicher Länge, welche sieb an das 
vollständig auggebildete, aber ganz thierische Gesicht anschliesst. Unter dem Haare fühlt man 
am Hinterhaupte grosse Hautwülste, als hätte hier ein Substauzverlust stattgefundeu und sich 
eine eingezogene Narbe gebildet, doch ist nichts von einer solchen wahrzunehmen, und mau 

▲teblv fttr AnthrojKilOffiiL Baad IL Heft ‘J. 21 



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Leber die Mikrocephalen oder Allen -Menschen. 

erkennt bei genauer Betastung nur eine relative Hypertrophie der Haut über dem zu kleinen 
Schädel. Letzterer misst 43 Centimeter im Horizontalunifang. 24 sowohl im Querumfang (hinter 
den Ohren über dem Kopf) als auch im Längsumfang (von der Stirn zum Hinterhaupt). Sie ist 
ganz stupid und unbehülflich, geht mühsam mit gekrümmten Knieen, kanu nicht selber essen, 
nicht sprechen, hört dagegen ziemlich gut, giebt ein kreischendes Geschrei von sich, freut sich 
leicht und zeigt ein gewisses Schamgefühl. *• 

Gerichtsarzt I>r. Schröder, der die Person in ihrer Krankheit behandelte und die Section 
machte, giebt folgenden Bericht davon (Archiv von Virchow. 2te Folge. Band 10. 1861. 
S. 358 ff.). 

.Der Leichnam, 33 Jahre alt, weiblich, misst nahezu 5 Schuhe, die Hautdecken blass, der 
Körper massig genährt, die schwarzbraunen Kopfhaare dicht, straff zu den Seiten und rück- 
wärts herabhängend, und sich ohne dazwischenliegende Stirn unmittelbar an das vollständig 
ausgebildete, aber thierische Gesicht anschliessend; unter dem Haare fühlt man am Hinter- 
haupte grosse IlautwülBte , und unter denselben , wie am ganzen Scheitel , die unterliegenden 
Kopfknochen; der Schädel ist exquisit mikrocepbal, misst 43 Centimeter im Horizontalumfang, 
24 sowohl im Querumfang (hinter den Ohren über dem Kopf) als auch im Längsumfang (von 
der Stirn zum Hinterhaupt). Bcido /ahnreihen sind jede einfach vorhanden, die oberen vorde- 
ren Schneidezähne sind breit und treten schaufclformig hervor, die Nasenwurzel ist eingesun- 
ken, der Hals dünn, Brustkorb breit und gewölbt, wohl gebildet ohne Einsenkung in der Seite 
und ohne Auftreibung der Kippenknorpelenden. Schambaare spärlich , die linke Unterextre- 
mität in Adduction mit nach einwärts gerolltem Beine, beide Kniegelenke in stumpfen Winkeln 
durch die angespannten Sehnen unnachgiebig contracturirt , platt uud Spitzfasse beiderseitig, 
links auch geringer Varus, beide Oberschenkel im Hüftgelenke beweglich, das Becken scheint 
ziemlich geneigt, der linke Gelenkkopf ist nach rückwärts nahe am Austreten aus dem Aceta- 
bulum ; der Limbus cartilagiueus scheint verschwunden und das Acetabulum nur die Hälfte 
der gewöhnlichen Tiefe zu besitzen. Die Rückenwirbelsäule in der Thoraxgegend kyphotisch, 
in den Lendenwirbeln lordotisch, sämmtliche Brustwirbel im Dicken- und Breitendurchmesser 
über die Hälfte ihrer normalen Durchmesser verkleinert, atrophisch ; die Lendenwirbel von nor- 
malen Durchmessern. 

, Kopfhöhle. Bei Abnahme der Kopfschwarte zeigt sich das subcutane Fettgewebe hyper- 
trophisch bis zu 2 bis 3 Linien Dicke, am stärksten über dem Hinterhaupte, die Schädeldecke aus 
compacter dicker Knochenmasse bestehend, Diploc darin verschwunden, Kranz-, Pfeil- uud 
Lambdanaht an äusserer und innerer Fläche allenthalben deutlich vorhanden, selbst mehrere 
kleine Schaltknochen in jeder derselben, an ihrer inneren Fläche häutige Impressiones digitatae 
und Juga cerebralia, von denen erstere noch durchscheinend; an der Lambda- und Pfeilnaht 
innen die Löcher für die Vasa nutritia sehr zaldreich; die Gefässfurchen für die sämmtlichen 
Kamificationen der Arterien deutlich, auch der Sulcus longitudinalis und transversus; Form der 
Scheitelbeine natürlich. Dura mater umspannt fest und derb die convexe Fläche des Gehirns; 
die Arachnoidea sehr fein, blutleer, ungetrübt; die Pia mater gefassarm; Gehirn füllt den 
Schädel allenthalben aus, ist symmetrisch, sowohl im Gross- wie Kleinhirn, die Windungen 
beiderseitig gleich gross, sparsam und seicht, Mark und ltindeuBubstanz breiig weich, blutleer, 
letztere auffallend blass. Sämmtliche Theile des Gehirns vorhanden, natürlich gebildet und 



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l’eber die Mikroceplialen oder Affen • Menschen. 

in gegenseitigem Ebenmaasse, tler Seitenventrikel ohne Serum, nicht erweitert; sämmtliche Hirn- 
nerven vorhanden, die Fossa Sylvii sehr seicht, das Vorderhirn misst bis zu ihr 2 Zoll P., das 
hintere 3 Zoll P., das Gewicht beträgt sicher nur den dritten Theil von dem eines Erwachsenen. 
„Brusthöhle und Hals. Die Schilddrüse atrophisch, fast verschwunden.“ 
„Unterleibshöhle. Uterus von normaler Grösse, durch Entwicklung von Bindegewebe 
im Halse geknickt; in beiden Ovarien narbige Einziehungen, im linken eine grössere, welche 
einem mit Blutpigment gelullten Graafschen Follikel entspricht.“ 

„Bei der oberflächlichen Betrachtung des macerirten Schädels fallen vor Allem die compacte 
Beschaffenheit der Knochensubstanz, das fast völlige Fehlen der Diploii, die Dicke der Scliädel- 
knochen auf, ferner die starke Reclination des Stirnbeines, das gerade Aulsteigen der Hinter- 
hanptsschuppe, die starke Prominenz der Arcus superciliares in ihrem Zusammentritte in Folge 
der Entwicklung der Stirnhöhlen, der starke Prognathismus und vor Allem die Kleinheit des 
Schädels, die exquisite mikrocephale Form und die affenartige Bildung, die sich schon im 
Leben ausgesprochen hatte.“ 

Dr. Schröder gicbt genaue Messungen des Schädels nach der Methode von Virchow und 
kommt zu dem Schlüsse, dass man es mit einer „idiopathischen Aplasie des Gehirnes“ zu thun 
habe. Ueber die Lebensumstände fügt er noch Folgendes zu: „Der Geruchsinu soll ihr gefehlt 
haben, Gehör, Gesicht, Gefühl für Kälte waren sehr fein, war sie Nachts im Bette aufgedeckt, 
so machte sie Lärmen; sie kroch so nabe als möglich an den warmen Ofen und verbrannte sich 
oft. ohne dass sie es merkte, auch äusserte sie während der Heilung ihrer Brandwunden wenig 
Schmerzen; statt der Sprache gab sie nur kreischendes Geschrei von sich, freute sich leicht und 
zeigte ein gewisses Schamgefühl; bezüglich ihrer geistigen Facultüten gehörte sie dem höchsten 
Grade des Cretinismus an, sie konnte nicht selber ossen, verunreinigte stets ihr Lager, sie ging 
mit gekrümmten Knieen auf dom halben Vorderfusse, mit vorn übcrgeheugtem Oberleibe, häufig 
auch mit Zuhülfenahme beider Arme; zu Bette musste sic gebracht werden, aus dem Bette stieg 
sic gewöhnlich ohne Beihülfe. Vater und Mutter sowie zwei Geschwister der Cretine sind ge- 
sund und wohlgebildet; ersterer aus Kieneck, letztere aus dem dazu gehörigen Dorfe Schoippach, 
haben beide immense Kröpfe; eine Tochter, älter als die beschriebene, übrigens weniger deform, 
haben sie schon vor mehreren Jahren verloren, ln aufsteigender Linie wissen sie nichts vom 
Vorkommen des Cretinismus in der Verwandtschaft, sie lebten immer in ärmlichen Verhältnissen, 
die Wohnung war klein und dunkel, sie waren keinerseits dem Alkoholuissbrauche ergeben; 
weder ehelicheZerwürfnisse und häusliche Unglücke, auch nicht mechanische Einflüsse oder sog. Ver- 
sehen während der Schwangerschaft können als vermeintliche Ureacho angegeben werden; die 
Geburt ging natürlich von Statten. Gegenwärtig befindet sich kein Cretin mehr in Rienock.“ 
Alle Nähte des Schädels sind vollkommen offen und beweglich, obgleich die Verkümmerung 
auf dem höchsten Punkte angclangt ist R. Wagner behauptet (Mikrocephalie Seite 65), dass 
die Schuppen- oder Pchläfennaht linkerseits verwischt sei. Es ist dies ein Beobachtungsfehler. 
Der Schädel ist mittelst einer Säge mit sehr breitem Blatte geöffnet und der Sägenschnitt hat 
auf der linken Seite den obern Rand des Schläfenbeines weggenommen, die Naht war aber 
vollkommen vorhanden, denn man Bieht über dem Sägenschnitte auf dem Scheitelbeine noch die 
Falten, au welche der Rand des Schläfenbeines sich anlegte, und wenn man die untere Hälfte 
des Schädels genauer untersuch», so erblickt mau den Spalt, der in der Dicke der Knochen 

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lieber die Mikrocephalen oder Affen - Menschen. 

beide Theile noch jetzt trennt. Ich brauche nicht hinzuzufügen , dass diese vollständige Beweg- 
lichkeit der Nähte bei so hohem Alter, wo der Organismus schon längst am Ziele seiner Aus- 
bildung angelangt war, unmittelbar alle Theorien umwirft, denen zufolge die Schädelkapsel an 
der Ilervorhringung der Mikrocephalie betheiligt sein soll. Wenn bei anderen Mikrocephalen 
frühzeitig verwachsene Nähte Vorkommen, so mag dies eher, wie wir später sehen werden, zu 
den individuellen Eigentümlichkeiten gezählt werden. 

Ebenso verhält cs sich mit der Asymmetrie; dieselbe ist bei der Maehler sehr bedeutend, 
namentlich in dem vorderen Theile des Schädels, obgleich sie schon von den Zitzenfortsätzen 
an bemerklich ist; namentlich der Oberkiefer ist bedeutend nach rechts hin verschoben, so dass 
eine von der Mitte des Zahnrandes über die Nase, die Stirn, die Pfcilnaht und das Hinter- 
hauptbein gezogene Linie einen Bogen bildet, der hinten wenig, vom dagegen stark gekrümmt 
ist und dessen Convexität nach links schaut. Die Verschiebung tritt besonders deutlich hervor, 
wenn man eine Pause des Umrisses von unten auf diejenige des Umrisses von oben legt; die 
ungleiche Entwicklung beider Schädelhälften kann demnach ebenfalls nicht der unvollstän- 
digen oder theilweisen einseitigen Verschmelzung der Scbädelnähte zugeschripben werden ; sie 
muss eine andere mir noch unbekannte Ursache haben. Ich gestehe indessen offen, dass ich 
noch keinen vollkommen symmetrischen Schädel gesehen habe. Die genauen Zeichenapparate, 
welche wir jetzt besitzen, lassen uns Verhältnisse auffindon, die dem blossen Auge leicht ent- 
gehen. Betrachtet man übrigens die Gesichter lebender Personen aufmerksam von diesem 
Standpunkt aus, so wird man gewöhnlich finden, dass die senkrechte, von der Stirn über die 
Nase zum Kinn laufende Mittellinie fast niemals vollkommen gerade ist, sondern gewöhnlich 
einen Bogen beschreibt, dessen Convexität bald nach links, bald nach rechts schaut. 

Was von den Zähnen noch übrig bleibt, denn die hinteren sind meist verloren, ist durch- 
aus nach dem mensehlichen Typus gebaut. Alle Zähne, ganz besonders aber die Schneidezähne, 
sind sehr gross; aber alle stehen in geschlossener Reihe, die von den Eckzähnen nicht über- 
ragt wird. 

Der Schädel besitzt eine grosse Aelmlichkeit mit demjenigen der höheren Affen durch die 
Art und Weise, wie seiue beiden Haupttheile, das Gesicht und die Hirnkapsel, nicht über- son- 
dern hintereinander gelagert sind, durch die llivhende Stirn, die hinter den enormen Augenbrauen- 
bogen, welche bei der Profilansicht wie ein Itundhöcker vorspringen , förmlich ausgehöhlt ist, 
durch die Verschiebung des Oberkiefers und der schief eingepllanzteu Vorderzähne, welche 
die Profillinie des Oberkiefers fortsetzen , also durch diesen wirklich übermässig entwickelten 
Prognathismus. Vergleicht man in der That die Scbädelkapsel der Maehler mit derjenigen 
halberwachsener Orangs oder Chimpanses . bei wolchen die Muskclleisten noch nicht entwickelt 
sind, so findet man keinen wesentlichen Unterschied, während im Gegentheil der menschliche 
Typus überall in dem Gesichte hervortritt: vorspringende Nase, vollständig geschlossene Zahn- 
reihe, vorspringendes KinD. Eb ist in der That der höchsten Beachtung werth, dass das Gesicht 
der Mikrocephalen mit Ausnahme der Augenbrauenbogen an dem Rückschläge zur Thierbildung 
keinen Antheil nimmt. 

Sieht man von den Augcnbrauenwülsteu ab, so erscheint die Schadelkapael in unregel- 
mässiger Eigestalt, deren Spitze nach vorn gewendet ist; die Augonbrauenbogen schliessen die 
ausserordentlich entwickelten Stirnhöhlen ein, deren Aussendecke nur sehr dünn ist; man kann 



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Ueber die Mikrocephalen oder Affen -Menschen. 165 

sich davon sehr leicht an der unteren Schädelhälfte überzeugen. Der Sägenschnitt hat vom 
die Stirnhöhle geöffnet, in welcher eine Sonde nach allen Richtungen hin wenigstens einen 
Centimeter tief eindringt , ein bei normaler Schädelstellung durch den vorderen Rand der 
Backenknochen geführter senkrechter Schnitt würde kaum das Gehirn treffen, während ein sol- 
cher Schnitt bei einem normalen Schädel die grössere Hälfte der Stirnlappen wegnehmen 
würde. 

Man sieht an dem Schädel keine pathologischen Veränderungen in Folge von Krankheiten 
der Knochen. Die Knochen sind fest und stark, die Dicke der Schädelwände nicht bedeutender 
als bei einem normalen Schädel, die Diploe indessen nur an dem Stirnbein und in der Mitte 
des Hinterhauptbeines sichtbar. Leisten und Vorsprünge sind aussen wie an einem normalen 
Schädel gebildet; innerlich erscheinen nur der Boden der Stimgrube und die hinteren Ränder 
der Flügel des Keilbeines, sowie die Leisten des Felsenbeines etwas abgerundet, wie dieB mei- 
stens bei Hydrocephalen der Fall ist. Die Aufwulstung der Keilbeinflügel scheint indessen viel- 
mehr durch die Ausbreitung der Sinus bedingt, welche mit der Nasenhöhle Zusammenhängen, 
denn der Sectionsbericbt von Dr. Schröder lässt keine Himwassersucht vermuthen. Das 
Stirnbein ist verhältnissmässig sehr klein, abgeplattet und in der Kronnaht quer abgeschnitten, 
der Augenbrauenwulst ist, wie ich schon erwähnte, ungeheuer, hinter ihm bildet die Glabella 
eine kleine Grube, die bald in eine stumpfe Erhöhung der Mittellinie übergeht, welche übrigens 
nur über das Stirnbein sich fortsetzt, die Pfeilnaht bildet im Gegentheil eine seichte Rinne, 
welche noch über die Lambdanaht hinaus auf das Hinterhauptsbein sich fortsetzt. Der Hinter* 
liauptsstachel ist von starken Leisten umgeben, welche auf jene Hautwülste hinzudeuten 
scheinen, die Virchow im Leben beobachtete. 

Das Gesicht ist verhältnissmässig weit grösser als die Schädclkapsel. Die Nase kaum er- 
haben. Der Zwischenraum zwischen den Angenhöhlen ausserordentlich breit. Der Gaumen 
ist sogar absolut länger als ein normaler Gaumen, aber verhältnissmässig schmal; ich erwähnte 
schon, dass die Verschiebung sich hier am deutlichsten ausspricht. 

Bei Vergleichung durch Uebereinanderlagerung der Pausen gleicht dieser Schädel am 
meisten denjenigen von Jena (Nr. 5). Das Profil stimmt fast vollkommen von den Augenwülsten 
bis zu den Schneidezähnen überein, und obgleich der Oberkiefer der Mächler weiter vorge- 
zogen ist, entsprechen sich doch die äusseren Gehöreingänge und die Umrisse der Schädelbasis 
vollständig, aber die Augenhöhlen der Maehler sind weit grösser und ihre Ränder weiter zurück- 
geschoben. Auch ist die Schädelkapsel kleiner, die Stirn flacher, der Raum hinter den Augen- 
wülsten tiefer eingedrückt, dos Hinterhaupt platter. Die Ansichten von oben und von unten 
entsprechen sich noch ziemlich gut, indem der Gaumen etwa gleich weit vorspringt und das 
Hinterhauptsloch in seiner Lage entspricht, doch ist der Schädel der Maehler kürzer und brei- 
ter und seine Verschiebung bedeutend grösser. Von vorn gesehen stimmt der Schädel der 
Maehler mit keinem anderen überein; durch die Grösse der Augenhöhlen und die Breite der 
Nasenscheidewaud nähert er sich demjenigen von Schüttelndrey er, von dem er übrigens durch 
die Höhe und Gestaltung der Stirn sehr abweiebt 



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lieber die Mikrocephalen oder Affen - Menschen. 



Erstes Resume. 

Ueber die Sohädel der erwachsenen Mikrocephalen. 

Wie aus dem Vorhergehenden ersichtlich, habe ich sieben Mikrocephalen- Sehadel von 13 
bis zu 44 Jahren untersuchen können, worunter sechs männlichen und einer weiblichen Ge- 
schlechtes, Ich betrachte sie als Erwachsene, weil bei allen das Zahnsystem vollständig, der 
Weisheitszahn hervorgebrochen war und demnach das Waclisthum der Kiefer, des Schädels und 
des Körpers sein Ende erreicht hatte. 

Es ist nicht überflüssig, zu bemerken, dass diese Schädel allen grossen Gestaltungsklassen 
angehören, mit Ausnahme der ausgesprochenen Langköpfigkeit; in der That findet sich nur 
ein einziger Schädel, derjenige von Maehre, welcher mit einem Schädelmaassc von 74,7 etwa 
auf der Grenze der reinen Langköpfe uml der llalblangküpfe nach Broca sich betindet. Mi- 
chel Sohn mit 76,3 und Jena mit 77,2 wären llulblangköpfe, Friedrich Sohn mit 82 Halb- 
kurzkopf und Margarethe Maehler mit 84, SchUttelndreyer mit 85,4 und Racke mit 87,1 
wären reine Kurzköpfe; weitere Forschungen müssen noch nachwcisen, ob diese Verschieden- 
heiten wirklich Stammes- Verschiedenheiten sind in der Art, dass selbst der mikrocephalisch 
verbildete Schädel, trotz seiner tiefen Veränderung, das dem Stamme zugewiesene Verhältniss 
zwischen Länge und Breite beibehalten hätte. Eine Antwort auf diese Frage ist unmöglich, da 
man bis jetzt weder eine hinlängliche Anzahl von Mikrocephalen-Schädeln auf diesen Punkt 
untersacht hat, noch auch die Schädel der Eltern einer Untersuchung unterwerfen konnte. Ich 
bin indessen geneigt, auä dem Grunde an die Beibehaltung des Kopfmaasses zu glauben, weil 
die drei Kinderschädel von Plattenhardt, mit welchen wir uns erst später beschäftigen werden, 
alle drei sehr kurzköptig sind und ohne Zweifel von Kurzköpfen ahstammen, denn wie man 
weiss, gehören die Schwaben zu den ausgesprochensten Kurzköpfen. 

Wenn diese Schädel im Kopfmaasse sehr verschieden sind, so treffen sie dennoch in einem 
Charakter vollständig mit einander überein und dies ist derPrognathismus. Vor allen Dingen 
ist hier in das Auge zu fasseu, dass nach Gratiolet (Bullet, de laSoc. d’Anthrop. Yol. 5, p. 895) 
dieser Prognathismus affenartig und nicht menschlich ist. .In der That, sagt der erwähnte Ana- 
tom, sind bei dem Affen die Zahnhöhlen nach vom geschoben, aber die Linie der Kiefer von 
diesem I’nnktc bis zum Naaemlorn ist stets gebogen und convex, bei dem Menschen dagegen 
ist sie gebogen und concav.“ Ich erlaube mir zu bemerken, dass die menschenähnlichen Affen 
gar keinen eigentlichen Nasondorn besitzen nnd dass man sogar in der Existenz oineB solchen, 
der sich übrigens bei allen Mikrocephalen und hei manchen sogar in sehr ausgesprochener 
Weise findet, einen dem Menschen cigenthümlichen Charakter nachweison könnte; aber die Wur- 
zel dieses Nasendornes ist bei den Mikrocephalen fast immer zwischen den vorgewölbten und 
convexen Zahnhöhlen eingelasseu, so dass also in dieser Beziehung der Prognathismus der 
Mikrocephalen ein affenartiger wäre. 

Ilei keinem dieser Mikrocephalen habe ich eineSpur der Zwischenkiefernaht entdecken 
können, indessen kann dieser Charakter durchaus nicht als ein menschlicher angosproeben wer- 
den, denn die Naht, welche die Zwischcnkieferbeine und Oberkieferbeine vereinigt, verschmilzt 



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lieber die Mikrocephalen oder Affen -Menschen. 167 

anch bei den menschenähnlichen Affen sehr früh ; so ist sie auf dem Gaumen eines jungen Chim- 
panses, dessen erste wahren Backenzähne gerade hervorgebrochen sind, schon gänzlich verschmol- 
zen, und im Gesichte desselben Schädels sieht man nur eine feine Linie zur Seite der Nasen- 
öflhungen, welche von der früheren Existenz der Naht zeugt. Mit dem vollständigen Durchbruche 
des definitiven Gebisses ist die Naht bei allen menschenähnlichen Affen verschwunden. 

Die N asc ist bei allen erwachsenen Mikrocephalen vorspringend, häufig sogar als starke Adler- 
nase entwickelt-, dies ist ein wenn nicht absolut menschlicher Charakter, denn esgicbt Affen mit 
vorspringenden NaseD, so doch ein unterscheidender Charakter von den menschenähnlichen Affen, 
bei welchen die Nase niemals vorspringt, sondern immer ein concaves Profil zeigt Nur bei dem 
Gorill hebt sich die Nase ein wenig, doch existirt noch immer ein sehr bedeutender Unterschied. 
Man darf übrigens nicht vergessen, dass alle bis jetzt untersuchten Mikrocephalen Ilai;en an- 
geboren, welche eine vorspringende, häufig sogar eine Adlernase besitzen, dass zwischen der 
platten Nase des Negers und derjenigen des Europäers ein ungeheurer Unterschied existirt, so 
dass vielleicht Mikrocephalen aus der Negerrase in dieser Beziehung den menschenähnlichen 
Affen nahe stehen würden. Hinsichtlich der Nasenwurzel und der Breite der Nasenscheidewand 
lässt sich kein bestimmter Charakter angeben. Sehr enge bei Michel Sohn, ist sie sehr breit 
und mächtig bei der Maehler. 

Der menschliche Charakter ist stets in allem was auf die Kiefer und die Bezahnung sich 
bezieht, sehr deutlich ausgesprochen, obgleich der Oberkiefer ausserordentlich proguath und des- 
halb ziemlich lang ist, so bleibt er doch innerhalb der Grenzen, welche für das Menschengeschlecht 
gelten. Ich finde in der That für die Länge des Gaumens bei Schüttelndrejer GO Millimeter 
als Maximum, bei Jena 53 Millimeter als Minimum; die Gaumenmaasse erwachsener Männer aus 
verschiedenen Ita^-en variireu innerhalb derselben Grenzen. 

Die Zähne zeigen dieselben Verhältnisse, sie sind der Entwicklung des Kiefers angemessen 
und namentlich die Schneidezähne häufig ebenso gross und ebenso schön schaufelförmig gestal- 
tet wie die ausgezeichnetsten Negerzäbne. Uebrigens ist alles, Grösse, Gestalt, Stellung und 
Abnutzung rein menschlich; sie stehen in geschlossener Reihe ohne Lücke, die Eckzähne stumpf, 
kegelförmig zugespitzt, überragen nicht die andern, die Lückenzähnc besitzen die wohlausgespro- 
chene Längsfurche, die bleibenden Backzähne die vier in’s Kreuz gestellten Höcker meist wohl 
ausgebildct 

Der Unterkiefer zeigt zwar häufig einen sehr offenen Winkel zwischen dem aufsteigenden 
und horizontalen Aste, ist übrigens rein menschlich gebildet mittelst eines häufig stark vorsprin- 
genden und zuweilen selbst übermässig breiten Kinnes. 

Ich finde keine allgemeinen Unterschiede in der Bildung der Augenhöhlen, der Backenkno- 
chen und der übrigen Gesichtstheile ; die einzelnen Besonderheiten, die bei den Individuen Vor- 
kommen, können sich auch bei einem normalen Monschen finden. 

Der Anblick verändert sieb, sobald wir den Rand der Augenhöhlon und des Gaumens ver- 
lassen. Der Mensch verschwindet, der Affe tritt an seine Stelle. 

ln meinen „Vorlesungen über den Menschen“ habe ich auf die gegenseitige Stellung der bei- 
den Haupttheile des Schädels, Himkapsel und Gesicht, grosses Gewicht gelegt und gezeigt, dasB 
die menschliche Bildung durch dio Ucberschicbnng der Hirnkapscl über das Gesicht Bich aus- 
zeichnet, während bei dem Affen die beiden Tbeilc mehr oder minder hinter einander gelagert 



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Ueber die Mikrocephalen oder Affen -Menschen. 

sind und die Schädelkapsel hinter das Gesicht zurückgeglitten zu sein scheint Dieses bei dem 
ersten blicke so auffällige Verhältnis zwischen beiden Theilen kann auf verschiedene Weise 
ausgedrückt werden; es findet schon einen freilich unzureichenden Ausdruck im Gesichtswinkel 
von Camper. Gratiolet hat es kurze Zeit vor seinem Tode, am i. August 1864 (Bulletin de la 
Soc. d'Anthropol. Vol. 5, p. 653), in folgeuder W'eise zu bestimmen gesucht: „Bei dem Anblick 
eines menschlichen Schädels,“ sagt er, „überzeugt man sich leicht, dass das Dach der Augenhöhle 
gänzlich von dem Gehirne bedeckt ist und dass die Wölbung der Stirn gewissennassen ein Ab- 
klatsch der vorspriugeuden vorderen Hirnlappen ist, so dass für den Menschen Stirn und Stirn- 
bein gewissermassen synonym Bind.“ 

„Untersucht man nun den Kopf des Chimpanses oder des Gorilla, so findet mau, dass bei 
dem Ersteron das Gehirn nur das hintere Drittel der Augenhöhle bedeckt, deren zwei vordere 
Drittel durch die Ausdehnung der Stirnhöhlen bedeckt wird. Bei dem Gorill geht diese Struc- 
tur noch weiter und sogar so weit, dasB die Augenhöhle gänzlich vor der Hirnmasse liegt, deren 
Volumen relativ natürlich weit kleiner ist.“ 

„Man kann diese Thatsache durch eineu einfachen Versuch nachweisen. Stösst man einen 
Metalldraht über dem Augenbrauenbogen in einen menschlichen Schädel ein , so dringt er in 
die Hirnhöhle, bei dem Cbimpanse muss man dem Instrumente schon eine schiefere Richtung 
geben, aber bei dem Gorill gelangt man nach Durchstossung der Stirnhöhlen nicht in das Innere 
der Schädelhöhle, sondern in die Augenhöhle.“ 

„Man kann also behaupten, dass bei dem Chimpanse noch eine Stirn existirt, die zwar klei- 
ner als die des Menschen, aber doch vorhanden ist, während sie dem Gorilla gänzlich fehlt.“,.. 

Der von Gratiolet vorgeBchlagene Versuch kann evidenterweise nur dann als eine Demon- 
stration betrachtet werden, wenn der horizontale Plan, auf dem der Schädel ruhen soll, der Ort, 
wo die Nadel eingestossen und die Richtung, in welcher sie eingestossen werden soll, genau 
bestimmt sind; — aber auch in diesem Falle dient der Versuch hauptsächlich zur Anschaulich- 
machung der Grösse der Augenbrauenbogen. 

Man gelangt weit leichter zu einer Demonstration der Verhältnisse, welche Gratiolet hat 
anschaulich machen wollen, mittelst einer einfachen Construction auf geometrischen Zeichnungen 
des Schädels. Die horizontale Ebene ist durch den Rand des Jocbbogens gegeben, der Punkt, 
wo die Naht zwischen Wangenbein und Stirnbein den Rand der Augenhöhle erreicht, ist ein 
Fixpunkt, den mau auch bei anderen Schädelmessungen benutzt. Eine durch diesen Punkt ge- 
zogene senkrechte Linie entspricht der von Gratiolet empfohlenen Metallnadel und wenn man 
diese durchaus einstechen will, bo wird eben der Punkt, wo sie eingestochon werden soll, durch 
die erwähnte Construction genau bestimmt. 

Ich habe die erwähnte Construction an Zeichnungen von Lucae (Australneger, Oraug 
und Pongo), von His und Kütimeyer (Crania helvetica) und von mir selbstgemacht und ge- 
funden, dass in der Tbat bei menschlichen Schädeln eine senkrechte, durch die erwähnten Punkte 
am Augenhöhlenrande gelegte Ebene einen bedeutenden Theil des Vorder- oder Stirnlappens des 
Gehirnes wegschneiden würde; mehr bei dem Weissen, weniger bei dem Neger. Bei den men- 
schenähnlichen Affen stehen die Verhältnisse so: beim Chimpanse würden etwa 2 bis 3 Millimeter 
von der äussersten Spitze des Geliirnes weggeschnitten; bei dem Gorilla würde das Gehirn gar 
nicht getroffen und zwar bleibt dies Verhältniss constant, welches Alter auch das Thier erreicht 



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Ueber die Mikrocephalen oder Alfen -Menschen. 

haben mag. Da mm die Augenbrauenbogcn nach Alter und Geschlecht eine sehr verschiedene 
Entwicklung zeigen, so ist es klar, dass die Wahl solcher Fixpunkte, welche nicht von der Ent- 
wicklung der Augenbrauenbogen abhängen, bei einer solchen Betrachtung vorzuziehen sind. 

Coustruirt man die erwähnten Linien an den sieben erwachsenen Mikrocephalen-Schädeln, 
welchen ich noch einen achten, den von Leyden, zufugen kann, da Prof. Welcker inirmit seiner 
gewohnten Gefälligkeit eine genaue Profilzeichnung desselben zuschickte, so findet man, dass 
die erwähnte durch die Naht au dem Augenrande gelegte senkrechte Ebene bei Maehlcr Nr. 7, 
Jena Nr. 5 und Schüttelndreyer Nr. 4 das Gehirn nicht berührt, dass sie bei Michel Sohn 
Nr. 2 das Gehirn gerade streift, bei Friedrich Sohn Nr. 3 und Leyden etwa einen Milli- 
meter abschneidet und nur bei Racke Nr. 6 und Maehre Nr. 1 , welche, wie man weise, die 
bedeutendsten Gehirne haben, von demselben eine grössere Ausdehnung abschneiden würde. 
Vergleicht man nun diese Serie mit derjenigen, wolche man erhält, wenn man das Schädelvolu- 
men misst, so erstaunt man über die Aehnlichkeit beider Reihen und man kann darnach be- 
haupten, dass mit Ausnahme geringer Abweichungen die erwähnte Ebene ein gewisses Maass 
für die llirnentwicklung abgeben kann. 

Zugleich stellt sich eine vollkommene Aehnlichkeit der Mikrocephalen mit den Affen heraus. 
In der That schneidet die erwähnte Ebene, mit Ausnahme von Racke und Maehre, bei keiuem 
anderen Mikrocephalen mehr von dem Gehirne ab, als bei den menschenähnlichen Affen. Wenn 
nun diese Ebene nach Gratiolet wirklich einen unterscheidenden Charakter zwischen Menschen 
und Affen, wenn auch nur in annähernder Weise, zur Anschauung bringt, so gehören die Mikro- 
cephalen zu den Affen und nicht zu den Menschen. 

Ja noch mehr, die Mikrocephalen gehen so sehr mit den Affen Hand in Hand, dass die ein- 
zigen, bei welchen das Hirnvolumen dasjenige von grossen Affen übertrifft, nämlich Racke und 
Maehre, sich auch in Beziehung auf die erwähnte Ebene dem Menschen und namentlich dem 
Australneger nähern. Racke hat eine Schädelcapacität von 622, Maehre eine von 555 Cubik- 
centimeter, der, welcher am nächsten steht, Friedrich Sohn, besitzt nur 460, also 95 weniger 
als Maehre und 165 weniger als Racke. Es liegt mir eine Tabelle der Hirncapacität von 
50 menschenähnlichen Affen vor, die tbeils von Duvcrnoy und mir, namentlich aber auf meine 
Bitte von den Herren Krauss, Lucae und Welcker in den Sammlungen von Stuttgart, Frank- 
furt und Halle gemessen wurden. Ein einziger dieser Schädel, einem alten Gorilla angehörig, er- 
reicht 500 Cub.-Cent. Alle übrigen bleiben unter diesem Maasse. Ist es nun nicht merkwür- 
dig, dass die einzigen Mikrocephalen, deren Hirnvolum dasjenige der menschenähnlichen Affen 
überschreitet, auch hinsichtlich des erwähnten Verhältnisses dem Menschen näher stehen? 

Wir wissen bis jetzt noch nicht, welchen organischen Ursachen die ausserordentliche Ent- 
wicklung der Stirnhöhlen zuznschreiben ist, die wir bei allen Mikrocephalen sehen und welche 
den gewaltigen Augenbrauenwülsten zu Grunde liegt. Wir wissen nur, dass diese Wülste sich 
in Uebereinstimmung mit den Muskellcistcn beim Menschen und Affen nach Alter und Goschlecht 
ausbilden. Schaaffhausen hat in seiner vortrefflichen Abhandlung über den Neandertbal- 
Scbädel nachgewiesen, dass die Entwicklung dieser Vorsprünge in inniger Verbindung mit dem 
Zustande der Wildheit, der Grausamkeit und Brutalität steht; eine Vergleichung unserer 
Mikrocephalen lehrt, dass die Entwicklung der Augenbrauen innig mit der Verminderung der 
Schädelkapsel zusammenhängt Der Schädel von Racke zeigt sie nur wenig vorspringend und 

Archiv fUr Anthropologe. ?J»ad IL lieft i 22 



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170 Ueber die Mikrocephalet) oder Affen- Menschen. 

der von Maehre steht in dieser Beziehung weit hinter demjenigen der Maehler zurück, ob- 
gleich diose dem weiblichen Geschlechte angehört, bei welchem bekanntlich die Augenhrauen- 
bogen sich stets weit weniger entwickeln. 

Die fliehende Stirn ist die nothwendige Folge der Verminderung der Schädelkapsel und 
der Entwicklung der Stirnhöhlen. Dieselbe senkrechte Ebene, von der wir oben sprachen, 
kann zur Abschätzung der Stirnentwicklung dienen; legt man in der That eine Ebene durch 
die vorspringenden Punkte der Stirn und der Augenbrauenbogen, oder zieht man in der geo- 
metrischen Profilzeichnung eine Linie durch diese Punkte, so erhält man einen Winkel, der um 
so stumpfer sein wird, je mehr die Stirn entwickelt ist. Man könnte ein ähnliches, dem Cam- 
per’schen Gesichtswinkel entsprechendes Maass erhalten, wenn man die Stirnlinie bis auf die 
llorizontalebene des Schädels verlängerte, in diesem Falle würde natürlich der Winkel um so 
spitzer, je fliehender die Stirn wäre. Ich ziehe indessen das erste Maass vor, weil man bei 
sehr niedrigen Stirnen die Linien allzuweit nach vom verlängern muss, um sie schneiden zu 
lassen, also einzig aus Bequemlichkeitsgründen. Man kann diesem Winkel den nämlichen Vor- 
wurf machen, wie dem Camper'schen Gesichtswinkel, nämlich, dass er sehr bedeutend von der 
Entwicklung der Augenbrauenbogen abhängt, und dass man demnach weit besser thäte, die 
Oberfläche der Glabella als Schneidungsebene zu nehmen, indem dieselbe von den Augenbrauen- 
bogen mehr oder minder unabhängig ist. Aber da ich hier nur erwachsene Schädel vergleichen 
will, bei welchen die Ausbildung der Augenbrauenbogen im Verhältnisse zur Reduction des Ge- 
hirns steht und ausserdem der erwähnte Winkel leicht auf geometrischen Zeichnungen entnom- 
men werden kann, der durch die Glabella gelegte aber nicht, bo habe ich ersterem den Vorzug 
gegeben. 

Die Messungen des erwähnten Winkels haben mir folgende Resultate gegeben: Maehler 
= 115*, Schüttelndreyer = 119°, Jena = 122", Leyden = 124°, Michel Sohn = 134», 
Friedrich Sohn = 1 35°, Maehre = 145", Racke — 149°, der von Lucae abgebildete 
Australneger ergiebt = 155°; ein von Hiss und Rütimeyer abgebildeter Schädel des Sion-Ty- 
pus = 160°; ein junger von Lucae abgebildeter Orang-Schädel (Orang undl’ongo. Tafel VIII.) 
ergiebt = 131"; ein älterer (Taf. X.) = 129". Die Entwicklung des Scheitelkammes wiegt 
also etwa die Entwicklung der Augenbrauenbogen auf. 

Auch diese Beispiele ergeben wieder, dass die Schädel von Racke und Maehre weit über 
den Affen stehen und sich den Menschen nahem, während die meisten anderen ihre Stelle 
unter den Affen einnehmen. 

Ein anderer wichtiger Charakter beruht in der Anordnung der Schläfenleisten, welche die 
Grenze der Anheftung des grössten Hebmuskels der Kinnladen des Schläfenmuskels bezeichnen; 
wir wissen, dass diese Linien bei den Menschen, wenn sie auch noch so sehr ausgebildet sind, 
dennoch stets sehr weit von dem Scheitel entfernt bleiben, dass sie bei den jungen Affen eine 
ähnliche Stellung einnehmen, aber mit zunehmendem Alter und zunehmendem Wachsthum der 
Kiefer und Beissmuskeln stets höher gegen die Mittellinie sich erheben, welche sie stets bei 
beiden Geschlechten erreichen, während bei den alten Männchen zur Anheftung der überwu- 
chernden Muskeln der Scheitelkamm sich ausbildet, der zu beiden Seiten längs der Lamhdanaht 
herabsteigt und an dem Zitzenfortsatz zu einer Art Fussbank sich ausbildet. 

Man kann die Annäherung der Schläfenlinien leicht messen, sei es durch einen über den 



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171 



Ueber die Mikroeephalen oder Affen- Menachen. 

Scheitel gelegten Bogen, sei e9 durch die Sehne dieses Bogens, welche ich deshalb rorziehe, weil 
sie auch auf geometrischen Zeichnungen leicht zu messen ist Wir haben folgende Maasse er- 
halten: Schüttelndreyer = 5 Millim.; Maehre = lOMillim.; Jena = 20 Millim.; Michel 
Sohn =- 30 Millim.; Maehler = 44 Millim.; Friedrich Sohn = 50 Millim. 

Ich finde für den Lucae'scben Auetralneger — 84 Millim.; bei den Affen kann man je nach 
dem Alter eine beliebige Zahl finden, doch wird dieselbe niemals 70 Millim. überschreiten, die 
jüngsten Schädel zeigen dieses Verhältniss. 

Alle Forscher stimmen darin Uberein, dass eine genaue Bestimmung der Verhältnisse des 
Hinterhauptes die grössten Schwierigkeiten macht, namentlich weil dio Fixpunkte, auf die 
man sich beziehen könnte, von dem Nackenende des Schädels, das selber äusserat veränder- 
lich ist, sehr weit abstehen. Die Kämme und Leisten, die als Muskelansätze dienen, bieten so 
grosse Verschiedenheit nach Alter, Geschlecht und Individuum, dass die Beziehungen des Hin- 
terhauptes und namentlich der Schuppe nur äusscrst schwer zu entwirren sind; die Oeffnung 
des äusseren Gehörganges ist noch der einzige Fixpunkt, von welchem man ausgehen kann. 

Das System von Busk, welches auf einer gewissen Anzahl von Badicn beruht, die von dem 
Gehörgange ausstrahlcn , scheint mir zur Bestimmung der Hinterhauptswölbung allen anderen 
vorzuziehen ; setzt mau den Schädel genau in die Profilansicht, so findet man leicht den vorsprin- 
gendsten Punkt der Ilinterh&uptswölhung, bis zu welchem der Badius gemessen werden soll, in 
der Weise, dass man eine Senkrechte auf die normale horizontale F.bene fällt, aber dies einzige 
Maass reicht nicht hin. Es hängt zu sehr von der absoluten Grösse des Schädels ab und wird 
erst dadurch worthvoll, dass man cs mit einem anderen Maasse vergleicht, welches als Einheit 
genommen wird. Dieses Maass kann meines Erachtens nur der Stirn-Nascn-Iiadins von Busk sein, 
nämlich die auf die Mittelebene projicirte Entfernung vom Gehöreingange zur Stirn-Nascn-Naht. 
Dieses Maass entspricht nicht ganz der Schädelbasis, welche yom vorderen Bande des Hinter- 
hauptloches ans gemessen werden muss, aber es bezieht sich auf denselben Fixpuukt des äusse- 
ren Gehöreinganges und kann ausserdem auf allen geometrischen Profilzeichnungen genommen 
werden. Setzt man deu Stim-Nasen-Badius — 100, so ergeben sich für den Hinterhaupts-Badius 
folgende proportionelle Werthe: Jena = 63,1; Maehler = 65,8; Friedrich Sohn = 72,3; 
Schütteludreyer = 74,7; Maehre = 81,4; Backe = 82,6; Leyden = 85,5; Michel Sohn 
= 88,9. 

Ein junger Chimpanse ergab == 83,3; der alte Pongo von Lucae =s 80; ein Neger = 103. 
Schädel der weissen Buge 93 bis 103. 

Es geht aus diesen Zahlen hervor, dass das Hinterhaupt bei den Affen und Mikroeephalen 
weit weniger vorgewölbt ist als bei den Menschen, oder mit anderen Worten, dass der äussere 
Gehörgang bei letzteren mehr nach vorn gerückt ist. Man darf nicht übersehen, dass die Mi- 
krocephalen weit mehr mit den Affen übereinstimmen, welche mitten in ihre Beihe hineinfallen. 

Die Stellung des grossen H interbanptloclieB zeigt, wie manweiss, hei den Säugcthie- 
ren sehr schwankende Verhältnisse, obgleich man im Ganzen sagen kann, dass diese Oeffnung gewis- 
sermaassen von der hinteren Schädelilächo progressiv nach der unteren vorrückt, deren Mitte sie 
etwa in den meisten Menschenragen erreicht. Die Stellung der Ebene, welche man durch das 
grosse Hinterhauptsloch legen kann, wechselt zu der Horizontalehene des Schädels in Folge 
dieser Wanderung, wovon man sich leicht überzeugen kann, wenn man beide Ebenen so weit 

22 * 



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172 



l’eber die Mikrocephalen oder Alfen -Menschen. 

verlängert, bis sie sich schneiden; man sieht dann, dass bei den meisten Thieren und auch den 
Affen diese Ebenen sich hinter dem Schädel schneiden, dass sie bei jungen menschenähnlichen 
Affen, wie bei vielen menschlichen Schädeln beinahe parallel sind und bei den meisten Men- 
schen sich erst vor dem Schädel schneiden. Es folgt daraus, dass man bei den meisten Men- 
schen in der Ansicht eines normal gestellten Schädels von hinten den Vorderrand des Hinter- 
bauptloches nicht sehen kann, während er bei der Mehrzahl der Thiere und der Affen nicht nur 
sichtbar ist, sondern auch so sehr vorsteht, dass man mehr oder minder tief in die Schädel- 
hoble hineinschaut Bei unseren Mikrocephalen sieht mau stets bei der Hinteransicht des 
Schädels den Vorderrand des üintherauptloches und bei den beiden Sohn ist dies so bedeu- 
tend, dass er fast um einen Centimeter vorsteht 

Man kann die relative Stellung des Hinterhauptloches an der Schädelbasis in der Weise 
bezeichnen, dass man in der geometrischen Projection die Entfernung seines hinteren Randes 
von dem äussersten vorspringenden Punkte der Hinterhauptswölbung misst und dieses Maass 
mit der Entfernung von seinem Yorderraude zur Stirn-Nasen-Naht, also mit der Schädelbasis, oder 
auch mit der Entfernung bis zum vorderen Alveolarrande vergleicht. Beide Maasse gehen pa- 
rallel mit einander, denn die Verlängerung der Schädelbasis bedingt auch eine Verlängerung 
der Kiefer und umgekehrt. 

Ich habe für diese hintere Distanz folgende Verhältnisszahlen erhalten. 



Namen 


Alveolardistanz = 100 


Schädelbasis = 100 


Sehüttelndrcyer . . 


18,5 


20 


Maehler 


20 


21,4 


Jena 


21,5 


23 


Maehre 


25,2 


29 


Friedrich .Sohn . . 


27,7 


25,8 


Racke 


30,1 


29,5 


Michel Sohn . . . 


30,0 


32,6 


Junger Chimpause . 


32,5 


37,1 


Neger 


45,4 


49 



Man sieht, die Reihe bleibt etwa dieselbe, wenngleich die Zahlen selbst untereinander etwas 
abweicheu, aber man sicht auch, dass die Mikrocephalen hinsichtlich der Eage des Hinterhaupt- 
loches an der Schädelbasis sich dem jungen Chimpanse weit mehr nähern als dem Menschen, 
ja noch hinter demselben zurückstehen, was ohne Zweifel dem noch sehr jugendlichen Alter 
des von mir zur Vergleichung angewandten Affenkopfes zuzuschreibeu ist 

Im Ganzen sehen wir aber aus allen Vergleichen, die wir anstellen konnten, dass die Mi- 
krocephalen überall hinsichtlich des Schädels den Affen sich anschliesseu, von den Menschen 
hingegen sich entfernen, während sie im Gegentheile hinsichtlich der Verhältnisse des Gesichts 
den Menschen sich anschliessen und von den Affen sich entfernen. Man kann demnach die 
Mikrocephalen im Allgemeinen als Wesen charakterisiren, bei welchen die 
Schädelkapsel eines Affen dem prognathen Gesichte eines Menschen von niederer 
Raye aufgesetzt ist 



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B. 



Mikrocephale deutsche Kinder. 



Im Anfänge dieses Jahrhunderts gab es in dem Dorfe Plattenhardt bei Stuttgart mehrere 
Familien, in welchen „affenähnliche Kinder“ geboren worden waren. Die Behörden wurden auf- 
merksam gemacht und Hofmedicus Dr. Klein beauftragt, Bericht abzustatten. Später gab 
Medicinalrath Dr. Jaeger im Würtembergiscben medicinischen Correspondenzblatt für 1S39 
einen ., Beitrag zur Geschichte hirnarmer Kinder“, dem ich Folgendes entlehne. 

Genealogie der vier Familien, in welchen in Plattenhardt „affenähnliche 
Kinder“ Torgekommen. Jaeger S. 218. 

I. a. (Tübingen 14). Der erste affenähnliche Knabe, dessen die Volkssage erwähnt, gehörte 
dem Bürger und Bauer Johann Jakob Moegle in Plattenhardt an. (Dessen Ehegattin, ge- 
borne Frischknecht, starb den 7. Januar 1806.) Der Knabe war geboren den 29. No- 
vember 1798 und starb den 8. November 1813. Ihm gingen drei wohlgebildete Kinder 
voraus und folgten zwei todtgeborene nach. Aus der zweiten Ehe des Vaters zwei Kinder von 
rechter Beschaffenheit. 

II. Familie des Johann Georg Moegle, Fleckcnschütz, jüngerer Bruder des vorigen, ge- 
boren 19. December 1776, verheirathet 1801 an eine geborne Tiegel, geboren 1779, gestorben 
1823. Er und seine Frau stark, gross und gut gebaut. 11 Kinder, 7 Knaben und 4 Mädchen. 

1. Johannes, geboren 1801, gestorben 1803. Von gewöhnlicher guter Beschaffenheit. 

2. Jakob, geboren 15. Mai 1803, gestorben 14. Juni 1813. Affenähnlich (Stuttgart 13). 

3. Anna Maria, geboren 20. Mai 1805, gross und wohlgebaut. 1829 verheirathet, 5 Kinder 
von guter Beschaffenheit. 

4. Johannes, geboren 1806, gross, stark, gesund, unverheirathet 

5. Anna, geboren 1808, gestorben 1612. Nichts Abnormes. 

6. Johann Georg, geboren 27. November 1810, gestorben 26. Juli 1815. Affenähnlicb 
(Tübingen 12). 

7. Thomas, geboren 1811, gestorben 1813. Wohlgcbildet. 

8. Jakob, geboren 1814, gestorben 1815. Affenähnlicb. 

9. Anna, geboren 1816, gross, stark, gut gebildet, unverheirathet 

10. Jakob, geboren 1818, gross, gut gebildet 



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174 



Ueber die Mikroeephalen oder Affen- Menschen. 

II. Barbara, geboren 2. Juni 1820. Abnorm und affenäbnlich, doch nicht in dem Grade 
wie ihre Geschwister. 

III. Johann Georg Müller, Küfer, nicht verwandt mit den Moegle's, ist im Jahre 1818 
mit einem affenähnlichen Knaben, geboren 4. März 1808, Dach Amerika ausgewandert. Vorher 
ein gesundes Kind. 

IV. Johann Michel Löffler, Seiler, soll gleichfalls von drei Kindern ein affenähnliches 
gehabt haben. 

„Die Mütter von L, II., III. wollen sich in den ersteu Wochen der Schwangerschaft heftig 
erschreckt haben.“ 

Das Zusammentreffen von sieben Affenkindern in vier Familien eines einzigen kleinen Dorfes 
ist gewiss höchst merkwürdig. Sechs von diesen Kindern waren Knaben — das Mädchen war 
weniger afficirt als alle anderen. Die Eltern waren alle wohlgebildet — nichtsdestoweniger gab 
es unter 24 von ihnen erzeugten Kindern sieben, also 29 Proc., Mikroeephalen. Später kam 
kein solcher Fall mehr im Orte vor. 



No. 8. Johann Moegle von Plattenhardt, 15 Jahre alt, 

Sohn des Johann Jakob Moegle, geboren 29. November 1798, gestorben 8. November 1813. 

Tab. XXU Fig. 1 bis 3; Tab. XXIIL 

Ich erhielt den Schädel durch die Güte des Herrn Prof. Luschka. Er findet sich in dem 
anatomischen Museum der Universität Tübingen unter No. 14. 

Jaeger S. 218 sagt über den Knaben: 

„Er ist, was den Körper und die Gesichtsbildung betrifft, mit seinem Alter harmonirend, 
gross und stark geformt Der Schädel hingegen weicht auffallend von der gewöhnlichen Figur 
ab; der Hinterkopf ist nicht nur ganz platt, schief nach vorn, sondern in der Mitte sogar nach 
innen gedrückt. Die Stirn hat wenig Rundung. Der Wirbel ist stumpfspitzig. Hierdurch entstand 
ein äusserst kleiner, mit der übrigen Grösse des Gesichts und Körpers nicht harmonirender 
Kopf, und der Kleine erhielt ein äusserst blödsinniges Aussehen, auch äussert er durchaus 
keine Geistesentwicklung und ist im strengsten Sinne des Wortes blödsinnig. Der Gebrauch 
seines Körpers ist ebenfalls weit unter -seinem Alter; er kann nicht gehen, sondern rennt 
ohne Zweck hin und her; im Bett lässt er Urin und Koth von sich, er isst, was man ihm 
giebt, ist aber nicht im Stande, sich viel mit den Händen dabei zu helfen. Er kann nur 
wenig und auch dann nur einzelne Worte ohne Zusammenhang sprechen. 

Die Mutter soll sich in den ersten Wochen der Schwangerschaft an einem Igel versehen 
haben.“ 

„Nach einem Berichte Kl ein : s vom 29,November lÖlOwarder damals 12jährige Knabe noch 
wie ehemals; doch soll er etwas mehr Verstand zeigen und kann auch gehen.“ 

Ich muss gestehen. dasB ich mich hinsichtlich dieser Berichte in einem sprachlichen 
Zweifel befinde, denn meinen Begriffen zufolge muss dem Rennen das Gehen roranstehen ; es 



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175 



l’eber die Mikrocephalen oder Affen-Mensehen. 

scheint mir. dass ein Mensch nicht rennen kann, ohne vorher zu gehen ; vielleicht verhält sich 
dies im officiellen Schwäbisch anders; vielleicht soll das Rennen auch nur bedeuten, trippeln 
oder auf allen Vieren kriechen. 

Auf den ersten Anblick und namentlich in der l’rofilansicht scheint dieser Schädel nicht 
allzu missgestaltet. Die Stirn wölbt sich mittelst einer ganz günstigen Krümmung zu dem 
etwa auf der Mitte des Scheitels gelegenen Gipfelpunkt und steigt dann freilich schnell gegen 
das Hinterhaupt herab, das von dem Stachel an stark ahgestutzt ist; die Nähte sind vollkommen 
offen, beweglich und einfach; die Schläfenlinie beschreibt zwar einen etwas erhabenen Bogen, der 
aber mit der allgemeinen Gestalt der Schädelkapsel Ubereinstimmt, die von beinahe kugelför- 
miger Gestalt und ziemlich hoch und breit im Verhiiltniss zur Länge ist Aber dieser günstige 
Eindruck verschwindet bei genauerer Betrachtung; die Schädelkapsel hat höchstens die Grösse 
derjenigen eines neugeborenen Kindes und selbst eines verbildeten Kindes, die Stirn ist abge- 
plattet im Verhältniss zur vorspringenden und gewölbten Stirn des Neugeborenen, das Hinter- 
haupt ist mehr hinten und unten entwickelt, so dass der allgemeine Umriss des Schädels in der 
Profilausicht, auf den Umriss des Kopfes eines Neugeborenen gelegt am Hinterhaupte gewinnt 
was er an der Stirn verliert. 

An diese kindliche Schädelkapsel schliessen sich Gesicht und Kiefer eines 15jährigen Kna- 
ben an. Er batte 28 Zähne, nur die Weisheitszähne fehlen; die hinteren Backzähne sind eben 
durchgebrochen, derjenige des linken Oberkiefers steht noch nicht ganz an seinem I’latze, leider 
fehlen alle Schneide- und Eckzähne, aber man kann aus den Alveolen erkennen, dass sie gross 
und wohlgebildet waren und dass die Schneidezähne des Oberkiefers eine schiefe Richtung be- 
sessen haben müssen. Der Oberkieferrand scheint auf den ersten Blick senkrecht herabzu- 
steigen, untersucht man aber genauer, so sieht man, dass dieser Anschein durch den sehr stark 
entwickelten Nasenstachel hervorgebracht ist, der über den Rand des Oberkiefers vorspringt. 
Die Augenhöhlen sind sehr hoch und breit, die Nase kurz aber vorspringend, die Nasenöffnuu- 
gen weit, der Unterkiefer nimmt an dieser unverhältnissmässigen Entwicklung der Scbädel- 
kapsel gegenüber Theil, er ist stark und breit, besonders in seinem aufsteigeuden Aste, das Kinn 
vorspringend und mit seitlich vorstehenden Ecken versehen. 

Die Ansicht von oben lässt besonders die bedeutende Asymmetrie des Schädels sowie die 
prognathe Stellung des Oberkiefer» gewahren, welcher über die Naseubeiue vorspringt Diese 
Asymmetrie ist so bedeutend, dass man glauben könnte, der Schädel sei durch einen gewaltigen 
Druck, links auf die Stirn, rechts auf die Hinterhauptsgegend ausgeübt in der Weise verscho- 
ben worden, dass die rechte Stirn- und linke Hinterhauptsseite hervorsteht. Nase und Kiefer 
suchen sich dieser Verschiebung gegenüber wieder in die Mittellinie zu stellen. Dieselbe Asym- 
metrie zeigt sieb an der Schädelbasis, mag man sie nun von aussen oder von innen betrachten, 
so dass die durch den Hahnenkamm des Siebbeines, den Türkensattel und die Mittellinie des 
Hinterhauptloches gebildete Linie einen nach rechts convexen Bogen, statt einer geraden Linie 
bildet 

Die Ansichten von vorn und hinten bestätigen das über die Asymmetrie und über das MiBS- 
verhältniss zwischen Schädel und Gesicht Gesagte. 



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lieber die Mikrocephalen oder Affen -Menschen. 



No. 9. Jakob Moegle von Plattenhardt, 10 Jahre alt, 

Sohn des Johann Georg Moegle, Kleckenschützen — Vetter des vorigen. 

Geboren 15. Mai 1803; gestorben 14. Juni 1813. 

Tab. XXIV; Tab. XXV Fig. 2 u. 3; Tab. XXVI Fig. 1. 

Der Schädel ist im Königl. Museum von Stuttgart unter No. 13 nufbewabrt. Ich verdanke 
seine Mittheilung der Güte des Prof. Krause. Das Museum hat einen vortrefflichen Abguss 
verfertigen lassen. 

Jaeger sagt über diesen Knaben (L c. S. 219): 

„Hat nach Klein’s Untersuchung den 24. März 1808 (also 3 1 /* Jahre alt) noch bei Wei- 
tem mehr Aehnlichkeit mit einem Affen in Absicht auf Kopfform und Benehmen, als No. 1 
(Tübingen 14. Sein älterer Geschwisterkindsvetter). 

„Körper und Gesicht gleicht einem fünfjährigen Jungen, aber gegen No. 1 ist der Schädel 
verhältnissweise noch auffallend kleiner, ebenfalls schiel von hinten nach vorn platt; das Hintor- 
haupt in der Mitte eingedrückt, die Stirn viel platter, der Wirbel hervorragender und der sehr 
kleine Schädel sticht abschreckend von dem grossen Gesicht, grossen Mund, schielenden Augen 
und grossen Ohren ab, und das Aussehen ist noch weit mehr das eines Blödsinnigen, so wie 
auch sein Benehmen. Der Speichel läuft ihm immer aus dom Munde und unaufhörlich bewegt er 
den Kopf und fletscht die Zähne; er kann gar nicht allein essen, nicht gehen, steht nur, wenn 
er sich halten kann, lässt Urin und Koth immer geradezu von sich, bezeugt übrigens an meiner 
Uhr Freude, dieselbe aber ebenso, als ihm diese genommen und ein Papier gegeben wurde..... 

„Nach der Untersuchung vom 28. November 1810 hatte er noch die charakteristischen 
Zeichen eines Blödsinnigen, lässt .-Vlies von sich gehen, kann nicht sprechen, nicht einmal 
allein essen.“ 

Section: „Der am 14. Juni 1813 verstorbene Knabe war 10 Jahre alt, hatte vom Kopf bis 
zur Ferse in der Länge 3 1 /* Fuss Pariser Mnass. Der Kopf und die Zeugungstheile waren wie 
bei einem neugeborenen Kinde, das Glied kaum l 1 /* Zoll lang, der Hodensack ganz klein, und 
der rechte Kode so wie der linke, welcher noch zwischen dem inneren uud äusseren Bauchring 
steckte, hatte die Grösse einer kleinen Bohne. Ausserdem war der Körper kaum mehr ausge- 
bildet, wie vor drei Jahren, so wie auch sein Benehmen bis an den Tod gleich blieb. 

„Im Körper nichts Bcmerkcnsworthes. 

„Das Gehirn bot aber eine sehr merkwürdige Abänderung dar. Da es in einem engen 
Raume eingeschlossen war, so musste seine Masse auch die eines Kindes sein, aber auffallend 
war um so mehr seine Festigkeit bei der Fäulniss des übrigen Körpers, da es erst einige 
Tage später untersucht wurde; an den Windungen aber war (ohne ein anderes Gehirn damit 
vergleichen zu können) keine Abänderung zu bemerken. 

„Die Seiteuhöhlen des Gehirns mussten durch das Zusammenpressen kleiner werden. 
Der linke streifige Körper war zwei Drittheile kleiner als der rechte und platter. Die 
Verbindung beider Seitenhöhlen war wie gewöhnlich, aber beide mehr rund; die länglich 
geformten Sehhügel waren in ihrer ganzen Länge, ihrer ganzen Masse nach, innig mit einander 



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177 



Ueber die Mikrocephalen oder Allen -Menschen. 

verschmolzen, so dass die dritte Gehirnhöhle und die hintere Commissur ganz fehlten. Die 
Zirbeldrüse wurde dadurch ganz nach hinten gedrückt; es war keine.Spur von Sand in ihr zu 
finden; ihre Fortsatze (Pedunculi) warenaher sehr lang. Die Vierhügel waren viel kleiner und 
gleichsam in einander geschmolzen. Der Trichter wie gewöhnlich. Die vierte Gehirnhöhle 
war ebenfalls ganz verschwunden. Die kolbigen Endigungen der Geruchsnerven äusserst 
klein; das fünfte Paar platt wie ein Band, sonst nichts an den Nerven. Das kleine Gehirn 
wich auffallend ah; es war nach beiden Seiten in die Aushöhlungen des Hinterhauptbeins ge- 
drückt und erhielt dadurch eine schmale nierenformige Figur. 

„Der dasselbe sonst thcilende Sichelfortsatz fehlte ganz, die Einkerbung zwischen bei- 
den Lappen war verschwunden sowie der Wurm. Auch seine Masse war fester. Die Mark- 
substanz schien ungewöhnlich die Rindensubstanz zu Ubertreffen. Die Verästelungen waren 
weit mehr ausgedehnt und viel kürzer. Von einer Höhle war keine Spur vorhanden, so wenig 
als von dem verlängerten Mark. 

„Der grosse Sichelfortsatz erstreckte sich gar nicht tief zwischen die beiden Gehirn- 
hälften.“ 

„Die Abweichung von der gewöhnlichen Form der Kopfknochen war sehr auffallend. 

„Durch die zurückgebogene Stirn, durch die nach aussen aufgebogenen Alveolarränder 
macht die Gesichtslinie einen äusserst spitzen Winkel. . . . Die eingedrückte grosse Wölbung des 
Hinterhauptbeines sowie dessen plattere Form, die stark nach aussen gedrückten Seiteutheile 
desselben sowie die der sie berührenden Theile der Zitzenfortsätze der Schläfenbeine vermehr- 
ten das sonderbare Aussehen. Die Stirnnaht war noch vollkommen vorhanden. Die unge- 
wöhnlich grossen, stumpf viereckigen Augenhöhlen nahmen den grössten Theil des Gesichts ein. 
Die oberen und unteren Fissuren waren ungewöhnlich geöffnet, aber desto kürzer; boide Al- 
veolarränder stark nach aussen gebogen.“ 

Zähne. Siehe nnten. 

„An der unteren Fläche des Kopfes ist niohts Auffallendes zu bemerken, als dass zwischen 
dem rechten Gelenkfortsatze des Hinterhauptbeins und dein Zitzenfortsatz zwei ungewöhnlich 
knochige Hervorragungen sich anszeichnen, deren eine besonders gross ist. Das Merkwür- 
digste in der inneren Grundfläche des Schädels war; dadurch, dass das Stirnbein so sehr nach 
hinten gedrückt war und die Augenhöhlenfläche des Stirnbeins so Behr nach innen hervorragte, 
verschwanden alle Vertiefungen, welche sonst die vorderen Gehirnlappen ein- 
nehmen. Das Sieb des Kiechbeines war ungewöhnlich schmal, die kleinen Flügel des Keilbeins 
stark znsammengedrückt, die Oeffnnngen der Sehnerven mehr nach hinten und gegen die Axo 
gedrückt, die Sella turcica tiefer aber kürzer. Der Clivus stand eher etwas nach hinten, als 
gerade in die Höhe, da er sonst etwas mehr schief nach vorn überragt, die felsigten Theile 
wurden mehr quer gedrückt, die Pars hasilaris des Hinterhauptbeins schiefer nach unten ge- 
schoben, das grosse Loch vom Ovalen ins Runde verwaudclt, und die hintere untere Aushöhlung 
des Hinterhauptbeins und die ausgehöhlten Theile des Zitzenfortsatzes sehr stark nach beiden 
Seiten geschoben, tief ausgehöhlt, durch die starke Einbeugung des Hintorhauptbeins, dnrcli 
welche dessen hintere Gräte beinahe ganz verschwand.“ 

Jakob ist, wie man aus der oben gegebenen Genealogie ersehen kann, Geschwisterkinds- 
vetter von Johannes und älterer Bruder von Johann Georg Moegle, den wir später be- 

Archir für Anthropologie. Bund II. Heft 2. 23 



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178 Ueber die Mikrocephalen oder Affen -Menschen. 

sprechen werden. Unter diesen dreien ist er jedenfalls der in der Affenbildung am weitesten 
vorgeschrittene. 

Trotz des Alters von zehn Jahren, welches dieser Knabe erreichte, steht der Umfang seines 
Schädels noch weit hinter demjenigen eines neugeborenen Kindes zurück ; vergleiche ich den 
Umfang seiner Profilansicht mit demjenigen, welchen Welcher von einem neugeborenen Kinde 
gegeben hat (Archiv für Anthropologie I. Heft 1866. Taf. 1), so finde ich, dass er innerhalb des 
ganzen Gewölbes etwa um einen Centimeter zuriickbleibt und erst in der Gegend der Zitzenfort- 
sätze dieselbe überschreitet. Ausser dieser allgemeinen Verminderung zeigt der Schädel etwas 
Eckiges in seinen Umrissen ; an der Stirn sieht man einen leichten Eindruck oberhalb der 
Augenbrauenbogeu, ohne Zweifel^ würde der Junge, wenn er am Leben geblieben wäre, ausser- 
ordentlich vorspringende Wülste bekommen haben : die sehr flache Stirn erhebt sich etwas in der 
Mitte in Gestalt eines stumpfen Kieles, auf dem die noch offene Stirnnaht verläuft; die Vereini- 
gung der Scheitel- und Stirnbeine geschieht in der Kronnaht unter einem offenen Winkel. Die 
Seheitelliuie ist noch kielförmig erhaben, nur das Hinterhaupt bietet eine etwas regelmässige 
Krümmung, die von Klein angeführten Knochenwucherungen stehen bedeutend über den Zitzen- 
forts&tz hervor. 

Die Ansicht von oben ergiebt andere Verhältnisse; der Schädel ist wie derjenige von 
Johann asymmetrisch, und zwar in derselben Weise, indem die linke Stirn und das rechte 
Hinterhaupt eingedrückt sind, während die entgegengesetzten Theile hervorstehen. Der abge- 
rundete Scheitolkamm zieht sich bis zum Hinterhaupte fort. Die Scitenwiinde des Schädels sen- 
ken sich wie die Flächen eines Daches ab, noch mehr aber überrascht die tiefe Einsenkung, 
welche längs der Mittellinie des Hinterhauptes sich stets tiefer werdend nach unten hinzieht, wo 
sie fast zwei Centimeter breit und vier bis fünf Millimeter tief wird und die gerade aussieht, als 
hätte man mit dem Daumen auf dem weichen Thonmodcll des Schädels stark drückend herah- 
gestrichcn. Die Seitentheile der Hinterhauptsgegend erscheinen in Folgo dieses Eindruckes wie 
zwei runde halbkugelige Säcke. 

Es versteht sich von selbst, dass die Schädelbasis an dieser Verbildung theilnimmt, und dasB 
sie ausser durch die erwähnte Knochenwucherung noch obenein durch die allgemeine Asym- 
metrie verschoben ist, die namentlich in dem noch unvcrschmolzenen Hinterhauptsbeine so stark 
auftritt, dass sie einen stark geschweiften Bogen bildet 

An diese so auffallend gebildete Schädcikapscl schliesst sieb eine merkwürdige Gesichtsbil- 
dung; icb brauche nicht auf die ausserordentlich grossen Augenhöhlen, die kurze vorspringende 
Nase, die lang geöffneten Nasenhöhlen aufmerksam zu machen, diese Charaktere finden sich 
überall, das Auffallendste ist der Kiefer und Zahnapparat. Hinsichtlich seines Volumens ent- 
spricht dieser Apparat etwa demjenigen eines fünfjährigen Kindes, woraus die Richtigkeit der 
Klein’schen Bemerkung hervorgeht wonach das Kind sich seit dieser Zeit nicht weiter ent- 
wickelt hatte ; der Oberkiefer ist sehr niedrig, der Kaum vom Naseudorae zum Zahnrande aufs 
Aeusserste redneirt, der Unterkiefer ist dünn, schwach aber lang und zeigt einen sehr offenen 
Winkel zwischen den beiden Aesten; was aber auf den ersten Blick überrascht das ist der ganz 
übermässige Prognathismus des Oberkiefers trotz seiner verhältnissmässigen Niedrigkeit; die 
Unterflücke des Gaumens bildet eine fast ebene Fläche, die Schneidezähne sind fast in derselben 
Richtung eingepflanzt, kaum mehr schief, sondern fast horizontal nach vorn stehend; und welche 



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179 



Ueber die Mikrocephalen oder Affen - Menschen. 

sonderbare Z&hnraffel! Die mittleren Schneidezähne sind gross, dick, breit und gleichen mäch- 
tigen Schaufeln mit abgeuutzten Rändern, die danebeostehenden äusseren Sckneidezäbne haben 
lange dünne Wurzeln und schwaminformige Kronen. Nirgends eine Spur eines Eckzahnes in 
beiden Kiefern, au ihrer Stelle grosse Zahnlücken, dann kommen die Backenzähne, Lückenzähne 
wie bleibende Zähne, alle in Form von Schwämmen, d.h. mit runden Kronen, auf deren Kaufläche 
kaum Höcker zu sehen Bind und die von dünnen Stielen getragen werden. Im Oberkiefer schei- 
nen beiderseits nur die Backenzähne entwickelt. Im Unterkiefer Anden sich drei solcher 
schwammformiger Zähne rcchterseits, von welchen die beiden hinteren durch eine Lücke von dem 
vorderen getrennt sind, also wohl für definitive Zähne angesehen werden müssen, während lin- 
kerseits nur zwei solcher Zähne stehen, von denen der vordere wohl den ersten Lückenzahn, der 
hintere, welcher durch einen weiten Zwischenraum getrennt wird, den ersten bleibenden Backzahn 
repräsentirt. Die Scbneidezähne der Unterkinnlade sind alle von gleicher Grösse, dünn und lang, 
ihre Krone zeigt schon eine gewisse Tendenz, die Schwammform anzunehmen, sie sind sehr schief 
nach aussen, in den ebenfalls fast nach aussen gedrehten Zahnrand eingepflanzt Das dünne 
Kinn springt stark vor, von oben gesehen zeigt es eine viereckig abgeschnittene Fläche mit vor- 
springenden Aussenwinkeln. Diese ganze Bildung dürfte vielleicht anzeigeu, dass unser Idiot 
eine Hypertrophie der Zunge besass, welche die angeborene Neigung zum Prognathismus noch 
vermehrte. 



No. 10, Johann Georg Moegle von Plattenhardt, ö Jahre alt. 

Sohn des Johann Georg Moegle; jüngerer Bruder des vorigen. 

Geboren 27. November 1810; Gestorben 26. Juli 1815. 

Tab. XXV. Fig. I bis 3; Tab. XX VI. 

Der Schädel befand sieb, wie derjenige von Johann No. 9, im Museum in Stuttgart, wurde 
an das Tübinger Museum abgegeben, wo er die Nummer 12 trügt, und mir von Prof. Luschka 
zugesandt. 

Jaeger sagt darüber Folgendes (1. c. S. 220); 

„llofmedicus Klein untersuchte das Knäbchen den 28. November 1810 (am Tage nach der 
Geburt) und berichtet darüber Folgendes: 

„Dieses Knäbchen, welchem nach Aussage der Mutter sechs Wochen fehlen sollten, ist sehr 
gut genährt, Nägel und Haare sehr ausgebildet, die Hoden schon herabgesunken, sogar trug es 
schon seinen Kopf, wie wenn es schon sechs Wochen auf der Welt wäre. An Körper und Extre- 
mitäten ist nichts Abweichendes zu bemerken, nur sein Kopf ist difform. Die Stirn ist sehr 
kurz, nach hinten gedrückt, das Hinterhaupt platt nach vorn gepresst, der Wirbel etwas her- 
vorragend, wodurch der Kopf etwas Affenähnliches erhält Auch von beiden Seiten ist der Kopl 
etwas schmäler, wodurch er gegen den übrigen Körper durch seine Kleinheit sehr absticht. 
Auch sein Hals ist wie bei allen ähnlichen Kindern sehr kurz. Uebrigens ist es völlig gesund 
und es wurde daher kein Anstand gefunden, es taufen zu lassen. 

33 * 



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180 



Ueber die Mikrocephalen oder Affen -Menschen. 

Obs Grundbein fehlt an diesem Schädel, ebenso das Nasenbein, mehrere wichtige Msasse 
konnten deshalb nicht genommen werden. 

Unter den Kindern von Plattenhardt ist dieses am wenigsten missbildet. Oer Schädel zeigt 
in der Profilansicht eine ziemlich regelmässige Wölbung, die etwa einem Kinde von vier bis 
fünf Monaten entspricht. Die Nähte sind einfach und alle geöffnet, mit Ausnahme der Stirn- 
naht, welche bis auf geringe Spuren au der Nasenwurzel durchaus geschlossen ist, die Stirn ist 
nicht so vorgewölbt, wie diejenige eines Kindes vom erwälmteu Alter, die Augeobrauenbogen 
sind kaum durch eine leichte Kinsenkung angedeutet, das Missverhältniss zwischen der Schiidel- 
kapsel und dem Gesichte mit dem Zahnapparate ist nicht so ausgesprochen, obgleich letztere 
Theiie ganz denjenigen eines vier- bis fünfjährigen Kindes entsprechen. 

Die Verschiebung des Schädels ist hier noch grösser, als in den beiden vorhergehenden 
Fällen und in der nämlichen Richtung ausgebildet; sie ist so bedeutend, dass das Hinterhaupt 
auf der rechten Seite ganz eingedrückt ist und der Scheitelhöcker weit mehr nach vorn gerückt 
ist, als auf der linken Seite, ebenso ist der Jochbogen rechter Seits nach vorn geschoben. Das 
ganze Gesicht, Nase, Ober- und Unterkiefer nehmen an dieser Verschiebung l'heil. 

Der Prognathismus ist kaum bemerkbar, doch steht der Oberkiefer weit über den Unter- 
kiefer vor, das Kinn ist kaum angezeigt. 

Die Milcbzähne sind allein in beiden Kiefern gebildet, der erste bleibende Backzahn zeigt 
indessen schon seine Krone in der nach oben offenen Zahnhöhle. Auffallend ist, dass zwischen 
dem äusseren Schneidezahne und dem Eckzahne der linken Oberkieferhälfte eine ziemlich be- 
deutende Lücke existirt, und dass die hinteren sehr grossen und dicken Lückenzähne deB Un- 
terkiefers sehr deutlich fünf Höckor auf der Krone zeigen. Uebrigens tragen alle Bildungen 
dieses Schädels einen ausgesprochen kindlichen Charakter. 



Zweites Resumd. 

Ueber die Schädel der mikrocephalen Kinder. 

Wie aus dem Vorstehenden ersichtlich, habe ich nur drei Schädel von mikrocephalen Kin- 
dern zu meiner Disposition gehabt, die derselben Familie angehörten und in sehr nahen Ver- 
wandtschaftsgraden standen; die drei Knaben zeigen Altersunterschiede von je fünf Jahren und 
können demnach zu einer aufsteigenden Reihe hinsichtlich des Alters dienen. 

Vergleicht man die drei Schädel, so ist ihre Familienähnlichkeit unverkennbar; es sind runde 
Kurzköpfe, wie der Stamm besitzt, dem sie angehören. Sieht man von dem ungleichen Volumen 
ab, so entsprechen sich die Umrisslinien ihrer Schädel ziemlich genau und sogar die Verschie- 
bung, welche sie betroffen hat, ist, wenn auch in ungleicher Stärke, bei allen in derselben 
Weise entwickelt 

Zuerst fällt der Unterschied des Schädelvolumens auf, der nicht in Beziehung zu dem Alter 
stellt, der zchnjälirigo Jakob hat eine Scbädelcapacität von nur 272 Cubikcentim. Johann, fünf- 
zehn Jahre alt, ist ihm zwar mit 396 Cubikcentim. überlegen, wollte man den Unterschied aber 
dem Wachsthum zuschreiben, so würde mau unmittelbar durch Joh. Georg widerlegt, der trotz 



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Ueber die Mikrocephalcn oder Affen -Menschen. 181 

des Alters von nur fünf Jahren die beiden anderen mit einer Capacität von 480 Cubikcentim. 
weit übertrifft. 

Diese Zahlen zeigen nun auf das Augenscheinlichste, dass das Wachsthum der ursprüng- 
lichen Vetminderung der Schädelkapsel nicht abhilft, sondern dass im Gcgcntheile die Mikro- 
cephalen mit sehr verschieden ausgestattetem Gehirn zur Welt kommen. Zieht man die er- 
wachsenen Mikrocephalcn in diese Vergleichung hinein, so kann man sogar mit Bestimmtheit 
behaupten, dass das Wacbsthum der Schädelkapsel bei ihnen einem andern Gesetze folgen 
muss, als demjenigen, welches für den Menschen gilt. 

Wir wissen heute namentlich durch die eingehenden Untersuchungen W elckers dass das 
Volumen der Scbädelkapsel bei dem menschlichen Kinde während des ersteu Lebensjahres 
ausserordentlich schnell zuuimmt, dass aber dann dieses WachBthum progressiv ubnimmt bis zur 
vollständigen Kürperausbildung. Welcker hat sehr genaue Profilumrisse des Schädels vom neu- 
geborenen Kinde, vom einjährigen Knaben, vom sechsjährigen Knaben und vom erwachsenen 
Manna gegeben. Diese Ineinanderzeichnung sagt mehr als lange Beschreibungen und Tabellen 
von Maasseu und Ziffern. Man sieht auf den ersten Blick, dass während des ersten Lebens- 
jahres der Profilumriss des Schädels in solcher Weise zunimmt, dass er gerade die Hälfte des 
Raumes durchläuft, welcher zwischen dem Umriss des Neugeborenen und demjenigen des Er- 
wachsenen bleibt und dass er dann innerhalb fünf Jahren vom ersten bis zum sechsten Jahre 
wieder die Hälfte des Raumes durchläuft, welcher das Profil dos einjährigen Kindes von dem- 
jenigen des Erwachsenen trennt. Man kann, wie aus den später zu gebenden von Welcker ge- 
wonnenen Maassen hervorgeht, dieses Wachsthum des Profils dem Wachsthume des Volumens 
fast gleichsetzen und demnach behaupten, dass dio Schädelkapsel des Neugeborenen im ersten 
Jahre um ebenso viel zunimmt, als später während des ganzen Lebens. 

Dies Gesetz geht klar aus der Vergleichung der verschiedenen Schädelmaasse hervor. Ver- 
gleicht mau dieMaasse welche Welcker in seinem Werke gegeben hat (I. Tab.S. 127), die sich 
auf den wachsenden Knabenscbädel beziehen, so findet man folgende Unterschiede zwischen 
dem Neugeborenen und dem einjährigen Knaben einerseits und dem zwanzigjährigen Manne 
andererseits. 

Differenzen in Millimetern zwischen den Mittelzahlen: 





Länge 


Breite 


Höhe 


Horizontaler 

Umfang 


Senkrechter 

Umfang 


Neugeborener bis zu 1 Jahr 


32 


26 


21 


89 


24 


Ein Jahr bis 20 Jahr . . 


31 


31 


30 


96 


24 



Das Wachsthum des Schädels von der Geburt bis zu einem Jahre ist also in der Länge 
und dem verticalen Umfang, welche beide durch das Profil angezeigt werden, genau dasselbe 
wie während der neunzehn folgenden Jahre. Es zeigt sich zu Gunsten des späteren Wachs- 
thums nur ein höchst unbedeutender Ueberschuss in der Breite und ein otwas grösserer in der 
Höhe und dem Horizontalumfang. 

Wir besitzen bei unseren Mikrocephalcn weder den Ausgangspunkt der Neugeborenen, noch 
den Reihenpunkt der einjährigen Kinder, aber wir können die Kinder mit den Erwachsenen 
vergleichen und erhalten dann folgende Resultate: 

l ) Wucbsthum und Bau des menschlichen Schädels. Leipzig 1Ü62, uud Archiv für Antbrop. I. Heft, 1SGG. 



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182 



lieber die Mikrocephalen oder Affen -Menschen, 
Differenzen in Millimetern zwischen den Mittclzahlen. 



Länge 


Breite 


Höhe 


Horizontaler 


Senkrechter 






Umfang 


Umfang 


Kinder zu den Erwachsenen 67 


8 


4,7 


38 


18 



Der Unterschied ist auffallend. Die Lange des Schädels nimmt ungemein zu, die Höhe 
bleibt last dieselbe, die Breite nimmt gehr wenig, die Umfänge nehmen mehr zu. Mit anderen . 
Worten, hei dem Menschen wächst auch im Kindesalter die Scbadelwölbung mehr als die Basis, 
während bei dem Mikrocophulen das Umgekehrte stattffndet, indem die Basis sich auffallend 
verlängert, das Gewölbe aber beinahe stationär bleibt 

Wir können dies Wachsthumsgesetz auch noch auf die Weise ausdriieken, dass wir das 
Maass des Erwachsenen = 100 setzen und das Verhältnis des entsprechenden Maasscs beim 
Kinde berechnen. Ich beuutze zu diesem Endzwecke für das normale menschliche Kind die 
Zahlen, welche Welcker für das Alter von 10 Jahren gegeben hat da unsere kindlichen Mikro- 
ccphalen diesem mittleren Alter entsprechen. 





Länge 


Breite 


Höhe 


Horizontaler 

Umfang 


Senkrechter 

Umfang 


Mikrocephale . . . 


. . 62,1 


88,8 


94,9 


90 


92,3 


Normale Kinder . . . 


. . 95,5 


93,8 


93,2 


93,8 


95,5 



Während bei den normalen Kindern die Länge uud der senkrechte Umfang nur um 
4,5 Proc. zunehmen, der horizontale Umfang und die Breite um 6,2 Proc, und die Höhe um 
6,8 Proc-, nimmt im Gcgentheile bei den Mikrocephalen die Länge des Schädels um 39,9 Proc-, 
die Breite um 11,2 Proc., der horizontale Umfang um 10 Proc., der verticale um 7,3 Proc. und 
die Höhe um 5,1 Proc. zu. Das Wuchsthum wirft sich also, Btatt wie bei normalen Kindern 
mit geringem Ueberschusse für die Höhe etwa gleich zu sein, hei den Mikrocephalen vorzugs- 
weise auf die Länge, während das Höhenmanss, der Ausdruck der Emporwölbung der Schä- 
delkapsel am wenigsten durch das Wachsthum verändert wird. 

Derselbe Contrast tritt uns entgegen, wenn wir nur die Schädelbasis iu das Auge fassen, 
die wir vom vordem Rande des Hinterhauptloches bis zur Nasennaht messen. Nach Welcker 
ist die Mittellänge der Schädelbasis von dreissig erwachsenen Männerschädelu genau 100 Milli- 
meter, diejenige der zehnjährigen Kinder 89 Millimeter. Die Basis wächst also während dieser 
Zeit um 11 Proc. Bei den mikrocephalen Kindern beträgt die Basis dagegen im Mittel 74,5 Milli- 
meter, die der Erwachsenen 92,4 Millimeter, die Basis wächst also um 19,4 Proc., um ihr End- 
ziel zu erreichen. 

Die Betrachtung der Schädelcapacitätcn führt zu einem ähnlichen Resultate. Ich betrachte 
diese hier im Vergleiche mit deu normalen Menschen uud den Affen. 

Da ich nicht Materialien genug zu meiner Disposition hatte, um diese Frage vollständig zu 
behandeln, so wandte ich mich an die Herren Krause, Lucae und Welcker mit der Bitte, die 
in den Sammlungen von Stuttgart, Frankfurt und Halle befindlichen Schädel menschenähn- 
licher Affen für mich zu messen. Indem ich die von Duvernoy in seiner Abhandluug über die 
anthropomorpben Affen und zwei von mir an Schädeln des Genfer Museums genommene Maasse 
zufügte, erhielt ich fünfzig Messungen, von welchen 34 allein sieb auf den Oraug beziehen und 
zwar, wie man aus der folgenden zweiten Tabelle ersehen kann , acht auf kindliche Orangs mit 



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183 



Ueber die Mikrokephalen oder Affen- Mensehen. 

Milchgebissen, elf auf jugendliche im Zahnwechsel befindliche und fünfzehn auf erwachsene mit 
vollständigem permanentem Gebiss. Ich betrachte diese Reihe der Orange für hinlänglich, um 
zu Vergleichen dienen zu können, während ich diejeuigeD der Chimpauses und der Gorillas 
nicht als vollständig genug ansehe, um Schlüsse daraus entnehmen zu können. Vielleicht hätte 
ich diese Reihen durch Maasse vervollständigen können , welche von englischen Schriftstellern 
und namentlich von Owen gegeben worden sind; ich habe mich dessen enthalten, da man nie 
wissen kann, welches das Verhältniss des von Engländern angewandten Cubikzollcs zu dc-m 
Cubikcentimeter ist. 

Um aber vollständige Vergleiche anstelleu zu können, musste ich auch Messungen des 
wachsenden menschlichen Schädels besitzen, die bei dem Mangel eines gehörig ausgestatteten 
anatomischen Museums schwierig zu beschaffen sind. Vergebens sehe ich mich in der Literatur 
um, wir besitzen nur eiuige sehr ungenügende Data. Ich hätte mich also gänzlich entschlagen 
müssen, wenn nicht mein Freund Prof. Welcker in Halle mir mit grösster Zuvorkommenheit 
seine noch unveröffentlichten Messungen, die Frucht langer und mühsamer Arbeit, zur Dispo- 
sition gestellt hätte. Die ganze erste Tafel sowie einige graphische Darstellungen zur Ermitt- 
lung der wahrscheinlichen Mittel, deren Resultate ich gebe, sind sein Werk. Ich habe diese 
Darstellungen selbst nicht gegeben, da Jeder sie leicht herstellen kann und ausserdem die Zahl 
meiner Tafeln schon das Maass überschritten hatte. Man trägt auf einem in Quadrate ge- 
theilten Papier die direct ermittelten Maasse auf, indem man die Maasse als Ordinaten, die 
Jahre als Ahscissen annimmt, und verbindet die so gestellten Punkte durch eine Linie, welche 
bald einen geraden, bald einen mehr oder minder gewölbten Rogen darstellt und die das wahr- 
scheinliche Maass für die nicht durch directe Messungen beschlagenen Altersstufen angiebt. 
Auf diese Weise ist die zweite Hälfte der Tabelle gewonnen worden, die, ich wiederhole cs, 
durchaus Prof. Welcker's Eigenthum ist. 

Um Vergloichungen hersteilen zu können, mussten auch die Altersstufen gleich gemacht 
werden. Die Maasse enthalten keinen kindlichen Affen, dessen Milchzähne noch nicht voll- 
ständig durchgebrocheu wären, es musston demnach alle Messungen von Kindern unter zwei 
Jahren auBgeschieden werden; die Milchbezahnung bleibt bei dem menschlichen Kinde etwa 
bis zum vollendeten sechsten Altersjahre, wo der Zahnwechsel mit den Schncidezähnen beginnt. 
Die Reihe von zwei zu sechs Jahren wird also derjenigen der Affen mit Milchzähnen entsprechen. 

Rei dem Menschen bricht der Weisheitszahn etwa im siebenzehnten Jahre durch, die Reihe 
von sechs bis siebenzehn Jahren entspricht also der Reihe der im Zahnwechsel begriffenen Affen. 

Alle Individuen mit vollständigem definitivem Gebiss sind als erwachsen anzusehen. 

Bei den Affen sowohl wie bei den Menschen existirt eine ziemlich bedeutende Verschieden- 
heit zwischen beiden Geschlechtern hinsichtlich der Scbädelcapacität; da aber bei unseren Affen- 
schädeln nur für die Erwachsenen das durch die Entwicklung der Muskelleisten kenntliche 
Geschlecht angegeben werden konnte, während es für die jungen Altersstufen zweifelhaft ist, so 
habe ich auch für die entsprechenden menschlichen Reihen nicht die dem einen oder andern 
Geschlechts angehörigen Zahlen, sondern die Mittelzabl von beiden Geschlechtern als Basis 
angenommen. 



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184 Ueber die Mikrocephalen oder Affen -Menschen. 

Tabelle dos Schädelinhalts des wachsenden weissen Menschen, mitgetheilt von Professor H. Welcher. 





Directo 


Messung mit 


Hirse. 




Schätzung des wahrscheinlichen Inhalts, mittelst 
graphischer Darstellung aus der Tabelle entnommen. 




Nummer der ana- 


JZ 

o 




Horizontal- 


Inhalt 














§ i 
fl a 

V 3 


to tu i neben Stimm- 




Alter. 


Umfang in 


inCubik- 






M ä n e 


e r. 




Weiber 


lung in Halle. 


£ 

O 




Millimetern. 


Centim. 




































im 


1 


1094 


F. 


Neugeboren 


294 


280 


Alter. 


Minim. 


Maxim. 


Mitte). 


Mittel. 


2 


3528 


— 




312 


310 














3 


2522 


— 


n 


323 


375 


Neugeboren. 


270 


400 


530 


960 


4 


362 


— 


n 


332 


400 














5 


90 


M. 


n 


340 


470 


1 Monat 


340 


460 


600 


420 


6 


89 


— 


I» 


345 


530 














7 


268 


M. 


8 Monat 


366 


540 


2 




410 


540 


690 


51U 


8 


269 


M 


4 . 


358 


620 














8 


270 


M? 


5 „ 


893 


680 


4 


n 


460 


620 


770 


580 


10 


— 


M? 


Unter 9 Monat 


— 


770 














11 


1575 


11? 


r> * n 


419 


340 


0 


n 


540 


690 


840 


650 


12 


3452 


F. 


12 bis 14 Monat 


403 


825 














13 


— 


— 


1 Jahr 


— 


800 


8 




660 


770 


910 


720 


11 


— 


— 


16 Monat 


398 


780 














15 


3528 


— 


20 „ 


432 


860 


10 


*» 


660 


830 


980 


790 


16 


85 


M? 


2 Jahr 


424 


960 














17 


3551 


— 


Etwa 2 Jahr 


456 


1060 


1 


Jahr 


720 


900 


1060 


850 


18 


— 


— 


„ * * 


— 


1150 














19 


— 


M. 


4 bis 5 Jahr 


490 


1360 


IV. 




780 


960 


1120 


900 


20 


86 


— 


ibid. 


455 


1010 














21 


84 


F. 


5 bis 6 Jahr 


470 


1150 


o 


» 


830 


1030 


1190 


960 


22 


22 


F. 


6 Jahr 


468 


1170 












23 


82 







480 


1310 


3 




680 


1080 


1250 


1010 


24 


80 


— 


6 bis 7 Jahr 


484 


1070 














25 


261 


— 




465 


1130 


4 


i» 


930 


1140 


1310 


1060 


26 


254 


— 


n » r> »* 


473 


1170 














27 


149 


— 


r 17 n n 


602 


1370 


5 




970 


1190 


1370 


1100 


28 


81 


— 


7 Jahr 


462 


1210 














29 


265 


F. 


7 bis 8 Jahr 


480 


1250 


6 




1010 


1290 


1420 


1130 


30 


3534 


— 


» n r> » 


490 


1300 1 














81 


21 


F. 


8 bis 9 Jahr 


470 


1180 


7 




1050 


1270 


1470 


1160 


32 


19 


F. 


r> n n * 


474 


1290 














33 


20 


M. 


n n fi » 


466 


1170 






1090 


1300 


1520 


120<» 


34 


78 


F. 


9 bis 10 Jahr 


458 


1050 














35 


7» 


F. 


14 Jahr 


495 


1350 


9 




1110 


1340 


1560 


1230 


36 


65 


F 


14 bis 15 Jahr 


517 


1600 














37 


77 


F. 


15 Jahr 


469 


1110 


10 


»» 


1140 


1860 


1600 


1250 


38 


3563 


M. 


16 „ 


510 


1370 














39 


— 


M. 




476 


1900 


12 




1160 


135*) 


1630 


1270 


40 


74 


_ 


16 bis 17 Jahr 


485 


1170 














41 


76 


M. 


17 Jahr 


507 


1410 


14 




1180 


1410 


1670 


1260 


42 


119 


M. 


18 


5t»5 


1420 














43 


— 


F. 


>f M 


538 


1520 


16 




1200 


1430 


1700 


1290 


44 


70 


M. 


19 „ 


511 


1440 














45 


8 


F. 


19 „ 


483 


1190 


18 


u 


1210 


1440 


1730 


1300 




Mittel der erwachsenen Männer 


— 


1460 


20 bis 60 Jahr 


1220 


1450 


1750 


1300 




Mittel der erwachsenen Weiber 


— 


1300 




— 


— 


- 


— 


— 




Mittel beider Geschlechter 


— 


1375 




- 


— 




— 


— 



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Ueber die Mikroeephalen oder Alfen -Menschen. 185 

Oebersichts- Tabelle des Schädeliuhalt« anthropomorpher Affen in Cubikcentimeteru. 





Species. 


Museum- 


Beobachter. 


Alters-Angabe nach der Bezahnung. 


Ma&BB in 

CC. 


1 


Gorilla 


Paris 


Du vorn oy 


Altes Männchen . 


500 


2 


n 




■ 




490 


s 


Orang 


Stuttgart 337 


Kraus 8 


Altes Männchen 


480 


4 




l‘uri» 


Duvemoy 


„ „ von Sumatra 


475 


5 


„ 




« 


Junges Männchen mit eben durch gebrochenem 1. Backzahn . 


470 


6 1 


Tichego 


Paris No. 2 


* 


Altes Männchen 


470 


7 


Orang 




n 


n „ von Borneo * 


460 


8 


„ 


Halle. Zool. 9 


Welcher 




460 


9 




„ , 7 


„ 


Männchen mit 32 Zähnen. Basal fuge offen 


450 


10 


PoDgO 


Frankfurt. A. 6 


Lucae 


Pongo mit crista (Lucae Pongo und Orang Tab. 1 und 2 . . 


450 


11 


Drang 


. A. 8 




Grosser Schädel ohne crista. Geschlecht zweifelhaft .... 


425 


12 


Pongo 


. A. 7 




Alle* Männchen mit crista (Lucae Pongo und Orang Tab. 1 und 2 


430 


13 


Drang 


, A. 14 


„ 


Jung — zweiter bleibender Backzahn halb durchgebrochen . 


415 


14 




Halle 


Welcker 


Mit 32 Zähnen. Basalfuge obliterirend 


410 


15 


[ Tichego 


Paris 


Duvernoy 


Alt No. 1 


410 


16 


Gorilla 




•4 


Junges Weibchen 


410 


17 




« 


71 


Sehr jung 


400 


ie 


| Chimpanse 


„ 


n 


Altes Weibchen 


390 


19 


Drang 


Hallo. Anat. 6402 


Welcker 


Altes Männchen mit crista. Basulfugo geschlossen 


390 


20 


!t 


Göttingen 




Junger Schädel mit vollständigem Milchgebiß« 


380 


21 


Chimpanse 


Halle. Anat. 4341 


„ 


Junges Thier. 20 Milchzähne 


380 


22 


7* 


Stuttgart 511 


Kraus» 


Junges Weibchen mit 3 Milchbackenzähnen 


375 


23 


» 


Paris 


Duvernoy 


Altes Männchen 


370 


24 


Gorilla 


i» 


7t 


Altes brachycephales Weibchen 


370 


25 


Drang 


Stuttgart 962 


Kranes 


Jung, aber alle Backzähne 


370 


26 


n 


Frankfurt. A. 11 


Lucae 


Altes Weibchen 


370 


27 


„ 


Halle 


Welcker 


32 Zahne 


370 


26 


n 


Frankfurt. A. 10 


■Lucae 


Altes Weibchen j 


360 


29 


n 


Halle. Zool. 3 


Welcker 


Junger Schädel mit vollständigem Milchgebiss 


355 


30 


n 


Frankfurt. A. 12 


Lucae 


Jung, Milchgebiss; zweiter bleibender Backzahn halb durch- 












gebrochen 


850 


31 




„ A. 13 




Jung, Milchgebiss; zweiter bleibender Backzahn ganz durch- 












gebrochen ...... 


350 


32 


* 


Stuttgart 3S 


Krausii 


Jung, Milchgebiss; zweiter bleibender Backzahn ganz durch- 












gebrochen 


350 


33 


n 


Hallo. Zool. 6 


Welcker 


Jung, 28 Zähne; zweiter bleibender Backzahn ganz durchge- 












brachen 


340 


34 


7» 


Paris 


Duvernoy 


Jung, von Borneo, mit erstem bleibendem Backzahn .... 


840 


35 


n 


Frankfurt. A. 2 


Lucae 


Jung. Aeusaerer bleibender Scbneidezahn und zweiter bleiben- 












der Backzahn halb dorcbgebrochcn 


335 


36 


n 


» A. 9 


r 


Altes Weibchen 


335 


37 


n 


Stuttgart 338 


Krauss 


Jung. 2 Milchbackenzähne 


335 


38 


n 


Paris 


Duvernoy 


„ 1 Backzahn von Sumatra 


330 


39 


Chimpanse 


n 


j* 


„ nur Milchzähno 


380 


40 


„ 


„ 






330 


41 


V 


Halle. Anat. 4340 


Welcker 




325 


42 


Oran g 


„ Zool. 6 




„ Vollständiges Milchgebiss 


325 


« 


n 


» . 2 


71 


ff 71 -» 


320 


u 1 


!> 


Genf 


Vogt 


„ Zweiter bleibender Backzahn im Durchbrechen . . . 


820 


45 


1» 


Frankfurt. A. 15 


Lucae 


* Vollständiges Milchgebiss. Eckzahn halb durchgebrochen 


810 


46 1 


f» 


. A. 3 


» 


„ „ „ 


305 


«! 


71 


Stuttgart 981 


Krauss 


„ 2 Milchbackenzähne 


900 


48 1 


Chimpanse 


Paris 


Duvernoy 


„ Nur Milchzähne 


300 


49 , 


1» 


Genf 


Vogt 


. „ , vollrtindig 


298 


50 


Orang 


Frankfurt. A. 5 


Lucae 


„ Milchgebiss. Eckzahn durchgebrochen 


280 



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Archiv tn r Anthropologie. Bend IL Heft 9. 



24 






186 



Ueber die Mikrocephalen oder Affen -Menschen. 

Tabelle des Schädeliuhalts anthropomorplier Affen, nach Art und Alter geordnet. 



Orang und Pongo. 


Chimpanse und Tschego. 


Gori 11a 


Ordnung»* 




] 


Ordnung*- 




l 




Ordnung*- 






numraer der 






nuramer der 






nummer der 






Ueberaichts- 


Geschlecht 


Inhalt ' 


Ueberaickts* 


Geschlecht. 


Inhalt. 


Ucbersiobta- 


Geschlecht. 


Inhalt. 


tabelle. 






tabelle. 






1 


tabelle. 








Alte m 


it vollstend 


i 


gern b 1 


i b c n 


lern Geb 


i ■ s e. 




3 


M. 


180 


6 




M. 


470 


i 


M. 


600 


4 


M. 


475 


— 




— 


— 


_ 


— 


— 


7 


M. 


460 


15 




M. 


410 1 


2 


w. 


490 


8 


M. 


460 


— 




— 


— 


_ 


— 


— 


9 


V. 


450 


18 




W. 


390 


16 


w. 


410 


10 


M. 


450 







_ 


— 


_ 


— 


— 


11 


W.? 


425 


23 




M. 


370 


24 


w. 


370 


12 


M. 


120 


— 




— 


— 


— 


— 


— 


14 


? 


410 







_ 


_ 


_ 


— 


— 


19 


M. 


390 


— 




— 


— 


— 


— 


— 


25 


? 


»70 


— 




— 


— 


— 


— 


— 


20 


w. 


370 


_ 




— 


_ 


— 


— 


_ 


27 


? 


370 













_ 


— 


— 


28 


w. 


860 









— 


— 


— 


— 


88 


w. 


335 







- 





— 


— 


— 


Durchschnittszahl der 




Durchschnittszahl der 




Durchschnittszahl der 




Männchen 


448 


Männchen 


417 


Männchen 


500 


Durchschnittszahl der 


















Weibchen, die zweifelhaften 




Durchschnittszahl der 




Durchschnittszahl der 




mitgerechnei 


878 


Weibchen 


370 


Weibchen 


483 






Im Zahnwe 


chsel begriff 


e n e. 






5 


M. 


470 


22 




— 


875 


— 


— 


— 


18 


? 


415 


— 




— 


— 


— 


— 


— 


30 


? 


350 


— 




— 


— 


— 


— 


— 


31 


? 


350 


— 




— 


— 


— 


— 


— 


32 


1 


350 


— 




— 




— 


— 


— 


33 


? 


340 


— 




— 


— 


— 


— 


— 


34 


? 


340 


1 — 




— 


— 


— 


— 


— 


85 


? 


335 


— 




— 


— 


— 


— 


— 


37 


? 


335 


— 




— 


— 


— 


— 


— 


38 


? 


330 


— 




— 


— 


— 


— 


— 


44 


? 


820 


— 




— 


— 


— 


— 


— 


Durchschnittszahl .... 


858 


— 




— 




— 


— 


— 






J 


u n g e m 


t Milobgebi. 


8. 






20 





330 


21 




— 


380 


17 


— 


400 


29 


— 


355 


39 




— 


330 


— 


— 


— 


42 


_ 


325 


40 




— 


330 


— 


— 


— 


13 


— 


320 


41 




— 


325 


— 


— 


— 


45 


— 


310 


43 




— 


300 


— 


— 


— 


4f. 


— 


305 


49 




— 


298 


— 


— 


— 


47 


— 


300 


— 




— 


— 


— 


— 


— 


50 


— 


980 


— 




— 


— 


— 


— 


— 


Durchschnittszahl .... 


388 


1 Durchschnittszahl . 


. 887 


— 


— 


— 



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187 



Ueber die Mikrocephalen oder Affen - Menschen. 

Nimmt man beim Menschen die Mittelzahl des erwachsenen männlichen Schädels (1450 Cu- 
bikcentim.) gleich 100 an, so kommt man zu dem Schlüsse, dass das Volumen des neugeborenen 
Knäbchens etwa das Viertel, genauer 27,6 Proc. der definitiven Capacität beträgt. Diese Pro- 
portion ist genau dieselbe für das weibliche Geschlecht und es geht daraus hervor, dass die 
Verschiedenheit des Hirnvolums angeboren ist, und dass das Gehirn bei beiden Geschlechtern 
genau in derselben Weise wachst (Nach Welcker beträgt die mittlere Himcapacität erwach- 
sener Weiber 1300 Cubikcentim., diejenige der neugeborenen Mädchen 360 Cubikcentim. Das 
Verhältniss ist demnach 27,8 Proc.) 

Die Mittelzahl des Kindesalters von 2 bis 7 Jahren, welches die Ordnungsnummern 16 bis 27 
der Messungstabelle umlasst, beträgt 1158 Cubikcentim., diejenige des Jünglingsalters von 
7 bis 17 Jahren (Nro. 28 bis 41) — 1261 Cubikcentim. Nach der Wahrscheinlichkcitstabelle 
betragen die Mittelzahlen für die Kinder=1113 Cubikcentim., für die Jünglinge = 1313 Cubik- 
centimeter. 

Vergleicht man die Mittelzahl beider Geschlechter im erwachsenen Zustande ( ~ 1375 Cu- 
bikcentim.), indem man sie= 100 ansetzt, mit den angegebenen Zahlen, so erhält man folgende 
Wachsthumsreibe für den Menschen. 

Reihe aus den Messungsmitteln berechnet: 

Neugeborene Kinder Jünglinge Erwachsene 

27,7 84,2 91,7 100 

Reihe aus den wahrscheinlichen Mitteln berechnet: 

27,7 81,0 95,5 100 

Reihe für die Orangs berechnet: 

? 71,2 80 100 

Bei Vollendung des ersten Altcrsjahres hat das menschliche Kind im Mittel eine wahr- 
scheinliche Capacität von 875 Cubikcentim. d. h. 63,6 Proc. der definitiven Capacität erreicht. 

Wie man auch diese Reihen betrachten mag, so viel geht daraus hervor, dass das mensch- 
liche Kind schon im Kindesalter ein weit grösseres verhältnissmässiges Hirnvolum erreicht hat 
als der Affe und dass es im Jünglingsalter während des Zahnwechsels dem definitiven Maasse 
schon sehr nahe steht. Anders verhält es sich bei dem Affen. Während des Kindcsaltors steht 
er sowohl im Verhältniss zu seinem eigenen Endziele, wie absolut gegen den Menschen zurück. 
Im Jünglingsalter bleibt dasselbe Verhältniss und während des Zahnwechsels noch ist der Affe 
ebenso weit von seinem Endziele entfernt, als der Mensch es ist, während er noch sein Milch- 
gebiss besitzt. 

Die für den Menschen gewonnenen Zahlen beweisen uns einen merkwürdigen Aufschwung 
der Bildungslhätigkeit in den ersten Zeiten nach der Geburt, was in einer graphischen Dar- 
stellung eine steil ansteigende Linie hcrstellt, bald aber erlahmt die Rewegung nnd geht wäh- 
rend des Zahnwechscis so langsam fort, dass nur eine sehr schwach anscheinende Linie erzeugt 
wird. Bei dem Affen dagegen ist das Wachsthum stetig, wahrscheinlich sogar seit seiner Ge- 
burt und der Zahnwechsel beginnt lange bevor das Gehirn seinem Endziele nahe ist. 

Der Unterschied zwischen dem Menschen und dem Affen wird noch bedeutender, wenn 
mau die absolute Menge von Stoff betrachtet, welche das Individuum seinem ursprünglich bei 
der Geburt mitgegebenen Hirnvolumen zufügt. 

24 * 



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188 



lieber die Mikroeephalen oder Affen -Menschen. 

Beim Manschen betragt dieser Zusatz oder mit anderen Worten die Differenz zwischen dem 
Neugeborenen und dem Erwachsenen beinahe 1000, genauer 995 Cubikcentim. 

Im ersten Jahre nimmt die Capacität um 495 Cubikcentim. zu. 

Vom vollendeten ersten Altersjahre bis zum siebenten, also in sechs Jahren, nimmt die 
Capacität um 395 Cubikcentim., also um 66 Cubikcentim. jährlich zu. 

Vergleichen wir dies mit den Affen. 

Wir kennen nicht den Anfangstermin, die Geburt, aber wir haben die dem Kindes- und dem 
Jünglingsalter entsprechenden Zahlen. Während dem erstem nimmt die Schädelcapacität im 
Ganzen um 36 Cubikcentim., während des Jünglingsalters um 55 Cubikcentim. zu. 

Wir besitzen keine Angaben über das Verbältniss der Zahnentwicklung bei den Oraugs zu 
ihrem Alter an Jahren, aber ich glaube nicht, dass mau die Zeit, die von der Ausbildung des 
Milchgebisses bis zur vollständigen Ausbildung des permanenten Gebisses verstreicht, und die 
beim Menschen vierzehn Jahre umfasst, für weniger als die Hälfte, also für sieben Jahre an- 
schlagen dürfe; während dieser Zeit betrüge also die mittlere Zunahme der Schädelcapacität 
bei dem Orang 13 Cubikcentim., während sie bei dem Menschen, obgleich hier sich die Thütig- 
keit schon längst zurückgezogen hat, noch immerhin das Dreifache, nämlich 34,5 Cubikcentim. 
per Jahr betrüge. 

Alle diese Betrachtungen machen uns einen Satz wahrscheinlich, der fh ilich noch weiterer 
Untersuchungen zu seiner Feststellung bedarf; nämlich dass die Affen mit einem Gehirn- 
volumen zur Welt kommen, welches im Verhältniss zu dem von ihnen zu erreichenden Endziele 
weit bedeutender ist, als bei dem Menschen; dass das Hirnvolum der Affen während des Wachs- 
thums nur sehr wenig, aber stetig zunimmt, während der Mensch von einem vcrhältnissmässig 
weit geringeren Hirnvolumen ausgeht (das freilich absolut grösser ist als dasjenige der Affen), 
und mit einem mächtigen Aufschwünge während der ersten Lebensjahre sich schnell dem Ziele 
nähert, welches er später erreicht 

Sehen wir uns nun nach der Stellung um, welche die Mikroeephalen einnehmen. 

Wir haben drei jugendliche Mikroeephalen von fünf, zehn und fünfzehn Jahren ; der jüngste 
hat noch sein vollständiges Milchgebiss, da aber der erste bleibende Backzahn schon im Her- 
vorbrechcn begriffen ist, können wir ihn mit unter die Jünglinge rechnen. 

Alle Anderen sind erwachsen. Wir scheiden die Maehler aus, welche einzig weiblichen Ge- 
schlechtes ist 

Unser Ausgangspunkt ist freilich höchst unvollständig, denn dio drei jugendlichen Mikro- 
cephaleu sind ausserordentlich ungleich ausgestattet, zum Theil sogar besser, als mancher Er- 
wachsene und wenn man die elf Mikroeephalen ohne Unterschied des Alters und Geschlechtes 
nach ihrem Hirnvolumen zusammenstcllt, so behauptet Job. Georg die dritte, Johann die 
fünfte Steile, während Jakob allein allen anderen nachsteht 

Die mittlere Schädelcapacität der jugendlichen Mikroeephalen beträgt 382 Cubikcentim., 
diejenige der erwachsenen 441 Cubikcentim., das Verhältniss ist also wie 86,6 zu 100. 

Dio absolute Zunahme beträgt 59 Cubikcentim. Auf zehn Jahre vertheilt giebt dies eine 
mittlere jährliche Zunahme von 6 Cubikcentim. Diese Zunahme ist noch geringer als diejenige, 
welche wir bei den Affen fanden, jedenfalls aber nähert sie sich dem Verhältnisse der Affen 
weit mehr als demjenigen der Menschen. 



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189 



lieber die Mikrocephule» oder Affen -Menschen. 

Wir sehen also, dass die mikrocephalen Kinder ohne Zweifel mit sehr verschiedenem Gehiru- 
volnmen zur Welt kommen, dass aber die ihnen mitgegebenen Schädelkapseln nach der Geburt 
nicht nach dem für den Menschen, sondern nach dem für die Affen geltenden Gesetze wachsen. 
Die Schädelwölbung namentlich ist ee, welche in ihrer Ausdehnung zurückbleibt; während die 
Schädelbasis sich verlängert um dem gewaltigen Kieferapparate eine Stütze zu leihen und sich 
zugleich verbreitert, um die Sinnesorgane aufnehmen zu können, bleibt die Wölbung beinahe 
stationär und sinkt immer mehr im Verhältnisse zum Gesicht zurück. 

Das Gesicht selbst aber entwickelt sich nach dem menschlichen und nicht nach dem 
Wacbsthumsgesetz des Affen. Wir werden auch diesen Satz zu beweisen suchen. 

Man kann das Wachsthum des Gesichtes mittelst verschiedener Linien bestimmen, die wir 
angeben wollen. 

Zuerst die Schädelbasis, welche wir, wie schon bemerkt, vom vordem Rande des Hinter- 
hauptsloches zur Stirnnasennaht messen. 

Die von derselben Naht zum Alveolarrand des Oberkiefers gemessene Nasenzahnlinie er- 
giebt die Höhe des Gesichtes. 

Die Gaumenlinie vom Alvcolarrand zum hinteren Vorsprunge des Gaumens gemessen, er- 
giebt die Länge des Daches der Mundhöhle. 

Endlich die Alveolarlinie (b x von Welckcr) vom Vorderrande des Hinterhauptsloches 
zum Alveolarrande des Oberkiefers gemessen, ergiebt die Stellung des Kieferapparates im Ver- 
hältnis» zur Schädelbasis. 

Wir geben in nachstehender Tabelle die Messungen dieser verschiedenen Linien beim 
Menschen, Mikrocephalen und Affen. Wir geben hinter jeder Reihe, worin die directen Messungs- 
resultate in Millimetern verzeichnet sind, zwei Columnen, von welchen die vordere die wirkliche 
Differenz zwischen dem erwachsenen und dem jugendlichen Alter, die hintere die proportio- 
nale Differenz enthält, wenn das Maa-sdes Erwachsenen = 100 gesetzt wird. Mit Ausnahme der 
Mikrocephalen und der Gaumenlänge sind diese Maasse den Welcker’schcn Tabellen eutlehnt 





Schädelbasis. 


Nasenzahnlinie. 


Alveolarlinie. 


Gaumenlänge. 






Unterschied 




Unterschied ^ 




Unterschied 




1 

| Unterschied 






1 wirk- 
, lieh 


1 

! pro 
j port. 




^ wirk- 
lich 


pro- 

port. 




wirk- 

lich 


pro- 

port. 




wirk- 1 
lieh ! 


pro- 

port. 


Erwachsene 


100 






57,8 




l 24% 


93 






65 






Kinder von 0 bis 16 Jahren • 


89 


11 ] 


n% 


44 


13,8 




77,9 


16 


17% 


89 


16 


29% 


Erwachsene Mikrocephalen 


92.4 






CI 






98 






55 






Jugendliche Mikrocephalen . 


74^6 


17,9 


20% 


47 


14 


23% 


74,6 


29,5 


24% 


$8 


17 


31% 


Erwachsene Orangs 


103 






87,3 






155,3 






104 






Jugendliche Orangs 


74 


29 


82% 


41,5 1 


45,8 


52,5% 


87,2 


61,1 

i 


42,6% 


49 


55 


58% 



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190 



Ueber die Mikrocephalen oder Affen -Menschen. 

Mau siebt durch diese Tabelle, dass bei allen Maassen, in welchen die Schädelkapsel noch 
einigermassen mithegriffen ist (Schädelbasis und Alveolarlinie) die Mikrocephalen sich zwischen 
Affen und Menschen stellen, doch mit entschiedener Annäherung an Letztere, während bei allen 
Maassen, welche einzig und allein das Gesicht betreffen (Nasenzahnlinie und Gaumenlänge), das 
Wachsthumsgesetz für den Menschen und den Mikrocephalen dasselbe bleibt. 

Ich halte es nicht für nöthig, im Einzelnen auf die verschiedenen Knochen einzugehen, 
welche den Schädel und das Gesicht der jugendlichen Mikrocephalen zusammensetzen. Viele 
Abweichungen, welche man hier vorlindet, sind individuelle, oder gehören der Familie an und 
man darf sie nicht, wie man bei einzelnen Fällen wohl getlian hat, als allgemein vorkommend 
bezeichnen. Es genügt mir für den Augenblick durch Vergleichung der Maasse und genau 
erhobener Thatsachen bewiesen zu haben, dass das Wachsthumsgesotz des Schädels des Mikro- 
ccphalen mit derselben Bestimmtheit auf jenen Satz hinweist, auf welchen schon die Betrach- 
tung der Erwachsenen allein führt, nämlich dass der Kopf aus zwei Elementen zusammengesetzt 
ist, aus der namentlich in der Wölbung und den Seitentheilen ausgesprochenen Schädelkapsel 
eines Affen und dem Gesichte eines Menschen; dass diese beiden Elemente sich nothwendiger- 
weise in der Schädelbasis mit einander mischen und dass der Kopf des Mikrocephalen sich 
demnach zwei verschiedenen Richtungen zufolge entwickelt, oben nach dem Affentypus , unten 
nach dem Menschentypus. Es scheint mir, als wäre es bei dem besteu Willen nicht möglich, 
eine vollkommenere Zwischenform zwischen dem Affen und dem Menschen zu ersinnen. 

Es ist übrigens augenscheinlich , dass das Wachsthum der verschiedenen Theile nur sehr 
langsam und wahrscheinlich um so langsamer vor sich geht, je mehr das Gehirn reducirt ist. 
Die drei mikrocephalen Kinder zeigen uns ferner, dass die Charaktere, welche dem niederen 
Typus angehören, sich um so mehr entwickeln, je ausgesprochener die Mikrocephalie ist. Ja- 
kob, der seit seiner Geburt das kleinste Gehirn hatte, ist auch derjenige, bei welchem der 
fürchterlichste Prognathismus sich zeigt uud bei welchem die Augenbrauenbogen, die Schläfen- 
linien und die Muskelleisten sich zu entwickeln anfangen, welche den Schädel dem Affentypus 
näher bringen. Es ist unnötlng, weiter auf diese Verhältnisse einzugehen, welche wahrschein- 
lich von selbst hervortreten würden, sobald mehr Fälle mikrocepbaler Kinder untersucht 
würden. 



Drittes Resumd. 

Ueber die mikrocephalen Schädel im Allgemeinen. 

Unter deu Ursachen der Mikrocephalie hat man häufig frühzeitige Verwachsungen der 
Schädelnähte, SynoBtosen, angegeben, welche theils schon während des Vcrweilens der Frucht 
im Mutterleibe, theils später während des ersten Kindesalters eintraten und gewissermassen 
das Wachsthum des Gehirns und seine Ausbreitung verhindert haben sollten. Diese Ansicht 
beruht nothwendig auf der Unterstellung einer mechanischen Action, dir wir hier vielleicht 
etwas zu unmittelbar ausdrückcn, die wir aber nicht mit Stillschweigen übergehen können, wenn 



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191 



lieber die Mikrocephalen oder Allen -Menschen. 

sie gleich schon durch die bekannte Art und Weise des Wachsthums der Schädelknochen an 
und für sich hinlänglich widerlegt ist Wir müssen die hierhergehörigen Ansichten und die 
Fälle, auf welche sie sich stützen, genauer untersuchen. Es sind namentlich Cruveilhier, 
iiailiarger und Virchow, die sich hierüber ausgesprochen haben. Wir führen grösstentheils 
wörtlich an, was sie sagen. 

Virchow ist durch vielfache Untersuchungen, die besonders in seinen „Gesammelten Ab- 
handlungen zur wissenschaftlichen Modicin“ (Frankfurt 1856) und seinen „Untersuchungen über 
die Entwicklung des Schädelgrundes“ (Berlin 1857) nicdergelegt sind, zu zwei Hauptsätzen Uber 
die Entwicklung der Schädelform gekommen; dass I) „unter allen Theilen des Schädelgerüstes 
die Basis, und zwar vornehmlich die Wirbelkörper des Grundbeines die grösste Selbständigkeit 
der Entwicklung und des Wachsthums besitzeu“, und 2) „dass die Entwicklung des Schädels 
jedesmal bei Synostose einer Naht in der Richtung zuriickbleibt, welche senkrecht auf der 
synostotischenNaht liegt.“ Aus diesen beiden Vordersätzen und der Beobachtung, „dass die ganze 
Eigenthümlichkeit der Physiognomie (der Cretinen) in dem tiefen Stande der Nasenwurzel und 
dem Prognathismus culminirt“, zieht er den Schluss, dass die Cretinenbildung „Verkürzung oder 
genauer Hemmung in der Entwicklung des Schädelgrundes und zwar speciell der Wirbelkörper 
des Tribasilarbeines bedeutet, und dass wahrscheinlich vorzeitige Synostose der nächste Grund 
ist. Anders verhält cs sieb mit den mikrocephalen, trockenen und grossen Cretinen (Makronen), 
wie sie von Stahl und mir (Citation der Abbildung von Margarethe Maehler in den Gesam- 
melten Abhandlungen S. 941) abgebildet sind; diese führen mitXothwendigkeit auf prävalirende 
Synostosen des Schädeldaches. In diesem Falle nähert sich die Physiognomie mehr oder we- 
niger derjeuigen der Anencepbalen.“ (Archiv für pathologische Anatomie etc. 13terBand. Berlin 
1858, pag. 356.) 

Cruveilhier, den man gewöhnlich citirt, wenn cs sich von der Erzeugung der Mikroce- 
phalie durch Synostose haudelt, ist dennoch weit entfernt von absoluten Schlussfolgerungen. 
Nachdem er einen Fall von angeborener Wassersucht mitgetheilt und beschrieben hat, wo der 
ganze Hirnstamm, verlängertes Mark, Kleinhirn, Brücke, Gross- und Kleinhirnschenkel und 
Warzenknoten vollständig erhalten, die Hemisphären aber in einem dünnen mit Wasser ge- 
füllten Hautsack verwandelt sind, fährt Cruveilhier so fort: 

„Man würde einen grossen Fehler begehen, wenn man glauben wollte, dass alle Fötus mit 
zu kleinen Köpfen, die Mikrocephalen, Hirnwassersucht gehabt haben müssten. Die Mikrocephalen 
theilen sich in zwei wohl getrennte Gruppen: 1) Mikrocephalen mit Hirnatrophie, 2) Mikro- 
cephalen mit Wussererguas in der Schädelhöhlc, 3) giebt es gemischte Fälle, bei welchen sowohl 
Wassersucht als Atrophie mitgewirkt haben. Ich kenne kein Zeichen, durch welches man aus 
dem äusseren Schädelbau allein diese verschiedenen Arten von Mikrocephalie unterscheiden 
könnte, ausgenommen es sei ein Hirnbruch oder ein Wasserbruch vorhanden. Ich weiss nicht, 
ob spätere Beobachtungen ein Resultat meiner bisherigen Beobachtungen bestätigen werden, 
nämlich, dass bei allen durch Wassersucht erzeugton Mikrocephalen das Kind bei der Geburt 
stirbt, während die Mikrocephalen aus Hirnverkümmerung mehr oder minder lange leben. 

„Ich habe Gelegenheit gehabt, die Köpfe mehrerer Mikrocephalen aus Hirnarmuth zu unter- 
suchen, hier ist das Resultat: 

„Erster Fall. Bei einem Kinde, welches niemals Zeichen von Intelligenz gegeben, uud das im Alter 



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192 



Ueber die Mikroeephalen oder Affen -Menschen. 

von acht MoDaten in Convulsioncn starb, die sich seit der Geburt sehr häutig wiederholten, glich 
der Kopf ziemlich genau demjenigen eines Frosches ; die Stirn fehlte, die Augeu standen unge- 
heuer vor, die reichlich mit Haaren besetzte Schädelhaut war namentlich in der Hinterhaupts- 
gegend stark gefaltet, so dass es aussah, als wäre sie für einen Schädel von gewöhnlichen Di- 
mensionen bestimmt gewesen. Die Verknöcherung des Schädels war sehr vorgeschritten; die 
sehr dicken und hurten Knochen der Wölbung waren ebenso fest verbunden, als sie es im Alter 
von 15 bis 18 Jahren zu sein pflegen. Hinten sah man einen sehr vorspriugenden queren Kamm, 
welcher dem Hinterhauptsdorne und der oberen Bogeulinie der Fleischfresser zu entsprechen 
schien, aber nichts anderes als der obere Rand der Schuppe selbst war, der stark und im Winkel 
umgebogen war. Das Gehirn war auf die Dimensionen reducirt, die ein so kleiner Schädel ihm 
bieten konnte. Es war ein Miniaturgehirn, an dem ich übrigens keinen speciellen Bildungsfehler 
erkennen konnte. 

„Zweiter Fall. Bei einem anderen durch Hirnatrophie mikroeephalen Kinde, hatte 
die Schädelbasis ihre gewöhnliche Entwicklung, aber die Knochen der Wölbung gehörten einem 
weit kleineren Schädel an. Der freie Rand der Schläfenschuppe war verdickt und stand bedeu- 
tend vor. Man hätte glauben können, dass die Schädelbasis mit den Schläfenschuppen an ihrem 
normalen Platze geblieben wären, während das Hinterhauptsbein und namentlich die Scheitel- 
beine verkleinert und in die Schädelbasis hineingesteckt schienen. Das Gehirn war sehr klein, 
die Atrophie hatte namentlich die Stirnwindungen betroffen, die Scheitelwindungen waren an 
ihrer sehr deutlichen queren Richtung erkenntlich; in diesem Fallo existirte auch eine ange- 
borene Spaltung des Gaumens und des Gaumensegels ohne entsprechende Trennung des Zahn- 
randes und der Oberlippe. 

„Dritter Fall. Dr. Harbin du Bocage legte der anatomischen Gesellschaft den Kopf eines 
im dritten Jahre unter Convulsiouen gestorbenen Kindos vor, dessen Schädel ausserordentlich 
klein war. Ich beobachtete Folgendes: 

„Die Schädelwölbung war verknöchert, wie sie es etwa im 15ten Jahre zu sein pflegt, nament- 
lich war das Stirnbein sehr dick, das Gehirn erfüllte bei weitem nicht die Schädelhöhlc. Es war 
von der Wölbung durch eine grosse Menge Flüssigkeit getrennt, welche die Höhlung der Spinu- 
webehaut erfüllte, das Zellgewebe unter diesor Haut war infiltrirt und ausserdem fand sich eine 
gewisse Menge Serum in den Ventrikeln. 

„Das Gehirn war sehr klein und hatte sehr verdünnte und sehr dichte Windungen, die aussahen, 
als wären sie auf die verhärtete Rindensubstanz beschränkt. Uehrigens waren diese Windungen 
weder verwischt noch ohne Falten, und die Furchen hatten ihro gewöhnliche Tiefe. Der Schwie- 
lenkörper war auf eine dünne durchsichtige Lamelle reducirt, das Gewölbe und die Ammons- 
hörner waren ebenfalls atrophisch, die sehr kleine Brücke war nicht grösser als die übrigens 
normalen Vierhügel. Die vorderen Pyramiden wenig entwickelt, die Vorderhirnschenkel 
sehr klein ; die Oliven, das kleine Gehirn, die Seh- und Streifenhügel hatten ihr natürliches Vo- 
lumen. 

„Die Seitenventrikel waren mit einer sehr dichten Memhrau ausgekleidet, welche an der 
Hornlamelle anzufangen schien, die man an der Trennungslinie zwischen Seh- und Strcifenhügel 
sieht, den Streifenhügel und die Innenfläche des Balkens überzog nnd eins der Blätter der 
durchsichtigen Scheidewand bildete. 



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i 93 



L eber die Mikrocephalen oder Affen -Menschen. 

„Demnach waren die Hirnwindungen der Hemisphären, der Balken, die vorderen Pyramiden, 
die Brücke und die Grosshirnschenkel in demselben Maasse vermindert, was deutlich beweist, 
dass zwischen diesen Theilen eine gewisse Solidarität herrscht Die Vierhügel, die Oliven, die 
Kleinhirnschenkcl, das kleine Gehirn, die Seh- und Streifenhügel hatten an der Atrophie der 
anderen Theile keinen Antbeil genommen, so dass man auch diese Organe als im Zusammen- 
hänge unter sich auffassen kann.“ 

„Dieser Fall unterscheidet sich wesentlich von dem vorigen, indem zugleich Atrophie und 
Hirnwassersueht existirt; er unterscheidet sich ferner dadurch, dass diese Atrophie nicht ein 
Entwicklungsfehler, sondern im Gegentheil eine krankhafte, mit Verhärtung verbundene 
Atrophie ist, und die in der Höhlung der Spinnwebehaut und dem darunter befindlichen Zell- 
gewebe angesammelte Flüssigkeit nur den Zweck hatte, den leer gewordenen Raum auszufüllen.“ 

Cruveilhier berichtet noch von einem vierten Fall, der ein 13 Tage nach der Geburt ge- 
storbenes Mädchen betraf, das beständig betäubt war, und wo an der kleinen Fontanelle ein 
Hirnbruch existirte. Dieser Fall gehört kaum hierher. Er fährt dann fort: 

„Die Mikrocephalie kann also folgende Varietäten umfassen, welche man kaum von vorn- 
herein feststellen kann. 1) Mikrocephalie durch äusserste Kleinheit des sonst wohl gebildeten 
Gehirns. 2) Mikrocephalie mit Bildungsfehlern des Gehirns, aber ohne Gegenwart von Flüssig- 
keit 3) Mikrocephalie mit Gegenwart von Flüssigkeit und mehr oder minder bedeutender Zer- 
störung des Gehirns. 4) Mikrocephalie mit vollständiger Abwesenheit des Gehirns.“ 

„Was die Theorie dieses Bildungsfchlers betrifft, so betrachte ich die Mikrocephalie mit 
Wassersucht als das Resultat einer Fötalkrankheit; die braunen Färbungen, die Verhärtungen, 
die man in vielen Fällen findet bezeugen dies in unzwcideutigerWeise, es wäre möglich, dass die 
Gegenwart der Flüssigkeit nur secundär wäre und einzig den Zweck hätte, den in dem Schädel 
durch die Zerstörung des Gehirns erzeugten leeren Raum anzufüllen. Kann man die frühzeitige 
Verknöcherung des Schädels als die Ursache der dnreh Verkleinerung des Gehirns erzeugten 
Mikrocephalie betrachten? Diese Ansicht steht im Widerspruch mit allem was wir über die Ent- 
wicklung des Schädels kennen, alles weist im Gegenthoile darauf hiu, dasB derSchädelnur deshalb 
sich verkleinert und seine einzelnen Knochen nur deshalb sich nähern, weil das Gehirn verklei- 
nert ist. Kanu ein äusserer auf den Schädel ausgeübter Druck die Mikrocephalie erzeugen? 
Dies ist nicht unmöglich, aber ich kenne keine beweisende Thatsache.“ 

In seiner Notiz über die frühzeitige Verknöcherung des Schädels bei den Mikrocephalen 
erzählt Baillargcr, dass er hei St. Leonhard im Wallis eine Frau gesehen habe, die unter 
fünf Kindern drei Mikrocephalen geboren habe, deren Schädel bei der Geburt ganz hart und 
ohne Fontanellen gewesen seien. Joly habe ihm von einem ähnlichen Fall erzählt. Später fand 
die Section eines in der Abtbeilnng von Giraldcs gestorbenen Mikrocephalen Statt, dessen 
Schädel Baillarger untersuchen konnte. 

„Der Schädol, sagt dieser, ist der eines Kindes von vier Jahren, das vollkommen blödsinnig 
war. Seine Maasse sind sehr klein. Der grosse Umfang misst kaum 350 Millim.“ 

„Dieser Schädel zeigt in Hinsicht auf die Verknöcherung die Merkwürdigkeit, dass die 
Lambdanaht innen schon vollständig verschmolzen und sogar in einem Theile ihrer Länge durch 
eine vorspringende Leiste ersetzt ist. Ein querer sehr dicker Knocheukamm vereinigt noch im 

Archiv ftor Anthropologie. H*r *l I|. Heft *. 25 



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194 



Ueber die Mikrocephalen oder Affen -Menschen. 

hinteren Viertel die beiden Knochen zu einem einzigen, die Naht ist von aussen nocli sichtbar, 
ausgenommen in dem Punkte, wo der erwähnte Kamm sich findet.“ 

„Oie Kronnaht ist in ihrem äusseren und unteren Theiie verwachsen und ihre Spur auf der 
inneren Seite gänzlich verwischt, sie ist gar nicht mehr sichtbar. Stirn und Scheitelbein bilden 
auf dem Sägenschnitte nur einen einzigen Knochen ; die Stimnaht, welche zuerst verwächst, 
wenngleich gewöhnlich erst später, scheint schon Beit langer Zeit verschmolzen. Man sieht weder 
aussen noch innen eine Spur davon und in ihrem unteren Theiie ist sie durch einen ziemlich 
Torspringenden Elfenbeinkamm ersetzt.“ 

„Einzig die Lambdanaht ist wohl erhalten, aber sie ist wie die Kronnaht beinahe linienformig, 
ohne Spur von Zwischenknochen und würde sich wahrscheinlich ebenfalls bald geschlossen haben.“ 

Baillarger erwähnt noch eines ähnlichen von Vrolik beobachteten Kalles an einem sieben- 
jährigen Blödsinnigen, sowie der beiden Fälle von Cruveilhier und fahrt dann fort: „Ich glaube 
darauf aufmerksam machen zu müssen, dass die frühzeitige Verknöcherung namentlich bei der 
angeborenen von anderen Anomalien begleiteten Mikrocephalie sich vorfinden muss, wo die 
Entwicklung der Geistesthätigkeiten gänzlich zurückbleibt, wie dies in den Fällen aus dem 
Wallis und von Giraldes Statt hatte.“ 

„Man begreift, dass die frühzeitige Verknöcherung bei denjenigen Mikrocephalen, deren 
übrigens sehr kleiner Schädel wohlgebildet ist und die eine gewisse Entwicklung der Intelligenz 
zeigen, nicht in gleichem Grade statthahen dürfte.“ 

„Zu dieser letzteren Klasse gehört das Mädchen , welches ich neulich der Akademie 
vorstellte.“ 

Man ersieht aus dem Vorhergehenden, dass Virchow in seinen Behauptungen am weite- 
sten geht; — ihm zufolge muss die Mikrocephalie nothwendig mit vorwiegenden Synostosen der 
Schädelwölbung verbunden sein. Man kann indessen behaupten, dass Virchow, als er dieses 
aufstellte, wohl viele Schädel von Cretinen, aber nur lebende Mikrocephalen gesehen hatte. 
Baillarger ist schon weniger absolut. Er glaubt, dass die einfache Mikrocephalie ohue früh- 
zeitige Verknöcherung statthaben könne. Cruveilhier endlich weist die Synostose als Ur- 
sache der Mikrocephalie zurück und betrachtet die Verschmelzung der Knochen nur als eine 
Folge der Verminderung des Gehirns. 

Ich stelle meine Beobachtungen in der nachfolgenden Tabelle zusammen. Oie Verschmel- 
zung der Nähte ist durch ein G (geschlossen) in der betreffenden Columne angezeigt. Ich füge 
das Kopfmaass hinzu, da dieses Verhältniss zwischen Länge und Breite ebenfalls zu berück- 
sichtigen ist. 



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Ueber die Mikrocephalen oder Affen- Menschen. 



195 



Nahte. 



Mikrocephalen, nach der 
Schädelkapacitut geordnet. 


! Alter. 


Kronen* 

L 


| Pfeil* 


! 

Lambda- 


Schläfen- 


Grund- 

naht. 


] Kopf^ 
maa*8. 


Racke 


20 













G 


87 


Maehre • . . . 


44 


— 


0 


— 


— 


G 


74,7 


Friedrich Sohn .... 


18 




G 


— 


— 


G 


82 


Michel Sohn ...... 


20 


— 


G 


— 


G link« 


G 


7<V3 


Schütteln dreyer . . . . 


31 


— 


G 


— 


— 


G 


85,4 


Jena 


26 


— 


— 


— 


0 


0 


77,2 


Maehler 


83 


— 


— 


— 


— 


G 


81 


Johann Georg Moegle 


5 


— 


— 


— 


— 


— 


84,9 


Johanne« „ 


16 


— 


— 


— 


— 


— 


84 


Jakob „ 


10 


— 


— 


— 


- 


- 


93,9 



Es geht aas dieser Tabelle hervor, dass bei den Kindern Moegle überhaupt und namentlich 
auch bei Jakob, dessen Mikrocephalie doch, wie dies schon aus der Ordnung der Tabelle her- 
vorgeht, die ausgesprochenste unter allen ist, keine Spur frühzeitiger Verknöcherung stattfindet 
Bei den Erwachsenen sind Krön- und Lambdanaht stets mehr oder minder offen, die Schläfen- 
näbte sind nur bei einem einzigen, Jena, beiderseits, bei einem anderen, Michel Sohn, 
links geschlossen, die Tfeilnaht ist bei vieren verwachsen und nur bei dreien, Racke, Jena 
und Maehler, geöffnet, die indessen, was die Schädelcapacität anbetrifft, die beiden Enden 
der Reihe einnebmen. Ganz gewiss beweist dies, dass die Mikrocephalie durchaus nicht mit 
Nothwendigkeit Verknöcherungen der Schädelwölbung nach sich zieht, aber es genügt, um zu 
zeigen, dass in der Mehrzahl der Fälle der Schluss der Schädelwölbung in der Mittellinie her- 
vorgebracht wird. Es beweist aber auch, dass dieser Schluss zwar eine häufige Folge, nicht 
aber eine Ursache der Mikrocephalie ist; wäre Letzteres der Fall, so könnte es keine Mikro- 
cephalen mit offener Tfeilnaht geben. 

Oie Grundnaht zwischen Keilbein und Hinterhauptsbein ist bei allen Kindern offen, bei 
allen Erwachsenen ohne Ausnahme geschlossen; sie verhält sich also ganz wie bei dem norma- 
len Menschen, wo sie stets nach Vollendung des definitiven Gebisses geschlossen ist. 

Wir können uns fragen, ob die Mikrocephalen mit geschlossener Tfeilnaht dem von Vir- 
chow formulirten Gesetze folgen, nach welchem der Schädel in einer auf der verschmolzenen 
Naht senkrecht stehenden Richtung, mithin der Breite nach verengt sein müsste; haben die 
Mikrocephalen mit verschmolzener Tfeilnaht wirklich die verhältnissmässig längsten Köpfe, ist 
die Entwicklung des Schädels der Breite nach zurückgeblieben? 

Das Gesetz bestätigt sich nicht ganz bei unseren Mikrocephalen. Maehrc und Michel 
Sohn sind zwar die beiden langköpfigsten, aber Jena, bei welchem die Tfeilnaht offen und 
und beweglich ist, steht ihnen kaum nach. Nun sind aber bei Jena die der Tfeilnaht parallelen 
Schläfennähte beiderseits geschlossen, was die nämliche Wirkung hervorbringen könnte, aber 
bei Friedrich Sohn, dessen Tfeilnaht wie bei seinem Bruder Michel geschlossen ist, haben 

26» 



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1<>6 



Ueber die Mikroeephalen oder Affen -Menschen. 

wir eine verhältnissmässig grössere Breite und bedeutendere Entwicklung der Schädelkapsel', 
endlich hat Schüttelndreyer, der sieb in demselben Falle wie die beiden Sohn befindet, eine 
sehr bedeutende verhältnissmässige Breite, aber liier könnte man einwerfen, dass die Schädel- 
kapsel in der Schläfengegend, welche der Pfeilnaht entspricht, sehr verengt ist und dass das 
so bedeutende Schädelmaass einer ausserordentlichen Entwicklung der Gegend um die Zitzen- 
fortsätze zugeschrieben werden muss. Abgesehen von diesen Fällen ist es vollkommen richtig, 
dass die beiden Schädel, bei welchen alle Nähte offen sind, verhältnismässig die grösste Breite 
haben. 

Die Neigung zur Verschmelzung der Pfeilnaht, welche durch die Thatsache hergestellt 
wird, dass sie bei vier von sieben erwachsenen Mikroeephalen stattfindet, scheint mir wesent- 
lich eine Folge der affenähnlichen Bildung und Entwicklung der Schädelkapsel zu sein. Wir 
wissen in der That, dass die Pfeilnaht sich bei den Affen zuerst scbliesst, ohne Zweifel, weil 
ihrer ganzen Länge nach später der Scheitelkamm gebildet wird. .Man kann in der That viele 
Drang- und Chimpanseschädel von mittlerem Alter finden, wo die Pfeilnaht schon verwischt 
ist, während die Krön- und L&mbdauaht ihrer ganzen Länge nach offen sind. 

Cruveilhier und Baillarger berichten auch von einer aussergewöhnlichen Festigkeit und 
Dicke der Knochen. Ich habe nichts derart bei den Moegle bemerken können und bei den 
erwachsenen Mikroeephalen finde ich nicht mehr Verschiedenheiten, als auch sonst bei norma- 
len Schädeln. Die Dicke namentlich ist meistens nicht bedeutender, als bei einem gewöhn- 
lichen Schädel, sie fallt nur auf, weil die Schädelkapsel weit kleiner ist. Auch in dieser Hin- 
sicht gleichen die Mikroeephalen den menschenähnlichen Affen, deren Schädelknochen absolut 
nicht dicker sind als beim Menschen, aber verhältnissmässig zu der kleinen Schädelhöhle, die 
sie besitzen, sehr dick erscheinen. 

Daubenton hat schon vor langer Zeit auf die wechselnde Stellung des grossen 
Hinterhauptsloches an der Schädelbasis aufmerksam gemacht und seit dieser Zeit haben 
alle Anatomen anerkannt, dass diese Stellung im Allgemeinen in der Weise der Menschen- 
äbnlichkeit entspricht, dass das Hinterhauptsloch der Mitte der Schädelbasis um so näher rückt, 
je mehr der Schädel in seiner allgemeinen Gestalt, wie in der Ausbildung der Kiefer, sich 
demjenigen der weissen Rage nähert, während im Gegentheilo bei den Thieren das Hinter- 
hauptsloch stets mehr dem hinteren Rande sich nähert und selbst auf die hintere Fläche des 
Schädels rückt. Auch bei dieser Frage müssen verschiedene Verhältnisse in Betracht gezogen 
werden. 

Man schätzt die Lage des Hinterhauptsloches einfach ab bei Betrachtung der Unterfläcbe 
des Schädels, welche man auch zum Unterschiede von der eigentlichen Schädelbasis die gemein- 
same Basis nennen könnte, indem sie die untere Seite des Gesichtes und die hintere Ilällte 
der Schädelkapsel in sich begreift, und man schätzt bei dieser Betrachtung die Entfernung 
einerseits nach dem Zahnrandc des Oberkiefers und andererseits nach dem vorspringendsten 
Theile des Hinterhaupts. Um dieser Schätzung eine genaue Grundlage zu geben, habe ich 
bei meineD Mikroeephalen und einigen anderen Vergleichsschädeln von dem vorderen Zahn- 
rande zwischen den Schneidezähnen bis zum vorspringendsten Punkte des Hinterhauptes eine 
Linie gemessen, welche ich die Zahnlänge nenne. Dieses Maass ist hei der weissen Rage 
im Allgemeinen der in gewöhnlicher Weise gemessenen Länge des Schädels gleich und bei 



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197 



lieber <lie Mikrocephalen oder Affen - Menschen. 

einem wahrscheinlich türkischen Schädel, dessen Maass ich in der folgenden Tabelle gebe, 
übertrifft die Schädellänge die Zahnlänge sogar um einen Millimeter; ein Beweis, dass 
dieser Schädel vielmehr nach dem Ausdrucke Welcher’ s opisthoguatli ist Bei einem sehr 
langköpfigen Cirkassier (Adige aus dem Stamm der Natuchin bei Ghilindschick am schwar- 
zen Meere), den ich der Freundschaft des Prinzen Johann von Georgien verdanke, übertrifft 
im Gegentheile die Zahnlänge die Schädellänge um 9 Millim.; dieser Schädel ist aber auch 
deutlich prognath. Es ist klar, und die Tabelle beweist es übrigens, dass der Unterschied 
zwischen diesen Maassen um so grösser werden muss, als die Kiefer und die Prognathie sich 
mehr entwickeln und dass demnach dieser Unterschied, wie wir übrigens in den allgemeinen 
Betrachtungen über die Prognathie näher nachweisen werden, auch als Maass für diese benutzt 
werden kann. 



Tabelle der auf die Stellung des Hinterhaiiptloches bezüglichen Maasse. 



Schädel nach Columne 6 geordnet. 


1 

Zahn- 

länge 


2 

Zahn- 

linie 


3 

Schädel- 

länge 


4 

Basis- 

länge 


5 


6 


7 


Yerhältnisemiiarigc Lunge der 

Zahnlinie (2) Basis- 

länge (4) 

die Zahn- 

länge (1) ' die Schüdellähge (8) 
s= 100 1 = 100 


Cretin von Zürich 


142 


76 


134 


81 


52,8 


56,0 


60,4 




174 


92 


175 


98 


52,9 


52,6 


56,0 


Freiburg 


147 


80 


140 


86 


54,4 


57,1 


61,4 


Cirkaasier 


199 


110 


190 


112 


55,3 


55,0 


58,9 


Neger 


193 


110 


178 


102 


57,0 


61,8 


57,2 


Junger Chimpanse . . 


140 


80 


105 


70 


57,1 


76,2 


66,6 


Michel Sohn 


ieo 


97 


131 


92 


60,6 


74,0 


70,2 


Jena 


150 


93 


127 


87 


62,0 


78,2 


68J> 


Johann Moegle 


122 


76 


113 


76 


«2,3 


67,2 


67,2 


Jakob Moegle 


117 


73 


99 


73 


«2,4 


73,7 


73,7 




168 


105 


150 


98 


62,5 


70,0 


65,3 


Racke 


154 


95 


140 


93 


63,0 


67,8 


«36,4 


Friedrich Sohn 


146 


94 


122 


93 


«3,5 


77,0 


76^ 


Maehler 


140 


90 


125 


84 


64,3 


72,0 


67,2 


Scbüttelndreyer 


169 


108 


137 


100 


«7,9 


80,8 


73,0 


Erwachsener Orang 


238 


178 


137 


100 


74,6 


130,0 


73,0 


Mittel der erwachsenen Mikroccph. . 


154 


97,4 


132 


92 


63,4 


73,4 


69,5 


Mittel der Kinder 


119 


74,3 


106 


74,5 


62,35 


70,7 


70,7 



Die Vergleichung der Zahnlänge des ganzen Schädels mit der vom Vorderrande des 
Oberkiefers zum Vorderrande des Hinterbauptloches gemessenen Zahnlinie muss genau die 
Stellung des Hinterhauptloches anzeigen. Ich habo demnach in der fünften Columnc der vor- 
stehenden Tabelle das Verhältniss dieser Linien in der Weise berechnet dass ich die Zahnlängo 



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198 



Ueber die Mikrocephalen oder Affen -Menschen. 

des Schädels als Einheit nahm, und ich habe in der Tabelle selbst die Schädel nach der sich 
in dieser Weise ergebenden Reihe geordnet. 

Es geht aus dieser Vergleichung hervor, dass in keinem Schädel, auch dem orthognatliesten 
nicht, das Hinterhauptsloch in der Mitte der gemeinsamen Schädelbasis liegt; dass sein Vorder- 
rand sich stets etwas hinter dem Mittelpunkte befindet und dass demnach die vordere Hälfte 
der gemeinsamen Basis stets länger ist als die hintere, aber diese Verlängerung der Vorder- 
hälfte nimmt in dem Maasse zu, als wir in der Reihe der Mikrocephalen vorschreiten. Alle, 
ohne Ausnahme, alt wie jung stehen sogar hinsichtlich der Lage des Hinterhauptloches hin- 
ter dem jungen Chimpanse zurück; ein bedeutender Unterschied trennt sie von dem niedrig- 
sten Menschentypus, dem Neger, doch ist dieser weniger bedeutend, als der Zwischenraum 
zwischen dem letzten Mikrocephalen und dem erwachsenen Orang. Diese so weit nach hin- 
ten gerückte Stellung des Hinterhauptloches muss demnach bei dem ersten Blick auf die Un- 
terfläche eines Schädels der Mikrocephalen ganz ausserordentlich auffalleu. 

Foville, Virchow und Andere haben mit Recht darauf aufmerksam gemacht, dass das 
Zurückweichen des grossen Hinterhauptloches theilweise nur scheinbar ist, indem es von dem 
Wachsthum des Kieferapparates abhängt. Wir wissen in der That, dass dieser Apparat noch 
bedeutend nach allen Richtungen hin zunimmt bei Menschen und Thieren, wenn die Schädel- 
kapsel schon längst dem Endziele ihres Wachsthums nahe ist. Das grosse Hinterhauptloch 
kann biso der Schädelkapsel gegenüber genau dieselbe Stelle behalten und dennoch durch die 
Entwicklung des Kieferapparates scheinbar bedeutend zurückgewicben sein. 

Um diese Verhältnisse genauer auffassen zu können, habe ich die Columne 6 und 7 der vor- 
stehenden Tabelle berechnet 

ln beiden ist die absolute Länge des Schädels als Einheit gesetzt und in der Columne 6 
mit der Zahnlinie, in der Columne 7 mit der Basislänge, die vom Vorderrande des Hinterhaupt- 
loches zur Stirnnasennaht gemessen wurde, verglichen. 

Columne 6 zeigt demnach das Längenwachsthum des Kieferapparates im Verhältnis zur 
Schädelkapsel; sie zeigt uns einen bedeutenden Unterschied fast von 10 Proc. zwischen der 
Entwicklung des Kiefers beim Türken und beim Neger, sie zeigt uus, dass die Mikrocephalen 
Bich in eine vom Alter unabhängige, mithin primitiv gegebeue Reihe stellen, welche sogar in 
ihrem Endtermine den jungen Chimpanse übertrifft. Sie zeigt uns endlich , wie sehr die Mi- 
krocephalen hinter der ungeheuren Kieferentwicklung des Drangs Zurückbleiben, wodurch das 
scheinbare Znrückweichcu bei dem Thiere viel grösser wird als bei dem Mikrocephalen, ob- 
gleich dieser Letztere sich wieder sehr von den begünstigten Ra^eu entfernt 

Endlich zeigt die letzte Columne die Stellung des Hinterhauptes an der Schädelkapsel 
selbst Hier ist das durch das Wachsthum des Kieferapparates bedingte scheinbare Zurück- 
weichen beseitigt Man vergleicht nnr solche Theile, welche der Schädelkapsel selbst ange- 
hören und erhält demzufolge die wahre Stellung des Hinterhauptloches gegenüber der Scbädel- 
kapsel. Nach den von Welcher gegebenen Maassen konnte ich eine Mittelzahl von dreissig 
erwachsenen deutschen Mänuerschädeln berechnen, die 55,5 beträgt; man sieht, dass diese 
Mittelzahl kaum nur um ein halbes Procent von der Zahl abweicht welche der Türkenschädel 
ergiebt den ich als Repräsentant der geradzahnigen Kurzköpfe weisser Rage angenommen habe, 
und dass ich demnach wohl berechtigt war, ihn bei anderen Messungen als Typus zu nehmen. 



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L'eber die Mikrocephalen oder Affen -Menschen. 199 

Diese Tabelle beweist uns nun, dass das grosse Hinterhauptloch keine bestimmte Stellung 
der Schädelbasis gegenüber einnimmt, dass es bei den Geradzähnern mehr gegen die Mitte vor- 
rückt, bei den Schiefzähnem zurückweicht und noch mehr bei Mikrocephalen und Affen. Das 
Verhältnis« des jungen Chimpanse zu dem erwachsenen Orang scheint zu beweisen, dass es 
während des Wachs thuma seine Stelle ändert, denn der junge Affe steht beinahe oben, der alte 
Orang beinahe unten in der Reihe, indessen bedürfte es noch mehrerer Thatsachen, um dieses 
Verhältniss genauer festzustellen. Jedenfalls kann man nicht das gleiche Verhältniss für die 
Mikrocephalen behaupten; hier scheint die Stelle des grossen Hinterhauptloches der Schädel- 
kapsel gegenüber festgestellt und nicht mit dem Alter zu ändern, denn das Mittel der Kinder 
übertrifft sogar um ein weniges dasjenige des Erwachsenen, während es in allen übrigen 
Maassen in Folge der geringeren Entwicklung der Kiefer zurückbleibt 

Im Allgemeinen scheint die relative Stellung des Hinterbauptloches vom Hirnvolumen ab- 
zuhängen, doch entspricht die Serie, welche unsere Tabelle enthält, nicht ganz derjenigen, 
welche aus der inneren Capacität des Schädels bervorgeht. Die Stelle von Friedrich Sohn, 
der das am weitesten nach hinten gestellte Hinterhauptsloch und dennoch ein sehr bedeutendes 
Himvolumen hat, und diejenige der Maehler, welche gerade die entgegengesetzten Verhältnisse 
zeigt, stimmen nicht mit einem Gesetze überein, welches die Stellung des grossen Hinterhaupt- 
loches einzig vom Hirnvolumen abhängig machen möchte. Andere, sogar individuelle Ursachen 
müssen hier mit einwirken ; jedenfalls aber können wir behaupten, dass bei den Mikrocephalen 
das grosse Hinterhauptsloch ursprünglich der Schädelkapsel gegenüber ebenso weit nach hinten 
zurückliegt, wie bei den menschenähnlichen Affen, dass aber diese Lagerung sich später mit 
dem Wachsthum scheinbar bessert, indem der Kiefer vcrhältnissmässig weit weniger wächst als 
bei den menschenähnlichen Affen, ohne dass jedoch das Gleichgewicht wie bei dem normalen 
Menschen hcrgestellt würde. 

Einer der auffallendsten Charakterzüge des Mikrocephalen ist der auffallende Prog- 
nathismus, der nicht nur von der Stellung der Schncidezähnc, sondern sogar noch mehr von 
der Bildung des Oberkiefers abhängt. 

Wir wissen, dass diese Bildung den niederen Meuschenrayen und den Affen eigen, wir 
wissen auch, dass sie sich mehr und mehr mit dem Alter ausspricht, das Alter wird also wohl 
auch seinen Einfluss auf die Entwicklung der Prognathie bei den Mikrocephalen äussern. 

Ein zweites bestimmendes Element ist ohne Zweifel auch die Schädolcapacitit Die drei 
Kinder Mocgle zeigen uns, dass dieses Element sogar demjenigen des Alters voransteht, denn 
Jakob, der die geringste Capacität besitzt, ist äusserst prognath, während sein Vetter Johann, 
obgleich weit älter, dieselbe kaum merken lässt Es ist klar, dass der Prognathismus an und 
für sieb, wenn ich mich so ausdrücken darf, von verschiedenen Bewegungen abhängen kann ; 

1) von dem verhältnissmässig bedeutenderen Auswachsen des Kieferapparates im Verhältniss 
zum Schädel, während der Apparat selbst an dem einmal angewiesenen Platze bleibt und 

2) von einer Vorwärtsbewegung des Kiefers, gewissennassen einem Vorwärtsgleiten längs der 
horizontalen Gaumenfläche. Beide Bewegungen können ohne Zweifel sich mit einander ver- 
binden und sind auch wohl in der Mehrzahl der Fälle verbunden, aber ihre verschiedenartige 
Combination muss in fühlbarer Weise auf die Darstellung und Auffassung der Prognathie 
ein wirken. 



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200 



Leber die Mikrocephalen oder Alten - Menschen. 

Man kann sich in erster Linie fragen, wie der Proguathismus gemessen werden soll. Be- 
kanntlich nimmt man dies Maass bei dem Lebenden durch Abmessung desjenigen Thciles der 
Grundlinie des Gesichtsdreieckes, der von einer senkrechten abgeschnitten wird, welche man 
von der Stirnnasennaht aus auf diese Basis fallt (man sehe die allgemeinen Instructionen von 
Broca, Memoires de la Soc, d’Antlirop. VoL 2. p. 1 48 u. ff.); hier aber handelt cs sich von Schädeln. 

Die unmittelbare Auffassung geschieht in der Profflansicht des Schädels; man misst auf 
diese Weise, ohne sich selbst genaue Rechenschaft zu geben , das Vorstehen des Kiefers über 
eine durch den vorspringendsten Punkt der Stirn gelegte Senkrechte. Grössere Genauigkeit 
verschafft man sich durch die Vergleichung übereinander gelegter Pausen geometrischer Pro- 
jectionen. Legt man dieselben in der Weise übereinander, dass die Stimnasennaht an ihrem 
Kreuzungspunkte mit der Profillinie sich deckt und die Jochbogen parallel liegen, so erhält 
man eine sehr genaue Auffassung der Prognathie. Ich bin also ganz mit Lucae einverstanden, 
wenn er sagt (Zur Morphologie der Ra^cnschädel, S. 41 J : „Die Bestimmung, ob ein Schädel 
pro- oder orthognath zu nennen sei, richtet sich doch wohl nach einer senkrechten Linie, die 
vor dem Profil des Schädels herabläuft. Was wir von Anfang an unbewusst gethan und erst 
durch unsere gelehrten Spekulationen verfälscht haben, versuchen wir es doch noch einmal 
und messen wir wirklich den Schädel nach dieser senkrechten Linie. Vielleicht kommen der 
Wahrheit nähere und der Wirklichkeit mehr entsprechende Messungen zum Vorschein.“ 

„Auf die Horizontallinie fällt man nun einen Perpendikel. Da aber ein mehr proguathes 
oder orthognathes Profil darnach bestimmt wird, ob die Stirn zum Gesicht oder umgekehrt 
das Gesicht zur Stirn weiter vor- oder zurücktritt, also eine Drehung um einen Punkt zwischen 
Stirn und Gesicht vorkommt, so wird die Wurzel der Nase als der Punkt zu bezeichnen sein, 
durch welchen jener Perpendikel zu legen ist“ 

Lucae schlägt vor, diese senkrechte Linie als Ordinate zu benutzen, auf welche er aufs 
Neue Abscissen aufträgt, um die Krümmungen des Stirn- und Gesichtsprofils zu bestimmen. 
Für uns und lür die einfache Messung der Prognathie genügt auch ein einfaches Maass: die 

Distanz von dem Zahnrande bis zu dem Punkte, wo die Senkrechte eine der Jochbogen-Ebene 
parallele durch den Zahnrand gelegte Ebene oder Linie schneidet. Nichts ist leichter, als 
diese Construction an einem geometrischen Profil herzustellen und so durch ein genaues MaasB 
die absolute Grosse des Prognathismus zu bestimmen. 

Dies habe ich gethan und ich gebe im Nachfolgenden eine Tabelle über diese Maasse. 
Ich habe keine Maasse von Normalschädeln beigefügt, aus dem einfachen Grunde, weil bei 
allen Schädeln, die ich unter der Hand habe und die meist schweizerischen Ursprungs sind, die 
Senkrechte entweder genau auf den Zahnrand, oder höchstens fünfMillim. hinter denselben fällt. 

Ich habe in der Tabelle ein zweites Maass hinzugefügt, die Distanz vom Zahnrande zu 
einer zweiten senkrechten Linie, welche von dem Punkte aus gefällt ist, wo die Jochnaht den 
äusseren Augenhöhlenrand schneidet; dieses Maass. obgleich an und für sich wichtig, kömmt 
dennoch dem vorhergehenden nicht gleich; in der Stimnasennaht haben wir einen Fixpuukt, 
bei welchem einzig und allein die Schädelbasis interessirt ist und auf dessen Lage aussor dieser 
nur die Entwicklung der Stirnhöhlen Einfluss haben könnte, der übrigens um desswilleu gering ist, 
weil im Allgemeinen die Nasenwurzel um so tiefer eingesenkt ist, je mehr diese entwickelt sind. 

Anders verhält es sich mit der Senkrechten, wolche durch die Joohbeinnaht gelegt ist; 



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Ueber die Mikroeephalen oder Affen -Menschen. 201 

hier ist die Grösse der Augenhöhle von überwiegendem Einflüsse und dieser Einfluss springt 
sofort in die Augen, sobald man die beiden Reihen vergleicht, welche durch die erwähnten 
Maasse hergestellt werden. Doch ist gerade unter den erwachsenen Kleinköpfen die Ueber- 
einstimmung wenigstens so weit getrieben, dass sie nur dann mit einander den Platz wechseln, 
wenn sie in den Reihen selbst neben einander stehen. So scheint Racke weniger prognath 
als Maehre, wenn man das Maass der Jochnaht als bestimmend annimmt, während bei dem 
Maasse durch die Stirnnaht das Gegentheil der Fall ist, und zwischen Jena und Schütteln- 
dreyer findet ein ähnliches Wechselverhältuiss statt. 

Diese beiden absoluten Maasse stimmen auch nicht mit der durch die Scbädelcapacität 
gegebenen Reihenfolge. Ich habe die Tabelle, wie die meisten übrigen, nach dieser geordnet 
und man kann sich leicht überzeugen, dass Racke, welcher den Anderen so weit überlegen 
ist, doch in Beziehung auf die Prognathie sehr tief steht ; auch dann noch, wenn man nur die 
Erwachsenen in Betracht zieht. Es ist freilich wahr, dass die Maehler immer den letzten 
Platz einnimmt, welches Maass man auch anwenden möge und vieUeicht findet man in diesem 
Umstande einen Beweis mehr für den Satz, welchen Welcker trotz vielen Widerspruches und 
unleugbarer Gefahr für die persönliche Anerkennung von Seiten des andern Geschlechtes mit 
ungebeugter Energie aufrecht erhält, nämlich, dass der weibliche Schädel im Allgemeinen prog- 
natlier ist, als der männliche ; freilich macht eine einzige Schwalbe noch keinen Sommer. 

Erste Maasstabelle für die Prognathie. 





1 

1 ; 


2 


3 


4 


5 ! 

i 


6 


7 




Senkrechte i 


Senkrechte 




Froportiouelles Mau» 




Scbädelcapacität geordnete Reihe. 


der Stirn- 
nasenttuht 


der 

JocbuiihL 


von 1 


von 2 | 


von 1 | 


j von 2 | 


der :>chä- 
1 dellänge, 




in Millim. 


| in Millim. 


die Gau* 


die Gau- 


die Basis- 


die Basis- 


[die Zahn* 




, menlänge 


menlänge j 


länge 1 


länge 


I lauge 








= 100 ‘ 


= 100 | 


= 100 ' 


= ICH) 


= 100 


Freiburg 


5 


29 


12,6 


74,4 


5,8 


33,7 


95,2 


Cretin ton Zürich 


12 


28 


31,6 


73,7 


14,8 


34,6 


94,4 


Racke 


19 


35 


86,5 


07,3 


20.4 


37,6 


90,9 


Maehre « 


18 


»7 


33,3 


68,5 


18,4 


37,8 


— 


Johann Georg Moegle .... 


12 


32 


30,8 


82,0 


— 


— 


— 


Friedrich Sohn 


11 


31 


19, (i 


55,4 


10,7 


83,3 


83,5 


Johann Moegle 


10 


26 


26,3 


68,9 


15,8 


42,1 


92,6 


Schüttelndreyer 


21 


-41 . 


35,0 


68,3 


21,0 


41,0 


86,3 


Michel Sohn 


19 


37 


33,4 


64,9 


20,6 


40,2 


81,9 


Jena . . 


22 


33 


41,5 


71,7 


25,8 


43,7 


84,7 


Maehler 


26 


47 


50,0 


90,4 


30,9 


55,9 


89£ 


Jakob Moegle 


lß 


33 


42.1 


86,3 


i 21,9 


45,2 


84,6 



Arehlr fOr Autlmjpolojrie. Band II. Htfl 2. 



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202 



Utber die Mikrocephalen oder Affen - Menschen. 

Ich habe den absoluten Maassen die Berechnung einiger proportioneilen Werthe beige fügt ; 
die beiden ersten beziehen sich auf den Gaumen selbst, sie geben in Procenten denjenigen 
l'heil der Gaumenläuge an, welchen die Senkrechten absckneideu. Ich halte diese Betrachtung 
für ziemlich wichtig. Der Gaumen entwickelt sich, wie wir wissen, namentlich wahrend des 
Jünglingsalters sehr bedeutend und das Maximum seines Wachsthumes fallt gerade in eine 
Zeit, wo dasjenige der Schädelkapsel fast beendet; denn die Schädelkapsel wächst vorzugsweise 
von der Geburt bis gegen das siebente Jahr hin, der Gaumen dagegen überwiegend vom siebenten 
bis zwanzigsten Jahre während des Zahnwechsels. Deshalb sieht man auch in unserer allgc- 
meineu Maasstabelle hinsichtlich der Daumenlange eine ausgezeichnete Thatsache eintreten; 
die drei Kinder haben nämlich fast die gleiche Gaumengrösse (die Länge wechselt zwischen 
38 und 39 Millim., die Breite zwischen 28 und 31 Millim.) und diese Maasse sind durch eiue 
bedeutende Lücke von denjenigen getrennt, welche sich auf den Gaumen der Erwachsenen 
beziehen, wo die Extreme der Länge zwischen 52 und 60 Millim., die der Breite zwischen 
28 und 43 Millim. wechseln. Ist es nun nicht merkwürdig, dass trotz der geringen Abweichung 
der Längenextreme bei den Erwachsenen wir dennoch so bedeutende Abweichungen in den 
erwähnten Verhältnisszahlen finden? Bei Friedrich Sohn boträgt die Gaumenlänge 56 Millim., 
bei Margarethe Maehler nur 52 Millim.; bei Friedrich Sohn schneidet die Senkrechte der 
Nasennaht 19,6 Proc. und die Senkrechte der Jochnaht wenig mehr als die Hälfte, 55,4 l'roc, 
der gesummten Gaumenlänge ab, während bei der Mächler, die doch einen absolut kürzeren 
Gaumen hat, dieser so weit vorgeschoben ist, dass gerade die Hälfte der Gaumenlänge von der 
Senkrechten der N'asennaht und 90,4 Proc. von der Senkrechten der Jochnaht abgeschnitten 
werden. 

Beurtheilt man die Prognathie nach diesen vergleichenden Verhältnisszahlen, so erhält 
man folgende aufsteigende Reihe der Erwachsenen: Friedrich Sohn, Maehre, Michel 
Sohn, Schüttelndreyer, Racke, Jena, Maehler. 

Die Stellung von Racke ist besonders auffallend; der höchste durch seine Schädelcapa- 
cität ist er gleichwohl einer der prognathesten durch die Vorschiebung seines Gaumens und 
liefert auch hierdurch den Beweis, dass die Prognathie nicht allein von der Schädelcapacität 
abhängig ist 

Ich habe zwei andere Colonnen beigefügt (5 und 6), welche die Vorschiebung des Gaumens 
im Verhältnis zur Schädelbasis darstellen sollen. 

Ich muss hier etwas näher eintreten. 

Virchow war in seinen oben citirten Arbeiten zu dem Resultat gelangt, dass die Progna- 
thie mit dem Grade der Knickung und der Verkürzung der Schädelbasis Hand in Iland 
gehe. 

Welcker erklärtim Gegentheile (Untersuchungen über Wachsthum und Bau des mensch- 
lichen Schädels, S. 47), dass die Prognathie mit der Verlängerung und Streckung der Basis, die 
Orthognathie mit der Verkürzung und Knickung der Basis Hand in Hand gehe. 

Also zwei schnurstracks entgegengesetzte Behauptungen. 

Lucae vermittelt beide in gewissem Sinne, indem er behauptet, die Länge der Basis habe 
nichts mit der Prognathie zu thun. 



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Ueber die Mikrocephalen oder Affen -Menschen. 203 

Untersuchen wir die verschiedenen Elemente, welche bei dieser Frage in Betracht kommen, 
eines nach dem anderen. 

Steht die Basislänge des Schädels in vorwiegender Beziehung zur Prognathie? 

Wäre dies der Fall, so müsste eine nach diesem Maasse aufgestellte absolute Reihe, ab- 
steigend oder aufsteigend mit der oben gegebenen Beihe der Prognatliie zusammenstimmen. 

Unsere Messungen geben in Millimetern für die Basislänge: Maebre = 100; Schütteln- 
dreyer = 98; Racke und Friedrich Sohn = 93; Michel Sohn = 92; Jena = 87; Maeh- 
ler = 84. 

Diese Reihe stimmt mit der vorigen durchaus nicht überein, doch ist sie im Allgemeinen 
günstiger für Virchow als für Welcher, denn in der That haben die beiden proguathesten 
Schädel nuch die kürzesten Basen; dasselbe Verhältniss findet bei den Kindern statt, wo man 
freilich nur zwei Basislängen messen konnte, da die dritte defect ist. Jakob, der progna- 
theste, hat ebenfalls die kürzeste Schädelbasis. 

Ich dachte mir, dass das Verhältniss zwischen der Basislänge und den beiden Maassen 
der Prognathie von Wichtigkeit sein könne; die Länge der Basis muss in der That mit der 
Grösse des Schädels wachsen und bei Vergleichung ihres Maasses von Kindern und Erwach- 
senen sehen wir auf der Stelle, dass die Basis weit mehr als die Schädelwölbung an dem jugend- 
lichen Wachsthume des Gesichtes tbeilnimmt. Ich habe demnach zwei Colonnen, fünf und 
sechs, für diese Verhaltnisszahlen berechnet, indem ich die Länge der Basis = 100 nahm. Die 
Reihe der Erwachsenen ist für die Nasennaht- Distanz: Friedrich Sohn, Maebre, Racke, 
Michel Sohn, Schüttelndreyer, Jena, Maehler, und ändert für das zweite Maass nur 
insofern, als Racke und Maehre mit einander den Platz tauschen. 

Endlich bleibt uns noch eine allgemeine Maassbestimmung der Prognathie zu versuchen, 
die in dem Verhältniss zwischen der Zahnlänge und der Schädelläuge gefunden werden kann. 
Die Zahnlänge wird, wie ich schon erwähnte, von dem vorderen Zahnrande zwischen den 
Rehneidezähnen bis zum vorspringendsten Punkte des Hinterhauptes gemessen; sie drückt die 
Länge der gemeinsamen Schädelbasis aus, an welcher Schädelkapsel und Gesicht glcichmässig 
theilncbmcn und die wir sehen , wenn wir den Schädel von unten betrachten. Ich erwähnte 
schon, dass bei unseren geradzähnigen Ragen dieses Maass mit der auf gewöhnliche Weise ge- 
messenen Schädellänge übereinstimmt, wälireud es bei den schiefzähnigen Ragen grösser wird; 
ausser den in der siebenten Colonne aufgeführten Schädeln, habe ich das Verhältniss dieser 
beiden Maasse noch hei einigen anderen berechnet, bei dem Türkcnschädel ühertriflt die 
Schädellänge noch die Zahnlängc, die Verhältnisse sind wie 100,5 zu 100. Bei allen übrigen 
ist das Gegentheil der Fall und die Verhältnisse sind, wenn die Zahnlängc als Einheit genom- 
men wird: Cirkassier = 95,5; Neger = 92,2; junger Chimpanse = 75,0; erwachsener Orang 
= 57,5. 

Aus der Tabelle ist ersichtlich, dass die Reihe für die erwachsenen Mikrocephalen fol- 
gende ist: Racke, Maehler, Schüttelndreyer, Jena, Friedrich Sohn, Michel Sohn. 
Es geht schon daraus hervor, dass hier ausser der Höhe des Kiefers und der dadurch beding- 
ten Neigung der Ebenen, noch ein drittes Element hinzukommt, dass mit der Prognathie gar 
nichts zu thun hat. 

Man sieht, dass in allen Reihen, mit Ansnabme der letzten, wo das Hinterhaupt mit in das 

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204 Ueber die Mikrocephalen oder Affen ■ M enschen. 

Spiel kommt, die äussersten Posten stet* denselben Platz behaupten, Friedrich Sohn an dem 
einen, Jena und Maehler an dem anderen Ende der Reihe, dass aber die der anderen Mittel- 
posten beständig mit einander wechseln, je nachdem die Augenhöhlen, die Schädelbasis, oder 
der Gaumen verhältnissmässig grösser sind. 

Aber alle diese Reihen zeigen auch, dass eines der oben erwähnten F.lemente der Progna- 
thie, nämlich die Vorwärtsschiebung des Gaumens, einigermaassen von den Verhältnissen 
zwischen der Länge der einzelnen Theile unabhängig ist und dasB diese Vorwärtsschiebung ihre 
eigenen Gesetze hat, die genauer untersucht zu werden verdienen. 

Virchow und nach ihm Welcker haben für die Bestimmung der Prognathie mehrere 
Winkel zu benutzen gesucht, deren Endpunkte tbeils au der Schädelbasis, theils am Kiefer- 
gaumenapparate zu snchen sind. 

Zwei Linien, welche in der Mitte des llinterrandes der mittleren Sattellchne Zusammen- 
treffen und wovon die eine von der Stirnnasennaht, die andere von dem Vorderrande des 
Hinterhauptloches ausgeht, bilden an dem. Punkte ihres Zusammentreffens den Sattelwiukel. 
Kr bestimmt den Grad der Knickung der Schädelbasis. Broca hat bekanntlich in der neuesten 
Zeit eine äusserst sinnreiche Methode ausgesonnen , durch deren Hülfe man ihn auch am un- 
verletzten Kopfe mit Genauigkeit bestimmen kann. 

Die Achse der Schädelbasis vom Vorderrande des Hinterhauptloches zur Stirnnasenuaht 
und eine von dieser Naht aus zur Wurzel des Nasendornes gezogene Linie giebt für Welcker 
den Winkel der Nasenwurzel. Ich habe statt dessen als Ausgangspunkt der Linie stets 
den Zahnrand des Oberkiefers selbst genommen und mein Nasenwinkel hat also zu bestim- 
menden Punkten den Zahnrand des Oberkiefers, die Stirnnnsennaht und den Vorderrand des 
Hinterhauptsloches. 

Welcker betrachtet seinen Nasenwurzclwinkel als Ausdruck der Prognathie. „Gewährt 
dieser Winkel, fragt er. einen zureichenden Ausdruck des Maasses der vorhandenen Orthogna- 
thie und Prognathie? Von Lucae wurde in jüngster Zeit die hier erhobene Frage mit Ent- 
schiedenheit verneint, and ich gestehe, dass auch bei mir mehrfache Bedenken gegen die Brauch- 
barkeit des Nasenwinkels rege wurden, indem ich wiederholt die Beobachtung machte, dass die 
unbefangene Betrachtung des ganzen Schädels in vielen Fällen merklich andere Grade der Prog- 
nathie erkennen lässt, als dem Maasse des Nasenwiukels entspricht Eine in jeder Beziehuug 
tadellose Bestimmungsweise dürfte hier überhaupt kaum aufzutinden sein. Fragen wir indessen, 
auf welchen Constructionsverhältnissen die Prognathie und Orthognathie eigentlich beruht so finde 
ich keine andere Antwort als die, sie beruhe auf der Richtung, in welcher das Oberkiefergerüste 
— einfacher die Längsaxe des Oberkiefers — gegen die Längsaxe der Gehirnkapsel einge- 
pfianzt ist. Benutzt man diese Linien, so wird mau, wie ich glaube, den reinsten Ausdruck der 
Kieferstcllung erhalten, lieber die Gestalt der Stirn freilich sagen diese Linien nichts aus. 
Flache Stirn ist, wie ich in dieser Beziehung bemerken muss, eine Begleiterin der Prognathie 
und ich glaube durch den Nachweis, dass diese Kieferstellung meist mit relativer Kleinheit der 
Gehirukapscl zusammentrifft ein ursächliches Moment für jene Stirnfiachheit beizuhringen ; aber 
die Prognathie liegt nicht in der Stirn“. 

Ich habe diese beiden Winkel bei allen meinen Mikrocephalen gemesseu und gebe im Fol- 



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l'eber die .Mikrocephalen oder Affen - Menschen. 205 

genden die Maasse; aber ich muss gesteheu, dass ich weit entfernt bin, ihnen eine so grosse 
Wichtigkeit beizumesBen, als Welcher dies thut, und zwar aus folgendem Gruude. 

Wenn man an dem Schädel eines erwachsenen normalen Menschen sich eine Linie ein- 
visirt, die vom vorderen Zahnrande zum Ende des Gaumens geht, indem man den Schädel so 
hält, dass der Zabnrand dem Auge zugewendet ist, so sieht man noch den Vorderrand des 
Hinterhauptsloches sehr deutlich; mit anderen Worten, die üaumenebeue macht gegen die 
Zahnlinie einen einspringenden Winkel. Dasselbe Resultat erhält man auch bei Messungäu; 
die direct von dem Vorderrande des Hinterhauptsloches zum Zahnrande gemessene Zahnlinie 
ist um einige Millimeter kürzer, als die Summe der beiden vom Zahnrande zum hinteren 
Gaumenstachel und von da zum Hinterhauptsloche gemessenen Distanzen. 

Bei den Mikrocephalen sind beide Maasse gleich. Racke, Michel Sohn und Jena zeigen 
einzig Unterschiede, die beiden Letzteren indessen nur von 1 Millim-, während Racke in dieser 
Beziehung Menschen-ähnlich ist; bei den übrigen finden sich der Zahnrand, der hintere Gaumen- 
stachel und der Vorderrand des Hinterhauptsloches in derselben Ebene. Die Gaumenebenc 
ist demnach bei den Mikrocephalen weit weniger der Schädelbasis zugeneigt, wie bei den nor- 
malen Menschen. 

Es ist evident, dass diese verschiedene Neigung ausserordentlichen Einfluss auf die Grösse 
des Nasenwinkels haben muss; gleichen Einfluss übt aber auch die Höhe des Oberkiefers, welche 
durch den vorderen Schenkel des Nasenwinkels bestimmt wird. Diese Höbe variirt zwar bei 
meinen erwachsenen Mikrocephalen nur in sehr engen Grenzen, aber doch bedeutend genug, um 
ihren Einfluss auszuüben, wenn Länge und Neigung des Gaumens dieselben sind. Man stelle 
sich vor, dass ein Gaumen von gleicher Länge um einen Centimeter weiter von der Stirnnasen- 
naht abstehe als ein anderer von gleicher Länge, und der Nasenwinkel wird bedeutend kleiner 
erscheinen, wenn auch die übrigen Verhältnisse und das Maass des Vorspringens über die er- 
wähnten Senkrechten sich nicht geändert hat. 

Suchen wir auch hier wieder die verschiedenen Elemente, welche in Frage kommen, von 
einander zu trennen und einzeln zu betrachten. 



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206 Ueber die Mikrocephalen oder Affen -Menschen. 



Zweite, die Prognathie betreffende Mcssungstabelle. 





1 


2 


3 


4 


! 

5 


6 


Ileihenfolge nach 


Gesiebte- 


Gaumen- 


Distanz 
vom Hinter- 


Zahn- 


Verhältnis« von 


der 

Schädelcapncität 


hübe 


länge 


huupteloche 
zum Gaumen 


linie 


Colonne 3 


Colonne 1. 












Die Z&hnlinie = 100 


Freiburg 


49 


39 


41 


80 


61,2 


61,2 


Cretin von Zürich ♦ . . 


41 


38 


37 


75 


49.3 


53,3 


Kacke 


66 


52 


43 


95 


46,2 


68,4 


Maehre . . . 


69 


54 


51 


103 


49,5 


57,3 


Friedrich Sohn. . . . . 


61 


66 


38 


94 


40,4 


64,9 


Johann Moegle 


51 


39 


»7 


76 


48,7 


67,1 


Schütlelndreyer .... 


«i 


60 


48 


106 


44,4 


66,5 


Michel Sohn ...... 


63 


57 


41 


97 


42,1 


64,9 


Jena 


s& 


53 


41 


93 


44,0 


59,1 


Maehler ......... 


59 


52 


38 


90 


42,2 


66.6 


Jakob M oegle 


44 


38 


85 


73 


47,9 


G0.3 



Man kann leicht beachten, dass keine der durch die Colonnen dieser Tabelle gegebenen 
Reihen mit der durch die wirkliche Prognathie gegebenen Reihen Zusammentritt, dass für die 
Hübe des Gesichtes, für die Länge des Gaumens und der Zahnlinie das Alter maassgebend ist, 
dass aber weder die Zahnlinie, noch die Distanz vom Hinterhauptaloche zum Gaumeustacliel, 
noch die Verhältnisse dieser Linien unter sieb einen vorwiegenden Einfluss auf die Prognathie 
haben; wenn nun die Linien, durch welche die Winkel bestimmt werden, selbst keinen über- 
wiegenden Einfluss haben, wie können dann die Winkel einen solchen besitzeu? 

Welcker’s Winkel an der Nasenwurzel und mein Nasenwinkel fallen fast genau zusammen, 
und wenn ich dem Insertionspunkte des Nasenstachels den Zahnrand substituirt habe, so 
geschah es wahrlich nicht auB Neuerungssucht, sondern um zwei Uehelständen auszuweichen. 
Es ist in der That oft sehr schwer, diese Insertionsstelle genau zu bestimmen, besonders 
bei sehr schiefzähnigen Bildungen, oder gar wenn, wie bei Afl'on, gar kein Nasenstachel vor- 
handen ist, und ferner ist die lnsertionsstelle häutig, wenn die Wurzel des Eckzahnes nur einiger- 
maassen angeschwollen ist, in der Profilprojection gar nicht sichtbar. 

Der Nasenwinkel zeigt noch einen auderen Uebelstand; sein oberer Schenkel wird von der 
Schädelbasis gebildet, also einem Elemente, welches an der Schädelkapsel mit Antheil nimmt 
und bei den Mikrocephalen wenigstens theilweise anderen Wachsthumsgesetzcn gehorcht als 
das Gesicht. 

Ich habe deshalb einige andere geometrische Constructionen versucht, deren Fixpunkte ich 
in dem Gesichte selbst aufgesucht habe. 

Ausser dem sogenannten Gesichtsdreiecke Welcker’s, welches durch dio Stirunaseo- 
naht, den Einsatz des Nasenstachels und deu Rand des llinterhauptslocheg bestimmt wird, habe 
ich die Seiten und Winkel zweier anderer Dreiecke aufgesucht, die ich das Gau me ndreieck 



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207 



Ueber die Mikrooephalen oder Affen -Menschen. 

und das Vomerdreieck nenne. Der obere Winkel von beiden liegt in der Nasennaht, der un- 
tere vordere am Zahnrande. Nur der dritte Punkt ist verschieden. Beim Gaumendreieck ist 
es der hintere Gaumenstachel, beim Vomerdreieck dagegen der meistens nach hinten etwas 
ausgeschnittene Rand mittelst dessen die Nasenscheidewand auf der Schädelbasis aufsitzt. 

Das Gaumendreieck betrachtet gewissermaassen den knöchernen Gaumen wie ein Schaukel- 
brett, welches durch zwei an der Stirnnasennaht zusammenlnufende Faden aufgehängt ist; das 
Vomerdreieck giebt wohl einigen Aufschluss über die Neigung und das Vorwärtsgleiten des 
Gaumens. 

Das Gaumendreieck hat gewisse Vortheile. Welcker mag wohl Recht haben, wenn er be- 
hauptet, dass der Jochbogen als bestimmendes Moment der normalen Horizontalebene des 
Schädels deshalb nicht ohne Nachtheil sei, weil sich die Richtung dieser Ebene nicht vollkom- 
men genau bestimmen lasse ; möge man nun den oberen Rand des Jochbogens, wie die Anthro- 
pologenversammlung in Göttingen und die meisten deutschen Forscher, oder die ideale Axe 
dieses Gebildes nehmen, wie Lucac will. Die Unsicherheit ist freilich von höchst geringer 
Bedeutung, wenn es sieb um die allgemeine Stellung des Schädels und die verschiedenen An- 
sichten desselben handelt Sie kann aber sehr bedeutend werden, wenn es sich um so delicate 
Messungen, wie diejenigen der Prognathie, und um die Bestimmung der auf die Horizontale zu 
fällenden Senkrechte handelt. Das Gaumendreieck gestattet dagegen keine Unsicherheit; eine 
von seinem Gipfelpunkt auf die durch die Gaumenlinio gebildete Basis gefällte Senkrechte, 
welche wir die Gaumenverticale nennen können, wird in dem dadurch abgeschnittenen vorderen 
Theile der Gaumenlänge ein ziemlich unabhängiges Maass der Prognathie geben. 



Dritte, die Prognathie betreffende Messungstabelle. 



Keihenfolge nach 
der 

Schädelcapacität 


1 

Sattel- 

winkel 


2 j 3 | 4 

Naeen winkel de« 


5 

durch die 
(»aumen- 
verticale 
abge- 
schnitiene 
Länge 


6 1 7 
Proportioneller Werth v. 5 


8 

Differenz 
von 5 und 
Colonne 1 
der ersten 
Tabelle 


Geaicht*- 


Gaumen- 


Voraer- 


die Gaumen- 
länge • 


die Zahn- 
linie 


dreiecks 


= 


100 


Kacke . . . . 


127» 


72» 


47« 


74» 


28 


53,8 


29,5 


+ » 


Maehre ... - 


136« 


77« 


60» 


73® 


28 


61,8 


27,2 


+ 10 


Friedrich Sohn 


131» 


70» 


52» 


70® 


23 


41« 


24,4 


+ 12 


Scbüttelndreyer 


145« 


81» 


69« 


63» 


24 


40° 


22^2 


+ a 


Michel Sohn . . 


126« 


76° 


66» 


76» 


32 


56,1 


33,0 


+ 13 


•1 ena 


142« 


80« 


66» 


75® 


23 


43,4 


27,7 


4- 1 


Mächler .... 


116« 


79» 


53® 


76® 


26 


50,0 


29,0 


+ 0 



Man erinnert sich der Meinungsverschiedenheit hinsichtlich des Sattelwinkels. Nach Yir- 
chow wird er spitzer, nach Welcker stumpfer bei zunehmender Prognathie, Lucac schreibt 
ihm gar keine Rolle zu. 

Unsere Tabelle giebt hinsichtlich der erwachsenen Mikrocephalen Lucac Recht, denn die 
Maehler, die prognatheste von allen, hat den spitzesten Sattelwinkcl und Jena, der ihr zu- 



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208 



l eber die Mikrocephalen oder Affen- Menschen. 

nächst steht, beinahe den stumpfsten. Ich muss ausserdem bemerken , dass die beiden Kinder, 
deren Sattclwinkel ich messen konnte, mich nothwendig in Virchow’s Laser getrieben haben 
würden, so bedeutend ist der Unterschied zwischen dem prognathcn .lakob. der einen Sattel- 
wiukcl von 118°, und Johann, der einen von 131® besitzt. 

Der Nasenwinkel, in welchem Dreieck mau ihn auch nehmen mag, steht ebenfalls nicht in 
bestimmbarem Verhältnis , weder zur Schädelcapacität noch zur Prognathie; unter allen hat 
Schüttelndreyer stets den offensten Winkel, die übrigen sechs aber haben in verschiedenen 
Colonnen keinen bestimmten Platz und keine der durch diese Colonnen gebildeten Reihen 
stimmt mit derjenigen überein, welche die senkrechte Nasenlinie uns giebt 

Wir müssen noch auf die grossen Verschiedenheiten aufmerksam macheu, welche die Co- 
lonnen 5, 6 und 7 der dritten Tabelle mit den entsprechenden Colonnen 1, 3 und 3 der ersten 
Tabelle zeigeu. Während die Colonnen 6 und 7 der dritten Tabelle sich ganz genau ent- 
sprechen, mit Ausnahme eines einzigen Postenwechsels zwischen Maehre und Maehler. finden 
wir durchaus keine Uebereinstimmung, weder in den relativen noch in den absoluten Werthen, 
der durch die verschiedenen Senkrechten abgeschnittenen Stücke. Diese Tbatsache beweist 
mehr als alles übrige eine grosse Verschiedenheit in der relativen Lage der horizontalen 
Ebenen, welche durch den Gaumen oder durch den Jochbogen gelegt werden. Bei der Maehler 
sind diese beiden Ebenen durchaus parallel, bei allen übrigen sind sie mehr oder minder gegen- 
einander geneigt, so dass sie in grosserer oder geringerer Entfernung hinter dem Schädel sich 
schneiden würden. Die Reihe, welche durch das Maass dieser Neigung hergcstellt wird, ent- 
spricht nicht genau genug, um sagen zu können, dass der durch die beiden Ebenen gebildete 
Winkel um so grösser wäre, je geradzahniger der Schädel ist. Indessen ist denuoch die Reihe, 
welche durch die in der ersten Columne gegebenen Differenzen hergestellt wird, nicht sehr 
von derjenigen verschieden, welche das Normalmaass der Prognathie ergiebt. 

Es bleibt uns übrig, noch einige Punkte zu erwähnen, auf welche man sich ebenfalls ge- 
stützt hat, Und die wir in aller Kürze angeben können, indem die allgemeinen Mcssuugstafeln 
die Beweise enthalten. 

Die Prognathie stobt nicht in directem Verhiiltniss , weder zur absoluten Schädellänge, 
noch zum Kopfmaass (Index cephalicus), weder zu dem verticalen oder horizontalen Umfang, 
noch znr Schädelcapacität; sie hängt auch uicht ab vom Verbältniss zwischen der Schädelbasis 
einerseits und den verschiedenen ganzen Umfängen, oder dem Stirnumfang andererseits; sie 
wird nicht bestimmt, weder durch Kurz- noch Langköpfigkcit, auch uicht durch das Verbältniss 
der Höhe zur Länge des Schädels, oder der Basislänge zur Daumenlange; alle diese Elemente, 
die man hin und wieder angerufen hat, haben gewiss nur einen geringen Einfluss auf die Er- 
zeugung der Schiefzähnigkeit und zum Schlüsse müssen wir sagen, dass die künstlerische Be- 
trachtung das einzig wahre Maass der Prognathie bildet, die nackte Tbatsache des Vorspringeus 
des Kiefers, gemessen durch den Abschnitt, welchen eine von der Stirnnaht auf die Horizontal- 
ebene gesenkte Senkrechte bildet und dass alle andern Matisse nur mehr oder minder an- 
nähernde Werthe ergeben, weil inmitten der zahlreickeu Ursachen, welche auf die Bildung des 
Kiefers und seine Stellung gegenüber dem Schädel einwirken, sic stets sich nur auf einige dieser 
Ursachen beziehen und nicht alle in gleicher Weise beschlagen können. 



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Zweites Capitel. 

Schädelausgüsse und Gehirne. 



Vorläufige Notiz. 

Zum Verständnis;, des Folgenden setze ich hier die Bedeutung der gebruuchten Ausdrücke 
und Buchstaben her. 

Hirnlappeu. 

Stirnlappen. Die untere auf dem Augeudache aufliegendc Fläche ist häufig mit Gra- 
tiolet Augcnlappen (lohule orbitaire) genannt. 

Scheitel- oder Seitenlappen. 

D. Ilinterlappen. 

Schlafelappen oder unterer Lappen. 

C. Kleinhirn. 

Hirnstamm — begreift das verlängerte Mark, die Brücke und die vorderen Ganglien. 
Spalten. 

S Sylvische Spalte getrennt in 
6” Vorderer oder anfsteigender Ast 
S" Hinterer Ast 

Rolando'sche oder Centralspalte- 
Parallelspalte des Schläfelappens. 

Hintere, ijuere oder Occipitalspalte. 

Windungen. 
o> Oberes \ 

a‘‘ Mittleres l ®* oc * cwer * des Stirnlappens, 
o 1 Unteres j Auch Augenwindung genannt 

A Vordere 1 Centralwindung, mit ihrem unteren Ende den Deckel des Central -Stamm- 

Jl Hintere 1 Lappens oder der Insel bildend. 

h' Hinterer, horizontaler Zwickel der hinteren Centralwindung. 

Archiv für Anthro|>olotti«. Hund U. Heft 2. 27 



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210 



Ueber die Mikrocephalen oder Affen -Menschen. 

4* Mittleres Stockwerk des Scheitellappens — obere Uebergangswindungen. 
b 3 Krumme Windung (Pli conrbe von Gratiolet) mit seinem vorderen zwischen Sylvische 
Spalte und hintere Centralwiudung eingeschobenen Zwickel und seinen hinteren in die 
unteren Uebergangswindungen sich fortsetzendeu Wurzeln. 
e 1 Oberes | 

c» Mittleres !■ Stockwerk der Schläfenwindungen, 
c* Unteres 1 

Siebschnabel — Mittlere, schnabelförmig vorgezogeno Verlängerung des Stirnlappens. 
Meistens habe ich nur die Stockwerke des Stirnlappens, die beiden Centralwindungen und 
den Hinterlappen bezeichnet. Die anderen Theile finden sich leicht, wenn diese Fixpunkte 
gegeben sind. 



Innere Schädelausgüsse. 

Da ich kein einziges Mikrocephalengehirn zu meiner Disposition hatte, so musste ich mich 
darauf beschränken, die inneren Schädclausgüsse zu untersuchen und mit einander zu verglei- 
chen. F.s ist freilich wahr, dass diese Ausgüsse nur die äussere Oberfläche des noch von seinen 
Hüllen umgebenen Gehirns darstellen, dass demnach die eigentliche Anatomie des Gehirns und 
selbst die Einzelheiten seiner äusseren Bildung mir nothwendig durch diesen beschränkten Cha- 
rakter meiner Materialien entgehen mussten, allein dieser Uebeletand ist doch bei den Mikro- 
cephalen nicht so bedeutend als bei normalen Gehirnen, weil eben jene sich durch die wenig 
verschlungenen groben Windungszüge auszeichnen. 

Ich habe neun innere Schädelausgüsse von Mikrocephalen zu meiner Verfügung gehabt, die 
von allen oben angeführten, mit Ausnahme des fünfjährigen Johann Georg Moegle, dessen 
Schädel wegen Verlust des Grundbeins nicht geüfihet werden durfte. Ich habe diese Ausgüsse 
mit denjenigen eines jungen Chimpanse's. den ich bositze, eines Cretins aus der Züricher 
Sammlung und mehrerer Itacenschädel vergleichen können. 

No. 1. Gottfried Maehre. 

Tab. IV. 

R. Wagner sagt von diesem Schädelausgusse (1. c S. 55.): „Der Ausguss, den ich fertigen 
liess, liess unter allen Ausgüssen den Verlauf der Hirnwindungen am besten erkennen“ und S.58.: 
„Am günstigsten für alle Windungszüge ist hier der Iialle’sche Abguss, an dem sich auch wirk- 
lich die Hauptwindungsziigc am Stirnlappcn, Schläfelappen uud den Scheitelhöckerzügeu des 
Parietallappens unterscheiden lassen. Hier war der Klappdeckel gebildet; man unterscheidet 
hintere und vordere Verlängerung der Sylvischen Spalte.“ Wagner giebt ausserdem folgende 
Maasse dieses Ausgusses: 

Grosshirn Kleinhirn 

Länge Breite Höhe Querdurchmesser 

121 9« 77 85 



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211 



Ueber die Mikrocephalen oder Affen - Menschen. 

Die Schädelcapacität mit Schrotmaass bestimmt, ergab mir 555 Cc. Bei der Bestimmung 
durch Wasserverdrängung, was stets 12 bis 15 Cc. mehr giebt, erhielt ich 5G8 Cc, Es ist nach 
Racke das grösste mir zugekommene Gehirn; jedenfalls ist es das längste und vcrhältniss- 
mässig auch das schmälste, was mit dem schmalen Schädel des Individuums zusammentrifft 
Stellt man dieses Gehirn in seine normale, der Horizontalebene entsprechende Lage, so über- 
ragt der Hinterrand des Hinterhauptlappens das kleine Gehirn — freilich nur sehr unbedeutend. 

Seiner Form im Ganzen nach betrachtet würde man die Hemisphären dioses Gehirnes ohne 
Weiteres für die Miniaturnachbildung eines Neger- oder Australier-Gehirnes halten können; die 
allgemeine Wölbung ist fast dieselbe, nur im Profil betrachtet das Ansteigen des Stirnlappens 
etwas flacher und der Hinterlappen weniger hervortretend; auch der ethmoidale Wulst etwas 
bedeutender. Im Uebrigen hat Wagner vollkommen Recht, die meisten Windungszüge sind 
mit grosser Deutlichkeit ausgeprägt und durch tiefe Furchen von einander getrennt. Von oben 
betrachtet hat es eine lang gestreckte, nach vorn zugespitzte Eigestalt, auf der untern Seite 
treten die tiefen Gruben, welche den Schläfelappen nach vorn und hinten abschneiden, sehr 
deutlich hervor. 

Die Gabeltheilung der Sylvischen Spalte beginnt unmittelbar an dem Rande der Hemi- 
sphäre; der durch den vordem Ast abgetrennte Stirnlappen ist sehr klein, die drei Windungs- 
züge einfach, aber deutlich getrennt, die Augenwindung seitlich hervortretend und durch eine 
tiefe Grube hinten von dem Schläfenlappen abgesetzt; auf der untern Fläche des Stirnlappens 
sicht man eine tief einschneidende Kniefurche mit geringen Falten und seitlichen Eindrücken 
von geringerer Bedeutung, der Ethmoidalwulst ist breit, stark, aber keineswegs als Schnabel 
entwickelt. 

Die Centralwülste, welche sich zwischen die beiden Aeste der Sylvischen Spalte eindrängen, 
waren, wie es scheint, ziemlich complicirt und dnreh eine Querfurcbe in halber Höhe fast ge- 
trennt, ihre vereinigte Spitze senkt sich bis zum Rande herab. Der zipfclartige Windungszug, 
welchen die hintere Centralwindung längs der Mittellinie aussendet, ist deutlich sichtbar, ebenso 
der freilich kleine Zipfel, welchen die krumme Windung zwischen den hintern Ast derSylvischen 
Spalte und die hintere Centralwindung einschiebt 

An dem Schläfelappen ist die Parallelspalte sehr deutlich entwickelt und reicht fast bis 
zu seinem untern Rande, weniger deutlich zeigt sich die Ausbildung des untern Stockwerkes. 
Die krumme Windung lässt sich deutlich verfolgen, sie bildet eine nach oben offene Schlinge, 
steigt dann steil in der Richtung des Parallclspaltcs in die Höhe, umgieht dessen oberes Ende 
und geht in die Uebergangswindungen über, welche deutlich sichtbar sind, wenigstens die drei 
oberen. Der Hinterliauptslappen ist sehr klein, aber deutlich sowohl nach vorn durch die Hinter- 
hauptsspalte, wie nach hinten durch eine tiefe Einsenkung von dem Kleinhirne getrennt 

Dieses letztere, sowie die vom Hirastammo sichtbaren Thcile scheinen durchaus wohlgebildet 
und normalen Verhältnissen entsprechend. 

Im Ganzen macht dieses Gehirn durchaus nicht den Eindruck, als ob besondere Anomalien 
an ihm entwickelt gewesen seien, mit Ausnahme des Missverhältnisses zwischen Kleinhirn und 
Hirnstamm einerseits nnd Grosshirn andererseits. Die Hüllen mögen sehr dünn gewesen sein; 
der Artericnverlanf zeigt nichts Besonderes. 



27 * 



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212 



Leber die Mikrocephalen oder Affen -Menschen. 



No. 3. Friedrich Sohn. 

Tab. X. 

Wenn ich dieses Gehirn vor demjenigen seines altern Bruders in Betrachtung ziehe, so 
geschieht dies deshalb, weil es demjenigen von Maehre auf den ersten Blick so ähnlich sieht, 
dass man beide mit einander verwechseln könnte. Doch zeigen sich bei genauerer Betrachtung 
auch abgesehen von der Grösse einige Unterschiede, welche sich namentlich auf die noch gerin- 
gere Entwicklung der Stirnwindungen und die weit bedeutendere Ausbildung der Hinter- 
hauptslappen beziehen; im Uebrigen sind auch die Windungen selbst, wenn gleich noch ziem- 
lich deutlich an einzelnen Stellen, doch im Ganzen weit weniger scharf ausgeprägt als hei 
Maehre. 

Es gehört dies Gehirn schon zu denjenigen, welche nicht ganz die Grenze erreichen, die 
den menschenähnlichen Affen gesetzt scheint. Die Schädelcapacität beträgt in der That nur 
460 Cc., während der grösste bis jetzt gemessene Affe 40 Cc. mehr hat In seine normale Lage 
gebracht, überragt der stärker entwickelte Hinterlappen dos Kleinhirn um ein Weniges. Be- 
trachtet mau den Ausguss von der Seite, so erscheint seine Krümmung wohl im Profil derjenigen 
von Maehre entsprechend, sieht man ihn von oben oder unten her, so erscheint die vordere 
Zuspitzung der Eigestalt noch schärfer ausgesprochen, während zugleich die Seiteutbeile der 
Schläfelappen weiter hervortroten und die mittlere Gegend breiter erscheinen lassen. 

Der Stirnlappen erscheint etwa wie bei Maehre, das obere Stockwerk ausserordentlich 
wenig entwickelt, die Furchen, welche cs von dem zweiten und dieses von dem dritten trennen, 
sind sehr tief, zugleich flach und laufen der Profillinie parallel, die Augenwindung bildet eben- 
falls wie bei Maehre eine Art seitlichen Höckers au ihrem hintern Ende, das durch eine tiefe 
Grube, in welche sich das untere Ende der Centralwülste einsenkt, von dem Scbläfelappen ge- 
schieden ist Auf der Unterseite zeigt sich die Kuiefurche mit den seitlichen Eindrücken weit 
weniger ausgcbildet. Der Ethmoidalschnabel ist schmäler und steht stärker nach unten vor. 

Die Sylvische Grube ist mit ihren beiden Aesten deutlich sichtbar und die Gabeltheilung 
beginnt schon an dem Bande der Hemisphäre; die Centralwülste lassen sich wohl erkennen, in 
dem hintern scheinen mehrere Querfurchen entwickelt. Sein oberer horizontaler Zipfel zeigt 
eine ziemliche Breite. 

Weniger doutlich und zusammenhängend erscheint die Parallelspalte auf dem Schläfelappen, 
auch die krumme Windung lässt sich nur in ihrem vordem über die Sylvische Grabe hinüber 
geschobenen Zipfel, vielleicht auch noch in ihrem mittlern Theile erkennen, während die Ueber- 
gangswindungen durch Verdickungen der Umhüllungshäute, die den Arterien folgen, dem Blicke 
entzogen sind. 

Ausserordentlich deutlich, rund vorspringend mit Mündungen auf seiner Oberfläche zeigt 
sich der überall scharf begrenzte, durch tiefe Einsenkungen vom Scheitellappcn und von dem 
Kleinhirne getrennte Hinterlappen. Dub Kleinhirn und die übrigen Theile zeigen nichts Auf- 
fallendes. 



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213 



l’eber die Mikrocephalen oder Affen- Menschen. 

No. 2. Michel Sohn. 

Tab. VII. 

Von oben und unten betrachtet, hat dieser Ausguss, dessen Mittheilung ich der Zuvorkom- 
menheit von Prof. Reichert verdanke, ziemlich viele Aehnlichkeit mit demjenigen seines Bru- 
ders, doch erscheint er in der Mitte noch breiter und das vordere Ende verhältnissmässig noch 
zugespitzter, während zugleich die seitliche Verschiebung des Schädels sich in auffallender Weise 
Lemerklich macht. In der That sieht auch der Ausguss aus, als hätte mau auf ihn einen Druck 
ausgeübt, welcher vorn die linke, hinten die rechte Seite betroffen hätte. Von der Seite be- 
trachtet bietet der Ausguss die wunderbarste Figur, die man sich denken kann. Er gleicht ge- 
wissermaassen, in der normalen Schädelstellung betrachtet, mit dem verlängerten Marke einem 
kurzstieligen Hammer, der nach der einen Seite hin rundlich zugeschärft ist, so wie ihn die 
Tapezierer benutzen. Johannes Müller sagt darüber Folgendes: 

„Das Gehirn hatte die Form eines vorn verschmälerten und ganz vorn sogar zugespitzten, 
hinten abgestuzten Ovals. Die grösste Hölio des Gehirns befindet sich merkwürdigerweise zwi- 
schen der Basis des Schädels vor dem Hinterhauptsloche und dem mittlere Theile der Sutura 
lambdoidea. und so dacht sich das Gehirn also von der Gegend der Sutura lambdoidea schon 
immer stärker nach vorn bin ab. Dies allein ist schon hinreichend , einen Begriff von der Un- 
geheuern Reduction der Hemisphären zu geben. Die Eintheilung der Hemisphären in einen 
vordem und hintern Lappen durch die Fossa Sylvii war deutlich. Die hinteren Lappen stiessen 
an den obern Theil der gegen die Basis cranii senkrechten Abdachung des Hinterhaupts. So 
bildete also auch die hintere Fläche der hinteren Lappen mit der hintern Fläche des kleinen Ge- 
hirns gegen die Basis des Gehirns einen rechten Winkel. Man sieht dies sehr gut an dem 
Gypsausgusse des Schädels, dessen hintere platte 2 Zoll hohe, 2 Zoll 8 Linien breite Fläche in 
4 Felder zerfällt, wovon die oberen von den hinteren platten Enden der Hemisphären, die unteren 
von der hintorn Fläche des kleinen Gehirnes gebildet werden. Die hinteren Lappen bedeck- 
ten das kleine Gehirn von oben vollständig. Die sehr sparsamen Windungen waren so 
stark ausgebildet, dass sie die tiefsten Impressiones digitatac und Jnga cerebralia an dem Schädel 
hinterlassen haben. Die Gegenwart der mit dem ganzen Gehirn gleichmässig verkleinerten 
Sehhügel, der gestreiften Körper und des Balkens habe ich schon erwähnt Der Hirnanhang 
war von der Grösse wie beim erwachsenen Menschen. Dass das kleine Gehirn nicht unver- 
hältnissmässig reducirt war, darüber gaben die hinteren Schädelgruben Aufschluss. Sein blät- 
teriger Bau wurde bei der ersten Untersuchung deutlich beobachtet“ 

Es bleibt uns nur übrig, noch Einiges über die Winduugszüge nachzutragen. Der Stirn- 
lappen ist äusserst reducirt und seine Stockwerke in der Weise von einander geschieden, dass 
die Furchen, welche sie trennen, mit der Profillinie parallel laufen. Hinsichtlich der hintern 
Grenze des Stirnlappens und namentlich seiues untern Stockwerkes bin ich, wie ich offen ge- 
stehen muss, im Unklaren geblieben. Betrachtet man nämlich das Gehirn von der Seite, so 
scheint es, als ob die Syivische Grube einen gemeinschaftlichen Stiel bis zu einem Punkte hätte, 
wo sich die Arterie in mehrere Zweige theilt, und in diesem Falle erschienen die beiden Cen- 
tralwülste nur sehr kurz, ja der vordere nur auf eineu sehr kleinen obern Theil reducirt. In 
diesem Falle würde alles, was vor der aufsteigenden Arterie liegt, zu dem Stirnlappen gerechnet 
werden müssen. Betrachtet man im Gegentheile das Gehirn von oben, so glaubt man die vor- 



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214 



Ueber die Mikrocephalen oder Affen -Menschen. 

dereCeutralwindung deutlich vor der Arterie entspringen und in gewöhnlicher Weise nach unten 
sich winden zu sehen, während sie die Stirnwindungen gowissermaassen wie Aesto ausschickt. 
Ist diese Ansicht die richtige, so erstreckt sich die vordere Centralwindung, freilich nur durch 
seichte Eindrücke geschieden, vor der Arterie gegen den Rand der Hemisphäre hinab und ver- 
schmilzt in ihrem untern Theile mit dem Augenstockwerke, dessen Trennung von dem Schläfen- 
lappen nicht so tief ist, als bei den vorigen Gehirnen. 

Sehr verschieden von den vorigen zeigt sich die Unterfläche des Stirnlappens, sie ist fast 
glatt, die gewöhnliche Kniefurche kaum angedeutet und ein deutlicher Siebschuabrl gebildet, 
der bei der Ansicht von vorn fast wie der Hakenschnabel eines Raubvogels sich ausnimmt 

Wie man auch die Centralwülste in ihrem vordem Theile ansehen möge, so viel ist sicher, 
dass der hintere mit seinem Zipfel vollständig ausgcbildet und deutlich erkenntlich ist, ebenso 
der über die stark ausgesprochene Parallclspalte fast senkrecht heriibergcstellte krumme Wulst 
mit seinem vordem Zwickel, sowie die oberen Uebergangswindungen. Hinsichtlich der unteren 
möchte ich keine bestimmte Meinung äussern, da die eigentümliche Bildung des stark vor- 
gezogenen, durch eine tiefe Querspalte von der Hemisphäre abgetrennten und nach unten mit 
dem Kleinhirne fast verschmolzenen Hinterlappens das Verständniss derselben erschwert. 



No. 4. Conrad Sehüttelndreyer. 

Tab. XIII. 

Wohl einer der sonderbarsten Ausgüsse, den man sehen kann, und in seinem Typus gänzlich 
verschieden von allen übrigen , wenn auch wieder auf der andern Seite dennoch in den all- 
gemeinen Grundlinien ihres Baues ihnen entsprechend, Flach zusammengedrückt von oben nach 
unten, ist das Profil ausserordentlich niedrig und namentlich die Hemisphären so gesenkt und 
vorgeschoben, dass das gewaltig entwickelte kleine Gehirn weit den Hinterrand der Hemisphä- 
ren überragt Betrachtet mau den Ausguss von oben, so erscheint er fast wie ein längliches 
in der hintern Schläfengegend etwas nach aussen ausgebogenes Viereck, welchem vorn eine 
dreieckige Spitze, aus dem merkwürdig reducirten Stimlappcn bestehend, aufgesetzt ist 

Der Schädel von Schüttelndroyer hat genau dieselbe Capacität wie derjenige von Michel 
Sohn, nämlich 370 Cc, und dennoch welcher Unterschied in der Form! Bei dem einen gewisscr- 
maassen Verschiebung der abgeplatteten Hemisphären nach vorn, bei dem andern nach hinten. 

Der Stimlappen zeigt sich bei Sehüttelndreyer als ein durch eine tiefe Einsenkung, iu die 
man gut einen Finger legen kann, von oben nach unten eingedrückter Anhang der Hemisphäre, 
der nach vorn schnabelförmig zuläuft Stockwerke lassen sich hier nicht wohl mehr unterschei- 
den nnd wie bei Michel muss es ganz zweifelhaft erscheinen, ob der nach hinten vorspringende 
Wulst, welcher an die Sylvische Grube anstösst, der vordem Centralwindung oder dem untern 
Stockwerke des Stirnlappens angehürt Aber auch in letzterm Falle erscheint derselbe durch 
eine tiofe Einsenkung von dem Schläfelappen getrennt und die Sylvische Grube selbst von dem 
Rande der Hemisphäre an gegabelt 

Eine tiefo und weite Grube, kaum minder tief als diejenige, welche in den Stirnlappen sich 
einsenkt, trennt die beiden Centralwülste von eiuander. Der hintere Ast der Sylvischen Grube 



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lieber die Mikrocephalen oder Allen - Menschen. 215 

setzt sich deutlich bis nach oben hin fort und scheint last mit der tiefen und breiten hintern 
Querspalte zu verschmelzen. Der obere Zipfel des hintern Centralwulstes, der sich horizontal 
nach hinten ausbreitet, erscheint gross und bedeutend, weniger deutlich abgetrennt ist die 
krumme Windung, zumal da der Parallelspalt auf der Aussenfläche des Schläfelappens kaum iu 
Spuren sich entdecken lässt, noch etwas mehr wohl auf der rechten als auf der linken Seite. 
Der Hintcrhauptslappen ist sehr klein, doch durch deutliche Uebergangswindungen mit den 
vorderen Theilen verbunden. Das kleine Gehirn normal entwickelt, doch scheint der Wurm 
grösser als gewöhnlich. 

Auf der ünterflüche dieses Ausgusses überrascht vor Allem der Stirnlappen ; hier ist keine 
Spur von eigentlichen Windungen mehr, sondern eine glatte Fläche, auf welcher zu beiden 
Seiten neben dem Siebschnabel einige horizontale Auskehlungen sich bemerken lassen. Nicht 
minder seltsam sind die Schläfeulappen ausgebildet; es finden sich an ihnen F.indrücke an der 
untern Spitze, KnochenleiBten des Felsenbeines entsprechend, welche bei den übrigen nicht 
Vorkommen. 



No. 5. Jena. 

Tab. XV. und XVI. 

Ich besitze einen von meinem Freunde Henle mir geschenkten Ausguss aus derjenigen 
Form, welche R. Wagner anfertigen liess; der Schädel gehört bekanntlich zu den minder be- 
gabten , indem das Volumen nur 350 Cc. beträgt. Der Ausguss gehört leider zu denjenigen, 
bei welchen Wülste und Furchen nur wenig vorspringen, so dass also eine Beurtheilung der ein- 
zelnen Windungszüge nur mit Hülfe des Gehirnes geschehen kann, von welchem uns zweierlei 
Abbildungen durch Theile und Wagner geworden sind. R. Wagner sagt darüber Folgendes 
(L c. S. 41): „Es zeigt einfache wenig geschlängelte Windungen, in denen wir sogleich den 
menschlichen Typus erkennen. Die vordere und die hintere Centralwindung sind getrennt durch 
die Centralfurche. Am wenig entwickelten Stirnlappen erste und zweite Stirnlappenwindung 
einfach, gerade gestreckt, wenig gewunden, die dritte etwas mehr geschlängelt, getheilt; überall 
durchaus der menschliche Typus, aber in einfachster Form, daher hinter den normalen Gehir- 
nen, einfachen und zusammengesetzten, zurückstehend, nur die Ilauptfurchen sind da, secundäre 
Einschnitte in geringer Zahl. 11 

„Von der Seite betrachtet zeigt sich das Eigene, dass keine hintere Verlängerung der Syl- 
vischen Spalte vorhanden, dass hier der Klappdeckel, respective die unteren Ränder der beiden 
Centralwindungen und die dritte Parietalwindung (Schcitelhöckerlappen) oben mit der ersten 
Temporallappenwindung verwachsen sind und an der Stelle der Sylvischen Spalte nur eine klei- 
nere gewöhnliche Spalte liegt, während dagegen an dem Schläfelappen selbst, den wir immer 
so constant gefunden haben, die Parallolspalte ansehnlich, die zweite und dritto Schläfcnlappen- 
windung entwickelt, durch unterbrochene Furchen getheilt erscheinen. Ausserordentlich viel 
grösser tritt uns die Reduction im Parietallappen entgegen: der Zwickel oder die erste Parie- 
talwindung ist kurz, ohne Windungen, eben so angedeutot, aber rudimentär die zweite. Die 
höchste Verkümmerung, ganz auf das Rudiment der einen kurzen Windung reducirt, zeigt die 
sonst so entwickelte Scheitelhöcker- oder die dritte Parietalwindung. Sie steht ganz auf der Ent- 



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216 Ueber die Mikrocephalen oder Affen -Menschen. 

wicklungsstufe der entsprechenden bei den typischen Affen. Eben so rudimentär ist der das 
kleine Gehirn lange nicht bedeckende Hinterlappen, au dem man jedoch keine versteckte Ueber- 
gangswindungen (plis de passage) wahrnimmt, sondern ganz den menschlichen Typus in mög- 
lichst reducirter und atrophischer Form. Durch die ganz menschliche, kleine Occipitalspalte 
wird der Zwickel vom Vorzwickel getrennt 

„Man sieht, man hat ein Gehirn vor sich, das in seiner vorderen l'arthio, Stirn und Schei- 
tellappen, die einfacheren Verhältnisse des Atfeutypus und des 7- bis Smonatlicheu Embryo 
zeigt; in der Ausbildung der Windungen steht es hier selbst dem Orang-Utang- und Ckiinpanse- 
gehirne nach. 

„Dagegen hat dieses Gehirn gerade in seinem hintern Theile nicht die geringste Aehnlich- 
keit mit den Affengehirnen, deren Ilinterlappeu so mächtig entwickelt sind; es ist durchaus 
der menschliche Typus, aber verkümmert 

„Die Verwachsung des Schliifelappens mit dem Klappdeckel, dnB Fehlen des Stammlappens, 
dessen schon Theile gedenkt, ist eine rein pathologische, nicht in der Entwicklung begrün- 
dete Missbildung.“ 

Dass die beiden Contralwinduugen mit ihrer verbundenen Spitze sich zwischen den Stirn- 
lappen und den Schläfelappen drängen, geht aus den übereinstimmenden Abbildungen Wag- 
ner's und Theile’s sowie aus dem Abgusse hervor; ausserdem lässt sich an dem Abgusse 
deutlich die krumme Windung nebst ihrem vordem Zwickel, sowie die Züge der Uebergangs- 
windungeu verfolgen. Der Hinterhauptslappen, obgleich unbedeutend ausgebildet, ist dennoch 
auf der linken Seite durch einen scharfen und tiefen Spalt von der Hemisphäre getrennt und 
entspricht ebenso gut demselben Theile bei Ateles wie beim Menschen. 

Auffallend ist auf der Unterfläche nur die Hildung des kleinen Stirnlappens, der vollkom- 
men glatt, fast vollständig eben und durchaus ohne Schuabelbildung sich darstellt. 



No. 0. Ludwig Racke. 

Tab. XVII. 

Es ist dieses dem Volumen nach, wie schon angeführt, das vollkommenste Mikrocephalen- 
gehirn, dessen Ausguss ich besitze; die innere Schädelcapaeität beträgt 622 Cc. Es ist zugleich 
das breiteste und höchste aller Gehirne; im Typus zeigt es insofern einige Aehnlichkeit mit 
Schüttelndreyer, als durch bedeutende quere Einsenkungen einestheils der sehr kleine 
Stirnlappen, auderntheils der Hinterlappen von dem Mitteltheile dor Hemisphären abgetrennt 
sind. Die Profilansicht erhält dadurch etwas sehr Unregelmässiges in ihrer obern Krümmung, 
indem der Scheitel höckerähnlich vorragt. Bei der normalen Stellung überragt das kleiue Ge- 
hirn die wenig ausgebildeten Hinterlappen ziemlich bedeutend, bei der Ansicht von oben er- 
scheint der Ausguss fast in Gestalt eines Kartenherzens, dessen freilich mehr abgerundete 
Spitze nach vorn gewendet ist. Die Windungszüge erscheinen auf der Oberfläche im Allgemei- 
nen deutlich ausgeprägt, abor auch complicirter als bei allen übrigen Ausgüssen, so dass os 
schwerer fällt, dem Verlaufe der einzelnen Züge zu folgen. 

Was nun zuerst den Stirnlappon betrifft, so ist derselbe zwar verhältnissmässig sehr klein 
und, wie schon erwähnt, durch eine tiefe Einsenkung, welche der Kronnaht entspricht, von dem 
Mittellappen geschieden, dagegen im Uebrigen wohl mit ziemlich krausen Windungen versehen, 



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217 



lieber die Mikrocejdialen oder Affen -Menschen. 

deren Scheidungsfurchen der Profillinie parallel laufen. Die untere Windung ist einfach, hin- 
ten etwas vorstehend und durch eine tiefe, etwa einen Centimeter breite Grube, iu welche der 
Zipfel der vereinigten Centralwülste sich einseukt, von dem Schläfelappen abgeschieden. Auf 
der Unterfläche macht sich die mittlere Kniefurche deutlich kenntlich, dagegen sieht man keine 
secundären Seitenfurchen, ein eigentlicher Schnabel ist nicht ausgebildet 

Die breiten Aeste der Sylvischen Spalte vereinigen eich unter sehr spitzem Winkel und 
lassen sich ziemlich weit gegen die Oberflächo hin verfolgen ; die hintere Centralwindung ist be- 
deutender entwickelt als die vordere, ihr oberer nach hinten gerichteter Lappen lässt sich deut- 
lich erkennen, ebenso auch die krumme Windung, welche einen nur sehr kleinen Zwickel der 
hintern Centralwindung entgegensendet 

Ungewöhnlich mächtig ist derScbläfelappen ausgebildet, so dass man auf BeinerOberfläche 
nur ziemlich unbestimmte Eindrücke, gewiss von mannigfach gekräuselten Windungen herrüh- 
rend, erkennen kann, deshalb ist auch wohl der Parallelspalt nicht deutlich und die oberen 
Uebergangswindungcn in die dort herrschende allgemeine Einsenkung verflacht, in welcher sie 
nicht hervortreten. Der Hinterhauptslappen ist klein, als höckerartige Bohne vorspringend; 
das Kleinhirn sehr bedeutend. 



No. 7. Margaretha Maehler. 

Tab. XVL, XIX. und XXL 

Es ist unmöglich, sich einen vollständigem Gegensatz zu bilden, als denjenigen, welchen 
dieser Ausguss Racke gegenüber bildet, dem er auch insofern gegenüber steht, als die Maeh- 
ler mit 296Cubikc. Schädelcapacität das kleinste von allen erwachsenen Mikrocephalengehirnen 
besitzt. Man hat hier gewissermaassen die Windungszüge in ihrer durchaus unverfälschten 
Einfachheit, ohne weitere Complication, und wenn irgend etwas bedauert werden muss, so ist 
es der Umstand, dass dieses so merkwürdig einfache Gehirn nicht aufbewahrt und bei der Sec- 
tion von Aerzten untersucht wurde, welche für den feineren Bau desselben so wenig Verständ- 
niss hatten, dass sie „sämmtlicbe Theile des Gehirns vorhanden, natürlich gebildet und in 
gegenseitigem Ebenmaasse fanden*. 

Von oben betrachtet hat der Ausguss vollkommen die Gestalt eines vorn schnabelförmig 
ausgezogenen Kartenberzcns ; in der Profillinie fallen die gleichmässige Krümmung der Ober- 
fläche der Hemisphären, die Abplattung des Hinterhaupts und der schnabelförmige Fortsatz, 
in welchen der Stirnlappen sich auszieht, ganz besonders auf. 

Betrachtet man die einzelnen Theile, so erscheint der Stirnlappen ganz ausserordentlich 
reducirt und abgeplattet; zwei seichte, einfache Gruben, die mit der Profillinie parallel laufen 
und in denen durchaus keine weitere Kräuselung bemerklich ist, trennen die einzelnen Stock- 
werke, das untere ist in seinem hintern Theile mit dem vordem Centralwulste verschmolzen, 
dessen gemeinschaftlicher Zipfel sich bis zu den Schläfelappen hcrabsenkt; die Unterfläche des 
Stirnlappens ist vollkommen glatt und in zwei Theile getheilt, einen etwa 1 Centimeter breiten 
Randbogen, der von beiden Seiten in den scharfen Schnabel aualäuft, und eine hintere vertiefte 
ganz glatte Grabe, ohne Spur von Furchen und Kalten. 

Die beiden wohlausgebildcten Ceutralwülste sind durch eine sehr tiefe Einsenkung von 
einander getrennt, die dem Rolando’scben Spalt entspricht, eine ähnliche Linsenkung parallel 

An-hlv fiir Anthropologie. Band IL Heft 2. 28 



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218 



Ueber die Mikrocepbalen oder Affen -Menschen. 

mit derselben bezeichnet den hintern Ast der Sy Irischen Spalte, deren Torderer Ast fehlt 
Eine dritte noch tiefere and breitere Einsenkung bezeichnet den Parallelspalt des Schläfe- 
lappens. Diese drei Spalten sind durchaus gerade, glattrandig, ohne Spur von seitlichen Ein- 
kerbungen; hinter ihnen sieht man ein tlacbes, kaum modellirtes Feld, welches der krummen 
Windung und den Uebergaugswindungen entsprechen mag und das sich zuletzt auf den zwar 
vorspringenden , aber nach vorn nicht deutlich begrenzten Hinterlappen hinaufzieht Andere 
Einzelheiten lassen sich nicht erkennen. 

Die Hemisphären des kloinen Gehirnes erscheinen stark nach aussen geschoben und durch 
einen sehr bedeutenden Wurm von einander getrennt Die Gruben auf der untern Fläche des 
Schädels, welche den Schläfelappen abschneiden, sind weniger tief als gewöhnlich. 



No. 8. Johann Moegle. 

Tab. XXU. und XXIII. 

Seinem Volumen nach steht dieses Hirn ziemlich hoch in der Reihe mit 395 Cu bikc. und seiner 
äussern Form nach dürfte es wohl am nächsten mit demjenigen von Jena verglichen werden, 
obgleich ganz bedeutende Unterschiede obwalten. 

Vor allen Dingen fällt bei diesem Ausgusse die ganz ausserordentliche Verschiebung nnd 
Ungleichförmigkeit der beiden Hirnhälften auf. Die linke Stirnseite ist abgeplattet und mit 
der ganzen hintern Hirnhälfte, das Kleinhirn nicht ausgenommen, nach hinten zurückgeschoben, 
während auf der andern Seite die Kleinhirnhälfte Spuren der Abplattung trägt und das Groes- 
hira gewaltsam nach vorn und auch etwas nach oben verschoben scheint, so dass der rechte 
Scheitel des Gehirnes den linken ziemlich bedeutend überragt. Deutlich ist die quere Einsen- 
kung der Kronnaht entlang, ausserordentlich bedeutend die Trennung zwischen Kleinhirn und 
Hemisphären und der Vorsprung des ersteren nach hinten. Die Windungszüge lassen sich im 
Ganzen schwierig unterscheiden, da die sie trennendon Furchen ziemlich breit und seicht, die 
Wülste dazwischen also wenig deutlich abgegrenzt sind; dies mag auch der Grund sein, wes- 
halb man nur den hintern Ast der Sylvischon Grube und auch diesen nur in seiner untern 
Hälfte deutlich erkennen kann, der vordere Ast ist zwar angedeutet, verschmilzt aber in seinem 
weitern Verlaufe mit seichten Furchen des Stirnlappens. 

Der Stirnlappen an und für sich ist klein und in gewöhnlicher Weise gebildet, die untere 
Windung tritt in ihrem hintern Tbeile etwas vor und ist durch eine weite Einkerbung, in 
welche sich der untere Zipfel der Centralwülste hinoinsenkt, von dem Schläfelappen geschieden. 
Die Unterfläche zeigt die gewohnte Kniefurche nebst einer mehr seitlichen Furche an dem 
wenig entwickelten Siebschnabel. 

Die Centralwülstc sind deutlich erkennbar, die nach oben ansteigenden Aeste der Arterie 
schlängeln sich gerade über sie bin, der horizontale Zipfel des hintern Wulstes ist sehr stark in 
Form einer Erhebung ausgebildet, welche dem kloinen Hiuterhauptslappen au Grösse nicht 
nachsteht, die krumme Windung ist sehr deutlich, ihr nach vorn gerichteter Zwickel ziemlich 
gross, die Parallelspalte deutlich angelegt, die oberen Uebergaugswindungen, wie es scheint, 
ausreichend entwickelt, doch in der Fortsetzung der Parallelspalte verschwommen; diese krümmt 
sich nämlich in Sförmiger Biegung nach oben und gebt scheinbar in die tiefe Querspalte über, 



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lieber die Mikrocephalen oder Affen -Menschen. 219 

welche den Hinterhauptslappen von der Hemisphäre trennt Das Kleinhirn ist im Verhältnis 
su dem Grosshirn sehr stark und flügelfiirmig zu beiden Seiten ausgebreitet. 



No. 9. Jakob Moegle. 

Tab. XXV. und XXVI. 

Das kleinste Gehirn von allen mit 272 Cc., das sogar wie dasjenige der Maehler noch 
unter dem jungen Chimp&nse steht Gewissermaassen eine Vereinigung der Charaktere, welche 
einesteils das Gehirn der Maehler, andererseits dasjenige ebenbeschriebene seines Vetters 
zeigt Betrachtet man das Gehirn von unten, so hält es fast schwer, es von demjenigen der 
Maehler zu unterscheiden; dieselbe glatte Oberfläche des Augenlappens, dieselbe Randbildung, 
nur breiter, ein ähnlicher Schnabel, freilich etwas brejter und länger als bei der Maehler. 
Die Bestimmung der einzelnen Windungen auf der Oberfläche ist indessen unmöglich, da 
theils durch Verdickung der umhüllenden Häute, namentlich hinten und oben, theils durch Ver- 
flachung der Windungen eine genauere Unterscheidung unmöglich ist. 

Der Stirnlappen ist ausserordentlich klein uud besteht eigentlich nur aus einem Wulste, 
welcher der Medianlinie, und einem andern, welcher dem untern Bande parallel läuft mit einem 
tiefen, dreieckigen Eiudrucke dazwischen. Die Sylvische Grube ist in ihrem vordem Aste nur 
unten ein wenig angezeigt, die Bichtung ihres hintern Astes lässt sich errathen. Das Gebiet 
der beiden Centralwülste, deren Spitze sich jedenfalls zwischen Schläfelappcn und Stirolappen 
bis unten hineinsenkt, ist durch die in vielfache parallele Zweige gespaltene Arterie der harten 
Hirnhaut mehr oder minder verwischt. Die übrige Fläche giebt nur unbestimmte Eindrücke; 
der Ilinterlappen lässt sich nicht genau von den Hemisphären trennen. Die Kleinhirnhälften 
sind bedeutend abgeplattet und nach den Seiten geschoben. 



Wenn ich es versuche, die verschiedenen soeben beschriebenen Ausgüsse nach Typen zu 
ordnen, so dürften vor allen Dingen als übereinstimmende Abänderungen eines mehr langköpti- 
gen Typus Maehre und die beiden Sohn erscheinen, die gewissermaassen eine Reduction 
der Negerhemisphären auf einfache Windungen darstellen; diesen gegenüber würdon stehen Backe, 
Jena, die beiden Moegle und die Maehler mit einer mehr breitem, in den Seitentheilen aus- 
gewirkten Form. Für Schüttolndreyer wüsste ich kqino Analogie, doch schliesst sich diese 
Form mehr noch an die letztere als an die erstere an. 



Resumö über die Gehirne. 

Dr. Hermann Wagner hat versucht, genaue Maassbestimmungen der entwickelbaren Ober- 
fläche der Gehirne zu geben*). Seine Methode besteht darin, mit Goldschaum die Oberflächen 



Maawbeftim mungen der Oberfläche de» grosse» Gehirns von Dr. H. Wagner in (iotha. 
Göttingen 1864. 



28* 



Cassel und 



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220 lieber die Mikrocephalen oder Affen- Menschen. 

zu belegen, wie sie Bich nach Wegnahine der Hüllen darstellen. Man misst zuerst die zn dieser 
Vergoldung nöthigen dUnnen Goldblättchen ab, schneidet die Stücke aus je nach Bedürfniss 
und findet dann durch die Ausmessung der Ucberresto die angewandte Oberfläche; die Länge 
und Tiefe der Furchen, welche die Windungen trenneu, werden dann ebenfalls durch eigen- 
thiimlicho Verfahrungsweisen bestimmt, über welche ich hier nicht eintrete, und alle diese ver- 
einigten Maasse ergeben als Endresultate die entwicklungsfähige Oberfläche. 

Diese ohne Zweifel sehr mühsamen und delicaten Messungen hat Wagner an vier mensch- 
lichen in Weingeist aufbewahrten Gehirnen ausgeführt, namentlich an den Gehirnen von Gauss 
und Fuchs, eines Taglöhners Krebs und einer unbekannten Frau. Ausserdem hat noch Wag- 
ner einige Messungen an den ebenfalls in Weingeist aufbewahrten Gehirnen eines Orang und 
eines Kaninchens angestellt 

Da ich weder frische noch in WeiDgeist aufbewahrte Gehirne zu messen hatte , so will ich 
in keine Kritik dieser Methode eingehen , welche übrigens auch auf die Abgüsse angewendet 
werden kann, obgleich man hier nnr die äusseren Oberflächen messen und die in der grossen 
Hirnschale zu Tage liegende Oberfläche vernachlässigen muss. 

Hatte es sich nur um die Bestimmung der Oberfläche im Ganzen gehandelt, so würde ich 
auf Messungen dieser Art gänzlich verzichtet haben. 

In der That ist diese Messung vollkommen überflüssig in der heregten Weise, weil man das 
Volumen weit leichter und genauer, entweder durch Anfüllung des Schädels, oder auch in der 
Weise messen kann, dass man das Volumen des Wassers bestimmt, welches der Ausguss beim 
Eintauchen verdrängt Diese Methode, welche neuerdings auch von W'elcker angerathen wurde, 
ist übrigens schon vonJohannes Müller angewandt worden, der sie in seiner Abhandlung über 
die beiden Sohn erwähnt 

Ich habe sie ebenfalls mittelst eines Apparates angewandt, der aus einer Glocke besteht 
auf deren Band eine Glasplatte aufgeschliffen ist, welche hermetisch schliesst und mittelst einer 
kleinen Röhre, die eine Marke trägt, angefüllt wird. Die Zahlen, welche ich in diesem Apparate 
erhalten habe, sind stets etwas beträchtlicher, als diejenigen, welche die Anfüllung des Schädels 
mit feinem zuBammengeschütteltem Schrot ergiebt, da aber die Unterschiede constant sind 
(etwa 10 Cc.), so ist es in den meisten Fällen immerhin leichter, das Volumen durch Anfüllung 
der Schädelhöhle zu bestimmen. Da nun diese bei den meisten Individuen eine ähnliche Form 
hat, so muss die Gesammt- Oberfläche des Ausgusses auch in einem constanten Verhältnisse zu 
seinem Volumon stehen und kann deshalb vernachlässigt werden. 

Anders verhält es sich, wenn es sich darum handelt, die Oberflächen der einzelnen Indivi- 
duen und diejenigen der Gehimlappcn unter sich und mit der Gesammtoberfläche zu verglei- 
chen. Diese Untersuchung war wichtig; ich musste nothwendig die Lappen normaler Menschen 
und Affen und der Mikrocephalen mittelst meiner neugewonnenen Materialien vergleichen, um 
so mehr, als ich einigen Anssprüchen Rudolph Wagner’s in dieser Hinsicht entgegengetreten 
war und Dr. Hermann Wagner Sohn auf diese Kritik zurückgekomtnen ist 

Ich habe in meinen Vorlesungen über den Menschen die Worte Rudolph Wagner's citirt; 
dieser findet den Unterschied zwischen dem Menschen- und Mikroccphalengehirn einerseits und 
dem Affengehirn andererseits in der bedeutenden Entwicklung der Hinterlappen des Affen- 
gehirns und in der bei den Mikrocephalen stattfindenden Reduction der Hinterlappon und des 



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Ueber die Mikrocephalen oder Affen- Menschen. 221 

hintern Theilcm der Scheitellappen, was ibm zufolge den wahren Charakter de« Menschen- 
gehirns darstellt 

EinTheil dieser Beleuchtung ist schon durch die Messungen de« Sohnes, Hermann Wagner, 
widerlegt Ich stelle in folgender Tabelle die von diesem S. 14, 15 und 39 gegebenen Zahlen 
zusammen. 



Verhältnissmaass der Oberflächen der Hirnlappen nach Hermann Wagner, die 

G esammtobcrfiäche — 100. 





Htirn lappen 


Scheitellappen 


Sehl&felftppen 


Hinterlappen 




ganze 


äussere 


ganze 


äussere 


ganze 


äussere 


ganze 


äussere 




Oberfläche. 


Oberfläche. 


Oberfläche. 


Oberfläche. 


Ganse 


i::,5 


39,2 


18 


16,7 


-’M 


26,6 


17,2 


17,5 


Fueb» 


45 


$9,7 


15,7 


14,6 


19,5 


21.3 


m,» 


21,4 


Frau . 


44,2 


33,7 


16£ 


16 


22,4 


27,9 


1«,« 


17,4 


Krebs 


41,3 


35,9 


17 


16,5 


24 


29,6 


17,6 


IS 


Mittel 


43,5 


33,4 


111,9 


15^ 


21.6 


27,1 


17, S 


18,6 


Orung-Utatig 


$6,8 


— 


25,1 


— 


19,6 


— 


16,5 


— 


Differenz zwischen dem 
Ail'en u. dem Mittel . 


— 6,7 


- 


+ 'S* 


- 


- v 


- 


+ S7 


- 



Es geht aus dieser einfachen Vergleichung hervor, dass das Gehirn des Affen sich von 
demjenigen des weisson Menschen unterscheidet: 

1. durch die verhiiltnissmäesige Reduction des Stirnlappens', 

2. durch verhältnisamässig bedeutendere Grösse des Scheitellappens; 

3. durch eine geringe Reduction des Schläfelappens, und endlich 

4. besitzt der Hinterlappen des Affen fast ganz genau dieselbe verhältnissmiissige Ober- 
fläche als derjenige des Menschen. 

Ich konnte gewiss keine glänzendere Bestätigung meiner früheren nur auf die Ansicht der 
Abbildungen und des Schädels gegründeten Kritik erwarten; es bleibt also eine durch die ge- 
nauen Messungen von Wagner Sohn wissenschaftlich festgestellte Tbatsache, dass entgegen 
den Aufstellungen von Wagner Vater derHiuterlappen bei den Menschen und den menschen- 
ähnlichen Affen dieselbe verhältnissmässige Oberfläche besitzt und dass die wesentlichen Ver- 
schiedenheiten sich auf den Stirn- und Scheitellappen beziehen , welche bei beiden Typen sich 
in der Weise aufwiegen, dass der Stirnlappen bei den Menschen ein Uebermaass besitzt, welches 
bei den Affen auf den Scheitellappen übertragen ist. 

Ich habe ähnliche Messungen an meinen Ausgüssen ausgeführt, nur habe ich den (iold- 
achaum durch Stanniol ersetzt, der sich weit leichter behandeln lässt. Ich schnitt mir Bänder 
von 10 oder 5 Millim. Breite und konnte damit leicht die mit Eiweiss augestrichonen Ausgüsse 
verzinnen und die bedeckte Oberfläche berechnen; ich muss indessen hinsichtlich der erhalte- 



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222 



lieber die Mikrocephalen oder Affen- Menschen. 

nen Resultate bemerken , dass auf den Ausgüsseu die Grenzen zwischen den einzelnen Lappen 
sich nicht leicht bestimmen lassen und dass namentlich die Grenze zwischen dem Scheitel- und 
Schläfelappen in einzelnen Fällen gar nicht bestimmbar war. In diesem Falle habe ich die 
Oberfläche der beiden Lappen gemeinsam gemessen und zwar stets nur auf der linken Seite 
des Ausgusses. 

Ich gebe hier die gewonnenen Resultate. Man findet in der ersten Colonne für einen 
jeden Lappen das Maass der Oberfläche in Quadratmillimetern, in der zweiten die verhältuiss- 
mässige Procentzahl, wobei das Maass der Ges&mmtobcrfläche = 100 gesetzt ist. 



Bezeichnung der Abgüsse. 


Gesammt- 

ober- 

fläche. 


Stimlappen- 


Scheitel- 

lappen. 


Schläfe^ 

lappen. 


Hinter- 

lappen. 


Kleines 

Gehirn. 


Kacke 


14482 


3210 


22.4 


3830 


26,4 


6460 


44,6 


962 


6,6 


3680 


! 25,4 


Maehre 


13793 


4070 


29.7 


4223 


1 30,6 


4530 


32,4 


970 




3205 


! 23,2 


Friedrich Sohn ♦ . . . 


11423 


3761 


81,1 


2500 


21,9 


3930 


36,1 


1232 


10,8 


2264 


1 H>,$ 


Schüttelndreyer .... 


9399 


2990 


31,8 


2139 


22JJ 


3390 


36,0 


SSO 


9,3 


2890 


, 30»! 




10225 


2620 


25,6 


2120 


20,7 


4500 j 


44,0 


385 


J V 


2223 


21,7 


Maehler 


8014 


2450 


| 30,5 


1690 


21,1 


3179 1 


39,6 


700 


| 8,8 


2450 


30,6 


Mittel der Erwachsenen 


11223 


3188 


| -»»4 


2750 


24,5 


4331 | 


88,6 


958 




2776 


24,7 










7081 = 


= 63,1 












Johann Moegle .... 


10268 


3280 


31,9 


3070 | 


29,9 | 


3108 | 


30,3 


810 


7,9 


2839 


27,6 


Jakob Mocglo ..... 


7818 


2115 


; 27,0 


5230 - 


= 67,1 




468 : 


5,9 


2760 | 


| 35,3 


Mittel der Kinder . . . 


U010 


2697 


29,5 


6704 = 63, G 




639 


6,9 


2799 


31,5 


Junger Chimpanse ■ . . 


9900 


3050 


82,8 


5400 = 


= 68,0 




850 


V 


1310 


14 


Cretin 


15740 


4790 


30,1 


5290 


33,5 


4520 


28,8 


1140 


7,3 


1842 


11,7 


Neger 


24705 


7735 


31,3 


7460 


80,2 


7630 


30,9 


1880 


7,6 


2076 | 


8,3 


Weisser 


25155 


8500 


33,8 


8000 | 


31,8 


6350 


25,2 


2305 ! 


9,2 


3852 


13,3 



Versuchen wir einige Schlüsse aus diesen Ziffern zu folgern. 

Zuerst geht daraus hervor, dass in Beziehung auf die Gesammtoberfläche die erwach- 
sene Maehler und das Kind Jakob Moegle noch hinter dem jungen Chimpanse zu- 
rückbleibe, so wie sie übrigens auch hinsichtlich des Volumens hinter ihm zurückgeblieben 
waren. 

Wir können also unter menschlichen Sprösslingen lebensfähige und bis zu ziemlichem Alter 
(die Maehler hatte 33 Jahro) lebende Wesen aufzeigen, die ein nach Volumen und Oberfläche 
hinter den menschenähnlichen Affen zurückstehendes Gehirn besitzen; Sophie Wyss besitzt, wie 
wir später zeigen werden, nicht grössere Schiidelmasae, als diejenigen, welche bei Lebzeiten der 
Maehler abgenommen wurden, und doch besitzt dies junge Mädchen einen wohlgebildeten Kör- 
per, eine vortreffliche Gesundheit und jegliche Hewegungsfäliigkeit. 

Die anderen erwachsenen Mikrocephalen übertreffen zwar alle an Volumen und Oberfläche 
den jungen Chimpanse, aber wir dürfen nicht vergessen, dass nur zwei, Racke und Maehre, 



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Ueber die Mikrocephalen oder Affen -Menschen. 223 

hinsichtlich des Volumens dem alten von Duvernoy gemessenen Gorill voranstehen und dass 
die Oberflächen g&nz dieselben Verhältnisse besitzen. 

Welche ungemeine Differenz aber zeigt sich zwischen den Mikrocephalen und den Men- 
schen — der bestbegabte Racke iibertrifft denChimpanse um 5182 Quadratmillim., steht aber 
hinter dem Neger um 10227 Quadratmillim. Die Reihe kann also in folgender Weise herge- 
stellt werden: Chimpanse = 100; Racke = 155; Neger = 266; Weisser = 270. Der 
begabteste Mikrocephale müsste also um den Neger zu erreichen noch das Doppelte des Raumes 
durchlaufen, um welches er den Chimpanse überholt hat. 

Untersuchen wir die verschiedenen Theile des Gehirnsystemes , so gelangen wir zu nicht 
minder zwingenden Schlüssen. 

Die Gesammtoberfläche des Kleinhirns beträgt bei den Mikrocephalen etwa ebensoviel, als 
bei den erwachsenen Menschen. Die Zahlen schwanken zwischen den Grenzen, welche eines- 
theils von dem Neger, der ein verhältnissmässig sehr unbedeutendes Kleinhirn besitzt, und dem 
weissen Menschen gegeben wird, dessen Kleinhirnfläche diejenige von Maehre nur um 100 
Quadratmillim. iibertrifft. Das Mittel der mikrocephalischeu Kinder ist sogar fast ganz dasselbe 
wie dasjenige des Erwachsenen, das Kleinhirn nimmt also in keiner Weise an der Mikrocephalie 
TheiL Das Gleiche würde sich wahrscheinlich für das verlängerte Mark, die ßrücke, kurz den 
ganzen Hirnstamm, also für diejenigen Theile ergeben, welche mit der Bewegung und Em- 
pfindung des Körpers in directem Zusammenhänge stehen und auf unmittelbare Reize durch 
Schmerz oder Muskelzuckungen reagiren. Die Nervenfasern des Körpers, die sich im Gehirne 
sammeln, sind demnach wie im normalen Zustande gebildet, und das Kleinhirn, welches wahr- 
scheinlich der Coordination der Bewegungen vorsteht, ist in Ueberoinstimmung mit den Orga- 
nen entwickelt, deren Functionen es regulirt. 

Wir müssen darauf aufmerksam machen, dass die beiden Mikrocephalen, bei welchen das 
Gehirnvolumen dasjenige des Chimpanse nicht erreicht, ihn dennoch weit in Beziehung auf 
Volumen und Oberfläche des Kleinhirnes übertreffen, fast um das Doppelte. Da ich keine Aus- 
güsse von erwachsenen menschenähnlichen Affen zur Disposition habe, so kann ich auch nicht 
sagen, ob dieses Missverhältnis einigermaassen durch das spätere Wachsthum ausgeglichen wird; 
ich glaube dies indessen um so mehr , als der Körper der Affen während des Zahnwechsels mit 
dem Gehirne noch ziemlich bedeutend an Umfang zunimmt. 

Es ist klar, dass das Verhältnissmaass des Kleinhirns mit demjenigen des Grossbirns ver- 
glichen bei den Mikrocephalen ganz ungemein gross sein muss, da das GrosBhim stark rcducirt 
ist, während das Kleinhirn es nicht ist; cs ist unnöthig, dies weiter zu betonen. 

Was unwiderleglich ans unseren Messungen hervorgeht, ist, dass der Mikrocephale seinem 
Kleinhirn nach Mensch ist, gerade so wie er seinem Körper nach Mensch ist Diese Tliataache 
giebt unmittelbar die Erklärung der Lage des Kleinhirns, über die schon so Manches gesagt 
wurde. Aus unseren Beschreibungen und Zeichnungen geht hervor, dass man das Vorragen de« 
Kleinhirns über die Hinterlappen zwar ganz bedeutend überschätzt hat, weil man eben die hori- 
zontale Ebene des Schädels nicht auf das Gehirn übertrag und dieses in unrichtiger Lage be- 
trachtete. Nichtsdestoweniger müssen wir zugestehen, dass trotz der Verbesserung dieses Umstan- 
des das Kleinhirn bei den meisten Mikrocephalen den ilinterrand der Hemisphären überragt 

Man weiss auch, dass bei den Affen das Gegentheil stattfindet 



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224 



lieber die Mikrocephalen oder Affen -Menschen. 

Man hat sich fast heiser geschrien, um mit dieser Thatsache zu beweisen, dass das Gehirn 
der Mikrocephalen, statt demjeuigen der Affen sich zu nähern, im Gegentheile sich von dem- 
selben entfernt. Wir finden, ich wiederhole es, den Grund dieser Bildung in unseren Messungen. 
Das Kleinhirn der Mikrocephalen überragt das Grosshirn nicht deshalb, weil das Gehirn nach 
einem niedern Thiertypus gebildet wäre, es überragt es im Gegentheile, weil es nach mensch- 
lichem Typus gebildet ist und von einem nach niederm Typus gebildeten und in seiner Masse 
verminderten abnormen Grosshirne überdeckt wird. 

Gehen wir zu den Hemisphären über und untersuchen wir zuerst die Verhältnissmaasse. 

Der Hinterlappen der Mikrocephalen erreicht bei dieser Betrachtung das VerhältniBS der 
normalen Menschen und Affen. Das Mittel der Mikrocephalen stellt sich zwischen den Neger 
und den Weissen, letzterer übertrifft es ein wenig, der Neger bleibt etwas darunter; der Affe 
zeigt dieselbe verhiiltnisBmässige Oberfläche wie der Weisse. Wir haben oben aus den tou 
Hermann Wagner gegebenen Verhältnisszahlen denselben Schluss gezogen. 

Der Hinterlappcn hat also im Verhältnis» zur Gesammtoberfläche der Hemisphären bei 
dem Menschen, dem Mikrocephalen und dem Affen die gleiche Oberfläche. 

Hinsichtlich des Schläfelappens gelangen wir zu anderen Resultaten, denn er ist bei dem 
Mikrocephalen verhältnissmässig weit grösser, als bei dem Weissen, während der Neger sich 
mehr dem Mikrocephalen nähert 

Ich habe die Oberfläche des Schläfelappens nicht für sich allein messen können bei dem 
Affen, meine Abgüsse erlauben keine genaue Abgrenzung desselben nach oben. In der von 
Hermann Wagner entlehnten Tabelle ist das Verbältnissmaass der Oberfläche dieses Lappens 
beim Orang etwas geringer als beim Menschen. 

Der Scheitellappen zeigt bei dem Mikrocephalen eine sehr bedeutende verhältnissmässige 
Reductiou; das Mittel entfernt sich sehr weit von dem Weissen, bei welchem dioser Lappen die 
grösste Verhältuisszahl erreicht weniger weit vom Neger. 

Aehnlich verhält es sich mit dem Stirnlappen. Die aufsteigende Reihe für die Verhält- 
nisszahlen ist Mikrocephale, Neger, Chimpnnse, Weisser. 

Das Gehirn der Mikrocephalen unterscheidet sich demnach von demjenigen des Menschen 
durch die verhältnissmässig sehr bedeutende Oberflächenreduction des Scheitellappens, die 
etwas geringere des Stirnlappens, die bedeutende Vergrüsserung des Schläfelappens und die 
Gleichheit des Hinterlappens. 

Der Schläfelappen gehört fast vollständig der Schädelbasis an; nun wissen wir durch die 
im l.Capitel gegebenen Tbatsachen, dass die Schädelbasis bei den Mikrocephalen etwa dieselbe 
mittlere Länge besitzt, wie bei dem normalen Menschen, dass sie nach dem menschlichen Ent- 
wicklungsgesetze wächst — der Schläfelappen, welcher die mittleren Sehädelgruppen ausfüllt, 
muss also an der menschlichen Pintwicklung der Basis Antheil nehmen und wie das Kleinhirn 
und der Himstamm Bich dem normalen Volumen nähern und dadurch nothwendig dem übrigen 
reducirten Gehirn verhältnissmässig grösser erscheinen. 

Die Verhältnisse sind natürlich bei dieser Betrachtung insofern etwas dunkel, weil sich 
unsere Verhältnisszahlen auf dio Gesammtoberfläche der Hemisphäre als Einheit beziehen und 
in dieser Einheit sowohl diejenigen Theile, welche an der Schädelbasis Antheil nehmen, als die- 



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lieber die Mikrocephalen oder Affen-Menschen. 



225 



jenigen, welche der Wölbung angehören, mit inbegriffen sind. Zur Erreichung genauerer Resul- 
tate muss man also wohl in anderer Weise verfahren. 



Wenn ich das normale Menschengehirn als das Endziel betrachte, welches die Reihe zu 
erreichen strebt, so kann ich mich fragen, welche Verhältnisse zwischen der Oberfläche des 
Organes wie seiner einzelnen Theile bei dem weissen Menschen verglichen mit demjenigen der 
Mikrocephalen und der Affen stattfinden; ich setze hier die gemessene Oberfläche des weissen 
Gehirns und seiner Lappen — 100 und finde dann folgende Verhältnisszahlen : 





Gesftmmt- 


Stirn- 


Scheitel- 


Schläfe- 




oberfläche. 


lappen. 


lappen. 


Uppen. 


Mikrocepbale 


44,6 


37.5 


34,4 


68,2 


Chimpanse 


33 


35,9 


— 


— 



Scheitel- and Schläfe- 


Hinter* 


lappen zusammen. 


lappen. 


49,3 


41,3 


37,6 


36,8 



Mit anderen Worten: dieGehimoberfläche des jungen Affen beträgt gerade das Drittel der- 
selben bei dem weissen Menschen, während der Mikrocepbale dieses Maass ziemlich überschrei- 
tet und in die Nähe der Hälfte gelangt Betrachtet man aber die Lappen, so findet man, dass 
bei dem Mikrocephalen Stirn- und Scheitellappen in ihrer Oberfläche mehr reducirt sind als 
die ganze Hemisphäre, dass der Hinterlappen in seiner Reduction der Gesammthemisphäre etwas 
vorangeht , dass aber der Schläfelappen so wenig reducirt ist , dass seine Ausbildung sogar die 
Reduction des Scheitellappens aufwiegt wenn man beide zusammen betrachtet. Bei dem Affen 
verhält es sieb etwas anders. Stirn- und Hintcrlappen sind etwas weniger reducirt als die Ge- 
sammtoberfläche, und auch Scheitel- und Schläfelappen sind in ihrer Vereinigung weniger redu- 
cirt, als die Gesammtoberfläche, aber doch weit weniger, als bei den Mikrocephalen. Dies 
beweist, dass bei dem Affen wie dem Mikrocephalen namentlich der Scheitellappen angegriffen 
ist denn da bei ersterm alle gemessenen Lappen das Verhältniss der gemeinsamen Reduction 
nicht erreichen, so muss dieses wohl durch den Scheitcllappen hergestellt werden. 

Wenn dies nun richtig ist, so folgt daraus, dass die Reduction bei Affen und Mikrocephalen 
hauptsächlich auf die Gewölbtheile des Gehirnes wie auf diejenigen des Schädels wirkt Der 
Scheitellappen gehört ausschliesslich dem Gewölbe an, er ist am meisten mitgenommen. Der 
Stirnlappen, der mit seiner Unterfläche auf den Augenhöhlen aufruht, nimmt noch ein wenig 
an der Schädelbasis Theil und leidet deshalb etwas weniger, der Ilinterlappen noch weniger, 
und der Schläfelappen, der fast ganz der Schädelbasis angehört, zeigt bei dem Mikrocephalen 
im Verhältniss zum Scheitellappen eine doppelte Grösse. 

Wir kommen also durch alle diese Vergleichungen für das Gehirn genau zu demselben 
Resultate, wie für den Schädel, nämlich, dass die Stammtheile des mikrocephalen Gehirnes dem 
menschlichen Entwicklungsgesetze folgen, Kleinhirn und Hirnstamm ganz, Schläfelappen zum 
grössten Theil, während die oberen Gewölbtheile dem Entwicklungsgesetze der Affen folgen, 
Scheitel- und Stirnlappen ganz, Hinterlappen weniger, dass aber diese Lappen selbst in der 
Gewölbentwicklung des Affen etwas Zurückbleiben. 

Wir müssen hierbei aber wohl in das Auge lassen, dass die dem Hirne der Mikrocepha- 
len auferlegte Hemmungsbildung nicht überall in gleicher Weise gewirkt hat und dass bei 
den verschiedenen Mikrocephalen die einzelnen Hirntheile nicht in gleicher Weise betrof- 
fen worden sind. Um dies in das Licht zu setzen , wollen wir hier in gleicher Weise das Ge- 
hirn des begabtesten Mikrocephalen und desjenigen, der noch hinter dem Affen zurückbleibt, 

Archiv Ar AulLrupolotfia. Bd. li. Heft 2 . 29 



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226 lieber die Mikrocephalen oder Alfen-Menschen. 

wie oben mit dem Gehirne des Weissen und dessen läppen vergleichen, indem wir diese als 
Einheit nehmen. 





GeBammt- 


Stirn- 


Scheitel- 


Schilfe. 


Scheitel- und Schl&fe- 


Hinter- 




oberfläche. 


lappen. 


lappen. 


lappen. 


lappen zusammen. 


lappen. 


Racke 


57,5 


38,7 


48 


102 


71,7 


41,3 


Maehler 


31,7 


28,8 


21,1 


50 


33,9 


30,4 



Wir sehen hieraus, vielleicht nicht ohne einige Verwunderung, dass sich Kacke nament- 
lich in Beziehung auf seinen Schläfelappen auf die Höhe des normalen Menschen erhoben hat, 
die er sogar etwas überschreitet, während Hinter- und Stirnlappen ausserordentlich zurück- 
geblieben und der Scheitellappen sich etwas verbessert hat; bei der Maehler dagegen ist die 
Gcsammtoberfläche selbst hinter dem Verhältnisse des Affen zurückgeblieben, und wenn man 
die einzelnen Lappen vergleicht, so findet man, dass der Hinterlappen etwa das gleiche Reduc- 
tionsverbältniss zeigt, wie die Ges&mmtoberfiäche, der Scheitellappen dagegen sehr bedeutend 
und der Stirnlappen ebenfalls ziemlich hinter dieser zurückgeblieben sind, dass dagegen der 
Schläfelappen noch immer seine menschliche Tendenz durch seine Vergrösserung zeigt 

Wir können noch einen andern Schluss, ausser dieser letztem Vergleichung, ziehen. Man 
möchte sagen, eine gewaltsame Iland habe die Stirn zusammengedrückt! Man sieht gewisser- 
maassen, wie die Bildungsthätigkcit in dem Gehirne der Mikrocephalen der ursprünglichen em- 
bryonalen Richtung folgt, welche zuerst die Basis ausbildet, bevor die Wölbung vervollständigt 
wird, und wie die bildende Bewegung, die später sich auf die Gewölbtheile concentrirt, nament- 
lich in dem vordem Theile derselben gehemmt wird. Bei Racke hat Alles, was mit der Basis 
in Beziehung steht, Hirnstamm, Schläfelappen und Kleinhirn, das menschliche Maass erreicht, 
sogar die Mitte des Gewölbes hat begonnen sich zu erheben, aber die Stirngegend ist unbeweg- 
lich zurückgeblieben, ohne die Hindernisse beseitigen zu können, welche sie niederlialten. 

Noch ein Wort über den Hinterlappen. Man hat gesehen, dass er bei dem Chimpanse 
sich verhältnissmässig mehr entwickelt als bei Racke und Maehler und beim Mittel der Mi- 
krocephalcn. Man könnte daraus den Schluss ziehen, dass dies überall der Fall sei und dass 
dieser Lappen bei allen Mikrocephalen mehr reducirt sei, als die Gesammtoberfläche. Man er- 
kennt diesen Irrthum, wenn man in der oben angegebenen Weise diejenigen Mikrocephalen, 
welche durch die Entwicklung ihrer Muskelgrätcn und der Schläfeleisten den Affen am meisten 
gleichen, betrachtet: 



Gesammt- 


Stirn- 


Scheitel- 


Hchläfe- 


Scheitel- und Schläfe- 


Hinter- 


oberfiäche. 


lappcn. 


lappen. 


lappen. 


lappou zusammen. 


lappen. 


Schüttelndreyer 37,3 


35,1 


26,7 


53,4 


38,5 


38,1 


Jena 40,6 


30,8 


26,5 


70,0 


46,1 


42,7 



Der Hinterlappen geht hier in ansteigender Bewegung der Gesammtfläche voran, wie bei 
dem Chimpanse. Sollte man nicht glauben, dass diese Bewegung mit der Entwicklung der 
Muskelgräton in Verbindung steht? 

Ich habe aus meinen Messungen noch andere Schlussfolgerungen zu ziehen versucht. 

Der Mikrocephale ist, wie wir sehen, Mensch durch sein Kleinhirn, das an Bildung und 
Oberfläche dem normalen Kleinhirn entspricht Ich habe mir demnach sagen müssen, dass der 



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227 



Ueber die Mikrocephalen oder Affen - Menschen. 

normale Thcil gewissermaassen als Maas* für die krankhafte Reduction der anderen Theile die- 
nen könne, und demnach eine Tabelle berechnet, in welcher ich die Oberfläche der einzelnen 
Lappen mit derjenigen des Kleinhirns vergleiche. 



Vergleichende Tabelle der Oberfläche der Hirnlappen, diejenige des Kleinhirns 

— 100 genommen. 



Namen. 


Stirn- 

lappeu. 


Scheitel- 

lappen. 


Schläfe» 

lappen. 


Hinter- 

lappea. 


Ludwig Racke 


88, 0 


104,0 


175,5 


25,9 


Gottfried Mach re 


127,0 


131,7 


141,8 


30,2 


Friedrich Sohn 


166)1 


110,4 


173,5 


54,0 


Schüttelndreyer 


106,6 


75,5 


119,» 


31,1 


Jena ... 


117,7 


»5,3 


201,1 


44,2 


Mächler 


100,0 


68,9 


129,7 


28,6 


Joh. Georg Moegle ..... 


ns,5 


106,1 


109,4 


28,6 


Jakob Moegle 


76,6 


— 


— 


17,0 


Cretin 


260,0 


287,1 


245,4 


61,8 


Junger Chimpanse ( 


232,8 


— 


- 


64,9 


Neger 


372,7 


359,5 


367,7 


90,6 


Weiwer 


253,5 


238,6 


189,4 


68£ 



Untersucht man genau diese Tabelle, so findet man, dass der Neger überall voransteht, 
sein Kleinhirn ist im Verhältniss zu den übrigen Hirnlappen ausserordentlich unbedeutend; ist 
dies ein RaeencharaktorV oder eine individuelle Abweichung? Zahlreichere Untersuchungen 
müssen uns hierüber belehren. Wenn ich aber das Verhältniss der Lappen zum Kleinhirn bei 
den übrigen bcurtheile, so erhalte ich folgende Reihen, die ich in der Weise zusammensetze, 
dass ich von dem am meisten begünstigten Individuum zu dem am wenigst begünstigten herabgehe. 



Stirnlappen. 


Schcitellnppen. 


Neger 


Neger 


Cretin 


Cretin 


Weisser 


Weisser 


Chimpanse 


Maehre 


Friedrich Sohn 


Friedrich Sohn 


Maehre 


Joh. Gg. Moegle 


Jena 


Racke 


•lob. Gg. Moegle 


Jena 


Schüttelndreyer 


Schüttelndreyer 


Maehler 


Maehler 


Racke 




Jakob Moegle 





Schiäfefappen. 


Hinterlappcn. 


Neger 


Neger 


Cretin 


Weisser 


Jena 


Chimpanse 


Weisser 


Cretin 


Racke 


Friedrich Sohn 


Friedrich Sohn 


Jena 


Maehre 


Schüttelndreyer 


Maehler 


Maehre 


Schüttelndreyer 


Maehler 


Joh. Gg. Moegle 


Joh. Gg. Moegle 
Racke 

Jakob Moegle. 



29 * 



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228 



L eber die Mikrocephalen oder Affen -Menschen. 

Sacht man die Bedeutung dieser Reihen auf, so sieht man augenblicklich, dass die drei 
dem Gewölbe angehörenden Lappen, Stirn-, Scheitel- und Hinterlappen, bei allen Mikrocephalen 
betroffen sind und dass hinsichtlich derselben schwarze und weisse Rage, Cretin und Aß'e obenan 
stehen: dies muss wohl so sein, da wir bei letzteren normale Tbeile mit einem normalen Theil 
vergleichen, während wir bei den Mikrocephalen abnorm verminderte Theile mit einem nor- 
malen vergleichen. Welche Differenzen sich auch finden, der begabteste Mikrocephale hinsicht- 
lich des Stirnlappens zeigt diesen um die Hälfte kleiner als der Chimpanse, dasselbe Verhält- 
niss zeigt sich zwischen demjenigen, der hinsichtlich des Scheitellappens am begabtesten ist, 
und dem Weissen, der neben ihm steht, während hinsichtlich des Hinterlappens die Differenz 
geringer ist Ausserdem können wir noch bemerken, dass der Hinterlappen des Chimpanse 
verhältnissinässig etwas kleiner als deijenige des Weissen ist (4,1 Proc.), dass also auch in die- 
ser Hinsicht keine wesentliche Verschiedenheit zwischen Mensch und Affe stattfindet. 

Anders verhält es sich mit dem Schläfelappen. Die Verschiedenheiten zwischen normalen 
und abnormen Individuen sind nicht sehr auffallend. Jena schiebt sich zwischen den Cretin 
und den Weissen hinein und man bemerkt nicht mehr die bedeutende Lücke, welche bei den 
anderen Lappen die normalen und abnormen Glieder der Reihe auseinanderhält. Auch dieses 
bestätigt, was wir oben über diesen Lappen sagten, er nähert sich den normalen Verhältnissen 
am meisten, da er unter den Hirnlappen derjenige ist, welcher der Schädelbasis am engsten 
an gehört. 

Endlich geht auch aus dieser Betrachtung wieder hervor, dass zwischen den einzelnen 
Mikrocephalen in Beziehung auf das Maass der Betheiligung der einzelnen Lappen au der Re- 
duction individuelle Verschiedenheiten obwalten. 



Ich möchte der Betrachtung der Unterfläche des Stirnlappens, welche auf dem Dach der 
Augenhöhlen ruht, und von Gratiolet Augen lappen (Lobule orbitaire) genannt wurde, eine 
grosse Wichtigkeit beilegen. 

Der Boden der vorderen oder Stirngruben der Schädelbasis bildet bekanntlich bei dem 
weissen Menschen ein in der Mitte durch den Hahnenkamm des Siebbeines getrenntes Kreis- 
segment, welches nach hinten durch die ausgeschweiften scharfrandigon Flügel des Keilbeins 
begrenzt wird. Die beiden Augenhöhlendächer wölben sich zur Seite des Hahnenkammes auf, 
der sich in der Mitte einer seichten Grube mit allmälig einfallenden Rändern erhebt, welche 
durch die Siobbeiuplatte geschlossen wird. Auf den Augenhühlendächern erheben eich sehr 
starke und complicirte Vorsprünge und Hirnjoche, die hier im Allgemeinen weit deutlicher 
sich ausprägen, als irgendwo sonst auf der Innenfläche des Schädels. Diese Joche sind äusserst 
unregelmässig und auf beiden Seiten verschieden, so dass man sie kaum im Allgemeinen beschreiben 
kann. Man unterscheidet indessen doch meistens einen Zug, welcher dem hintern scharfen 
Flügelrande des Keilbeins parallel läuft, etwa in der Entfernung eines Centimeters. und von 
welchem drei bis vier häufig nach aussen gegabelte, hier und da mit Knoten besetzte und oft 
gekrümmte oder knieförmig gebogene secundäre Kämme auslaufen. Die Mitte des Augen- 
höhlendaches ist häufig durch einen hühern Kamm oder Knoten ausgezeichnet. 

Alle diese Unebenheiten müssen sich nothwendig auf dem innern Schädclausgusse als Ein- 



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Ueber die Mikrocephalen oder Affen - Menschen. 229 

drücke, Spalten oder Canäle darstellen, während die dazwischen liegenden Vertiefungen, der Hirn- 
bildung entsprechend, als Wülste und Windungen erscheinen. 

Betrachtet man nun den Ausguss eines weisscn Schädels, so ist man in der That überrascht 
von der ausserordentlichen Ausdehnung und Mannigfaltigkeit der Windungen, welche sich auf 
der Unterfläche des Angenlappens zeigen. Die beiden Lappen sind in der Mitte durch die grosse 
Himspaltc getrennt, welche sich weiter auf die Stirn fortsetzt. Die Windungen, welche diese 
Spalte beiderseits einfassen, sind breit, stark und meist von dem Lappen durch eine unregel- 
mässige Parallelspalte geschieden. Die Mitte des Lappens ist eingedrückt, sie gleicht mit den 
ihr zulaufenden Rinnen einem Bergthale, welchem von verschiedenen Seiten her Wasserbäche 
Zuströmen. Der Aussenrand ist etwas erhaben, er wird von dem untern Wulste des Stirnlappens 
gebildet, und meistens sieht man eine Spalte, welche der Trennungslinie zwischen diesem Wulste 
und dem vordem und untern Ende des Schläfelappens parallel läuft Durch diese Erhebung 
der Seitenränder wird eine fast ebene Fläche hergestellt, und wenn man den Ausguss oder das 
Gehirn des weissen Menschen von der Seite betrachtet, so steht die der Siebbeinplatte entspre- 
chende Windung kaum und höchstens um einige Millimeter Uber den Seiteurand hervor. Be- 
trachtet man das Gehirn des weissen Menschen von vorn, so zeigen sich zwei äusserst flach 
gewölbte Bogenlinien, welche in der Mitte in einem stumpfon, gotheilten Vorsprunge zusammen- 
laufen. 

Derselbe Theil zeigt sich schon etwas verschieden bei dem Neger; da die Stirnlappen weit 
schmäler sind, so erscheint die Augenfläche des Ausgusses nicht mehr in Gestalt eines Kreis- 
abschnittes, sondern in derjenigen einer halben, langgczogenen Ellipse. Man bemerkt zugleich 
an dem Schädel, dass die Augenhöhlen weit mehr gegon das Innere vorspringen and dass die 
Grube, in welcher der Hahnenkamm mit derSiebbeinplatte liegt, weit tiefer und enger ist; dar- 
aus folgt, dass dieser Theil am Hirnausgusse weit mehr vorspringt und dass, wenn man die 
Vorderansicht des Ausgusses vom WeisBen mit einem äusserst flachen doppelten Brückenbogen 
vergleichen kann, dessen nässere Pfeiler kaum kürzer sind, als der innere getheilte Doppelpfeiler, 
dieselbe Ansicht beim Neger zwei unvollkommene, stärker gewölbte Bogen darstellt, die nur auf 
einem mittlern, schmälern und längern Strebepfeiler ruhen, während die äusseren Pfeiler in der 
Luft schweben. Der mittlere Vorsprung gleicht beim Neger einigermaassen einem Schnabel; die 
untere Windung des Stirnlappeus erhebt sich bei ihm weit mehr und erscheint wie von unten 
eingekerbt, so dass der mittlere Vorsprung weit mehr in der Profllansicht bervorragt, als bei 
dem Weissen. Lege ich den Schädelausguss eines Negers, den ich mir behufs meiner Verglei- 
chungen habe fertigen lassen, auf eine horizontale Tischplatte in der Weise, dass er auf dem 
mittlern Vorsprunge und den vorderen Spitzen der Schläfelappen ruht, so kann ich leicht mit 
meinem Finger unter den Rand des Stirnlappens eindringen; bei dem Hirnausgusse des Weissen 
ist höchstens Platz für eine miissig dicke Bloifeder. Die Windungen und Furchen auf der Ober- 
fläche des Angenlappens scheinen bei dem Neger kaum weniger complicirt als bei dem Weissen, 
und ganz nach demselben Systeme angeordnet; das Gegentheil könnte nur aus der Vergleichung 
von weit zahlreicheren Ausgüssen hervorgehen, als ich besitze. 

Setze ich diese Untersuchung an dem Schädel und dem Ausgusse eines menschenähnlichen 
Affen, eines jungen .Chimpanse, fort, so finde ich die bei dem Neger beobachteten Formen, nur 
noch weit stärker aasgebildet. Die Siebbeinplatte ist tief und eng zwischen die stark nach 



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230 Lieber die Mikroeephalen oder Affen -Menschen. 

innen aufgewulsteten Augenhöhlendächer eingeseakt und diese Augenhöhlendächer selbst zeigen 
weit weniger complicirte Bildung. Man unterscheidet in der Mitte einen geknieten Kamm, von 
welchem ein oder zwei kleine Seitenkämme ausstrahlen, man sieht nicht mehr jenes complicirte 
System von Hügeln und Thälern, welches sich etwa darstellt, wie die Zeichnung der älteren 
Landkarten. Der Schädelausguss zeigt dieselben Verschiedenheiten. Von der Seite gesehen ist 
der Stirnlappen verhältnissmässig noch weit mehr ausgeschnitten als bei dem Neger, der mitt- 
lere Theil senkt sich herab wie ein breiter Kamm, wie ein Krummschnabel mit breiter Sclineide- 
fläche. Stelle ich den Ausguss in die beschriebene Lage, so kann ich meinen Mittelfinger, wie 
bei dem Neger, unter den Stirnlappen einschieben. Der Ausguss des Chimpanse hat aber nicht 
einmal dasViortel der Grösse des Negerausgusses. Von vorn gesehen bietet dieser in der Mitte 
durch eine der grossen Hirnsichel entsprechende Falte gespaltene Schnabel einen ganz eigeu- 
thümlichcn Anblick dar, ebenso auffällig erscheint er bei der Ansicht von unten. Bei dieser 
Ansicht sieht man auch die Furchen und Windungen, welche den Unebenheiten des Augenhöhlen- 
daches entsprechen ; sie sind ungemein viel einfacher ; die Oberfläche des Ausgusses ist beinahe 
glatt, man sieht in der Mitte eine schwache Furche, die ein oder zwei sehr kleine Aeste aus- 
schickt, eine andere Furche läuft gegen den Hand, wo sie auf die dritte Stirnwindung übergeht. 

Das Hirn des Affen unterscheidet sich demnach von demjenigen des Menschen durch die 
Vereinfachung der Augenwindungen und durch die Ausbildung eines Sieb- 
schnabels. 

Dieser Charakter hält durch die ganze lieihe der Affen Stich. Man braucht nur, um sich 
davon zu überzeugen, beim Mangel von Originalien die vortrefflichen Abbildungen zu durch- 
laufen, welche Gratiolet in seiner Abhandlung über die Hirnwindungen der Primaten gegeben 
hat. Der Siebschnabel ist überall ausgebildet, bei den Gehirnen wie bei deu Ausgüssen, er fehlt 
nirgends und scheint mir ein anatomischer Charakter, der weit oher zur Unterscheidung des 
Affengehirnes vom Mcuscheugehirno gebraucht werden kann, als irgend ein anderer. Zuweilen 
ist freilich die Ausbildung dieses Siebschnabcls bei den Affen nicht so ausgesprochen, aber dies 
ist nur dann der Fall, wenn die ganze Hemisphäre zum Schnabel zugespitzt ist, wie das z. B. 
bei der grünen Meerkatze (Cercopithecus griseus F. Cuvier) der Fall, wio ich mich an einem 
ganz frischen Exemplare überzeuge, das Prof. Breslau in Zürich mir unmittelbar nach dem 
Tode des Affen zuzusenden die Gefälligkeit hatte. 

Die Windungen des Augenlappens finden sich bei allen Affen, mit Ausnahme vielleicht der 
Uistiti’s, die überhaupt ein fast glattes Gehirn besitzen, aber allgemein Bind diese Windungen 
nur sehr einfach; eine Spalte läuft längs des Schnabels, in der Mitte des Lappens findet sich ein 
Eindruck, von welchem einige wenig ausgebildete Spalten ausgehen. So ist auch die Bildung 
bei der erwähnten Meerkatze; in Folge der allgemeinen Verengerung der Stirngegend bei den 
Affen zeigt sich der Stirnlappeu in Form eines gleichschenkligen , in der Mitte getheilteu Drei- 
eckes und diese Gestalt trägt noch dazu bei, deu Schnabel zu vervollständigen. 

Sehen wir nun zu, bis zu welchem Grade unsere Mikroeephalen sei es mit den Affen oder 
Menschen übereinstimmen. 

Die Bildung eines Schnabels ist ausserordentlich deutlich bei der Maehler, bei Jakob 
Moegle, dem Züricher Cretin, Schüttelndreycr und Michel Sohn. Mau mag den Ausguss 
von vorn, von der Seite oder von unten betrachten, stets fällt diese Schuabelbildung iu erster 



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lieber die Mikrocephalen oder Affen -Menschen. 

Linie anf. Bei Schüttelndreyer steht zwar der Schnabel auf der Unterseite nicht hervor, 
dagegen ist seine Bildung um so ausgesprochener, wenn man den Ausguss von der Seite oder 
von vorn betrachtet, wegen der tiefen Einsenkung, die wir oben beschrieben und die den Schna- 
bel von dem übrigen Stirnlappen abtrennt; er ist weit weniger ausgesprochen bei Johannes 
Moegle und Friedrich Sohn, wo sein absolutes Maass etwa dasjenige des Negers erreicht, 
noch weniger bei Maehre und Racke, wo sein relatives Maass demjenigen des Negers gleich- 
kommt, und bei Jena existirt keine Spur davon. 

Wir haben also vier echte Mikrocephalen und den Cretin, bei welchem der Siebschnabei 
affenformig, zwei, wo seine Entwicklung zwischen derjenigen beim Neger und beim Affen inne- 
steht, zwei und zwar die entwickeltsten, wo sie derjenigen des Negers gleichkommt, und einen, 
wo die Bildung des Weisscn selbst durch vollständige Abwesenheit übertroffen wird. 

Was die Entwicklungen der Windungen auf der untern Fläche betrifft, so findet Bich keine 
Spur davon bei Maehler, Jakob Moegle, dem Cretin, Schüttelndreyer, Jena und Michel 
Sohn; diese sechs stehen in dieser Beziehung noch unter dem Chimpanse und der Mehrzahl 
der Affen; bei den vier ersten läuft von dem hintern Rande des Schnabels eine etwas erhabene 
stumpfe Leiste nach beiden Seiten dem äussern Rande entlang bis zum Schläfelappen; bei 
Schüttelndreyer findet sich vor dieser Leiste eine unregelmässige Einsenkung, aber keine 
Spur von Windungen und Falten; die Verhältnisse bei Jena und Micbel Sohn sind oben 
beschrieben. 

Bei allen anderen, Johann Moegle, Friedrich Sohn, Maehre und Racke, sind zwei 
deutliche Windungen vorhanden, die aber mit nur sehr geringen Abänderungen das beim Chim- 
panse ausgeprägte System wiederholen. Man findet eine mittlere Kniefurche, von welcher einige 
kurze seichte secundäre Furchen ausstrahlen. Keiner zeigt auch nur annähernd den Windungs- 
reichthum, welchen Neger und Weisaer gewahren lassen. 

Die einzigen Figuren in der Ansicht von uuten von Mikrocephalen-Gehirnen , deren Hüllen 
abgenommen waren, die ich kenne, sind die J ena’s von Theile (Henle und Pfeuffer, Zeitschrift, 
3. Folge, Band XL Tafel XI.) und von Gratiolet (Leuret et Gratiolet, Atlas PI. 32). Man sieht 
bei J e n a eine sehr seichte Kniefurche auf der übrigens glatten Oberfläche des Lappens , bei 
Gratiolet eine kleine Furche auf jeder Seite des eingesunkenen Schnabels und ausserdem auf 
der Mitte des rechten Lappens eine Kniefurche, auf dem linken dagegen eine kleine gerade 
Furche. Man vergleiche diese Figuren mit dem Reichthum der Windungen und Furchen auf 
den Augenlappen eines Cbarrua (Leuret et Gratiolet, PL 21), oder mit denen des Orangs und 
Chimpanses (Plis Cercbraux, PI. III. et VI.) und man wird zugestehen müssen, dass eine ausser- 
ordentliche Verschiedenheit zwischen den Menschen und den Mikrocephalen besteht, die sich 
weit mehr den Affen nähern, selbst ohne Bie in dieser Hinsicht zu erreichen. 

Wi; sehen also, dass unter denjenigen Mikrocephalen, deren Gehirn das Maass der grossen 
Affen nicht erreicht, die Mehrzahl einen Siebschnabel hat, wie die Affen, nebst vollkommen glat- 
ten und ungefurchten Augcnlappen, dass der Windungsreichthum bei keinem denjenigen der 
grossen Afl’cn übertrifft und nirgends dem Windungsreichthiim der Menschen auch nur im Ent- 
ferntesten nahe kommt. 

Untersuchen wir nun die übrigen Windungen des Stirnlappens. 

Das untere Stockwerk oder die Augenwindung, welche nach aussen und unten hin die 



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Ueber die Mikrocephalen oder Affen -Menschen. 

Stirngrube des Schädels ausfüllt, indem sie sich an die Inuenwand des Stirnbeines anlegt, ist 
bei dem Menschen äusserst complicirt; mit ihrem hintern Rande legt sich diese Windung an 
den Vorderrand des Schläfelappens, von welchem sie nur durch die Sylvische Spalte getrennt 
wird; sie bildet die Vordorwand dieser Spalte bis zu ihrer Gabeltheilung in vordem und hintern 
Ast auf der ganzen Länge des gemeinschaftlichen Stieles, sie zeigt selbst auf dem Ausgusse 
zahlreiche Secundär- und Tertiärfurchen, die ihren Rand einkerben und namentlich auf der 
äussern Fläche sehr zahlreich und mannigfaltig erscheinen; die Höcker und Spalten, welche 
auf der Augenfläche des Ausgusses sich zeigen , schwingen sich über den äussern Rand dieser 
Windung herum und geben ihr ein gekerbtes Aussehen. 

Bei den menschenähnlichen Affen sieht mau noch etwas Aebnlichea doch in weit geringerer 
Ausbildung; man sieht meistens auf dem Ausgusse nur eine, höchstens zwei einander sehr ge- 
näherte Einkerbungen des Randes, bei den meisten anderen Affen ist der Rand vollkommen 
glatt und setzt sich mit einer regelmässigen Krümmung von unten nach aussen und oben fort; 
so sehe ich bei der grünen Meerkatze nur einen gewollten Rand , der wohl zwei Einkerbungen 
andeutet, die aber keine eigentlichen Spalten bilden. Ausserdem erreicht dieBe Windung bei 
den Affen nur in den Fällen den Schläfelappeu, wenn der vordere Ast der Sylvisclien Grube 
nicht vollständig ausgebildet ist und nur eine Furche darstcllt, die etwas über der eigentlichen 
Spalte aufhört, ohne in dieselbe bineinzumünden. So sehe ich bei der grünen Meerkatze den 
hintern Theil der Augenwindung durch eine dünne etwas eingesunkene Brücke mit der untern 
Spitze der vordora Centralwindung verbunden, so dass eigentlich der vordere Ast der Sylvisclien 
Spalte mit der Hauptspalte gar nicht in directer Verbindung ist, ebenso verhält es sich nicht 
nur bei den von Gratiolet dargestelltcn Gehirnen des Orang und des Chimpanse, sondern 
auch bei allen von Gratiolet abgebildeten Affengehirnen. 

Daraus folgt, dass diese Augenwindung beim Menschen und Affen eine sehr bedeutende 
Verschiedenheit darbietet; — bei dem Menschen ist sic in ihrem hintern Theile vollkommen be- 
grenzt und durch den gemeinschaftlichen Stamm der Sylvischen Spalte von den übrigen Win- 
dungen und namentlich dem Schläfelappeu getrennt, sie ist sehr complicirt und mit secun- 
dären und tertiären Falten bereichert; bei dem Affen dagegen ist diese Windung sehr einfach, 
häufig selbst ganz glatt, sie ist mit der vordem Centralwindung mittelst einer Brücke vereinigt; 
es giebt keinen gemeinschaftlichen Stamm der Sylvischen Spalte und ihr vom Stamm getrennter 
vorderer Ast würde bei ihrer directen Verlängerung die Spalte erst am Rande der Hemisphäre 
treffen; das will mit anderen Worten heissen, dass bei dem Menschen der durch die beiden 
Centralwindungen gebildete Klappdeckel des Stammlappens oder der Insel auf drei Seiten frei 
ist und über don in der Tiefe verborgenen Stammlappen von oben herüberhängt, wahrend bei 
dem Affen der Klappdeckel mit seinem untern Ende augewachsen und nur mit dem hintern 
Rande frei ist Das will ferner sagen, dass die Sylvische Spalte beim Menschen die Gestalt 
einer zweizinkigen Gabel oder eines Y, bei dem Affen dagegen diejenige eines V hat. 

Untersuchen wir nun die Mikrocephalen. Wir besitzen zwei Reihen von Figuren des Ge- 
hirnes von J en a; eine weniger ausgeführte, aber vielleicht genauere von Theile, eine künstlerisch 
behandelte, erst nach der von Theile geführten Untersuchung gefertigte von R. Wagner. Bei 
Theile vereinigt eine breite Brücke die Augenwinduug mit der vordem Centralwindung , bei 
Wagner ist die bei Theile aus zwei getrennten Einsenkungcn bestehende Furche über die 



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lieber die Mikrocephalen oder A ffen - Menschen. 

Brücke hin zu einer einzigen Spalte vereinigt; wie dem aber auch sei, so existirt bei keinem 
ein gemeinschaftlicher Stamm der Sylvischen Spalte, die beiden Aeste vereinigen sich in spitzem 
Winkel an dem Unterrande der Hemisphäre. 

Bei den beiden von Gratiolot abgobildeten Gehirnen sehe ich einige Verschiedenheiten. 
Das eine (Taf. 24, Fig. 4) zeigt den vordem Ast der Sylvischen Spalte vollständig und die 
Augenwindung scharf begrenzt, das andere (Taf. 32, Fig. 2) zeigt den vordem Ast unterbrochen 
und die Angenwindung mit der Centralwindung durch oine Brücke vereinigt. Bei beiden findet 
sich aber keine Spur eines gemeinschaftlichen Stammes der Sylvischen Spalte; die vordere Cen- 
tralwindung steigt bis zum Rande herab; das eine dieser Gehirne ist ganz affenähnlich, das an- 
dere nnr zur Hälfte. 

In diesem letztem Punkte gleichen sich alle Ausgüsse; bei keinem finden wir eine Spur 
eines gemeinschaftlichen Stammes der Sylvischen Spalte, bei allen vereinigen sich die mehr 
oder minder tiefen Furchen, welche die beiden Aeste der Spalte andeuten, in spitzem Winkel am 
Ramie der Hemisphäre; alle Mikrocephalen besitzen in dieser Beziehung Affengehirne. 

Hinsichtlich der übrigen Einzelheiten in der Structur giebt es ebenfalls Verschiedenheiten. 

Der vordere Ast der Sylvischen Spalte ist bei Racke, Maehre und den beiden Sohn ziem- 
lich deutlich, die auf dem Ausgusse sichtbare Kinne ist tief genug, so dass man wohl glauben 
kann, dass keine Verbindungsbrücke existirte. 

Bei allen anderen zeigt sich keine Rinne in dem untern Theile; bei der Maehlcr, 
Schüttelndreyer, den beiden Moegle und dum Cretin ist sogar auf dem Abgusse die Ver- 
bindungsbrücke deutlich ausgeprägt; bei Johann Moegle, dem Cretin und Jena sieht man 
nur eine dem obem Theile des vordem Astes entsprechende Rinne. 

Die Verschiedenheiten, die bei den schon erwähnten Mikrocephalen -Gehirnen constatirt 
werden konnten, wiederholen sich also auch hier, vielleicht nach einem wahrnehmbaren Bildungs- 
gcsctzc. Die weniger voluminösen Gehirne sind gänzlich affenartig; melirere nähern sich sogar 
den niederen Affen durch die Gestaltung ihrer Windungen ; die Mikrocephalen mit voluminösen 
Gehirnen streben dagegen der menschlichen Bildung mehr zu. 

Die zwei oberen Stockwerke der Stirnwindungen zeigen bei den Mikrocephalen sehr 
bedeutende Verschiedenheiten. 

„Das obere Stockwerk des Stiralappens, sagtGratioletfPlis cerebraux pag. 88), scheint von 
allen das bedeutendste. Einfach bei den Meerkatzen, zeigt es bei den höheren Affen jeder 
Gruppe Unterabtheilungen und zerfällt bei dem weissen Menschen in drei breite gebogene 
Windungen. Diese Theilung, von welcher man bei dem Orang und dem Chimpanse schon die 
ersten Spuren sieht, ist ein deutliches Zeichcu relativer Vervollkommnung.“ 

„Bei der weissen Rave (L c. S. 59) ist in der Mehrzahl der Fälle das mittlere Stockwerk 
in der ausserordentlichsten Weise gewunden und so mit dem obern Stockwerk verschmolzen, 
dass es meist äusserst schwer hält, die wahren Grenzen dieser Windung zu bestimmen.“ 

Diese beiden Stockwerke verhalten sich folgeudermaasseu bei unseren Mikrocephalen. 

Bei Johannes Moegle und Schüttelndreyer bugleitet eine einfache breite Windung, 
die nur bei dem Ersten etwas höckerig, bei dem Zweiten dagegen ganz glatt ist, den grossen 
mittleru Hirn Spalt und setzt sich in dem Siebschnabel fort. Hier ist also das obere Stock- 
werk auf das einfachste Verhältniss reducirt, nämlich auf einen Längswulst 

Archiv für Anthropologie. Band IL Heft 2. JQ 



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234 



Leber die Mikrocephalen oder Affen - Menschen. 

Hinter dieser Windung findet sieb bei den beiden genannten Mikrocephalen ein tiefer 
Eindruck, der den Schnabel von dem Reste des Stirnlappens trennt; einige kleine, horizontale 
Faltungen zeigen in dieser tiefen Grube kaum etwas von Trennungen in Stockwerke an, man 
kann kein mittleres Stockwerk unterscheiden. Derselbe Längswulst an der grossen Hirnspalte 
findet sich bei allen anderen Mikrocephalen, mit Ausuahme von Kacke und Maehre, in der- 
selben Einfachheit, aber bei Maehler, Johann Moegle, Jena uud Friedrich Sohn sieht 
man hinter dem Wulste zwei Einsenkungen, welche also den Stimlappen in drei Theile theilen 
und die sich senkrecht von oben nach unteD ziehen und den Raum zwischen der Augenwindung 
und dem obern Stockwerke cinnehmen. 

Die Stirnwindungen sind demnach bei den Mikrocephalen nicht über-, sondern hinterein- 
ander gelagert Die senkrechten Furchen übertreffen an Bedeutung die horizontalen. Diese 
Anordnung ist namentlich auffallend bei Maehler und Johannes Moegle, weniger bei 
Jena und Fri edricb Sohn. Man sieht sie sogar noch bei Racke und Maehre, doch erscheint 
sic hier schon durch die Zugabe von secundären Faltungen mehr verwischt. 

Dieselbe Anordnung zeigt sich an den von Gratiolet und Wagner abgebildeten Gehirnen; 
die Trennung des obern Stockwerkes ist sehr deutlich, die Spalten, welche die anderen Stock- 
werke scheiden sollten, kaum angegeben. Die Windungen sind ausserordentlich einfach und 
kaum an den Rändern gekerbt 

Fassen wir Alles zusammen, so können wir engen, dass sowohl hinsichtlich des Volumens 
und der Oberfläche wie hinsichtlich der Anordnung seiner einfachen Windungen, der Bildung 
eines Siebschnabels und der Gestaltung der Syivischen Spalte der Stirnlappen der Mikrocepha- 
len im Mittel ganz affenartig ist, dass hinsichtlich einzelner dieser Verhältnisse der Stirnlappen 
der weniger begünstigten Mikrocephalen demjenigen der niederen Affen nahe kommt; dass er 
aber auch bei denjenigen mit grösserem Hirnreicbthume die den menschenähnlichen Affen vorge- 
zeichnete Grenze nicht überschreitet 

Man erlaube mir noch einige Bemerkungen über die Gestaltung der Sytvischen Spalte, die 
an und für sich eine ausserordentliche Bedeutung hat, weil sie nach der Ansicht von Gratiolet 
nur bei den Primaten, d. h. dem Menschen und dem Affen, vorkommt 

Der vorherrschende Unterschied lässt sich mit einigen Worten ausdrücken. Die Sylviscbe 
Spalte zeigt sich auf der Aussenfläche des menschlichen Gehirnes in Gestalt einer zweizinkigen 
Gabel oder eines Y, auf derjenigen des Affen- und Mikrocephalen -Gehirnes in Gestalt eines V. 

Woher dieser Unterschied? 

Ganz gewiss von der ausserordentlichen Entwicklung der Augenwindung des Menschen. 

Diese Windung drängt bei dem Menschen die anderen Windungen nach oben zurück; indem 
sie horizontal von vorn nach hinten wächst, hebt sie so zu sagen die oberen Stirnwindungen 
und das untere Ende der Ccntralwindungen empor, legt sich an den vordem Rand des Schläfe- 
lappens an und bildet so den Stiel der Syivischen Gabel. Bei den Mikrocephalen und den 
Affen dagegen entwickeln sich die Centralwindungen stärker, schieben sich zwischen die Augen- 
windung und den Schläfclappen ein, erreichen mit ihrem untern Ende den Rand der Hemi- 
sphäre und füllen so den durch die beiden Aeste der Syivischen Spalte gebildeten Winkel voll- 
ständig aus. 

Diese Entwicklungswege zeigt sich auch im Laufe der embryonalen Ausbildung. 



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Ueber die Mikrocephalen oder Affen -Menschen. 

Wir wissen heute, dass das Gehirn des fünfmonatlichen menschlichen Fötus vollkommen 
glatt und windungslos ist *), und dass es auf der Seite eine grosse beinahe dreieckige Vertie- 
fung zeigt, in welcher der Centrallappen oder die Insel frei zu Tage liegt. Schmidt sagt 
(Beiträge sur Entwicklungsgeschichte des Gehirns in Siebold’s und Kölliker’s Zeitschrift 
Band 11, 1862, S. 521: „Die durch die Krümmung entstehende quere Vertiefung der untern 
Fläche des ganzen Gehirnes ist anfangs sehr breit und dach, wird aber allmälig immer tiefer 
und enger: es ist die Sylvische Grube, deren Tiefe demnach immer als Ausdruck der Ent- 
wicklung der Hemisphären erscheint und zu der Grösse derselben in geradem Verhältnisse 
steht. Die angeheftete Stelle der Hemisphäre bildet, bei dem zunehmendem Umfange des 
Hirnschenkels, einen um denselben gebogenen Rand; innerhalb dieses Randes bildet sich der 
Stammlappen aus, der anfangs an der äusseru Seite der Hemisphäre ganz frei liegt; wie aber 
später die umliegenden Theile verhültnissmässig mehr und mehr an Grösse zunehmen, wölben 
sie sich über die kleine Insel von vorn, oben und hinten her.“ Mag man diese Bewegung, sei 
es auf den Tafeln von Reichert (Bau des menschlichen Gehirns, Taf. XII.), oder auf denen 
vonGratiolet (Leuret et Gratiolet, PL 29 — 31), verfolgen, stets wird man sich leicht überzeugen, 
dass die Centralwindungen des Menschen auf der Höhe des Dreieckes bleiben und sich kaum wei- 
ter entwickeln, während der Raum durch die Augenwindung auBgefüllt wird, die den Rand des 
Schläfelappens erreicht und sich an denselben so anlegt, dass aus dem Dreieck eine nur in 
ihrem obern Theile gegabelte Spalte wird. 

Wenn wir keine Materialien besitzen, um die embryonale Entwicklung der Affen zu ver- 
folgen, so sehen wir doch in der Reihe der Arten, dass diese zwar analog, aber dennoch in der 
Hinsicht verschieden sein muss, dass die Sylvische Lücke bei ihnen durch die herabsteigenden 
Centralwindungen und nicht wie beim Menschen durch das Vorwachsen der Augenwindung ge- 
schlossen wird und dies einfach aus dem Grunde, weil überall bei den Affen die Centralwin- 
dungen bis zum Rande der Hemisphäre hinabsteigen. 

Ohne Zweifel findet sich dieselbe Modification in der Entwicklung der Mikrocephalen. 
An einem der von Gratiolet abgcbildeten Gehirne (L c. Taf. 32) sieht man in der Profil- 
ansicht und noch besser bei der Ansicht von unten im Grunde der weit geöffneten Sylvischen 
Spalte den Stammlappen zu Tage liegen , nichtsdestoweniger steigt die vordere Centralwinduug 
vor dem zu Tage liegenden Stammlappen herab und verbindet sich durch eine sehr deut- 
liche Brücke mit der Augenwindung. Drückt man in Gedanken die Theile zusammen, so würde 
die vordere Centralwindung, nicht aber die Augenwindung an den Rand des Schläfelappens 
sich anlegen. In dem andern Gehirne (1. c. Taf 24 , Fig. 4) sieht man unterhalb des untern, 
etwas gekrümmten Endes der vordem Centralwindung eine Art von Keil mit cl bezeichnet, 
über welchen man im Zweifel bleiben kann, da weder die Erklärung der Tafel noch der Text 
einigen Aufschluss bietet. Mag dieser Wulst der Stammlappen oder das Ende der vordem 
Centralwindung sein, immerhin erreicht die Augenwindung den Schläfelappen nicht und die 
Sylvische Spalte bildet ein V wie bei den Affen, während die Centralwinduug ganz dazu ange- 



*) Die Windungen und Spalten, die man vor dieser Zeit im dritten uud vierten Monat an dem Gehirne 
des menschlichen Fötus bemerkt, vereehwindeu im fünften Monate wieder, so dass die llomiBphären aufs Neue 
ganz glatt werden. (Siehe Kölliker, Entwicklungsgeschichte des Menschen, 1861, Seite 233.) 

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236 Ueber die Mikrocephalen oder Atfen- Menschen. 

than scheint bis zum Rande herabzusteigen und den noch offen gebliebenen dreieckigen Raum 
auszofüllen. 

Man wird vielleicht diese Abschweifung etwas zu lang linden, sie erschien mir aber unerläss- 
lich wegen der Wichtigkeit der Augenwindung, deren Bildung in so enger Beziehung zur arti- 
culirten Sprache steht. 

Wenn wir nun zum Scheitellappen übergehen, so haben wir uns vor allen Dingen mit 
den Ceutralwindungen oder aufsteigenden Windungen zu beschäftigen. Genau genommen 
bilden diese Windungen eigentlich nur eine Schlinge, deren beide Aeste von oben her durch 
die Rolandosche Spalte getrennt werden und sich nach unten in einem Endzipfel vereinigen, 
welcher den Klappdeckel bildet, der den Raum zwischeu den beiden Aesteu der Sy lvischen 
Spalte ein nimmt und den Stammlappen bedeckt. 

„Die aufsteigenden Windungen des Scheitellappens, sagt Gratiolet (Pliscerebraux pag. 60 ) 
sind beim Menschen dick und stark gewunden, „indessen steht ihre allgemeine Ent- 
wicklung bei weitem nicht im Verhältniss zu derjenigen des Gehirns im Gan- 
zen.“ „Die Breite des Zwischenraums, welche die Wurzel der hintern Centralwindung von 
dem Ende der Sylvischen Spalte trennt, ist sehr auffällig; die obere Schläfenwindung bildet 
an diesem Orte bei dem Menschen zahlreiche Windungen, deren Masse einen oft ziemlich 
grossen Lappen bildet, welcher den Zwischenraum ausfüllt; dieses Läppchen ist dem Menschen 
eigentümlich und tiudet sich weder beim Orang noch beim Chimpanse.“ Die vordere Central- 
windung steht in ihrem obern Theile mit den Wurzeln der beiden oberen Stirnwindungen in 
Verbindung ; die hintere Centralwindung schickt oben ein zwickelformiges Läppchen ab, das der 
grossen Ilirnspalte entlang nach hinten läuft und häufig mit der Wurzel der obersten Ueber- 
gangswindung verschmilzt 

Die RolandoBche Spalte findet sich mit Ausnahme der letzten amerikanischen Affen bei 
allen übrigen Affen, die demnach auch stets die beiden Centralwindungen besitzen. 

leb habe schon darauf aufmerksam gemacht, dass die vordere Centralwindung in ihrem 
untern Theile ganz allgemein bei den Affen durch eine Brücke mit der Augenwinduug verbun- 
den ist, dass diese Brücke bei dem normalen Menschen, nicht aber bei den Mikrocephalen fehlt 

Es versteht sich von Belbst, dass die beiden Centralwindungen bei dem Menschen weit 
mehr gewellt, gekniffen uud durch Seitenspalteu gekerbt sind, als bei den Affen, wo sie im All- 
gemeinen fast gerade ohne Windungen uud Seitenkerben verlaufen. Die übrigen Einzelheiten 
ihres Baues scheinen mir nicht von besonderer Wichtigkeit 

Die Centralwindungen Hessen sich im Allgemeinen auf unseren Abgüssen sehr wohl unter- 
scheiden. Bei den sehr hirnannen Mikrocephalen (Mae hier, Schüttelndreyer, Johan- 
nes Moegle, Jona) und dem Cretin lassen sie sich leicht unterscheiden in Gestalt zweier 
gleichförmiger Wülste, die durch eine tiefe und breite Einsenkung ohne Spur von Seitenkerben 
geschieden sind, ebenso deutlich sind sie bei den Sohn, bei Maehre und Racke, sie erscheinen 
aber hier welliger in ihrem Verlauf, mehr quergefaltet und gekerbt, bei Jakob Moegle kann 
ich sic nur auf der rechten Seite unterscheiden. Linkerseits ist der sie trenneude Raum durch 
die in mehrere parallele Zweige gespalteuo Arterie der Hirnhaut ausgefüllt Uebrigens sind 
auch bei diesem Abgusse die Hirnwindungen und die sie trennenden Furchen so wenig deut- 
üch, dass der Abgnss fast eine gleichförmige Fläche darstellt 



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Ueber die Mikrocephalen oder Affen - Menschen. 

Die Centralwindungen sind also bei allen Mikrocephalen affenartig hinsichtlich der Brücke 
zur Augenwindung und bei den meisten auch hinsichtlich ihres geraden ungewundenen Verlau- 
fes; dieser letzte Charakter verwischt sich allmälig bei den grösseren Gehirnen, welche indessen 
immerhin weit hinter der menschlichen Verwicklung Zurückbleiben. 

Ich gestehe, dass ich mich hinsichtlich der krummen Windung Gratiolet’s in keiner 
geringen Verlegenheit befinde. Dieser giebt selbst folgendes Besume (Plis cerebraux , pag. 88); 
, Die krumme Windung entsteht bald vor dem Gipfel der Sylvischen Spalte, wie bei den Meer- 
katzen, den Makaken, den Pavianen, den Sais, Sajous und den Uistitis, bald auf dem Gipfel der 
Spalte, wie bei Semnopithecus, den Gibbons, den Orangs und den Ateles bald hinter diesem 
Gipfel wie bei dem Menschen. Diese W'indung hat einen aufsteigenden Theil, der zum Scheitel- 
lappen gohört, und einen absteigenden Ast, der zum Theil zum Schläfelappen gehört“ 

Ich muss etwas weiter ausholen, um meine Verlegenheit zu begründen. 

Unter allen Spalten, welche man an den Gehirnen der Primaten beobachtet, sind die bei- 
den con8tautesten einestheils die Sylvische Spalte, die niemals fehlt, anderntheils die Parallel- 
spalte des Schläfelappens, die zwar bei den Uistitis nur angedeutet, bei allen übrigen dage- 
gen sehr deutlich entwickelt ist ; die Rolandosche Spalte kommt erst in dritter Linie. 

Im Allgemeinen verlaufen die beiden ersten Spalten parallel, doch vereinigen sie sich oben 
unter einem sehr spitzen Winkel nach den Zeichnungen von Gratiolet bei den Cebus, den 
Makaken, einem Theile der Meerkatzen und der Paviane. In der That vereinigen sie sich bei 
dem Mandrill, während sie beim Papion getrennt bleiben, die Callitriche und die Mona zeigen 
den Zusammenfluss, der Mangabey und die grüne Meerkatze, die ich untersucht habe, die Tren- 
nung; ferner bleiben die Spalten getrennt bei dem Menschen, den menschenähnlichen Affen, 
den Gibbons, Semnopithecus, Ateles und Uistitis. 

Es scheint mir aus diesem Verhältnisse hervorzugehen, dass die Trennung oder Vereini- 
gung der beiden Spalten keine Thatsache von Wichtigkeit ist, weil sehr nahestehende Arten 
derselben Gattung in dieser Hinsicht Verschiedenheiten aufweisen. 

Ich finde auch verschiedene Verhältnisse hinsichtlich der Länge beider Spalten. 

Bei den Einen ist die Parallelspalto kürzer als dio Sylvischo, welche letztere sich über 
das Eude der Parallclspalte hakenartig herumkrümmt So vorhält es sich bei Ateles und die 
Bildung beginnt schon in ähnlicher Weise bei den Saguins und Uistitis, wo die Parallelspalte 
zuweilen auf einen einfachen Eindruck reducirt ist. 

Das Gegentheil findet statt beim Chimpause und Orang, den Pavianen, Meerkatzen und 
Gibbons, den Semnopithecus und nach Gratiolet bei dem weisseu Monschen, wo der Parallel- 



•) Es findet sich hier zwischen dem Resume und dem Text ein ähnlicher Widerspruch, wie der später *n 
erwähnende hinsichtlich der Uebergangswindungen. Ich habe liier den Text des Resuinc gegeben, scheu wir 
wie Gratiolet die krumme Windung bei Ateles Beelzebub (Seite 75) beschreibt: „Pie krumme Windung 
ist sehr merkwürdig, sie entsteht wie beim Menschen etwas hinter dem Gipfel der Spalte, im Uebrigen 
ist ihre Anordnung sehr verschieden , sie erhebt sich in der That ziemlich hoch und verschmilzt in ihrer 
Richtung so sehr mit der hintern Schläfenwindung, dass mau sie kaum unterscheiden kann. Unter dem 
gebogenen Theile der zweiten Windung angekommen, beugt sio sich um und steigt wie gewöhnlich in den 
Schläfelappeu hinab.* 4 

Und bei der Beschreibung de» Menschen (Seite 60): „Pie krumme Windung sitzt boi dem Men- 

schen wie bei dem Orang vollständig auf und entsteht im Niveau des Gipfel» der Spalte.** 



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238 Ueber die Mikrocephalen oder Allen -Menschen. 

Spalt einen nach vorn gekrümmten Haken bildet, der den Gipfel der Sylvischeu Spalte um- 
giebt 

Endlich bei der hottentottischen Venus, bei Inuus und Lagothrix ist die Parallelspalte zwar 
länger, bildet aber nicht den eben erwähnten Haken. 

Vergleiche ich nun mit diesen Verhältnissen die Angaben von Gratiolet, so finde ich 
Widersprüche, die ich mir nicht aufzulösen getraue. 

So soll einzig und allein beim Menschen die krumme Windung hinter dem Gipfel der 
Sylviscben Spalte entstehen und demnach auch nur das obere Ende der längern Parallel- 
spalte umgeben, aber bei den Somnopithecus , den Gibbons und den Drangs, wo die Spalten 
genau dieselben gegenseitigen Verhältnisse zeigen, soll die krumme Windung auf dem Gipfel 
der Sylviscben Spalte entstehen, und bei den Ateles, wo die Spalten gerade das entgegenge- 
setzte Verhalten zoigen, soll wieder die krumme Windung vor der Sylvischeu Spalte entste- 
hen, während sie bei den Saguitts und den Uistitis, wo doch die Spalten dasselbe Verhältniss 
zeigen wie bei den Ateles, wieder in anderer Weise entstehen soll. 

Nun scheint es mir aber, dass es die Furchen sind, welche die Windungen von einander 
trennen und dass, wenn mau sich nicht au diesen unterscheidenden Charakter hält, man in die 
reine Willkür verfallen muss, und es scheint mir demnach, da eine so grosse Verschiedenheit 
hinsichtlich der oberen Endigungen dieser wesentlichen Hirnspalten existirt, die bei sehr nahe 
verwandten Arten hier zusammenlaufen, dort getrennt bleiben, hier kürzer, dort länger sind, 
es scheint mir, sage ich, dass dieses ganze Packet von Hirnwindungen, welches die hinteren 
Enden der Spalten umgiebt und die hintere Centralwindung mit den Windungen des Schläfe- 
lappens verbindet, als ein Ganzes aufgefasst und in seiner Zusammengehörigkeit als krumme 
Windung beschrieben werden muss. 

Gratiolet hat mit vollem Rechte darauf aufmerksam gemacht, dass man, um sich in dem 
Labyrinth der Hirnwindungen finden zu können, von den einfachen Bildungen zu den zusammen- 
gesetzten fortschreiten muss, und ich finde gerade, dass die Einfachheit bei den meisten Affen 
hergestellt ist, wo eine gemeinsame Brücke oder gewölbte Windung existirt, welche die Enden 
der beiden Spalten zusaminonfasst und die, je nachdem dieselben sich vereinigen oder getrennt 
bleiben, zwei oder drei Pfeiler oder Wurzeln besitzt, die sich in den Scheitel - und Schläfelap- 
pen einseuken. 

Ich sehe, dass andere Beobachter dieselben Schwierigkeiten wie ich empfunden haben. 
„Ich muss gestehen,“ sagt Huxley *) in Proceedings of the zoological Society of London, Juni 
11, 1861, „dass derjenige Theil der Abhandlung dieses grossen Beobachters (Gratiolet), welcher 
sich auf die Identification der krummen Windung und der Uebergangswindungen in der gan- 
zen Reihe der Primaten bezieht, mir der am wenigsten genügende scheint“ 

Aus dieser Ungewissheit, die meines Erachtens aus einer fehlerhaften Auffassung der 
krummen Windung entspringt, gehen auch sehr auffallende Divergenzen liinsichtlich ihrer vor- 
dem W'urzel hervor, die mit dem Scheitellappen und namentlich mit der hintern Central- 
wiudung in Verbindung tritt. Gratiolet betrachtet diese vordere Wurzel, welche zwischen die 
hintere Centralwindung und den hintern Ast der Sylvischen Spalte sich einkeilt, als ein beson- 



*) ön the brain of Ateles poniücua, p. 12. 



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l'eber die Mikrocephalen oder Affen -Menschen. 

deres, von der obern Schläfenwindung abhängiges Läppchen. „Die Länge des Zwischenraums,“ 
sagt er (1. c. S. 60), „welcher bei dem Menschon die Wurzeln der hintern Centralwindung vom 
Gipfel der Sylvischen Spalte trennt , ist wohl zu beachten , die Randwindung bildet hier beim 
Menschen zahlreiche Faltungen, die ein ziemlich grosses Läppchen zusammensetzen, das diesen 
Zwischenraum ausfüllt. Dieses Läppchen ist dem Menschen eigentümlich und findet sich weder 
beim Orang noch beim ChimpanBe.“ 

Wenn ich nun die von Gratiolet selbst gegebenen Abbildungen untersuche, so finde ich 
beim Orang, eingekeilt zwischen die hintere Centralwindung und dicSylvische Spalte, eine breite 
Windung, ebenso breit als die Centralwindung selbst, wellig, mit secundären Einschnitten 
gekerbt, die sich nach oben mit der als krumme Windung bezoichneten vereinigt Hei dem 
Chimpanse finde ich die nämliche Windung ganz in ähnlicher Weise angeordnet und vergleiche 
ich diese Wendungen der beiden Affen mit dem Läppchen, welches bei der hotteDtoltischen 
Venus mit u bezeichnet ist, so finde ich dieselbe allgemeine Anordnung wieder, nur mit dem 
Unterschiede, dass bei der Venus dieses Läppchen stärker gefaltet und eingekerbt ist, als bei 
den grossen Affen. 

Ich sehe dieselbe Windung des Läppchens in der photographischen Abbildung eines Chim- 
panse-Gehirnes, welches Herr Marsball publicirt hat, und ich lese in seinem Texte (On tbe 
brain of a young Chimpanzee, pag. 14, in Natural history review, July 1861): „Was Gratiolet 
als einen bemerkenswerthen Charakter des Chimpause-Gehimes beschreibt, nämlich die dicke 
Wurzel der krummen Windung vor dem Gipfel der Sylvischen Spalte, statt der Entstehung auf 
dem Gipfel wie bei dem Menschen und bei dem Orang, so bin ich nach einer Vergleichung die- 
ser Theile beim Chimpanse und beim Menschen geneigt, diese sogenannte ausserordentlich breite 
und vor der krummen Windung gelegene Wurzel anzusehen, als sei sie in Wirklichkeit dem Läpp- 
chen der Randwindung homolog, welches Gratiolet für dem Menschen eigentümlich hält 
Dieser Ansicht nach kommt die krumme Windung beim Menschen, beim Oraifg und dem Chim- 
panse genau auf denselben Punkt, und wenn die Unterstellung des Doctor Woliaston richtig 
ist, so besitzen alle diese Wesen jenes Läppchen, das übrigens bei dem Menschen ebenso wie 
die Uebergangswindungen mehr entwickelt sein kann.“ 

Die Anfänge dieses Läppchens zeigen sich noch, den Abbildungen Gratiolet’s zufolge, in 
Gestalt einer einfachen Windung, die den Vorderrand des hintern Astes der Sylvischen Spalte 
bildet, bei den Gibbons, den Meerkatzen und den Semnopithecus; es existirt also hier wie für 
so viele andere Theile eine fortschreitende Reihenentwicklung und nicht eine Eigentümlichkeit 
des menschlichen Baues. 

Unglücklicherweise, möchte ich fast sagen, denn wenn es bei den Mikrocephalen eine Bil- 
dung giebt, die derjenigen der Affen ähnlich ist, so ist es wahrlich diejenige der krummen Win- 
dung; im ersten der von Gratiolet abgebildeten Gehirne (Taf. 24) keilt sich eine dicke ein- 
fache und kurze Windung ohne Einschnitte, die noch einfacher ist als beim Chimpanse, zwi- 
schen die Sylvische Spalte und die hintere Centralwindung, in dem zweiten (Taf. 32) ist dieser 
Theil noch mehr reducirt und noch weniger der menschlichen Bildung ähnlich. Das mensch- 
liche Läppchen würde hiernach bei beiden mikrocephalischen Gehirnen fehlen, wenn man 
die Betrachtungsweise von Gratiolet annimmt, oder vielmehr, was auf dasselbe hinaus- 



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Ueber die Mikrocephalen oder Affen -Menschen. 

kommt! dieses Läppchen, welches durchaus nicht dem Menschen ausschliesslich zukommt, be- 
sitzt bei den Mikrocephalen die Affenstructur. 

Ich sehe ganz dieselbe Bildung in dem von Wagner abgebildeten Gehirne von Jena (1. c. 
Taf. 3 4*); hier gleicht das fragliche Läppchen so sehr demjenigen des Chimpanse, dass man 
glauben könnte, es sei von dessen Gehirne abcopirt 

Man kann hinsichtlich der krummen Windung und dem in Rede stehenden Läppchen hei den 
Ausgüssen häufig zweifelhaft sein. Ich kann den Theil bei dcrMachler und bei Jakob Moegle, 
wo das Läppchen ganz zu fehlen scheint, nicht unterscheiden, dagegen ist er deutlich entwickelt 
bei Racke, Maehre, Friedrich Sohn, Schüttelndreyer und Johannes Moegle und bei 
den vier Ersten ist auch das Läppchen deutlich, wenn auch in geringem Maasse entwickelt 

Wenn die krumme Windung nach vorn undeutlich hegrnnzt ist, so ist sie es noch mehr in 
ihrer hintern Wurzel, welche mit den Uebergangswindungen verschmilzt I)a aber diese Wen- 
dungen im Zusammenhänge betrachtet werden müssen und zwei von ihnen wenigstens mit den 
Wendungen des Schläfelappeus zusammenfiiessen, so erspare ich ihre Betrachtung bis auf später. 

I)erSchläfelappen,der schief von hinten nach vorn und von oben nach unten gerichtet ist 
und die Mitteigruhen der Schädelbasis ausfüllt prägt auf seiner Aussenfläche die Unebenheiten 
des Felsenbeines und die hinteren Theile der Schläfenschuppe aus, seine obere Grenze gegen 
den Scheitellappen und den Hinterlappen lässt sich niemals ganz genau bestimmen. Die Pa- 
rallelspalte trennt ihn immer fast vollständig in zwei Theile, der obere Theil bildet die soge- 
nannte Raudwindung von Gratiolet, der untere Theil wird häufig noch durch eine zweite 
Parallelspalte, die indessen stets weit unvollständiger ist als die obere, in ein mittleres und unte- 
res Stockwerk geschieden. 

Die Parallelspalte ist bei den Menschen wie bei den Affen im erwachsenen Zustande sehr 
deutlich; wir haben schon von den wechselseitigen Beziehungen gesprochen, die in Hinsicht auf 
Länge und Verlauf zwischen dieser und der Sylvischen Spalte bestehen. Bei der Mehrzahl der 
Affen ist die Parallelspalte gerade und ohne Einkerbungen. Bei den menschenähnlichen Affen 
wird sie wellig und die Schläfenwindungen durch seitliche Einschnitte gekerbt Bei dem Men- 
schen werden diese Einkerbungen und Secundärspalten noch stärker, doch muss ich bemerken, 
dass hinsichtlich dieser Verwicklungen der Schläfelappen der hottentottischen Venus, Gra- 
tiolet’s Abbildung zufolge, noch hinter denjenigen des Drangs und des Chimpanse zurück- 
bleibt 

Ich muss gestehen, dass ich auf die Bildungen des Schläfelappens, deren Modificationen mir 
nur sehr unbedeutend und ganz dem aufsteigenden Vervollkommnungsgesetze in der Reihe ent- 
sprechend erscheinen, gar nicht eingegaugen wäre, wenn ich nicht in Gratiolet’s Abhandlung 
über die Mikroccphalie folgende Stelle gefunden hätte (Mfimoires de la Soc. d’Anthrop. VoL 1, 
pag. 04): „Die Windungen des Schläfelappens erscheinen bei den Affen zuerst und vollenden 
sich auf dem Stirnlappen; gerade das Gegentheil findet beim Menschen statt, die Stirnwindun- 
gen erscheinen zuerst, die Schläfenwindungen zuletzt; die Reibe der Bildungen schreitet also 
hier von Alpha nach Omega, dort von Omega nach Alpha fort Aus dieser sehr geuau cousta- 
tirten Thatsache folgt nun notliwendig, dass keine Bildungshemmung das menschliche Gehirn 
demjenigen der Affen ähnlicher machen könnte, als es im erwachsenen Zustande ist, es wird im 
Gegentheil um so unähnlicher sein , jo jünger es ist Diese Folgerung wird durch das Gehirn 



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Ueber die Mikrocephalen oder Affen -Menschen. 

der Mikrocephalen vollkommen bestätigt Auf den ersten Blick könnte man es für das Gehirn 
eine* neuen unbekannten Affen halten, die geringste Aufmerksamkeit genügt, um diesen Irrthum 
zu vermeiden. Bei einem Affen wird die Parallelspaltc lang und tief, der Schläfelappen mit 
complicirten Einschnitten bedeckt sein; bei dem Mikrocephalen im Gegentheil ist die Parallel- 
spalte immer unvollkommen, zuweilen gar nicht vorhanden und der Schläfelappen fast ganz 
glatt“ 

Ich trete für den Augenblick nicht auf den ersten Theil dieser Behauptung ein, welche sich 
auf die vergleichende Entwicklungsgeschichte des Menschen und Affen bezieht. Da ich selbst 
niemals Gelegenheit hatte, Gehirne von Affenfötus zu untersuchen, auch in der ganzen Literatur 
keine Abhandlung kenne, welche von der embryonalen Entwicklung der Hirnwindungen bei 
den Affen handelt, und Gratiolet seihst die Beobachtungen, die er gemacht haben mag, nicht 
im Einzelnen veröffentlicht hat, so kann ich Uber die Tbatsachen kein Urtheil abgeben; doch 
erlaube ich mir zu bemerken, dass man häufig die temporären Faltungen, welche auf dem 
Stirnlappen des menschlichen Fötus im vierten Monat erscheinen und die im fünften wieder 
verschwinden und das Gehirn ganz glatt lassen, mit den permanenten Windungen verwechselt 
hat, welche erst am Ende deB sechsten Monats sich zu zeigen beginnen, sowie ferner, dass man 
häufig die Faltungen, welche durch die Einwirkung des Weingeistes auf die noch Backförmigen 
mit Flüssigkeit ausgefüllten Hemisphären der Fötalgehirne entstehen, irrthiimlich für Windun- 
gen angesehen hat, welche im frischen Zustande bestanden hätten. 

Untersuchen wir nach diesem Vorbehalte den zweiten Theil der Behauptung. 

Ich rufe hier als Zeugen die von Gratiolet selbst gegebenen Abbildungen des Gehirns 
der weissen Ra<;e, die von anderen Anatomen (Reichert, Wagner) im Hinblick auf die Hirn- 
windungen gelieferten Abbildungen und die Untersuchung des ersten besten Gehirnes auf einem 
anatomischen Theater an, um nachzuweisen, dass kein Affe jemals die Complication in den 
Windungen der Schläfelappen erreicht, keiner so zahlreiche seitliche Einkerbungen besitzt, als 
der weisse Mensch. Ueber dieses Verhültniss ist gar keine Discussion möglich. 

Hinsichtlich der Mikrocephalen lassen sich die Thatsachen leicht constatiren. 

In dem von Gratiolet Taf. 32 abgebildeten Gehirn ist die Parallelspalte in der That un- 
vollständig und namentlich in ihrem untern Thoile wenig bestimmt, aber in dem andern auf 
Taf. 24 abgobildcten Gehirn ist die mit C bezeichnet* Parallelspalte sehr gross und tief, weit 
länger als die Sylvische Spalte und durch ihre seitlichen Einkerbungen ganz deijenigen des 
Orang und Chimpanse ähnlich. In dem von Wagner abgebildetcn Gehirne von Jena ist die 
Parallelspalte einfach aber tief, weit nach hinten und vorn verlängert, so dass sie selbst den 
in der Profilansicht sichtbaren Rand des Lappens anschneidet und sich auf dessen untere Fläche 
fortsetzt, wie aus der von Theile gelieferten Abbildung desselben Gehirnes hervorgeht 

Ich finde die Parallelspalte ausserordentlich deutlich auf den Abgüssen von Maehre, 
Friedrich Sohn, Jena in Gestalt eines tiefen Thaies, welches weit ausgezeichneter ist als 
alle übrigen Iliraspalton bei der Mächler, ich sehe sie noch bei allen übrigen, selbst bei dem- 
jenigen von Jakob Moegle, wo Spalten und Windungen sonst so verwischt sind. 

Es geht daraus borvor, dass Gratiolet die Bildung eines einzigen Gehirnes, welches sogar 
als Mikrocephalen-Gchirn abnorm und verbildet war, für die allgemeine Regel genommen hat. 

Wir haben aus unseren Messungen den Schluss entnommen, dass der Schläfelappen bei 

Archiv für Amhropologt*. Band II. Heft 8. 31 



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242 Ueber die Mikrocephalen oder Affen -Menschen. 

den Mikrocephalen, namentlich was seinen untern Theil betrifft, mehr dem menschlichen Bil- 
dungsgesetze nahekommt, das sich in der Schädelbasis und dem Hirnstamme geltend macht. 
Wir sehen, dass hinsichtlich der Bildung der Parallelspalte und der Windungen, w elche sie um- 
geben, das Mikrocephalengehim dem Affengehirn entspricht 

Was nun die Uebergangswindungen betrifft, so hätte ich gern diese unglückliche 
Frage in Frieden schlafen lassen, in welcher ein ausgezeichneter Beobachter, Beine eigenen 
Entdeckungen vergessend, einen offenbaren Irrthum mit solcher Hartnäckigkeit wiederholte, dass 
wenig fehlte, derselbe hätte in der Wissenschaft Wurzel gefasst Ich verweise hinsichtlich des 
exclusiv menschlichen Charakters, welchen diese Windungen bieten sollten, auf meine Vorlesun- 
gen über den Menschen. Heute steht fest, sowohl durch die Untersuchung von Gratiolet 
selbst über Ateles Beelzehuth, wie von Huxley über ein ganz frisches Gehirn von Ateles panis- 
cus, dass bei diesen amerikanischen Affen alle Uebergangswindungen ebenso frei und oberfläch- 
lich sind wie bei dem Menschen , dass alles, was man über den speciellen menschlichen Cha- 
rakter der einen oder andern Uebergangswindung gesagt hat, den Thatsachen durchaus nicht 
entspricht und dass die Entwicklung eines Klappdeckels, der mit seinem Rande eine oder meh- 
rere Uebergangswindungen überdeckt, ebenso wenig ein für die Affen allgemein gültiges Bil- 
dungsgesetz ist, als die Reduction der hintern oder senkrechten Occipitalspaltc dem Menschen 
allein zukommt 

Das Richtige liegt in dem Umstande, dass man die Hirnbildung der Affen der alten Welt 
viel zu sehr gcneralisirt und vergessen hat, dass neben dem Allen gemeinsamen Organisations- 
plane Besonderheiten Vorkommen, die uns beweisen, dass die amerikanischen Affen eine 
Reihe für sich bilden, welche, wenn sie auch im Allgemeinen von dem Endziele der menschli- 
chen Bildung weiter entfernt bleibt, sich dennoch in gewissen Einzelnheiten der menschlichen 
Bildung mehr nähert, als selbst die menschenähnlichen Affen der alten Welt; dies ist der Fall 
hinsichtlich des Schädels der Sais und Saimiri, bei welchen die Prognathie kaum stärker aus- 
gesprochen ist als bei dem Neger; dies ist ferner der Fall hinsichtlich des hintern Abschnittes 
der Hirnhemiaphären, nämlich der Uebergangswindungen und des Occipitallappens. Die men- 
schenähnlichen Affen besitzen in der That den Klappdeckel, die tiefe hintere Querspalte, die 
von dem Rande des Klappdeckels theilweise bedeckten Uebergangswindungen, während die 
Aflen der ncueu VVelt dieser auszeichnenden Charaktere entweder gänzlich ermangeln, oder 
sie nur in ausserordentlich schwachem Grade angedeutet zeigen. Alles dieses ist so auffällig, 
dass mau sogar den Satz aufstellen könnte : Dio Hemisphären des Menschen seien die Weiter- 
entwicklung einer Verschmelzung zwischen den Vordertheilen der Hemisphären der menschen- 
ähnlichen Affen und den Hintertheileu der Ateles und wahrscheinlich auch der Heulafl'en. Doch 
ich beeile mich, dieses Gebiet der Spcculatioo zu verlassen, um auf dasjenige der Thatsachen 
zurückzukehren. 

Mau kann behaupten , dass der hintere Zwickel der zweiten Centralwindung, das Vorder- 
läppchen der krummen Windung, von welchem soeben die Rede war, und diese selbst mit ihren 
lauteren Wurzeln und den Uebergangswindungen ein eigenes System von Hirnwindungen dar- 
stelleu, welche die vordere uud hintere Hälfte der Hemisphären mit einander verbinden. Die- 
ses System entwickelt sich in dem Maasse, als der Stirn- und Scheitellappen nach vorn über- 
wuchern, und es erreicht den Gipfel seiner Complieation bei dem Menschen; man möchte fast 



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243 



Ueber die Mikrocephalen oder Affen -Menschen. 

sagen, dass die Hemisphären, indem sie sich über die Augenhöhlen hinüber wölben, eine Lücke 
hinter sich lassen, welche durch diese Windungen ausgefüllt werden muss; auch kann man in 
der Reihe der Affen ihrer Reduction Schritt für Schritt folgen, bis endlich die Centralwindun- 
gen fast ohne Vermittlung sich nach unten an den Schläfelappen, nach oben an den llinterlap- 
pen anlegcn und bis endlich selbst zwischen dem Schläfelappen und dem Hinterlappen keine 
getrennten Uebcrgangswindungen mehr existiren. Von diesen Thatsachen ausgehend könnte 
man vielleicht das ganze System mit dem Namen der Ausfüllungswindungen belegen. 

Untersuchen wir nun diese Windungen bei den Mikrocephalen. In dem von Gratiolet 
Taf. 24 abgcbildeten Gehirn ist der Hinterzwickel der Centralwindung genau wie beim Orang 
gebildet; cs ist eine einfache wellige Windung, welche horizontal nach hinten verläuft uni hier 
sich mit der nmgebogenen ersten Uebergangswindung vereinigt An diese Windung stösst der 
Hinterlappen, der durch eine Faltung oder eine nach vorn gerichtete Schlinge einen wahren 
Klappdeckel bildet und dessen Rand durch eine tiefe Spalte von der Uebergangswindung ge- 
trennt ist Die zweite Uebergangswindung läuft wellig und schief nach unten zur hintern Wur- 
zel der krummen Windung, mit der sie verschmilzt, während ihr obereB Ende sich mit der um- 
gebogenen Wurzel des Klappdeckels vereinigt. Diese Windung soll nach Gratiolet bei dem 
Orang wie bei dem Clnmpanse stets von dem Klappdeckel bedeckt sein, während sie beim Men- 
schen und bei den Ateles frei liegt. Nach Itoberton (Nntural History Review 1861) fehlt 
diese Windung beim Orang. Bei einem der von Gratiolet abgebildeten Oranggehirne (Plis 
cerebraux PL 3, Fig. 6) findet sich eine Windung, welche Gratiolet als eine Verdoppelung der 
absteigenden Wurzel der krummen W’indung aufTasst und mit b 1 bezeichnet, uud die man eben- 
so gut als zweite Uebergangswindung auffassen kann. Diese Windung ist in dem andern Ge- 
hirn, dessen Klappdeckel weit weniger entwickelt scheint und in der That wohl gar nichts zn- 
deckt, nicht ausgcbildct Die dritte und vierte Uebergangswindung zeigen sich beim Mikro- 
cephalus wie beim Oraug, es sind einfache Windungen, die von der Wurzel des Klappdeckels 
zu der mittlern und untern Schläfenbildung gehen. 

Im Gehirne von Jena ist der Hinterlappen sehr verkümmert, doch entdeckt man eine ge- 
wisse Analogie mit dem eben erwähnten Gehirne: der Zwickel der Centralwindung und die erste 
Uebergangswindung sind wohl entwickelt, letztere ist vom Occipitallappen durch einen tiefen 
Querspalt getrennt, die zweite Uebergangswindung steigt schief zu der obern Windung des 
Schläfelappens hinab, die dritte und vierte lassen sich leicht erkennen. 

Das von Gratiolet Taf. 32 abgebildete Gehirn ist, wie schon erwähnt, sogar für ein Mi- 
kroccphalengchirn abnorm. Der Hinterlappeu ist linkerseits gänzlich verkümmert uud auf ein 
schmales Querbändchen nducirt, während er rechterseits entwickelt ist. leidor hat Gratiolet 
gerade diese linke atrophische Seite für die Profilansicht gewählt Wenn ich die Ucborgangs- 
windungen der rechten Seite nach der Ansicht von oben beurtheile, so sind der Zwickel der 
Centralwindung und die erste Uebergangswindung gut entwickelt, die zweite läuft längs der 
queren Hinterspalte, die dritte vereinigt um das äussere Endo dieser Spalte herum den Hinter- 
lappen mit dem Schläfelappen. Alle diese Windungen sind einfach, nur wenig gewunden und 
wenig gekerbt 

Man findet also in den drei bekannten Mikrocephalcngebirnen stets einen tiefen hintern 
Querspalt, eine erste, wie beim Orang gebildete Uebergangswindung, die anderen Uoborgangs- 

31 * 



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244 



Ueber die Mikrocephalen oder Affen- Menschen. 

Windungen unbedeckt, aber bei allen eine grosse Uebereinstimmung mit der Ilildung der Affen, 
indem sie niemals so complicirt gekniffen und gekräuselt Bind wie beim Menschen. 

Untersuchen wir nun die Ausgüsse. „Am günstigsten für alle Windungszüge,“ sagt Wagner 
(La S. 58), „ist hier der Hallesche Abguss, an dem sich auch wirklich die Hauptwindungszüge 
vom Stirnlappen, Schläfelappcn und den Scheitel höckerzügen des Perietallappcns unterscheiden 
lassen. Hier war der Klappdeckel (des Stammlappens und nicht des Hinterlappons c. v.) gebil- 
det; man unterscheidet hintere und vordere Verlängerung der Sylvischen Spalte.“ 

Man unterscheidet in der That an diesem Ausgusse sehr wohl die krumme Windung, die 
Uebergangswindungen und die quere Spsdte, man unterscheidet sie auch noch bei den beiden 
Sohn und Jena, woniger gut bei den anderen. 

Was den Occipitallappen betrifft, so glaube ich das Nüthige schon gesagt zu haben. Es 
wäre schwer, einen Ausguss eines normalen Gehirnes zu finden, wo dieser Lappen deutlicher wäre 
als bei den beiden Sohn. 

Eine ziemlich wichtige Erage ist die nach dem Zeitpunkte, wann die Bildungshemmung 
auf das Gehirn cinwirkt I)io Antwort auf diese Frage lässt sich nur aus der Untersuchung 
der Theile selbst, sowie derjenigen Organe ableiten, die etwa gleichzeitig betroffen sein mögen. 

Was diesen letzten Punkt betrifft, so finde ich nur den zweiten Fall von Cruveilhier 
(1. c. S. Seite 192), der einigen Aufschluss geben kann. In der That fand sich bei einem durch 
einfache Atrophie mikrocephalischeii Kinde zugleich „eine angeborene Spaltung des harten 
Gaumens und des Gaumensegels ohne entsprechende Spaltung des Zahnrandes und der Ober- 
lippe*. 

Dieser Fall zeigt uns ziemlich genau ein Datum. „Von der achten Woche an,“ sagt Köl- 
liker (Entwicklungsgeschichte des Menschen S. 212), „verschmelzen die Gaumenplatten unter 
einander von vorn nach hinten, so jedoch, dass sie vorn auch mit dem untern breiten Rande 
der noch ganz kurzen Nasenscheidewand sich vereinen. In der neunten Woche ist der vordere 
Theil des Gaumens, der dem spätem harten Gaumen entspricht, schon vollkommen geschlossen, 
der weiche Gaumen dagegen noch gespalten, doch bildet sich dieser von nun an rasch aus, und 
zeigen Embryonen der zweiten Hälfte des dritten Monats das Veluni gebildet und auch das 
Zäpfchen in der Bildung begriffen, dos übrigens schon vor der Vereinigung der beiden Hälften 
des weichen Gaumens als eine kleine Hervorragung an den hinteren Enden derselben zu er- 
kennen ist.“ 

Der Cruveilhier'scbe Fall weist also etwa auf das Ende des zweiten Schwangerschafts- 
monats hin, der Zahnrand und die Oberlippe waren geschlossen, der harte Gaumen und das Se- 
gel gespalten; die Verschmelzung des Gaumens war also eben begonnen, als die Bildungshem- 
mung zu wirken begann. 

Ich bin weit entfernt behaupten zu wollen, dass die Hemmungsbildung des Gehirnes noth- 
wendig mit derjenigen des Gaumens in Verbindung stehen müsse. Cruveilhier’s Fall steht 
ganz vereinzelt Alle anderen bis jetzt untersuchten Mikrocephalen haben im Gogentheil einen 
prachtvoll entwickelten Gaumen und wir wissen sehr wohl, dass eine Hemmung in eiuem sehr 
isolirten Organo eintreten kann, wie die Irisspalte beweist Aber auf der andern Seite wird 
man Bich schwerlich dem Gedanken entziehen können, dass Organe, die in demselben Körper 
Hemmungsbildungcn zeigen, auch gleichzeitig betroffen worden sein müssen. 



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Ueber die Mikrocephalen oder Affen - Menschen. 

Nun ist aber am Ende des zweiten Monats das Gehirn noch in einem rudimentären Zu- 
stande, welcher nicht nur an die Bildung amerikanischer Affen erinnert, sondern noch unter 
denselben steht. Jede Hemisphäre bildet einen dickwandigen Sack, der von der Seite gesehen 
die Gestalt einer Bohne hat , deren unterer Einschnitt der zukünftigen Sylvischon Spalte ent- 
spricht Die Oberfläche dieses Sackes ist vollkommen glatt und ohne Windungen. Der Hinter- 
rand legt sich an das Mittclhirn an, ohne dasselbe zu bedecken. Im Innern beginnen vor den 
ausserordentlich entwickelten Sehhügeln, welche von hinten her vorspringen, die Strcifenhügel 
sich zu zeigen. Die Vierhügel bilden eine dickwandige Blase hinter den Sehhügeln und das 
kleine Gehirn eine breite Querbrücke, hinter welcher sich der Rautensinus breit öffnet. 

Es versteht sich von selbst, dass dieser Bildungszustand, welcher demjenigen einiger Rep- 
tilien entspricht, bei keinem Mikrocephalen sich vorffndet 

Aber wir wissen auch, dass die von einer Bildungshemmung betroffenen Organe nicht in 
demselben Zustande bleiben, wie wenn sie versteinert wären; sie wachsen fort, entwickeln Bich 
weiter, nur in einer andern Richtung, die mehr oder minder von dem ursprünglichen Ent- 
wicklungspläne des gesunden Theiles abweicht. Kur unter dieser Bedingung ist überhaupt 
selbst in einem isolirten Organ eine Bildungshemmung möglich. Die Ursachen, welche eine 
solche hervorrufen, wirken fast immer in einer frühem Periode des Embryonallebens ein, wo 
der Fötus noch ausserordentlich klein ist. Gerade bei denjenigen Erscheinungen, welche man 
vorzugsweise Hemmungsbildungen zu nennen pflegt, wie das Colobom der Iris, die ange- 
borene Hnlsflstcl, die Harnblasenspalte, die Missbildungen der Geschlechtstheile, das Fehlen der 
Arme bei vorhandenen Händen und Schultern u. s. w., sehen wir ein solches abnormes Waclis- 
thum auftreten. In allen diesen Fällen datirt der Ursprung der Missbildung von dem Augen- 
blicke, wo ihre Grundlage beim Embryo als normale Bildung auftritt. Alle übrigen Unterschiede 
entstehen durch die abnorme und abweichende Bildungsrichtung des betreffenden Theiles. Man 
erlaube mir ein Beispiel. 

Wir finden bei der angeborenen Halsfistel an der Seite des Halses eine Oeffnung, die bis 
in den Schlund dringt. Ohne Zweifel ist diese Anomalie eine Ilemmungsbildung, ein Ueber- 
bleibsel der Kiemenspalten, welche der Embryo etwa in der dritten und vierten Woche zeigt. 
Diese Bildungshemmung kann nicht ans einer spätem Zeit herrühren, weil die ursprünglichen 
Kiemenspalten sich schon in der fünften Woche schliessen. Zu dieser Zeit existirt aber noch 
kein eigentlicher Schlund. Der trichterförmige Blindsack , welcher ihn rep räsentirt, ist dann 
noch nach unten geschlossen, noch nicht in den Darm geöffnet und besitzt noch keinen Muskel- 
Überzug. Die Fistel, welche der Ueberrest einer frühem Bildung ist, durchbohrt also ein Organ, 
welches zur Zeit ihrer Anlage noch nicht als solches exiBtirte ; ebenso verhält es sieb mit dem Co- 
lobom, das die Iris spaltet und dennoch aus einer Zeit stammt, wo die eigentliche Irie noch 
nicht gebildet ist. Ebenso mit der Hasenscharte, die das Resultat einer Bildungshemmung ist, 
welche eiuwirkte zu einer Zeit, wo noch keine Lippe gebildet war. W T as wir eine Uemmungs- 
bildung zu nennen pflegen, ist demnach vielmehr eine Bildungsabweichung, die beim Verfolgen 
ihres falschen Weges noch den Augenblick erkenuen lässt, in welchem die Entgleisung stattfand. 

Untersuchen wir von diesem Standpunkt aus die Bildung des Mikrocephalnngebirns, so 
müssen wir uns sagen, dass wir nicht in der Anordnung der Windungen und der sio trennenden 
Spalten, sondern in der Bildung der primitiven Ilirntheile die Spuren der ursprünglichen Hcm- 



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Ueber die Mikrocephalen oder Affen -Menschen. 

mang suchen müssen. Da der Plan der Anordnung der Windungen und der ganzen Bildung der 
Theile für die gesammte Gruppe der Primaten derselbe ist, so liegt es auf der Hand, dass ein 
in seiner Fortbildung betroffenes Gehirn, welches aber nicht hinlänglich getroffen wurde, um 
jegliche Bildung von Windungen zu unterdrücken, sich in der Weiterbildung der Windungen, 
des hintern Ammoushorues und der anderen, diesem Plane entsprechenden Theile innerhalb 
dieses gegebenen Planes halten wird. Es handelt sich demnach darum, in dieser Sphäre derilirn- 
bildungen den Punkt aufzufinden, wo eine gewisse vorübergehende Fötalbildung normal auftritt, und 
nachzuweiseu, dass diese Bildung eines wesentlichen Theiles, trotz der weitern Entwicklung, welche 
die Theile genommen haben können, bei dem Mikrocephalengehirne noch erkenntlich geblieben ist. 

Diese wesentliche Bildung nun, welche dem Gehirne der MenscheD, der Mikrocephalen und 
der Affen gcwisserinaassen einen ursprünglichen Charakter aufdrückt, finde ich in der Anord- 
nung dor Sylvischen Spalte und der Theile, welche sie umgeben, namentlich der Centralwin- 
duug und der unteren Stirnlappeuwindung. 

Ich habe auf die verschiedene Entwicklung dieser Theile bei den genannten Gruppen schon 
aufmerksam gemacht. Bei dem Menschen legen sich die dritte Windung und der Schläfelappen 
auf eine bedeutende Strecke hin mit ihren Bändern an einander und bilden so den Stiel der 
Sylvischen Gabelspalte, währond die Centralwindungen in der Höhe bleiben und den Zwischen- 
raum zwischen den Aesten ausfüllen. Bei den Mikrocephalen und den Affen steigen die Cen- 
tralwindungen bis zum Bande der Hemisphären herab und die Sylvische Spalte gabelt sich bei 
ihrer Entstehung, ohne einen gemeinschaftlichen Stamm zu bilden. Hier musB der Ausgangs- 
punkt gesucht werden, von welchem aus die beiden Gruppen abweichende Wege verfolgten. 

Dieser Ausgangspunkt bringt uns etwa zu derselben Periode des Fötallebens zurück, auf 
welche schon der zweite Cruveilhier’sche Fall mit seiner Gaumenspalte hingewiesen hat. Er 
bringt uns zu der Epoche, wo die Sylvische Spalte noch in Gestalt einer breiten, schief von 
unten nach oben gerichteten mit seichten Bändern versehenen Grube existirt, deren Grund von 
dem entstehenden und noch unbedeckten Stnmmlappen ausgefüllt wird. Es ist dies etwa der 
Zustand, den man auf den Figuren 1 und 3, Taf. 29, des Atlas von Leuret und Gratiolet ab- 
gebildet sieht an einem Fötus, der auf 2'/j Monat geschätzt wird, ferner an einem auf 14 Mo- 
nate geschätzten, von Beichert abgebildeten Gehirne (1. c. Taf. ll.Fig. 32, Taf. 12, Fig. 41, 44) 
und endlich an einem Gehirne von 3 Monaten, welches Kölliker abbildet (l. c. Fig. 109, $. 133, 
Fig. 111, S. 235, Fig. 116, S. 243). Zu dieser Zeit ist noch nichts an den Bändern der einfachen 
Sylvischen Grube differenzirt, man sieht noch durchaus nicht diejenigen Theile, welche sich 
zum Stammlappen, zur dritten Stirnwindung, zu den Central Windungen und zu den Aesten der 
Sylvischen Spalte uingcstaltcn sollen. 

Von diesem Augenblicke aber zeigt sich bei normalen Gehirnen die Differenzirung und mit 
ihr die menschliche Bichtung. Man betrachte die auf derselben Tafel 29 gegebene Abbildung 
eines auf etwa 14 Wochen geschätzten Gehirnes, welches Gratiolet von Herrn Alix erhielt; 
man vergleiche Fig. 44, Tafel 12 von Beichert, die Abbildung eines auf 20 Wochen geschätz- 
ten Gelurnes und man wird sich leicht überzeugen, dass die menschliche Bildung bei diesen 
Gehirnen schon durch Umkrümmung der noch vollkommen glatten Augenwindung angedeutet 
ist, welche über die noch offene Sylvische Grube herüberwächst, indem sie die Gestalt eines 
Schnabels oder Hakens annimmt Da der obere Baud der Spalte gewissermoassen hängen 



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Ueber die Mikrocephalen oder Affen -Menschen. 247 

bleibt und dieser Schnabel immer weiter fortwächst, so nimmt die in der Mitte noch immer 
offene Spalte nach und nach die Gestalt eines Dreifusses an, dessen drei Küsse von dem nach 
unten gerichteten Stamme und den beiden nach oben gerichteten Gahelästen gebildet werden. 
Erst nach der Bildung dieses Droifusses unterscheidet man auch die Holando’sche Spalte und 
die Einschnitte, welche die Centralwindungen und die anderen Stockwerke des Stirnlappens 
abgrenzen. 

Dieses Vorschreiten der Angenwindung, die in ihrer Entwicklung alle übrigen Theile in der 
Umgebung der Sylvischen Spalte überholt und die Bildung des Gabelstieles bewerkstelligt, 
unterscheidet das menschliche Gehirn. 

Offeubar kann eine ähnliche Entwicklung bei den Mikrocephalen und Affen nicht statt- 
haben ; hier müssen im Gegentheile die Centralwindungen die Augenwindung überholen und über 
den Stammlappen heruntersteigen, den sie von oben nach unten bedecken, während er bei dem 
Menschen von vorn nach hinten und sogar ein wenig von unten nach oben bedeckt ist. Die 
Bildungshemmung oder vielmehr Abweichung muss demnach aus dieser Periode und nicht, wie 
man hat behaupten wollen, aus einer spätem stammen. 

Wir müssen zwar eingestelien, dass fötale Gehirne von Affen noch nicht untersucht worden 
sind und dass bis dahin unsere Ansicht eine zwar wahrscheinliche, aber noch unbewiesene Hypo- 
these bleiben muss. Bis dahin sprechen aber alle aus den Thatsachen gezogenen Folgerungen für 
sie; die Entwicklung der Sylvischen Spalte, die abweichende Ausbildung der Hemisphären und 
ihrer Windungen, die seltsame Vereinigung von Menschen- und Affencharakteren im Gehirne der 
Mikrocephalen und die Beziehungen dieser abnormen Entwicklung zu den geistigen Eigen- 
schaften und namentlich zur articulirtcn Sprache; etwa von dem dritten Monate an schlägt 
das Gehirn der Mikrocephalen, um mich hier eines Ausdruckes von Gratiolet zu bedienen, in- 
dem ich ihn umkehre, den Weg des „Gehirnes einer nicht sprechenden Seele“ ein. 

Ich habe schon sowohl in der Beschreibung der Gehirne als in dem Besume angedeutet, 
dass der Grad der Missbildung, welcho die raikrocepbalischen Gehirne erlitten haben, noth- 
wendig von dem ersten Ausgangspunkte abhängen muss. Es ist mir wahrscheinlich, dass die 
Gehirne, in welchen die Augenwindung mehr entwickelt ist, in einem etwas spätem Zeitpunkte be- 
troffen wurden, wo der nach hinten vorwachsende Haken der Augenwindung schon eine gewisse Aus- 
bildung erlangt hat; ebenso wird man auch nicht leugnen können, dass die Ablenkung von der 
normalen Dichtung in dem einen Falle stärker war, als in dem andern. Aber selbst, indem 
man diesen Besonderheiten Rechnung trägt, wird man immerhin den Ausgangspunkt der Ab- 
weichung in die angedeutete frühe Epoche setzen können, die man als den Zeitpunkt der defini- 
tiven Begrenzung der Sylvischen Spalte bestimmen kann. 

Von diesem Zeitpunkte an nimmt also die Entwicklung des mikrocephalischen Gehirnes 
eine von derjenigen des Menschen abweichende Richtung, wenigstens in Beziehung auf seine 
oberen Theile, auf die Hemisphären und die der Wölbung ungehörigen Lappen. Diese Lappen 
mit ihren Windungen entwickeln sich von Anbeginn an nach abweichenden Bildungsgesetzen, 
denn in dem Augenblicke, wo die Ablenkung erfolgt, sind weder Lappen noch Windungen, nicht 
einmal in ihren Grandzügen, angedeutet Jetzt lassen sich auch allgemeine und individuelle 
abweichende Bildungsrichtungen nachweisen. Allgemeine, indem, wie wir bewiesen haben, der 
Hirnstamm dem menschlichen, die Hirnwnlbung dem Bildungsgesetze der Affen folgt. ludivi- 



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248 



Ueber die Mikrocephalen oder Affen -Menschen. 

duelle, weil der Grad der abnormen Einwirkung für jeden Fall und jeden Theil verschieden ist, 
so dass bald, wie bei Racke, der Stirnlappen, bald, wie bei Anderen, der Scheitel und selbst 
der Hinterlappen verbältnissmässig mehr betroffen ist 

Man begreift nun auch, warum Wagner zugleich Recht und Unrecht hatte, wenn er sagte, 
die Gehirne der Mikrocephalen und der Affen werden durch die Rcduction des menschlichen 
Gehirnes einander nicht ähnlich, denn um ein menschliches Gehirn auf dasjenige eines Mikro- 
cephalen zu reduciren, müsste man es zuerst rückwärts bis zn dem Ausgangspunkte der Bil- 
dungshemmung fuhren und es von dort aus auf dem falschen Wege weiterbringen, auf welchem 
der Mikrocephale sich ausgebildet hat; ganz wie man, um ein Mikrocephalengeliirn auf den 
menschlichen Typus auszubilden, cs erst auf dom durchlaufenen Wege bis zu dem Ausgangs- 
punkte zurückfuhren müsste, um es dann auf dem menschlichen Wege voranzufuhren. 

Fasse ich zum Schlüsse Alles zusammen, so erklären sich alle Verschiedenheiten in sehr 
einfacher Weise durch Annahme unserer Ansicht, wonach das Gehirn des Mikrocephalen nicht 
das Resultat einer einfachen Uommungsbildung igt, die übrigens nirgends in der Natur vor- 
kommt, sondern das Resultat einer aus Hemmung entstandenen Abweichung in der Entwick- 
lung der Hirnwölbung, welche je nach den Fällen sich bald der menschlichen Richtung, bald der- 
jenigen der Affen mehr unschliesst. 



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Drittes Capitel. 

Physiologie. 



Lebende Mikrocephalin. 

Marie Sophie Wyss — 16 Jahre. Der Vater lebt in Ollon als Arbeiter. Seit Juli 1866 
in der Armenanstalt in Schloss nindelbank bei Bern aufgenommen. Untersucht am 26. October 
1866 mit meinem Bruder Dr. Adolph Vogt und Pirector Fliickiger. 

Sophie, wie sie in der Anstalt genannt wird, hat 16 Jahre, 1“, 410 Grösse. Sic hat 
hellgraublaue, mandelartig geschnittene, nicht vorstehende Augen, dunkelbraune, gerade, 
normal eingepflanzte Haare, die auf den halben Kücken herabreichen, eine fast gerade, an der 
Wurzel nicht eingekniffene, an der Spitze etwas knollige Nase, dicke, etwas aufgeworfene Lippen, 
stark vorstehenden Mund und Kinn, broite Backenknochen, normal grosse und abstehende Ohren 



ohne Ohrläppchen, prachtvolle Zähne, die vorderen 


ganz schief gestellt 




Maasse in Metern: 




Ueber die Spina nasaÜB . . 


. 0,280 


Totalhühe 


. 1,410 


„ das Kinn 


. 0,300 


Zum Ohreingang 


. 1,357 






„ Kinn 


1,250 


Kopf-Längsdurchmesser . . . 


. 0,127 


Sitzhöhe 


, 0,700 


Kopf-Breitendurchmesser . . 


. 0,106 






Breite über die Augenhöhlen . 


. 0,101 


Umfänge: 




„ „ „ Backenknochen 


. 0,106 


Horizontalumfang 


. 0,415 


Mastoideal- Durchmesser . . 


. 0,092 


Längsumfang zu den Haaren . . 


0,045 


Nasenlänge 


. 0,048 


„ zur Lambdanaht 


. 0,160 


Nasenwurzel zur Spina nasalis 


. 0,047 


„ zum Nacken . . . 


. 0,230 


„ zum Alveolarrand 


. 0,064 


Bogen von der Ohröffnung an: 




„ zur Zahnspitze , 


. 0,069 


Ueber die Nasenwurzel . . . . 


0.234 


„ zum Kinn . . . 


. 0,108 


„ den Haaranfang . . . . 


0,234 


Kinn zum Zahnschneiderand . 


. 0,047 


„ „ Scheitel 


. 0,235 






Archiv für Anthropologie (Uml II, Heft i 




32 





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250 



Ueber die Mikrocephalen oder Affen -Menschen. 

Der Director lässt sie holen, — sie kommt über den Hof gelaufen zwischen zwei Kindern, 
die sie sehr lieb haben und ihr nichts thun, plumpend UDd schwerfällig und mit den Füssen 
stark auftretend. Im Hause stapft sie bei jedem Tritte und freut sich offenbar über den lauten 
Wiederhall. Sie geht mit stark vorgebeugtem Kopf und Oberkörper, die Arme hängend, in den 
Knien etwas geknickt. Alle Bewegungen sind ausserordentlich hastig, schnellend, Kopf und 
Augen beständig in Bewegung — die Hände meist etwas embryonal nach innen eingebogen, der 
Kopf nach links hängend, so dass wir eine Skoliose vermuthen, die aber nicht vorhanden ist 
Dagegen ist die Rückenwirbelsäule nur einfach nach hinten gekrümmt, wie bei den Affen, die 
Lumbarkrümmung fehlt Die Bewegungen der Hände, des Kopfes, das Grinsen und die Mimik 
sind durchaus affenartig. Die alte Wärterin, welche sie seit sechs Monaten pflegt, sagt, sie zeige 
keine Neigung zum Klettern, springe dagegen sehr hoch, besonders im Zorn mit gleichen Fiissen 
in die Höhe, — sie schlafe wenig und auch dann in beständiger Unruhe, nestele beständig Bänder 
und Tücher zusammen, verhalte sich aber sonst Nachts ruhig. Blitzschnelle Ohrfeigen, Stösseu.s.w. 
theilt sie gern aus. Wir sahen sie essen, nachdem die gewöhnliche Essensstundc schon vor- 
über war — sie bedient sich des Löffels, isst mit Hast, aber sonst anständig — früher habe 
sic viel verschüttet, das habe man ihr abgewohnt Dagegen kann sie sich nicht selbst aus- und 
ankleiden. Der Körper ist sehr wohlgebildet, die Hände sogar nicht unschön zu nennen, rein 
menschlich, die Arme sehr stark und kräftig, rund, von normaler Länge — die Brust etwas platt 
Die Brüste für ihr Alter gut entwickelt aber etwas schlapp. Sie habe eine sehr grosse Kraft 
und schlage die stärksten Weiber zu Boden, wenn Bie böse sei. Puls schwer fühlbar — 72 
Schläge in der Minute, 20 Athemzüge. Sie ist noch nicht menstruirt. Sie geifert beständig — 
wenn es zu arg wird, wischt sie mit der Schürze ab. 

Die nähere Untersuchung lässt sie sich sehr gern gefallen, scheint sogar ihre Freude daran 
zu haben. Sie setzt, stellt sich auf Verlangen, lässt sich den Kopf richten, nur wenn man ver- 
sucht, ihr den Mund zu öffnen, leistet sie Widerstand, sperrt aber nachher den Mund weit auf, 
als man ihr diese Bewegung vormachte. Ihre Aufmerksapikeit ist beständig durch irgend Etwas 
in Anspruch genommen — glänzende Dinge ziehen sie offenbar an. Einen Ring sucht sie an 
den Finger zu stecken, was ihr endlich gelingt — die Uhr macht ihr grosse Freude, sie deutet auf 
das Zifferblatt, hält sie an die Wangen und Stirn, fast nie an die Ohren selbst, horcht und deutet 
endlich auf meine Kette und Schlüssel, indem sie Zeichen macht, dass ich die Uhr mit dem 
Schlüssel aufziehen solle. Dann stopft sie mit grosser Hast die Uhr wieder in meine Westen- 
tasche und deutet an, dass die Anderen auch welche haben. Weniger Freude bezeugt sie an 
einem rothen Messbändchen, am Tasterzirkel , und nachdem einmal die Messungen gemacht 
und ich den Zirkel wieder aufnehme, um ihn einzupacken, hält sie den Kopf vor und deutet auf 
die Backenknoche», wo man ihn vorher aufgesetzt. 

Nachdem die Untersuchung beendet, beunruhigt sie der aufgelöste Zustand der Haare sehr. 
Sie streicht beständig daran zurück, sucht sie zu flechten, wirft sie aus dem Gesichte zurück. 
Man bringt einen Apfel (sie isBt Früchte sehr geru und wollte neulich sogar Rosskastanien 
verzehren) — sie macht mir Zeichen, dass ich ihn schälen solle. Während ich damit beschäftigt 
bin, stopft sie sich die Schalen in den Mund, einige Haare mit, die sie nicht wegbringen kann 
und die sie fast zum Würgen und Erbrechen reizen. 

Nach einiger Zeit macht sie Zeichen, dass sie oin Bedürfniss habe und wird weggefülirt. 



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lieber die Mikrocephalen oder Affen-Meiischen. 

Früher habe sie sich und das Bett öfter verunreinigt — nachdem man ihr die ßuthe gegeben, 
habe sie aufgehört und gebe nun durch Zeichen ihr Bedürfnis» zu erkennen. Hunger und Ge- 
frässigkeit zeige sie nur zuweilen. Stundenlang könne sie sitzen, mit lächelndem Gesichte, fro- 
hen , meist gen Himmel gerichteten Augen und sich wie ein Bär im Käfig mit dem Oberkörper 
auf und ab oder hin und herw iegen. Oft verhülle sie sich dazu den Kopf mit einem Tuche. 

Nachdem sie wieder zurückgekehrt, beschäftigt sie sich mit einigen Stücken Papier, ent- 
faltet sie und thut als ob sie lese, indem sie ihre gewöhnlichen Gurgeltöne, die fast wie das 
Glucksen einer Henne lauten : go go go go, ausstösst und zuweilen die Augen mit fast frommem 
Ausdrucke gen Himmel aufschlägt — Endlich spricht sie aus: Amml legt das Blatt bei Seite, 
knittert es zusammen uud stopft mir es mit Affenhastigkeit in die Tasche. Offenbar hat sie das 
täglich dreimal wiederholte Gebet nachgeabmt und Arnrn soll Amen bedeuten. Das Bei das 
einzige Wort was man von ihr gehört Was man zu ihr sagt, beurtheilt sie offenbar wie ein 
Thier, nicht nach dem Inhalte, sondern nach der Intonation, — Verbote, Drohungen, Verweise 
müssen mit aufgehobenem Zeigefinger begleitet werden, sonst giebt sie nicht Achtung darauf. 
Dass sie mir die Papiere in die Tasche stopft, zeigt ihre Erinnerung daran, dass sie mir wirk- 
lich gehören, denn ich habo sie in der That ausgepackt. 

Von Schamgefühl keine Spur — ein gewisses Geräusch, was ihr bei dem Versuche, ihre 
Schuhe wieder anzuziehen, entfährt ist eine Gelegenheit zum Ausbruch unermesslicher Heiter- 
keit und um die Schuhe anzuziehen, cntblösst sie sich ohne Absicht in einer Weise, die zeigt, 
dass ein Gefühl dieser Art nicht existirt 

Beim Verlassen de« Hauses soll sie eine Treppe hiDabgehen, an die sie nicht gewöhnt ist. 
Sie deutet erst der alten Wärterin, hinabzusteigen, dann mir, nähert sich dann der Treppe, 
klammert eich weitausgreifend an die Geländer, stösst ein furchtbares Geschrei aus: äb ab — 
zieht den Kuss zurück — kurz, weigert sich zu gehen. Ein anderes Mädchen will sie führen — 
sie stösst sie zurück und springt ihr endlich auf den Kücken, um sich hinabtragen zu lassen. — 
Eine andere, gewöhnliche Treppe geht sie ohne Widerstreben, stampfend und tappend hinab, 
aber stets mit weit aus- und vorgestreckten Händen , so dass sic mich lebhaft an das Bild des 
Gorilla erinnert, welches Huxley in seinem Werke: „Man and its place“, gegeben. 

Im Hof erwarten uns weitere Ueberraschungen. Eine alte, schauderhaft hässliche Halb- 
Cretine will ihr Allerlei an den Kleidern zurecht machen, welche durch die Untersuchung in 
Unordnung gekommen sind. Mit zornigem Affengeschrei und Zähncblecken fährt sie gegen 
dieselbe herum, schlägt nach ihr blitzschnell — die Cretine öffnet den weiten Mund, iu dem 
nur ein Fangzahn noch steht und grinst sie ebenfalls an — „die Sophie kann halt die Person 
nicht leiden“, sagt die Wärterin. Dann naht sich eine andere, alte, triefäugige Frau mit gut- 
müthigem. etwas leidendem Gesichtsausdrucke. „Die hat die Sophie gern“, sagt die Wärterin. 
„Was machst Du, Sophie, sei brav!“ sagt die Alte, uud Sophie geht an sie heran, blickt sie 
zärtlich an, legt ihre Wange gegen die der Alten mit unnachahmlichem Gesichtsausdrucke, 
freundlichem Gurgeln und leckt ihr förmlich das Gesicht, wie ein Hund die Hand leckt. 

Ich gebe der Wärterin heimlich und gewiss unbemerkt von den Anderen eine Kleinigkeit. 
Sophie aber, die, nach der Aussage der Wärterin, das Köpfchen beständig dreht wie ein Vög- 
lein im Käfig und hört wie ein Mäuschen, hat es bemerkt Sie sucht der Wärterin die Hand 
zu öffnen, durchsucht ihre Taschen, in welchen sie die Hand versteckt, offenbar in der Meinung, 

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lieber die Mikrocephalen oder Affen -Menschen. 

es sei etwas Essbares — denn als ich ihr vorher ein Geldstück gezeigt und gegeben , hatte sie 
es gleichgültig wieder bei Seite gelegt, nachdem sie es einen Augenblick betrachtet und berochen. 
Sie kennt offenbar den Werth des Oeldes nicht. 

Sophie scheint durchaus unempfindlich gegen das Wetter — den Schmerz fühlt sie dagegen 
sehr wohl. Bei einer ihrer schnellenden Bewegungen schlug sie hart auf die Lehne des Sophas, 
verzog das Gesicht, betrachtete den Finger; als ich denselben nahm, streichelte und darauf 
blies, wie man einem Kinde thut, lächelte sie wieder. 

Es war Herr I)r. do la Harpe in I.ausaune, welcher mich nach einem Vortrage, den ich 
über Mikrocephalie in der Versammlung der Schweizerischen Naturforscher in Neuenburg ge- 
halten hatte, auf dieses Individuum aufmerksam machte und mir später folgenden Brief dar- 
über schrieb, den ich wörtlich mittheile. 

„Lausanne, 29. August 1866. Gestern erhielt ich sichere Nachrichten über das mikrocepha- 
lische in der Umgegend von Aigle geborene und erzogene Mädchen. Das Mädchen, das jetzt 
etwa 16 Jahre alt ist, hefindet sich jetzt in einer Idiotenanstalt des Kantons Bern. Sein Vater 
ist ein Berner, Namens Wyss, der jetzt mit seiner Familie in den Bergen von Ollon wohnt. Er 
musste die Hülfe der Waisenbehörde seines Kantons anrufen, weil er sein Kind, das die Sitten 
eines Affen hatte, nicht meltr behalten konnte. Er musste es von den anderen Kindern entfer- 
nen, welche scino gewaltthütige und thierische Art fürchteten ; er musste es auch vor seinen ge- 
schlechtlichen Neigungen bewahren, welche sich zu entwickeln anhngen. 

„Die junge Mikrocephalin ist indessen heute wie ich sie vor 8 bis 10 Jahren sah; ihr Kopf 
hat sich nicht im Verhältuiss entwickelt Sie ist stark und muskelkrüftig, hat aber nur die 
Intelligenz eines Thieres. Sie ist nie krank gewesen. Ihr Hinterhaupt ist ebenso abgeplattet, 
wie in den ersten Monaten ihres Lebens. (Unterschied vom Affen.) Im Alter von 2 bis 3 Mo- 
naten waren die Fontanellen vollkommen geschlossen. 

„Die Mutter ist an der Auszehrung gestorben und war schon phthisisch, als sie mit diesem 
letzten Kinde schwanger ging. Die anderen Kinder, die vorhergingen, Bind gesund. (Eine 
Schwester dient als Magd. C. V.) 

„Ich füge noch als auszeichuende Charaktere des Mädchens hinzu: Der Kücken rund gebogen 
wie der des Affen iu allen Stellungen; die Glieder lang, aber sehr stark und nervig; unempfind- 
lich gegen W'ind und Wetter würde sie im Freien und im Regen Sommer und Winter leben; 
keine Spur von artikulirter Sprache; die Ohren sehr vorstehend und abstehend vom Kopfe; die 
Schulteni stark convex. Häufiges Luchen ohne Grund; gefährliche Gewalttbätigkeiten gegen 
andere Kinder. — Das ist etwa, was ich von dem Arzte erfahren habe, der sie geboren werden 
und wachsen sah.“ 

Ausser diesen Einzelheiten brachten wir noch Folgendes in Erfahrung. 

Der Vater, ein kräftiger, gesunder Arbeiter, konnte sich nach dem Tode der Mutter und 
dem Wegzuge der älteren Geschwister mit seinem Aflcnkinde nicht weiter beschäftigen. Er 
kleidete das Mädchen Morgens an, Abends aus und überliess es sich selbst. Im Dorfe war es 
der Schrecken der Hunde , denen cs nachlief, wenn sie etwas zu fressen im Maule hatten , um 
ihnen den Bissen abzujagen. Es sprang ihnen auf den Kücken unJ ohrfeigte sie, bis sie den 
Bissen Kessen, den es dann verschlang. Die Kinder im Dorf tollten mit ihm, wie mit einem 
llausthicre und es mit ihnen — über geringe Ursachen aber und wenn man ihm nicht seinen 



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lieber die Mikrocephalen oder Affen -Menschen. 

Willen that, gerieth es in Zorn und überliess sieb off fürchterlichen Wuthausbrüchen. Da es 
durchaus das Gefühl der Schamhaftigkeit nicht kannte, sich entblösstc, so mag wohl dadurch, 
und durch die jedenfalls rohen Scherze, welche die Knaben mit ihm trieben, die Ansicht ent- 
standen sein, es suche Befriedigung der Geschlechtslust. Dies ging so weit und die Furcht Tor 
seiner Stärke, seinen bösartigen Aufallen wurde so gross, dass endlich dem Vater bedeutet 
wurde, man werde ihn ausweisen, wenn er nicht das missbildete Wesen entferne oder bändige 
und von anderen Menschen abschliesse. So kam es in die Anstalt von Ilindelbank und in gute 
Hände. Der Director, die ulte Wärterin, in deren Nähe das Mädchen Bchläft und die es besorgt, 
die Dienstboten und die meisten übrigen Pensionärinnen der AnBtalt behandeln den armen 
Kleinkopf mit jener gutmüthigen Gelassenheit, mit welcher in der deutschen Schweiz die Haus- 
thiere, „das liebe Vieh“, behandelt werden und in der That ist das Mädchen jetzt schon aus 
dem Zustande eines wilden Thieres in den eines gezähmten Hausthieres übergegangen. Es spielt 
mit den jüngeren Kindern, die dort sind und thut ihnen nichts zu Leide, weil sie es nicht necken 
und aufreizon; cs hat, was die Jäger „Appell“ neunen, freilich nur noch in sehr geringem Grade; 
es giebt seine Bedürfnisse zu erkennen, hält sich rein, während es früher Kleider und Bette 
besudelte; cs bat sich an gewisse Dinge gewöhnt, wie Flechten und Kämmen der Haare, Auf- 
setzen des Häubchens, Anlegen der Schuhe u. s. w., die ihm früher fremd waren. Es ist also 
einer gewissen Dressur zugänglich und würde derselben gewiss noch zugänglicher gewesen sein, 
wenn es früher in die Anstalt und aus dem verwahrlosten Zustande herausgekommen wäre, in 
dem es sich früher befand. Ich zweifle keinen Augenblick, dass man es nach und nach in ähn- 
licher Weise wie einen Hund oder einen Affen dressiren und zu kleinen häuslichen Verrichtungen 
gebrauchen können wird — aber auch nicht zu mehr. 

Gehen wir auf die einzelnen geistigen Eigenschaften näher ein, so sehen wir diese in über- 
raschender Weise denen ähnlich, welche uns von den übrigen, lebend beobachteten Mikroce- 
phalen berichtet werden. 

Charakteristisch ist die beständige Unruhe, das hastige Umherbuschen der Aufmerksamkeit 
könnte man sagen, die beständig von einem Gegenstände zum andern flattert, nirgends fest 
hält und wechselnde Gefühle aufruft, welche durch eiu ausserordentlich lebhaftes Mienenspiel 
sich kundgeben, das durch seine Excentricität demjenigen der Affen gleichkommt. „Es hat gar 
keinen Stillstand“, sagte die alte Wärterin ganz charakteristisch von ihm, „und hat Lachen und 
Weinen in demselben Backe.“ Ich hatte beabsichtigt, das Mädchen photograpliiren zu lassen, 
um ein treues Bild eines solchen WeBenB zu besitzen, musste aber bei Betrachtung dieser Un- 
möglichkeit des Stillehaltens auch nur für Secunden von diesem Vorsatze abgehen. Jede Bewe- 
gung des Photographen, der Maschine, der Umstehenden — jedes noch so geringe Geräusch 
würde die Operation zu Nichte gemacht haben, auch abgesehen von jener inneren Unruhe, die 
sich in den wiegenden Bewegungen, dem Zucken der Glieder selbst im Schlafe ausspricht. 

Dass bei dieser Eigenthümlichkeit das Gedächtniss keine langen Eindrücke aufnehmen 
könne, versteht sich wohl von selbst. Nichtsdestoweniger haften manche Eindrücke und werden 
wohl bleibend, wenn sie öfter wiederholt werden oder tiefer eingriffen. Sophie kennt die Per- 
sonen, welche sich mit ihr beschäftigen; sie liebt die einen und hasst die anderen; sie hat die 
Bedeutung gewisser Geberden, des Aufhebens des Zeigefingers der Wärterin z. B. wohl erfasst, — 
„wenn ich den Finger nicht aufhebe, folgt sie nicht“, sagte die Alte; sie erinnerte sich des Ge- 



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lieber die Mikrocephalen oder Affen- Menschen. 

brauche», den man eben von dem Tasterzirkel gemacht und wusste, wem die Papiere gehörten, 
mit denen sie eine Zeitlang gespielt batte; sie erinnerte sich ebenso des Gebrauches, den man vom 
Uhrschlüssel macht, ohne Zweifel weil sie jeden Abend gesehen hatte, wie ihr Vater seine Uhr aufzog. 

Dieses Gedächtniss zeigte sich auch bei dem Nachahmungstriebe , der iu hohem Grade bei 
ihr entwickelt ist. Sie folgte unseren Bewegungen mit der Aufmerksamkeit des Affen, versuchte 
einige Mal, dieselben zu wiederholen — ihr Gesicht spiegelte unsere Eindrücke; sie stimmte, 
meist nur mit ihren Gurgeltönen und nur ein Mal, als sie sich unanständig aufgeführt, mit einem 
mehr menschlichen Lachen in unsere Heiterkeit ein und sobald unsere Gesichter wieder einen 
ernsten Ausdruck annahinen, zeigte sie dieselben ernsten Mienen. Indesscu gelingen ihr die 
Nachahmungen der Bewegungen der Arme, Hände und Beine uur selten — es scheint, als müss- 
ten dieselben hantig wiederholt werden, damit sie die dazu nöthige Muskelcombination finden 
und beherrschen könne. Deshalb waren auch die Geberdeu des Gebetes, das sie täglich mehr- 
mals sieht, mit dem Tonfall der Stimme und dem Versuche eines artikulirten Lautes am Ende 
das Vollendetste, was sie in dieser Beziehung leistete. 

Ich will hier nicht unterlassen, auf eine Eigenthümlichkeit des Nachahmungstriebes auf- 
merksam zu machen, welche mein Freund Desor betonte, als wir die in llindelbank gemachten 
Beobachtungen besprachen. Keines unserer Hausthiere besitzt denselben, nnd in höherem Grade 
ist er nur den Affen eigen. Bei anderen Tbieren zeigt er sich nur auf gewissen Gebieten — bei 
den Affen fast allgemein für alle Sphären, mit Ausnahme der Sprache. Gerade das musika- 
lische Gebiet eben ist es, welches im Gegentheile bei den Vögeln dem Nachahmungstriebe an- 
heimfällt. Manche unserer Singvögel, wie namentlich die Amseln, ahmen den Schlag anderer 
Vögel nach; Raben, Staaren und Papageien lernen meist nur musikalisch sprechen, indem Bie 
Ton und Aussprache nachahmen, und nur sehr wenige erheben sich zur Erkenntniss dei Bedeu- 
tung der Phrase, die sie gelernt; die Spottdrossel und der australische Leiervogel (Meuura su- 
perba) sind wahre Virtuosen im Nachahmen der Geräusche, Töne und Melodien, die ihr Ohr er- 
fasst hat. Den Affen dagegen ist die Nachahmung in der Mimik und den Muskelbewegungen 
zu Theil geworden, welche jenen versagt ist, während es dem Affen niemals odor nur in höchst 
beschränktem Maasse cinfallt, Ton, Stimme und Sprache nachzuahmen, wie der Vogel es thut. 
Der Affe behält seine eigenen Töne des Wohlbehagens und Schmerzes, der Freude und des 
Zornes, aber seine Mimik ist nicht nur menschenähnlich, sondern wird menschenähnlicher durch 
die Zucht, und die Nachahmung der Bewegungen fuhrt ihn sogar zur Gefangenschaft und zum 
Verluste seiner Freiheit. Halten wir dagegen unsere intelligentesten Hausthiere, wie Hund und 
Pferd, so findet sich durchaus nichts Aehnliches. Beide werden gewisse Handlungen begehen, 
welche ihr Herr eben ausführt, ihm nachlaufen, Uber einen Zaun oder ins Wasser spriugen u. s. w n 
aber man wird niemals beobachten, dass sie die Mimik, die einzelnen Bewegungen oder Ton, 
Stimme und Sprache dessen nachzuahmeu versuchen, mit dem sie täglichen Umgang haben und 
dem zu Gefallen zu lebeu sie auf jede Weise bestrebt sind. Hier ist also die Art und Weise, 
wie die Handlungen ausgefiihrt werden, vollkommen selbständig und der Nachahmungstrieb auf 
ein Minimum reducirt Es wäre wohl der Mühe werth, statt der stets Bich wiederholenden Anek- 
doten über Seelenleben derThierc einmal von solchen Gesichtspunkten aus den Trieb zur Nach- 
ahmung und zur Aneignung fremden Gutes zu untersuchen, der doch eine der hauptsächlichsten 
Wurzeln ist, aus welcher der Fortschritt und die Fähigkeit höherer Entwicklung aufkeimt. 



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L eber die Mikrocephalen oder Affen-Menschen. 

Sophie steht in Beziehung hierauf gänzlich auf der Stufe der Affen. Jeder Eindruck, den 
der Beobachter auf seinem Gesicht sehen lässt, spiegelt Bich auf dem ihrigen wieder; jede Be- 
wegung wird blitzschnell aufgefasst und, wenn sie gut gelaunt ist, wiederholt; die Nachahmung 
des Gebetes bringt sogar einige Neigung, den Tonfall der Stimme und die Sprache nachzuahmen, 
an das Tageslicht. Auch in anderen Dingen wiederholt sie die Affen. Sie bringt Stunden damit 
zu, in der Nacht, wo sie wenig und unruhig schläft, die Bänder ihrer Haube und Kleider in 
Knoten zu vernestein, Papiere und Lappen inFetzchen zu reissen, und in der Anstalt musste man 
ihr dies in gleicher Weise, wie einem Thiere, durch Strenge abgewöhnen. 

Von artikulirtcr Sprache und deren Verständnis keine Spur. Die Sprache ist für sie 
Getön; es ist nicht der Sinn des Gesprochenen, den sie versteht, sondern der Ton, womit es ge- 
sprochen, die Mimik, womit es begleitet wird; eino in liebkosendem Tone mit lächelnder Miene 
ausgesprochene Drohung ist für sie eine Liebkosung; eine mit drohendem Ton und aufgehobe- 
nen Zeigefinger ausgesprochene Liebkosung eine Drohung. Sie folgt den Bewegungen des Mun- 
des, wenn man zu ihr spricht, mit staunender Verwunderung, ganz gewiss, weil sie deren Zweck 
und Sinn nicht begreift. „Wir haben immer gedacht“, sagte die Wärterin, „die Zunge sei ihr 
nicht genug gelöst, und wenn man dies jetzt noch thäte, würdo sie wohl sprechen können , wenn 
auch nur einige Worte; abor sie kann die Zunge nicht gehörig hervorstrecken.“ Wir zeigten 
ihr die normal gebildete Zunge und Hessen sie bemerken, dass sie sich die Lippen ableckte, als 
sie einen Apfel gegessen hatte. Die Wärterin begriff nun, dass es nicht an der Zunge liege ; — 
dass sie stumm sei, weil sie nicht verstehe. 

Das einzige halb artikulirte Wort, welches sie sich in der Anstalt angewöhnt hat, ist Amen 
— aber auch dies wird nicht vollständig ausgesprochen ; cs lautet fast: hamm — der Vokal 
wird mit starker Aspiration hcrvorgestoBsen und das m ist mehr eine halb ausgefiihrto Nies- 
bewegung. Darauf beschränken sich die Aeussorungon „einer sprechenden Seele“. 

Sophie Wyss ist also in geistiger Beziehung und von Schädel und Rückgrat ein Affe, von 
Gesiebt ein schiefzähniges, von Körper ein wohlgebildetcs Menschenkind. 

In dem Augenblicke, wo ich diesen Bogen revidire, wird mir ein sechsjähriges Mädchen 
aus der Umgegend von Genf zugeführt, das in jeder Beziehung der hier gegebenen Beschreibung 
von Sophie Wyss entspricht, mit Ausnahme des auf die Entwicklung durch das Alter bezüglichen. 



Die artikulirte Sprache. 

Gratiolet sagt darüber (Mem. de la Soc. d'anthrop. Vol I, p. 66): „Nachdem ich zu zeigen 
versucht habe, dass die Mikrocephalen die materiellen oder zoologischen Charaktere des Menschen 
beibchalten, will ich noch darauf aufmerksam machen, dass sie auch die ihm eigenthümlichen in- 
tellectuellen Fähigkeiten besitzen. Die meisten haben eine verständliche Sprache, die zwar 
wenig reich, aber doch artikulirt und ahstract ist. Ihr Ilirn, das scheinbar demjenigen eines 
Drang oder eines Gorilla untergeordnet ist„ ist doch dasjenige einer sprechenden Seele. Diese 
angeborene und so zu sagen unauslöschliche Eigenschaft, ist gewiss der glänzendste, der edelste 
Charakter des Menschen, der gegenüber dieser Verminderung, ja der theilweisen Vernichtung des 



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256 Ueber die Mikrocepkalen oder Affen • Menschen. 

Organes der Intelligenz am meisten auffällt. Die krankhaften Einflüsse können demnach den 
Menschen vermindern, aber keinen Affen daraus machen.“ 

R. Wagner (Ueber den Hirnban der Mikrocephalon S. 63) drückt sich im Gegentheile fol- 
gendermaassen aus: „Bei starker llirnarmuth entwickeln sich die höhern psychischen Thätig- 

keiten niemals; sie sind nicht erziehungsfäbig, die Sprache beschränkt sich höchstens auf ein 
papageiartiges Nachbilden einzelner oft gehörter Worte.“ Später S. 70 bis 73 bringt Wagner 
die Beobachtungen und Reflexionen, letztere freilich etwas tendenziös verkürzt, von Joh. Müller 
über die Sohn und vonLeubnscher über die Azteken, von welchen wir sogleich sprechen werden. 

Halten wir uns vor allen Dingen an die Thatsachen. 

In dem vorigen Kapitel haben wir Alles angeführt, was über die von uns beobachteten Mi- 
krocephalen berichtet wird. Friedrich Sohn, Jena, Racke, die Maehler, die dreiMoegle, 
Sophie Wy ss haben niemals gesprochen, letztere spricht das Wort Amen weit schlechter als 
ein Papagei oder eine Elster aus; von Maebrc weiss man nichts; auch von den in Frankreich 
beobachteten Fallen (No. 11 bis 19 der Aufzählung) ist nichts derartiges aufgezeichnet, einige 
waren freilich noch zu jung, man hätte aber doch wahrscheinlich diesen wichtigen Punkt erwähnt, 
wenn bei den älteren eine artikulirte Sprache vorhanden gewesen wäre. 

Gore sagt von seinem Fall eines 42jährigen nienstruirten Frauenzimmers (No. 23 der Auf- 
zählung): „Was die Intelligenz betrifft, bo ist der beste Ausdruck, den man anwenden kann, 
dass sie der eines Kindes von etwa 3 bis 4 Jahren entsprach, welches eben zu sprechen anfängt. 
Sie konnte einige Worte „good“, „child“, „mamma“, „morning“ mit erträglicher Deutlichkeit 
aussprechen, aber ohne Zusammenhang und klaren Begriff, und sie war unfähig zu etwas, was 
einer Unterhaltung nur entfernt ähnlich gesehen hätte. Ihre Kleider waren anständig und rein- 
lich, aber sie konnte sich nicht solbst ernähren, wenigstens nicht mit Methode und Genauigkeit; 
sie beschäftigte sich mit einer Puppe, ihr Gang war unsicher und schwankend, die Füsse traten 
nicht fest auf den Boden auf; das Gehirn wog 283,75 Gramm.“ 

Fall von John Shortt (No. 39). „Der geistige Zustand kann als kindlich bezeichnet wer- 
den, er kann kein einziges Wort aussprechen, der einzige Ton, den er ausstösst, ist „Nah“. 

Fall von Leyden (Aufzählung No. 30). „Ilic juvenis semper fuit araens, ferox, alimenta 
atque potulenta cum summa voracitate appetens. — Sonum peculiarem validum edebat, nunquam 
vero verba pronunciare potuit.“ (Sandifort 1. c.) 

Die Schweizer No. 31, 35, 36 konnten nicht sprechen. 

Fälle von Basta nelli (Aufzählung No. 37 und 38). No. 37 „starb im Alter von 36 Jah- 
ren, nachdem er während einiger Zeit automatisch einige Dienste als Stallknecht geleistet“. 
No. 38 „Taubstummer und idiotischer Mikrocephale, von Geburt an hat er niemals eine Profession 
ausgeübt und wie ein Thier gelebt“. 

Was die Azteken betrifft, auf welche Gratiolet theilweise seine Behauptungen gestützt 
zu haben scheint, so führe ich hier wörtlich an, was Leubuscher darüber sagt, der sie län- 
gere Zeit hindurch als Arzt und nicht als einfacher Neugieriger beobachten konnte. (Aufzäh- 
lung Nr. 40 und 41). 

„Die Bewegungen ihres Körpers sind sehr lebhaft, aber unstät und selbst bei ihren Spielen 
immer mit dem Charakter einer gewissen Hast; sie sind, wie ein französischer Beobachter sich 
ausdrückt, nicht unähnlich den Bewegungen des Veitstanzes. Sie haben die unruhige, flatternde 



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257 



l'eber die Mikrocephaten oder Affen - Menschen. 

Betriebsamkeit, die nicht selten bei idiotischen Kindern ist, es ist nur zuweilen möglich ihre 
Aufmerksamkeit auf längere Zeit zu fesseln; doch können sie ein Spielzeug lieb gewinnen und 
sich Viertelstunden lang, wie ich dies oft gesehen hahe, mit einem Spielzeuge beschäftigen, wenn 
man ihre Aufmerksamkeit nicht besonders abzicht. Früher sollen sie still und deprimirt gewe- 
sen sein, davon ist jetzt keine Spur; sie sind heiter und zu allerhand Neckereien aufgelegt, die 
sie unter sich und mit den Buschmannkindem vielfach ausüben, auch sich von Anderen gefallen 
lassen, sobald sie einmal bekaunt geworden sind. Sie sind sehr zutraulich, es thut ihnen wohl, 
sich streicheln zu lassen; als Zeichen ihrer Freude oder als Mittel der Unterhaltung mit sich 
und Anderen stossen sie öfter kreischende Töne aus, nicken mit dem Kopfe. Die öffentliche 
Schaustellung, die Umgebung vieler Menschen regt sie auf, ihre Bewegungen werden dann viel 
lebhafter. Schon der erste Kind ruck, wie die weitere Beobachtung zeigt, dass sie Beide ein 
nervös irritables Temperament haben; sie fassen sehr lebhaft auf, ihre freiwillig kurz dauernde 
Aufmerksamkeit ist leicht zu fesseln; schnell bereit, dem G eheiss ihres Führers zu folgen. Es 
war mir besonders wichtig, mehrmals zu sehen, wie die Kinder aus dem Schlafe geweckt wur- 
den; so tief im Schlafe, dass sie das llerantreten an's Bett nicht wahrnahmen, waren sie auf 
den Anruf ihres Führers doch so schnell ermuntert, dass sie nur nach wenigen schlaftrunkenen 
Bewegungen das Befohlene ausführten (freilich nur einfache Dinge : rise up, shake hands). Der 
Knabe ist viel leichter erregbar, als das Mädchen, die empfangenen Eindrücke haften bei dem 
Knaben auch etwas länger und tiefer, das Mädchen ist etwas gleichgültiger und deshalb, wenn 
ich sagen darf, treulos. Dagegen ist der Ausdruck des Mädchens ein tiefer beseolter, und ihr 
Auffassungsvermögen ist in dem ihnen überhaupt zugänglichen Kreise ruhiger und deshalb 
bestimmter und sicherer. Die Sinnesorgane Beider sind vollständig entwickelt.“ 

„Beide träumen and sprechen zuweilen, besonders der Knabe, aus dem Schlafe. 
Sie verstehen Alles, was mit ihnen gesprochen wird, soweit es sich auf den Kreis des gewöhn- 
lichen Lebens, auf ihre Bedürfnisse, auf ihre nächste Umgebung bezieht; sie selbst sind aber 
nur im Besitze weniger Worte; ihre Gemüthsaffccte und ihre Wünsche werden gewöhnlich in 
unartikulirten, kreischenden Lauten geüussert, die in ihrer Modulation allerdings für die daran 
gewöhnte Umgebung verständlich geworden sind. Einzelne Worte sprechen sie nach; am deut- 
lichsten ist tea; good bye ist schlecht artikulirt. Doch bemühen sie sich, besonders der 
Knabe, der sich zu solchen Versuchen sehr willig hergiebt, die ihnen vorgesprochenen Laute 
nachzusprechen, und nach mehrfachen, öfters wiederholten Versuchen muss ich die Ueberzeu- 
gung aussprechen, dass ein fortgesetzter Unterricht wohl im Staude sein dürfte, sie einen grös- 
seren Schatz vou Worten artikuliren zu lehren. Sie haben Gedäcbtniss für Dinge, die ihre 
Aufmerksamkeit lebhaft in Anspruch genommen haben, für Personen, die sich besonders mit 
ihnen beschäftigen, aber der fortwährende Zerstreuungskreis, den der Anblick so vieler Men- 
schen bei der öffentlichen Schaustellung erzeugt, trägt nicht besonders dazu bei, ihr Gedächt- 
nis zur Concentration kommen zu lassen. Ala ich die Messungen vomahm, erinnerte sich der 
Knabe wahrscheinlich an frühere Procednrcn der Art, und da es ihm lästig schien, so wies er 
mich fortwährend auf seine Schwester, um die unangenehme Procedur vou sich abzuschütteln. 
Acht Tage lang erinnerte er sich genau noch des Verfahrens, und gab dies auf die Frage, was 
ich mit ihm gemacht habe, dadurch zu verstehen, dass er um seinen Kopf die verschiedenen 
Linien beschrieb; als ich aber dann einmal mehrere Tage meine Besuche unterbrochen hatte, 

Atthlv ffkar Anthrupologio. Band II. Haft t 33 



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•258 



Heber die Mikroeeplmlen oder Alfen -Menschen. 

war ich und alles Cebrige vergessen, ebenso bei dem Mädchen. Sie haben gelernt, Fremde 
durch Zunicken und einen Laut zu begrüssen, der mit good bye Aehnlicbkeit hat, geben auf 
Verlangen die Hand. Sie sind an Reinlichkeit gewöhnt, und geben ihr Bedürfniss, ihre Excre- 
mente zu entleeren, deutlich zu erkennen. Die Kinder spielen, sie bringen ihr Spielzeug in 
eine bestimmte Ordnung, sie ölTnen eine Schachtel, begnügen sich also nicht hlos mit dem Aeus- 
sern ; sie theilen sich die Ergebnisse ihres Spiels unter einander mit, sie zeigen freudig Ande- 
ren, was sie. gefunden haben; sie theilen sich unter einander ihr Essen, wenn nur Eines von 
ihnen Etwas erhalten hat, sind aber böse wenn ihnen ein Fremder etwas wegnimmt; sie freuen 
sich über ihre glänzenden Kleider, oft waren die klappernden Schuhe, wie bei Kindern, die 
anfangen zu laufen, für sie ein Gegenstand des Triumphes. Sie nehmen sieh wohl ein Buch 
vor und thuu so, als wenn sie lesen, unartikulirte Töne dabei ausstossend, die Weise Erwach- 
sener nachahmend, und der Knabe bemalte mir, als ich ihm eine Bleifeder in die Hand gab. 
ein Blatt meines Taschenbuchs mit unregelmässigen Linien. Sie haben also für sich selbst den 
Trieb zu einer Art von Combination ihrer Vorstellungen, und den Trieb und die Fähigkeit, sie 
in einer freilich beschränkten Weise mitzutheilcn. Dies erhebt ihre physische Organisation weit 
über die thierische; es zeugt von einer Möglichkeit der Entwicklung, von einer Beweglichkeit 
der Hirnthätigkeit, die wir selbst bei hohen Kunsttrieben der Thiere nicht finden, die über ihre 
Grenzen hinaus keine Fähigkeit der Bewegung und Fortentwicklung, sondern höchstens nur 
eine Modification, aber immer nach einem gegebenen festen Schema zeigen können. Der Um- 
fang ihrer geistigen Fähigkeiten dürfte etwa auf derselben Stufe stehen, wie hei einem l ‘/jäh- 
rigen Kinde, vielleicht noch geringer sein. Das, was wir Ideen nennen, muss ihnen vollständig 
fehlen, weil diese Stufe der geistigen Entwicklung nur auf der Grundlage der Abgrenzung der 
Persönlichkeit, des individuellen Bewusstseins sich erheben kann. Davon aber habe ich eben 
nur eine Andeutung in der Abwehr des Knaben, die Messungen an sich vornehmen zu lassen, 
und in dem Hinweis anf seine Schwester erkennen können. “ 

Was die beiden Sohn betrifft, so widersprechen sich die Berichte. Medicinalrath Ollenrotb, 
der sie zu Hause beobachtet nnd den preussischen Behörden angezeigt hat, sagt, dass sie nur 
unartikulirte Laute ausstossen und dass nur E'riedrich, der Begabtere unter ihnen, einige 
wortähnliche Laute hervorbringen könne. Dr. Behn, der diesen letztem später genau unter- 
sucht, erwähnt nichts von artikulirter Sprache. Michel, der Aeltere und bei woitem Unbegab- 
tere lag damals krank zu Bette, so dass Dr. Behu sich nicht viel mit ihm beschäftigen konnte; 
er ward nun nach Bromberg gebracht und dort im Spital (wer es beobachtet, geht aus dem Be- 
richte nicht klar hervor) soll er beständig von seinem vor fünf Jahren gestorbenen Vater phanta- 
sirt und nicht nur Worte, sondern Sätze gebildet haben, die wir oben citirten. Das ist gewiss 
höchst merkwürdig, denn Michel ist in jeder sonstigen Beziehung weit hinter seinem jüugern 
Bruder zurück, und im gesunden Zustande hat er nicht einmal wie dieser wortähnliche Laute 
hervorgebracht, und die beiden Doctoren, von welchen einer Medicinalrath ist, haben weder von 
ihm gesprochene Worte gehört, noch hat ihnen die Mutter irgend etwas derart erzählt. Man 
sollte wahrlich glauben, Michel gehöre zu den Schwänen, die erst im Todo ihren Gesang 
hören lassen. 

Aber selbst wenn man den Bericht über die Todeskrankheit Michel’s als wahrhaftig an- 
nehmen will , steht es immerhin fest, dass Michel unter allen Mikrocephalen der einzige ist 



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259 



Ueber die Mikrocephalen oder Affen -Menschen. 

welcher jemals einen Satz formulirt und ausgesprochen hat, dass die ihm zunächst stehenden, 
die begabtesten Mikrocephalen, niemals mehr getlian haben, als papageienartig mit mehr oder 
minder deutlicher Aussprache einige Worte zu wiederholen, welche sie durch öfteres Hören 
gelernt hatten; dass selbst für diese jene Worte nicht als Mittel derMittbeilung unter sich oder 
mit anderen dienten, und dass die meisten nur den bestialischen unartikulirten Schrei des Thie- 
res besassen, welcher je nach den Bedürfnissen modulirt wurde. 

Das ist die exakte Wahrheit , wie sie aus den Tbatsachen und Beobachtungen hervorgeht, 
und diesen gegenüber darf man sich wirklich Uber die oben citirte Aeusserung von Gratiolet 
wundern. Es dürfte schwer halten, Behauptungen in der Wissenschaft zu finden, die starker 
der thatsächlichen Wahrheit vor den Kopf stossen! 

Aber Michel Sohn! 

Ich will für den Augenblick die eben beregten Zweifel über die Krankheitsberichte bei 
Seite setzen, und um den Fall gründlich zu besprechen, citire ich erst vollständig das, was 
Job. Müller darüber sagt. 

„Für die Physiologie der Seelenfuuctionen geht aus unseren Falle wie aus so vielen anderen 
Facten nur das hervor, dass alle Seelenfuuctionen, ja selbst die instinktmässigen Triebe, von 
der Entwicklung des Gehirns abhiingeu, und dass ihre Thätigkeit namentlich auch von der 
Grösse der Oberflächen der Hirnhemisphären abhängt ltie Windungen des Gehirns unsers 
Mikrocepbalus fehlten nicht aber sie waren wenig verschlungen, sehr wenig zahlreich und ver- 
hältnissmässig gross, jedenfalls im Durchmesser nicht kleiner aIs gewöhnlich. Die Muskelkraft 
hängt nicht von der Entwicklung des Gehirns, wohl aber von der des Rückenmarks ab. Diese 
Thatsache, welche die vergleichende Anatomie schon lehrt, wird durch den gegenwärtigen Fall 
bestätigt. Die Mikrocephalen von Kiwitsblolt waren nicht schwach zu nennen ; sic haben oft die 
Bäume erklettert-, dies ist hinreichend, um die Unversehrtheit ihror Muskelkraft zu beweisen. 
Gedächtniss, Phantasie, Vorstellungsvermögen, Verstand sind es, die bei ihnen decrepid sind. 
Sie bilden Vorstellungen, aber sie erheben sich nicht zu Ideen. Hierin gleichen sie den Thieren, 
die auch aus gewissen sinnlichen Eindrücken sich leicht wiederholende Vorstellungen von dem 
Aeussem dieser Dinge bilden. Wenn diese Vorstellungen ihre Bedürfnisse, ihre empfundenen 
Begierden anregen, so werden sic zu Handlungen veranlasst; aber diese Handlungen zeigen 
nicht dass sie Bcgriffo bilden. Der Hund weiss, dass der llut den Kopf seines Herrn decken 
soll; er bat es immer so gesehen; aber er hat keinen Begriff von einer Kopfbedeckung, und so 
scheint es auch bei unseren Mikrocephalen zu sein. Ihre Erinnerung ist äusserst schwach ; sie 
orientiren sich in der nahen waldigen Umgebung ihrer Wohnung nicht und finden nicht den 
Weg nach Hause. Gleichwohl ist die Erinnerung an den vor fünf Jahren verstorbenen Vater in 
den Delirien während der Kraukheit des Michel Sohn lebhaft und er spricht viel von seinem 
Vater. Halb verlöschte Vorstellungen werden hier durch die Aufregung des Sensoriums, wie 
auch iu anderen Fällen, plötzlich aufgefrischt. Diese Erscheinung erbebt den Idioten nicht 
über das Thier, denn er erkennt den Herrn nach langer Zeit wieder, wenn auch das Bild des- 
selben seit langer Zeit sein Sensorium nicht beschäftigt hat Am auffallendsten ist bei unseren 
Mikrocephalen, dass sie bei einer so ausserordentlichen Stupidität doch Worte, wenn auch un- 
vollkommen, aussprechen, um ihre Gefühle und Bedürfnisse auszudrücken. Wenngleich der 
Bericht des Medicinalr&ths Ollenroth beiden Brüdern das Vermögen der artikulirten Sprache 

33 * 



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260 Ueber die Mikrokephalen oder Affen - Menschen. 

abspricht, so bezeugt doch Herr Dr. Bebn. dass selbst der Miehel Sohn die Speisen und den 
Trank, die er verlangte, unvollkommen, aber doch mit Worten bezeichnete. Die von ihm ge- 
sagten Worte: „Koppe dute weh!“ enthalten sogar eine Verbindung von Subjekt, Prädikat und 
Copula, und es ist nicht wahrscheinlich, dass er diese Worte in dieser Verbindung so oft gehört, 
dass er sie ohne Ahnung ihres Zusammenhanges nur zur Bezeichnung seines Zustandes wieder- 
holt habe. Diese einzige Thatsache ist es auch, welche unsere Mikrocephalen über das Thier 
erhebt.“ 

„Der Vogel kann auch zum Aussprechen dieser Worte abgerichtet werden; er lernt sie, in- 
dem er die Bewegungen seiner Sprachorgane zu gewissen von ihm selbst zuerst angegebenen 
und gehörten Artikulationen beim Hören ihm vorgesagter Worte wieder hervorruft und verbin- 
det, so wie er es hört, oder richtiger, indem er mancherlei Artikulationen bervorbringt, und 
unter diesen diejenigen sich einprägt und verbindet, deren Töne dem Vorhergesagten entspre- 
chen. Aber diese Töne stellen bei ihm nichts vor. Ihre Verbindung und sie selbst haben kei- 
nen Werth, und sie drücken bei ihm kaum so viel aus, als die Art des Geheuls bei dem Hunde. 
Dass unsere Mikrocephalen gutmüthig und unschädlich sind, erhebt sie nicht über die gezähmten 
und angewöhnten Thiere. Diese Gutmüthigkeit und die Zähmung haben hier eine ziemlich 
gleiche Bedeutung, beide zeigen einen gewissen Grad von Ausbildungsfahigkeit Von morali- 
schen Gefühlen zeigt sich bei diesen Mikrocephalen keine deutliche Spur. Sie zanken sich, 
wenn sie essen; darin sind sie Egoisten, wie alle unerzogenen Menschen; aber wir wissen nicht, 
wie und ob sie sich versöhnt, ob sie einmal etwas bereut haben, ob sie rachsüchtig oder versöhn- 
lich waren, und wenn sie versöhnlich, ob sie es mit Gutmüthigkeit oder Stupidität und Vergess- 
lichkeit waren.“ 

„Auch die bei Friedrich Sohn sich äussernde Scham, als seino Geschlechtsthcile , zur 
Messung derselben, entblösst wurden, ist nicht hoch anzuschlagen. Diese Scheu vor der Ent- 
blössung derselben ist gewiss durch Angewöhnung beigebracht Ich will nicht behaupten, dasB 
die Anlago zu moralischen Gefühlen von der Entwicklung des Gehirns durchaus ubhänge, aber 
es ist gewiss, dass die vorhandene Anlage bei der gesammten Entwicklung desselben sich nicht 
offenbaren kann.“ 

„Uebcrhaupt bin ich weit eutfernt zu glauben, dass eine Veränderung im Baue des Gehirns 
das Wesen der Seele verändern könne. Ich habe mich schon hierüber in der Physiologie aus- 
gesprochen, und ich kann nicht umhin, meiue Worte zu wiederholen. Die Existenz der Seele 
hängt nicht von der unverletzten Struktur des Gehirnes ab; ihre Existenz zeigt sich ihrem We- 
sen nach auch in anderen Tbeilen, und selbst in solchen Thcilen, welche dem directen Einflüsse 
des Gehimos gänzlich entzogen sind.“ 

„Wille und Vorstellung von Empfindung und Genuss ist bei den niedern Thieren mit dem 
Körper tbeilbar; der dem Keim die Seeleneigenschaften des Vaters mittheilende Samen trennt 
sich von dem Ganzen nnd war schon vor der Aussonderung von dem Organ der Seelen thätigkeit 
getrennt; der Keim der sich von der Mutter abstösst, enthält die Seejeneigenschaftcn der Mut- 
ter. Kurz das Wesen der Seele ist nicht auf das Gehirn beschränkt, aber die Aeusserung der 
Seele hängt von diesem Organe ab und der Keim erzeugt sich selbst das Organ, um die in ihm 
schlaleuden Fähigkeiten zur Aeusserung zu bringen. Zu diesen Aeusscruugen ist der ganze 
organische Apparat der Hirnfaserungen nöthig und ohne seine Integrität ist kein Denken, Bc- 



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261 



Ueber die Mikrocephalen oder Affen- Menschen. 

wusstwerden, Vors teilen. Erinnern. Die Art der Thätigkeit und die Art des Baues und Gehirn- 
zusta ndes laufen daher immer parallel, die letztere bestimmt immer die erstere, aber das Wesen 
der Seele, ihre latente Kraft scheint durch keine Hirnwirkung bestimmbar“. 

Ohne uns auf die Discussionen über die Seele weiter einlassen zu wollen, bleiben wir vor- 
derhand bei der artikulirten Sprache stehen. Der einzige Charakter, welcher nach Johannes 
Müller Michel Sohn von dem Thiere und, fügen wir es hinzu, von allen übrigen Mikroce- 
phalen unterscheiden soll, das ist nicht das Aussprechen einiger artikulirten Worte noch auch 
ihre Anwendung auf gewis 60 Bedürfnisse, — Müller gesteht selbst zu, dass der Papagei dies auch 
thue — sondern es ist die Combination dreier Worte zu einem Satze, von welchem Müller nicht 
glaubt, dass er ihn früher gehört habe, um ihn seinem Gedächtnis» einzuprägen. Müller glaubt 
also, dass Michel selbständig einen combinirten Satz erfunden habe und in der That würde 
diese Schöpfung, wenn sie wirklich stattgehabt hätte, ein verständiges Begreifen der Sprache 
voraussetzen. Untersuchen wir also diesen Punkt Die Familie bestand, ausser den zwei 
Mikroccphalen, aus den beiden Eltern und 7 Kindern, von denen drei und der Vater gestorben 
sind. Und man will uns glauben machen, dass in einer solchen Familie Michel während 18 
Lebensjahren nicht tausend und tausend mal den Satz: „ich habe Kopfweh“, „der Kopf thut 
mir web“, gehört habe! Alle anderen Worte, die er ausgesprochen haben soll, sind nur Erinne- 
rungen an die gewöhnlichsten und alltäglichsten Dinge, die jeder gezähmte Rabe oder Staar 
ohne weitere Mühe und ohne angelernt zu werden von selbst lernt, und hier in diesem Falle 
wiil man, dass ein Satz über ein alltägliches Leiden und eino Schmerzempfindung, ohne welche 
weder der Vater noch die Geschwister des Idioten hätten sterben können, hier will inan, dass 
diese Phrase von ihm zur Bezeichnung seiner eigenen Leiden orfundeu worden sei. Ausserdem 
ist Michel an einem Hirnleiden gestorben und sehr wahrscheinlich nicht an dem ersten An- 
fälle desselben. Und man will uns glauben machen, dass eine Mutter, die ihr selbst idiotisches 
Kind leiden sieht, nicht errathen soll, dass es Kopfschmerzen habe und nicht hundert Mal das 
Kind fragen soll, ob es Kopfweh habe, wenn sie auch weiss, dass es nicht antworten kann. Ich 
erinnere mich eines Kindes, das an hitzigem Wasserkopf starb, bevor es sprechen konnte; die 
Mutter hatte so oft, bald in fragendem, bald in bedauerndem Tone, dem Kinde von seinem 
Leiden vorgesprochen , dass dessen kleine Schwester, die bei dem Tode ihres Bruders noch in 
der Wiege lag, noch Jahre lang später behauptete, sie habe Kopfweh, wenn sie irgend wo 
Schmerzen fühlte. Solchen Erfahrungen gegenüber soll es unwahrscheinlich sein, dass der Idiot 
diese Phrase gehört und sie wie alle anderen maschinenmässig auswendig gelernt habe 1 

Glaubt man etwa ein aus drei Worten bestehender gelernter Satz und dessen richtige An- 
wendung seien zu viel? Ich kenne einen gegenwärtig in Stuttgart lebenden Papagei, der die 
Phrase: „Sei nur nicht so grob!“ mit ausserordentlicher Sicherheit am richtigen Orte anzu- 
bringen versteht und der eines Tages, als einer meiner Freunde, den er nicht besonders liebte, 
eine in ihren Folgen etwas schmerzhafte Ungeschicklichkeit beging, mit lautem Lachen Bich förm- 
lich vor Vergnügen wälzte. Man lese doch einmal das Verzeichnis» aller jener Sätze nnd Re- 
densarten nach, welche das berühmte Papchen von Salzburg, welches im Jahre 1827 in Triest 
gekauft wurde und 1854 in Salzburg einige Zeit nach dem Tode seines Herrn aus Kummer starb, 
zu Gebote stehen hatte (Brehm’s Thierleben, Bd. 3, S. 23.) und dann sage man uns, ob dasselbe 
nicht weit über Michel stehe. Als Papchen krank wurde, sagte er: „der armo Paperl ist krank, 



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262 Ueber die Mikrokephalen oder Affen - Menschen. 

sehr krank!“ Wiegt das nicht Michel’s Kopfweh auf/ Und ein anderer Papagei war so auf- 
merksam, dass er Sätze erlernte, die man ihm niemals gelehrt hatte und die er bei Gelegenheit 
zum Erstaunen Aller vollkommen richtig anzubringeu wusste. 

Wirsehen also, dass die Mikrocephalen und selbstMichel Sohn, von welchem den anderen, 
gegenüber wahrhafte W’under hinsichtlich seiner sprachlichen Leistungen erzählt werden, nicht 
einmal bis auf den Standpunkt der Papageien und anderer sprechender Vogel gelangen. Sie artiku- 
lircn schlechter und undeutlicher, ihr Repertorium ist auf wenige Worte und Sätze beschränkt 
und die Anwendung weit weniger häufig, und ich suche vergebens in allen diesen Sätzen und 
Worten, die nur von wenigen Mikrocephalen mit Mühe ausgesprochen werden, irgend eine Ab- 
straction, es sei denn, dass „Aepfel und Buttermilch“ eine Abstraction sind, wenn sie von mensch- 
lich gezeugten Wesen ausgesprochen werden; dagegen nur relloctirte Bilder äusserer Objecte, 
wenn ein Papagei sie anwendet. Endlich möge man noch den Umstand wohl beachten, dass 
niemals, weder die beiden Sohn noch die beiden Azteken unter einander mittelst dieser auto- 
matisch erlernten und ausgesprocheuen Phrasen und Worte verkehren. Alle diese Wesen tau- 
schen die höchst einfachen Begriffe und Wünsche, die sie bositzeu, durch Zeicheu, durch Modu- 
lationen ihrer Schreitöne, kurz durch alle jene Mittel aus, mit welcher auch ein Hund oder 
ein Affe seine Eindrücke, Wunsche, Gefühle und seinen Willen kundgiebt. 

Ich gehe weiter und behaupte, dass die Mikrocephalen, wie wir sie bisher unter Augen ge- 
habt haben, ihrer Gehirnstructur wegen die artikulirte Sprache nicht in der Weise als Mittel 
des Verkehrs und der Vervollkommnung besitzen können, wie der normale Mensch sie besitzt. 

Man erlaube mir zuvor eine kleine Abschweifung. Selbst wenn man bei der artikulirten 
Sprache nur die Gehirnfunction in das Auge fasst und die Ausübung durch Muskelcombination 
gänzlich bei Seite lässt, selbst in diesem Falle ist die Sprache nicht eine einfache, sondern eine 
höchst complicirte Function. Ich will dies durch ein Beispiel deutlicher erklären. 

Ich habe während Jahren eine sehr intelligente Kranke beobachtet, die durch einen Scblag- 
fluss auf der rechten Körperseite gelähmt war und zugleich die Sprache verloren hatte. Sie 
war durch fortgesetztes Nachdenken und Ueben während mehrerer Jahre so weit gekommen, 
dass sie durchaus keiner Dienste bedurfte und mit der ungelähmten linken Körperhälfte nicht 
nur sich selbst, sondern auch die Bestellung eines Gartens besorgte, als sie einer Wiederho- 
lung des Schlaganlälles unterlag. 

Die Zunge war weder in ihren Bewegungen noch in ihrer Empfindlichkeit gelähmt, wohl aber 
die Sprache, sie konnte gewöhnlich nur „dä, dä!“ sagen. Ihre Enkelkinder nannten sie nur 
die „Dä, da!“. Aber sie wusste diese beiden Silben und ihre Wiederholung so gut zu moduliren, 
dass ihre jüngere Tochter, die hauptsächlich um sie war, sie verstand wenn sie nicht nur von 
äussern Dingen und unmittelbaren Vorkommnissen, sondern auch von abstracten Gegenständen 
sprechen wollte. Sie konnte so ihre Tochter an Vorkommnisse ihrer Jugend, an Aussprüche 
ihres Grossvaters u. a w. erinnern. Sie bediente sich also dieser beiden Sylben ganz so, wie 
ein äusserst intelligenter Hund sich seines Bellens nnd Heulens bedient, um sich verständlich 
zu machen. Die Fähigkeit des Artikulirens und des Aussprechens war durchaus nicht verloren 
gegangen; mehrere Mal bei Gelegenheit eines Schreckens, oder eines aufregenden Vorfalls, rief 
sie „Herr JeBses!“ oder „schrecklich!“ und zwar dieses letztere Wort mit jenen tiefen Kehl- 
tönen, welche die Hälfte der europäischen Völker nicht hervorzubritigen vermag- Die Kinder 



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l'eber die Mikrocephalen oder Affen -Menschen. • 263 

kamen dann herbeigelaufen, rufend, „die Dädä kann sprechen“, diese aber fiel wieder in ihre zwei 
Silben zurück. 

Die ausübenden Organe der Sprache, die Nervenverbindung, mit einem Worte der ganze 
executive Apparat war demnach vc llkommen unverletzt und dennoch konnte diese Frau trotz 
aller ihrer Anstrengungen nicht sprechen, obgleich sie den Wunsch hatte, sich verständlich zu 
machen und zuweilen sogar vor Schmerz und Zorn weinte, wenn sie sah, dass ihre Zeichen und 
Hindeutungen nicht verstanden wurden. 

Die Sprache fehlte ihr nicht aus Mangel an Verständniss, sie hatte ihre ganze Intelligenz 
behalten und folgte sogar abstracten Unterhaltungen über philosophische Gegenstände mit völ- 
ligem VerständnisB; wir haben specielle Versuche darüber angcstcllt 

Das musikalische Verständniss der gesprochenen Sprache, wenn ich mich so ausdrücken 
soll, war demnach intact. Das Gehirn nahm auf, verstand und assimilirte, was durch das Thor 
des Ohres einging. 

Anders verhielt es sich hinsichtlich des Gesichtes, jedes andern Aufnahmethors für die 
Intelligenz. Diese Frau, die vor ihrem Unfälle gern und viel las und schlaflose Nächte mit 
dem Buche in der Hand verbrachte, hatte unmittelbar das Lesen verlernt und es trotz aller 
Anstrengung nicht wieder lernen können. Das Gesicht war nichtsdestoweniger ungetrübt. 
Sie beurtheilte nach wie vor die Näharbeiten, welche man ihr vorlegte und in ihrem Garten 
entging ihr nicht das geringste Unkräutchen. Niemals nahm sie ein Buch verkehrt in die Hand, 
aber nachdem sie es eine Zeitlang mit gespanntester Aufmerksamkeit betrachtet hatte, legte sie 
es mit traurigem Kopfschütteln bei Seite, indem sie zu verstehen gab, dass sie nichts verstehen 
könne. Die gedruckten Worte sagten ihr Dichts, erweckten keinen Gedanken, drangen nicht 
bis /um Sensorium vor, aber was sie bei eigenem Lesen nicht verstehen konnte, das verstand 
sie, wenn man es ihr laut vorlas. 

Sie hatte den Willen und das dringende Bedürfniss sich verständlich zu machen und ihre 
Connnunicationsmittel zu erweitern. Sie suchte also mit der linken Hand schreiben zu lernen; 
mit vieler Anstrengung gelangte sie dahin , Buchstaben zu zeichnen und Vorschriften nachzu- 
ahmen. Aber trotz aller Anstrengungen gelangte sie niemals weiter. Ich wiederhole es, diese 
Frau, die einen hellen und scharfen Verstand besass, die sich in dem lebhaften Wunsche Bich 
verständlich zu machen fast verzehrte, die früher ihre Zunge wie ihre Feder vollkommen in 
der Gewalt hatte und leicht schöne und lange Briefe schrieb, die jetzt wieder gelernt hatte, 
die Buchstaben des Alphabets mit der Feder nachzuahmen, diese Frau hat niemals ein Wort 
lesen, niemals die gelernten Buchstaben zu einem Worte znsammenschreiben können. 

Eine Section konnte nicht gemacht werden; ich zweifle nicht, dass sie ähnliche Resultate 
gezeigt hätte, wie diejenigen, welche in den letzten Discussionen über den Sitz der artikulirten 
Sprache naebgewiosen wurden. 

Nichtsdestoweniger hat dieser Fall für mich eine gewisse Wichtigkeit, weil er gewisBer- 
maassen eine Analyse der Functionen enthält 

Das musikalische Verständniss ist nicht vermindert, das Ohr fasst die combinirten Töne 
der Worte und Sätze auf. 

Die Intelligenz ist ebenfalls nicht vermindert, die Kranke kann mittelst des Ohres selbst 
Unterhaltungen über abstracte Gegenstände folgen. 



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264 lieber die Mikroeephalen oder Affen -Menschen. 

Auch der Wille sich durch die Sprache verständlich zu machen ist vorhanden. Er ist sogar 
stärker als jemals. 

Die ausübenden Organe sind intact, die Leitung ebenfalls; — wer „schrecklich' 1 sagen kann, 
kann alles aussprechen. 

Doch wird die Leitung nur bei ausserordentlichen Fällen hergestellt , gewöhnlich ist sie 
völlig beschränkt • 

Ich Betze die (iesichtaauffassung der Sprache durch die Schrift bei Seite; dieselbe scheint 
mir durch dieselbe Ursache verhindert, welche die Sprache selbst unmöglich macht 

Diese Ursache ist meiner Meinung zufolge die Zerstörung der Fähigkeit, Töne und Buch- 
staben zu Worten und Sätzen zu combiniren; unsere Kranke kennt die einfachen Buchstaben, 
sie kennt sehr wohl die Kalenderzeichen, nach welchen sie nach wie vor die Bestellung ihres 
Gartens regelt, aber sie kann nicht mehr zwei oder drei Buchstaben, Zeichen oder Töne mit 
einander combiniren. 

Wenn ich mich nicht irre, so ist es gerade diese Fähigkeit der Combination. welche den schö- 
nen Arbeiten Broca’s zu Folge in dem hintern Theile der linken Augenwindung ihren Sitz 
hat Die Beobachtungen, welchen zu Folge gewisse Worte, gewisse Kategorien von Sätzen bei 
sonstigem Verlust der artikulirten Sprache behalten blieben, beweisen sogar meines Erachtens, 
dass diese Fähigkeit gewissermnassen ein Magazin in der Augenwindung und deren Umgebung 
besitzt, welches gauz oder theilweise zerstört werden kann. 

Wenn ich nun die Sprache der Thiere mit diesen Thatsachen vergleiche, so scheint es mir. 
dass die Affen und Mikroeephalen deshalb nicht sprechen, weil die Combinationsfähigkeit und 
das Magazin der dritten Augeuwindung ihnen fehlt 

Das musikalische Verständnis» ist ganz gewiss vorhanden; Mikroeephalen und Affen lernen 
die Bedeutung der Betonung und selbst diejenige der Betonung und des einfachen Satzes. 

Dio Intelligenz ist gauz gewiss sehr beschränkt und wenn der Mensch, wio Gratiolet be- 
hauptet, sich von dem Thiere, vom Drang und Chimpanse dadurch unterscheidet, weil diese 
letzteren nnr eine äussere Idee der Gegenstände haben, welche aber wesentlich an das Object 
geknüpft ist, während der Mensch allein die Idee einer Idee und so weiter bis in’s Unendliche 
haben kann, wenn dies, sage ich, der Unterschied ist, so ist der Mikrocephale ganz gewiss kein 
Mensch, sondern ein Thier. Diese beschränkte Intelligenz würde indessen vielleicht dennoch 
hinreichen zur Schaffung und Auffassung einzelner einfacher Worte und Sätze. 

Der Wille, sich verständlich zu machen, existirt ebenfalls und c\as Ausüben der Organe ist, 
wenigstens bei den Mikroeephalen, intact. 

Was fehlt, ist eben diese Combinationsfähigkeit, die Fähigkeit, Worte und Sätze, die in der 
dritten Augenwindung niedergelegt sind, mit einander zu verbinden. Wir haben bewiesen, dass 
dieser Theil bei Affen und Mikroeephalen unvollständig ist; wenn dio pathologischen Thatsachen, 
welche die artiknlirte Sprache hierher verlegen, richtig beobachtet und richtig gedeutet sind, 
woran ich im Hinblick auf die Beobachter selbst keinen Augenblick zweifle, so muss auch die 
Unvollständigkeit dieser Theile hei den erwähnten Gruppen die Unvollständigkeit der Function 
nothwendigerweise mit sich bringen. 

Wenn aber dieser Zusammenhang existirt, so müssen wir durch die Untersuchung eines 
mikroeephalen Gehirns bestimmen können, in welchem Grade das Individuum die Fähigkeit der 



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lieber die Mikrocephalen oder Affen -Menschen. 265 

artikulirten Sprache besaß«; wir werden dann linden, dass die Individuen mit Siebschnabel, mit 
vollkommen glatten Augenlappen, mit rndimentärer Augenwindung, bei welchen der Stirnlappen 
gänzlich rudimentär ist und dieCentralwindungen sich tief und breit zwischen Stirn- und Schläfe- 
lappen hinabsenken, dass diese Individuen niemals auch nur ein Wort haben hervorbringen 
können, wäre es auch nur um das einfachste und alltäglichste Bedürfnis anzuzeigen. Wir 
werden finden, dass die Individuen mit geringerem Siebschnabel, mit gefaltetem oder selbst ge- 
wundenem Augenlappen, mit stärker ausgebildeter Augenwindung einige Worte oder selbst Sätze 
in ihrem Magazin besitzen und dass demnach die Fähigkeit der artikulirten Sprache in dem 
Maaase zunimmt, als diese Theile sich ausbilden. Vielleicht wird man endlich finden , dass in 
der Reihe der Gehirne, von welchen wir die Abbildungen geben, Michel's Gehirn dasjenige ist, 
welches trotz der Verminderung seines Volums im Ganzen dennoch die ausgebildetste Augen- 
windung, den entwickelsten Stiel der Sy lvischen Spalte und die am weitesten zurückgetretenen 
Centralwindungen besitzt Andererseits wird man sich leicht überzeugen können, dass alle Affen 
einen entwickelten Siebscknabel, einen ausgehöblten Augenlappen, eine rudimentäre Augen- 
windung besitzen und dass allen der Stiel der Sylvischen Spalte, sowie die Sprache fehlt Wenn 
es also einen Charakter giebt, welcher, wie Gratiolet sagt, das „Gehirn einer sprechenden 
Seele“ auszeichnet, so ist es dieser und kein anderer, und dieser Charakter findet sich, wie wir 
oben aasführten, nur bei dem Menschen und nicht hei den Mikrocephalen, deren Gehirne in 
dieser Hinsicht den „nicht sprechenden Seelen“ des Gorilla und des Orang ähnlich sind. 

Ich brauche wohl nicht hinzuzufiigen, dass dieser Mangel der Sprache schon seit langer 
Zeit bei den Idioten beobachtet ist Griesinger sagt in seiner Pathologie und Therapie der 
psychischen Krankheiten, Stuttgart 18G1, Seite 37ü: 

„Ein Hauptcharakter aller schweren Fälle mt der völlige Mangel der Sprache, so dass nie 
auch nur ein Versucb dazu gemacht wird, oder dock ihre äusserste Unvollkommenheit, die idio- 
tische (nicht auf Gehörmangel beruhende) Stummheit Sie geht entweder aus Mangel an Vor- 
stellungen oder aus Mangel an Reflexen von den Vorstellungen in dem motorischen Sprach- 
mechanismus hervor: die ersteren haben nichts zn sagen, die zweiten „kein Bedürfniss zu spre- 
chen.“ Mit dem gesprochenen Wort fehlt dem Idioten auch das innere Sprechen und mit die- 
sem das wesentlichste Glied im Mechanismus der Abstractionsprocesse.“ 

Ich kann, denke ich, in Beziehung auf die übrigen körperlichen und geistigen Functionen 
kurz sein, da diese schon hin und wieder erwähnt wurden; es bleibt mir nur noch übrig, einige 
Irrthümer zu beseitigen, die nicht von fehlerhafter Beobachtung, sondern vielmehr von einzelnen 
Fällen herrühren, die man zu sehr generalisirt hat. Die Wissenschaft, bat Ernst ron Baer 
mit vollem Recht gesagt, bat nicht nur die Aufgabe aufzubaueu; — die Felder und Irrthümer, welche 
sie wegräumen muss, bevor eine Wahrheit aufgestcllt werden kann, geben weit mehr Arbeit, als 
der neue Aufbau. 

Noch eine weitere vorläufige Bemerkung. Was wir hier bringen, bezieht sich auf die reine, 
bo zu sagen normale Mikrocephalie ohne weitere Complication. Diese Complicationen sind oft 
vorhanden, häufig sind de mit ungeboren oder auch durch Krankheiten erzeugt, die meistens 
das Gehirn befallen, welches als das schwächste Organ am leichtesten von schädlichen Einflüssen 
betroffen wird. Wir haben gesehen, dass mehrere Mikrocephalen durch Uirnkrankheiten zu 
Grunde gingen. Schlagflüsse, Blutaustritte, Wassersucht der Ventrikel, Erweichung und Ver- 

Archiv Jur Aatbropolcwic. Md. fL Heft L y,j 



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266 



Leber die Mikrocephalen oder Allen - Menschen. 

härtung einzelner Theile, alle diese Krankheitsprocesse reilectirten sieb im Leben. Andere batten 
Contracturen, Missbildungen der (ilieder und mau darf begreiflicherweise alle diese Dinge nur 
als individuelle Erscheinungen, nicht aber als nothwendige Folgen der Mikrocephalie ansehen, 
deren reines Bild sie trüben. 

Abgesehen von diesen Dingen, sagen wir, dass die Mikrocephalen meistens die gewöhnliche 
Körpergrösso erreichen, versteht sich mit Abzug einiger Ceutimeter für die Höhe des Schädels, 
dass ihr Körper wohlgebildet ist, wenn sie das erwachsene Alter erreichen, dass sie aber in der 
That sich langsamer zu entwickeln scheinen, als andere Kinder. Wenn die Azteken elegant 
gebildete Zwerge waren, so beruht dies darauf, dass sie eben das mannbare Alter noch nicht 
erreicht hatten; alle erwachsenen Mikrocephalen, selbst die 16jährige Wy ss nicht ausgenommen, 
zeigen eine gewöhnliche normale Körpergrösse. 

Die Geschlechtsorgane entwickeln sich ebenfalls zwar spät, aber doch hinlänglich; die Frauen 
sind spät menstruirt, die Wyss mit 16 Jahren ist es noch nicht, die ältere Maehlor und der 
Fall von Gore waren es. Einige Thatsachen scheinen zu beweisen, dass auch bei den Männern, 
welche ein gewisses Alter erreichten, geschlechtliche Neigungen sich zeigten. Leider besitzen 
wir keine genauere, namentlich mikroskopische Untersuchungen der inneren, besonders männ- 
lichen Organe. Die Menstruation aber beweist, dass die Weiher zweifellos fähig waren, Nach- 
kommenschaft zu erhalten. 

Die Bewegungen sind stets lebhaft schnell, zuckend und vollständig combinirt; die Muskel- 
kraft ist gross, die Beweglichkeit bedeutend, oft so bedeutend, dass die Beobachter sie mit Vögeln 
vergleichen — hupfen, springen, trippeln, ausserordentliche Bewegungen überhaupt bilden die 
Iiegel. Von einigen wird ganz besonders bemerkt, dass sie mit Vorliebe auf Bäume und Möbeln 
kletterten; zwecklose Bewegungen, Zerreisseu von Papier und Stoffen sind häufig; verschiedene 
und in ihrer Wirkung unendlich komische Grimassen, die mit der Schnelligkeit des Blitzes auf 
dem Gesichte wechselu, sind allgemein. 

Gang und Haltung sind die der Affen, der Kopf vorgeneigt, der Rücken gleichmassig gebo- 
gen, die Arme nach vom vorhängend, die Knie etwas gebogen. Häutig und bei gewissen Be- 
wegungen, wie z. B. beim Treppensteigen, kriechen sie auf allen Vieren und helfön sich mit 
den Armen. 

Die Empfindlichkeit der Haut scheint in einzelnen Fällen sehr vermindert , in den meisten 
übrigen aber durchaus normal. Die Sinnesorgane sind vollkommen ausgebildet, sie sehen und 
hören recht gut. Ich weise durchaus keinen Grund, ihnen den Geruch abzustreiten, wie Wagner 
es tiiut. Der Geschmack ist vorhanden, denn sie ziehen gewisse Speisen andern vor. 

Die Functionen des vegetativen Lebens sind vollkommen in Ordnung; Verdauung, Kreislauf, 
Athmung, Absonderung sind vollkommen regelmässig; sie können ein ziemliches Alter erreichen 
und sterben durchaus nicht frühzeitiger als andere Menschen; es ist freilich wahr, dass in dem 
civilisirten Leben, dessen Forderungen und Pflichten sie nicht begreifen, sie häutig durch zu- 
fällige Ursachen zu Grunde gehen, aber es ist wahrscheinlich, dass diese dem Wechsel der Wit- 
terung und der Jahreszeiten unzugänglichen Wesen, die sich von allem Essbaren nähern, weit 
länger leben würden, wenn sie durch ihnen ähnliche Wesen erzogen, ihren Bedürfnissen selbst 
genügen könnten. 

Was die geistigen Eigenschaften betrifft, so ist ihr wesentlicher Charakter die Unbeständig- 



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lieber die Mikroeephalen oder Affen -Menschen. 267 

keit. Niemand kann in ihren Bewegungen, in der Art und Weise ihre Gefühle und ihren Willen 
auszudriicken. die grösste Aebnlichkeit mit den Affen verkennen ; ihre Aufmerksamkeit wird wech- 
selsweise angezogen und abgelcnkt, die entgegengesetztesten Gefühle jagen sich ohne Ruhe, 
Rast noch Zwischenraum. Liebe und Hssb ohne Groud, augenblicklich vergessen und wieder 
aufgenommen, Freude und Niedergeschlagenheit, Zorn und Zufriedenheit, unmittelbare Rache 
und vollständige Hingebung folgen sich in beständigem Wechsel und werden durch die seltsam- 
sten und lächerlichsten Bewegungen betätigt. 

Die Intelligenz ist gewöhnlich selbst unter derjenigen des Affen. Die unmittelbaren Auf- 
fassungen selbst sind ohne Zweifel sehr verdunkelt. Was die abstracten Ideen und alle jenen 
schönen geistigen Fähigkeiten betrifft, die der Mensch ganz gewiss besitzt und die, wie Gra- 
tiolet ganz richtig sagt, der »einfachen Zahl des Thieres gegenüber sich verhalten wie Poten- 
zen, deren Exponent je nach dem Vervollkommnungsgrade des Individuums und der Ra^en 
mehr oder minder erhaben ist“, so fehlen sie gänzlich, wie alle jene Fähigkeiten der Abstraction, 
die dem Menschen eigentümlich sind. 

Ich sagte, dass die Intelligenz gewöhnlich noch unter derjenigen des Affen stehe; man möge 
alles, was man von Aeusserungen der Scclenfahigkeiten von Mikroeephalen kennt, mit demjeni- 
gen vergleichen, was man bei jungen Chimpanses und Orangs, die in Menagerien und Thier- 
gärten Europas lebten, beobachtet bat, und man wird sich überzeugen müssen, dass, wenn die 
Aeusserungen der Gefühle und der Leidenschaften der Mikroeephalen ganz affenartig sind, die- 
jenigen der Intelligenz noch weit unter dieser Stufe stehen und dass nichts, absolut gar nichts 
eine grössere Annäherung an die menschlichen Fähigkeiten zeigt, wie sie sich sogar bei sehr 
wenigen ausgebildeten Intelligenzen betätigen. 



»4* 



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Viertes C a p i t e 1. 



Entstehung. 



Die Entstehung der Mikrokephalie gehört gewiss za den schwierigsten ltäthseln, welche 
ans überhaupt in diesem Zweige der Wissenschaft Vorkommen können. 

Nichts erklärt uns bis jetzt die Entstehung dieser abnormen Wesen, die aus unbekannten 
Ursachen hergcleitet werden muss, welche durch ihre Einwirkung auf einen entstehenden 
menschlichen Organismus ihn so von seinem Entwicklungswege ablenken, dass daraus ein ge- 
mischtes Wesen entsteht, in welchem eine merkwürdige Mischung verschiedener Typen zu einem 
Ganzen verschmolzen ist Wir haben vergebens die bestimmenden Ursachen in dem Organis- 
mus selbst gesucht, wir wissen ebenso wenig warum hier eine solche Bildungshemmung eintritt, 
während sic dort fehlt, wir können nur die nothwendige Verkettung der Wirkungen beobach- 
ten, welche die unbekannte Ursache hervorgebracht hat. 

Nichts zeigt sich bei den Eltern, ln allen Fällen, von welchen uns Nachrichten vorliegen, 
waren Väter und Mütter gesund und wohlgebildet, normal an Körper und Geist und sind ge- 
wöhnlichen Krankheiten erlegen, nirgends finden sich bei den Eltern Spuren erblicher Krank- 
heiten oder Missbildungen , auch ihre Familien zeigen , soweit man sie verfolgen kann, nichts 
Abnormes dieser Art. Wir können uns selbst nicht einmal hinter eine besondere Eigentüm- 
lichkeit der Eltern, hinter eine Dyskrasie flüchten, die, wie so manches andere in der Medicin, 
als Bezeichnung für ein unbekanntes X gelten musB; denn in denjenigen Familien, wo mehrere 
Kinder geboren wurden , wechseln die Affenkinder mit den normalen in unbestimmter Reihen- 
folge ab, ohne dass rfiaii einen Grund für die Ausnahme finden könnte. Doch würde man wieder 
zu weit gehen, wollte man auf diese Thatsache gestützt, ganz eine gewisse Anlage bei den Eltern 
läugnon und zwar aus dom einfachen Grunde, weil bei zahlreichen Familien derselbe Ausuahiue- 
fall sich mehrfach wiederholt. 

ln der That scheinen hier alle Gesetze der Vererbung vollkommen umgestossen. Von nor- 
mal geschaffenen Eltern werden lebensfähige Kinder erzeugt, welche es zuweilen zu einem ziem- 
lichen Alter bringen , die selbst zeugungsfähig sind , wie die Menstruation es beweist, and die 



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269 



lieber die Mikrokephalen otler Affen-Menschen. 

dennoch ihren Glteni nicht ähnlich sehen und wenn man ihren Ursprung nicht kennte, in eine 
andere zoologische Gattung, ja selbst Ordnung verwiesen würden. 

Es ist demnach wohl der Mühe Werth, diese l-'älle im Einzelnen zu untersuchen und sie 
wenn möglich den allgemeinen Gesetzen unterzuordnen, welche zur Hervorbringung der Erschei- 
nung mitgewirkt haben können. 

Untersuchen wir ohne vorgefasste Meinung, auch ohne Autoritätsglauben, das Wenige was 
wir über die Vererbung wissen. 

Ohne Zweifel können die Gesetze über die Vererbung der Charaktere heutzutage nicht 
mehr in derselben Weise formulirt werden, wie dies früher geschah. Die Entdeckungen der 
Neuzeit über den Generationswechsel, über die Parthenogenese und über alle diese verschie- 
denen Kortpflanzungsarten, bei welchen die Charaktere der Eltern nicht in einfacher Weise auf 
die Kinder übergehen, beweisen uns, dass wir kaum dahin gelangt sind, die unerwarteten 
Verwicklungen — nicht zu begreifen — sondern nur zu ahnen, welche noch in der Fortpflanzung 
der Lebenswesen existiren. 

Die Vererbung der Charaktere ist keineswegs absolut. Die Fortpflanzung lässt die Aehn- 
liehkeit der Producte zu , sie setzt aber nicht die Identität als eine Nothwendigkeit — sie be- 
dingt im Gegentheil die Unähnlichkeit der Producte in mehrfacher Hinsicht; in Hinsicht auf 
die Zeit, auf das Geschlecht und die, individuelle Ausbildung. 

Ich weiss sehr wohl, dass diese Behauptung allgemein angenommenen Ansichten schnur- 
stracks entgegenlauft, nichtsdestoweniger ist sie vollkommen wahr. 

Bei den meisten Organismen sind die unmittelbaren Nachkommen den Eltern ähnlich; das 
ist ganz gewiss richtig, aber ebenso ist es auch wahr, dass diese Nachkommen niemals den Eltern 
gleich sind und es auch niemals werden; wäre dies nicht der Fall, so könnte man weder die Kin- 
der von den Eltern, noch namentlich bei den Tbieren, bei welchen auf denselben Wurf mehrere 
Junge erzeugt werden, die einzelnen Jungen unterscheiden ; namentlich in diesem letztem Falle 
begreift man die thatsüchlichen Verschiedenheiten, welche sich zeigen, nur durch die Annahme 
einer angeborenen individuellen Neigung zur Veränderlichkeit Jeder Hundezüchter kann es 
bestätigen, dass bei dem ersten Wurf einer Hündin, die nur ein einziges Mal durch einen Hund 
belegt wurde, nichtsdestoweniger sämmtliche Jungen ziemlich bedeutende Verschiedenheiten 
zeigen, und zwar nicht blos in Beziehung auf Farbe, sondern auch in Beziehung auf die Propor- 
tionen der einzelnen Kürpertheile und die geistigen und moralischen Eigenschaften. Und doch 
wurden diese Jungen von denselben Eltern gezeugt, sind aus denselben Eiern, demselben Samen 
entstanden und bei dem einzigen Begattuugsacte der stattfand, können auch keine verschie- 
dene äussere Einflüsse auf das Product eingewirkt haben. Doch können wir hier nicht 
umhin zu bemerken, dass bei denjenigen Arten, welche gewöhnlich nur ein Junges erzeugen, 
wie bei dem Menschen, die Zwillinge meist unter sich eine grössere Aehnlichkeit besitzen, als 
die aus aufeinander folgenden Einzelgeburten entstandenen Nachkommen. 

Diese Ungleichheit der Nachkommen existirt also thatsächlich und wir finden sie überall, 
wo wir ein Interesse haben , sie zn beobachten. Wir würden gewiss für unsere Sammlungen 
keine schönen und ausgezeichneten Exemplare aussuchen können, wenn sie nicht existirte. 

Wie weit kann nun aber diese Ungleichheit der unmittelbaren Nachkommen gehen ? 

Es ist schwer hier eine Grenze zu bestimmen. In der überaus grossen Mehrzahl der Fälle 



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Ueber die Mikrocephalen oder Affen-Menschen. 

bleibt die Verschiedenheit bei ganz unbedeutenden Cliarakteren stehen. Vertheilung der Kar- 
ben, ungleiche Proportion der einzelnen Kiirpertheile der Glieder, oder selbst einzelner Theile 
der Glieder u. dergl. ; in manchen Fallen aber können die Verschiedenheiten sehr weit gehen, 
wie dies das Rindvieh ohne Hörner, die Otterschaafe mit kurzen Beinen, die Ziegen mit mehr- 
fachen Hörnern u. s. w. beweisen. 

Wir dürfen hierbei nicht ausser Acht lassen, dass die Aebnlichkeiten und Verschiedenhei- 
ten erst mit derZeit auftreten, dass sie ausserdem vom Geschlecht und häutig von den äusseren 
Lebensbedingungen des Individuums abhängen. Ich habe nicht nötliig, hierfür Beispiele anzu- 
führen', das Männchen vererbt auf seine Söhne ausser den Geschlechtsorganen noch gpccielle 
Eigentümlichkeiten des Baues im übrigen Körper und das Weibchen desgleichen. So wird der 
Bart eines Jungen, der erst gegen das 20steJahr zum Vorschein kömmt, vielleicht genau ebenso 
wie der seines Vaters, während derjenige eines andern manche Verschiedenheit zeigt Am 
leichtesten kann man sich von dieser verspäteten Vererbung der Charaktere an den bleibenden 
Zähnen überzeugen; bei der Geburt existirt keine Spur davon und dennoch zeigen die Ersatz- 
zähne häufig in auffallender Weise Eigentümlichkeiten des Baues, welche man bei den Eltern 
beobachten konnte. 

Die Unterschiede und Aehnlichkeiten müssen also während einer gewissen Zeit in dem 
Nachkommen latent bleiben und erst dann sich geltend machen, wenn die Entwicklungsperiode 
es mit sich bringt; ihre Vererbung hängt ausserdem vom Geschlecht ab. 

Doch nicht ganz. Die Eigentümlichkeiten kreuzen sich häufig in den Geschlechtern. Wenn 
man den Beobachtungen am Menschen misstraut, so kann man es leicht bei den Hunden beob- 
achten; gewisse Charaktere, die man zum grossen Aerger der Züchter niemals vorausbestimmen 
kann, vererben sich vom Vater auf die Tochter und von der Mutter auf den Sohn. Dies erzeugt 
denn häufig bedeutende Verschiedenheiten bei den Nachkommen. 

Die Verschiedenheiten zwischen Eltern und Nachkommen können also bei den Arten mit 
getrennten Geschlechtern theils durch die Kreuzung der Eltern, teils durch noch unbekannte 
Ursachen hervorgebracht werden. Sie können ferner zuweilen ziemlich weit gehen, während 
sie in der Mehrzahl der Fälle sich auf unwesentliche Modificationen beschränken. Wir ver- 
wundern uns gar nicht, wenn diese Aehnlichkeiten und Verschiedenheiten erst in späterer Zeit 
hervortreten, oder wenn sie sich in gewöhnlicher Weise auf das Geschlecht übertragen, sie fal- 
len uns nur auf, wenn sie sich in ausserordentlicher Zeit, oder bei einer Kreuzung der Ge- 
schlechter geltend machen. Dass junge Hähne nach und, nach den Kamm, die Sporen, das 
Federkleid der Alten anlegen finden wir ganz in der Ordnung, aber es überrascht uns, wenn 
diese Attribute auf eine Henne vererbt werden, bei welcher sie während der längsten Zeit ihres 
Lebens latent bleiben und erst im spätem Alter hervortreten. 

Wenn in der überaus grossen Mehrzahl der Fälle eine direct« Uebertragung der Charak- 
tere stattfindet. welche uns unmittelbar die Verschiedenheiten erkennen lässt, so verhält es sich 
anders in denjenigen Fällen, wo der Kreis der Formon, mit welchen die Generationsfolge sich 
schliesst, durch mehrere Glieder gebildet wird. 

Ich will hier nicht auf alle die Verschiedenheiten eingehen, welche der Generationswechsel 
zeigen kann, noch auf die Mischungen mit anderen Fortpflanzungsarten, die man kennt. Ich 
will nur auf einige Fälle eingehen. 



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lieber die Mikrocephalen oder Arten -Menschen. 

Der einfachste Fall ist bekanntlich derjenige der Salpen und einiger Hydromcdusen , wo 
der Kreis aus zwei Arten von Individuen besteht, welche abwechselnd auf einander folgeu. A er- 
zeugt B, das ihm vollkommen unähnlich ist ; B erzeugt C, das ihm ebenfalls durchaus unähnlich, 
aber A ähnlich ist und so geht es weiter. 

Die Uebertragung der Charaktere durch Vererbung bleibt also in diesem Falle latent, nicht 
nur während einer gewissen Zeit und in demselben Individuum, sondern durch ein Individuum 
hindurch, während dessen ganzer Lebenszeit. Der dem Vater unähnliche Nachkomme hat also 
seinem eigenen Kinde Aehnlichkeiten mitgetheilt, die bei ihm selber nicht zur Erscheinung 
kamen. Die Vererbung überspringt eine Erscheinungsform der Art. 

Wir wissen, dass bei gewissen Trematodeu und Molluskoiden (Doliolum) die Uebertragung 
im Generationswechsel noch weiter geht. A erzeugt B, das ihm vollkommen unähnlich ist; 
B erzeugt C, das beiden, A wie B, unähnlich ist; C erzeugt I), das wieder A ähnlich ist. Die 
Vererbung der Aehnlichkeiten und Unähnlichkeiten bleibt also latent durch zwei Glieder, wel- 
che ein unabhängiges individuelles Leben fuhren und zeigt sich erst im dritten. 

Hat es hier ein Ende? Die Blattläuse beweisen uns das Gegentheil. Schmidberger 
(Beiträge zur Obstbaumzucht. Linz 1827 bis 1836) hat bei den Blattläusen bis zu 13 Gene- 
rationsfolgen beobachtet Untersuchen wir, was diese Thatsache in Beziehung auf die Verer- 
bung der Unterschiede und der Aehnlichkeiten zu bedeuten habe. 

A ist hier ein aus einem geflügelten Männchen und einem ungeflügelten Weibchen beste- 
hendes Pärchen. Das Weibchen hat im Herbst Eier gelegt, das Pärchen ist gestorben. Im 
Frühjahre sind ungeflügelte Weibchen, oder wenn man so will Ammen B ausgeschlupft, welche 
A. unähnlich sind und lebende Junge gebären. Diese Weibchen B erzeugen nun Weibchen 
oder Ammen C, die B ähnlich. A unähnlich sind. Sie erzeugen keine Männchen und die aus 
den Eiern hervorgegangene Generation besass ebenfalls keine Männchen. So folgen sich nun 
die Generationen eine nach der andern während des ganzen Sommers, die Ammen erzeugen 
immer ihnen ähnliche Nachkommen, die aber dem ersten Pärchen im Herbst unähnlich sind, 
doch giebt es zuweilen in einigen Geschlechtsfolgen abweichende Nachkommen. Von der dritten 
Ammengeneration an erscheinen zuweilen, und zwar zuletzt, unter den Nachkommen einer 
Amme, Weibchen, welche bei der letzten Häutung Flügel bekommen und die also theilweise in 
einem äussern Organ einen Charakter des Männchens vom ersten Herbstpaare wiederholen. 
Diese Weibchen sind in der That gemischte Typen. Sie haben vom ersten Männchen die Flügel 
ohne seine Zeugungs- und Begattungsorgane, sie haben von den Ammen die Zengungsorgane, 
aber nicht die Begattungsorgane der eigentlichen Weibchen. Wir wollen sie geflügelte Ammen 
neunen. Solche erschienen bei Schmidberger in der dritten, sechsten, achten, neunten und 
zehnten Generation; endlich mit der 16ten Generation erscheinen geflügelte Männchen, un- 
geflügelte Weibchen, die sich begatten und Eier für den Winter legen. So schliesst sich 
der Kreis. 

Wir sehen demnach, dass die Vererbung der männlichen Form durch 15 Generationen la- 
tent bleibt und noch länger latent bleiben könnte, denn der Wechsel der Jahreszeiten ist der 
einzige Grund ihres Erscheinens. Die Blattläuse des Apfelbaumes würden durch den Winter- 
frost für immer vernichtet, wenn nicht dnreh eine Anpassung an die äusseren Einflüsse ein 
Rückschlag auf längst verschwundene Formen erfolgte. 



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272 



Ueber die Mikrocephalen oder Affen -Menschen. 

Vergessen wir hierbei nicht, dusB der durch die Erzeugung geflügelter Ammen hergestcllte, 
unvollständige Rückschlag ebenfalls in Folge einer Anpassung an die äusseren Einflüsse statt- 
findet. Der Zweig ist dicht besetzt, das Wetter ist schön, jetzt werden geflügelte Ammen er- 
zeugt, welche eine neue Colonie mit sich auf einen andern Stamm oder auf einen entfernten 
Ast tragen, den die ungeflügelten Ammen nicht erreichen können. Eine gewisse Ciener&tions- 
numtner bat in einem trockuen und warmen Jahrgänge geflügelte Ammen erzeugt, während sie 
in einem regnerischen und kühlen Jahre keine solche erzeugte, und gegen den Herbst hin, wo 
der Saft abnimmt und die Bäume besetzt sind, findet niemals Erzeugung geflügelter Ammen statt 

Die Beobachtungsweisen Schmidt) ergers beweisen uns demnach eine ausserordentliche 
Constanz in der erblicheu Uebcrtragung der Aehnlichkeiten und Verschiedenheiten, die Verer- 
bung im latenten Zustande kann sich durch lange Reihen von Generationen fortpflanzen , um 
endlich ganz oder theilweisc wieder zu erwachen, sei es in Folge äusserer Einwirkungen, denen 
der Organismus sich anzupassen sucht, sei es in Folge noch unbekannter Ursachen. 

Wenn die abwechselnde oder unterbrochene Vererbung nur bei einigen niederen Organis- 
men als Regel gilt, so ist sie doch bei den höheren nicht ausgeschlossen, vielleicht ist sie sogar 
verbreiteter, als man wirklich glaubt 

Jedermann weiss, dass Kinder häufig den Grosseltern ähnlicher sehen als den Eltern, jeder 
kann Beispiele dieser Art in der eigenen Familie wie in Familien von Bekannten citiren, jeder 
Thierzüchter kennt Thatsachen dieser Art Ich habe solche Fälle bei Hunden beobachtet, deren 
Generationen ich im Einzelnen verfolgen konnte; aulfallende Beispiele liefern die Mitglieder 
der Familie Lambert, die bekannten Stachelschweinmenschen und manche Familie)) mit sechs 
Fingern, wo der erworbene abnorme Charakter durch Individuen vererbt wurde, welche ihn 
zwar nicht besassen , aber ihren Kindern mittheilten. Wir nennen diese überspringende Ver- 
erbung Atavismus. 

Gewiss bleibt diese latente Vererbung bei dem Menschen und bei den höheren Thieren 
ebenso wenig wie bei den Blattläusen auf eine einzige Generation beschränkt Man weiss, dass 
in alten Familien, wo die Ahnenbilder erhalten sind, zuweilen Nachkommen geboren werden, 
die in auffallender Weise einem Ahnen gleichen, der seit ein oder zwei Jahrhunderten todt ist; 
man weiss, dass bei Uausthieren von Zeit zu Zeit farbige Flecken oder Streifen erscheinen, die 
der wilden Art eigentümlich sind , von welcher das Ilausthier stammt Oft zeigte die Haus- 
thierraeje seit Menschengedenken nichts Aehnliches. Darwin erwähnt in seinem Bucho Bei- 
spiele dieses verspäteten Atavismus bei Pferden, welche mit Streifen auf dem Rücken und den 
Schultern und mit Ringeln um die Füsso geboren werden, ferner bei Tauben, bei welchen die 
Farben der wilden Taube, bei Enten, wo die Spiegel der wilden Ente wieder erscheinen. Desor 
hat beobachtet dass schwarzo Katzen in der Jugend dunklere und hellere Streifen und nament- 
lich auch einen geringelten Schwanz haben. Dieser verspätete Atavismus kann gewiss mit dem- 
jenigen der Blattläuse auf eine Linie gestellt werden, dort ist er normal, hier zufällig — im 
Gruude ist es dieselbe Geschichte. 

Ohne Zweifel hat auch dieser Atavismus, diese latente Vererbung der Charaktere, eine 
grosse Bedeutung für die Constanz der erworbenen Charaktere ; jeder Thierzüchter weiss, dass 
Rückschläge um so häufiger stattfinden, je näher die abgezweigten Aeste dem .Stamme sind und 
dass die Charaktere, die er übertragen will, sich um so leichter und sicherer vererben, je älter 



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Leber die Mikrocephalen oder Affen -Menschen. 273 

und reiner die Rage ist, oder mit änderet! Worten, je länger die Zeit angedauert hat, in welcher 
die Charaktere ohne Unterbrechung vererbt wurden. 

Wenn aber auch diese Adelstitel der Vererbung wirklich existiren, so darf inan andererseits 
nicht vergessen, dass sie niemals den Ursprung gänzlich verwischen und dass immer wieder von 
Zeit zu Zeit Spuren des entfernten Ursprungs auftauchen. Man kann über die von Darwin 
beigebrachten Thatsacheu in dieser Hinsicht zweifelhaft sein; nicht« beweist uns, dass die von 
Zeit zu Zeit bei Füllen auftauchenden Streifen wirklich auf eine Vererbungsverbindung mit den 
jetzigen wilden Pferden Afrikas hindouten, die alle solche Farbonstreifen zeigen, der Grund der 
Erscheinung kann weiter zurückliegen — in einer gemeinsamen Stammart, von welcher sowohl 
unsere jetzigen Pferde nie die wilden afrikanischen abstammen, und die vielleicht ein streifiges 
Fell besass. 

Wir besitzen in der That andere Thatsachen, welche auf einen solchen Atavismus hindeu- 
ten. „Vor der Entdeckung des Hipparion“, sagt Albert Gaudry in seinen trefflichen all- 
gemeinen Betrachtungen über die fossilen Thiere von Pikermi (Paris 1866. S. 62), „stand das 
Genus Pferd in der heutigen Schöpfung isolirt da, und man hatte für dasselbe die Ordnung der 
Einhufer geschaffen, die durch eine einzige Zehe an jedem Fusse charakterisirt ist Die Gat- 
tung Hipparion, welche kleine seitliche Zehen, ähnlich denen von Anchitberium besitzt knüpft 
die Ordnung der Einhufer an diejenige der Dickhäuter. Die Beobachtungen Gurlt's, 
Hensel’s, Joly’s, Lavocat's, Goubeaux’ haben bewiesen, dass diese Charaktere 
von Hipparion zuweilen abnormer Weise an den Füssen der Pferde wiederkehren.“ 

Hier haben wir also einen unumstösslich bewiesenen geologischen Atavismus. Das Pferd 
hat nur eine Zehe am Fuss und es vererbt diesen Charakter seinen Nachkommen wenigstens 
seit der jüngsten Tertiärzeit, es sei denn, dass die einzelligen Pferde aus noch etwas älterer 
Epoche stammen; aber von Zeit zu Zeit, freilich selten genug im Verhältniss zu den Millionen 
Pferden, welche alljährlich geboren werden, erscheint ein Füllen, welches seitliche Zehen besitzt, 
die wie diejenigen von Hipparion gebildet sind, welches Urgeschlecht in der mittleren und jün- 
geren Tertiärzeit existirt hat. Dieser Charakter erscheint demnach erst nach einer unmess- 
baren Reihe von Generationen wieder, und zwar ist er, wie ich gleich bemerken will, einellem- 
mungsbildung, denn der Pferdefötus hat ganz normaler Weise im Anfänge, wo die Glieder erst 
angelegt werden, die Keime dieser überzähligen Finger, die nur sehr früh mit dem Mittelfinger 
verschmelzen; dieser entwickelt sich allein, die anderen Finger bilden sich nicht aus; die ab- 
norme Erscheinung ist also demnach zu gleicher Zeit eine Hcmmungsbildung und eine atavisti- 
sche Fortbildung, welche in ihrer Richtung von der normalen Richtung abgelenkt wird, der bei 
dem jetzigen ITerde die Entwicklung der Glieder folgen sollte. 

Wir können noch mehr sagen. Wenn diese atavistische Entwicklung hier abnorm und 
monströs ist, weil sie nur zufällig in sehr vereinzelten Fällen auftritt, so ist eine solche doch 
bei demselben Pferde, aber in einem andern Organ in gewisser Beziehung normal. Rüti- 
meyer hat nachgewiesen (Beiträge zur Kenntnis® der fossilen Pferde in „Verhandlungen der 
naturforschenden Gesellschaft in Basel“, 3. Baud, 4. Heft, 1863), dass man die Milchzähne in Be- 
rücksichtigung ziehen muss, wenn man den Grad der Verwandtschaft zwischen den Gattungen 
und Arten der fossilen Pferde und der Hausthiere überhaupt ermessen will. Die Milchbezah- 
nung zeigt in der That in deijenigen Art, welche historisch einer andern nachfolgt, Charaktere, 

Archiv für Aathroj olost« Htvrwl U. H«ft 2. 95 



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274 lieber die Mikrocephalen oder Affen -Menschen. 

welche dem definitiven Zahn System der vorhergehenden Art zukommen. Das fossile Pferd hat 
nach Rütimeyer in seinen Milchzähnon die Charaktere der bleihenden Bezahnung von Hippa- 
riOD. Das jetzige Pferd besitzt Milchzähne, die dem Typus der bleibenden Zähne des fossilen 
Pferdes entsprechen, und das Hipparion führt durch seine Milchhezahnung auf einen gemein- 
schaftlichen Stamm zurück, der durch Anoplothcrium und die diesem ähnlichen Gattungen repra- 
sentirt wird. Hier zeigt sich demnach in der Entwicklungsfolge ein normaler Atavismus, wel- 
cher einen vorübergehenden Charakter, der später im Laufe der individuellen Entwicklungen 
einem verschiedenen Definitivum Platz macht, regelmässig hervorruft. 

Wir wissen sonach jetzt, dass Charaktere durch latente Vererbung nach Generationen, nach 
sehr bedeutenden Zeiträumen, ja selbst nach geologischen Epochen wieder erscheinen können, 
dass sie in die Erscheinung treten können , indem sie nur einzelne Theilc oder selbst den gan- 
zen Organismus modificiren; wir wissen ferner, dass die Uebertragung der Charaktere um so 
leichter geschieht, je vielfachere Gescblechtsfolgen ihn schon unter sich übertragen haben, und 
dass die atavistischen Rückschläge in demselben Grade schwieriger werden. Wir wissen ferner, 
dass zufällige Charaktere, ja selbst bedeutende Abweichungen und Difformitäten (ein sechster 
Finger ist vielleicht eine der bedeutendsten Abweichungen , die man sich denken kann , da in 
dom ganzen Kreise der Wirbelthierc keine analoge Bildung vorkomrat) durch mehrere Genera- 
tionen hindurch fortgepflanzt werden und auf diese Weise ihr Adelsdiplom erhalten können. 

Zweifellos werden die Organismen von äusseren Einwirkungen beeinflusst, und je länger 
diese Einwirkungen dauern, desto bedeutender werden auch die Abweichungen, welche sie im 
Gefolge haben. Ich brauche nur an die zahllosen Varietäten verschiedener Arten von Mollus- 
ken zu erinnern, welche hier dicke und schwere, dort leichte und dünne Schalen haben, sowie an 
die Varietäten in Grösse, Gestalt, Farbe und äusserer Ausschmückung, welche wir namentlich 
an den Grenzen der geographischen Provinzen und historischen Zeiträume finden, in welchen 
einzelne Arten sich verbreiten. 

Aber man darf nicht vergessen, dass alle diese Anpassungen an die äusseren Einwirkungen 
weit weniger durch unmittelbare Einwirkung auf «Im Individuum als vielmehr mittelbar auf 
dem Wege der Zeugung und der Vererbung hergestellt werden. Alle äusseren Einflüsse wirken 
zuerst auf die Generationsorgane und durch die Fortpflanzung auf das Product derselben. Die 
Directoren der zoologischen Gärten wissen jetzt mehr über dieses Kapitel als die Kabinetsgelehr- 
ten, aber diese wissen ebenfalls sehr wohl, dass jede Modification der äusseren Lebensbedin- 
gungen sich zuerst in der Function der Zeugung wiederspiegelt. Die Sterilität ist sehr häufig 
die unmittelbare Folge dieser Aenderung ; nicht minder häufig ist die Verkümmerung der Nach- 
kommen und die Abweichung derselben von dem ursprünglichen Typus der Eltern. 

Wenn wir nun auf der einen Seite wissen , dass die Zeugungsorgane ganz besonders und 
mehr als alle anderen durch äussere Einwirkungen beeinflusst werden, so wissen wir auf der 
andern Seite, dass diese Einflüsse sich in dem ganzen Organismus und namentlich auch in den 
Nachkommen, welche erzeugt werden, wiederspiegeln. Die Entwicklung der Zeugungsorgane 
bringt ebenso bedeutende Folgen in anatomischer wie physiologischer Hinsicht für den Organis- 
mus mit sich, als ihre normale oder vorzeitige Rückbildung; diese Folgen lassen sich überall 
erkennen. Sie sind häufig so ungemein bedeutend , dass sie den Organismus scheinbar in eine 
andere Klasse des Thierreiches überführen. Ich brauche nur an die Schraarotzerkrebse, die 



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275 



Ueber die Mikrocephalen oder Affen -Menschen. 

Wurzelkrebse, die Rankenfüsser u. s. w. za erinnern, um diesen ungemein grossen Einfluss der 
Zeugungsorgane und der Zeugungsfunctionen vor Augen zu führen, welcher Bich sogar auf Or- 
gane und Organsysteme erstreckt, die nicht die mindeste Beziehung zu dem Zeugungssysteme 
zu haben scheinen. 

Durch alle diese Betrachtungen komme ich zu dem Schlüsse, dass die Anpassung, d. h. 
die Erwerbung neuer Charaktere und die Entwicklung derselben bis zu dem Punkte, wo sie 
den Bedürfnissen des individuellen Lebens und den Bedingungen des Kampfes um das Dasein 
und der Fortpflanzung der Art entsprechen und genügen, auf dem Wege der Zeugung, (L h. auf 
indirectem Wege, geschieht, dass demnach die Anpassung, wenn sie überhaupt stattfindet, — denn 
in vielen Fällen geht die Art zu Grunde, — sich in den Nachkommen und nicht in den Indivi- 
duen selbst vollzieht 

Wir besitzen directe Beweise dieser Art der Anpassung in vielen Vorgängen der Entwick- 
lungsgeschichte ; in der Mehrzahl der Fälle spiegelt sich die historische Entwicklung der Arten 
in der individuellen Entwicklung der Einzelwesen ab. Die höheren Formen durchlaufen in ihrer 
Entwicklung als Embryonen und Larven Zustände, welche in den niederen Vorgängern definitiv 
und bleibend repräseutirt sind. 

Hier müssen wir aber auch an jenes Gesetz erinnern, welches Fritz Müller in seiner an 
Beobachtungen so reichen und an logischen Folgerungen so vortrefflich durchgofübrten Schrift 
fiir Darwin (Leipzig 1864. S. 77) dahin formulirt, dass die in der Entwicklungsgeschichte ent- 
haltene historische Urkunde sich nach und nach verwischt, weil die Entwicklung vom Ei bis zum 
erwachsenen Thiere nach und nach eine stets geradere Richtung cinschlägt und dass ferner die 
Urkunde häufig durch den Kampf ums Leben gefälscht wird, welchen vorübergehende Zustände 
(Larvenzustände) zu bestehen haben. 

Fritz Müller hat dieses Gesetz durch in seinem Werke enthaltene Thatsachen nach- 
gewiesen. Zwei benachbarte Gattungen der Familie der Palümoniden haben eine sehr verschie- 
dene Larvenentwicklung in dem Sinne, dass die eine dieser Gattungen einen Larvenzustand über- 
springt, welchen die andere durchmacht ; die Gattung Peneus schlüpft in der l’hat aus dem Ei 
mit jener primitiven Larvenform der Krebsflöhe, die unter dem Namen Nauplius bekannt ist, 
und durchläuft dann bei verschiedenen Häutungen jene Larvenzustände, die man als besondere 
Gattungen unter dem Namen Zoea und Mysis beschrieben hat, um endlich in definitiver Gestalt 
als Peneus zu erscheinen. In der sehr nahe verwandten Gattung Palaemon dagegen schlüpfen 
die Jungen als Zoea aus dem Ei, werden Mysis und dann Palaemon; die Entwicklung überspringt 
hier den Naupliuszustand, um schneller zum Ziele zu kommen. 

Fälle dieser Art erläutern manche Verschiedenheiten. Seit langer Zeit schon wissen wir, 
dass es zwei Arten von glatten Haien giebt (Mustelus), die kaum von einander durch unbedeu- 
tende Charaktere der Zahnbildung verschieden, sonst aber zum Verwechseln ähnlich Bind und 
wo bei der einen ein wahrer Mutterkuchen im Innern des Uterus gebildet wird , während bei 
der andern keine Spur eines solchen Organes vorkommt (Job. Müller, Ueber den glatten 
Hai des Aristoteles (Mustelus laevis). Abhandlungen der Berliner Akademie 1840.) Man tbeilt 
die Ulasse der Säugethiere und gewiss mit vollem Rechte nach der Gegenwart oder Abwesenheit 
der für die embryonale Entwicklung so Kusserst wichtigen Placonta in zwei Untereiaasen, und 

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276 



Ueber die Mikrocephalen oder Affen - Menschen. 

hei den Haien finden sich so merkwürdige Verschiedenheiten bei einander so nahe verwandten 
Arten, dasB viele Naturforscher nicht einmal an ihre Trennung dachten. 

Wir können jetzt, wo wir die verschiedenen Thatsachen untersucht haben, versuchen, die 
daraus sich entwickelnden Folgerungen auf die Mikrocephalen anzuwenden. 

Wir behaupten, dass die Mikrocephalie eine partielle atavistische Bildung ist, 
welche in den Gewölbtheilen des Gehirnes auftritt nnd als nothwendige Folge eine 
Ablenkung der embryonalen Entwicklung nach sich zieht, die in ihren wesent- 
lichen Charakteren auf den Stamm zurückführt, von welchem aus die Menschen- 
gattung sich entwickelt hat. 

Der theilweise monströse Atavismus, welcher in der Mikrocephalie gegeben ist, erscheint 
durchaus als derselbe Vorgang, der sich bei den Pfcrdcfüllen verwirklicht, die mit Hipparion- 
fiissen geboren werden. Der menschliche Embryo durchläuft eine Phase, während welcher die 
Lippen der Sylvischen Spalte sich noch nicht genähert haben, wo der Stammlappen noch nicht 
bedeckt, die Augenwindung noch nicht gebildet ist und keine Windungen sich auf der Ober- 
fläche des Gehirnes vortinden. Der Embryo des Pferdes durchläuft eine Entwicklungsphase, 
während welcher die Glieder noch ruderförmige Platten darstcllen und die darin befindlichen 
Zellenanhäufungen getrennte Finger vorzeichnen. 

Anf diesem Punkte tritt die Abweichung in der Entwicklung ein. Die abgelenkten Thcile 
bleiben durchaus nicht stationär, sie entwickeln sich ebenfalls, aber in einer andern Weise und 
nach der Richtung, die von auderen Wesen eingeschlsgen wird. Die Gewölbtheile des Mikroce- 
phalengehirnes entwickeln sich gemäss dem Afientypus, sie erreichen nnr das Volumen, welches 
auch bei diesen erreicht wird, die Centralwindungen steigen bis zum Rande der Hemisphäre 
herab, verbinden sich mit der Augenwindung und keilen sich zwischen die beiden Aeste der 
Sylvischcn Spalte ein. Die Hirnwindungen bleiben einlach und erreichen höchstens den Grad 
der Verwicklung und Ausbildung, welchen sie bei den grossen menschenähnlichen Affen zeigen. 
Die hinteren oder Uebergaugswindungcn, sowie der Ilinterlappen bilden sich nach dem Typus 
der amerikanischen Affen nnd namentlich der Ateles. Ueber diese von ihrem normalen Ziele 
abgelenkten Theile, welche nur den Standpunkt der Affen erreichen, bildet sich nun der knö- 
cherne Schädel, so weit er die Decke und die Seitenwände der Gehirnkapsel ausmacht, die 
Schläfenbeine und die Schuppontheile des Stirnbeines, des Hinterhauptsbeines und der Schläfen- 
beine, nnd als Folge dieser Affenbildung des Organes der Intelligenz erscheint auch die Ausbil- 
dung der Function selbst, der intellectnellen Eigenschaften nach demselben Typus; — die in- 
tellcctncllen Fähigkeiten sind diejenigen der Affen in jeder Beziehung, von den Willeusäusse- 
rungen bis zu der Auffassung der äusseren Gegenstände, bis zu den Begriffen, bis zu der arti- 
kutirteu Sprache, welche diesen Wesen gänzlich als Mittel zur Mittheilung ihrer Gedanken 
abgeht und nnr als Nachahmungsproduct ganz ebenso wie bei sprechenden Tlüeren existirt. 
Ich habe in irgend einer kleinen Residenz Deutschlands ein Denkmal gesehen, welches Friedrich 
der Grosse, wenn ich nicht irre, einer befreundeten Fürstin hat setzen lassen. „Corpore femina, 
intellectu vir“ heisst die einfache Inschrift des Denksteines. Man könnte von jedem Mikroce- 
phalen sagen „Corpore homo, intellectu simia“. 

Wenn indessen die oberen Theile des Hirnes und des Schädels in solcher Weise abgelenkt 
sind, um einen auffallenden Atavismus darzustellen, so zeigen die anderen Theile mehr oder 



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277 



Ueber die Mikrocephalcn oder Affen -Menschen, 

minder die normale menschliche Tendenz, ich sage mehr oder minder, denn das Gesicht zeigt 
ebenfalls Atavismen, die freilich weit weniger ausgesprochen sind. Der schauderhafte Progna- 
thismus ist einer dieser Charaktere, der bei den niederen MetiBchenracen stationär bleibt und 
durch welchen die Mikrocephalen sich diesen Hafen anreihen. Die gleichförmig gekrümmte 
Wirbelsäule ist ein anderer Charakter dieser Art. Vielleicht findet man noch andere Charaktere 
in den Verhältnissen des Körpers und der Glieder. Ich habe in diese Einzelheiten weder ein- 
treten wollen noch können, weil die Materialien noch allzu geringfügig sind. So viel ich weiss, 
existirt in der ganzen Welt nur ein einziges erwachsenes Mikrocephalenskelett, das von Michel 
Sohn in Berlin. Die einzigen an lebeuden Mikrocephalen vorgenommenen Messungen sind die 
von I.eubuscher au denAzteken und die sehr unvollständigen Mausse, welche ich bei Sophie 
W yss nehmen konnte. Es schien mir als ob diese an jugendlichen Individuen gewonnenen 
Materialien keine hinreichende Grundlage geben können. Kehren wir also zu unserm Gegen- 
stände zurück. 

Ich sagte, dass der monströse Atavismus der dreiseitigen Pferde im Grunde dieselbe Er- 
scheinung sei wie derjenige dor Mikrocephalen, nur mit dem Unterschiede, dass er in den Glie- 
dern, statt in einem so wichtigen, auf alle Functionen Einfluss habenden Organe wie das Gehirn, 
auftritt. Die Anlage eines Gliedes mit mehreren getrennten .Zehen existirt bei dem Pferde- 
embryo zu einer Zeit, wo es weder Knochen noch Knorpel, weder Muskeln noch Bänder giebt; 
hat sich aber einmal die Ablenkung geltend gemacht, so folgt die Entwicklung der gegebenen 
atavistischen Richtuug, während die übrigen Körpertheile der normalen Richtung folgen. Die 
Knochen sind es nicht, welche sich in dem atavistisch abgelenkten Gliede theilen, sie verschmel- 
zen auch nicht in dem normal sich entwickelnden Gliede — hier entwickeln sich die Knochen 
nach einer gegebenen Richtung hin und alles was sie umgiebt, Knorpel, Muskeln, Bänder, folgt 
derselben Richtung. Dort entwickeln sie sich in einer andern Richtung und das ganze Glied 
bis zum Hufe hinunter schlägt dieselbe Richtung ein. 

Wenn wir aber die Thatsache, dass diese atavistische Ablenkung bei den Pferden noth- 
wendig einen frühem historischen Typus, denjenigen des Hipparion, wiedergeben muss, auf die 
Mikrocephalie anwenden, so werden wir zugeben müssen, dass die Mikrocepbalen ebenfalls noth- 
wendigerweise einen frühem historischen Entwicklungszustand dor Menschengattuug repräsen- 
tiren müssen, dass sie uns einen der Meilensteine zeigen ; an welchem der Mensch auf seinem 
historischen Entwicklungswege vorübergewaudelt ist. Ganz so wie sie uns jetzt zu einem Meilen- 
steine hinführen, an welchem jeder Mensch in seiner individuellen und embryonalen Entwicklung 
noch jetzt vorübergeht 

Ich gehe zu, dass der historische Meilenstein für die Menschengattung uns bis jetzt noch 
gänzlich fehlt; kann uns dies verhindern, die Thatsachen, welche wir kennen, mit einander zu 
verbinden? Gewiss nicht Wenn ich mich nicht irre, so kennt man kaum seit 10 Jahren die Bil- 
duug des Kusses vom Hipparion, früher kannte man nur den Fuss einer benachbarten Gattung 
Aucbitherium. Vor dieser Zeit hatte man wohl schon dreizeliige Füllen gesehen, aber man konnte 
die Bildung ihrer Füsse mit keiner bekannten Thatsache in Verbindung bringen. Heute ist 
diese Verbindung hergestellt Die Thatsachen sind gefunden; Niemand kann darüber im Zwei- 
fel sein, dass sie mit einer ganzen weitschichtigen Erscheinungsreibe in Beziehung steheD. Wenn 
ich sehe, dass so zahlreiche Untersuchungen unserer Zeit in einer Richtung vorgohen, welche 



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278 lieber die Mikroceplialeu oder Affen - Menschen. 

mit deijcnigen, die unserer Arbeit zu Grunde liegt, übereinstimmt, so darf icb die bestimmte 
Hoffnung aussprechen, dass Thatsachen gefunden werden, welche, wie die an Ilipparion gewon- 
nenen, unsere Ansicht begründen werden. 

Doch muss ich liier von vorn herein auf einen möglichen Irrthum aufmerksam machen. 
Unsere Untersuchungen über die Mikrocephalen haben uns auf eine embryonale Epoche zurück- 
geführt, die zwar ohne Zweifel eine historische Phase abspiegelt, die aber in der That durch 
keinen jetzt lebenden bekannten Typus repräsentirt ist. Selbst die niedersten Allen, die Uistitis 
und ihre Verwandten, haben schon in gewissem Sinne den Meilenstein überschritten, von welchem 
aus die verschiedenen Typen der Primaten verschiedene Wege gewandelt sind. 

Unsere Untersuchungen haben uns auf einen gemeinsamen Stamm geführt, der ein glattes 
Gehirn mit noch ungeschlossener Sylvischor Spalte besitzt und von diesem gemeinsamen Stamme 
aus verzweigen sich die Acsto des Stammbaumes der Primaten. Wir können demnach eine Menge 
von Zwischenformen zwischen den heutigen Affen finden, wie jener von Gaudry beschriebene 
Mesopithecus, der zwischen Scmnopithecus und Macacns mitten inne steht, aber alle diese Zwischen- 
formen werden uns noch keine tkatsiichliche Lösung der Entstehungsgeschichte des Menschen- 
geschlechtes geben. Ebenso können wir noch eine Menge solcher historischer Atavismen finden, 
welche in anderen Organen auftreten, wie die bokannte Kinnlade aus dem Trou de la Noulette, 
die von unserm unermüdlichen Freunde Du pont entdeckt wurde und wir werden auch hierzuge- 
stehen müssen, dass dieser Atavismus ebenso in einem Organe isolirt bleiben konnte, wie der 
mikrocephalische Atavismus in einem andern Organe isolirt bleibt Endlich können wir fossile 
Typen auffmden, welche durch gewisse Charaktero sich dom Menschen noch mehr nähern, ab unsere 
jetzigen menschenähnlichen Affen, wie dies mit dem von Lartet beschriebenen Dryopitbecus 
der Fall ist, und es ist damit noch nicht gesagt , dass wir in einem solchen Typus eine Ueber- 
gangsstufe der menschlichen Entwicklung besitzen. Aber was aus der Untersuchung der Mi- 
krocephalen mit Evidenz hervorgeht, ist, dass alle diese Typen uns auf einen W eg führen müssen, 
welcher nach rückwärts stets mehr und mehr dem gemeinschaftlichen Urstamme der Primaten 
sieb nähert, von welchem wir eben so gut, wie die Affen entsprungen sind. Vielleicht finden 
wir auch auf diesem Wege Darstellungen von Entwicklungspbasen, welche der Mensch in seiner 
heutigen embryonalen Entwicklung in derselben Weise überspringt, wie Palacmon Larveuzustände 
überspringt, die seine Verwandten durchlaufen. 



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Ueber die Mikrocephalen oder Affen • Menschen. 



279 



Messungs-Tabellen. 



Linear-Messungen des Gehirns. 

Ich muss gestehen, dass ich noch immer über die Art und Weise, wie diese Messungen 
anzustellen sind , sehr im Unklaren und weit entfernt bin, das in der folgenden Tabelle ange- 
wandte Messungssystem für definitiv zu halten. Die Schwierigkeit besteht darin, feste und un- 
abänderliche Ausgangspunkte zu finden bei solchen Körpern , welche wie diese Ausgüsse von 
unregelmässigen gekrümmten Flächen begrenzt sind, in welchen vieles von der Auffassung der 
Beobachter abhängt. Die Grenzen der Lappen, die Furchen und Spalten, welche die Windun- 
gen abtrennen, sind bei diesen Ausgüssen durch die darüber verlaufenden Umhüllungen mehr 
oder minder verglichen und verschwommen, und die Differenz der Auffassung der Grenzen kann 
zuweilen bis zu einem Centimeter gehen, ohne dass man dem Beobachter den Vorwurf der 
Ungenauigkeit machen könnte. 

Ich bin folgendermaassen verfahren. 

Ich nehme mittelst eines Schustermaasses die Gesammtlänge und die Länge der Hemi- 
sphären , indem ich die Stange an der Mittellinie anlege. Diese Moasse sind um ein weniges 
geringer, als diejenigen, welche man an der geometrischen Profilzeichnung nehmen kann , weil 
die Mittellinie gewöhnlich etwas eingedrückt ist, namentlich zwischen den Lappen des Hinter- 
hauptes. 

Die Breite ist an dem vorspringendsten Punkte der Hemisphären genommen. Der Quer- 
durchmesser des Kleinhirns in derselben Weise, aber mit Weglassung der Wülste, welche von 
den venösen Sinus herrübren, da diese manchmal so bedeutend sind, dass durch sie das Maass 
gänzlich entstellt wird. 

Die Entfernungen vom Vorderrande zur EinschnittSBtelle der Sylvischcn Spalte, von da 
zur Ecke zwischen Schläfelappen und Kleinhirn und von da zum vorspringendsten Punkte des 
Kleinhirns sind der geometrischen Projection entnommen. 

Die Umfange sind mit dem Bandmaasse auf der Mittellinie gemessen. 

Die Höhe ist in der Weise gemessen, dass der eine Arm des Schusterzirkels auf die Mittel- 
linie, der andere auf die vorspringendste Ecke des Schläfelappens angelegt ist Es giebt dieses 
zwar eine geringe Abweichung von der Senkrechten, welche das Maass um ein bis zwei Millim. 
vermehrt, aber auch mehr Bestimmtheit in der Ausführung gewährt. 



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Ordnongasahl der Auszählung. 



280 



Ueber die Mikrocephalen oder Aflen -Menschen. 






Mes&ungstabelle der Schädel nach der 



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Margaretha Mächler (33 


































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Jacob Moegle (10 J.) . . 


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Junger Cbirapaxuie . . . 


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82 


70 


310 



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lieber <lie Mikroccphulcn oder Affen • Menschen. 



281 



Capacitiit geordnet, iu Millimetern, 




Axdiir für Aathro|«okvie< Band II. Hefl 2 . 



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Maasse iler Pcliädelausgusse, nach Hem Volumen geordnet. 



282 



l'eber die Mikrocephalen oder Affen -Menschen. 



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Ueber die Mikrocephalen oder Affen -Menschen. 



283 



Erklärung der Tafeln. 

Gottfried Maehre. 

Tab. 1, F'ig. 1. Profilangicht des Schädels. Fig. 2. Umrisse des Hinterhaupts. 

Tab. 2, Fig. 1. Schädel von oben. Fig. 2. Schädel von unten. 

Tab. 3, Fig. 1. Innenansicht deB durch einen Längsschnitt geöffneten Schädels. 

Fig. 2. Schädel von vorn. 

Tab. 4. Ansichten des Ausgusses. Fig. 1. Im Profil. Fig. 2. Von oben. Fig. 3. Von unten. 

Miohel Sohn. 

Tab. 5, Fig. 1. Schädel im Profil. Fig. 2. Von hinten. Fig. 3. Unterkiefer von oben ge- 
sehen. 

Tab. 6, Fig. 1. Schädel Ton oben. Fig. 2. Von unten. 

Tab. 7, Fig. 1. Schädel von vorn. Fig. 2. Ausguss im Profil. Fig. 3. Von vorn. 

Friedrich Sohn. 

Tab. 8, Fig. 1. Schädel im Profil. Fig. 2. Von hinten. 

Tab. 9, Fig. 1. Schädel von oben. Fig. 2. Von unten. 

Tab. 10, Fig. I. Schädel von vorn. Fig. 2. Ausguss im Profil. Fig. 3. Von hinten. 

Conrad Schüttelndreyer. 

Tab. 11, Fig. 1. Schädel im Profil. Fig. 2. Von oben. 

Tab. 12, Fig. 1. Umriss des Längsdurchschnittes des Schädels von Innen gesehen. 

Fig. 2. Schädel von unten. 

Tab. 13, Fig. 1. Schädel von vorn. Fig. 2. Von hinten. Fig. 3. Ausguss von der Seite. 

Fig. 4. Von vorn. 



Jena. 

Tab. 14, Fig. 1. Schädel im Profil. F'ig. 2. Von oben. 

Tab. 16, F'ig. 1. Schädel von unten. F'ig. 2. Von vorn. Fig. 3. Ausguss im Profil. 
Tab. 16, Fig. 1. Schädel von hinten. F'ig. 2. Ausguss vou unten. 

Ludwig Racke. 

Tab. 17, Fig. 1. Schädel im Profil F'ig. 2. Ausguss im Profil. 

Tab. 18, Fig. 1. Schädel von vorn. Fig. 2. Von oben. 



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284 



Ueber die Mikrocephalen oder Affen -Menschen. 



Margarethe Maehler. 

Tab. 16, Fig. 3. Schädel Ton hinten. Fig. 4. Ausguss im Profil. 

Tab. 19, Fig. 1. Schädel im Profil. Fig. 2. Von vorn. Fig. 3. Ausguss von oben. 

Tab. 20, Fig. 1. Schädel von oben. Fig. 2. Von unten. 

Tab. 21, Fig. 1. Schädelbasis von Innen. Fig. 2. Ausguss von unten. Fig. 3. Von vorn. 
Fig. 4. Unterkiefer im Profil. 

Johannes Moegle. 

Tab. 22, Fig. 1. Schädel im Profil. Fig. 2. Von vorm Fig. 3. Ausguss im Profil. 

Tab. 23, Fig. 1. Schädel von oben. Fig. 2. Von unten. Fig. 3. Unterkiefer von oben. 
Fig. 4. Ausguss von unten. 



Jakob MoegTe. 

Tab. 24, Fig. 1. Schädel im Profil. Fig. 2. Von vorn. Fig. 3. Von oben. Fig. 4. Unter- 
kiefer von oben. 

Tab. 25, Fig. 2. Ausguss im Profil. Fig. 3. Von unten. 

Tab. 26, Fig. 1. Ausguss von hinten. 

Johann Georg Moegle. 

Tab. 22, Fig. 4. Unterkiefer von oben. 

Tab. 25, Fig. 1. Schädel von oben. 

Tab. 26, Fig. 2. Schädel im Profil. Fig. 3. Oberkiefer von unten Fig. 4. Schädel von vorn. 

Chimpanse. 

Tab. 25, Fig. 4. Schädelausguss von unten. 



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GOTTFRIED MAEHRE 



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MICHEL SOHN 



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Tab. X 




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FRIEDERICH SOHN 



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Tab. XI 




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CONRAD 



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lab. XXVI 






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JOHANN GEORG MOECLE 



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IX. 



Vier Schädel aus alten Grabstätten in Böhmen. 

V an 

Dr. A. Weisbaoli, 

k. k. Otoorarct In Wim 



Da« Studium de« Schädelbaues der verschiedenen Völkerschaften, welches neuerdings, 
trotzdem, dass es selbst unter den Anatomen noch so manche Ungläubige und Zweifler findet, 
die aber nichts destoweniger in ihren Museen Rat;enschndel sammeln, so namhafte Förderer 
und durch diese ein ausgebreitetes Interesse gefunden hat, beschränkt sich in neuester Zeit 
nicht bloss auf die Schädelfonnen der jetzt lebenden Völker und Stämme, sondern hat sich 
auch auf ein Gebiet gewagt, wo es an der Hund der Geschichte die Knochenüberreste unserer 
Vorahnen aufsucht und aus denselben Aufklärungen über die Bevölkerung Europas bis in die 
ältesten Zeiten zurück zu geben sucht. 

Das Gebiet dieser sogenannten historischen Anthropologie ist jetzt erst noch zu kurze Zeit 
betreten, um schon unbestrittene, allgemein anerkennungswerthe Thatsachen liefern zu können; 
allein gerade deshalb ist es um so wünschenswerther, wenn das benutzte Material sich ver- 
mehrt und vorsichtiger Weise beleuchtet der Oelfentlichkeit übergeben wird. Dieses letztere 
aus dem Grunde, weil man bei einer geringen Anzahl von Funden das Schlussurtheil nicht 
wohl auf das ganze Volk, dem dieselben angehört halten, verallgemeinern kann, indem man ja 
aus der Form eines oder nur weniger Schädel überhaupt nicht auf die dem ganzen Volksstamme 
eigentümliche zu schliessen berechtigt ist, ferner weil auch die Ausbreitung und Stammes. 
Verwandtschaft solcher alten Völker meistens sehr ungewiss, wenn nicht völlig unbekannt ist. 

Ausser His 1 ) und Ecker»), welche in ihren umfangreichen, höchst wichtigen und maass- 
gelienden Werken ein massenhaftes Material benutzen konnten, sind die übrigen Autoren in 
Deutschland bis jetzt nicht so glücklich gewesen, vermittelst allseitiger oder behördlicher 
Unterstützung einen so reichen Schatz hei ihren Arbeiten zur Verfügung gehabt zu hnben. 
— Aus Oesterreich sind dem Verfasser bisher ausser den sogenannten celtischen Skeleten 
von HalLstadt in Oberösterreich ») , mehreren Schädeln aus Romorgriiliern in Niederosterreich 
im Museum der Wiener Universität, welche mir durch die Güte des Herrn Hofrathes Proles- 

') Hi* und Kütimeycr, „Crania helvettea*, Basel und Genf 1861. — *} Ale*. Ecker, „f.'nuiiu Gcrma- 
nute meridionulis occideutalis“ . Freiburg im Breisgail 1865. — 3 ) tiyrtl, Jahrbücher der keinen, könjgh geo- 
log. Reichaanetalt 18801, und Gaiesbergcr, Zehnter Bericht über da» Museum Franciaco-Carolimim, Lina 1848. 

Arehn Mt Aolb«ieoJu*w. Kd II. Ilift III. gß* 



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286 



Vier Schädel aus alfen Grabstätten in Böhmen. 



sor Hyrtl zu messen erlaubt waren, von welchen spater auch einige mit in den Vergleich 
gezogen wurden, ferner den zwei Avarenschädeln '), dem durch J eiteles beschriebenen Schädel 
und endlich den von Herrn Major Ritter von Frank bei Ausgrabungen in der Nähe vou 
Gloggnitz in Niederösterreich in R«dhengräbern gefundenen Schädeln, die von dolichocephaler 
Form , bis jetzt aber nicht näher untersucht worden sind , keine Funde dieser Art bekannt, 
welche vielleicht wohl vorhanden, aber in irgend einer archäologischen Privatsammlung nur 
zufälliger Weise mit den mehr beachteten und augenfälligeren Funden von Schmuckgegen- 
ständen und GeräthscbaRen aufbewahrt werden. 

Um die Vergleichung der nachstehenden Schädel mit den schon beschriebenen von Ecker 
und His durchführen zu können, wurden bei einem bisher noch mangelnden, allgemein aner- 
kannten Messungssysteme ausser den eigenen*) auch noch die Maasse nach obigen Autoren 
genommen; nur muss bemerkt werden, dass His’ Methode eine Genauigkeit des Längen- 
durchmessers keineswegs erzielt, wie sich an den, das Object selbst angeblich vollkommen 
ersetzenden geometrischen Abbildungen in seinem Werke ergiebt, indem an diesen der Längen- 
durehmesser bald bloss die Stirnglatze, bald auch die Augenbraunbogen in sieh lässt, was offen- 
bar kein richtiges Maass abgehen kann. 

Die beigegebenen Zeichnungen sind perspectivisch in genau natürlicher Grösse aufge- 
nommen und dürften geometrischen Aufnahmen an Genauigkeit gewiss nicht nachstehen. 

I. Zwei Schädel von Kojetitz bei Melnik. 

Die beiden kurz als Melniker bezeichneten Schädel wurden bei dem Dorfe Kojetitz, einer 
Besitzung des Herrn Clemens Bachofen von Echt, aufgefunden, dem kaiserl. küuigl. Miinz- 
und Antikeneabinete in Wien sammt den später zu nennenden Beilagen übersendet und von 
hier durch den Herrn Baron von Sacken der kraniologischen Sammlung der kaiserl. königl. 
Josefsakademie abgetreten. 

Das Dorf Kojetitz liegt an der Strasse zwischen Prag und Melnik , westlich von Elbe- 
kosteletz, innerhalb des czcchischen Sprachgebietes. In dessen Nähe wurden an drei Stellen 
Gräberfunde gemacht*); an der einen nur Steinkeile aus Grünstem und Hombleude und ein 
Steinhammer aus Serpentin, sämmtlich sorgfältig gearbeitet, völlig polirt und scharf zugeschlif- 
fen gefunden. Die zweite Fundstelle führt uns Gräber mit Steinkreisen vor, die nur ausschliess- 
lich Stein- und Knochenwerkzeuge, wie di^ nordischen Gräber enthalten; diese Stelle liegt auf 
dem das Dorf östlich umgebenden Höhenzuge; hier befindet sieh eine von vielen Felsköpfen 
(Kiesolschiefer) durchsetzte Hutweide. Die zwei hier aufgedeckten Gräber liegen auf den höch- 
sten Erhebungen und markirten sich durch Umkreise von ungefähr 9 Klaftern Durchmesser ; 
die Steine derselben haben die Grösse von 1 bis fi Cubikluss und stacken zur Hälfte in der Erde. 
Bei Durchsuchung des ersten Kreises fand sich 2'/» Fass unter der Oberfläche eine grosse Platte 

*) Fitzingcr, I.. J. lieber ilic Schädel der Avaren. Denkschriften der kaiserl. Akademie der 'Wissen- 
schaften. Wien 1863, V. Band. — *) Beiträge zur Kenntnis« der Sehidolformen österreichischer Völker von 
Dr. A. Weisbach, Mediz. Jahrbücher der kaiserl. königl. Gesellschaft der A erste in Wien, 18414, II., IV. and 
V. lieft. — s l Baron von Sacken: „Die Heidengrüher von Kojetitz in Böhmen 1 * in Mittheilungen der kaiserl. 
königl. fentralcommission zur Erforschung and Erhaltung der Baudeukmale, XI. Jahrg. Mai bis Juni, S. 441. 



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Vier Schädel aus alten Grabstätten in Böhmen. 



287 



au « Kalkstein, wie er in der Gegend häutig vorkommt, roh zu behauen; unter dieser lag ein 
ziemlich gut erhaltenes Skelet, bei dessen Kopfe eine Urne aus schwarzem, wenig gebranntem 
Thon stand, ohne Inhalt; sie bildete die einzige ärmliche Beigabe des Bestatteten. 

Beim Graben in der Mitte des zweiten »Steinkreises stiess man wieder auf eine Stein- 
platte, unter welcher zwei Skelette lagen, das eines Erwachsenen und das eines Kindes; letz- 
teres zerfiel sogleich, der Kopf des grösseren sammt dem im prsten Grabe gefundenen wurden 
aufbewahrt. Die Beigaben waren: Ein henkelloser Topf aus bräunlichem Thon, von ausge- 
bauchter Form, mit einer Reihe paralleler kleiner Eindrücke einfach verziert, ein .Steinkeil 
von Serpentin und zwei pfriemenartige Werkzeuge von 4 und 8 Zoll Länge aus gespaltenen 
Röhrenknochen, an denen noch die Gelenkköpfe sitzen, gefertigt und scharf zugespitzt. 

In nächster Nähe wurden noch Hügelgräber mit Steinplattenauskleidung gefunden , die 
Bronzegegenstände, Bemsteinkorallen und sechs goldene Ringe enthielten. Das Feld, wo sich 
die Grabhügel befinden, heisst noch heut«? Robstein (row, hrob = Grab). 

Schädel Nr. 1. 

Der Himschädel ist ausser einem am rechten Seitenwandbeine beim Ausgraben erzeugten Substanz- 
Verluste vollkommen erhalten , von mittlerer Schwere, an der äusseren Fläche etwas rauh und durchaus gelb- 
bräunlich; an der frisch verletzten Stelle dcB Scheitelbeines, in der Nähe der Pfeilnaht, ist er fast 7 Millim. 
dick, fein spongiös, von erdigem Aussehen und fast rein weiss. Alle Nähte sind deutlich, die Kranz- und 
Pfeilnaht kurz- und arm-, die Lambdanaht lang- und reichzackig. 

Die meiste Aehnlichkeit besitzt er mit dem Schädel von Lavigny (A, Tafel VII.) und dem Pfahlbauschädel 
von Biel (C, V) nach den Abbildungen von Hie und mit Ecker’s Schädel von Bonndorf, Tafel II. und Bronn- 
fdern Tafel III, Fig. 4 (beides Hügelgräberschädel). 

Seine Grösse ist eine mittlere. Die obere Ansicht (bei horizontaler Stellung des Jochbogeusj zeigt ein 
vollkommen cbenmässig gekrümmtes, langes und schmales Oval mit breiter Stirn, von welcher die deutlich 
entwickelten Augenbrauenbogen seitlich der Nasenwurzel beiderseits vorepringen, nach aussen und innen hin 
»ich aber verlieren, — mit flachgewölbten, laugen Schläfenseiten und eiuem stumpf vorragenden Hinlerhaupte, 
dessen seitliche Begrenzungdiriieu eine gleichmäßige Wölbung besitzen. 

Die Seitenansicht bildet gleichfalls ein lange», niedriges Oval; die Stirn steigt ol>orhalh der vortreten- 
den Augenbrauenbogen eine kurze Strecke fa»t senkrecht empor, um sich dann in stärkerem Bogen nach 
rückwärts zu krümmen; die Scheitelwölbung erreicht ihren Scheitelpunkt im vorderen Pfeilnahtdrittel , von 
welchem sie sich sehr allmälig und Hach gegen das Hinterhaupt hinabsenkt, vor welchem sie eine seichte 
Rinpressung erleidet. Das Hinterhaupt selbst ist stark vorgewölbt und in seinem unteren Theile zum Hori- 
zonte stark geneigt. Die Warzen fortsätzc sind klein, sehr kurz, das Ohrloch schmal, das Planum temporale 
«ehr gross, indem die Linea semicircularis bedeutend nach aufwärts gerückt ist. 

Fig. 48. Fig. 49. Fig. SO. 




Melnik I,A. Melnik I, B. Melnik I, C. 



Die Gestalt der Hinterhauptsansicht gleicht einem oben und unten gleichbreiten, niedrigen Fünfeck 
dessen Winkel abgerundet, dessen zwei Scheitelseiten sehr tlachgewölbt, dessen Schläfenseiten aber fast gerad- 



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Vier Schädel aus alten Grabstätten in Böhmen. 



linig verlaufen. Die Ilinterhauptaschuppc ist von fünfeckiger Gestalt, indem die Lambdanaht etwas ober- 
halb ihrer Mitte jederseita gegen das Seitenwandbein eine winkelige Ausbuchtung macht , und sowohl von 
einer zur anderen Seite als auch von oben nach unten gleichmäßig stark gewölbt Ihre obere Muskelansatz* 
linie ist eiuc sehr ausgeprägte, stumpfkantige Leiste, der Hocker aber bloss von mäßiger Grüne. 

In der unteren Ansicht, Norme bwflirii, erhält man ein längliches, hinten breite« Oval, dessen Hinter- 
haupts heil laug, bogig gewölbt, unterhalb der oberen Muskellinien nach beiden Richtungen derart convex 
ist, dass in der Mittellinie eine die beiden gewölbten Theile des Receptaculum oerebelli trennende seichte 
Grub« gebildet wird. Das Hinterhauptaloch ist klein, lang, schmal, vorn, besonders rechts, durch den etwas 
entspringenden GelenksfortsaU verengt; der Basaltheil de« Hinterhauptbeine« ist kurz und breit, unter einem 
»ehr stumpfen Winkel mit dem Keilbeinkörper verwachsen. 

Die vordere Ansicht giebt für den Stirn theil der iiirnkapsol eine abgerundet fünfeckige Gestalt. Die 
Stirn- und Scheitelhöcker sind wenig deutlich, die Schläfengegend flach, die Nasenwurzel breit, der obere 
Rand der Augenhöhlen wugTecht gestellt. Vom Gesichte fehlen simmtliche Knochen, nur der untere Theil 
der Oberkiefer, Gaumen- und Zahnfächerfortsatz liegen bei. Dieser besitzt einen grossen, breiten Gaumen, an 
welchem nur kurze Andeutungen der Zwischenkiefernaht vom Forarnen inciaivuui ausgehend, zu bemerken 
sind und mächtige, lange, etwa* schief nach vorn gerichtete Zahnfächerfortsätze. Die vier Schneidezähne 
sind wohl erhalten, ihre Wurzeln sehr lang, dick kegelförmig, dagegen die Kronen, sowie uueh die de« vor- 
findlichen rechten Eckzahnes kurz, indem sie alle an der unteren, bräunlichen Fläche derart abgeschliffen 
Bind, dass Ihre vordere und hintere Kante eine bedeutend ausgehöhlte glatte Fläche zwischen sich fassen , die 
auch von ♦echte nach links etwas eoncav erscheint. Aehnlich ist die Krone de« linken zweiten Mahlzahnes 
ausgehöhlt abgeschliffen, trotzdem aber der linke Weishcitazuhn, am Durchbruche gehindert durch eine ent* 
gegeustehende Wurzel »eines Nachbar«, noch im Zahnfache und zwar mit der regelmässig höckerigen Kronen- 
fläche nach auswärts gekehrt. Die Mahlzahne der rechten Seite fehlen, ihre Fächer sind aber vorhanden. 

Die Art der Zahnahechleifung ist jedenfalls eine ungewöhnliche ; um aber daraufhin nicht etwa zu dem 
Schlüsse auf eine besondere Nahrung, welche diesen Menschen vielleicht zu einem Körnercascr gemacht hätte, 
verleitet zu werden, genügt es, anzufuhren, dass in der kraniologischen Sammlung der .losefsakademie der 
Schädel eines G4 Jahre alten Invaliden slowenischer Nationalität aufbewahrt wird, dessen Zahne eine ähnliche, 
wenn auch nicht so hochgradige Ausschleifung aufweisen, obgleich sie ihm zur Zerkleinerung derselben Nah- 
rung gedient haben, welche auch von den übrigen eingenommen wird. Dieser Schädel hat prognathe Kiefer, 
der beschriebene nach der schiefen Stellung des Znhnfachcrfortsatzes wahrscheinlich auch, so da«B vielleicht 
die Prognathie oder wenigstens dfe schräge Stellung des Zahnföcherforlsatzes den Anstoss zu solcher Auaschlei- 
fung giebt. 



Schädel Nr. 2. 



Von ihm fehlt das Gesicht, die Basis und ein Theil der rechten Seitenwand; er ist ebenfalls von mitt- 
lerer Grösse und von ausgezeichnet schmal -dolichocephaler Gestalt; sein Knochenbau ist dünner als beim 
ersten, die Knochen von hrilbräunlicher Farbe, an den Bruchfhichen erdig, weisslich und feinschwmnmig. 
Alle Nähte sind vorhanden und zwar zeigt die Kranznubt »ehr wenig und kurze, die Pfeil- und besonder» die 
Lambdanaht sehr reichliche und langverschlungene Zacken. Von Hia* Schädeln gleicht er am meisten dem 
Hohhergcr auf Tafel II, C. 

Die obere Ansicht desselben bildet ein regelmässiges, lange*, »ehr schmales Oval, dessen Stirnseite breit 
abgerundet, dessen Schläfenseite sehr wenig gewölbt, lang und dessen Hinterhaupt «ehr weit vorspringend, 
von den Seih * förmlich zusammengedröckt und in einer abgestutzteu Spitze endigend ist. 



Fig. 61. Fig. 62. 





Fig. 63. 




MelnikjlI/,C. 



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V ier Schädel aus alten Grabstätten in Böhmen. 



289 



Die Seitenansicht giebt ein hohes, langes Omi, dessen Scheitelpunkt in die senkrechte Ebene «wischen 
den äusseren Ohrlöchem fallt; die Stirn hat nur sehr flach Angedeutete Augenbrauenbogen, ist im unteren 
Theile eine kurze Strecke senkrecht gestellt , biegt sich aber dann sehr allmälig und steil ansteigend nach 
rückwärts. Die vordere Scheitelwolbuug ist flach, fallt aber hinter dem Scheitelpunkte in raschem Bogen «um 
Hinterhaupt« ab, welches halbkugel form ig vorspringt, in seinem Interparietalt heile stark vorgebaueht, im 
unteren fluch und rum Horizonte massig geneigt ist. Die Warzenfortsätze sind lang und dick, die Schläfen* 
schuppe hoch, die Linea tcmporalis undeutlich a (»gebildet, der Porus neust- ext- schmal. 

Die Hiuterhauptsansicht hat die Gestalt eines schmalen, hohen, oben und unten fast gleichbreiten 
Fünfeckes, mit deutlichen Winkeln an den hochgelegenen Scheitelhöckem , und fast ganz geraden, flachen 
Schläfenseiten , wogegen die beiden Scheitelseiten sanft gewölbt mittelst einer stumpfen Kante in der Gegend 
der Pfeilnabt in einander übergehen. IHe Hinterhauptsschuppe ist gross, dreieckig, nach beiden Haupt* 
richtungen stark gewölbt ; ihre obere Muskelleiste summt dem von dieser nicht abgetrennten Höcker sind 
stark entwickelt. Der Kleinhirnthcil des Hinterhauptes ist flach und lang. 

Bezüglich der Grundansicht läset sich aus dem Verhalten der unbeschädigten Hälfte achUeaaen, dass sie 
ein sehr langes, schmales Oval mit weit vorstehendem, langem, parabolisch gekrümmtem Hinterhaupte gewesen 
sei. — In der Vorderansicht zeigt sich im Allgemeinen ebenfalls eine fünfeckige Form; die Stirnhöcker sind 
undeutlich, die Nasenwurzel schmal, der obere Augenhöhlenrand wagrecht. 

Vom Oberkiefer ist nur der Gaumen mit dem Zahnfächertheile vorhanden; er besitzt linkerseits alle 
acht Zähne und von den recht*eitigen die Iteihe bis einschliesslich des ersten Mahlznhncs; davon fehlen aber 
die beiden inneren Schneidezühne, Die Krotten aller sind ein wenig ahgeschliffen. Der Zahnftcherfortaat* ist 
lang und senkrecht gestellt, so das» der schmale und lange Gaumen Gef zwischen ihm eingeachlossen liegt; 
dieser zeigt, keine Andeutung einer Zwischenkiefernaht. Der vordere, untere Nasenstachel ist kurz. — Der 
wohlerhaltene Lnterkiefer ist gross, stark gebaut, hat einen hohen mit dem schmaleckigen Kinne voimgenden 
Körper und breite, verhaltnissmussig niedrige, fast senkrecht gestellte Aeste; jederseits siml alle drei Mahl- 
zähne entwickelt und deren Kronen, wie im Oberkiefer, an den Höckern abgeflacht, so dass das beiläufige 
Alter dieses Mannes auf die 80er Jahre angenommen werden kann, während der erste Schädel einem älteren 
Manne angehört haben muss. 

Beiden Schädeln liegen noch einige Skeletknochcustücke bei, von welchen aber nicht angegeben wurde, 
ob sie dem orsten «der zweiten zugehören , wiewohl dip Beschaffenheit derselben für das letztere spricht: ein 
linkes Darmbein mit dem oberen, hinteren Theile der Hüftgelenkspfanne; ca ist klein, hoch (10,8 Ccntim.), 
kurz (14,1 Centim.?) und flach, und soviel man vermut heu kann, im Vergleiche zum Beckcneingunge steil auf- 
gerichtet gewesen; ein Speichenbein des rechten Vorderarmes, ohne Köpfchen und sonstige, besondere Eigen* 
schaften, und ein beim Ausgratan zerbrochenes linkes Oberschenkelbein von mittlerer Länge; auch diese 
haben erdig aussehende, weisaliche BrncbHächen. Sie dürften einem mittelgroasen , nicht gerade kräftig 
gebauten Manne angehört haben. 



II. Schädel von Saaz. 

Dieser Schädel wurde sau mit dem grössten Theile seine« übrigen Skeletes im Frühjahre 
1864 in der trntn ittelbaren Nahe der im deutschen Sprachgebiete liegenden Stadt Saaz im 
nördlichen Böhmen hei Gelegenheit der Anlage eines neuen Hopfengartens gefunden. Es lag 
bei fünf Fuss tief unter der Erdoberfläche, zweiFus« hoch mit einer thonigen, viel Aschen theile 
enthaltenden Erde befleckt. Ausser kleinen Bruchstücken eines Pferdeskelets wurden im 
Grabe keine anderen Beigalien aufgefunden. Der Entdecker dieser Grabstätte, Dr. J. E. Fö- 
disch, nimmt auf Grund dieser Bestattungswei.se an, »lass das Skelet der Zeit vor der Chri- 
stianUirung Böhmens (im 9. Jahrhundert) und wahrscheinlich dem in dieser Gegend ansässig 
gewesenen Stamme der slawischen Luczaner angehöre ; wie wir sehen werden ist die ausge- 
sprochen schmaldolichocephale Form des Schädels dieser Annahme entgegen. 

Der Schädel ist im Ganzen höchstens mittelgToss und war in seine einzelnen Theile aufeinander gcTal* 
len, die sich auch nicht alle wieder zusninmenfugon Hessen; cs fehlt ein Thcil der Basis, des Gesichtes, de* 
linken Stirn- und Keilbein». Die Knochen sind dünn, leicht durchscheinend , au der Aussenfläche mit Aus- 
nahme einzelner erdig rauher Stellen glatt und gelblich; ihre Bruchfläehc ist nicht von erdigem Aussehen wie 
bei den zwei vorhergehenden. Alle Nähte sind vollkommen vorhanden und zwar ist die Kranz- und I^imbda- 
naht sehr fein* und reichzackig. Die Innenfläche der Knochen ist glatt und trägt nur leicht vertiefte Gefiua- 
furehen. 

Die obere Ansicht zeigt ein sehr regelmässiges, schmales, langes Eirund mit breit abgerundeter Stirn-, 

Arhtv Hu Ablliropologl». H4- 11. Heft HL 37 



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290 



Vier Schädel au» alten Grabstätten in Böhmen. 



»ehr flach gewölbter Schläfenseitc und stark vorspringendem , seitlich beiderseits etwas zasamraengedrücktem 
Hinterhaupts and Ähnelt im Ganzen derselben Ansicht de« zweiten Schädels von Melnik. 

Die Seitenansicht giebt ein hohe«, langes Oval, dessen Scheitelpunkt gegen 2 Centimeter hinter die 
Kranznaht fallt.; die Stirn ist im Glatzentheile niedrig, fast, senkrecht gestellt und dann raseh nach hinten 
abgebogen ; die stark ausgeprägten Augenbrauenbogen enthalten geräumige Stirnhöhlen. Der Scheiteltheil 
verläuft vorn nahezu wagrecht und fallt nach hinten schräg ab. Ibis Hinterhauptsbein ist stark, al»er gleich- 
massig vorgewölbt, am Lambdawinkel durch einen Eindruck abgesetzt. Die Warzen sind kurz, aber dick 
und wie aufgetrieben; die Ohrlöcher schmal und lang, schräg nach hinten und unten gerichtet. 

Die Ilinterhanptsansicht ist hoch fünfeckig, nnten breiter, als oben; ihre Schläfen sind fluch, fast gerad- 
linig, ihr Scheitel «teil gewölbt, an der Pfcilnaht einen abgerundeten Winkel bildend; die Hintcrhauptsschuppo 
gross, breit drciockig, von oben nach unten und von rechts nach links stark gewölbt; die Muskel linien und 
Rauhigkeiten wenig aasgebildet, der Interi«arietaltl>ei] kurz, da« Receptaculum lang. 

In der unteren, wegen der fehlenden Knochentheile nur am Hinterhaupte deutlich vortretenden Ansicht 
springt das Hinterhaupt breit gewölbt vor; das Hinterhauptsloch Ist schmal und lang, vorn durch die ein- 
springenden Gelenksfortsätze verengt, der Basalthei! gross und breit. 

Fig. 54. Fig. 66. 





baaa III, A. Saaz III, B. 

Die zugehörigen Bruchstück«? der Oberkiefer lassen ein sehr lauge«, an und für sich betrachtet schma- 
les Gesicht ergänzen, dessen Ürbitalöffnungen sehr hoch, fast quadratisch, dessen Jochbeine dünn, wenig 
gewölbt, «leasen Oberkiefer schwach, mit tiefen Wangengruben und langer, schmaler, vonlerer Nas«?nöflhuiig 
versehen sind; ihr Zahnlächerfortsatz »Bt niedrig, etwas nach vorn gerichtet, der vordere Nasensta«^hel kurz, 
der Gaumen gross und breit und trägt von der Zwischenkiofernaht nur linienlange Spuren am Foramen inci- 
sivum. Der Unterkiefer ist massig stark, sein Körper breit, das Kinn schmal eckig, die Aeste dünn, mittel- 
breit und hoch, die Fächer für die Mahlzahne verschwunden, für die übrigen noch vorhanden; die Zähne 
selbst sind an den Kronen etwas abgeschliffen; der rechte erste obere Mahlzahn sehr cariüs. 

Dm Becken ist. sehr gross, starken Knochenbaues, hoch; die Darmbeiue wenig nach aussen geneigt, 
gross, hoch, zugleich aber auch fla«*h gekrümmt, ihr oberer Rami sehr rauh, in den hinteren Theilen ihrer 
Fläche durchscheinend. Der Eingang in das kleine Becken zeigt eine hreitherzförmige Gestalt mit stark 
gekrümmter Linea innominata und sehr wenig vortretender Schamfuge. Das kleine Decken ist sehr hoch, 
»ach unten zu beträchtlich verengert, besonders in querer Richtung; die Foramina obturata gross, länglich 
eirund, der Schambogen sehr spitz und enge; das Kreuzbein gross, breit, wenig ausgehöhlt: der bloss vorhan- 
dene erste Schwanzheinwirbel breit, mit dem letzten Krenzwirbel durch Knochenmasse vollständig verbunden. 
Die Hüftgelenkspfannen sind sehr gross. Die Form des Beckens stimmt im Allgemeinen und vielseitig auch 
in den einzelnen Maassen mit der für die Gauchen gefundenen Mittelform desselben 1 ) überein. 

Die Oberschenkelknochen (45,1 Ccntim. lang von der Spitze des grossen Trochanters bis zur convexesten 
Stelle des inueren Kniegeleuksknorren) sind leicht gekrümmt; die Linea aspera stark entwickelt, der grosse 
Trochanter an der vorderen Fliehe «ehr rauh und gefurcht, durch eine deutliche rauhe Leiste an der vor- 
deren Scbenkelfläche mit dem kurzen, «licken, kleinen Trochanter verbunden. Der Hab de# Gelenkkopfes ist 
etwas abgeflacht cylindrisch, an der oberen Hache mit sehr zahlreichen Nährlöchern versehen und am Ober- 
schenkel unter einem massig stumpfen Winkel eingepflanzt. 

Schien- und Wadenbein sind sehr scharfkantig, die äussere Fläche dea enteren in der Richtung von 
vom nach hinten flach ausgehöhlt, die innere Fläche leicht convex, die hintere stumpfwinkelig in die innere 
übergehend, g«*wölbt und scharfkantig von der äusseren ahgesetzt. Die ganz«* untere Extremität misst von 
der Spitze de« grossen Trochanters bis an die Sprunggclenkafliche des Schienbeines 82,8 Ccntim. 



*) Die Bocken österreichischer Völker von Dr. A. Weilbacb. Medizin. Jahrbücher der kaiserl. königl. 
Gesellschaft der Aerzte in Wien, I. Band 1866. 



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Vier Schädel au» iilteu Grabstätten in Böhmen. 



291 



Ati den Oberarmbeinen (Länge von der convexesten Stelle den Gelenkkopfes bis zur gewölbtesten der 
Humeroradialgelenksfläche 34,3 Ceutiin.) sind die Muskolhöckcr sehr kräftig entwickelt; die Vorderarmknnchen 
(Lange de» Radius 24.2 Centim.) sind leicht gebogen; die linke Ulna leigt 3 Centim. oberhalb ihres unteren 
Endes einen vollkommen, ohne Verschiebung geheilten, schrägen Bruch. 

Von den übrigen Skeletknochen liegen bei: Reste der Schulterblätter, von denen das linke ein sehr 
breites, rauhe« Acromium (am rechten fehlt die ganze Spina) und beide einen wulstigen äusseren Rand 
besitzen; ferner die beiden Schlüsacllteiuc, das 14,4 Centiro. (zwischen dem oberen Rande der Handhabe bi» an 
den unteren des Körper») lange und (zwischen don Ansatzpunkten der fünften und sechsten Rippe) 4,4 Gentim. 
breite Brustbein; die fast vollzähligen, häufig aber zerbrochenen Wirbel, die dem nicht mehr jugendlichen 
Alter entsprechend an ihren Körpern von oben nach unten deutlich concav Rind; Bruchstücke der Rippen und 
einzelne Fuaswurzelknochen. 

Die Eingangs erwähnten in demselben Grabe aufgefundeneti Pferdeknochen bestehen aus kleinen Bruch- 
stücken der Kiefer-, Schulter-, Bocken- und Extremitätenknochen , welche meistens parallel ihren Flächen 
gespalten sind, so dass das schwammige Gewebe des Markcanales offen liegt-. Die Bruchflächen derselben sind 
von gleichem Aussehen wie die Knochenoberfläche, daher sicher nicht beim Ausgraben entstanden. 

Die Beschaffenheit der Knochen spricht wenigsten* für mittlere Grösse bei starkem Körperbau und ein 
wahrscheinliches Alter von einigen 30 Jahren, die Form de# Schädel# und Beckens für männliches Geschlecht. 



IIL Schädel von Schallan. 

„Seit längerer Zeit schon wurden bei Weboschnn seitwärts Schallan zahlreiche heidnische 
Alterthümer gefunden ; der letztgenannte Ort. liegt an der Strasse zwischen Lobositz und Tep- 
litz im nördlichen Böhmen, innerhalb des deutschen Sprachgebietes ungefähr zwei Meilen von 
Teplitz. Im Herbste 1865 wurde nun auf Antrieb des Domänenbesitzers Fürsten Clary-Ald- 
ringen die dortige Gegend weiter durchforscht und eine Anzahl Gräber blossgelegt, welche 
viereckig, mit Phonolithplatten, im böhmischen Mittelgebirge das vorherrschende Gestein, aus- 
gelegt und geschlossen waren und Bronzegegenstände neben Thongefassen enthielten, die mit 
den aus Mitteldeutschland bekannt gewordenen Gräberresten genau übereinstiiumen. Die 
Gräber waren in einer bestimmten Lage in zwei Reihen ungeordnet, enthielten jedoch nur 
calcinirte Knochen. Erst später und weiter seitwärts von diesen fand sich ein ganz gleiches 
Grab mit denselben Beigaben in einem Skelete, das in sitzender Stellung begraben worden 
war; von diesem stammt der hier beschriebene Schädel. Es wird vielleicht anzunehmen sein, 
dass die Völkerschaft, von welcher diese Reste auf uns gekommen sind, die Männerleichen 
verbrannte, die Weiber aber begrub“ (Dr. Laube). 

Der Schädel ist klein, von mini| starkem Knochenbaue, an der Oberfläche rauh, bräunlich; es fehlen 
die Jochbogen, ein Theil der Schädelbasis vom Hinterhauptsloclie bi# an den äusseren Höcker und der Unter- 
kiefer: die Nähte sind vorhanden, alle ausser der feinzackigen Lambdanaht arm- und grobzackig. Nach den 
Abbildungen ähnelt er dem Schädel Greiichen 8 C. IV. von His sowie auch den Schädeln von Ebringen, Tafel 
III, 1, 2, von Wangen Tafel IV, und von Be#aungen Tafel XV, 4, 5 in Ecker’# Werke. 

Die obere Ansicht giobt ein regelmässige#, sehr langes und schmale# Eirund, dessen grösste Breite unter 
die Scheitelhöcker lallt , welche# eine schmal abgerundete Stirnseite, eine geringe Wölbung an den Schläfen- 
sciten und ein w'eit vorspringendea, hinten breiter abgestutztes Hinterhaupt besitzt. 

In der Seitenansicht zeigt der Schädel vor allem einen verhält nissrniissig sehr kleinen Gcsiehtfitheil mit 
etwa# prognathen Kiefern; der Hirnschädel selbst bildet in »eiuer Um fang*) i nie ein höbe», langes Oval, dessen 
höchster Punkt ungefähr 2 Gentim. hinter die Krommalil fallt. Die niedrige, im uuteren Tbeile senkrecht 
stehende Stirn bat keine vortretenden Augenbraueubogen und biegt »ich in der Höhe ihrer Höcker sehr ra#eh 
nach hinten um, so dass die nagittale Krümmung des Stirnbeine# eine sehr starke wird. Die Sclieitclwölbnng 
i#t flach und senkt sich allmälig zum w*eit hinaufragenden und vorspringetiden Hinterhaupte herab. Die 
Warzenfortsätze sind klein, kurz, die Ohrlöcher rundlich, die Schläfen#chuppe niedrig und die Jochbeine 
dünn. 

Die HinterfutupOmusicht gleicht einem schmalen oben und unten fast ganz gleichbreiten Fünfecke mit 
steiler Wölbuug »wischen den Scheitelhöekern , ohne winkelige Kante au der Pfeilnaht uml fast ganz geraden 

37* 



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Vier Schädel aus alten Grabstätten in Böhmen. 



2112 

Ächlafenseüon. Die llintcrbatiptMchnppi' ist lang dreieckig, reicht hoch hinauf und ist in leiden Iianptrich- 
tungen »ehr stark gewölbt; der änseere Hinterhauptshückor verschwindend klein. 

In der unteren Ansicht, welche die Umrisse eines langen Ovals zeigt, springt das parabolisch gewölbte 
Hinterhaupt weit vor; der Basaltheil des Hinterhauptbeines ist kurz und breit, unter einem »ehr stumpfen 
Winkel mit dem Keilbeinkörper verwachsen. 

Das Gesicht ist, wie erwähnt, klein, aber breit; die Augenhöhlen länglich viereckig, sehr niedrig, ihr 
oberer Band fast wagrecht gelegen; die Nasenwurzel massig breit, die Nasenheine kurz, breit, stossen am 
Rücken unter einem stumpfen Winkel zusammen und sind im unteren Theile stark gekrümmt; die Nasen- 
Öffnung sehr breit nnd gross. Der Gaumen klein uud breit ; alle Zähne ausgebildet und an ihren Kronen- 
höckcrn leicht ahgeflacht, so dass sich das Alter der Eigentliumerin dieses Schädels auf einige HO Jahre anneh- 
men lässt; daas er weiblichen Geschlechtes, lässt einmal die Kleinheit des ganzen Schädels, ferner die niedrige, 
aber stark gewölbte Stirn und endlich das kleine Gesicht neben dem zarteren Knocbcnbaue überhaupt 
erkennen. 



Fig. 5ti. 




Schallen IV, A. 



Fig. 57. 




Schallen IV, B. 



Fig. 58. 




Schallau IV, C. 



Zur Vergleichung mögen hier noch die Hauptansichten des deutschen und czochischen 
Schädels beigefügt werden : Hie obere Ansicht des deutschen Schädels ist weit überwie- 
gend lang oval, nach vom stark verschmälert, nach rückwärts an Breite zunehmend und 
ungefähr in der Mitte am breitesten; die Schläfen sind massig gewölbt, das Hinterhaupt her- 
austretend; in der Seitenansicht ist er lang und niedrig, das Hinterhauptsbein vorgewölbt, 
sein Beceplaculum nahezu wagrecht liegend; die Hinterhauptsansicht vorwaltend fünfeckig 
mit abgerundeten Winkeln und oben etwas breiter als unten ; die Scheitelwölbung ist stark, 
die der Schläfenseiten dagegen flach; die Hinterhauptsschuppe niedrig, breit dreieckig, stark 
vorgebaucht, ihr Interparietaltheil mit dem Beceplaculum an der oberen Muskelleiste winkel- 
ähnlich verbunden; der äussere Hinterhauptshöcker stark ausgebildet. In der Grundansicht 
zeigt das vorstehende Hinterhaupt eine parabolische Krümmung. 

Der brachycephale Czechenschädel ist in der Seheitelansicht breitoval bis rundlich, 
an den Schläfen sehr stark gewölbt, am Hinterhaupte aber breit und flach abgerundet; 
seine Seitenansicht ist länglich oval, niedrig, und das Hinterhaupt auch hier abgeflacht, so 
dass die Scheitelwölbung im hinteren Theile jähe zum Hinterhauptsbeine abfallt; in der 
Hinterhauptsansicht ist er breit, niedrig, rundlich fünfeckig und oben ansehnlich breiter, als 
unten, zwischen den Scheitelhöckem flach, seitlich aber deutlich gewölbt Ln der unteren, 
breitovalen bis rundlichen Ansicht ist das Hinterhaupt ebenfalls flach gewölbt und kurz. 

Vergleichen wir nun diese Schädel nach ihren in der beigegebenen Tabelle verzeiehuetea 
Maassen mit einander, so sehen wir folgendes; 



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Vier Schädel aus alten Grabstätten in Böhmen. 



293 



Vergleichung der Schädel. 

A. Schädeltheil. 

I. M a a s s e im Ganzen. 

1. Der horizontale Umfang int bei allen bedeutend; derselbe übertrifft mit Ausnahme des Schädels 
von Saaz sowohl den Umfang des Schädels der jetzigen Deutschen Oesterreichs (52,1 Centim.), als auch den 
der Czechen (51,9 Centim.) 1 )* Nach Ecker 1 * Messungen beträgt dieses Maas» bei 20 Mannorsch&deln im Mit- 
tel 52,8 Centim., bei 14 seiner Weiberschädel 51,5 Centim.; nach Ui» beim Sioutypus für 16 Männerschädel 
53,5 Centim., für II Weiberschädel 52,8 Centim. nnd heim Hohbergtypus für 10 Männerschädel im Mittel 
62,8 Centim. und für 3 Weibenchädel 52,3 Centim. — Fried er ich misst an 7 .Schädeln von Minsleben*) 
diesen Umfang bei 5 Männern von 5t) bis 54,5 Centim., bei 2 Weibern von 49,5 bis 52 Centim. Wäre es 
statthaft, dio drei MänuerBchädol zur Berechnung eines Mittelwerthcs zusatnmenzunehmeu , so käme der mitt- 
lere horizontale Schädelumfang auf 52,4 Centim. und damit dem der Ecke raschen und der Hohbergschädel 
von Hi* am nächsten. 

Der „Gelten schade!“ von Hnllstadt in Oberösterreich im Wiener Museum hat nach eigener Messung 
einen Horizontalumfang von 51,4 Centim., die beiden Schädel aus Römergrübcrn von Haimburg und Petronell 
in Niederste rreioh von je 53,1 und 50 Centim. 

2. Lange. Die mit einfachem Ta«terzirkel zwischen Stirnglatze und vorragendstem Punkte des Hinter- 
hauptes genommene Länge der drei männlichen Gräberschädel von Melnik und Saaz übertrifft, jeder für sich 
die mittlere Länge der jetzigen Deutschen um eine beträchtliche Zahl, noch mehr aber die der bracbycephalen 
Czechen. 

Da das Längeumaass der männlichen Grüberscfaädel bei Ecker, dessen Mct*ui)gsart dieselben Durch- 
messer wie der Tasterzirkcl liefert, 18,9 Centim., der Rcihengriiberschädel allein 19,1 Centim. betragt, bo kom- 
men die drei obigen Schädel denselben ziemlich nahu. Der in Bezug auf die Grösse der Umfaiigslinie unse- 
ren Schädeln am meisten gleichende Hohbergtypus weist für 10 Männerschädel im Mittel eine Länge von 
19,29 Centim. und für 3 Weiberschädel eine solche von 18,9 Centim., daher eine grössere, absolute Länge auf, 
wogegen der Siontypus die Schädellänge von 19 (19 Männer) und 18,49 Centim. (11 Weiber), eine den obigen 
ähnlichere besitzt. In Friederich’s Beschreibung von Schädeln aus Gräbern bei Minsleben sind leider weder 
eine Länge noch grösste Breite und mit den der übrigen nicht vergleichbare Höhen angegeben. 

Der Hallstädter Schade) hat die dem Saazer ganz gleiche Länge von 18,2, der Ilaimbnrger von 18,6 
und der von Petronell die geringe Länge von 17,1 Centim., welche nicht einmal jene des Weibertch&dels von 
Schallau erreicht, während der andere römische Gräberschädel hierin dem Melniker Nr. I. entspricht. 

3. Breite. Betrachten wir die Breite, — gemessen mit dem Tasterzirkel, wo eben die Schädel am 
breitesten sind, — so finden wir, dass nur einer (Melnik I.) das Maas* der jetzigen Bewohner derselben Gegen- 
den erreicht, alle anderen stehen diesem Matisse der heutigen Deutschen (14 Centim.) und noch weit mehr 
dem der Czechen (14,8) mich. 

Bei Ecker findet sich für seine (20) Männerschädel die Breite mit 14 Centim., für seine (14) Weiher- 
schädel mit 13,8 Centim., für seine Reihengräbenchädel allein mit 13,6 Centim., — bei nis für die Männer 
und Weiber des Hohbergtypus mit 13,5 Centim. und fhr den Siontypus mit 14,6 (Männer) nnd 14,3 Centim. 
(Weiber) angegeben. Daraus geht hervor, dass die vier ßräberschädel aus Böhmen sowie auch die drei aus 
Oesterreich an absoluter Breite dem Holibergtypaa vielmehr gleichen, uls dem Siontypus und den Ecker'schen 
Schädeln, besonders jenen ans den Reihengrübom noch viel näher als dem letzteren kommen. 

4. Längpnhreitenindex. Das Verhältnis* dieser beiden Durchmesser, der Länge und Breite zu- 
einander, welches den kürzesten Ausdruck für die Schädclform giebt, lässt erkennen, dass der Schädelindex 
aller dieser Schädel viel kleiner als bei allen jetzt iu Oesterreich lobenden Volktttämmen ist, von welchen die 
Deutschen den Index von HU (wenn die Länge =r 100U), die Czechen von 836 und nur die Zigeuner den 
ihnen sich annähernden Werth von 769 besitzen. Demgemäss sind die beschriebenen Gräberschädel viel aus- 
gesprochener dntichocepha! als die Denischon in Oesterreich und selbst noch mehr als die unbestritten lang- 
köpfigen Zigeuner; seihst die Schädel der Hindu weisen einen grösseren Index (im Mittel aus 7 = 760) als 
das Mittel der drei Männerschädel aus Böhmen (715) betragt, auf, wie auch der Index hei drei Negern aus 
Senaar, Dar für und Fazogl (731) und bei sechs ägyptischen Mumienschädeln (788) grösser ist, wogegen jener 
von drei Abewinierschfideln (sämmtlich aus dem Wiener Cniversitätsmuaeum), nämlich 710, dem obigen am 
nächsten steht. 



Nach eigenen Messungen am angeführten Orte. — *) Friederieh, Crania germanica Hartagowentia. 
Nordhausen 1865. I. Heft mit 22 Tafeln. 



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294 



Vier Schiidel aus alten Grabstätten in Böhmen. 



Da Ecker’* Messungen für die Männcrschädel aus »üd westdeutschen Gräbern einen Breitenindex von 
740, fiir die Weiberschadei von 745, für die Rcihengräljcrschädel allein aber blott von 713; — - jene von His, 
dessen Lange nmaaaa freilich nicht ganz mit dem hier angewendeten in Uebereinstiinmung ist, für den Hohberg- 
typus 703 (Männer) und 717 (Weiber), ferner für den Siontypus 706 (Männer) und 774 (Weiber) berechnen 
lassen, so wird es offenbar, dass die dolichocephale Form dieser vier Schädel jener tler Reihengräber- und 
Hohbergschftde) am meisten ähnelt, bei welchen enteren selbst die so extreme, unter den Index von 700 sin- 
kende Dolichocephali© de» Melniker Nr. II. zwei nicht »ynostntische Vertreter findet. 

5. Höhe. Die Höhe — mit Tasterzirkel von der Mitte des vorderen Randes de» grossen Hinter- 
hauptsloches bi» an den höchsten Punkt der Pfeilnaht — erreicht bei den drei Schädeln, wo sie gemessen 
werden konnte, 13,3 (Saaz) und 13,4 Centim. (Melnik I. und Schallan); die des II. Melniker’* aber ist den vorher» 
gehenden weit überlegen und dürfte annähernd 142 Centim. ausmachen; sie ist etwas grösser als die Mittel- 
zahl diese« M nasses bei den Deutschen (13,3 Centim.) und Czocbcn (13,2 Centim.) und bei jedem einzelnen, 
ausser dem Melniker Nr. I. auch größer als die Breite de« Schädels, während gerade umgekehrt die Breite 
sowohl bei den deutschen als csecbischen Schädeln der Höhe bedeutend überlegen ist. 

Die Höhe der beiden Schädel aus Römergräbern von Haimburg (12,7 Centim.) und Petronell (12,6 Cen- 
tim.) ist viel kleiner als die der Gräberschädel aus Böhmen, die des Hallstädter konnte wegen Mangelhaftig- 
keit der .Schädelbasis auf diese Art nicht gemessen werden. 

Iin Verhältnisse zur Länge (diese = 1000) ist die Höhe dieser Schädel kleiner als durchschnittlich hei 
den Deutschen (738) und Czeehen (745). — Vergleicht man aber die Breite (= 1000) und Höbe mit einan- 
der, so zeigen sich V erfaäRoissxahlen, wie sie sich jetzt bei keinem der österreichischen Völker wiederfinden, 
welche in dieser Beziehung innerhalb der Grenzen von 891 (bei den Czeehen) und höchstens 962 (bei den Ru- 
thenen) sieh bewegen; auch bei den zwei Schädeln aus Römergräbem erreicht der Breitenhühcnindex die 
ansehnlichen Zahlen von 940 und 947, die aber noch weit hinter den obigen Zurückbleiben. 

Wahrend also diese Gräberschädel aus Böhmen im Verhältnisse zu ihrer so bedeutenden Länge niedrig 
erscheinen, erweisen sie sich im Verhältnisse zu ihrer geringen Breite als sehr hoch und zwar durchaus viel 
höher, als bei den Deutschen und Czeehen und lassen selbst die zwei Römerschädel in dieser Beziehung weit 
hinter sich zurück. 

Zur Vergleichung mit den einschlägigen Artaiten wurde die Höhe dieser vier Schädel auch nach Ecker 
und Hi s und zwar nach ers te r « m als sogenannte „ganze“ und „aufrechte Höhe“ gemessen; das Mittel der 
drei Schädel beziffert sich auf 14,1 Centim. aufrechter Höhe, die genau jener der Ecker’achen und der 
Uolibergschädel entspricht, alter etwas geringer als die der Siouschädel (14,2 Centim.) ist. Nach dem Längen* 
höhenindex (aufrechte Hohe) stehen sie (Mittel der 3 =r 758) den Ecker’ sehen (762) und den Roihengräber- 
schädeln (740), von II is’ Schädeln dem Siontypus (747) viel näher als dem Hohbergtypus (731), welchem sie 
aber wieder nach dem Breiten höhenindex (1060 das Mittel der 3), sowie den Ecker’ sehen Schädeln (1007, 
Ilohbergtypus 1039) am nächsten stehen, wogegen sic den Siontypus (977) weit übertreffen. 

Nach dem Biaherigen ist also festgestellt, dass die vier Gräberschädel aus 
Böhmen vor den heutigen Deutschen und Czeehen durch grosse Länge, geringe 
Breite und bedeutende Höhe, durch fast extreme Dolichoeeplialie ausgezeichnet 
sind und in dieser Beziehung den Schädeln von Ecker, besonders dessen Reihen* 
gräberschädeln und dem Hohbergtypus von His vollkommen gleichen. 

6. Der Längenumfattg von der Nasenwurzel in der Richtung der Pfeilnaht bis an die Mitte des 
hinteren Randes des grossen Hinterhaupt* loche» l>etragt im Mittel 37,2 Centim., mit welcher Zahl er grösser 
als bei allen Völkern in Oesterreich und dem der südweetdeutecheu Gräberschädel (37,9 Centim.) am ähnlich- 
sten ist Sowohl der Sion- (38^S Centim. für die Männer) als auch der Hohbergtypu» (38y5 Centim. für die 
Männer) haben einen längeren „Sclieitelhogen“. 

Cm die Längs Wölbung des ganzen Schädeldaches durch Zahlen ausdrücken zu können, wurde der 
vorstehende Bogen bloss bis an den äusseren Hinterhauptehücker um) als Sehne der Abstand der Mitte der 
Nasenwurzel (Vereinigung der Nasen- mit dem Stirnbeine) von jenem genommen. Do« Verhältnis* der Sehne 
(= 1) zu ihrem Bogen veranschaulicht nun die Stärke der Krümmung des letzteren, die für da* ganze Schädel- 
dach in »agittaler Richtung im Vergleiche zu den Schädeln der heutigen Deutschen, welche eine taings- 
wölbung nach dem Verhältnisse von 1 : 1,832 besitzen, bei allen den beschriebenen Schädeln eine viel flachere 
ist und welche auch, jener der Czeehen (1,799, beide Mittel aus 30 Fällen) gegenübergehalten als geringer, 
nur am Melniker Nr. 11. grösser sich herausstellt, in ihrem Mittel aber (1,780) der Längswölbung des cze- 
chisehen Schädels näher als der des deutschen stehen und von allen heut’ zu Tage Oesterreich bewohnenden 
Völkern an Stärke übertroffen wird. 

7. Die Breite der Schädelbasis, zwischen den Jochleisten oberhalb der tasseren Gehörlöcber, ist bei dem 
weiblichen Sehädel von Schallan (11,9 Centim-) am geringsten, am grössten beim Melniker Nr. I. (13 Centim.) und 
beträgt im Mittel für die drei Münner*chä' , el aus Böhmen 12,7 Centim. Die obigen drei Männerschädel sind 



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Vier Schädel aus alten Grabstätten in Böhmen. 



295 



also an der Basis (absolut) etwa* breiter als die der Deutschen (12,6 Centim.), dagegen wieder etwas schmäler 
als die der Csechen (12,8 Centim.); alle drei Gräberschädel aub Oesterreich (Erzherzogthum) sind dagegen an 
der Basis beträchtlich schmäler. Relativ zur grössten Breite sind diese Schädel an der Basis viel breiter als 
bei sämmtlichen österreichischen Völkern; denn sowohl im Einzelnen — dieses Verhältnis* (die Breite = 100») 
besitzt nämlich beim Melniker IT. die Zahl 966, beim Saazer 954, Meluiker I. 928, Schallaner 868, beim Haim- 
bnrger 918, bei dem von Petronell 894 und dem Hallstädter 882 — als auch im Mittel (die drei Männer- 
schädcl hur Böhmen 954, die beiden Römer 903) ist diese Verhältnisszahl der Schädelbasisbreite bedeutend 
grösser als z. B. bei den Deutschen (863) und ('zechen (861), woraus sich also ergiebt, dass die*e Schädel gegen 
die Basis hin viel weniger verschmälert sind , als die der heutigen Bewohner von Böhmen , wie auch schon 
die Hinterhauptsansicht dargethan hat. Sowie an den Schädeln der deutschen Weiher die Basis im Verhält- 
nisse zur Schädclhreite eine bedeutend geringere (825) als bei den Männern ist, die weiblichen Schädel daher 
gegen die Basis hin eine sehr beträchtliche Verschmälerung zeigen, besitzt auch der Weibcrschädel von Schal*, 
lan (888) eine relativ viel schmalere Born* als die Männerschädel. Nach den von Ecker für seine Reihen- 
gräberschädel und von Hi« für seinen Hohbergtypus aufgestellten Charakteristiken der Hinterhanptaausichten 
stimmen diese mit den Gräberschädel n aus Böhmen in der relativ grossen Breite der Schädelbasis überein. 

8. Der Querumfang ist kürzer als jener der Deutschen (30,9 Centim.) und Czechen (31,4 Centim.), 
von welchen er sich aber den ersteren mehr annähert. Das Verhältnis«» der Schädelbasisbreite zu diesem Bogen 
drückt die Querkrümmung des Schädel» auR, welche sich als eine stärkere am Schädel von Schallan (1 : 2,54t») 
und dem zweiten von Mclnik (2,507), hinter welchen die drei aus Oesterreich folgen (Petronell 2,504, Haim- 
bnrg 2,451 und Hallstadt 2,433) und als eine bedeutend schwächere um Schädel I. von Molnik (2,369) und von 
Satz (2,362) herau98tellt. Für die drei Männerschädel aus Böhmen resultirt nach diesem Verhältnisse eine 
geringere Querwülinmg (2,425) als heut’ zu Tage die Deutschen (2,457) und Czecben (2,444) aufweisen. Sowie 
also diese Schädel in der sagittalen, so haben sie auch in der queren Richtung flachere Wölbungen als die 
der Deutschen nnd Czecben. Leider lassen sich aus den Messungen Ecker’*, His’ und Friederieh’s keine 
Schlüsse über die eben besprochenen Krümmungsverhällnissc ableiten. 



II. Maasse im Einzelnen. 

A. Vorderhaupt. Die Länge des Vorderhauptes sowie der Bogen zu dieser Sehne, der 
sagittale Stirnbogen ist bei den vier Schädeln aus Böhmen länger als bei den österreichischen. Während also 
im Vergleiche mit don jetzigen Einwohnern Böhmens das Vorderhaupt dieser Gräberschadel durchschnittlich 
ebenso lang wie bei den Deutschen (11,2 Centim.), jedoch etwas kürzer als bei den Czechen (11,3 Centim.) ist, 
ergiebt sich iin Gegentheilc für die ersteren eine Länge des Stirnbogens, welche die des deutschen (12,7 Cen- 
tim.) um! czcchischen Schädels (12,8 Centim.) in jedem einzelnen Falle übertrifft. In beiden Maassen bleiben 
die zwei Römer- und der „Celtenschädel“ weit hinter dienen zurück. 

Die 1 .<änge des sagittalen Stirnbogen» giebt Ecker mit 12,7 Centim., His für den Hohbergtypus mit 
12,9, für den Siontypus mit 13,2 Centim. und Fried erich mit 12,5 Centim. (Mittel aus fünf Männerschädeln) 
an, so das» unsere Männerschädel auch hierin den» Hohbergtypus am nächsten stehen 

Die Krümmung des Stirnbeines in der sagittalen Richtung gestaltet sich nun nach dem gegen- 
seitigen Verhältnisse der zwei genannten Naasse derart, das* jenes des Saazer Schädels (1,181) die bei weitem 
stärkste, eine nur wenig geringere daB des Melniker 1. (1,178), eine schwächere jenes de9 Schädels von Schal- 
lan (1,162) und das Stirnbein des Melniker» 11. (1,120) die schwächste sagittale Wölbung zeigt. Die drei Gräber- 
schädel aus Oesterreich stehen in dieser Beziehung zwischen dem von Schallan und dem Melniker II. (Petro- 
nell 1,142, Haimburg 1,119 und Hallstadt 1,006). Die au» den erstereu drei Männcrschüdeln berechnete mitt- 
lere (sagittale Wölbung des Stirnbeins (1,160) ist, wie auch bei dem Saazer und Melniker I. für sich allein, viel 
beträchtlicher als bei den Deutschen (1,133) und Czechen (1,132) und überhaupt stärker als bei den meisten 
österreichischen Völkern, die Slowenen (1,162) ausgenommen; freilich ist sie am II. Melniker Schädel viel gerin- 
ger als bei den anderen. 

Die Breite des Vorderhauptes (zwischen den Vereinigungspunkten der Kranz- und grossen Keil- 
flügelnaht) ist nur am Meluiker I. (11 Centim.) und Schallaner Schädel (9,8 Centim.) messbar, wesswogen bloss 
bemerkt werden kann, dass diese» Maa*s am ersteren viel kleiner als bei den Deutachen und Czechen (11.5 Cen- 
tim.) und am letzten ebenso viel geringer als bei den deutschen Weibern (10,9 Centim.) ist. Der horizon- 
tale Stirn- oder Vorderhauptsbogen zwischen denselben Punkten, schwankt an den drei Mannerschadeln 
nur »ehr wenig, und ist gleich wie seine Sehne sowohl bei den Deutschen (16,5 Centim.) und Czechen (15, 8 
Centim.), als auch bezüglich ücb obigen Weibcrschädel» kürzer, als bei den deutschen Weibern (15,3 Centim.). 
Die daraus berechnete horizontale Wölbung de» Stirnbeines besitzt fiir den Melniker I. den Ausdruck 
1,454, für (len Schallaner 1,551, für di© drei österreichischen von 1,549 (Petronell), 1,408 (Haimburg) und 1,394 
(Ballstädt, von welchen also dio zwei ersteren ein sowie in der sagittalen auch in der horizontalen Richtung 
stärker gekrümmtes Vorderhaupt aufweisen, als die Czechen (1,428), deutschen Männer (1,419) und Weiber (1,39t*). 

Nehmen wir die Breite der Stirn nach Ecker und His, so würde sich für dieselbe kleinste 



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Vier Schildei aus alten Grabstätten in Böhmen. 



Stirnbreite de» ersteren) ein den Ecker* sehen (9.7 Centim.) und liohhergsehädeln überhaupt (9,5 Centim.) 
«ehr ähnliche» Mittel (9,6 Centim.) geben. Die grösste Stirnbreite nach Ecker beträgt an» Melniker I. 
11,9 und um Schädel von Schallan 11,3 Centim. — Die Stirn breite nach der eigenen Methode zwischen den 
vordersten Theilen der Schläfengruhe mit Ta»terzirkel gemessen konnte wegen Mangelhaftigkeit der Schädel 
nur an einigen derselben genommen werden. — Im Verhältnisse zur grössten Breite (= 1000) ist da» Vorder- 
haupt und die Stirn des Schädels Nr. 1. von Melnik (686 und 800) breiter al* lnsi den Deutschen (671 und 
767) und Czechen (048 und 783), die Stirn jenes von Schallan breiter (687), sein Vorderhaupt im Ganzen aber 
»chmiUer (748) al» bei den deutschen Weilicrn (650 und 776). 

Der Abstand zwischen den beiden Stiruhöckern, welcher an den Schädeln der drei Männer im 
Mittel 6,4 Centim. misst, ist sowohl in den einzelnen Fällen als auch im Mittel grösser, als hei den Deutschen, 
Czechen (5,7 Centim.) und deutschen Weibern (5,4 Centim.) und bei allen anderen österreichischen Völkern. 
Bei den drei Schädeln ans Oesterreich ist er durchaus kleiner, als bei den obigen. Nach der Länge des 
dazwischen gelegenen Bogens — der diese Bogenlänge an den Schädeln der jetzt lebenden Völker in 
Oesterreich durchaus ühertrifft — ist die Stirn zwischen den Höckern an diesen Schädeln sehr verschieden 
stark gekrümmt, am weiblichen Schädel von Schalkin (1,052) am stärksten, an dem von Melnik I. (1,044) etwas 
schwächer, noch weniger an dem von Saaz (1,031) und am flachsten an dem von Melnik 11. (1,015). Aehn- 
licher Weise zeigen die Schädel von Hallstadt (1,052), Haiinburg (1,0-18) und Petronell (1,018) sehr verschiedene 
Krümmungsstärken zwischen den Stirnköckem. % 

Die Höhe des Vorderhauptes — mit Tasterzirkcl zwischen der Mitte des vorderen Rande» des 
grossen HinterhauptslocheB und dem Berührungspunkte der Kranz- und Pfeilnaht — ist im Verhältnisse zur 
Höhe des Schädel» überhaupt (.= 1000) heim Schädel I. von Melnik und Schallan, sowie von Haimlmrg (992) 
uin höchsten, an dein von Saaz (977) und Petronell (976) viel niedriger und zwar an den erstoren höher al« 
bei den Czechen und Deutschen (984), au den letzteren niedriger. 

B. Mittelhaupt. 1. Die Länge des Mittelhauptes, die Sehne zwischen den Endpunkten 
der Pfeil naht ist in allen, mit Ausnahme des Schädel* II. von Melnik, kleiner al» die de* Vorderhauptes, 
wie auch in ihrem aus den drei Männerschädeln berechneten Mittel (11,1 Contiui.); am Hallstädter und noch 
mehr am Huitnhurger Schädel ist sic aber bedeutend länger. Den jetzigen Einwohnern Böhmens gegenüber- 
gehalten zeigt sich, dass )*ei diesen Graberwehädeln das Mittelhaupt kürzer als bei den Deutschen (11,2 Cen- 
tim.), aber länger als bei den Czechen (10,8 Centim.) ist. 

Der lagittale M ittel hauptsbogen (Länge der Pfeilnaht nach 11 is, Scheitclbngen nach Ecker) 
beträgt ini Mittel für die drei Männerschädel 12,4 Centim., liegt also zwischen jener des deutschen (12,7 Cen- 
tim.) und czechischen Schädel* (12,2 Centim.), in den einzelnen Fällen aber, den II. von Melnik ausgenommen, 
hinter beiden. Die 20 Miinnerschädel von Ecker besitzen einen Scheitelbogen von 12,8 Centim., die de» 
Hohbergtypus von 13,1 Centim. und des Siontypu* von 12,3 Centim., wonach hierin uusere Schädel dem letz- 
teren am nächsten ständen. 

Die lur die einzelnen Schädel entfallende sagittale Scheitel Wölbung ist unter jenen au» Böhmen 
im Vergleiche zur sagittalen Scboitclwölhung des deutschen (1,133) und czechischen Schädels (1,132) mit Aus- 
nahme de» Saazer bei allen anderen und ebenso auch im Durchschnitte (1,117) viel flacher. Der Celtcnechädel 
aus Ilullstadt besitzt dagegen eine viel stärkere (1,149) als alle vorigen, der Komerschädel von Hftimburg 
(1,114) eine ähnliche al» der Melniker II. 

Die der Kürze hullter sogenannte Ohrenbreite des Schädel» zwischen den Vereinigungswinkeln der 
Nullt der Schläfenschuppc und de* Warzefit heil» ist hei allen, wie die Brcitemlurchmosser überhaupt, an und 
lur sich »ehr gering, und betrugt im Mittel blo*» 12.6 Centim. und steht somit sowie der Schädel von Ilullstadt 
(13,2 Centim.) und Petronell (1*2,7 Centim.) dem der Deutschen (13,6 Centim.), noch mehr dem der Czechen 
(13,7 Centim.) um ein Beträchtliches nach. Im Verhältnisse zur grössten Breite des Schädels (=r 1000) zeigt 
sich aber umgekehrt, da»» alle diese Schädel sowohl im Mittel (947), al» auch jeder einzeln, besonder» aber 
der von Schallan (977) nnd Ilallstadt (970) an dieser Stelle relativ viel breiter sind al« die deutschen (924) 
und czechischen (9251, dir seihst hinter dem relativ schmälsten von Saaz (935) noch Zurückbleiben. 

Diesem Maasse entspricht am meisten die Breite des Hinterhaupt eg nach Ecker und Hi»; diese! misst 
nach erstcrom im Mittel für die drei böhmischen 13,2 Centim., welche Zahl etwas grösser ist als die Ilinter- 
hauptsbreito der Männerschudol von Ecker (12,8 Centim.), der llohlierg- (12,5 Centim.) und Sionschädel 
(12,9 Centim.), die auch jeder einzelne ühertrifft. 

Die Breite der Scheitelbeine (zwischen der Mitte der Schläfunschuppen- und der Pfeilnaht i beträgt 
im Mittel für die drei Mänuerschädel aus Böhme» 9,7 Centim.; halten wir ihnen dieselben Maas»« des 
deutschen Männer- (10.4 Centim.), Weiber* (10,2 Centim.) und des Czeehcnschädcls (10,6 Centim.) entgegen, so 
giebt »ich unzweifelhaft zu erkenneu, da»« im Einklänge mit der so geringen Breite de* Schädels auch die 
Scheitelbeine bei allen viel schmaler als an den Schädeln der jetzigen Bevölkerung sind; von österreichischen 
Völkern kommen ihnen noch die Zigeuner <9,9 Centim.) an» nächsten. Die zwei Schädel aus Römergrähern 
sind neben dem von Saaz durch die schmälsten Scheitelbeine ausgezeichnet, während jene der übrigen unter 
einander fast glcichbrcit sind. 

Der quere Scheitel beinbogen zwischen denselben Punkten schwankt in seiner Länge zwischen 



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Vier Schädel aus alten Grabstätten in Böhmen. 



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11,9 Centim.